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Nachdem ich vor etwas mehr
als zwei Jahren die Ex-Ash-Gitarristin Charlotte Hatherley interviewen
und musizieren sehen durfte, habe ich nun einen Gesprächstermin mit
Ash-Frontmann Tim Wheeler. Ich erinnere mich daran, wie ich die
Nordiren seit Ende der 90er im TV immer mal wieder auf großen Bühnen
(unter anderem beim Glastonbury-Festival) und in leicht kitschigen und
doch irgendwie tollen Videoclips wie "Burn Baby Burn" gesehen habe.
Auch
nach mittlerweile 17-jähriger Bandgeschichte gelingt es den
Herrschaften noch immer, unglaublich energetisch, eingängig und kreativ
zu sein. Beweis dafür ist die Songkollektion "A–Z Vol. 1", die am 30. April erscheinen und 13 neue Tracks enthalten wird – darunter "True Love 1980" und "Arcadia". Songkollektion
deshalb, weil Ash sich dazu entschlossen haben, das klassische
Albumkonzept hinter sich zu lassen und in kürzeren Abständen
ausschließlich Singles zu veröffentlichen.
Im Mai wird Ash bei
mehreren Deutschland-Konzerten die Fans hierzulande auch live
begeistern. Dass die Band live ein absolutes Erlebnis ist, ist auch
außerhalb der Ash-Fangemeinschaft bekannt.
Verdammt
sympathischer und bescheidener Kerl, dieser Tim Wheeler. Begrüßt mich
mit großem, etwas hektischem Lächeln und wachen Augen und strahlt
während des gesamten Interviews eine enorme Freundlichkeit aus.
POPCONNECTION: Die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es dir?
Tim:
Mir geht's gut. Obwohl ich letzte Nacht kein Auge zugedrückt hab. Doch
mir geht's gut, keine Ahnung, wieso. Vielleicht werde ich gerade zum
Vampir. (lacht)
POPCONNECTION: Vielleicht bist du zurzeit auch einfach glücklich mit Ash…
Tim:
Ja, ich bin begeistert! Es ist auch cool, einfach mal für einen Tag
nach Berlin zu fliegen und sich mit Leuten zu unterhalten. Das gibt dir
ein besonderes Gefühl.
POPCONNECTION: Was steht denn in den nächsten Tagen bei euch an?
Tim:
Morgen geht's nach Irland, in wenigen Tagen werden wir dort ein Konzert
geben. Danach werde ich dort meine Eltern besuchen und schließlich
wieder nach New York City (Tims Wahlheimat, Anm. d. Verf.) fliegen. Dort stehen Proben für Konzerte in New York, Japan und Europa an.
POPCONNECTION: Das japanische Publikum ist ja für seine ganz eigene Art der Höflichkeit bekannt. Wie ist denn dein Eindruck?
Tim:
Ja, einerseits verlieren sie sich in der Musik und können echt wild
werden, andererseits sind sie zwischen den Songs vollkommen ruhig. Sie
wollen dir dann die Gelegenheit geben, etwas zu sagen. Bei dieser
Stille fragt man sich dann schon fast, ob man vielleicht gerade etwas
Falsches gesagt hat. (lacht)
POPCONNECTION: Werdet ihr bei den anstehenden Shows zu dritt oder mit Zusatzmusikern auftreten?
Tim:
Russel von Bloc Party wird als zusätzlicher Gitarrist und Keyboarder
bei den nächsten Konzerten dabei sein. Ob er zu allen europäischen
Shows mitkommen wird, wissen wir leider noch nicht. Seit dem Ausstieg
von Charlotte hatten wir live immer zu dritt gespielt.
POPCONNECTION: Wie hat sich der Sound im Studio und auf der Bühne nach Charlottes Ausstieg verändert?
Tim:
Im Studio hat sich nicht viel verändert, dort hat man ja viele
technische Möglichkeiten. Live ist es mit einer statt zwei Gitarren
natürlich anders. Es ist cool, alles zu dritt zu spielen, doch manchmal
vermisst man vielleicht den Sound, der durch die Kombination von zwei
Gitarren entsteht. Andererseits haben wir durch den Wegfall einer
Gitarre mehr Raum in unserem Sound. Ich mag beides.
POPCONNECTION:
Vor etwas mehr als zwei Jahren habe ich Charlotte übrigens interviewt
und live gesehen – eine echt gute Sängerin und Gitarristin. Erwägt ihr,
irgendwann wieder ein viertes Mitglied in die Band zu holen?
Tim: Charlotte ist tatsächlich eine großartige Sängerin, Gitarristin und Songwriterin – das ganze Paket also. (lacht)
Ich glaube nicht, dass wir wieder ein viertes Bandmitglied haben
werden. Aber wer weiß – vielleicht stellt sich bei den Shows mit
Zusatzmusikern ja heraus, dass wir für Konzerte ein festes Bandmitglied
haben wollen.
POPCONNECTION: Wie würdest du eure neue Songkollektion "A–Z Vol. 1" beschreiben?
Tim:
Ich find's cool, weil es kein klassisches Album ist. Es ist eine
Sammlung von Songs, die nicht für ein Album bestimmt waren und deshalb
eine große Bandbreite an Sounds bieten. Auch wenn es viele Elemente
gibt, die die Songs miteinander verbinden. Ich konnte die Songs
schreiben, ohne im Hinterkopf haben zu müssen, dass sie in ein
bestimmtes Albumkonzept passen müssen. So habe ich innerhalb kurzer
Zeit 26 Singles geschrieben, von denen wir alle zwei Wochen eine
herausbringen. Ich will keine Alben mehr aufnehmen. Die Arbeit von zwei
Jahren wird mit einem Schlag herausgebracht und dann kannst du ein paar
Jahre lang nicht verschwinden. Dadurch, dass wir nun ein Jahr lang alle
zwei Wochen eine neue Single herausbringen, haben wir einen
konstanteren Kontakt zu unseren Fans.
POPCONNECTION: Wie würdest du Ash jemandem beschreiben, der kein Fan ist und euch noch gar nicht kennt?
Tim:
Wir machen hauptsächlich energetische Up-Tempo-Songs mit großen
Melodien. Im Kern sind es Popsongs, jedoch mit Rock- und Punkeinflüssen
und gelegentlichen Heavy-Metal-Soli. (lacht) Auch Synthie-Elemente sind dabei. Textlich geht es in den Songs hauptsächlich um Eskapismus und Romantizismus.
POPCONNECTION: Wie hast du eigentlich mit dem Musizieren begonnen?
Tim:
Als ich etwa acht war, bekam ich meine ersten Klavierstunden, was mich
nicht so sehr beeindruckte zu der Zeit. Nur wenig später entdeckte ich
Rockmusik und verliebte mich in Gitarren. Als ich und unser Bassist
Mark (Hamilton, Anm. d. Verf.) etwa elf Jahre alt waren, bekamen wir Gitarren zu Weihnachten und wollten eine Band gründen. Das war vor über 20 Jahren.
POPCONNECTION: Ihr habt echt eine lange Reise hinter euch.
Tim: Oh ja. (lacht)
Es dauerte danach eine Weile, die richtigen Leute für unsere erste Band
zu finden. Herauskam eine absolut schlechte Möchtegern-Metal-Band.
POPCONNECTION: Meines Wissens waren du und Mark am Schluss die einzigen verbliebenen Mitglieder.
Tim: Stimmt. Danach trafen wir auf Rick (McMurray, Anm. d. Verf.). Rick war ein seltsamer Bursche, doch leider der Einzige in unserem Umfeld, der Schlagzeug spielen konnte. (lacht)
POPCONNECTION: Gibt es bestimmte Musiker, mit denen du in Zukunft gern mal arbeiten würdest?
Tim:
Ich würde gern mal in Richtung Ambient gehen, vor allem nachdem ich nun
innerhalb kurzer Zeit 50 Rock-Pop-Songs geschrieben habe. Ich könnte
mir da eine Koproduktion mit Paul Buckmaster vorstellen. Er ist
verantwortlich für die Streicher-Arrangements auf unserem letzten Album
"Twilight Of The Innocents" und hat unter anderem schon mit Elton John,
Leonard Cohen, den Rolling Stones und Carly Simon zusammengearbeitet.
Mit Moby könnte ich mir auch eine Kollaboration vorstellen. Er lebt
auch in New York City, und wir waren mal mit ihm auf Tour. Ich hätte
eigentlich wirklich Lust auf was Schräges.
POPCONNECTION: Wie schafft ihr es eigentlich, noch immer so frisch zu klingen wie auf eurer neuen Songkollektion?
Tim:
Man muss sich ständig herausfordern. Die Erkenntnis, dass ich in kurzer
Zeit 26 Singles schreiben musste, hat mich stark angetrieben, zumal ein
Song wirklich eine hohe Qualität haben muss, damit er eine
Daseinsberechtigung als Single hat. Außerdem liebe ich es einfach immer
noch, das zu tun, was ich tue. Eine Menge positive Energie fließt
deshalb in unsere Musik ein.
POPCONNECTION: Die spürt man bei eurer Musik in der Tat. Was habt ihr denn für Zukunftspläne?
Tim:
Das ist noch ziemlich offen. Ich würde gerne mal was ganz anderes
machen, Soundtracks beispielsweise. Andererseits will ich auch
weiterhin viele Songs schreiben. Es kann aber auch sein, dass wir
nächstes Jahr eine Pause einlegen werden, wir werden sehen.
Übrigens: Cooles T-Shirt! (deutet auf mein Joy-Division-Shirt) Ich kenne Bernard Sumner (Joy Division-Gitarrist, Anm. d. Verf.) persönlich, wir sind beide komplett durchgeknallt. (lacht)
POPCONNECTION: Dabei wirkt ihr beide eigentlich recht normal. (ich lache ebenfalls) Ich wünsche dir und Ash alles Gute für die Zukunft und danke dir für das Interview.
Tim: Ich danke ebenfalls.
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