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Patrick Wolf ist ein
musikalischer Tausendsassa. Ein schillerndes Phänomen, das an die
glamourösen Zeiten eines Bowies der 70er erinnert. Im Rahmen seiner
Tour zu seinem aktuellen Longplayer "The Bachelor" beehrt der
wundersame Elektro-Folk-Meister auch das ausverkaufte Gleis 22 in
Münster. Bereits beim Betreten des Clubs ist klar, dass dies kein
gewöhnliches Konzert wird. Insbesondere die weiblichen Anwesenden haben
sich anlässlich des musikalischen Besuchs von Patrick Wolf in Schale
geworfen: Pailletten-Kleider und perfektes Make-Up stehen in Kontrast
zu Knicklichtern, fluoreszierenden Armreifen und romantisch
verflochtenen Haarbändern, die ein wenig an Shakespeares
Mittsommernachtstraum erinnern.
Nach einem psychedelischen
Ausflug in die schwedischen Dreampopwelten des Openers The Deer Tracks
betritt Patrick Wolf um kurz nach zehn die Bühne. Was die Haute Couture
betrifft hat sich der Londoner für seinen schwarz-weißen Overall in
Union-Jack-Optik entschieden, über dem er ein gestreiftes Sakko mit
breitem Federboa-Kragen trägt. Dazu passend ein Federgeschirr im Haar
und golden-glitzerndes Make-Up. Großer Respekt gilt an diesem Abend
nicht nur dem Maestro selbst, sondern auch seinem Schlagzeuger, der
trotz böser Rückenprobleme in der Schießbude platz genommen hat und das
Set dank ärztlicher Spritzenkunst solide über die Runden bringt.
Es
ist ein Abend der Gegensätze, die in der Instrumentierung beginnen und
bei der Bühneninszenierung enden. Patrick Wolf wechselt zwischen
Moodswinger und schwarzer Flying V, während sich im Hintergrund der
Bühne ein massiver Synthesizerblock erhebt, auf dem stolz ein Laptop
thront. Klassische Kammermusik vs. postmoderne Computersteuerung.
Extravaganz vs. Dezenz. Denn trotz seines außergewöhnlichen Outfits
zeigt sich Patrick Wolf doch die meiste Zeit des Abends über eher
zurückhaltend. Zwischenzeitig scheint der Mittzwanziger die ca. 300
Anwesenden beinah gänzlich zu vergessen, wenn er gedankenverloren
zwischen Piano und Mikrophonständer hin und her schreitet. Nur selten
gibt Patrick Wolf seine Haltung auf, wenn er in kurzen
Gefühlsausbrüchen den Mittelfinger in die Höhe reckt oder nach einem
Saitenriss seine Geige in die Ecke katapultiert. Dies sind die
emotionalen Momente einer perfekten Inszenierung, die der eines Maxwell
Demon aus "Velvet Goldmine" gleicht.
Fokussiert auf die Musik stürzt der androgyne Brite bei "Damaris"
in sich zusammen, um Sekunden später wie ein Phönix empor zu schnellen
und ein zwischen Bitterkeit und Erkenntnis schwankendes "I loved you"
ins Mikrophon zu hauchen.
Bei "Tristan" gerät auch das
Publikum in Bewegung. Wellenartig branden die Anwesenden gegen den
schienbeinhohen Vorbau der Bühne und verleiten Patrick Wolf dazu, den
Mikrophonständer einen halben Meter weiter nach hinten zu ziehen. Bei "The Battle"
erreicht die energetische Eigendynamik ihren Höhepunkt. Das hier ist
Wolfs Rekrutierung einer Generation aus Aschenputteln, die den
gläsernen Pantoffel gegen einen I-Pod eingetauscht hat; es ist seine
Revolution. Dem Künstler selbst scheint die Euphorie ein wenig
unbehaglich zu werden. Er bittet die Anwesenden, einen Schritt zurück
zu gehen, Platz zu schaffen; er möchte nicht, dass der Abend für einige
im Krankenhaus endet. So weit kommt es glücklicherweise auch nicht. Es
bleibt bei der miteifendern Zelebration von Tracks wie "The Sun Is Often Out", "Theseus", "Hard Times" oder "The Magic Position".
Die beiden Zugaben "Kriegsspiel" und "Vulture"
bestreitet Patrick Wolf in neuer Kleidung. Der Overall wird gegen ein
weißes Hemd mit Echtstrohhalmbesatz und knappe Pantys eingetauscht.
Nicht nur die Hüllen fallen an dieser Stelle, der Sänger legt auch
seine Zurückhaltung ab und wagt sich in energetischen Schritten bis an
den Bühnenrand vor, so dass einige weibliche Hände aus der ersten Reihe
für Sekundenbruchteile die Strohhalme seines Hemdes berühren können.
Patrick Wolf pariert mit einer gekonnten Drehung und vermeidet weitere
physische Kontakte durch Einhaltung eines gewissen Sicherheitsabstands
zum Publikum.
Bei seinem Abgang lässt der Londoner es sich
dennoch nicht nehmen, dem Münsteraner Publikum mit schlichtem "Ich
liebe dich!" seine Sympathie zu bekunden. Man glaubt ihm, dass er jeden
einzelnen Anwesenden liebt - solange die Distanz groß genug ist, nicht
den Strohhalmbesatz seines Hemdes zu ergreifen oder zu entdecken, wer
oder was sich hinter dem extravaganten Bühnenoutfit verbirgt. Die Frage
ist auch, ob man dies wirklich wollte. Schließlich würde man damit die
Magie des Ganzen zerstören. So bleibt Patrick Wolf einer der
faszinierenden Zauberer unserer musikalischen Zeit, der es schaffte,
Münster für anderthalb Stunden in eine knicklichtererleuchtete
Märchenwelt zu verwandeln.
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