|
Atomic aus Furth im Wald
haben in ihrer 8jährigen Bandgeschichte eine durchaus beachtliche
Karriere vorzuweisen und sich mittlerweile einen überaus guten Ruf
erarbeitet. Bereits ihre erste EP "The Big Issue" (2002)
verkaufte sich in vierstelliger Höhe und schaffte es sogar mit einer
Rezension in den britischen NME. Für eine Band aus Deutschland, die zu
diesem Zeitpunkt nicht mal einen Plattenvertrag hatte, eine enorme
Sache. Vor drei Jahren haben Atomic ihren ersten Longplayer "Wonderland Boulevard"
(2005) veröffentlicht, mit dem es ihnen gelang, sich eine immer größer
werdende Fangemeinde zu erspielen und der auch bei der Musikpresse auf
positive Resonanzen stieß. Es folgten zahlreiche Konzerte sowie
Support-Shows für namhafte Künstler wie Paul Weller, Kula Shaker und
die Babyshambles. Nun liegt mit "Coming Up From The Streets"
das zweite Album vor, das die Band in neuer Besetzung - Thomas Marschel
(Gesang), Rainer Marschel (Gitarre, Gesang), Markus Schalk (Gitarre),
Holger Jacob (Bass), Daniel Peucker (Schlagzeug) - aufgenommen hat.
Wir haben mit Rainer Marschel über das neue Album, Support-Shows und Pete Doherty gesprochen.
POPCONNECTION:
Es ist sehr viel passiert bei euch in letzter Zeit. Ihr seid im letzten
Jahr auf der Popkomm zum besten Newcomer 2007 gekürt worden, habt
diverse Support-Shows für namhafte Künstler gespielt und habt im Moment
einen wirklich fetten Tourkalender. Also all das, wovon manch junge
Band nur träumen kann. Wie nehmt ihr das alles wahr, was da so im
Moment passiert?
Rainer: Mit großer Freude
natürlich! Das ist gut für die Stimmung. Wir respektieren die kleinen
Dinge, sowie die Großen. Aber es liegt auch einiges an harter Arbeit
von jedem Bandmitglied in dem Ganzen, damit wir uns das möglich haben
machen können. Man muss sich alles erarbeiten, zumindest war das bei
Atomic, seitdem ich diese Band mit meinem Bruder gegründet habe, schon
immer so. Ich bin froh, dass wir durchgehalten haben! Die Liebe zu dem
Ganzen und dem festen Glauben an unser Potenzial hat uns schon immer
geholfen. Das ist unser größter Vorteil.
POPCONNECTION:
Am 18. April ist euer zweites Album "Coming Up From The Streets"
erschienen. Diesmal warst nicht nur du, Rainer, alleine am Songwriting
beteiligt, sondern auch Holger hat einige Songs zum Album beigesteuert.
Wie kam es dazu?
Rainer: Das war eigentlich keine
besondere Sache wie die meisten vermuten. Bisher war es jahrelang so,
dass sich niemand in der Band, außer mir, für das Songwriting
interessiert hatte. Holger hat mir einige seiner Songs angeboten und
wir haben uns die fünf besten ausgesucht und ein wenig mit der Band
verändert, damit sie zu Atomic passen. "Oh Suzanne" war beispielsweise
von Holger eine langsame Ballade mit anderen Akkorden. Aber wir hatten
bereits zu viele Balladen am neuen Album, somit wäre der Song um ein
Haar nicht draufgekommen, wenn nicht Markus in letzter Minute die
entscheidende Idee gehabt hätte, die Akkorde, das Tempo und den
Rhythmus zu ändern. An dem Song hat auch unser Produzent Christian Höck
etwas zur radikalen Änderung beigetragen. Aber ohne Markus wäre er
wahrscheinlich nicht aufs Album gekommen. Cheers, mate! :-)
POPCONNECTION: Wie lange habt ihr insgesamt am neuen Album gearbeitet?
Rainer:
Das hat sich aus finanziellen Gründen bis zu 1 Jahr gestreckt. Beim
Debüt-Album "Wonderland Boulevard" war es ähnlich. Wir haben die neue
Platte selbst finanziert, indem wir sehr viele Konzerte gespielt haben.
Ein Album in einem Ruck aufzunehmen, wie es denn meist so üblich ist
bei Bands unserer Größe, wäre eine völlig neue Erfahrung für uns, die
wir hoffentlich noch machen werden.
POPCONNECTION: Ihr
habt ja quasi jedes Album in einer neuen Besetzung eingespielt. Von der
Ursprungsbesetzung sind ja nur noch Thomas und du übrig. Fühlt sich da
eigentlich jedes Album wie ein Debüt-Album an?
Rainer:
Nein. "Coming Up From The Streets" ist mein persönliches Debüt-Album.
"Wonderland Boulevard" fühlte sich schon immer eher an wie unser
zweites Album, weil da wurde unter anderem musikalisch viel
ausprobiert, was aber auch sehr positiv aufgenommen wurde. Aber
eigentlich müsste ein zweites Album einer Band so klingen, nicht das
erste.
POPCONNECTION: Euer neues Album trägt den Titel:
"Coming Up From The Streets". Es gibt ein Buch das heißt: "Coming Up
From The Streets: The Story of The Big Issue" von Tessa Swithinbank.
(Die Autorin war selbst 1992 bei der britischen Straßenzeitung "The Big
Issue" tätig, Anm. d. Red.) Gibt's da eine Parallele zu dem Buchtitel? Und ist es
somit dann vielleicht auch eine Anlehnung an eure EP, die ja "The Big
Issue" (allerdings wohl eher nach dem Zitat aus dem Oasis-Song, Anm. d. Verf.) hieß?
Rainer:
Zu beidem gibt's Parallelen. Da wären wir wieder beim Thema, warum sich
das neue Album für mich wie ein Debüt-Album anfühlt. "The Big Issue"
war eine Demo-EP im Eigenvertrieb veröffentlicht und davon hätten
eigentlich "Face In Heaven" und "Magic Daydream" als neu aufgenommene
Versionen auf das Debüt-Album "Wonderland Boulevard" drauf müssen. Das
wurde aber verpasst zu machen. Frag mich nicht warum, aber unser
Produzent Christian Höck hat uns letztes Jahr geraten, diese beiden
Songs noch mal aufzunehmen und aufs neue Album zu machen, da die beiden
Songs bisher nur als Demos veröffentlicht wurden und noch immer zu
unseren besten Songs zählen. Ja, "Selling the big issue" hat Liam in
"Supersonic" gesungen und ich wollte wissen was er damit meinte, wenn
ich schon unsere EP danach benenne und ich habe dann ein paar Wochen
später die Zeitung und das Buch in den Händen gehalten. Ein britischer
Albumtitel kam uns gelegen und vor 7 Jahren habe ich mir immer gedacht
"Coming Up From The Streets" wäre doch ein super passender Album Titel
für ein Atomic Debüt-Album. Den Titel merke ich mir. Dann kam es
soweit, dass der Titel zum nächsten Album, welches wir damals
aufgenommen hatten, nicht mehr gepasst hat. Das sollte dann eigentlich
zuerst nur "Wonderland" in Anlehnung an die Songtexte ("Maharaja
Sailor", "Sweetest Symphony", "Shining Star", "The Jam Out", "The
Shining", "Girlfriend In A Coma" etc.) und dem Artwork heißen. Das
zweite Wort "Boulevard" kam eigentlich nur dazu als ich bemerkte, dass
bereits viele Alben Wonderland (u. a. ein The Charlatans Album) hießen.
Eigentlich hätte "Wonderland" besser gepasst, aber ich wollte dann doch
etwas was keine aktuelle Brit-Pop Band schon als Albumtitel hatte.
POPCONNECTION:
Lass uns mal über die Songs sprechen. Ich hab mir dazu etwas ausgedacht
und zwar hab ich mir vier Songs exemplarisch aus dem Album ausgesucht
und würde dich bitten, kurz etwas dazu zu sagen...
Song Nr. 1: "Soul Sister"
Rainer:
Ich habe mal auf einen Song namens "There's No Drinking After You're
Dead" von Paul Weller gejammt und danach wollte ich einen Song mit so
einem Groove und abgehakten E-Gitarren Intro schreiben. Es ist nichts
geklaut, aber der Weller-Song diente als 100%ige Inspiration, womit der
Song "Soul Sister" geboren war. Interessant auch, die Solo-Gitarre der
beiden Intro-Riffs habe ich erst am Tag der Aufnahme über Nacht
geschrieben gehabt - da war vorher monatelang nichts. Das ist wie mit
der Trompete bei "The Good Souls". Das sind so magische Momente im
Studio, die ich mit dem Song "Soul Sister" in Verbindung bringe, da nur
wegen vier total einfachen Solotönen das Ganze so plötzlich und
kurzfristig gewachsen war, um die erste Single klarzumachen. Das war
für die komplette Band ein tolles Gefühl.
POPCONNECTION: Song Nr. 2: "She's The One"
Rainer:
Wenn ich grad eine Freundin hätte, würde ich ihr den Song doch glatt
schenken. Das Lied klingt romantisch, schrieb kürzlich jemand in der
Presse. Das stimmt! Der Track war aber eigentlich geplant schneller,
dreckiger und rockiger produziert zu werden, um als Track 2 aufs Album
zu kommen. Am Ende des Tages ist es jedoch sehr beatlesk geworden und
in der Mitte der Tracklist gelandet. Auch schön.
POPCONNECTION: Song Nr. 3: "Something Wonderful"
Rainer:
Den Song hat Holger geschrieben. Es war für meinem Bruder und mich
ziemlich schnell klar nach dem Hören des Demos, dass wir den Song für
Atomic benutzen werden. "Something Wonderful" ist eine Hymne, die wir
alle sofort euphorisch bei Atomic aufgenommen haben. Was kann ich dazu
als Linernotes noch sagen? Ach ja, interessant ist noch, Holger hatte
den Song seiner Ex-Band vor ca. 4 Jahren angeboten gehabt, aber die
Band hat den Song für ihr Live-Set und ihre CDs ignoriert, obwohl sie
damit meiner Meinung eigentlich einen Hit hätten haben können. Wir
sagen dazu: Cheers, mates! :-)
POPCONNECTION: Song Nr. 4: "High & Fall"
Rainer:
Ein gefühlvoller Song, der zur epischen Rockhymne wächst! Ha Ha, ich
höre mich jetzt wohl ein wenig ekelig an. Ich weiß, aber ich habe fei
keinen Pferdeschwanz, alles klar. Ein schönes Lied das "Coming Up From
The Streets" würdig abschließt. Das längste Lied am Album. Ich wollte
schon immer so einen Schluss für ein Album haben. Am gleichen Tag als
ich "High & Fall" geschrieben habe, schrieb ich noch zwei weitere
Lieder (u.a. "I Just Wanna Dance With You Tonight") des Albums in der
dreckigen, kalten und verschmierten LKW Garage unseres Vaters, wo mal
eine freigeräumte Ecke als Proberaum diente. Anscheinend muss es
verdammt ungemütlich sein, damit mir schöne Lieder einfallen.
POPCONNECTION:
"The Good Souls" kannte ich ja bislang nur als Live-Version. Auf der
Album-Version habt ihr nun das Riff, was live per Gitarre gespielt
wird, durch Trompete ersetzt. War das die Idee des Produzenten oder
eure Idee?
Rainer: Es war meine Idee, dass eine
Trompete das Solo-Riff am Album ersetzen soll. Mir gefiel die
Sologitarren-Melodie schon immer sehr, nur fand ich, das Ganze zu dünn,
weil wir dem Solo enorm viel Platz und Spielzeit im Arrangement
gelassen haben. Das hat den Song schon ordentlich aufgewertet, worüber
wir sehr glücklich sind. Unser Produzent Christian Höck hatte aber auch
einige tolle Ideen und Einfluss beim Arrangement anderer Songs am
Album. Den meisten wohl bei "Oh Suzanne".
POPCONNECTION: Ihr habt Paul Weller, Madsen,
Kula Shaker, Babyshambles, Sportfreunde Stiller etc. supportet und
spielt demnächst auch eine Support-Show für Tomte. Ich weiß, dass
Readymade, die damals auch sehr viele Supportshows für namhafte
Künstler gespielt haben, immer von der Presse den Stempel aufgedrückt
bekommen haben: Readymade sind "nur" eine Supportband. Was negativ
konnotiert war. Also nach dem Motto: Die stehen immer im Schatten der
großen Bands und schaffen es über einen Support-Gig nicht hinaus. Was
meint ihr dazu? Wie steht ihr zu dem Thema Support. Muss es immer
unbedingt negativ sein?
Rainer: Ich habe Readymade
zweimal live gesehen als sie eigene Konzerte gespielt haben und die
Qualität war sehr hoch. Ich hatte immer das Gefühl, eine große
eigenständige Band zu sehen. Ich wusste damals auch, dass sie wirklich
sehr viele große Acts supportet hatten, aber so läuft das Business
eben. Wenn du eine Newcomer-Band zügig groß machen willst, wird sie als
Support mit größeren Acts auf Tour geschickt und das nicht zu knapp.
Das war doch mit fast jeder Band so. Es gibt genug Bands, die erst groß
wurden, weil sie jemand als Support mit auf Tour nahm. Anders wäre das
meist nicht möglich, weil du ja irgendwie auf dich im großen Stil
aufmerksam machen musst. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber in der Regel
läuft es so. Uns helfen solche Supports sehr und das merken wir dann
auch bei unseren eigenen Konzerten. Nachdem wir z. B. die Babyshambles
in Wien supportet hatten, spielten wir den Monat darauf ein eigenes
Konzert im Wiener Flex und es war der Hammer. Niemals zuvor hatten wir
so viele und ebenso euphorische Konzertbesucher bei einem eigenen
Wien-Konzert und solange die eigenen Gigs zu den Support Shows
überwiegen, mache ich mir keine Sorgen. Wir haben bisher nur positive
Erfahrungen damit gemacht, aber ich kann mir schon vorstellen, wenn
Support-Shows zu eigenen Konzerten in der Anzahl überwiegen, es schon
auch zur Kritik kommen könnte.
POPCONNECTION: Wie kam es dazu, dass ihr die Babyshambles bei
zwei Shows in Österreich supportet habt?
Rainer: Das
war keine außergewöhnliche Geschichte. Wir, also um genau zu sein mein
Bruder Thomas hat unseren Österreich Booker gefragt, ob wir die beiden
Shows supporten können. Dieser hat dann das Management der Babyshambles
kontaktiert, uns vorgestellt, die haben sich Atomic angehört, uns für
gut und passend befunden und das war's eigentlich. Ich kann mir
vorstellen, dass ihr jetzt etwas aufregenderes erwartet habt, haha!
POPCONNECTION:
Wie war's denn Backstage mit Pete Doherty? Gibt's da irgendwelche
interessanten Geschichten zu erzählen? Und wie war euer Gig?
Rainer:
Beide Gigs waren sehr erfolgreich und angenehm zu spielen. Wobei das
Publikum in Graz schon bemerkenswert gut war. Backstage mit Pete? Er
war echt total cool, ruhig, freundlich und ein wenig verplant, was ihn
aber noch sympathischer machte als er eh schon war. In Wien hat er sich
unseren Gig angeschaut und uns gelobt. Die interessanteste Geschichte
Backstage war die, als er unsere CD "Wonderland Boulevard" geschenkt
bekommen hatte und sich in das Cover Artwork verliebt hatte. Plötzlich
kam er immer wieder zu uns zurückgelaufen und fragte, woher man solche
Covers bekommt und ob er auch einen "Tokio Hard Blow" bekommen könnte.
Das lies ihm wirklich keine Ruhe. Und wer solche Covers hat, muss auch
etwas dabei haben, meinte er! Schaut euch das Album Cover genauer an,
dann wisst ihr vielleicht was ich meine.
POPCONNECTION:
Ihr habt ja jetzt auch die Möglichkeit gehabt, durch eben Gigs mit den
Babyshambles oder Sportfreunde Stiller in ausverkauften Hallen zu
spielen. Normalerweise spielt ihr ja in kleinen gemütlichen Clubs. Ihr
kennt also nun beides. Wie fühlt es sich an in einer
ausverkauften Halle zu spielen? Und was ist euch lieber? Sagt
ihr: Wir haben jetzt Blut geleckt und wollen auf die großen Bühnen?
Oder sind euch die Shows in kleinen intimen Clubs doch lieber? (Ich hab
nämlich schon Musiker getroffen, die gesagt haben: Mich nerven die
kleinen Shows an, da spiel ich lieber "nur" als Support aber vor einem
großen Publikum)
Rainer: Solche Musiker kann ich
nicht verstehen. Das ist respektlos und einfach nur zu bequem. Ebenso
nur als Support wahrgenommen zu werden, macht ja auf Dauer auch keinen
Spaß. Man will schon auch seine eigenen Konzerte spielen, wo man
einfach die 100%ige Aufmerksamkeit bekommt und dann macht es auch
nichts, wenn beispielsweise nur 50 Leute da sind, was uns
glücklicherweise mittlerweile nur noch sehr selten passiert. Das macht
aber desöfteren sogar mehr Spaß als ein dicker Support mit 1.500
Leuten. Aber ausverkaufte Support-Shows sind auch super. Die Shows mit
Paul Weller, Babyshambles, Madsen oder den Sportfreunden waren spitze.
Man fühlte sich wie der Hauptact in gewisserweise und das spricht auch
für deren Publikum, welches uns immer sehr herzlich aufgenommen hatte.
An dieser Stelle einen Riesendank an die Bands und deren Publikum, die
uns alle super aufgenommen haben und viele davon jetzt auch unsere
eigenen Konzerte besuchen. Ich kann sagen, uns macht beides Spaß. Die
Abwechslung macht alles viel interessanter und aufregender. Ich kann
noch soviel Blut lecken, aber auf Club Gigs würde ich niemals
verzichten wollen.
POPCONNECTION: Und zum Schluss noch: Was läuft momentan in deinem CD-Player?
Rainer: Duffy, The Last Shadow Puppets, Mark Ronson, The Kooks und Marvin Gaye.
POPCONNECTION: Vielen Dank für das Interview!
|
|