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Schmähkritik: Der Münchner Konzertbesucher




"...aber das allerschlimmste ist, dass wir hier in München ein Publikum haben, das hinten und vorne von nix eine Ahnung hat!" – Monaco Franze, Folge 1 - Die Opernkritik

Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich ja an so einiges. Also auch an das Münchner Konzertpublikum, dem man ja schlecht ausweichen kann, wenn man selbst gerne Livemusik hört. Der Münchner geht aber gar nicht so sehr der Musik wegen zu einem Konzert, sondern eigentlich nur, um dort Freunde zu treffen und sich über dieses und jenes zu unterhalten. Da der Münchner mehr Geld hat als andere Menschen, gibt er gerne 20 Euro und mehr aus, um sich bei seinen freundschaftlichen Gesprächskreisen mit Live-Hintergrundmusik unterhalten zu lassen. Teures Bier gibt’s auch auf Konzerten, da sagt der Münchner nicht nein. Da er auf dem Weg von der Bar zurück zu den Freunden so oft herumstehende Menschen anstoßen und treten muss, verschüttet er die Hälfte und muss sich deshalb umso öfter zur Bar durchkämpfen. Wer viel Bier trinkt, muss auch oft zur Toilette. Also wieder durchkämpfen, dutzende Menschen stoßen, treten, nerven, WC aufsuchen und das ganze rückwärts. Die übrige Zeit, in der er dann nicht mit pinkeln, Bier kaufen, treten, stoßen, drängeln und nerven beschäftigt ist, unterhält sich der Münchner mit seinen Freunden. Live-Musik ist laut, deshalb muss er ziemlich schreien. Und da er schon mal dabei ist, schreit er auch weiter, wenn die Künstler auf der Bühne gerade bei einem besonders ruhigen Stück angelangt sind.

Als musikinteressierter Besucher eines Konzerts hat man sich im Laufe der Zeit ein hartes Fell zugelegt. Jahrelange Übung führt dazu, dass man sich mit beeindruckender Selbstbeherrschung so angestrengt auf die Musik konzentrieren kann, dass alle Nebengeräusche, Rempeleien, ja sogar das verschüttete Bier von einem abperlen. Den unglaublichen Hass, den man seinen Mitmenschen gegenüber entwickelt, spült man mit einem großen Schluck Bier (das Bier hat man sich natürlich vor Beginn des Konzertes geholt) einfach runter. Das klappt. Meistens. Aber manchmal ist das Münchner Publikum einfach zu anstrengend.

Der Abend mit Get Well Soon war eines dieser Konzerte. Das Unheil nahm seinen Lauf, als das Konzert vom kleinen Ampere in die deutlich größere Theaterfabrik verlegt wurde. Das Konzert hatte noch gar nicht begonnen, als die Nerven der musikinteressierten Besucher von den umstehenden Plaudergruppen schon arg strapaziert wurden. Vogelgezwitscher aus den Boxen deutete nämlich an, dass das Konzert jeden Moment beginnen müsste. Die plaudernden Massen bekamen davon natürlich nichts mit. Nachdem das Konzert begonnen hatte, hielt sich die Ignoranz des Publikums nur kurz zurück, was wohl der Videoinstallation und der Neugierde geschuldet war. Aber schon nach kurzer Zeit schwoll der Geräuschpegel im Auditorium wieder an und blieb auf konstant hohem Niveau. Ganz egal, was Konstantin Gropper und Kollegen auf der Bühne auch veranstalteten.

Auch als einigen musikinteressierten Besuchern schließlich der Geduldsfaden riss und diese mit lauten "Ruhe!"- und "Schnauze halten!"-Rufen versuchten, den ignoranten Münchner Konzertbesucher zum Schweigen zu bringen, stellte dieser seine Gespräche nicht ein. Wo sollte man sich denn auch sonst über den Arbeitstag austauschen? Oder die Uni?

Als musikinteressierter Besucher hat man dann mit Mordphantasien zu kämpfen, die sich in Gedanken ausbreiten und irgendwann eben jene volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die man doch eigentlich der Band widmen wollte. Während man also gerade überlegt, ob man einen erwachsenen Mann mit einem Plastik-Bierbecher erschlagen kann und wenn ja, wie viele Schläge man dafür wohl benötigen würde, spielt sich die Band durch ihr Set.

Get Well Soon waren glücklicherweise so unfassbar gut, dass die Mordphantasien irgendwann wieder zurückgedrängt wurden und die gesamte Konzentration wieder der Band gelten konnte. Aber, Münchner Konzertbesucher! Sei gewarnt. Insbesondere auf Konzerten, auf denen Bier nicht in Plastikbechern, sondern in Flaschen ausgeschenkt wird. Dann...

Wer sich jetzt über die Geschlechter-Ungerechtigkeit aufregen möchte: Die Münchner Konzertbesucherin ist nicht weniger schlimm. Sie muss nur noch öfter zur Toilette.


Text: Andreas Kussinger

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Letzte Aktualisierung: 23.05.2010
 
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