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Berlin – das Maschinenhaus
in der Kulturbrauerei, nur wenige Stunden bevor Charlotte
Hatherley mit ihren zwei Kolleginnen die Bühne betreten und einige
ihrer Songs im Unplugged-Gewand darbieten wird. Ich habe die Ehre, die
Ex-Ash-Gitarristin und ihre Mitstreiterinnen Jen Fuse und Charley Stone
beim Soundcheck beobachten zu dürfen. Alle drei Damen sind mit Gitarre
und Mikrofon ausgestattet. Sehr ausgewogen, recht perfekt klingt das
Ganze. Doch ist von Hatherley aufgrund ihrer 9-jährigen
Erfahrung mit Ash und weiteren hochkarätigen Verpflichtungen (u.a. als
Gitarristin für Bryan Ferry) wohl kaum ein niedrigeres Niveau zu
erwarten. Überraschend hingegen für jemanden, der Hatherley zum ersten
Mal in natura sieht und zuvor nur akustisch kannte, ist der Gegensatz
zwischen der Leichtigkeit, Lebendigkeit und Mädchenhaftigkeit ihrer
Musik einerseits und ihrer ruhigen, ernsten, bodenständigen Aura
andererseits. Groß und äußerst attraktiv ist sie zudem, doch das sei
(mit einem Augenzwinkern) nur am Rande erwähnt.
Entsprechend
nervös bin ich, als sich Miss Hatherley backstage neben mir auf dem
Sofa platziert, um sich dem Interview zu stellen. Dank eiserner
Disziplin seitens des Interviewers und angenehmer Höflichkeit und
Eloquenz seitens Hatherleys entstand dann aber doch ein durchaus
interessantes Interview.
POPCONNECTION: Wie würdest du die Musik von Charlotte Hatherley beschreiben?
Charlotte Hatherley:
Ich denke, ich bin stark beeinflusst von Pop-Punk-Bands wie XTC oder
den Talking Heads. Meine große Vorliebe für David Bowie und generell
für Musiker, die etwas komplexeren Gitarrenpop machen, ist ebenfalls
erkennbar. So inspirieren mich auch Math-Rock-Bands wie die Cardiacs.
Im Prinzip mache ich also "vermeintlich komplizierte" Popmusik.
(lächelt)
POPCONNECTION: Kannst du uns etwas über die Themen deiner Songs erzählen?
Charlotte Hatherley:
Nun, mein aktuelles Album schrieb ich nachdem ich Ash – die Band, in
der ich 9 Jahre lang war – verlassen hatte. Ich trat der Band bei als
ich 18 war und verließ die Band mit 27. Das Album enthält Fragen
darüber, in welche Richtung ich mich entwickeln soll. Es spiegelt ein
Gefühl des Verlorenseins und der Verwirrtheit wider, andererseits
jedoch auch, wie gespannt ich darauf bin, wie sich die Dinge entwickeln
werden.
POPCONNECTION: Hast du denn jemals erwogen, dem Musikbusiness den Rücken zu kehren?
Charlotte Hatherley:
Ja, nachdem ich Ash verlassen hatte, kam mir dieser Gedanke, da ich
nicht wirklich wusste, was ich tun sollte. Ich hatte wohl noch nie
etwas anderes gemacht als in einer Band zu sein. Ich zog nach meinem
Ausstieg bei Ash also durchaus in Betracht, mich aus dem Musikgeschäft
zurückzuziehen, stellte dann aber fest, dass ich eigentlich gar nichts
anderes tun möchte als Musik zu machen. Ich gab mir selbst auch gar
nicht wirklich die Chance, mir länger darüber Gedanken zu machen und
depressiv zu werden, da ich mich kurz nach meinem Ausstieg schon in die
Arbeit für mein aktuelles Soloalbum stürzte. (lacht)
POPCONNECTION: Auf welche Weise bist du Musikerin geworden?
Charlotte Hatherley:
Ich habe zwei ältere Schwestern, die beide Musikerinnen sind. Sie
hatten musikalisch großen Einfluss auf mich und durch sie lernte ich
das Gitarrespielen. Schon als Kind hatte ich außerdem
Klavierunterricht. Es gab schon immer Musik in meiner Familie. Mit 15
hatte ich das Glück, Mitglied einer Band zu werden, mit der ich in ganz
London spielen konnte. Durch diese Band wurde ja auch Ash auf mich
aufmerksam, wodurch ich schließlich Gitarristin von Ash wurde.
POPCONNECTION: Ich las in einem Interview mit dir, dass die Frontfrau der Band, in der
du warst, bevor du bei Ash Mitglied wurdest, dir beibrachte, "wie man
ein Rock-Star wird".
Charlotte Hatherley: Ja, sie und die anderen in der
Band waren wesentlich älter als ich und hatten natürlich mehr
Erfahrung. Sie war zuvor schon in vielen Bands und schien zu wissen,
wovon sie spricht. (lacht) Ich war besessen von David Bowie und Brit-Pop war groß zu der Zeit. Ich hörte also viel Blur, Oasis, Elastica und
David Bowie zu der Zeit. Sie gab mir eine CD mit Metallica, PJ Harvey,
den Pixies, My Bloody Valentine u.a. Das hat sich stark ausgewirkt auf
meine Herangehensweise an Musik und machte mich auch zu einer besseren
Gitarristin.
POPCONNECTION: Warum hast du dich dafür entschieden, diese Tour im Unplugged-Stil und ohne Schlagzeuger zu spielen?
Charlotte Hatherley:
Ich hatte einige Monate dieses Jahres mit einer kompletten Band getourt
und einige Akustik-Konzerte in London gegeben. Zunächst mochte ich das
nicht allzu sehr, denn man fühlt sich durch die Intimität solcher
Konzerte sehr entblößt. Doch je öfter ich es tat, desto mehr gewöhnte
ich mich daran. Außerdem zwang es mich, disziplinierter zu werden. Denn
bei den akustischen Bedingungen solcher Konzerte hört man Fehler
wesentlich deutlicher, während Fehler bei Konzerten mit einer ganzen
Band oft einfach im Krach verschwinden. Es erfordert auch Disziplin,
meine Songs, die auf meinen Alben ja recht opulent arrangiert sind, so
minimalistisch umzusetzen. Aber wir drei sind sehr gute Gitarristinnen
und ich finde das, was wir machen, ist was wirklich Cooles und
Spezielles.
POPCONNECTION: Wie hast du deine beiden Kolleginnen eigentlich kennen gelernt?
Charlotte Hatherley:
Charley Stone kenne ich durch meine erste Band, von der ich vorhin
erzählte. Sie ersetzte mich als ich bei Ash einstieg. Vermutlich war
sie auch besser als ich. (lacht) Jen Fuse spielt in einer Band namens
Stuffy And The Fuses. Durch ihren Drummer Stuffy, der in der Band von
Graham Coxon spielt, lernte ich Stuffy And The Fuses kennen.
POPCONNECTION: Planst du demnächst mal wieder mit einer kompletten Band aufzutreten?
Charlotte Hatherley:
Ich weiß nicht, ich bin mir da zur Zeit sehr unsicher. Es touren
momentan einfach so viele Rockbands. Da ist es schön, mal was Anderes,
was Spezielleres zu sehen, was unsere Akustikshows auch wirklich sind.
Außerdem kommt's auch darauf an, wie viel Geld du hast. (lacht) Denn
als sich selbst finanzierender Solo-Künstler kann ich es mir nicht
leisten, mit einer vollständigen Band das ganze Jahr zu touren. Als
Trio hingegen ist es relativ einfach, auf größere Touren zu gehen. Ich
bin ja Künstler meines eigenen Labels und zahle für alles selbst. Wenn
ich wieder genug Geld besitze, um eine komplette Band einzusetzen,
werde ich das tun.
POPCONNECTION: Wie kam es dazu, dass du dein eigenes Label gegründet hast?
Charlotte Hatherley:
Ich gründete mein eigenes Label, um mein aktuelles Album zu
veröffentlichen. Es war schwierig, aber letztendlich großartig. Denn
alles steht nun schon bereit für mein nächstes Album, dass ich 2008
nach einer kurzen Pause angehen möchte.
POPCONNECTION: Was können wir außerdem von dir in näherer Zukunft erwarten?
Charlotte Hatherley:
Hm, ich bin mir nicht ganz sicher... ich habe in letzter Zeit auch viel
mit anderen Bands gespielt, was wirklich aufregend war und mich an
seltsame, exotische Orte gebracht hat. Das werde ich wohl auch in
nächster Zeit tun, doch Priorität hat mein nächstes Album. Luke Smith
von der (nicht mehr existierenden, Anm. d. Verf.) Band Clor wird es
produzieren. Im Grunde soll es ein großes Pop-Album werden. Ich kann es
kaum erwarten.
POPCONNECTION: Ich muss sagen, dass mir euer Soundcheck sehr sehr gut gefiel! Klang sehr rund und ausgewogen das Ganze.
Charlotte Hatherley:
Vielen Dank! Zunächst waren es nur Jen und ich, später holten wir noch
Charley ins Boot. Zu dritt klingt's wesentlich besser. Mit mehr als
drei Musikern in diesem Akustik-Arrangement wäre der Sound wohl
überladen. Charley, die im gleichen Raum sitzt und sich zurechtmacht, kommentiert mit mädchenhafter Stimme: Ich mag Dreier. (alle lachen) Ja, wir mögen nun mal Dreier!
POPCONNECTION: Damit wären eigentlich all meine Fragen beantwortet. Ich danke dir für das Interview!
Charlotte Hatherley: Ich danke ebenfalls!
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