Der Godfather of Britpop,
der ewige Mod, der "Ober-Killer-Style-Pachter" und wenn nicht sogar der
beste und brillanteste Musiker Großbritanniens nach John Lennon ist 50
Jahre alt geworden und hält mit seinem neuen Album die britische
Fahnenstange weiter ganz nach oben. Was für ein Traum! Auf "22 Dreams"
darf man gleich 21 Mal träumen. Der letzte Traum steckt im Konzept. Ja
genau, Paul Wellers neue Platte ist ein Konzeptalbum geworden. Ein
Kaleidoskop aus 40 Jahren Musikgeschichte. Der "Changingman" macht
seinem Namen alle Ehre: Denn Weller hat nie Musik in Schubladen
gesteckt, sondern vielmehr hat er sie geschlossen. Dieses neunte
Studioalbum ist voller experimenteller und kunstvoll gestalteter
Klangfarben aus Rock, Funk, Soul, Free Jazz, Klassik, Spoken Word,
Electronica und Avantgarde. "22 Dreams" ist Kunst! Eine 70minütige Odyssee.
Reminiszenzen
gibt es viele und sie reichen, wie man es bei Weller kennt, von den
Beatles, den Kinks, den Small Faces über Mod-Soul und Folk bis zum
authentischen Modern Rock'n'Roll, der besonders auf "As Is Now"
so begeistern konnte. Doch was heute überrascht und überzeugt, ist die
Experimentierfreudigkeit. Mal typisch welleresk und manchmal auch ganz
anders als vermutet: So trifft mit "111" ein Stück Avantgarde auf den fast schon manieristischen Song "God",
der vom früheren Ian-Brown-Gitarristen Aziz Ibrahim gesprochen wird.
Ein wahres Statement. Wellers neue Platte ist durchdacht, wie keine
zuvor. Sie ist ein Soundspiegel seiner bisherigen Werke. Auf "22 Dreams" zitiert Weller sich selbst: So hätte "Empty Ring" auch auf "Wild Wood" erscheinen können und die erste der Doppel-A-Single "Have You Made Up Your Mind?" klingt wie ein Hybrid aus der "Stanley Road" und Motown. Ergänzt wird die Single durch den Killertrack "Echoes Round The Sun",
der den Höhepunkt des Albums liefert. Hier treffen
60er-Jahre-Psychedelia und 90er-Jahre-Britpop auf einen
"John-Barry-James-Bond-Score". Da verwundert es nicht, dass
Oasis-Mastermind Noel Gallagher und Gem Archer Gitarren und Ideen
beigesteuert haben. Auch die Liste der hochkarätigen Gastmusiker auf
diesem Album ist ein Traum. Neben Noel und Gem sind Graham Coxon bei
der Jazz-Ballade "Black River", Little Barrie beim Titelsong und Folkgitarrist John McCrusker beim Blues-Opener "Light Nights" vertreten. Die meisten Songs allerdings hat Weller zusammen mit Steve Cradock eingespielt und mit Simon Dine produziert.
Beweisen
muss Paul Weller sich nichts mehr. Erst 2006 wurde er für seine
"Outstanding Contribution to British Music" mit dem höchsten Preis der
britischen Musikindustrie ausgezeichnet. Doch damit nicht genug: Dieses
Mal wollte er etwas ganz Spezielles zaubern. Das ist ihm gelungen. "22 Dreams"
ist eine Soundreise durch 32 Jahre Wellerkunst. Ein sound- und auch
ein sujetorientiertes Konzeptalbum. Die 21 Songs erzählen musikalisch,
wie textlich die Erfahrungen eines Jahres im Wandel der Jahreszeiten.
Bewusst konzipierte der Modfather "22 Dreams" als musikalische Zeitreise in verschiedenste Welten und Stimmungen. Diese Platte hat mit "Light Nights" seinen Anfang und "Night Lights" sein psychedelisches Ende. Beide Songs bilden den Zyklus eines Jahres. Dazwischen steckt ein musikalischer Traum. Während "As Is Now" ein unerreichter "Live-im-Studio-eingespielt-Kracher" war, ist "22 Dreams"
ein echtes Kunstwerk, dass den Hörer herausfordert, sich intensiv mit
seinem kunstvollen Gehalt auseinanderzusetzen. Es ist das
Geburtstagsgeschenk eines großartigen Künstlers an sich selbst. Da kann
man nur gratulieren!