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Patrick Wolf stellt
zweifelsohne eine der schillerndsten Persönlichkeiten der gegenwärtigen
Popwelt dar. Mit seinen extravaganten Bühnenoutfits der englischen
Modedesignerin Ada Zanditon und seiner musikalischen Mischung aus Folk-
und Elektro-Elementen kreiert der 25jährige Brite ein faszinierendes
Kunstwerk.Vor seinem Auftritt im Gleis 22 in Münster trafen wir den
jungen Ausnahme-Musiker, der mit "The Bachelor" gerade sein viertes Album veröffentlicht, zum Interview.
POPCONNECTION:
Ursprünglich hattest du geplant, deine neue Platte als Doppelalbum zu
veröffentlichen, das "The Battle" heißen sollte. Nun hast du dich dazu
entschlossen, zwei Lonplayer daraus zu machen - "The Bachelor" und "The
Conqueror".
Patrick Wolf: Vom Konzept her ist es
immer noch ein Doppelalbum. Allerdings werden die beiden Teile zu
unterschiedlichen Zeitpunkten veröffentlicht. "The Bachelor" ist
bereits released, "The Conqueror" wird nächstes Jahr erscheinen. Es ist
also quasi ein Doppelalbum mit einer Zeitspanne von einem Jahr zwischen
den beiden Teilen. Beide Platten basieren auf derselben akustischen
Schablone, auf beiden wirken dieselben Musiker mit. Allerdings ist es
ein Experiment, um herauszufinden, ob man mit identischen Instrumenten
und Musikern eine komplett andere Platte machen kann.
POPCONNECTION: Welcher Zusammenhang besteht zwischen "The Bachelor" und "The Conqueror"?
Patrick Wolf:
Das erste Album beschreibt die Krankheit oder das Gefühl von
Einsamkeit, von unerfüllter Liebe. Es spielt mit dem Gedanken, jemand
zu sein, der grundsätzlich die verkehrten Menschen trifft. Einer
Person, die sich verschließt, sich in die Arbeit stürzt und sich denkt
"Vielleicht treffe ich irgendwann die große Liebe - aber ich glaube
nicht wirklich, dass es mir jemals passieren wird." Meiner Meinung nach
ist das eine sehr ursprüngliche menschliche Empfindung - auch, wenn es
in der Popmusik nicht so häufig thematisiert wird. Meistens singt man
darüber, wie großartig die Liebe ist und wie verliebt man ist, aber nur
wenige veröffentlichen ein Album, das sich mit dem Fehlen von Liebe
befasst. All das ist ein Kampf, der sich im zweiten Album fortsetzt.
Die Idee hinter "The Conqueror" ist der Prozess des Eroberns und des
Lernens. Erobern ist etwas, das man als Junggeselle lernt. Genauso, wie
man lernt, jemanden zu umwerben und sinnlich zu sein.
POPCONNECTION: Ich habe gelesen, dass du ursprünglich ein politisches Album machen wolltest..."
Patrick Wolf:
Ja, viele Leute fragen mich, was aus dieser Idee geworden ist. Wenn man
sich die Texte durchliest und sich mit ihnen beschäftigt, dann findet
man immer noch eine Menge Aspekte gesellschaftlicher und menschlicher
Politik. Es sind weniger regierungspolitische Themen, weil es mir
stärker um individualpolitische Gesichtspunkte geht, wie z.B.
Gleichberechtigung und Menschenrechte.
POPCONNECTION:
In dem Song "The Battle" rufst du auch dazu auf, für die eigenen Rechte
zu kämpfen, für die eigene Identität. Es gibt dort eine Zeile in dem
Song, die heißt: "Since I was twelve it's been me versus the world, I
got so sick of being told my identity was in minority". Fühlst du dich
manchmal wie ein Außenseiter in der Gesellschaft?
Patrick Wolf:
Nein, ich fühle mich sicherlich nicht wie ein Außenseiter. Ich bin mir
allerdings der Tatsache bewusst, dass mich manche Menschen so sehen.
Wenn man sich selbst in die Schublade des Außenseiters packt, dann ist
man ziemlich arrogant, weil man sagt "Hey, ich bin anders als du". Es
gibt nur wenige Dinge, in denen man sich grundlegend von anderen
unterscheidet. Ich habe sicherlich spezielle Eigenschaften und ich habe
einen bestimmten Stil, aber ich halte mich nicht für anders als den
Rest der Menschheit. Aber mir fällt auf, dass die Menschen oftmals dazu
tendieren, einige Leute zu marginalisieren und sie als Außenseiter
darzustellen, die nicht dazu gehören. Also ist es für mich eine
Herausforderung, zu sagen "Ich gehöre dazu! Ich gehöre genauso auf
diese Erde, wie der Rest von euch und verdiene dieselben Rechte!"
POPCONNECTION:
Dein Sound ist eine Mischung aus Elektro- und Folkelementen. Meiner
Meinung nach sind das ziemliche Gegensätze: Folk klingt sehr warm,
während sich Elektro meistens eher synthetisch und kalt anhört...
Patrick Wolf:
Für mich ist es eher eine Mischung aus akustischem und elektronischem
Sound. Es finden sich sicherlich starke Folkelemente in den Texten und
den Arrangements, aber der größte Teil sind meine klassischen
Einflüsse: All die orchestralen Arbeiten, die ich gemacht habe und all
die wundervolle klassische Musik, die ich liebe. Daher kommt wohl der
akustische Teil.
POPCONNECTION: Du hast deine
musikalische Karriere auch mit klassischen Instrumenten gestartet. Wie
wichtig ist dieser Background heute für deine Musik?
Patrick Wolf:
Sehr wichtig! Diese Einflüsse finden sich im gesamten
Produktionsprozess meiner Alben wieder, vom Beginn bis zum Ende. Ich
habe dadurch ein großes Vokabular und eine Menge Fähigkeiten und
Methoden, die ich im Studio verwende. Wenn ich diese nicht hätte, wäre
ich nicht in der Lage, diese Art von Musik zu machen. Ich war letzte
Woche im Studio und habe mich detailliert mit dem Techniker über die
Dynamik und den Ausdruck der einzelnen Instrumente unterhalten. Das
gibt mir ein Bewusstsein von Musik, das ich mit elf Jahren z.B. noch
nicht hatte. Ich hatte die Leidenschaft, aber nicht die Fähigkeiten.
Ich glaube, etwas Bildung im Leben ist gut - zuviel dagegen ist
schlecht. (lacht)
POPCONNECTION: Du hast in Berlin mit Alec Empire zusammengearbeitet: Wie war deine Zeit dort und wie lieft die Kooperation?
Patrick Wolf:
Berlin war für mich sehr wichtig, um an der Richtung des Sounds auf dem
neuen Album zu arbeiten. Nach den Demo-Aufnahmen hatten Alec und ich
beschlossen, zusammen zu arbeiten. Textlich gesehen war es für mich
eine perfekte Platte, um in die Richtung Industrial Noise und diesen
Heavy-Metal-Electronics zu gehen. Also habe ich Alec angerufen. Er ist
jemand, den ich kenne und mit dem ich schon lange zusammenarbeiten
wollte. Ich flog nach Berlin und wir haben viele Nachtaufnahmen
gemacht, von Mitternacht bis morgens um neun. Ich wollte mit jemandem
zusammenarbeiten, der eine Seite von mir ans Licht bringen kann, die
mich leicht nervös macht oder der ich mir zu wenig bewusst bin. Er hat
dieses Gefühl in mir ausgelöst, das ich hatte, als ich 16 oder 17 war
und in Punk-Bands gespielt habe. Das war genau das, was ich wollte:
Jemanden, der diese Haltung wieder in mir wach ruft. Das ist eine
Attitüde, die ich irgendwie an die Seite geschoben hatte.
POPCONNECTION:
Du trägst auf der Bühne immer spezielle Outfits, die ein wenig wie
Kostüme wirken. Was ist der Unterschied zwischen der Person auf der
Bühne - Patrick Wolf - und deinem alltäglichen Leben?
Patrick Wolf:
Optisch ist das sehr kompliziert. Es gibt Tage, an denen ich mich eher
so fühle, als wollte ich einen schwarzen Anzug auf der Bühne tragen.
Mehr diese saubere seriöse Attitüde, weil es einfach in diesem Moment
besser passen würde. Dann wäre ich gerne bei einem Konzert, bei dem es
keine Visuals gäbe. Und genauso gibt es Tage, an denen werde ich wach,
die Sonne scheint und ich entscheide mich für eine Garderobe, die
manchen Menschen die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Es ist
unterschiedlich. An manchen Tagen trage ich sehr extravagante und
extreme Sachen im Alltag und etwas sehr langweiliges auf der Bühne und
am nächsten Tag kann es genau andersherum sein. Ich ziehe mich auf der
Bühne und auch zu Hause so an, wie es mir gerade gefällt. Ich habe
immer versucht, so auszusehen, wie es manche Menschen als meschugge
empfinden würden und ich glaube, meine Definition von "normal"
unterscheidet sich von der anderer Menschen. Jeder hat so seine eigenen
Vorstellungen vom Leben - und die Menschen tendieren dazu, mit meinen
nicht konform zu gehen. (lacht) Ich mag es einfach, die Leute
dazu zu bringen, sich unbehaglich zu fühlen. Mir gefällt die
Herausforderung optischer und sexueller Identität. Deshalb versuche
ich, einen Mittelweg zwischen maskulin und feminin zu finden: Wie es
ist, ein Junge zu sein oder ein Mädchen, wie es ist, konservativ zu
sein und in der Art, in der ich mich kleide mit diesen verschiedenen
Aspekten zu spielen. Ich trage auch Make-Up und mache mir die Haare
dementsprechend. Das mache ich auch in meinen Texten und dem Sound. Die
Optik ist nur eine Weiterführung des Ganzen. Die Musik steht
hundertprozentig an erster Stelle - aber ich kann es einfach nicht
lassen, sie auch optisch zu verkörpern. Manchmal denken die Leute, dass
ich ein Outfit kreiert und dann einen Song dazu geschrieben habe, der
dazu passt. Aber das wäre natürlich kompletter Blödsinn. (grinst)
POPCONNECTION:
Bevor dein aktuelles Album veröffentlicht worden ist, hattest du dich
dazu entschlossen eine Pause einzulegen. Über die Gründe darüber wird
in der Presse viel spekuliert...
Patrick Wolf: Für
mich war das sehr wichtig. Wobei - ich glaube, jeder Künstler braucht
Zeit, um zu schreiben. Es kostet Kraft, zu schreiben und zu singen.
Aber insbesondere Schreiben kann man nicht, wenn man ständig Interviews
gibt oder von Paparazzi fotografiert wird - außer vielleicht Lady Gaga.
Aber ich habe ein Leben, das ich geregelt bekommen muss und wenn man so
viel Zeit auf Tour verbringt wie ich, dann kommt irgendwann einfach der
Punkt, an dem man sich auf seine Familie, kochen und das Ausüben
menschlicher Dinge konzentrieren muss. Ansonsten läuft man Gefahr, den
menschlichen Aspekt seiner Arbeit zu verlieren und in einer völlig
unrealistischen Welt zu leben. Dieses alltägliche menschliche Leben war
bei meinem ersten Album meine Hauptinspirationsquelle. Wenn ich das
verliere, dann verliere ich mein Gefühl für die Realität. Deshalb ist
es mir so wichtig. Wenn man mal überlegt, dass ich nonstop unterwegs
bin, seit ich 18 bin und dann eine einjährige Tourpause eingelegt habe,
dann ist das nicht besonders viel. Ich habe mich auf mein Privatleben
konzentriert und mich mit Musik beschäftigt. Während meiner Auszeit
habe ich geschrieben und im Studio gearbeitet. Es war prinzipiell also
nur eine Pause vom öffentlichen Leben - und das ist wichtig. Wenn
Michael Jackson das mal ausprobiert hätte, wäre er vielleicht noch am
Leben und hätte ein Gespür für Normalität entwickelt. (grinst)
Für mich ist der Gegensatz aus Normalität und der Mondäne auch oft eine
Herausforderung, aber es ist essentiell wichtig, das normale Leben
nicht aus den Augen zu verlieren - genauso, wie meine Familie.
POPCONNECTION: Was erwartet uns heute Abend bei deiner Show?
Patrick Wolf:
Mein Schlagzeuger hatte schlimme Rückenprobleme und musste ins
Krankenhaus. Dort hat er Morphine bekommen. Es wird heute Abend also
mehr Elektronik und Akustik geben, als krachiges Schlagzeug. Aber das
ist auch mal ganz schön. Ansonsten… man muss sich meine Shows einfach
anschauen, ich finde es schwierig, sie zu beschreiben. (lacht)
POPCONNECTION: Ich bin sehr gespannt! Vielen Dank für das Interview und viel Spaß auf der Bühne!
Patrick Wolf: Dankeschön! Wir sehen uns dann später bei der Show!
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