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MUSIKINDUSTRIE QUO VADIS? - DER BEGINN DES DIGITALEN ZEITALTERS




Foto: Logo ITunes

Eigentlich beginnt die Geschichte vom langsamen Tod der Musikindustrie nicht im Jahr 2000, sondern schon 1995. Während Mitte der neunziger Jahre die Plattenfirmen so viel Geld wie nie zuvor verdienten und dieses entsprechend zügellos wieder verprassten, einigten sich die Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts endgültig auf den Namen einer Erfindung, die der Musikindustrie noch so viel Kummer bereiten sollte. Die MP3 war geboren.

Der Siegeszug digitalisierter Musik war spätestens dann nicht mehr aufzuhalten, als erst Napster Musik zum kostenlosen, im Überfluss vorhandenen Kulturgut degradierte (anno 1999) und wenig später der IPod von Apple portable MP3-Abspielgeräte zum Hipster-Statussymbol schlechthin machte (anno 2001). Auf Napster reagierte die Industrie wie schon Jahre zuvor auf die Einführung der analogen Musikkassetten. Erst mit Ignoranz, kurze Zeit später mit Gejammer und schließlich mit Panik. Die vier verbliebenen Major Labels (namentlich Universal, Sony BMG, Warner und EMI), schwangen die juristische Keule, um sich die unliebsame Konkurrenz vom Leib zu halten. Schließlich vergingen drei lange Jahre des Windmühlenkampfes, bis Napster, vom Bertelsmann-Konzern herunter gewirtschaftet beim Versuch, es in eine kostenpflichtige Variante umzuwandeln, Insolvenz anmelden musste. Die Konsumenten waren da längst weiter gezogen zu den vielen Napster-Kopien, die bald wie Pilze aus dem Boden schossen.

Für die Musikindustrie rächte sich nun die jahrelange Schockstarre, in der sie innovationslos die ersten Jahre der digitalen Revolution verlebt hatte. Statt neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, wurde einzig und allein in die Rechtsabteilungen der Konzerne investiert. Das althergebrachte Geschäftsmodell „Tonträger absetzen“ sollte ins neue Jahrtausend gerettet werden. Erst sehr langsam und zaghaft konnte man sich mit den neuen Möglichkeiten der digitalisierten Welt anfreunden. Ja, es gibt tatsächlich Konsumenten, die nicht ein ganzes Album, sondern lediglich einen einzigen Song erwerben möchten, mussten sie da lernen. Und, dass vielen Endabnehmern dabei die Verpackung und das Tonträgerformat völlig egal sind. Bezeichnenderweise waren es nicht die Plattenfirmen, die das erste erfolgreiche und vor allem legale Musik-Downloadportal in die Welt setzten. Natürlich hatte der kalifornische Computerhersteller Apple wieder die Nase vorne, als 2003 der Itunes-Shop eröffnet wurde. Für die darbende Industrie war Itunes dennoch ein Glücksfall. Nachdem sie selbst nicht im Stande, waren, den Online-Markt zu erobern, nahm Apple ihnen diese Arbeit ab. Musik-Downloads waren fortan nicht mehr generell etwas Kriminelles, sondern einfach ein neuer Absatzmarkt für Musik. Aber die Krise war noch lange nicht ausgestanden.

Die Jahre vergingen, mit den Absatzzahlen der Musikkonzerne ging es stetig bergab und alle Versuche, das Geschäft mit den (legalen) MP3-Downloads irgendwie gegen Missbrauch zu schützen (Stichwort Digital Rights Management, DRM), gingen nach hinten los. Erst im Jahr 2009 kam man schließlich überein, Musikstücke im Onlinegeschäft generell ohne Kopierschutz anzubieten. Auch wenn das Geschäft mit den Downloadportalen (Itunes fand schnell Nachahmer wie zum Beispiel Musicload oder zuletzt Amazon) sich langsam entwickelte, blieb immer noch das Problem mit den illegalen ‚Filesharern‘. Noch heute wird deshalb über Änderungen im Urheberrecht und Internetsperren für Filesharer gestritten. Ein Musterprozess jagt den anderen, mal gewinnt die Industrie, dann wieder der vermeintliche Musik-Dieb. Ein Ende ist nicht in Sicht, und genutzt hat der Zwist in erster Linie einer neuen Industrie von sogenannten „Abmahn-Anwälten“, die den kleinsten Fischen im Auftrag der Musikindustrie einstweilige Verfügungen mit satten Strafgeldern zusenden.

Die Musikindustrie leidet nach wie vor sehr darunter, dass es so leicht ist, illegal an Musik zu kommen, gar keine Frage. Aber das andauernde Selbstmitleid und Gejammer der Verantwortlichen ist dennoch kaum auszuhalten. Eingebrockt haben sich die Konzerne das alles selbst, weil sie über Jahre hinweg den Fortschritt ignoriert haben. „Die Musikindustrie wäre heute in einem besseren Zustand, wenn sie mit Napster zusammengearbeitet hätte, anstatt es zu bekämpfen“. Dieser Satz stammt nicht etwa von einem Blogger, sondern von Geoff Taylor, dem Leiter der britischen BPI (British Recorded Music Industry). Eine späte Einsicht, die zehn Jahre zu spät kommt. So werden uns die Urheberrechtsstreitigkeiten noch ein paar Jahre beschäftigen, mindestens bis 2013. Dann, so prophezeit die GfK im Auftrag des Bundesverbandes der Musikindustrie, wird der Markt endlich wieder wachsen. In der genannten Studie sind jedoch ausdrücklich Streaming-Angebote wie das schwedische „Spotify“ als Zukunftsmodell genannt. Doch eben jene Streaming-Angebote werden von der Musikindustrie noch sehr kritisch beäugt. Es bleibt also spannend.


Text: Andreas Kussinger

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Letzte Aktualisierung: 12.02.2010
 
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