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Art Brut ist eine der
intelligentesten Indie-Bands der Stunde. Ja, immer noch! Besonders ihr
Debüt, der Nachfolger und auch ihr neues Werk sind Knalleralben mit
Songs, die sich live ganz besonders entfalten. Auf ihrer
neuesten Platte nimmt die Brut es sogar mit dem Teufel selbst auf und
rockt mit einer elektrisierenden Portion Individualismus nach vorn. Und
nicht umsonst haben Art Brut ihr Studioalbum live in zwei Monaten
zusammen mit Pxies-Sänger Frank Black produziert. Diese Energie spürt
man und losgelassen wurde sie heute Abend.
Allerdings unter
großen Schmerzen, denn Frontmann Eddie Argos hat vor ein paar Tagen
einen Bandscheibenvorfall erlitten. "Es war wahrscheinlich Stress und
hat sich ganz langsam angeschlichen", sagt Eddie, dem größter Respekt
zollt, dass er die Tour, die noch zwei Monate andauern wird, weiter
durchzieht. Denn der Schreiber weiß, worum es geht, denn er leidet
selbst unter einem Bandscheibenvorfall und verwickelt sich in ein
langes Fachgesimpel über Therapiemöglichkeiten. Jeden Tourtag wird
Eddie von einem Physiotherapeuten behandelt, erzählt er und trägt
seitdem extra einen Wärmering um den Rücken. Sonst ging da auch
wahrscheinlich gar nichts. Doch als er auf die Bühne kommt, springt er
rauf und runter und unterhält das Publikum in besten Cockney, einigen
deutschen Passagen und witzigen Anekdoten über die derzeitige
Musikszene. "That's Entertainment" würde Paul Weller sagen. "Alcoholics Unamious" ist der perfekte Startschuss und der Song kommt live sogar noch rauer rüber, als auf Platte. Nach einem weiteren gelungenen "Nag Nag Nag Nag" hält sich die Indie-Stil-Ikone zum ersten Mal den Rücken und fängt an zu dem Basslauf zu "Modern Art"
über sein Rückenleiden zu philosophieren. Doch nichts für Ungut,
Rock'n'Roll! Oder besser gesagt: "Punk Rock ist nicht tot!" Bei "St. Pauli"
gibt es kein Halten mehr. Massenpogo in den ersten Reihen und selbst
die nach Kreuzberg gepilgerten Mittvierziger drehen jetzt richtig auf.
Der Schweiß perlt von den Decken und das Berliner Publikum zeigt
deutlich seine Hauptstadtqualität. Das ganze eskaliert in dem
Killertrack "Bang Bang Rock'n'Roll" und Eddie scheint weniger auf
seine Bandscheiben zu achten. Stimmt, die können jetzt warten, Musik
ist bekanntlich die beste Medizin. Also lässt er sich nichts anmerken,
erzählt zu jedem Song eine Story und fragt die überragend aufspielende
Band "Ready Art Brut!?" Und die sind es mal so richtig. Besonders die
beiden Gitarristen Jasper und Ian duellieren sich vorzüglich und geben
sich dabei Gitarrenshakes, anstatt spießigen Firm Handshakes, wenn sie
gegenseitig ihre Gitarren gegeneinander rammen und spielen, als ginge
es um ihr Leben. Jasper macht den Anschein, als würde er jeden Moment
zum Stagediving ansetzen und Ian begeistert mit seinem wunderbaren
Solospiel und einem beachtlichen Backgroundgesang, der auf dem neuen
Album verstärkt eingesetzt wurde. Doch das alles würde nicht so gut
laufen, wenn das deutsche Duo Mickey Breyer und Freddy Feedback hinten
die Bude nicht so gut dicht halten würden.
Doch zurück zu den
Stories und dem eigentlichen Grund, warum Art Brut eine so besondere
Band ist, die sich von der Masse abhebt. Was dieser Grund ist? Es sind
die witzigen und verspielten Texte, die mit ihrem cockneyschen
Sprechgesang so unverschämt gut mit den Punk-Riffs harmonieren. "Demons Out"
ist das beste Beispiel dafür und eine Lehrstunde in Sachen
popmusikalischer Rezeption. Eddie Argos holt in diesem Song zum großen
Rundumschlag aus: "The record buying public should have been voting"
heißt es und Eddie variiert und spielt mit den Textzeilen "Are we human
or are we dancer" und "My Sex is on fire" um anschließend die Frage zu
stellen, warum man solch bescheuerten Textzeilen schreiben kann und wie
man dazu kommen würde, noch Razorlight geil zu finden. Dies ist
Erziehung in Sachen Pop und Recht hat der 29jährige. Der Gleichgesinnte
Autor lacht sich ein Loch in den Bauch und genau dies ist der Grund,
warum die Brut so beeindruckt. Genau, weil sie unterhält.
"Direct Hit"
ist der heimliche Höhepunkt des Abends, der Song gelingt heute so
fantastisch, dass man beim Chorus Gänsehaut bekommt und weiß, dass die
Band nicht soviel verspricht, wenn sie davon singt, warum dieser Song
wirklich ein echter Hit ist. Übertroffen wird's dann letztlich doch mit
dem großen Kracher "My Little Brother". Eddie hält sich immer
wieder den Rücken und bekommt das Handtuch gereicht. Hätte er
vielleicht doch lieber den Parker angelassen, wir haben doch vorher
noch Tipps ausgetauscht, aber ist halt heiß in Kreuzberg. Dennoch, für
die unschlagbaren Zugaben "Formed A Band", "18.000 Lira" und "Post Scoothing Out",
das begeistert von den Fans mitgesungen wird, ist noch Kraft. Und nicht
nur das, nach dem Konzert wird der Schreiberling, der die letzte Tour
mit Band noch die Brut supporten dufte, auf einen Umtrunk Backstage
eingeladen, bevor es gemeinsam ins Magnet geht, wo Eddie Argos auf der
After-Show-Party noch auflegt und man bis in die Morgenstunden feiert.
Geht doch! Vielleicht sollte man gar nicht soviel fachsimpeln...
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