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POPCONNECTION - Im Interview - Kettcar: "Spätestens am Schluss gibt es eine erhobene Faust"
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KETTCAR

"Spätestens am Schluss gibt es eine erhobene Faust"

Interview: Jenny Schnabel
Foto: Andreas Hornoff

Kettcar gehört zu jenen Bands, deren Songzeilen man gerne "mit Edding an die Wände hauen" oder "auf die Oberschenkel tätowieren" lassen möchte. 2011 feierte die Hamburger Band ihr 10jähriges Bandjubiläum und hat mit "Zwischen den Runden" gerade ihr viertes Album veröffentlicht.

Wir haben Kettcar-Gitarrist Erik Langer vor dem Konzert in Bielefeld zum Interview getroffen und mit ihm über Liebe und Tod, Verzweiflung und Hoffnung und das "schrille bunte Hamburg" gesprochen.



POPCONNECTION: Euer neues Album "Zwischen den Runden" ist sehr ruhig geworden, insbesondere im Hinblick auf den Vorgänger "Sylt". Ihr habt darüber hinaus viele Bläser und Streicher verwendet. Wie kam's dazu?


Erik: Wir haben keine Lust, uns ständig zu wiederholen. Wenn man eine Sache abgearbeitet hat, dann möchte man auch wieder etwas anderes in Angriff nehmen. Nach dem rauen, lauten, ruppigen letzten Album wollten wir den leisen Tönen mehr Raum geben. Wir haben auch immer Freude daran, mit anderen Instrumenten zu experimentieren. Wenn wir das Gefühl haben, dass es passt, dass Bläser einen schönen Teppich ergeben oder die Streicher die Melodie übernehmen, dann setzen wir das um.


POPCONNECTION: Gibt es noch weitere Unterschiede zwischen
"Zwischen den Runden" und "Sylt"?

Erik: Der Hauptunterschied liegt darin, dass wir uns auf der neuen Platte wieder mehr dem Storytelling zugewandt haben. Wir hatten bereits im Vorfeld besprochen, dass wir gern Geschichten erzählen möchten. Das Narrative, was auf der letzen Platte mehr Raum eingenommen hat, ist dem Erzählerischen gewichen. Das erklärt auch, warum das Album ein wenig ruhiger geworden ist, weil du zu ruhigeren Klängen besser eine gute Geschichte erzählen kannst.


POPCONNECTION: In eurem Pressetext wird "Zwischen den Runden" als das "vielschichtigste und offenste" Kettcar-Album beschrieben. Wie würdest du das definieren?

Erik: Musikalisch ist es sehr vielschichtig: Wir haben einigen Instrumente wie z.B. Streichern, die wir schon immer dabei hatten, mehr Raum gegeben. Wir haben uns getraut, diese nach vorne zu stellen, weil wir das Gefühl hatten, an manchen Stellen passt es einfach sehr gut. Das liegt sicherlich auch an der Themenbreite, die textlich mit den Stücken abgedeckt wird. Auch die Songs sind sehr unterschiedlich geworden. Wir hatten uns im Vorfeld der Platte überlegt, was wollen wir. Ein wichtiger Punkt war, wie ich bereits erwähnt habe, dass wir Geschichten erzählen wollten. Das hat uns bei anderen Künstlern fasziniert, die wir sehr schätzen und das wollten wir auch verstärkt machen. Wobei wir das auch immer schon gemacht haben, zum Beispiel bei "Balkon gegenüber" von der ersten Platte. Aber diesmal wollten wir den Fokus darauf setzen. Zum anderen hatten wir auch besprochen, dass wir musikalisch offen sein und Dinge zulassen wollten, die bisher noch keinen Raum im Kettcar-Kosmos gefunden hatten. Zum Beispiel sind einige Stücke dabei, die sehr swingig sind, die sehr gut dazu passen würden, wenn man abends in einer Bar sitzt. "In deinen Armen" hat zum Beispiel eine gewisse Rhythmik und eine Lässigkeit, die es zuvor bei uns noch nicht gegeben hat.



POPCONNECTION: Es gibt zwei Stücke auf "Zwischen den Runden", die sich mit dem Thema Tod beschäftigen. Ist das etwas, dass das Alter mit sich bringt, dass man sich mit diesem Thema stärker beschäftigt, als wenn man jünger ist?

Erik: Ja, auf jeden Fall. Die Einschläge kommen näher. Wir haben jetzt mehrere Leute in der Band, die die 40 überschritten haben und das Thema Krebs ist etwas, das uns vor ein paar Jahren noch nicht so beschäftigt hat, weil es im Freundes- und Verwandtenkreis nicht so aktuell war, wie es heute ist. Dadurch fließt so etwas auch in unsere Texte ein.


POPCONNECTION: Ein weiteres zentrales Thema ist die Liebe: Ihr habt in der Vergangenheit zwar immer schon sehr viel über die Liebe geschrieben, in verschiedenen Variationen. Mir kommt es allerdings so vor, als sei dieses Thema auf eurem neuen Album besonders präsent…

Erik: Ja, ich würde tatsächlich sagen, dass das ein Thema ist, das immer dazu gehörte. Auch, weil dieses Thema jeden irgendwann einmal beschäftigt und betrifft. Insofern ist es für uns eben auch interessant, darüber zu schreiben, weil es uns selbst natürlich auch beschäftigt. Es ist tatsächlich ein Thema, das auf den Vorgängeralben immer mal wieder vorgekommen ist, aber dafür, dass es so wichtig ist, doch eher stiefmütterlich behandelt wurde. Auf dieser Platte war Zeit, es stärker in Angriff zu nehmen. Es gab auch ein paar Ideen dazu, die nicht so ganz gewöhnlich waren: Wenn man über Liebe schreibt indem man das Bild seiner kotzenden Freundin verwendet, ist das eine Herangehensweise an das klassische Liebeslied, die ungewöhnlich ist und uns aufgrund dessen gefallen und Spaß gemacht hat.


POPCONNECTION: Wo du diesen Song gerade ansprichst: Es gibt in "Rettung" die Textzeile "Liebe ist das, was man tut". Gab es mal etwas, das du aus Liebe gemacht hast?

Erik: Oh, wahrscheinlich wahnsinnig viel, nur jetzt die eine lustige Geschichte herauszukramen, ist natürlich schwierig… Als ich 19 war, bin ich mal aus Liebe für ein paar Wochen in einen leerstehenden Schrebergarten gezogen, weil ich dort mit meiner Liebe zusammenleben konnte. Das war bei meinen Eltern nicht möglich. Die waren damals der Feind. (grinst) Das klingt vielleicht etwas verrückt, aber das habe ich getan.      


POPCONNECTION: Etwas, das euch immer gelingt, ist die Balance zwischen Verzweiflung und Hoffnung zu bewahren. Insbesondere auf eurer neuen Platte. So verzweifelt der Song auch erscheinen mag, hat man doch am Ende das Gefühl, dass ihr dem Hörer die helfende Hand reicht und immer noch ein wenig Hoffnung da ist. Wie schafft ihr das?

Erik: Wir müssen das schaffen, weil das alles ansonsten zu deprimierend wäre. Auch für uns. Wir schreiben über Themen, die teilweise ganz schön hart sind. Es gibt im Kettcar-Kosmos Lieder über die Verlierer der Gesellschaft, Dinge, die wirklich dumm gelaufen sind und - wie du es vorhin schon angesprochen hast - auch über den Tod. Wenn wir aber beispielsweise über den Tod schreiben, dann in der Herangehensweise, dass er Teil des Lebens ist, sodass der Text lebensbejahend ist. Wir sagen "Man muss das Leben nutzen, bevor der Tod eintritt. Man muss das Leben leben und sich darüber freuen." Das ist eine wichtige Komponente in unseren Texten: Spätestens am Schluss gibt es eine erhobene Faust.


POPCONNECTION: In "Kommt ein Mann in die Bar" findet sich die Textzeile "Die Hoffnung ist schon vorgerannt das Grab schon mal zu graben". Das ist prinzipiell der Gegenpol zu dem Satz "Die Hoffnung stirbt zuletzt". Bist du eher der optimistische Typ, der sagt, "Die Hoffnung stirbt zuletzt" oder bist du der Pessimist, der sagt "Aber sie stirbt"?

Erik: Ich habe natürlich auch depressive Momente, aber wenn ich darüber ein oder zwei Nächte geschlafen habe, kommt der Abstand. Man rafft sich wieder auf und sagt sich "Ok, es geht weiter". Dann reißt man sich zusammen und dann geht es auch weiter.


POPCONNECTION: In dem Song "Schrilles buntes Hamburg" setzt ihr euch kritisch mit den kulturellen Umstrukturierungen in eurer Stadt auseinander. Auf eurem Debüt findet sich mit "Landungsbrücken raus" demgegenüber eine Ode oder ein Liebeslied an die Stadt. Wie hat sich Hamburg für euch verändert? Wie seht ihr es heute?

Erik: Die Kulturpolitik in Hamburg hat sich in den letzten Jahren stark an die Gewinnmaximierung gehalten und nicht an die Überlegung, was das Beste für die Stadt ist und für die Menschen, die darin leben. Es gab viele Dinge, die in weiten Teilen der Bevölkerung für Unverständnis gesorgt haben. Mit diesem Lied wollen wir sagen "Das geht so nicht!" Man kann nicht auf der einen Seite hunderte Millionen Euro in ein Leuchtturmprojekt wie die Elbphilharmonie stecken und auf der anderen Seite Museen schließen und Etats der Schauspielhäuser kürzen, die eine jahrhundertealte Tradition haben. Das ist nur ein Beispiel. Man könnte ewig weiter darüber reden. Über die  Schwierigkeiten heutzutage in einer dichten, von Immobilienspekulationen gepeinigten Stadt wie Hamburg einen kleinen Club aufzumachen, der sich rentiert. Wobei das ganz wichtig ist für eine Stadt wie Hamburg. Das scheint allerdings dort oben nicht angekommen zu sein; dass ganz viele Menschen weltweit Hamburg über einen kleinen Club wie das Molotow kennen. Das ist ein ganz toller Laden und er ist ganz wichtig. Aber das verstehen die anscheinend nicht. Vielleicht werden sie es in zehn Jahren verstehen, wenn ein Kulturhistoriker oder Soziologe ein Buch darüber schreibt. Das ist einfach bitter. Dass kein Geld da ist, so etwas zu fördern. Es ist schade, wie diese Verteilungen laufen. Du merkst, ich könnte stundenlang darüber lamentieren und ich habe gerade auch nur einen ganz kleinen Teil davon angerissen...


POPCONNECTION: Aber eure Liebe zu Hamburg überwiegt noch? Ihr habt nicht vor, nach Berlin oder sonst wo hin zu ziehen?

Erik: Nein, wir bleiben da und kämpfen. (grinst)


POPCONNECTION: Marcus sagt immer, die Texte seien nicht autobiographisch. Ist er ein sehr guter Beobachter des Alltags oder wo nimmer er diese Geschichten her?

Erik: Er nimmt die Geschichten aus Büchern, die er liest, aus Filmen, die er schaut und natürlich auch aus seiner Umgebung. Sicherlich ist er ein guter Beobachter. Genauso wie Reimer, der erzählt, dass er bei "Kommt ein Mann in die Bar" inspiriert wurde durch die Eckkneipe in seiner Straße, an der er immer vorbei geht und sich immer gewundert hat, weil er dort immer dieselben Leute den ganzen Tag bis spät in die Nacht hat sitzen sehen. Das hat ihn dazu inspiriert, ein Lied zu machen, obwohl er überhaupt nichts mit den Menschen zu tun hat, die in dieser Kneipe sitzen. Er hat die Geschichte dann einfach weiter gesponnen aus diesem einen Moment heraus. So passiert das meistens bei den Texten. Marcus hat auch ein Heftchen, in das er alles hineinschreibt, was ihm auffällt oder wenn Sätze fallen, die er behaltenswert findet. Daraus wird dann irgendwann mit viel Arbeit und Phantasie ein fertiger Kettcar-Text.


POPCONNECTION: Ihr habt im vergangenen Dezember im Gleis 22 in Münster gespielt. 2001 hat dort euer allererster Gig außerhalb Hamburgs stattgefunden, was übrigens damals auch mein allererster Kettcar-Gig war. Wie war es für euch, nach zehn Jahren dorthin zurückzukehren?

Erik: Es war sehr schön, in einem so kleinen Rahmen zu spielen. Das Publikum war toll und es war lustig, sich daran zu erinnern, wie aufgeregt wir damals alle gewesen sind, zum ersten Mal diese Stücke live zu spielen und gemeinsam auf die Bühne zu gehen. Wir waren damals eigentlich noch gar keine richtige Band und wollten das einfach mal ausprobieren, was passiert und wie die Reaktionen der Leute sind. Wir hatten damals auch nur acht Songs oder so. Dementsprechend was es sehr schön, wieder im Gleis zu sein. Es war ein sehr entspannter und familiärer Abend. Die Leute vom Gleis 22 sind wahnsinnig nett und haben ein tolles Essen gekocht. Da wünscht man sich manchmal fast, öfter in solch kleinen Clubs zu spielen. Andererseits sind wir natürlich sehr dankbar über all die Leute, die heutzutage zu unseren Konzerten kommen.


POPCONNECTION: Ich danke dir ganz herzlich für das Interview und für deine Zeit.


Erik: Ich danke dir!


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