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Es ist Halloween, die
Nacht, in der die Geister umherirren, bevor der Fährmann ihre Seelen
einsammelt, um sie endgültig in die Welt jenseits des großen Flusses
der Zeit zu geleiten. Es ist kalt, nasses Laub unter den Füßen
kommentiert jeden Schritt in Richtung des Gebäude 9 mit einem fauligen
Schmatzen. Der perfekte Rahmen für ein Konzert von The Big Pink - der
noisy Shoegaze-Entdeckung des Jahres!
Geisterhaft ist auch der
erste Eindruck, den man an diesem Abend hat, als The Big Pink nebst
Live-Bassist Leopold Ross und Drummerin Akiko Matsuura in einem
flackernden Stroboskop-Inferno die Bühne betreten. Die Zelebration des
keltischen Winteranfangs lassen sich die Briten trotz Tourlebens nicht
nehmen: Schwarz-weiße Schminke ziert die Gesichter, rote Rosen prangen
an den Shirts. Flores para los muertos. Ein Hauch von 80s-Punk umweht
das Outfit von Sänger Robbie Furze, der mit einem ärmellosen T-Shirt,
schweren Boots und gemäßigtem Locken-Iro die Bühne entert und sich
sogleich an seiner Gitarre zu schaffen macht. In dem neun Stücke
umfassenden Set bleibt keine Zeit für große Gesten.
Mit
punktgenauer Präzision greifen die Akkorde und Basslines ineinander.
Jeder Ton, jeder Vocalpart sitzt wie eine Eins. Die musikalische
Erfahrung des Duos Furze/Cordell merkt man hier mehr als deutlich. Der
Ex-Gitarrist Alec Empires Robbie Furze und sein Hate Channel-Kompagnon
und Chef des Merok Labels Milo Cordell gehören zweifelsohne zu den
alten Hasen des Business. Auch das Publikum bewegt sich vom
Altersdurchschnitt eher an und über der magischen 30er Grenze.
Menschen, denen Adorable noch ein Begriff ist und die beim Namen My
Bloody Valentine nicht von dem unseligen Remake eines Films sprechen.
Solide Freunde des Independent ohne Pseudo-Schick und Fönfrisur, deren
musikalische Sozialisation in den späten 80ern und frühen 90ern begann.
The Big Pink greifen eben diese Einflüsse auf und machen der Tradition
des Shoegaze an diesem Abend alle Ehre. Interaktionen mit dem Publikum
sind nebensächlich. Die Anwesenden werden erst nach dem fünften Tracks
des Abends kurz und knapp begrüßt. Man konzentriert sich auf das
Wesentliche: Die Musik. The Big Pink brauchen keine großen Worte, um zu
überzeugen. Allerdings lässt sich Robbie Furze zwischenzeitlich
durchaus zu körperlichen Anstrengungen hinreißen, wenn er druckvoll in
die Saiten seiner Gitarre holzt und dabei im Takt mit dem Fuß
aufstampft. Energetik, die Spuren hinterlässt. Jene Schweißperlen, die
der drahtige Londoner nicht aus seinen dunklen Locken heraus in kleinen
Tropfen ins flackernde Licht schleudert, ziehen kleine schwarze Linien
in das weiße Make-Up und lassen die Schnittstellen von Weiß und Schwarz
zu einem weichen Grau verschwimmen.
Als die ersten Klänge von "Velvet"
angestimmt werden, fühlen sich einige jüngere Damen aus dem Publikum
geneigt, nach vorn zu treten, um den geringen Platz vor der Bühne als
Tanzfläche zu nutzen. Die restlichen roundabout 120 Anwesenden
verharren in stummen Nicken und Wippen. Ein Blick in die Runde zeigt
beeindruckte Gesichter, die die Atmosphäre des Abends in sich
aufzusaugen scheinen. Ebenso wie den Nebel, der sich immer wieder
seinen Weg über die Bühne und ihren Rand hinaus in den dunklen Saal
bahnt. Ein surreales Szenario aus wabernden Schwaden, und grellgelben
Spotlights. Mittendrin die schemenhaften Umrisse der Hauptakteure, die
ihren Soundmix aus ausgedehnten Gitarrensoli und dunklen Synthieklängen
mit Tracks wie "Crystal Visions", "Frisk" oder "Count Backwards From Ten" regelrecht durch den Raum zu pressen scheinen.
Nach einer Dreiviertelstunde ist der Spuk vorbei. The Big Pink entlassen die Anwesenden mit der Hit-Single "Dominos"
hinaus in die nasskalte Nacht. Noch knappe zwei Stunden bis zur
Geisterstunde. Zeit genug, um mit dem Snack-Automaten am Deutzer
Bahnhof "Trick or Treat" zu spielen. Zeit genug, um im Zug noch zwei
Mal "A Brief History Of Love" zu hören. Zeit genug, um sich noch
einmal retrospektiv in der Atmosphäre des Abends zu verlieren. Wortlos,
sprachlos und immer noch beeindruckt von dieser großartigen Live-Band.
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