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POPCONNECTION - Konzerte - Patrick Wolf - 29. September 2009, Gleis 22, Münster
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Patrick Wolf - 29.09.2009, Gleis 22, Muenster

PATRICK WOLF

29. September 2009, Gleis 22, Münster
Autor: Katja Embacher
Foto: Pressefoto

Patrick Wolf ist ein musikalischer Tausendsassa. Ein schillerndes Phänomen, das an die glamourösen Zeiten eines Bowies der 70er erinnert. Im Rahmen seiner Tour zu seinem aktuellen Longplayer "The Bachelor" beehrt der wundersame Elektro-Folk-Meister auch das ausverkaufte Gleis 22 in Münster. Bereits beim Betreten des Clubs ist klar, dass dies kein gewöhnliches Konzert wird. Insbesondere die weiblichen Anwesenden haben sich anlässlich des musikalischen Besuchs von Patrick Wolf in Schale geworfen: Pailletten-Kleider und perfektes Make-Up stehen in Kontrast zu Knicklichtern, fluoreszierenden Armreifen und romantisch verflochtenen Haarbändern, die ein wenig an Shakespeares Mittsommernachtstraum erinnern.

Nach einem psychedelischen Ausflug in die schwedischen Dreampopwelten des Openers The Deer Tracks betritt Patrick Wolf um kurz nach zehn die Bühne. Was die Haute Couture betrifft hat sich der Londoner für seinen schwarz-weißen Overall in Union-Jack-Optik entschieden, über dem er ein gestreiftes Sakko mit breitem Federboa-Kragen trägt. Dazu passend ein Federgeschirr im Haar und golden-glitzerndes Make-Up. Großer Respekt gilt an diesem Abend nicht nur dem Maestro selbst, sondern auch seinem Schlagzeuger, der trotz böser Rückenprobleme in der Schießbude platz genommen hat und das Set dank ärztlicher Spritzenkunst solide über die Runden bringt.

Es ist ein Abend der Gegensätze, die in der Instrumentierung beginnen und bei der Bühneninszenierung enden. Patrick Wolf wechselt zwischen Moodswinger und schwarzer Flying V, während sich im Hintergrund der Bühne ein massiver Synthesizerblock erhebt, auf dem stolz ein Laptop thront. Klassische Kammermusik vs. postmoderne Computersteuerung. Extravaganz vs. Dezenz. Denn trotz seines außergewöhnlichen Outfits zeigt sich Patrick Wolf doch die meiste Zeit des Abends über eher zurückhaltend. Zwischenzeitig scheint der Mittzwanziger die ca. 300 Anwesenden beinah gänzlich zu vergessen, wenn er gedankenverloren zwischen Piano und Mikrophonständer hin und her schreitet. Nur selten gibt Patrick Wolf seine Haltung auf, wenn er in kurzen Gefühlsausbrüchen den Mittelfinger in die Höhe reckt oder nach einem Saitenriss seine Geige in die Ecke katapultiert. Dies sind die emotionalen Momente einer perfekten Inszenierung, die der eines Maxwell Demon aus "Velvet Goldmine" gleicht.

Fokussiert auf die Musik stürzt der androgyne Brite bei "Damaris" in sich zusammen, um Sekunden später wie ein Phönix empor zu schnellen und ein zwischen Bitterkeit und Erkenntnis schwankendes "I loved you" ins Mikrophon zu hauchen.

Bei "Tristan" gerät auch das Publikum in Bewegung. Wellenartig branden die Anwesenden gegen den schienbeinhohen Vorbau der Bühne und verleiten Patrick Wolf dazu, den Mikrophonständer einen halben Meter weiter nach hinten zu ziehen. Bei "The Battle" erreicht die energetische Eigendynamik ihren Höhepunkt. Das hier ist Wolfs Rekrutierung einer Generation aus Aschenputteln, die den gläsernen Pantoffel gegen einen I-Pod eingetauscht hat; es ist seine Revolution. Dem Künstler selbst scheint die Euphorie ein wenig unbehaglich zu werden. Er bittet die Anwesenden, einen Schritt zurück zu gehen, Platz zu schaffen; er möchte nicht, dass der Abend für einige im Krankenhaus endet. So weit kommt es glücklicherweise auch nicht. Es bleibt bei der miteifendern Zelebration von Tracks wie "The Sun Is Often Out", "Theseus", "Hard Times" oder "The Magic Position".

Die beiden Zugaben "Kriegsspiel" und "Vulture" bestreitet Patrick Wolf in neuer Kleidung. Der Overall wird gegen ein weißes Hemd mit Echtstrohhalmbesatz und knappe Pantys eingetauscht. Nicht nur die Hüllen fallen an dieser Stelle, der Sänger legt auch seine Zurückhaltung ab und wagt sich in energetischen Schritten bis an den Bühnenrand vor, so dass einige weibliche Hände aus der ersten Reihe für Sekundenbruchteile die Strohhalme seines Hemdes berühren können. Patrick Wolf pariert mit einer gekonnten Drehung und vermeidet weitere physische Kontakte durch Einhaltung eines gewissen Sicherheitsabstands zum Publikum.

Bei seinem Abgang lässt der Londoner es sich dennoch nicht nehmen, dem Münsteraner Publikum mit schlichtem "Ich liebe dich!" seine Sympathie zu bekunden. Man glaubt ihm, dass er jeden einzelnen Anwesenden liebt - solange die Distanz groß genug ist, nicht den Strohhalmbesatz seines Hemdes zu ergreifen oder zu entdecken, wer oder was sich hinter dem extravaganten Bühnenoutfit verbirgt. Die Frage ist auch, ob man dies wirklich wollte. Schließlich würde man damit die Magie des Ganzen zerstören. So bleibt Patrick Wolf einer der faszinierenden Zauberer unserer musikalischen Zeit, der es schaffte, Münster für anderthalb Stunden in eine knicklichtererleuchtete Märchenwelt zu verwandeln.


Website:
www.patrickwolf.com
Myspace:
www.myspace.com/officialpatrickwolf


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