Bei den Jungs von Delphic handelt es sich um ausgesprochene Perfektionisten. Das wird einem spätestens klar, wenn man aufgrund eines Soundchecks, der am Ende länger als das eigentliche Konzert dauern wird, auf die Band warten muss. Kurz danach findet man die drei Mancunians im Backstageraum über ihre Laptops gebeugt. James verkündet sogleich, dass er beim Interview leider passen muss, er arbeite gerade noch am Sound für heute Abend. Rick und Matt geben dafür gerne Auskunft. Ein Gespräch über Hypes, Manchester und das Champions-League Finale 1999.
POPCONNECTION: Hallo, wie geht's euch?
Rick: Gut, danke! Die Tour läuft gut, wir haben jetzt ungefähr Halbzeit. Und auch Spaß und Erschöpfung halten sich ungefähr die Waage.
POPCONNECTION: In Eurer Heimat werdet ihr als Band der Stunde gehandelt. Wie gut könnt ihr mit dem Hype leben? Ist es Motivation oder eher ein Handicap? Rick: Ja stimmt, scheinbar erwarten sich einige Leute ziemlich viel von uns.
Matt: Aber eigentlich werden wir mit dem Hype nur konfrontiert, wenn wir von Journalisten darauf angesprochen werden. Wir denken da nicht großartig darüber nach. In so einer Band führt man ja auch ein etwas eigenartiges Leben. Wir sind ständig unterwegs, haben Auftritte und versuchen, an neuen Songs zu arbeiten. Wir schotten uns da eigentlich komplett ab und leben in unserer eigenen Welt. Es ist nicht so, dass wir die Presse akribisch studieren und feststellen "hey, wir werden gehyped". Wir versuchen einfach, unser Ding durchzuziehen.
Rick: Wenn dann jemand wie du kommt und sagt‚ ihr seid "die Band der Stunde" denken wir uns "Okay, cool, Dankeschön", lassen uns davon aber nicht blenden. Eigentlich ist es ja auch grotesk, mit so vielen Vorschusslorbeeren geschmückt zu werden, bevor das Album überhaupt draußen ist. Um auf die Frage zurück zu kommen: Ja, es ist beides. Der Hype ist sehr hilfreich, weil wir dadurch einem größeren Publikum bekannt werden, andererseits ist der Druck natürlich auch enorm.
POPCONNECTION: Der Hype ist mittlerweile auch auf dem europäischen Festland angekommen...
Rick:(lacht) Oh wirklich? Na wenn du das sagst… POPCONNECTION: Vielleicht habt ihr mitbekommen, dass ihr fast ausschließlich ausverkaufte Clubs vorfindet, egal, wo ihr spielt. Das ist doch ein untrügliches Zeichen.
Matt: Ja, das ist super und definitiv einer der Vorteile, wenn man gehyped wird. Besonders in Deutschland macht es eine Menge Spaß, vor ausverkauftem Haus zu spielen. Das deutsche Publikum steht unserer Musik sehr aufgeschlossen gegenüber. Wir haben immer das Gefühl, sehr geschätzt zu werden.
POPCONNECTION: Vor ein paar Wochen habt Ihr das Debütalbum "Acolyte" veröffentlicht. Was hat es mit dem Namen auf sich? Woran glaubt ihr, wem eifert ihr nach?
Rick: Ja da kann man natürlich viel hinein interpretieren. Ich denke, wir haben den Titel vor allem deshalb ausgewählt, weil es ein schönes, positives Wort ist. Glaube, Hoffnung, Energie, das sind alles sehr positive Werte, die man damit in Verbindung bringt. Es steht für das "nach vorne streben", die Überzeugung, etwas besser als zuvor zu machen.
POPCONNECTION: Der Titel des Albums ist natürlich auch aus einem ganz anderen Grund interessant. Ihr seid aus Manchester und werdet von der Musikpresse schon als die legitimen Erben von New Order gehandelt. Oder anders gesagt: Ich habe einfach eine vernünftige Überleitung gesucht zu der "New Order-Sache"...
Matt:(lacht) Oh, sehr kreativ.
POPCONNECTION: Also, was haltet ihr von Vergleichen mit New Order oder auch den Stone Roses? Sehr ihr euch in der Tradition dieser großen Bands aus Manchester?
Matt: Also wenn diese Vergleiche darauf abzielen, dass wir uns in eine Reihe großartiger Bands aus Manchester einreihen, dann nehmen wir das Kompliment gerne an. Natürlich hoffen wir auch, dass unsere Musik gut ankommt und vielleicht die Zeit überdauert. Aber es ist doch noch viel zu früh, um darüber eine Prognose abgeben zu können. Davon abgesehen sind solche Vergleiche immer eine schwierige Sache. Jede Band lässt sich inspirieren von anderen großartigen Bands. So gesehen verwaltet man immer das Erbe der Bands vergangener Jahrzehnte. Und speziell auf New Order bezogen: Klar finden sich in unseren Songs Elemente von New Order. Aber doch auch so viel mehr, was überhaupt gar nichts mit New Order zu tun hat.
POPCONNECTION: Vom wem lasst ihr euch inspirieren?
Rick: David Beckham
POPCONNECTION: Obwohl er Manchester den Rücken gekehrt hat?
Matt: Ach, wir haben ihm verziehen...
Rick: Bist Du Bayern-Fan?
POPCONNECTION: Ja. Ich denke ich weiß, worauf du hinaus willst...
Rick:(lacht) Ja, wollen wir nicht länger in der Wunde bohren... (Im Champions-League Finale 1999 hat Manchester United dem FC Bayern München durch zwei Tore in der Nachspielzeit den sicher geglaubten Sieg in letzter Sekunde weggeschnappt, Anm. d. Red.)
POPCONNECTION: Wir haben euch auch verziehen. Und, musikalische Einflüsse?
Matt: Viele! Elektronische Bands wie Kraftwerk, Innovative Künstler wie Björk oder Radiohead… Und noch so viele andere Musiker, die wir bewundern. Wir wollen niemanden kopieren, unsere Musik soll aber genauso interessant und innovativ klingen. Das ist unser Ziel. David Bowie fällt mir noch ein. Er hat bewiesen, dass man sich ständig weiterentwickeln kann, ja muss. Ein echtes Vorbild.
POPCONNECTION: Seid ihr Perfektionisten?
Matt: Perfektionisten, Kontroll-Freaks... Nenn uns wie du willst, es ist wahr. Da gibt es nichts zu leugnen.
POPCONNECTION: Entsprechend schwierig gestaltete sich die Suche nach einem Produzenten, oder?
Rick: Ja das stimmt. Das Problem ist einfach, dass wir monatelang an unseren Songs gearbeitet hatten. Es fiel uns nicht leicht, dieses eigentlich fertige Material dann jemand Dritten anzuvertrauen, der daran wieder herzumspielt. Wenn man elektronische Musik macht, kann man das Songwriting und die Produktion nicht so gut trennen wie bei konventionellen Gitarrenbands. Also wollten wir unser Material ursprünglich von A bis Z selbst produzieren. Schließlich haben wir aber doch gemerkt, dass wir ein bisschen Hilfe brauchen könnten. Zu so einem späten Zeitpunkt einen Fremden an die Songs ranzulassen war sehr schwer. Deswegen dauerte es eine Weile, bis wir an Ewan Pearson geraten sind. Er hatte eine Herangehensweise, die uns gefallen hat. Wir hatten einfach das Gefühl, dass er die gleiche Vision hatte wie wir.
POPCONNECTION: Aber es war trotzdem ein hartes Stück Arbeit...
Matt: Ja das stimmt. Es hat schon auch weh getan, dass er die Songs wieder zerlegt und neu zusammen gebastelt hat. Wir hatten ja im Grunde schon alles fertig. Er sagte dann "Jungs, ihr habt schon zu viel herum programmiert". Er musste uns da immer wieder bremsen.
POPCONNECTION: Welche Pläne habt ihr für die nahe Zukunft?
Matt: Gute Musik machen! Zunächst einmal natürlich viel touren, ich denke, dass wir im Mai schon wieder nach Deutschland kommen werden. Aber wir freuen uns auch wirklich darauf, wieder ins Studio zu gehen, um neue Songs einzuspielen. Wir arbeiten ja eigentlich ständig an neuem Material.
Mit seinem zweiten Album Poet der Affen / Poet Of The Apes hat der Bochumer Musiker Tommy Finke gleich zum doppelten Schlag ausgeholt und sein Zweitlingswerk in zweifacher Ausführung als Doppel-Album in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht. Dies stellt gewissermaßen ein Novum dar, denn bisher hat noch kein deutschsprachiger Musiker einen derartigen Versuch unternommen. Welche Idee dahinter steckt, hat uns Tommy Finke im Interview verraten.
POPCONNECTION: Du hast das Album als Doppelalbum mit einer deutschen und englischen Version veröffentlicht. Welche Idee steckt dahinter?
Tommy Finke: Seit ein paar Jahren hat das Internet dazu geführt, dass unheimlich viele Leute von wo-auch-immer meine Musik gehört haben und ich immer wieder Mails bekam mit Fragen zu meinen Texten. Anfangs habe ich hier und da auf die Textfragen geantwortet, dann habe ich die Texte übersetzt und rumgeschickt, manchmal habe ich sogar Übersetzungsvorschläge zugeschickt bekommen. Nach "Repariert, was Euch kaputt macht!" war klar, dass ich eine bilinguale Platte machen musste.
POPCONNECTION: Kannst du kurz etwas zum Entstehungsprozess der Platte erzählen? Wie war deine Herangehensweise insbesondere an die englischen Versionen?
Tommy Finke: Erstmal muss ich mit einem weit verbreiteten Missverständnis aufräumen: Ich habe die Songs nicht auf deutsch geschrieben und dann übersetzt, das wäre mir viel zu plump gewesen. Vielmehr habe ich die Songs parallel auf deutsch und englisch geschrieben. Ich habe mich in dieselbe Stimmung versetzt, die Strophen nebeneinander aufgebaut. Manche Lieder sind daher näher aneinander als andere. Man sollte die beiden Versionen der Songs also eher als eine lange Version eines Liedes betrachten, die geteilt wurde. Um meinen Kopf wieder komplett in "english mode" zu bekommen, habe ich mich außerdem wochenlang mit englischsprachigem Radio, Filmen und Menschen umgeben.
POPCONNECTION: Abgesehen von der zwei-sprachigen Version, was unterscheidet "Poet der Affen / Poet Of The Apes" vom Vorgänger "Repariert, was Euch kaputt macht"?
Tommy Finke: Während "Repariert..." noch die Wunden der zuvor geschehenen Bandauflösung meiner damaligen Gruppe "Stromgitarre" mit sich rumträgt - d.h. ich musste lernen, das Studio komplett für mich allein zu nutzen, um dann wieder Musiker dazuzuholen - ist "Poet der Affen / Poet Of The Apes" gezeichnet von einem vertrauteren Studioprozess und inzwischen wieder festen Musikern, mit denen ich die Songs auch vorher intensiv durchproben konnte. Gerade durch den Proberaumprozess konnte ich diesmal einen großen Teil der Spontanität festhalten, der einigen Nummern auf "Repariert..." zu fehlen scheint. Hört man sich Nummern wie "Die B-Seite der Single" an, dann merkt man das sofort. Das Arrangement war vor der Aufnahme ziemlich neu entstanden.
POPCONNECTION: Du hast eine Förderung durch die "Initiative Musik gGmbH" erhalten. Wie kam es dazu und was hältst du generell von dieser Fördereinrichtung der Bundesregierung?
Tommy Finke: Förderungen von Seiten der Politik sind natürlich ein zweischneidiges Schwert, gerade, wenn man wie ich so einen leichten Punkeinschlag mitbringt. Aber ganz ehrlich: ohne die Förderung hätten wir es sehr viel schwerer mit der Platte gehabt und in Schweden etc. ist das ja auch an der Tagesordnung, dass der Staat fördert. Wie sonst kommen die ganzen guten Schwedenbands hier rüber? Da die Initiative als Geldgeber fungiert und in den Aufnahmeprozess nicht reinredet ist das doch eine ziemlich gute Art der Förderung, weil man sich nicht verbiegen muss.
POPCONNECTION: Du hast ein eigenes Label ("Retter des Rock") auf dem auch dein vorheriges Album "Repariert, was Euch kaputt macht" erschienen ist. Wie bist du auf die Idee gekommen ein eigenes Label zu gründen und was genau kann man sich unter dem Label vorstellen?
Tommy Finke: Die Idee hatte ich mehr oder weniger aus der Not heraus. Immer, wenn eine Plattenfirma zugesagt hatte, mein Album zu machen, war sie auch schon wieder Pleite oder der Verantwortliche gefeuert. Also habe ich das dann selbst in die Hand genommen. Im Prinzip ist mein Label aber gar nicht so spektakulär. Letzten Endes geht es darum, eine Plattform für Freunde von mir zu schaffen, die Ihre Platten so in die Läden kriegen. Ich gebe 100% der Gewinne dann an die Künstler ab.
POPCONNECTION: "Poet der Affen / Poet Of The Apes" ist auf dem Label ROOF Music erschienen. Wie kam der Kontakt zustande?
Tommy Finke: ROOF Music sitzt ja in Bochum und über die Jahre gab es immer mal wieder Kontakte. Irgendwann jetzt mit den Demos und dem Konzept von der neuen Platte hat man sich dann glücklicherweise mal konkreter zusammengesetzt und das Ding dann einfach in Angriff genommen. ROOF hat da auch ein bisschen Mut zum Risiko bewiesen, denn von den 13 Stücken haben die gerade mal 4 im Rohmix gehört und zugesagt. Es hätte also auch ein völliger Griff ins Klo werden können. Aber sowohl Künstler als auch Label sind in diesem Fall sehr zufrieden mit dem Ergebnis.
POPCONNECTION: Es sind mit "Stop The Clocks" und "Die Arroganz der Gosse" zwei Songs auf dem Album, deren Titel mit Oasis in Verbindung stehen. Welchen Bezug hast du zu Oasis und inwiefern hat dich die Band in deinem musikalischen Schaffen beeinflusst?
Tommy Finke: Oasis, speziell Noel Gallagher, liebe ich für die Klarheit und den Dilettantismus in den Liedern. Eine Sache, die man sonst vielleicht im Punk findet. Der Wille, einen Song zu schreiben, auch wenn man nur ein mäßiger Gitarrist ist. Diese Art von Attitüde, die in den Songs liegt, diese Art von - wenn man so will - essentieller Simplizität, die ist auch bei mir zu finden. Der Glücksgriff ist eben daraus die epische Breite zu schaffen, die den Song im Herzen aufgehen lässt.
POPCONNECTION: Was ist zuerst da - der Songtitel oder der Text? Wie ist diesbezüglich deine Herangehensweise beim Songwriting?
Tommy Finke: Ich schreibe Lieder nach Titeln, es ist ein sehr sloganhafter Arbeitsprozess bei mir. Sobald der Titel steht schreibt der Rest sich nahezu automatisch im Fluss. Die besten Lieder brauchen dabei selten mehr als 10 Minuten, um sich fertigzuschreiben.
POPCONNECTION: Du hast Remixe für u.a. Atomic und Tele gemacht. Was ist für dich als Künstler eine größere Herausforderung - einen Remix zu machen oder einen eigenen Song zu schreiben?
Tommy Finke: Ein Remix nimmt im Entstehungsprozess scheinbar mehr Zeit ein, weil ich da tagelang dransitze. Vermeintlich also viel Arbeit im Vergleich zu einem meiner Songs. Aber wenn man sich das mal richtig anschaut wird man feststellen, dass auch der schnellgeschriebene Song einen Arbeitsprozess nach sich zieht. Arrangieren, Proberaum, Studio... All das erfordert dann natürlich noch einmal mehr Arbeit im Detail. Vor allen Dingen kann man da noch unendlich viel falsch machen. Das würde ich mir dann aber nie verzeihen. Bei den Remixen ist es ja häufig so, dass die Bands was bestimmtes an Sound haben wollen und da bin ich dann auch mehr Dienstleister und schiebe meinen persönlichen Geschmack etwas nach Hinten. Das würde ich bei meinen Songs nie machen.
POPCONNECTION: Was können wir in Zukunft von dir erwarten? Ich hab bei Wikipedia gelesen, dass du ein Coveralbum planst. Ist da was dran? Und wenn ja, hast du schon Pläne, welche Songs du covern wirst?
Tommy Finke: Ich sitze da in der Tat dran. Wird aber noch eine Weile dauern, denn Coveralben veröffentlicht man erst, wenn einem nichts Eigenes mehr einfällt. Aber Ihr könnt Euch sicher sein, dass genau die Songs drauf sein werden, mit denen Ihr jetzt nicht rechnet. Und ja: Auch was von Scooter wird dabei sein.
Beim Warten auf die Anrufe seiner Freundin am späten Abend, hat der Singer/Songwriter Johannes Mayer alias The Late Call zur Gitarre gegriffen und die einsam verbrachten Stunden genutzt, wunderschöne Songs zu schreiben. Songs über das bittersüße Gefühl zwischen Abschied, Aufbrechen und Ankommen. Im vergangenen Frühjahr hat der Ex-Münsteraner und Wahl-Stockholmer sein Debütalbum Leaving Notes veröffentlicht, das auf dem Hamburger Label Tapete Records erschienen ist.
Wir haben Johannes Mayer vor seinem Konzert in Münster zum Interview getroffen und mit ihm über sein Debütalbum gesprochen.
POPCONNECTION: Hallo Johannes! Wie ich gehört habe, bist du nach Schweden ausgewandert. Was hat dich denn nach Schweden verschlagen?
Johannes: Ich bin nach Schweden gezogen, weil ich eine schwedische Freundin hab. Das war der Hauptgrund. Wir sind schon ziemlich lange zusammen und haben lange eine Fernbeziehung geführt. Ich bin letztes Jahr mit der Uni fertig geworden und nach meinem Abschluss dann dort hingezogen. Schweden ist aber ein sehr schönes Land!
POPCONNECTION: Schweden hat ja eine sehr lebhafte Musikszene, die auch im Ausland wahrgenommen wird. Was glaubst du, wieso das so ist?
Johannes: Ich glaube zum einen liegt es ganz banal daran, dass die Schweden ein ganz hörbares und sympathisches Englisch sprechen bzw. singen. Und zum anderen verkörpert Schweden im Ausland auch so eine Art Schwedenromatik, womit viele Bands spielen - so lieblich wie die Cardigans oder so Rock 'n' Roll wie Mando Diao. Das ist ja ein bisschen so wie "Populärmusik aus Vittula"; als hätten sie dort nie neue Sachen gehört und ich glaube genau davon profitiert der ganze Schweden-Hype im Ausland auch ein bisschen. Und aus irgendeinem Grund machen die Schweden einfach saugute Popmusik! Außerdem habe ich festgestellt, dass in Schweden mehr Leute wieder auf traditionelle Instrumente zurückgreifen, wodurch ähnlich wie in Großbritannien, die Musiktradition viel mehr am Leben gehalten wird.
POPCONNECTION: In deiner Presseinfo steht, dass der Name "The Late Call" daher stammt, dass du diese jahrelange Fernbeziehung hattest und immer abends auf die Anrufe deiner Freundin gewartet hast.
Johannes: Ich hab aber nicht nur abends auf die Anrufe gewartet. (lacht). Ich fand mit einem Bandnamen muss im besten Fall auch was rüberkommen. Ich persönlich finde die Vorstellung von einem Anruf am Abend nach einem langen Tag, hat was ähnlich konzeptionelles wie auch ein bisschen die Musik dahinter. Das ist eine Mischung aus Wahrheit und künstlerischer Freiheit.
POPCONNECTION: Sind denn in dieser Zeit auch die Songs für das Album entstanden?
Johannes: Ja, die Songs sind alle unter der Fernbeziehung geschrieben worden. Das Grundgefühl stammt also daher. Aber wichtig ist, die Texte, die ich schreibe, sind nicht alle persönlich. Es gibt einige sehr besorgniserregende Texte auf meinem Album. Wenn man das jetzt ernst nehmen würde, dann könnte man denken, ich hätte eine echt stressige Beziehung. Das hab ich aber überhaupt nicht. Im Gegenteil. Aber ich hab sogar irgendwo gelesen, dass ein Journalist in einer Rezension geschrieben hat, die Beziehung sei am Ende dann kaputt gegangen. Da hab ich gedacht, wie kann man nur so einen Blödsinn schreiben.
POPCONNECTION: Ich finde die Songs bergen aber immer einen Funken Hoffnung in sich...
Johannes: Ich bin ja auch ein sehr hoffnungsvoller Mensch (grinst). Ich mag auch keine Singer/Songwriter, die sich zu sehr leid tun. Ich mag Melodien und die stehen für mich erst mal im Vordergrund.
POPCONNECTION: Du hast das Album komplett mit akustischen Instrumenten eingespielt. Wie bist du auf die Idee gekommen?
Johannes: Ich hab ja früher bei The Cedar gespielt und während dieser Zeit ist bei mir immer stärker das Verlangen nach ganz ganz ruhiger Musik gewachsen. Ich weiß noch, es war irgendwann im März 2007, da hab ich angefangen ganz ganz ruhige Lieder zu schreiben. Das Gute war, dass ich dabei überhaupt keine Ambitionen hatte, die Songs zu veröffentlichen. Ich hab dann damals im Cuba Nova ein Konzert gegeben, wo ich das live ausprobiert hab. Das lief so extrem gut. So ist die Idee eigentlich entstanden.
POPCONNECTION: Du hast auch mehrere Gastmusiker dabei u.a. auch Henrik Roger von Ghost of Tom Joad. Wie kam es dazu?
Johannes: Henrik und ich sind befreundet und ich mag sein Songwriting. Wir haben öfters zusammen gespielt und hatten ja auch den gleichen Proberaum. Er ist ein sehr guter Musiker.
POPCONNECTION: Du wirst in deiner Presseinfo mit Nick Drake und Damien Rice verglichen. Sind das musikalische Einflüsse von dir?
Johannes: Nick Drake auf jeden Fall. Seine Sachen find ich sehr schön. Ich hör aber ein ziemlich breites musikalisches Spektrum. Ich mag akustische Sachen - gerade schwedische Bands hör ich da sehr gerne - ich hör aber auch sehr gerne Jazz oder ich höre auch gerne die Stone Roses. Ich hab eine ganze Zeit lang super gerne Britpop gehört - das ist ja kein Geheimnis - und das hat mich bei meinen Harmonien ziemlich beeinflusst.
POPCONNECTION: Mich erinnert deine Stimme stellenweise ein wenig an die Stimme von Chris Martin. Was hält's du von diesem Vergleich?
Johannes: Ja, das stimmt - wir haben schon ähnliche Stimmen. Er hat ja auch ein ziemliches Tembre und ein bisschen eine nasale Stimme. Ich find die frühen Coldplay-Sachen auch immer noch unschlagbar gut - "Parachutes" und "A Rush Of Blood To The Head" - und es gab mal eine Zeit - so vor 6 Jahren - da hab ich es ganz toll gefunden wie er singt. Ich hab damals auch ein bisschen versucht seinen Gesang nachzumachen und sicher ist da auch ein bisschen was bei hängen geblieben. Das will ich gar nicht leugnen. Aber ich bin mittlerweile alt genug, dass ich nicht mehr irgendwie jemanden nachmachen muss.
POPCONNECTION: Und welche nicht-musikalischen Dinge beeinflussen dein Songwriting?
Johannes: Meine Lebenssituation. Früher war es die Fernbeziehung und jetzt ist es auf jeden Fall das Zurechtkommen in einem neuen Lebensabschnitt. Das Fertigwerden mit der Uni und der Umzug in ein anderes Land, das ist schon etwas, woran man zu arbeiten hat.
POPCONNECTION: Heute Abend spielst du ja hier in Münster. Ist es für dich ein bisschen wie nach Hause kommen?
Johannes: Ja, ich hab 6 Jahre hier gewohnt und Münster war für mich der Ort, wo ich zu mir gefunden habe. Ehrlich! Ich hab hier super tolle Leute kennen gelernt und ich bin auch mit allen noch befreundet. Münster liegt mir extrem am Herzen. Insofern ist es für mich definitiv das Highlight der Tour!
POPCONNECTION: Welche musikalischen Pläne hast du für 2010?
Johannes: Ich hab schon angefangen neue Songs aufzunehmen für das zweite Album, dementsprechend werde ich die nächsten drei Monate sehr viel damit zu tun haben. Das ist jetzt so halb offiziell - aber ich glaube im Mai spiele ich dann noch mal eine kleinere Tour mit Björn Kleinhenz. Das Album kommt dann wahrscheinlich im September raus.
William Fitzsimmons wuchs in Pittsburgh/Pennsylvania als jüngstes Kind blinder Eltern auf, wodurch er schon sehr früh zur Musik gelangte. Seine musikalische Karriere begann er jedoch erst nach seinem Therapie Studium und der Arbeit als Psychotherapeut. Auf seinem neuen Album The Sparrow And The Crow thematisiert der Singer/Songwriter seine nach vielen Jahren zerbrochene Beziehung zu seiner Ex-Frau.
Wir haben William Fitzsimmons vor seinem Auftritt in Münster zum Interview getroffen und mit ihm über sein neues Album gesprochen.
POPCONNECTION: Dein aktuelles Album "The Sparrow And The Crow" ist bereits vor einem Jahr in den USA erschienen. Warum hat es so lange gedauert, bis es hier in Deutschland veröffentlicht wurde?
William Fitzsimmons: Das ist eine gute Frage - allerdings ist die Antwort darauf nicht besonders interessant. Es gab in den Staaten ein Label, das dieses Album unbedingt veröffentlichen wollte. Leider fehlte uns ein Partner für die Veröffentlichung in Europa. Wir wollten warten, bis wir das richtige Unternehmen gefunden hatten. Es handelt sich hierbei um eine sehr genrespezifische Art von Musik und uns gefiel der Gedanke nicht, dass es irgendwer herausbringt, der sich eigentlich gar nicht darum schert. Es ging also in erster Linie darum, die richtige Entscheidung zu treffen, mit wem wir das Album veröffentlichen werden.
POPCONNECTION: Deine Eltern sind beide blind. Das ist einer der Gründe dafür, warum du sehr früh zur Musik gekommen bist. Wie wichtig ist Musik in deinem Leben?
William Fitzsimmons: Sie ist mir sehr wichtig! Für mich ist Musik eine Form des Ausdrucks und der Sprache. Das ist sie vielleicht auch für einige andere Menschen. Es geht weniger um Spaß als um Kinetik. So habe ich das immer gesehen. Wir konnten das Haus nicht verlassen, wir hatten kein Auto. Wenn wir beide uns hier unterhalten, dann benutzen wir unsere Hände oder unsere Augen, wir kommunizieren über Körpersprache. Das funktioniert bei einer blinden Person nicht. Es ist sehr wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass all diese Kommunikationsformen wegfallen. Was die Musik betrifft, so sind wir jedoch alle gleich. Meine Mutter braucht ihre Augen nicht, um Klavier zu spielen. Sie spielt es einfach und nutzt dabei ihre Ohren. Wir haben natürlich miteinander gesprochen. (grinst) Aber eine emotionale Verbindung konnte nicht auf dem traditionellen Weg entstehen. So wurde die Musik unser Weg, einander nahe zu kommen. Das ist Musik für mich: Eine Möglichkeit, Dinge zu verstehen, die ich nicht begreifen kann. Eine Option, Menschen Dinge zu erzählen, die ich ihnen sagen möchte. Wichtige Dinge. Dementsprechend ist mir Musik sehr wichtig.
POPCONNECTION: Du hast als Psychotherapeut gearbeitet. Inwiefern hat dieser Job deine Musik beeinflusst?
William Fitzsimmons: Sehr stark! Die Psychologie hat mich zur Musik zurückgebracht. Ich hatte das eine zeitlang zur Seite geschoben, ich spielte zwar, aber ich war nicht wirklich dabei. Der einzige Grund, warum ich wieder anfing, Songs zu schreiben, war, diesen ganzen Mist loszuwerden. Der Prozess des Schreibens ist wirklich gut! So kannst du einen Zugang zu Teilen deines Unterbewusstseins finden, die du anders nicht erreichen würdest. Das Zusammenspiel aus Psychologie und Musik brachte mir bei, mich auszudrücken. Ganz tief im Innersten zu graben und ehrlich zu sein. Es funktionierte auch in Zusammenhang mit Patienten, mit denen ich viele Jahre lang in Krankenhäusern oder in privaten Praxen zusammengearbeitet habe. Du sitzt mit Menschen zusammen, die dir ihre dunkelsten Gedanken erzählen, dass sie sich umbringen wollen oder Stimmen hören oder dass sie ihre Familie verletzt haben und dergleichen. Wenn ich Songs schreibe, interessieren mich diese tiefgründigen, dunklen Dinge, die ich herausholen will, wenn ich kann. Der Einfluss der Psychologie auf mein Songwriting ist dementsprechend schon sehr groß.
POPCONNECTION: Ist Songwriting für dich also auch eine Art von Selbsttherapie?
William Fitzsimmons: Ja, natürlich! Ich denke, dass ist es für jeden - nicht nur für Leute, die Psychotherapeuten und Musiker sind. Davon gibt's auch nicht so viele glaube ich. (lacht) Es ist Selbsttherapie. Und ich mag den Gedanken, anderen Menschen damit vielleicht auch ein bisschen zu helfen. Ich habe das Gefühl, dass ist der Grund, warum ich die Möglichkeit bekommen habe, Musik zu machen. Nicht, um schlechte Klamotten zu tragen, faul zu sein und sich möglichst selten zu rasieren. Das gehört natürlich auch dazu! (grinst) Es ging darum, mir selbst ein wenig zu helfen und hoffentlich auch anderen. Ich liebe es, wenn die Leute meine Musik mögen und von ihr unterhalten werden, das ist eine wundervolle Komponente. Aber will mehr. Ich möchte die Menschen mit meiner Musik herausfordern und damit konfrontieren. Mir gehen oft Gespräche nach Konzerten durch den Kopf, wenn Leute mir erzählen, dass sie sich gerade von ihrem Freund getrennt haben und meine Platte ihnen in dieser Zeit sehr geholfen hat. Das ist der Grund, warum ich das alles mache. Genau das möchte ich - und einen Haufen Geld. (grinst) Es ist also tatsächlich eine Form von Therapie.
POPCONNECTION: Dein Album "The Sparrow And The Crow" beschäftigt sich mit deiner Scheidung. Kannst du mir das Konzept des Albums ein bisschen genauer erklären?
William Fitzsimmons: Ich hatte eine ziemlich schwere Zeit, als meine Frau und ich uns getrennt haben. Ich hatte keinen Platz zum Wohnen und ich verkaufte einen Großteil meiner Instrumente, weil ich Geld brauchte. Essen ist nun mal wichtiger, als ein Haufen Gitarren. (grinst) Ich stand ziemlich neben mir und am Ende lief es darauf hinaus, dass ich eine Weile bei einem Freund in Kentucky lebte. Er und seine Frau halfen mir dabei, wieder ein Mensch zu werden. Ich begann wieder zu schreiben, um, wie ich bereits sagte, zu verstehen, was passiert war. Das Album sollte prinzipiell ein langer Brief an meine Ex-Frau sein, um ihr die Dinge zu sagen, die ich ihr erzählen wollte und wozu ich im Nachhinein keine Chance hatte. Das ist das Konzept des Albums. Für mich war es ein Weg, Dinge zu verarbeiten, weiterzumachen und ihr diese Dinge mitzuteilen.
POPCONNECTION: War es für dich auch eine Möglichkeit, überhaupt mit der Situation klar zu kommen?
William Fitzsimmons: Ja, natürlich! Und es hat funktioniert. Und dennoch war es nicht alles. Ich mein, Musik ist wundervoll, aber die Menschen sind noch viel wichtiger als die Musik. Am Ende, wenn du durch so etwas durchgemacht hast, sind es Menschen, die dich aus so einer Situation herausholen. Nicht Songs.
POPCONNECTION: Lass uns mal den Titel deines Albums genauer unter die Lupe nehmen - “The Sparrow And The Crow”: Manche Menschen glauben, dass der Sperling die Seele eines Neugeborenen auf die Welt bringt, während die Krähe die Seele eines Toten zur anderen Seite hinübergeleitet. Meine Assoziation ist demnach, dass "The Sparrow And The Crow" für den Anfang und das Ende des Lebens stehen könnte. Welche Bedeutung hat der Titel "The Sparrow And The Crow" für dich?
William Fitzsimmons: Das habe ich auch schon einmal gehört. Die verschiedenen Kulturen haben unterschiedliche Bedeutungen für Vögel. So ist die Krähe in manchen Kulturen ein Zeichen dafür, dass gute Ereignisse ins Haus stehen. In anderen Kulturen dagegen steht dieser Vogel für das Böse. Sie glauben, dass ein Feld keine Früchte tragen wird, ein schlimmer Winter bevorsteht oder jemand sterben wird, wenn man eine Krähe sieht. Seeleute tragen häufig die Tätowierung eines Sperlings. Er steht für ein Nachhausekommen. Sie glauben, wenn sie einen Sperling sehen, wird das Boot sicher wieder im Hafen ankommen und sie werden nicht auf See sterben. Für mich steht der Titel "The Sparrow And The Crow" für diesen Aspekt: Gut gegen Böse. Ich mag die Idee des Kontrasts zwischen mir und meiner Ex-Frau. Ich bin die Krähe. Ich bin derjenige, der das Böse in unsere Beziehung gebracht hat und Schuld an ihrem Ende war. Und sie war die Reine, die Loyale, die Liebe hineinbrachte.
POPCONNECTION: Im Hinblick darauf, dass du geschieden bist und deine Eltern geschieden sind: Glaubst du noch an die wahre Liebe, die bis in alle Ewigkeit hält?
William Fitzsimmons: Das ist eine große Frage. Ich denke schon. Ja, ich glaube immer noch an die Liebe. Aber ich habe eine Menge Prügel einstecken müssen; vieles, das mich ziemlich runter gezogen hat. Mein Glaube in viele Dinge ist erschüttert worden als das alles passiert ist. Nichtsdestotrotz war es mein Fehler. Ich war derjenige, der versagt hat. Ich habe das Gefühl, wenn ich die Dinge anders gemacht hätte, ein besserer Mensch gewesen wäre, dann wäre auch noch alles in Ordnung. Also kann ich immer noch an die Liebe glauben. Es geht letzen Endes darum, einen Weg zu finden, mich zu ändern. Aber es ist Arbeit. Ich hatte immer diese romantische Vorstellung davon, einen Seelenverwandten zu finden, dann ist alles ganz großartig und funktioniert von allein. Bis zu einem bestimmten Grad mag das ja auch stimmen, aber der Rest ist Bullshit. Daran glaube ich nicht mehr. Die wirkliche Schönheit einer Beziehung zeigt sich in der harten Arbeit, die man leistet. Sich in den Momenten, in denen man total wütend ist, in denen man sich hasst, hinzusetzen, gemeinsam einen Weg zu finden und zusammen zu halten. Liebe hat nichts damit zu tun, zu denken, dass eine Frau hübsch ist oder ein Mann süß. Liebe ist, an dem ganzen Mist zu arbeiten, der im Dunkeln liegt. Das ist für mich wahre Liebe. Und daran glaube ich immer noch.
POPCONNECTION: Glaubst du denn daran, dass jedes Ende einen neuen Anfang hat?
William Fitzsimmons: Puh! Das sind wirklich tolle Fragen! Ja, ich denke schon - wenn man sich dafür entscheidet. Ich glaube zwar an die Vorsehung, aber genauso glaube ich an den freien Willen. Wenn man also aus einem Ende lernt, wenn man andere um Vergebung bittet und sich selbst verzeiht, dann kann es neue Anfänge geben. Oder man kann sich auch einfach hinlegen und sterben. Man hat immer eine Wahl. Ich glaube, dass sich die Dinge ändern können. Bei mir war es so. Und bei meiner Ex-Frau auch. Wir haben beide weitergemacht. Sie hat jetzt eine Familie und Kinder. Wenn man bereit ist, zu lernen, dann kann man auch neu anfangen.
POPCONNECTION: Was ist dein persönlicher Lieblingssong auf "The Sparrow And The Crow"?
William Fitzsimmons: "Lieblingssong" ist ein sehr seltsamer Gedanke, weil die Bezeichnung "Lieblings-" immer Dinge wie gut, glücklich usw. impliziert. "Erdbeere ist meine Lieblingseiscreme" klingt anders als "Das ist mein Lieblingssong über meine Scheidung". Wenn ich mir aber einen Song aussuchen sollte, bei dem ich mich am besten fühle, dann ist es "Goodmorning", weil es darin um Hoffnung geht. Das ist es, was ich den Leuten geben will und das, was ich fühlen will. Anfangs konnte ich das nicht, es hat eine Weile gedauert. Der Song begann als eine Lüge, weil ich nichts davon geglaubt habe. Aber ich wusste, dass ich, wenn ich weitermache, an den Punkt komme, an dem er wahr wird. Das ist dann auch passiert und das ist es, was mir Hoffnung gibt. Deshalb habe ich ihn auch ans Ende der Platte gestellt. Ich wollte, dass die Leute das Album damit beenden. Auch, wenn niemand dieses Album hört. (lacht) Ich hoffe, dass die Leute diese Platte hören und mit diesem Gefühl daraus herausgehen.
POPCONNECTION: Heute Abend spielst du in einer Kirche. Ist das etwas besonderes für dich?
William Fitzsimmons: Ja, auf jeden Fall! Ehrlich gesagt ist es ein komisches Gefühl. Ich wuchs damit auf, in Kirchen zu gehen und ich denke, dass das schon besondere Orte sind. Ich fühle mich fast ein wenig frevlerisch in einer Kirche zu spielen. In Dachau sind wir auch in einer Kirche aufgetreten und es war großartig. Es war eine neue Erfahrung. Aber mir ist es wichtig, das Umfeld zu respektieren. Ich werde weniger fluchen als sonst. (lacht) Nein, es ist schon etwas besonderes und ich freue mich darauf, hier zu spielen.
POPCONNECTION: Ich danke dir sehr für das Interview!
William Fitzsimmons: Nein, ich danke dir! Das waren sehr gute Fragen!
Frankreich rückt immer mehr in den Fokus der internationalen Musikszene. Die neueste Entdeckung aus dem Land des Baguette heißt Chicros. Die vier Pariser machen eine zum Teil recht skurrile Art von Musik und wollen damit nicht das französische Äquivalent zu etwas sein, das schon existiert. Mit ihrem neuesten Werk Radio Transmission haben Chicros ein Konzeptalbum veröffentlicht, das einen Streifzug durch fiktive Radiosendungen darstellt. Wie im wirklichen Radio kann man hier alles hören, was man gern mag und alles, was man eigentlich gar nicht hören will.
Wir haben Philippe Monthaye und Mathieu Warsky im Interview gefragt, was genau hinter dem Konzept von Radio Transmission steckt.
POPCONNECTION: Wie und wann hat alles mit Chicros angefangen?
Philippe: Mathieu und ich sind die Gründer der Band. Wir haben uns in der Schule kennen gelernt als wir 14 waren und ein Jahr später unsere erste Band gegründet. Wir haben mit sehr ungeeigneten Musikern auf Schulfeiern gespielt. Als wir sie los waren, haben wir das Livespielen gänzlich aufgegeben, um uns aufs Aufnehmen zu fokussieren. Wir haben damals jedes Instrument selbst auf einem 4-Spur Kassetten-Rekorder übereinander gelegt. Die Geburtsstunde von Chicros stand kurz bevor. Das war im Jahr 2000. Jahre später, nachdem wir unsere erste Single veröffentlicht hatten, fingen wir wieder an mit einer kompletten Band live zu spielen. Aber diesmal fanden wir die richtigen Musiker: Olivier Marguerit und Arnaud Cambraye. Das war der Zeitpunkt, als Chicros geboren wurde - im Jahr 2005.
POPCONNECTION: Ihr seid hier in Deutschland noch komplette Newcomer. Welche drei Fakten sollte man unbedingt über Chicros wissen?
Mathieu: Erstens: Philippe ist halber Österreicher, somit gibt es im Grunde einen gewissen Bezugspunkt zu Deutschland. Zweitens: Wir haben bislang nur vier Mal in Deutschland gespielt - ein Mal in Dortmund, ein Mal in Köln und zwei Mal in Berlin. Es war jedes Mal großartig und wir können es nicht erwarten zurück zu kommen. Drittens: Unsere Musik setzt sich aus einem Grund-Rock-Band-Line-Up zusammen (Gitarre, Bass, Schlagzeug) + Gesangsharmonien inspiriert von Fifties Doowop und Queen + sorgfältig ausgesuchten und handgemachten analogen Synthie Sounds.
POPCONNECTION: Welches Konzept steckt hinter "Radio Transmission"?
Philippe: Das Konzept von "Radio Transmission" ist folgendes: Wenn man sich das Album anhört, hat man das Gefühl, man hört Radio und switcht durch die verschiedenen Kanäle. Manchmal hört man einen kompletten Song und manchmal nur Teile davon. Man hört Jingles oder einen Radio-Moderator und manchmal hört man für eine Weile ein "Themen-Radio", bei dem mehrere Songs hintereinander zu einem bestimmten Thema gespielt werden. "Radio Transmission" ist eigentlich ein multi-konzeptionales Album. Ein weiteres Konzept dahinter ist, dass das Album teilweise auf einem 4-Spur Kassetten-Rekorder aufgenommen wurde (wie wir es in den Pre-Chicros Tagen gemacht haben). Das Ergebnis ist ein starker auditiver Zusammenhang trotz der unterschiedlichen Genres, die wir erkunden (Pop, Doowop, Country, Christian Rock, Horror Film Soundtrack, Voodoo Psych, Soul, Electronics, Hip Hop, etc...). Es gibt noch weitere Konzepte, die wir nicht preisgeben, denn diese aus zu sortieren ist Teil des Spaßfaktors. Aber wenn man mal einen Blick auf die Songtitel wirft, wird man feststellen, dass die grundlegenden Themen dieses Albums Radioübertragung, Depression, Religion, Drogen und Verwirrung sind.
POPCONNECTION: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, ein solches Konzeptalbum zu machen?
Mathieu: Wir können uns nicht wirklich daran erinnern, wie wir auf die Idee gekommen sind ein solches Konzept-Album zu machen. Drogen waren im Spiel. Wir haben einfach gedacht, das könnte Spaß machen. Spaß ist ein grundlegendes Element in der Popmusik. Zu viele Bands scheinen dies vergessen zu haben.
POPCONNECTION: Wie setzt ihr die Songs von "Radio Transmission" auf der Bühne um?
Mathieu: Manchmal nehmen wir das "Radio-Konzept" mit auf die Bühne. Die Lichter sind dann aus und man hört einen statischen Sound bevor die Lichter wieder angeschaltet werden und wir als eine andersartige Band wieder in Erscheinung treten, die eine andersartige Art von Musik spielt. Aber manchmal gehen wir auch ohne jegliche Vorwarnung nur von einem Psychedelic Noise-Fest zu einer Doowop Ballade oder einem Anti-Drogen Gospel über, was das Publikum erst recht verwirrt.
POPCONNECTION: Ihr habt einen Song für den Film "La Question Humaine" von Nicolas Klotz geschrieben. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht einen kompletten Soundtrack zu schreiben?
Philippe: Es wurden auch einige Songs von uns für Filme von einem Japanischen Filmemacher oder fürs Fernsehen wie die amerikanische Serie "Grey's Anatomy" verwendet. Aber gewiss, "La Question Humaine" war das einzige Mal, dass wir einen Song speziell für einen Film geschrieben haben. Wir würden sehr gerne mal einen kompletten Soundtrack schreiben. Aber auch wenn wir das nicht machen sollten, hält uns das nicht davon ab, Mood Settings und atmosphärische Musik zu machen wie man es auch in einem Film findet. Ich glaube, man kann sagen, dass unsere Musik durchaus filmische Eigenschaften beinhaltet. Das ist auch der Grund, warum sie für Filme benutzt wird.
POPCONNECTION: Noch mal zurück zum Thema Radio: Was haltet ihr als englisch-singende Band von der Radioquote in Frankreich?
Mathieu: Wir verstehen, warum dieses Gesetz verabschiedet wurde, aber wir sind der Meinung, dass dies ein Fehler ist. Momentan gibt es so viele großartige Bands in Frankreich, die Englisch singen, aber die französischen Radiostationen spielen sie nicht, weil sie nicht in der Muttersprache singen. Deshalb kann man nicht wirklich sagen, dass die Radio-Quote der französischen Kultur großartig hilft. Wir sind der Meinung, dass die musikalische Identität einer Band mehr ist als nur die Sing-Sprache, die man wählt. Aber das brauchen wir dir sicherlich nicht erzählen, denn in Deutschland gab es in den 70ern auch eine Menge fantastischer Bands, die alle unter dem Begriff "Krautrock" zusammengefasst wurden. Diese Bands unterschieden sich klanglich alle voneinander und sie sangen alle englisch. Und dennoch war ihr Sound, ihre Einstellung und ihre Auffassung von Musik unverkennbar deutsch. Stell dir vor, all diese Bands würden bei deutschen Radiostationen auf taube Ohren stoßen, nur aufgrund der Sprache, in der sie singen. Bei dieser Logik würden sie dann Mozart's Opern auch nicht in Italien spielen.
POPCONNECTION: Das Album ist zur Zeit in Deutschland nur als Import und via Download erhältlich. Gibt es Pläne für eine physische Veröffentlichung des Albums in Deutschland?
Philippe: Wie du weißt, fallen die CD-Verkäufe immer weiter zu einem Punkt der Non-Existenz zurück. Jeder, der unsere Musik mag, kann unsere CD auf allen Download-Plattform herunterladen. Unter diesen Umständen sind wir gerade nicht sicher, ob eine physische Distribution eines Album wegen der schwer einschätzbaren Lage im Moment überhaupt noch Sinn macht. Zur Zeit ist uns das aber auch gar nicht so wichtig.
Patrick Wolf stellt zweifelsohne eine der schillerndsten Persönlichkeiten der gegenwärtigen Popwelt dar. Mit seinen extravaganten Bühnenoutfits der englischen Modedesignerin Ada Zanditon und seiner musikalischen Mischung aus Folk- und Elektro-Elementen kreiert der 25jährige Brite ein faszinierendes Kunstwerk.Vor seinem Auftritt im Gleis 22 in Münster trafen wir den jungen Ausnahme-Musiker, der mit The Bachelor gerade sein viertes Album veröffentlicht, zum Interview.
POPCONNECTION: Ursprünglich hattest du geplant, deine neue Platte als Doppelalbum zu veröffentlichen, das "The Battle" heißen sollte. Nun hast du dich dazu entschlossen, zwei Lonplayer daraus zu machen - "The Bachelor" und "The Conqueror".
Patrick Wolf: Vom Konzept her ist es immer noch ein Doppelalbum. Allerdings werden die beiden Teile zu unterschiedlichen Zeitpunkten veröffentlicht. "The Bachelor" ist bereits released, "The Conqueror" wird nächstes Jahr erscheinen. Es ist also quasi ein Doppelalbum mit einer Zeitspanne von einem Jahr zwischen den beiden Teilen. Beide Platten basieren auf derselben akustischen Schablone, auf beiden wirken dieselben Musiker mit. Allerdings ist es ein Experiment, um herauszufinden, ob man mit identischen Instrumenten und Musikern eine komplett andere Platte machen kann.
POPCONNECTION: Welcher Zusammenhang besteht zwischen "The Bachelor" und "The Conqueror"?
Patrick Wolf: Das erste Album beschreibt die Krankheit oder das Gefühl von Einsamkeit, von unerfüllter Liebe. Es spielt mit dem Gedanken, jemand zu sein, der grundsätzlich die verkehrten Menschen trifft. Einer Person, die sich verschließt, sich in die Arbeit stürzt und sich denkt "Vielleicht treffe ich irgendwann die große Liebe - aber ich glaube nicht wirklich, dass es mir jemals passieren wird." Meiner Meinung nach ist das eine sehr ursprüngliche menschliche Empfindung - auch, wenn es in der Popmusik nicht so häufig thematisiert wird. Meistens singt man darüber, wie großartig die Liebe ist und wie verliebt man ist, aber nur wenige veröffentlichen ein Album, das sich mit dem Fehlen von Liebe befasst. All das ist ein Kampf, der sich im zweiten Album fortsetzt. Die Idee hinter "The Conqueror" ist der Prozess des Eroberns und des Lernens. Erobern ist etwas, das man als Junggeselle lernt. Genauso, wie man lernt, jemanden zu umwerben und sinnlich zu sein.
POPCONNECTION: Ich habe gelesen, dass du ursprünglich ein politisches Album machen wolltest..."
Patrick Wolf: Ja, viele Leute fragen mich, was aus dieser Idee geworden ist. Wenn man sich die Texte durchliest und sich mit ihnen beschäftigt, dann findet man immer noch eine Menge Aspekte gesellschaftlicher und menschlicher Politik. Es sind weniger regierungspolitische Themen, weil es mir stärker um individualpolitische Gesichtspunkte geht, wie z.B. Gleichberechtigung und Menschenrechte.
POPCONNECTION: In dem Song "The Battle" rufst du auch dazu auf, für die eigenen Rechte zu kämpfen, für die eigene Identität. Es gibt dort eine Zeile in dem Song, die heißt: "Since I was twelve it's been me versus the world, I got so sick of being told my identity was in minority". Fühlst du dich manchmal wie ein Außenseiter in der Gesellschaft?
Patrick Wolf: Nein, ich fühle mich sicherlich nicht wie ein Außenseiter. Ich bin mir allerdings der Tatsache bewusst, dass mich manche Menschen so sehen. Wenn man sich selbst in die Schublade des Außenseiters packt, dann ist man ziemlich arrogant, weil man sagt "Hey, ich bin anders als du". Es gibt nur wenige Dinge, in denen man sich grundlegend von anderen unterscheidet. Ich habe sicherlich spezielle Eigenschaften und ich habe einen bestimmten Stil, aber ich halte mich nicht für anders als den Rest der Menschheit. Aber mir fällt auf, dass die Menschen oftmals dazu tendieren, einige Leute zu marginalisieren und sie als Außenseiter darzustellen, die nicht dazu gehören. Also ist es für mich eine Herausforderung, zu sagen "Ich gehöre dazu! Ich gehöre genauso auf diese Erde, wie der Rest von euch und verdiene dieselben Rechte!"
POPCONNECTION: Dein Sound ist eine Mischung aus Elektro- und Folkelementen. Meiner Meinung nach sind das ziemliche Gegensätze: Folk klingt sehr warm, während sich Elektro meistens eher synthetisch und kalt anhört...
Patrick Wolf: Für mich ist es eher eine Mischung aus akustischem und elektronischem Sound. Es finden sich sicherlich starke Folkelemente in den Texten und den Arrangements, aber der größte Teil sind meine klassischen Einflüsse: All die orchestralen Arbeiten, die ich gemacht habe und all die wundervolle klassische Musik, die ich liebe. Daher kommt wohl der akustische Teil.
POPCONNECTION: Du hast deine musikalische Karriere auch mit klassischen Instrumenten gestartet. Wie wichtig ist dieser Background heute für deine Musik?
Patrick Wolf: Sehr wichtig! Diese Einflüsse finden sich im gesamten Produktionsprozess meiner Alben wieder, vom Beginn bis zum Ende. Ich habe dadurch ein großes Vokabular und eine Menge Fähigkeiten und Methoden, die ich im Studio verwende. Wenn ich diese nicht hätte, wäre ich nicht in der Lage, diese Art von Musik zu machen. Ich war letzte Woche im Studio und habe mich detailliert mit dem Techniker über die Dynamik und den Ausdruck der einzelnen Instrumente unterhalten. Das gibt mir ein Bewusstsein von Musik, das ich mit elf Jahren z.B. noch nicht hatte. Ich hatte die Leidenschaft, aber nicht die Fähigkeiten. Ich glaube, etwas Bildung im Leben ist gut - zuviel dagegen ist schlecht. (lacht)
POPCONNECTION: Du hast in Berlin mit Alec Empire zusammengearbeitet: Wie war deine Zeit dort und wie lieft die Kooperation?
Patrick Wolf: Berlin war für mich sehr wichtig, um an der Richtung des Sounds auf dem neuen Album zu arbeiten. Nach den Demo-Aufnahmen hatten Alec und ich beschlossen, zusammen zu arbeiten. Textlich gesehen war es für mich eine perfekte Platte, um in die Richtung Industrial Noise und diesen Heavy-Metal-Electronics zu gehen. Also habe ich Alec angerufen. Er ist jemand, den ich kenne und mit dem ich schon lange zusammenarbeiten wollte. Ich flog nach Berlin und wir haben viele Nachtaufnahmen gemacht, von Mitternacht bis morgens um neun. Ich wollte mit jemandem zusammenarbeiten, der eine Seite von mir ans Licht bringen kann, die mich leicht nervös macht oder der ich mir zu wenig bewusst bin. Er hat dieses Gefühl in mir ausgelöst, das ich hatte, als ich 16 oder 17 war und in Punk-Bands gespielt habe. Das war genau das, was ich wollte: Jemanden, der diese Haltung wieder in mir wach ruft. Das ist eine Attitüde, die ich irgendwie an die Seite geschoben hatte.
POPCONNECTION: Du trägst auf der Bühne immer spezielle Outfits, die ein wenig wie Kostüme wirken. Was ist der Unterschied zwischen der Person auf der Bühne - Patrick Wolf - und deinem alltäglichen Leben?
Patrick Wolf: Optisch ist das sehr kompliziert. Es gibt Tage, an denen ich mich eher so fühle, als wollte ich einen schwarzen Anzug auf der Bühne tragen. Mehr diese saubere seriöse Attitüde, weil es einfach in diesem Moment besser passen würde. Dann wäre ich gerne bei einem Konzert, bei dem es keine Visuals gäbe. Und genauso gibt es Tage, an denen werde ich wach, die Sonne scheint und ich entscheide mich für eine Garderobe, die manchen Menschen die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Es ist unterschiedlich. An manchen Tagen trage ich sehr extravagante und extreme Sachen im Alltag und etwas sehr langweiliges auf der Bühne und am nächsten Tag kann es genau andersherum sein. Ich ziehe mich auf der Bühne und auch zu Hause so an, wie es mir gerade gefällt. Ich habe immer versucht, so auszusehen, wie es manche Menschen als meschugge empfinden würden und ich glaube, meine Definition von “normal” unterscheidet sich von der anderer Menschen. Jeder hat so seine eigenen Vorstellungen vom Leben - und die Menschen tendieren dazu, mit meinen nicht konform zu gehen. (lacht) Ich mag es einfach, die Leute dazu zu bringen, sich unbehaglich zu fühlen. Mir gefällt die Herausforderung optischer und sexueller Identität. Deshalb versuche ich, einen Mittelweg zwischen maskulin und feminin zu finden: Wie es ist, ein Junge zu sein oder ein Mädchen, wie es ist, konservativ zu sein und in der Art, in der ich mich kleide mit diesen verschiedenen Aspekten zu spielen. Ich trage auch Make-Up und mache mir die Haare dementsprechend. Das mache ich auch in meinen Texten und dem Sound. Die Optik ist nur eine Weiterführung des Ganzen. Die Musik steht hundertprozentig an erster Stelle - aber ich kann es einfach nicht lassen, sie auch optisch zu verkörpern. Manchmal denken die Leute, dass ich ein Outfit kreiert und dann einen Song dazu geschrieben habe, der dazu passt. Aber das wäre natürlich kompletter Blödsinn. (grinst)
POPCONNECTION: Bevor dein aktuelles Album veröffentlicht worden ist, hattest du dich dazu entschlossen eine Pause einzulegen. Über die Gründe darüber wird in der Presse viel spekuliert...
Patrick Wolf: Für mich war das sehr wichtig. Wobei - ich glaube, jeder Künstler braucht Zeit, um zu schreiben. Es kostet Kraft, zu schreiben und zu singen. Aber insbesondere Schreiben kann man nicht, wenn man ständig Interviews gibt oder von Paparazzi fotografiert wird - außer vielleicht Lady Gaga. Aber ich habe ein Leben, das ich geregelt bekommen muss und wenn man so viel Zeit auf Tour verbringt wie ich, dann kommt irgendwann einfach der Punkt, an dem man sich auf seine Familie, kochen und das Ausüben menschlicher Dinge konzentrieren muss. Ansonsten läuft man Gefahr, den menschlichen Aspekt seiner Arbeit zu verlieren und in einer völlig unrealistischen Welt zu leben. Dieses alltägliche menschliche Leben war bei meinem ersten Album meine Hauptinspirationsquelle. Wenn ich das verliere, dann verliere ich mein Gefühl für die Realität. Deshalb ist es mir so wichtig. Wenn man mal überlegt, dass ich nonstop unterwegs bin, seit ich 18 bin und dann eine einjährige Tourpause eingelegt habe, dann ist das nicht besonders viel. Ich habe mich auf mein Privatleben konzentriert und mich mit Musik beschäftigt. Während meiner Auszeit habe ich geschrieben und im Studio gearbeitet. Es war prinzipiell also nur eine Pause vom öffentlichen Leben - und das ist wichtig. Wenn Michael Jackson das mal ausprobiert hätte, wäre er vielleicht noch am Leben und hätte ein Gespür für Normalität entwickelt. (grinst) Für mich ist der Gegensatz aus Normalität und der Mondäne auch oft eine Herausforderung, aber es ist essentiell wichtig, das normale Leben nicht aus den Augen zu verlieren - genauso, wie meine Familie.
POPCONNECTION: Was erwartet uns heute Abend bei deiner Show?
Patrick Wolf: Mein Schlagzeuger hatte schlimme Rückenprobleme und musste ins Krankenhaus. Dort hat er Morphine bekommen. Es wird heute Abend also mehr Elektronik und Akustik geben, als krachiges Schlagzeug. Aber das ist auch mal ganz schön. Ansonsten… man muss sich meine Shows einfach anschauen, ich finde es schwierig, sie zu beschreiben. (lacht)
POPCONNECTION: Ich bin sehr gespannt! Vielen Dank für das Interview und viel Spaß auf der Bühne!
Patrick Wolf: Dankeschön! Wir sehen uns dann später bei der Show!
The Cinematics sind vier Jungs aus Glasgow mit großen Zielen. Bereits mit ihrem von Simon Barnicott und Stephen Hague produzierten Debütalbum A Strange Education konnten die vier Schotten erste Erfolge erzielen. Nach dem Bankrott ihres Labels TVT, sah es zunächst so aus, als wenn die gerade begonnene Karriere der Band schon am Ende wäre. Doch jetzt starten The Cinematics einen Neuanfang mit neuem Label und neuem Album, das sie diesmal im Alleingang aufgenommen haben.
Mit ihren neuen Liedern im Gepäck befinden sich die vier Schotten momentan auf Deutschland-Tour. Wir haben Cinematics-Frontmann Scott Rinning vor dem Konzert im Amp zum Interview getroffen.
POPCONNECTION: Euer neues Album "Love And Terror" erscheint nächste Woche hier in Deutschland. Kannst du uns ein wenig darüber erzählen?
Scott: Oh, da gibt es eine Menge zu erzählen. Wir haben dieses Album selbst produziert, die Songs handeln von unseren persönlichen Erfahrungen, es gibt viele Wahrheiten auf dieser Platte. Im Gegensatz zu unserer ersten Platte ist dieses Album textlich gesehen ein großer Schritt nach vorne. Es sind ehrliche, aufrichtige Texte über unsere Zeit als Band, über die letzten zwei Jahre: Vom Niedergang unseres Plattenlabels TVT bis dann The Orchard kam und uns unter Vertrag genommen hat. Die düsteren Zeiten, als wir uns nicht sicher waren, ob die Leute unsere neuen Songs mögen würden und wohin das alles führt. Stress innerhalb unserer Beziehungen, wo es um Dinge ging wie "Such dir einen anderen Job! Du liebst deine Gitarre mehr als mich!" und dergleichen. Es ist eine Art von Reflektion unserer Leben in dieser Zeitspanne. Und genauso ist es immer noch der typische Cinematics-Sound. Wir haben immer noch die angetriebenen Schlagzeug- und Basspassagen und die epischen Gitarren. Diesmal haben wir das Album eben selbst aufgenommen, und ich glaube, das sollte man noch einmal hervorheben: Wir haben das Album selbst aufgenommen! (grinst)
POPCONNECTION: Warum habt ihr euch dazu entschlossen, das Album selbst aufzunehmen?
Scott: Als unser altes Label TVT pleite gegangen ist, war da zwischenzeitig einfach ein großes Loch. Niemand wusste, was mit TVT nach deren Bankrott geschehen würde. Wir waren uns nicht sicher, ob jemand das Label übernehmen würde und ob wir unseren Vertrag fortführen könnten. In dieser Zeit haben wir viele Songs geschrieben, aufgenommen und selbst Demos produziert. Als dann The Orchard als Label eingesprungen ist und unseren Vertrag bestätigt hat, fragten sie uns, wo und mit wem wir das Album aufnehmen wollten. Da haben wir nur gesagt: "Hey, wir haben das Album fertig!" Wir haben darin so viel Zeit investiert, dass es uns dumm vorkam, einen Haufen Geld an jemanden zu bezahlen, der dann im Endeffekt gar nichts mehr daran zu ändern brauchte. Ein weiterer Grund dafür, warum wir das Album selbst aufgenommen haben, waren die Erfahrungen des ersten Albums. Wir waren sehr jung, sind von dem Plattenlabel unter Vertrag genommen worden und haben soviel Geld heraus geworfen, wie es nur ging. Wir haben mit Stephen Hague, dem Produzenten von New Order zusammengearbeitet, wir waren in Peter Gabriels Studio, einem der besten Studios im UK, vielleicht sogar der Welt. Aber irgendwie hatten wir das Gefühl, dass wir von dieser Erfahrung überrannt wurden. Irgendwie haben wir künstlerisch das verloren, was wir machen wollten. Wir mussten Kompromisse eingehen, mit denen wir uns rückblickend ein wenig unwohl fühlen. Bei diesem Album hatten wir die komplette Kontrolle über alles.
POPCONNECTION: Wie seid ihr an die Eigenproduktion herangegangen?
Scott: Wir haben die Drums aufgenommen, den Bass und die Gitarren, haben uns einige Studios in Glasgow angesehen, aber es endete damit, dass wir das Album bei uns Zuhause aufgenommen haben. Ich weiß, das klingt verrückt, vor zwanzig Jahren brauchte man ein ganzes Lagerhaus voll Equipment und ein Mischpult, das die Größe eines Küchentischs hatte. Welche Band kann sich das leisten oder nutzen oder kaufen? Alles, was du heutzutage brauchst, ist ein Computer und dann kannst du loslegen. Wenn du die Zeit hast und in der Lage bist, dir das selbst beizubringen, dann solltest du das machen. Eine Menge Electronic-Bass-Bands haben das so gemacht in den letzten zehn Jahren. Die traditionellen Rockbands hängen in dem Punkt noch etwas hinterher - vielleicht sind sie zu faul. Traditionelle Rock 'n' Roll-Bands wollen lieber trinken und mit Mädels rumschäkern - was wir natürlich auch sehr gern machen. (grinst)
POPCONNECTION: Es heißt immer, das zweite Album sei das schwerste. Siehst du das auch so?
Scott: Ja, ich kenn die Aussage, aber sie trifft auf uns nicht zu. Wir haben so viele Songs für dieses Album geschrieben, es war eine wirklich produktive Zeit, dementsprechend haben wir nicht unter dem Fakt gelitten, dass es das zweite Album ist. Wir sind sehr zuversichtlich und ich habe nicht das Gefühl, dass wir etwas befürchten müssten. Eine Platte im Alleingang aufzunehmen braucht ein gewisses Selbstbewusstsein. Wenn die Leute anschließend sagen, es sei Müll, dann haben wir niemanden, dem wir die Schuld geben können. (grinst)
POPCONNECTION: Ihr habt mit Larry einen neuen Mann an der Gitarre...
Scott: Ja, unser Gitarrist Ramsay Miller hatte sich entschlossen, die Band zu verlassen. Er hat geheiratet, ist Vater und lebt sehr glücklich in Glasgow und Larry, ein Freund von uns, ist für ihn eingesprungen. Larry hat vorher schon mit unserem Bassisten zusammen Songs geschrieben. Die beiden sind gut befreundet. Also haben wir ihn gefragt: "Hey, wenn ihr beiden schon gemeinsam Songs schreibt, hättest du dann nicht auch Lust, bei uns als Gitarrist einzusteigen?" und er meinte nur "Klar!" Wenn du ihn fragst, wie er zu uns gestoßen ist, wird er dir eine Geschichte auftischen, dass sein Anwalt das alles für ihn gemanaged hätte. (lacht) Wie auch immer... er kam dazu und das gab allem einen ganz neuen Anstrich. Es ist prinzipiell sein erstes Album und irgendwie in Bezug darauf unser zweites Debüt. Alles neu also: Ein neues Label, ein neuer Gitarrist und eine komplette Eigenproduktion.
Popconnection: Ihr seid alle in den schottischen Highlands aufgewachsen - außer Larry. Wie hat dieser Umstand eure Musik beeinflusst?
Scott: Es ist der Grund dafür, warum ich Musik mache und warum ich Musik liebe! Es gibt nicht viel, was man dort machen könnte, ich glaube, in Deutschland gibt es auch einige Orte, an denen es ähnlich ist. Wenn du irgendwo im Niemandsland wohnst, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder verbringt man seine Zeit damit, irgendwo rumzuhängen, sich zu betrinken und den ganzen Tag Fußball zu spielen oder irgendwo rumzuhängen, sich zu betrinken und den ganzen Tag Gitarre zu spielen. (lacht) Ich habe mich für die Gitarre entschieden. Eines Tages, ich war zwölf oder dreizehn, da hat es die ganze Zeit geregnet und ich konnte nicht draußen spielen. Also bin ich rauf auf den Dachboden gegangen und habe eine Gitarre gefunden. Sie muss meinem Vater gehört haben oder so. Ich fing an, darauf zu spielen und ich spielte weiter. In Bezug darauf hat mich meine Herkunft geprägt. Das war der Anfangspunkt meiner musikalischen Karriere. Es gibt dort keine Musikszene, keine coolen Kids, denen man sich anschließen könnte. All meine Freunde haben eine Plattensammlung, wir haben unsere eigenen Geschmäcker herausgebildet, wir fanden heraus, welche Musik wir mögen. Dies führte dazu, dass wir eine musikalische Unabhängigkeit entwickelten. Ich denke, das ist der Einfluss der Highlands gewesen, diese Unabhängigkeit, die wir entwickelt haben, als wir irgendwo in the middle of nowhere aufgewachsen sind. Und vielleicht die Dunkelheit. Wir sind eine eher beschauliche, aufgeklärte Band. Wir hängen nicht ab, besaufen uns und headbangen die ganze Zeit. (lacht)
POPCONNECTION: Mittlerweile seid ihr aber alle nach Glasgow gezogen...
Scott: Ja, aber als wir nach Glasgow gezogen sind, passten wir nicht in die Szene. Wir waren keine Glasgower Jungs. Wir hatten kein großes Interesse daran, mit Glasgower Akzent zu singen, komische Pullover zu tragen, und zu versuchen, möglichst nicht erfolgreich zu sein. Wir wollten unser eigenes Ding durchziehen, wir haben nicht nach einer bestimmten Schublade gesucht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass einige Leute in Glasgow uns diese Einstellung ein wenig übel nehmen. Wir bekamen einen Deal bei einem amerikanischen Plattenlabel und haben uns dafür entschieden, reich und berühmt zu werden. Schotten sind manchmal etwas eigen. Wenn man es zu etwas gebracht hat, werden sie manchmal etwas mürrisch, nach dem Motto: "Was treibt ihr da eigentlich? Für wen haltet ihr euch?!" (grinst)
POPCONNECTION: Die meisten eurer Songs klingen recht düster und melancholisch. Wovon lasst ihr euch beim Songwriting inspirieren? Insbesondere in Bezug auf die Texte?
Scott: Hmm, von vielen Dingen. Düster... manchmal fällt es mir gar nicht auf, dass die Songs so düster sind. Manchmal denke ich, dass sie eher spaßig sind. Es ist nicht unsere Absicht, so schwer zu klingen. Irgendwie passiert das anscheinend. Für mich ist das Schreiben ein reinigender Prozess, ich bin da durch und durch egoistisch. Dabei geht es nicht darum, Geld zu machen. Es geht viel mehr darum, dass ich etwas fühle und etwas daraus kreieren will. Oft sind es die schmerzvollen Erfahrungen, gescheiterte Beziehungen usw., über die man schreibt, einfach aus dem Grund heraus, weil sie uns wirklich berühren. Ich vermute, auf diesem Album sind die Texte so düster, weil es finstere Zeiten für die Band und für jeden von uns gewesen sind. Wir wussten eine ganze Weile gar nicht, wie es weitergeht. Auf der anderen Seite ist es auch eine Frage der Einflüsse. Die Bands, die wir hören, üben auch einen gewissen Einfluss auf uns aus.
POPCONNECTION: Welche Bands sind das?
Scott: Nun, wir mögen alle unterschiedliche Sachen. Unser Bassist und unser Drummer mögen z.B. Motown Platten und 70s-Disco. Ich liebe The Cure, The Smiths, Echo And The Bunnymen, David Bowie, Radiohead... die klingen alle etwas düster. (lacht) Aber ich mag auch Beck. Er ist großartig! All die Musik, die man in seinem Leben hört, setzt sich im Kopf fest und findet sich vielleicht auch in den Dingen wieder, die man selbst schreibt. Vielleicht kommt dieser düstere Sound daher. Auf der anderen Seite beeinflussen mich aber auch direkte Erfahrungen, die ich mache. Z. B. "New Mexico" auf unserem aktuellem Album - da gibt es keine Metaphern, keine kryptischen Verschlüsselungen, es ist ganz einfach so, dass ich wirklich auf diesem Parkplatz in New Mexiko gewesen bin und versucht habe, jemanden zu Hause anzurufen. Ohne Erfolg. Die Person hat mich ein paar Wochen lang ignoriert, während ich nicht mehr schlafen konnte, weil ich mir ständig gedacht habe, "kannst du bitte das Telefon in die Hand nehmen und mir sagen, was zum Teufel du dir jetzt gerade dabei denkst". ...danach haben wir dann Schluss gemacht. (lacht) Das ganze Album ist so in dieser Art, es ist sehr ehrlich. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Gesellschaft oder auch die Musik in Großbritannien sehr zynisch geworden ist, so nach dem Motto "Das ist alles Müll, ich hasse das alles, weil es nicht cool genug ist usw.". Ich mag einfach den Gedanken, dass wir ein bisschen authentischer sind, etwas ehrlicher und fröhlicher vielleicht. Viele unserer Songs werden auch durch Bücher inspiriert. Oft lese ich etwas und denke, "Wow! Das ist eine interessant Idee! Oder ein interessantes Wort!" Ich stehle eine Menge Dinge aus Büchern. (grinst)
POPCONNECTION: Ich habe kürzlich das Video zu eurer neuen Single "Love And Terror" gesehen und es erinnert mich ein wenig an Joy Division. Fast wie eine Hommage. Ist das so von euch gedacht gewesen?
Scott: Nein. Wir wollten ein Video, das wir selbst drehen konnten, einfach, weil das Ganze so etwas günstiger ist. Also haben wir uns gedacht, wir projizieren ein paar Bilder, stellen uns davor und filmen das alles in schwarz-weiß. Es ist ziemlich gut geworden - bis auf die Tatsache, dass MTV es nicht zeigen will. Das liegt daran, dass man, wenn man genau hinsieht, bei den Projektionen Dinge erkennt, die man den Kids besser nicht zeigen sollte. (grinst) Ich mag Joy Division. Aber ich habe ein wenig Angst vor dem Namen, weil er regelrecht auf unsere Band abgefeuert wird: "Joy Division! Joy Division!" Ich singe so ähnlich wie Ian Curtis und ich wirke etwas düster und ein wenig verrückt auf der Bühne, aber ich denke nicht, dass wir wie Joy Division klingen. Es gibt andere Bands, die man viel stärker mit ihnen Vergleichen kann. An uns ist mehr dran, als der Sound von Joy Division. Wir wollten einfach nur ein Video machen, das einfach ist, das sich leicht realisieren lässt, die Stimmung des Songs reflektiert und diese dunkle Energie besitzt. Auf keinen Fall wollte ich dieses helle plastische Light-Pop-Gedüdel. Wir wollen nicht kommerziell sein, wir müssen niemanden beeindrucken. Wir machen einfach nur das, was wir machen wollen. Und das so ehrlich wie möglich. Darum geht es auch bei diesem Video.
POPCONNECTION: Ihr werdet von Kritikern oft mit den Editors oder Interpol verglichen. Hasst du diesen Vergleich?
Scott: Ja! Ich hasse ihn wirklich! Aus diversen Gründen. Erstens: Diese Platte klingt wie keine dieser beiden Bands! Wenn die Leute behaupten, "Love And Terror" würde sich anhören wie die Editors oder Interpol, drehe ich durch. Dann haben sie sich dieses Album nicht angehört und wiederholen einfach nur diesen Vergleich. Und ich habe keine Lust darauf, mir vorwerfen zu lassen, wir seien unoriginell oder uninteressant. Das regt mich auf. Zweitens: Ich könnte es verstehen, wenn man uns nachsagen würde, Interpol hätten uns beeinflusst, weil es sie schon lange vor unserer Band gegeben hat. Bei den Editors dagegen war es so, dass wir unsere Songs aufgenommen hatten, bevor ihr Album überhaupt erschienen ist. Wir hätten also eine Zeitreise in die Zukunft unternehmen müssen, um uns ihre Songs anzuhören und dann in die Vergangenheit zurückreisen müssen, um wie sie zu klingen. Das ist natürlich unmöglich. Wir haben Gemeinsamkeiten. Nämlich, das wir dieselben Bands hören. Wir haben dieselben Einflüsse. Wir nehmen denselben Raum ein. Da ist natürlich dieselbe bedrückende Atmosphäre, die Düsterkeit, die im Moment so populär ist und die Ernsthaftigkeit - aber da hört es auch schon auf mit den Gemeinsamkeiten. Aber zu sagen, dass wir genauso klingen, ist kompletter Blödsinn! Unsere Musik ist wesentlich tanzbarer, wir verwenden mehr Wörter in unseren Texten. Wir versuchen, die Musik poppig zu halten und sie mit den Lyrics tanzbar zu gestalten. Ich hab auch absolut nichts gegen die Editors! Ich mag ihre Musik, ich habe sie schon mal getroffen und finde sie sehr sympathisch. Aber ich finde nicht, dass wir klingen wie sie.
POPCONNECTION: Ihr wurdet 2005 gesigned, nachdem ihr einen Showcase auf dem "In The City-Festival" in Manchester gespielt habt. Vor dem Hintergrund, dass Manchester für seine Musikszene bekannt ist und für seine vielen großartigen Bands, würdest du sagen, dass dieser Abend "ein historischer Moment" für die Cinematics gewesen ist?
Scott: Ja, selbstverständlich! (lacht) Das war einfach genau die richtige Nacht dafür! Aber mal im Ernst, es klingt vielleicht ein bisschen arrogant, aber ich glaube, wir hätten es so oder so geschafft. Wenn nicht an diesem Abend, dann an einem anderen. Wir sind sicherlich nicht die beste Band der Welt, aber im Moment stimmt bei uns einfach alles. Ich bin unglaublich stolz auf unser neues Album, wir arbeiten darüber hinaus bereits an neuem Material und ich habe das Gefühl, dass die Dinge immer besser werden. Nach all dem, was in der Vergangenheit geschehen ist, hoffe ich, dass es einfach eine Chance zum Durchbruch für uns ist, dass wir die Menschen dazu bewegen können, es sich anzuhören und es zu mögen.
POPCONNECTION: Larry ist auf eurem Gig in Utrecht (Holland) von der Bühne gefallen. Was ist da passiert?
Scott: Die Nacht war wirklich hart! Ein Haufen Mädels fing an zu schreien und er war davon so überwältigt, dass er vorn über gekippt ist. Zumindest glaube ich das. (grinst) Die Wahrheit ist: Ich habe absolut keine Ahnung, was passiert ist. Ich habe ihm den Rücken zugewandt und als ich mich umsah, lag er auf dem Boden. Er ist irgendwie gestolpert und gefallen. Er hat sich glücklicherweise auch nicht schwer verletzt, bis auf seinen Knöchel, der ist lilablau. Ich dachte, er sei gebrochen. Wir haben ihn gefragt, ob er ins Krankenhaus wolle und er brüllte nur "Nein!" Er hatte keine Lust, mit einem dicken weißen Gips auf der Bühne herumzuhüpfen.
POPCONNECTION: Geht's ihm denn wieder besser?
Scott: Nein, es tut wohl immer noch weh. Aber die Cinematics lassen sich durch nichts aufhalten. Ich bin ein strenger Chef, ich mag es nicht, wenn Leute sich hängen lassen. (lacht)
POPCONNECTION: Was dürfen wir denn von der heutigen Show erwarten?
Scott: Einen energetischen Abend! Das beste an den Cinematics sind unsere Live-Gigs. Wenn du unsere Musik auf der Platte magst, dann wirst du uns live lieben. Eine Band, die live schlecht ist, ist keine Band. Ich habe das Motto: "Deine Single promotet dein Album, dein Album promotet deine Live-Show." So sollte es sein. Dementsprechend wird das heute ein toller Abend. Es wird sich definitiv lohnen, vorbeizukommen und sich das Ganze anzuschauen.
POPCONNECTION: Ich danke dir für das Interview!
Scott: Ich danke auch! Es hat Spaß gemacht, mit dir zu plaudern. Wirst du dir den Gig später ansehen?
Lange war es still um Zoot Woman geworden, die Band von Stuart Price und den Brüdern Johnny und Adam Blake. Pünktlich zum Höhepunkt des von ihnen mit eingeleiteten 80er Revivals melden sie sich mit ihrem neuen Album Things Are What They Used To Be zurück. Wir haben uns vor dem Konzert in München mit Schlagzeuger Adam Blake zum Interview getroffen.
Popconnection: Hallo, wie geht's Dir?
Adam: Gut, danke! Wir sind jetzt zur Hälfte mit der Tour durch. Ziemlich anstrengend, aber es läuft sehr gut! Viele Shows waren ausverkauft und auch ein paar der kommenden Gigs sind schon ausverkauft. Das motiviert uns sehr. Klasse!
Popconnection: Ihr habt euch sechs Jahre Zeit gelassen, ehe ihr ein neues Album veröffentlicht habt. Wieso habt ihr euch so lange Zeit gelassen?
Adam: Nun, da gibt es eine kurze Antwort und eine ausführlichere Version. Ich nehme an, bu willst beide hören. Die Kurzfassung: Es war einfach nicht an der Zeit. Die Songs, die wir schon fertiggestellt hatten, waren einfach erst dieses Jahr... wie soll ich sagen, wir waren erst dieses Jahr soweit, dass wir sie veröffentlichen wollten. Aber natürlich ist das nicht die ganze Geschichte. Es gab sehr viele Veränderungen im Verlauf der letzten sechs Jahre. Die Musikindustrie war im Wandel, wir haben die Plattenfirma gewechselt, Stuart hat sehr viel mit anderen Bands, zum Beispiel den Killers, gearbeitet, und wir anderen waren als Live-Band sehr gefragt. Das waren alles Dinge, die uns voneinander getrennt haben. Wir hatten einfach keine Zeit, zusammen als Band zu arbeiten. Für das Entstehen einer neuen Platte ist es aber unbedingt notwendig, dass man zusammen ist und konzentriert arbeiten kann. Das ist die lange Geschichte.
Popconnection: Du hast schon angesprochen, dass Stuart neben Zoot Woman noch an einigen anderen Projekten gearbeitet hat. War das jemals ein Problem für euch?
Adam: Nein, überhaupt nicht. Es gab ein paar Schwierigkeiten, als Stuart begonnen hat, mit Madonna zu arbeiten. Die Plattenfirma war zunächst verärgert, vor allem weil wir unsere Pläne, auf Tour zu gehen, zuerst einmal auf Eis legen mussten. Doch der Streit war schnell beigelegt. Und seither läuft es besser als jemals zuvor! Im Musikbusiness ist nicht immer unbedingt alles schlecht, was nach außen den Anschein erweckt. Wer Zoot Woman damals abgeschrieben hat, lag offensichtlich falsch. Man muss die Dinge einfach auf einen zukommen lassen, ich glaube, das können Musiker ganz gut. Musiker sind nicht unbedingt gut darin, nach einem bestimmten Schema zu arbeiten. Mir fällt gerade keine passende Metapher ein… Musiker nehmen die Dinge einfach so, wie sie kommen und machen das Beste daraus.
Popconnection: Seitdem geht ihr ohne Stuart auf Tour, er war jedoch stets Mitglied der Band. Wie kam es dazu?
Adam: Ja, er war schon seit sechs Jahren nicht mehr mit uns auf Tour. Songs aufnehmen und Songs live spielen sind zwei verschiedene Dinge. Wir wollten dem Publikum zeigen, dass unsere Songs Live nicht unbedingt genau so klingen müssen wie auf dem Album. Im Gegenteil, man kann auf der Bühne aus einem bekannten Song einen ganz anderen machen. Ich habe außerdem das Gefühl, dass wir Live ein viel jüngeres Publikum ansprechen, als im Plattenladen. Wieso also nicht auch in anderer Besetzung auf Tour gehen?
Popconnection: Du glaubst, dass es einen Altersunterschied zwischen euren Plattenkäufern und dem Live-Publikum gibt? Was meinst Du, woran könnte das liegen?
Adam: Ja, ich glaube ich hab recht! Ich weiß auch nicht, wieso… Vielleicht ist es beim neuen Album auch wieder ganz anders. Wenn zu den Konzerten viele junge Menschen kommen, freut uns das natürlich. Es ist immer gut, wenn neue Fans hinzukommen.
Popconnection: Ihr seid schon seit 15 Jahren im Geschäft. Ich glaube, gerade die jüngeren Fans können sich das gar nicht vorstellen.
Adam: Naja, du musst aber auch dazu sagen, dass wir erst 2001 wirklich durchgestartet sind. Davor haben wir ziemlich viel herum gepfuscht wenn man ehrlich ist. Trotzdem, verdammt lange Zeit.
Popconnection: Schon im Jahr 2007 habt ihr den ersten Song des neuen Albums, "We Won't Break", als kostenlosen Download veröffentlicht. 2008 folgte "Live In My Head", seit einigen Wochen liegt schließlich das fertige Album im Plattenladen. Was hat euch dazu bewogen? Wolltet ihr einfach mal wieder was von euch hören lassen um zu sehen, was passiert?
Adam: Du hast recht, im Grunde war es so. Vor allem entsprach diese Vorgehensweise so gar nicht dem marktüblichen Verhalten. Unsere Plattenfirma hätte uns natürlich nie im Leben dazu geraten, einen kostenlosen Song anzubieten. Wir haben es einfach trotzdem gemacht. Die Plattenfirma war nicht begeistert, schließlich will sie Geld verdienen. Wir haben denen erklärt, dass das Geschäft mittlerweile einfach so funktioniert, und dass sie sich daran gewöhnen müssen.
Popconnection: Seht ihr euch als Vorreiter auf diesem Gebiet?
Adam: Nein, das hatten schon andere Bands vor uns gemacht, mittlerweile natürlich auch einige mehr. Das hat uns einfach wahnsinnig interessiert. Wir wollten wissen, wie die Reaktionen darauf ausfallen. Musik ist ein schnelllebiges Geschäft. Da muss nicht alles noch so funktionieren, wie es noch beim letzten Album war. Das Internet bietet so viele Möglichkeiten. Letztlich ist alles, was man im Musikgeschäft anfasst, ein Experiment. Wir wollten sehen, ob es klappt.
Popconnection: Innovativ seid ihr nicht nur hinsichtlich neuer Marketing- und Vertriebswege. Angesichts des aktuellen 80er Revivals und dem Elektro-Indie Trend muss man euch dazu gratulieren, dass ihr dem Trend um Lichtjahre voraus wart. Wie denkst Du über diese Entwicklung?
Adam: Nun, jeder borgt sich den Sound vergangener Dekaden. Wir haben eben ein bisschen mehr 80er in unsere Songs einfließen lassen und waren damit vielleicht ein bisschen früher dran, etwas experimentierfreudiger als andere Bands. Das freut mich natürlich. Ich habe schon oft gehört, dass unsere ersten zwei Alben, wenn sie jetzt erscheinen würden, viel erfolgreicher sein würden. Da ist vielleicht was dran. Aber eigentlich kümmern wir uns nicht um sowas. Wir waren immer schon Feinde dieser engstirnigen Sichtweise "Gespielt wird nur, was aktuell angesagt ist". Wir ziehen einfach unser eigenes Ding durch. Ich würde uns nicht als besonders innovative Band bezeichnen. Unser Ziel ist es Songs zu machen, die Trends überleben, also auch im Abstand von zehn Jahren noch gehört werden.
Popconnection: Das ist euch definitiv gelungen bis jetzt...
Adam: Wenn wir das geschafft haben, ist es die größte Ehre, die wir uns vorstellen können.
Popconnection: Was habt ihr euch für die Zukunft vorgenommen? Arbeitet ihr schon wieder am übernächsten Trend? Werdet ihr euch wieder so viel Zeit lassen?
Adam: Nein, das würde ich ausschließen. Ich hoffe, dass wir bald wieder die Zeit finden, gemeinsam an neuem Material zu arbeiten.
Dinosaur Jr. haben sich nach jahrelanger Pause im Jahr 2005 wieder zusammengerauft und in Originalbesetzung ein großartiges Comeback gefeiert. Scheinbar haben sie wieder Blut geleckt, denn während viele Comebacks sich als echte Flops erweisen, veröffentlichten Dinosaur Jr. vor kurzem mit Farm schon das zweite Album seit der Reunion, das sie aktuell auf ausgedehnten Touren weltweit an den Mann bringen. Vor kurzem waren sie in München zu Gast. Wir haben uns, zwischen Nickerchen und Abendessen, kurz mit Schlagzeuger Murph zum Interview getroffen.
Popconnection: Hallo Murph, wie geht's Dir?
Murph: Gut, danke! Ich bin etwas müde, aber sonst ist alles in Ordnung. Die Tour läuft gut, wir sind gerade in der letzten Woche einer fünfwöchigen Tour. Schon verrückt, wir waren schon wirklich überall, wir kommen ganz schön rum.
Popconnection: Kannst Du Dich immer noch mit dem Tourleben anfreunden, nach all den Jahren?
Murph: Ja schon, ich mag das Leben auf Tour! Aber trotzdem denke ich, dass ich von uns Dreien am meisten damit zu kämpfen habe. Nicht, weil ich es nicht mag, da sind viele kleine Dinge ausschlaggebend. Zum Beispiel, dass ich im Tourbus nicht besonders gut schlafen kann. Aber ich find's schön, auf Tour zu sein.
Popconnection: Wie denn ist das Klima in der Band momentan? Nach fünf Wochen auf Tour...
Murph: Ja, wir sind natürlich alle müde, gerade jetzt am Ende der Tour. Aber ich würde sagen, für unsere Verhältnisse ist die Atmosphäre wirklich hervorragend. Der Vorteil der langen Tour ist, dass wir mittlerweile einfach sehr gut aufeinander eingespielt sind, wie eine gut geölte Maschine. Vieles funktioniert automatisch.
Popconnection: J wird immer als der unangefochtene Kopf der Band Dinosaur Jr. genannt. Sein Kontrollwahn ist legendär. Ist er wirklich so diktatorisch?
Murph: Hmm, ja und nein. Als wir angefangen haben, also in den 80ern, war er es definitiv. Da sagte er Dinge wie "Das ist eine faschistische Band und ich bin der Anführer". Mittlerweile ist er etwas weniger herrschsüchtig. Er möchte einfach, dass sich alles nach seinem Plan entwickelt, und dass alle Beteiligten voll bei der Sache sind.
Popconnection: Wenn Du ins Jahr 2005 zurückblickst, hättest Du damals gedacht, dass die Wiedervereinigung von Dinosaur Jr. so erfolgreich sein würde, dass ihr sogar ein zweites Album machen würdet?
Murph: Nein, ich glaube niemand hat darüber nachgedacht, wie lange das halten würde. Wir waren einfach alle begeistert und komplett eingenommen von der Idee, überhaupt wieder gemeinsam Musik zu machen. Wir haben die Dinge einfach auf uns zukommen lassen. Natürlich bin ich glücklich, dass es seitdem so gut gelaufen ist für uns.
Popconnection: Du warst ja auch eine Zeit lang bei den Lemonheads. Hast Du noch Kontakt zu ihnen?
Murph: Ja ich hab auch die neuen Sachen der Lemonheads schon gehört und finde sie wirklich gelungen. Mit Evan (Dando, Anm. d. Red.) habe ich schon recht lange nicht mehr geredet, aber wir treffen uns etwa ein Mal im Jahr, aber immer eher zufällig. Die Lemonheads waren aber nicht meine einzige Station außer Dinosaur Jr. Ich hab im Laufe der Jahre bei sehr vielen Bands mitgewirkt. In Europa werden die Lemonheads aber wohl die berühmteste Band davon sein.
Popconnection: Ebenso wie die Lemonheads haben auch andere Weggefährten der 80er bis heute überlebt oder wieder zusammen gefunden, die Pixies und Sonic Youth zum Beispiel. Hörst Du deren aktuelle Sachen? Was denkst Du über die Comeback-Alben anderer Bands, die schon so lange wie ihr im Geschäft sind?
Murph: Ja durchaus, ich hör mir die Sachen schon an. Zum Thema Comebacks fällt mir vor allem Magazine ein, die wir vor kurzem bei einem Festival gesehen haben. Und natürlich Gang Of Four! Die haben wirklich ein großartiges Comeback hingelegt. Es ist lustig, die Comeback Versuche anderer Bands zu verfolgen. In den allermeisten Fällen ist es wirklich keine gute Idee und oft genug geht es nach hinten los. Aber es gibt auch ein paar sehr gelungene, eben auch Gang Of Four. Aber eigentlich beschäftigen wir uns nicht so sehr mit anderen Reunion-Bands.
Popconnection: Denkst Du, dass Ihr andere, jüngere Bands maßgeblich beeinflusst habt?
Murph: Ich glaube da müsstest Du eher Lou fragen. Ich bin nicht besonders gut darin, diese Frage zu beantworten. Klar gibt es Bands, die uns als Referenz angeben, die Foo Fighters zum Beispiel. Wir sind gut befreundet mit Dave (Grohl, Anm. d. Red.) und machen natürlich oft unsere Scherze darüber. Heutzutage ist unser Sound nicht mehr so aktuell. Anfang der 90er gab es zahlreiche Bands, über die gesagt wurde, dass sie wie Dinosaur Jr. klingen. Buffalo Tom fällt mir da zum Beispiel ein.
Popconnection: Kommen wir zurück zu Dinosaur Jr. Du warst ein paar Jahre nicht Mitglied der Band. Wie ist es, Songs von den Alben zu spielen, an denen Du nicht beteiligt warst?
Murph: Das ist für mich gar kein Problem. Im Gegenteil, erst vor kurzen haben wir über das Live-Set gesprochen und wie Lou war ich dafür, Songs von allen Alben zu spielen.
Popconnection: Welche Songs spielt Du persönlich lieber live? Die alten Klassiker oder möchtest Du dem Publikum lieber die neuen Sachen präsentieren?
Murph: Beides. Ich mag die alten Klassiker, aber gerade die Song von "Farm", unserem neuen Album, sind auch Live unglaublich gut. Es macht wirklich Spaß und sie kommen auch gut beim Publikum an.
Popconnection: Euer neues Album "Farm" glänzt nicht nur musikalisch, sondern punktet schon mit dem sehr gelungenen Cover. Wer hatte die Idee dazu?
Murph: Das haben wir unserem Manager zu verdanken. Er hat von diesem Künstler bei der Zusammenarbeit mit einer anderen Band erfahren. Dann bat er ihn, ein paar Entwürfe für Dinosaur Jr. zu schaffen, die uns dann vorgelegt wurden. Und wir waren uns natürlich sofort einig, dass es absolut großartig ist.
Popconnection: Gut, Du wirst zum Essen gerufen, also lass Dich nicht aufhalten! Viel Spaß heute Abend, und danke, dass Du kurz Zeit hattest.
Im Juni hat Malcolm Middleton (Ex-Arab Strap) sein aktuelles Album Waxing Gibbous veröffentlicht. Es ist sein mittlerweile fünftes Soloalbum und seine dritte Platte nach dem Split von Arab Strap. Momentan befindet sich der in Glasgow lebende Musiker auf Deutschland-Tour, um seine neuen Songs live zu präsentieren. Wir haben den Schotten vor dem Konzert im Gleis 22 in Münster zum Interview getroffen und mit ihm über sein neues Album, den Einfluss von Mondphasen, digitale Downloads und seine Pläne für die Zukunft gesprochen.
Popconnection: Du hast deine letzten drei Alben innerhalb von drei Jahren aufgenommen. Du musst ein musikalischer Workaholic sein...
Malcolm Middleton: Nein, das würde ich nicht sagen. Drei Jahre sind ungefähr 1000 Tage, in denen ich um die 30 Songs geschrieben habe. Das ist nicht besonders viel. Aber ich habe darüber nachgedacht, eine Pause zu machen. Ich bin es leid, immer über dasselbe Thema zu schreiben. Ich brauche ein wenig Zeit, in mich zu gehen und zurück zu kommen...
Popconnection: "Waxing Gibbous" ist dein fünftes Soloalbum und deine dritte Platte nach dem Split von Arab Strap. Würdest du sagen, dass du genau genommen mit "Into The Woods" als Singer/Songwriter begonnen hast, zu arbeiten?
Malcolm Middleton: Ja, vielleicht. Das erste Album war mehr ein Seitenprojekt, dem weniger Aufmerksamkeit zu teil wurde. Für mich war das Ganze allerdings sehr spannend. Dadurch wurde mir bewusst, dass ich Spaß daran hatte, noch mehr zu machen, als nur in der Band Arab Strap zu spielen.
Popconnection: Worin liegt denn für dich der größte Unterschied zwischen der Arbeit innerhalb einer Band und der eines Solokünstlers?
Malcolm Middleton: Der größte Unterschied liegt in der Chemie und den Kompromissen. Arab Strap funktionierte, obwohl Aidan [Anm. d. Red.: Aidan Moffat, Sänger von Arab Strap] und ich unterschiedliche musikalische Ideen hatten und aus unterschiedlichen Verhältnissen kamen. Anfangs hatten wir einfach das richtige Gespür dafür, einander zu vertrauen und sich die Meinung des anderen anzuhören. Als Solokünstler braucht man das nicht, man hat die komplette kreative Freiheit, was gut ist. Als Arab Strap sich getrennt hatten, war das genau das, was ich gebraucht habe. Aber jetzt, nach drei Jahren ohne eine Band, vermisse ich die Zusammenarbeit mit anderen Personen und den Austausch darüber, was sie denken.
Popconnection: Viele Kritiker beschreiben "Waxing Gibbous" im Gegensatz zu deinen vorherigen Alben als weniger schwer und depressiv. Siehst du das auch so?
Malcolm Middleton: Ja, ich glaube schon. Es gibt darauf immer noch einige düstere Songs, aber generell war ich mehr Ich-bewusst. Das lag daran, dass ich, nachdem ich so viele Alben gemacht hatte, nicht der Charakterisierung folgen wollte, dass ich eine bestimme Art von Song schreiben muss. Also habe ich die Art und Weise, etwas auszudrücken weiterentwickelt und verändert. Vielleicht ist es auch ein leichteres Album, weil nichts schlimmes passiert ist. Es gibt nichts, worüber man sich beklagen könnte. (lacht) Außer die kleinen Dinge eben.
Popconnection: In dem Song "Zero" gibt es eine Passage, in der du singst "I just can’t seem to get on with the man I have become". Das klingt ein wenig nach einem Wendepunkt in deinem Leben...
Malcolm Middleton: Definitiv. Einige Songs behandeln dieselbe Thematik, etwas an meiner Persönlichkeit oder meinem Charakter ändern zu wollen. Wenn ich einen Song schreibe, der etwas bestimmtes ausdrückt, hat das meistens den Effekt, dass sich irgendetwas in mir verändert. Es funktioniert. Fast wie ein kleiner Zauber oder ein Mantra oder so etwas in der Art. Wenn ich mich darüber ausdrücke und feststelle, was schief läuft, dann hilft mir das, etwas zu verändern.
Popconnection: Du hast den Track "Red Travelling Sox" als dein persönliches "Bohemian Rapsody" und "Don't Fear The Reaper" beschrieben. Was hast du damit gemeint?
Malcolm Middleton: Ich liebe diese beiden Songs und ich meine nicht, dass "Red Travelling Sox" so gut ist, wie sie. Aber es sind beides lange Popsongs mit unterschiedlichen Passagen darin und das war es, was ich gemeint habe.
Popconnection: Es gibt generell wenige Stücke auf "Waxing Gibbous", die kürzer als fünf Minuten sind. Die meisten Songs sind doch um einiges länger. War das etwas, das während des Schreibprozesses passiert ist oder war das beabsichtigt?
Malcolm Middelton: Es war nicht beabsichtigt. Ich denke, über die Hälfte des Albums sind die Songs ein wenig zu lang. Aber ich habe die Musik genossen. Es hat mich in der Vergangenheit manchmal gestört, dass es bei Arab Strap-Songs zu viel Musik gab und zu viel Text. Die Lyrics begannen genau in dem Moment, in dem die Musik einsetzte und endeten auch mit ihr. Ich mag musikalische Räume. Aber ich bin mir durchaus bewusst, dass ich einige Dinge hätte kürzen können.
Popconnection: Der Albumtitel "Waxing Gibbous" beschreibt die Mondphase vor dem Vollmond. Glaubst du, dass Mondphasen die Menschen beeinflussen können?
Malcolm Middleton: Ich bin mir nicht sicher. Möglicherweise ja. Das ist eine gute Frage. Ich glaube, alles beeinflusst die Menschen, also warum nicht auch der Mond?
Popconnection: Hat dich der Mond bei der Arbeit zu deinem Album beeinflusst?
Malcolm Middleton: Ja. Ich habe es "Waxing Gibbous" genannt, weil ich einen Mondphasenkalender auf dem Desktop meines Rechners hatte. Im Laufe des Jahres sind einige Dinge passiert - die meisten von ihnen während des zunehmenden Mondes. Also wurde ich abergläubisch. Ich habe "Waxing Gibbous" dann als Albumtitel gewählt und einen Mond aufs Cover gesetzt. In der Zeit ist nichts schlimmes passiert. Also kann ich den Aberglauben wieder über Bord werfen, hoffe ich. (grinst)
Popconnection: Du hast gesagt, dieses Album wäre vorerst das letzte. Aus welchem Grund?
Malcolm Middleton: Es wird für ein paar Jahre das letzte Album sein, weil ich bereits Musik in anderen Projekten aufnehme. Ich hab auch schon wieder ein paar Songs geschrieben. Aber ich brauche etwas Abstand von diesen Alben. Ich weiß nicht genau, warum, aber ich mag die Art und Weise nicht, wie diese Platten beurteilt worden sind. Die Kritiken waren okay, aber ich wurde immer als depressive und melancholische Person gesehen. Dem versuche ich zu entfliehen. Also widme ich mich anderen Kollaborationen und Projekten. Und in zwei oder drei Jahren werde ich zurückkommen und ein neues Album aufnehmen.
Popconnection: Das hoffe ich!
Malcolm Middleton: Danke!
Popconnection: Deine neue Single "Zero" ist auf weißem Vinyl erhältlich, genauso, wie man auch das Album als Vinylausgabe bekommt. War das insbesondere im Zeitalter der Downloads deine eigene Entscheidung oder die deines Labels?
Malcolm Middelton: Es war meine Entscheidung. Ich mag Vinyl immer noch. Ich glaube, eine Menge Leute mögen es noch. Aidan von Arab Strap hat noch mehr Ahnung von weißem Vinyl und Covern und dergleichen. Er ist ein noch größerer Plattensammler als ich. Es ist schön, so etwas zu besitzen.
Popconnection: Ja, da stimme ich dir auf jeden Fall zu! Wie denkst du über die Art und Weise, wie heute Musik konsumiert wird, mit den Möglichkeiten des digitalen Downloads?
Malcolm Middleton: Es hat seine guten und seine schlechten Seiten. Aber man hat so wenig davon. Ich hatte einige Jahre lang einen I-Pod., den ich in diesem Jahr wieder gegen meinen Plattenspieler eingetauscht habe. Ich war es leid, nicht immer die ganzen Alben zu hören, ständig alles auf "Shuffle" zu hören und kein Booklet zu haben. Aber es gibt auch Teenager, die damit aufgewachsen sind und gar nichts anderes kennen. Es ist seltsam. Vielleicht ist es denen egal oder sie haben den Vergleich einfach nicht. Ich mag das Produkt in meiner Hand.
Popconnection: In deinem Myspace-Blog hast du folgendes gepostet: "illegal downloading of my music will further cripple my income, leading to an impaired lifestyle, resulting in fewer situations to be gotten into which encourage the writing of downbeat/miserablist songs. Meaning you'll have to do without me. Good luck!" Hat die Tatsache der stetig wachsenden illegalen Downloads deine Entscheidung, eine Pause einzulegen, vielleicht ein wenig mit beeinflusst?
Malcolm Middleton: Nein, das nicht. Ich habe ja auch Gewinn gemacht. Aber wenn du ein kleiner Künstler bist oder ein kleines Label hast, dann tangiert dich das Ganze schon mehr. Viele Leute sagen ja, dass dich mehr Menschen kennen würden, wenn deine Musik kostenlos wäre. Aber du musst ja auch das Studio irgendwie bezahlen… Es ist schwierig. Ich hab keine Ahnung, was die Antwort oder die Lösung dafür wäre. Warten wir ab, wie es in ein paar Jahren ausschaut. Vielleicht würden einige Leute den Wert von Musik eher zu schätzen wissen, wenn sie dafür bezahlen würden. Ich wertschätze CDs mehr, wenn ich sie mir von meinem eigenen Geld gekauft habe, als wenn ich sie von jemandem geschenkt bekommen habe.
Popconnection: Einige Menschen haben die Ansicht, dass Musik ein Allgemeingut sein sollte, dass jeder die Möglichkeit haben sollte, sie kostenlos zu konsumieren. Was hältst du als Musiker davon?
Malcolm Middleton: Das hat definitiv etwas für sich. Diese ganzen Geschichten mit Anwälten und Rechten machen mich wahnsinnig. All diese Verträge, die du unterschreiben musst. Aber auf der anderen Seite denke ich, dass es nun mal auch ein Urheberrecht geben muss, wenn du etwas aus deiner Kreativität heraus schreibst. Ich bin mir nicht sicher. Das ist eine gute Frage...
Popconnection: Ich glaube, niemand arbeitet gerne umsonst und als Musiker ist es ein Job, den man macht und für den man bezahlt werden sollte. Wenn alles kostenlos ist, wer zahlt dann deine Rechnungen?
Malcolm Middleton: Das ist richtig. Das ist so, als wenn du dir einen Installateur bestellst, der dir das Waschbecken reparieren soll und du bezahlst ihn anschließend nicht. Ich vergleiche mich nicht mit einem Installateur, aber als Musiker ist es so ähnlich... (grinst)
Popconnection: Wie schauen deine konkreten Pläne nach diesem Album aus? Du hast ja gerade schon ein wenig darüber erzählt...
Malcolm Middleton: Ich werde für drei Wochen im November/Dezember eine weitere Akustik-Tour im UK machen. Kürzlich habe ich mit Mira Callix zusammengearbeitet, einer Künstlerin, die mehr in Richtung Experimental und Elektronik geht. Wir werden im nächsten Jahr an einem gemeinsamen Album arbeiten. Außerdem werde ich noch einen Soundtrack für einen kurzen schottischen Film machen. Und natürlich werde ich weiterhin so viele Gigs wie möglich spielen.
Popconnection: Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast!
Darker My Love, das sind Tim Presley (Ex-The Nerve Agents), Andy Granelli (Ex-The Distillers), Rob Barbato, Jared Everett und Will Canzoneri. Die fünfköpfige Band stammt zwar aus dem sonnigen L.A., doch ihr Sound erinnert unüberhörbar an britische Bands der späten 80er/frühen 90er wie The Jesus And Mary Chain, My Bloody Valentine oder Ride. Nachdem ihr selbstbetiteltes Debütalbum 2006 nur in den USA veröffentlicht wurde, versuchen die fünf Kalifornier nun mit ihrem zweiten Longplayer 2 auch den Europäischen Markt zu erobern. Wir haben mit Keyboarder Will Canzoneri im Interview über das Album und die Band gesprochen.
Popconnection: Erzähl uns doch zunächst einmal ein wenig über die Geschichte von Darker My Love. Wie habt ihr euch alle kennen gelernt und die Band gegründet?
Will: Tim und unser Schlagzeuger Andy spielten vor Ewigkeiten zusammen in einer Band, die The Nerve Agents hieß. Als die Band sich dann auflöste, startete Tim Darker My Love - eigentlich mehr als Nebenprojekt denn als eine ernste Band. Andy stieg bei The Distillers ein. Währenddessen lebten Jared, Rob und ich in Boston. Jared und Rob sind dann nach L.A. gezogen und dort traf Jared durch Zufall Tim und sie beschlossen zusammen Musik zu machen. Jared sagte, dass sein Freund Rob wahrscheinlich Bass spielen könnte und es stellte sich heraus, dass er damit Recht hatte. Sie spielten dann ungefähr sechs Monate lang mit einem anderen Schlagzeuger und dann verließ Andy The Destillers und stieg bei uns ein. Im darauf folgenden Jahr tauchte ich dann mit meinen Keyboards auf. Und das war's. Eigentlich die gleiche Geschichte wie bei jeder anderen Band auch.
Popconnection: Euer zweites Album "2" wurde vor einem Jahr in den USA veröffentlicht und ist jetzt auch in Europa erhältlich. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, eure Musik auch in Europa zu veröffentlichen?
Will: Es wäre natürlich schön gewesen, das Album in Europa auch schon vor einem Jahr zu veröffentlich. Aber so ist nun mal das Business. Es ist jetzt überall wieder das neue Album, was ziemlich strange ist.
Popconnection: Euer Sound erinnert mich stark an Bands der späten 80er/frühen 90er aus dem UK: The Jesus And Mary Chain, My Bloody Valentine oder Ride. Wie stark haben euch diese Bands beeinflusst?
Will: Ziemlich gering. Ich glaube, es ist mehr die Tatsache, dass wir die gleichen Einflüsse haben wie all diese Bands.
Popconnection: Steht ihr denn generell auf britische Musik?
Will: Wenn sie gut ist, klar!
Popconnection: Die Presse vergleicht Darker My Love oft mit dem Black Rebel Motorcycle Club. Was hältst du von diesem Vergleich? Gehst du damit konform?
Will: Mag sein, aber ich höre diese Ähnlichkeit nicht. So genannte Musik-Journalisten neigen heutzutage dazu alles einfach zu übernehmen, was sie im Internet finden, anstatt sich selbst mit der Platte auseinander zu setzen und ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.
Popconnection: "2" ist bereits euer zweites Album. Inwiefern unterscheidet sich diese Platte von eurem Debüt? Wie würdest du eure Entwicklung als Band zwischen diesen beiden Alben beschreiben?
Will: Für das erste Album haben wir nur ein paar Wochen gebraucht. Die Aufnahmen zu "2" haben sechs Monate gedauert. Die erste Platte war kostenlos. "2" ist das definitiv nicht. Der größte Unterschied liegt aber wohl darin, dass wir viel Zeit auf das Schreiben und Umschreiben der Songs verwendet haben, bevor wir anfingen "2" aufzunehmen. Die Songs sind besser entwickelt. Oh, und ich bin zwischen diesen beiden Platten zur Band gestoßen. Das ist der Grund, warum all die Keyboards auf "2" zu hören sind.
Popconnection: Ich habe gelesen, dass euer Bassist Rob den Song "Two Ways Out" geschrieben hat, während er in L.A. im Krankenhaus lag. Ist das wahr? Kannst du uns ein wenig darüber erzählen?
Will: Ja, man könnte es Sterbebett-Rock nennen. Lange Rede, kurzer Sinn: Rob bekam diese schreckliche innere Blutung in seinem Bauch, der sich entzündet hatte und wurde mehrfach fehldiagnostiziert. Das alles passierte, während wir auf Tour waren. Als wir zurück nach L.A. kamen, um im Troubadour zu spielen, war er in einer dermaßen schlechten Verfassung, dass er im Sitzen spielen musste. Also fuhren wir direkt nach der Show ins Krankenhaus. Dort haben sie ihm gesagt, dass er innerhalb von 72 Stunden tot gewesen wäre, wäre er nicht zum Arzt gegangen. Im Krankenhaus hat er dann "Two Ways Out" geschrieben. Ein Song, in dem es um das Leben und den Tod oder so etwas ähnliches geht.
Popconnection: Gibt es einen besonderen Grund dafür, warum ihr das Album einfach nur mit "2" betitelt habt?
Will: Faulheit. Ich bin mir nicht mal sicher, ob überhaupt darüber diskutiert wurde.
Popconnection: Ihr geht im November mit White Lies auf Tour. Wie sehen diesbezüglich eure Erwartungen aus?
Will: Die meisten unserer Erwartungen drehen sich ums Essen. Wir spielen auch in Luxemburg - und wer bekommt schon die Möglichkeit, dort aufzutreten?!? Es ist ein winziges Land! Luxemburg!
Popconnection: Was erwartet uns in der Zukunft von Darker My Love? Arbeitet ihr zur Zeit an neuem Material?
Will: Wir haben den ganzen Sommer über an Songs für unser nächstes Album geschrieben. Wir werden es aufnehmen, wenn wir aus Europa zurück sind, also werden wir auch eine Menge dieser Songs auf der Tour spielen. Sie klingen ziemlich anders. Ich frage mich, ob White Lies wissen, dass sie mit einer "Jam Band" touren...
Aus dem kleinen Örtchen Rothenburg irgendwo in Niedersachsen kommen Everlaunch. Auf zahlreichen Touren quer durch die Republik, darunter Supportshows für Bands wie Oasis, The Pigeon Detectives oder Polarkreis 18, haben sich die Jungs in den letzten zehn Jahren mit ihrem von britischen Einflüssen geprägten Sound einen überaus guten Namen als Live-Band erspielt. Dabei hat die Band stets alles selbst in die Hand genommen und organisiert.
Am 24. Juli erschien endlich ihr Debütalbum Suburban Grace, das in der Musikpresse für Begeisterung sorgte und für das es von Ex-MTV-Moderator Markus Kavka lobende Worte gab.
Höchste Zeit also, das niedersächsische Quartett einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Sänger Thorsten Finner hat uns dabei Rede und Antwort gestanden.
Popconnection: Ihr habt gerade Euer Debütalbum "Suburban Grace" raus gebracht. Seid Ihr mit dem Album und den Reaktionen zufrieden?
Thorsten: Sowohl wir als Band als auch unser Label mightytainment sind mit den Feedbacks, die wir auf "Suburban Grace" bekommen sehr zufrieden. Das macht Laune und noch mehr Lust auf die kommenden Monate. Wenn man bedenkt, dass das gerade erst der Anfang ist. Es kommt die "Suburban Grace"-Tour und nach "Run Run Run" wird in Kürze bereits die zweite Single erscheinen... Es wird sicher noch die ein oder andere positive Überraschung in den nächsten Wochen geben!
Popconnection: Ihr habt das Album mit dem Produzententeam Michael Hagel (u.a. Herbert Grönemeyer, Kettcar) und Timo Dorsch (u.a. Jan Delay, Radiopilot) aufgenommen. Wieso habt Ihr Euch für zwei Produzenten entschieden?
Thorsten: Weil es Sinn gemacht hat! Man versteht sich menschlich und musikalisch sehr gut. Und dass die beiden viel Erfahrung im Produzieren von poppigen Platten haben, kam uns nur zu Gute.
Popconnection: Viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Wie hat das bei Euch im Studio funktioniert mit zwei Produzenten?
Thorsten: Michael hat sich hauptsächlich mit unseren Songs auseinander gesetzt und mit uns die Stärken der Nummern herausgearbeitet. Das war Ende 2006/2007. Im Frühjahr 2007 kam Timo dazu und hat nach und nach das Zepter in die Hand genommen und sowohl als Produzent und Engineer weiter an der Platte mit uns gearbeitet. Er ist letztendlich auch für den Mix von "Suburban Grace" verantwortlich.
Popconnection: Ihr kommt aus Rotenburg, einem kleinen Ort in Niedersachsen. In Eurer Presseinfo steht: "Der Titel 'Suburban Grace' beschreibt den Entstehungshintergrund des Albums perfekt." Stichwort: "Vorstadt-Tristesse". Könnt Ihr das näher erläutern und inwiefern spiegelt sich diese "Vorstadt-Tristesse" auf dem Album wider?
Thorsten: Für uns war und ist das ständige Pendeln zwischen Rotenburg und Hamburg sehr wichtig und prägend und das spiegelt sich auch in Songs wie z.B. "Gravity" wider. Wir sehen es in gewisser Weise auch als Luxus an, die Stadt mit der nötigen Distanz betrachten zu können. Ich glaube, so nimmt man die Dinge viel konzentrierter wahr und kann länger von ihnen zehren. Das ist das schöne. Und so können wir in Ruhe auf dem Lande das Passierte in unser Musik verarbeiten. Und dass das Ganze am Ende nicht nach Vorstadt klingt und locker mit anderen großen Bands mithalten kann, die immer wieder betonen, dass sie aus Hamburg, Berlin, London oder Manchester kommen, hört man auf "Suburban Grace".
Popconenction: Auf "Suburban Grace" gibt es drei Bonustracks - "Seesaw (Unwired Version)", "Picturefreak (Piano Version)" und "Gravity (Bohemian Groove Remix)". Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, die drei Songs des Albums noch mal in einer anderen Version aufs Album zu packen?
Thorsten: Mit der "Unwired Version" von "Seesaw" und der "Picturefreak (Piano Version)" wollten wir den totalen Kontrast zu den eigentlichen Album Versionen schaffen. Songs von Everlaunch funktionieren in jeder Form. Ob im großen Popgewand, als straighte Rocknummer oder eben als intime Version auf der Akustikgitarre oder dem Klavier. Und der "Bohemian Groove Remix" zu "Gravity" ist eine nicht ganz ernst gemeinte, dennoch nicht zu verachtend-eigenwillige Interpretation der Nummer.
Popconnection: Kommen wir mal auf Eure Musik zu sprechen... Wie würdet Ihr Euren Musik selbst beschreiben und wo liegen Eure Einflüsse?
Thorsten: Wir hören alle gerne englischsprachige Bands, die ihre Zeit irgendwo zwischen den 50ern und heute gehabt haben bzw. haben.
Popconnection: Ihr habt eine beachtliche Tourographie vorzuweisen und geht im Herbst wieder auf ausgedehnte Tour. Wie viele Auftritte spielt Ihr im Jahr? Wie wichtig ist das Livespielen für Euch?
Thorsten: Mit den Jahren hat es sich so eingependelt, dass wir im Frühjahr und Herbst für jeweils 20 Konzerte auf Tour gehen. Dazu noch diverse Festivals und Einzelshows. Das macht dann so ca. 50 Konzerte pro Jahr. Dieses Jahr werden es wohl noch einige mehr. Wir nehmen so viel mit, wie eben geht!
Popconnection: Ihr wart im Februar Vorband von Oasis. Wie kam es dazu und wie war das für Euch?
Thorsten: Der eigentliche Toursupport konnte/wollte die Show von Oasis in Düsseldorf nicht wahrnehmen. Da hat unsere Bookingagentur mightytunes nicht lange gezögert, ihre Kontakte spielen lassen und so waren wir im Rennen und kamen letztendlich in den Genuss vor ausverkauftem Haus in der Düsseldorfer Philipshalle Oasis zu supporten!
Popconnection: Habt Ihr die Herren Gallagher auch persönlich kennen gelernt?
Thorsten: Erfreulicherweise ja und ich als Nerd muss zugeben, dass die Gallagher-Brüder und das ganze Umfeld total zuvorkommend war und alles dafür getan hat, dass wir den Abend noch lange sehr positiv in Erinnerung haben werden.
Popconnection: Als englisch-singende Indie-Band hat man es in Deutschland nicht gerade leicht. Wie seht Ihr das?
Thorsten: Da stimme ich dir 100%ig zu. Und mitverantwortlich sind dafür nicht selten die großen Firmen hierzulande. Das mussten wir bei der Labelsuche oftmals am eigenen Leib feststellen. Viele von ihnen haben Angst, sind frustriert mit der derzeitigen Situation und erkennen oftmals nicht, welches Potential auch in einer englisch-singenden Band wie Everlaunch steckt. Aber wie heißt es so schön: man trifft sich immer zwei Mal im Leben...
Popconnection: Stichwort: Eigeninitiative. In Eurer Presseinfo steht, dass Ihr seit jeher die Dinge selbst in die Hand nehmt. Wie hoch ist der Anteil der Dinge, die Ihr selbst erledigt und wieso übernehmt Ihr diese Dinge selbst?
Thorsten: Da wir ein sehr enges Umfeld haben und man sich persönlich mittlerweile auch sehr nahe steht, würde ich sagen, dass alle Dinge die mit uns zu tun haben, von der "Familie Everlaunch" selbst in die Hände genommen werden. Auch wenn wir eine externe Bookingagentur, Label, Management, Verlag, Vertrieb, etc. haben. Hier weiß jeder, was der andere tut. Und so können wir dann auch alle sehr zufrieden mit der jetzigen Situation sein.
Popconnection: Wie betrachtet Ihr selbst Eure Entwicklung der Band in den letzten Jahren seit Eurer Gründung?
Thorsten: Es ist ein ständiger Prozess, der viele schöne Momente mit sich bringt. Dadurch schöpfst du immer wieder Energie, um auch nach knapp zehn Jahren so motiviert zu sein, wie wir es sind.
Popconnection: Auf was darf man sich in Zukunft bei Euch freuen?
Thorsten: Wir freuen uns weiterhin auf viele positive Rückmeldungen der Leute, die "Suburban Grace" hören, die anstehende Tour "Suburban Grace"-Tour und das Video zur zweiten Single der Platte.
Popconnection: Vielen Dank für das Interview!
Thorsten: Auch dir vielen Dank für deine Zeit. Man hört sich!
Die Kilians sind vielleicht die deutsche Indie-Band der Stunde. Mit ihrem zweiten Album They Are Calling Your Name gelang es den Jungs aus Dinslaken sich zu etablieren und nun stehen sogar Konzerte im Vorprogramm von Coldplay an.
Einziger Wermutstropfen ist vielleicht die Stimmbandentzündung, die Sänger Simon den Hartog kurzerhand außer Gefecht setzte und dazu führte, den Großteil der eigenen Tour zu verschieben. Was Simon zu den ganzen Ereignissen rund um seine Band zu sagen hat und was er davon hält, wenn er negative Kritik im bandeigenen Gästebuch findet, verriet er mir vor dem Nachholkonzert in Münster.
Popconnection: Guten Tag Simon.
Simon: Hallo.
Popconnection: Du hast ja schon ein paar Interviews hinter dir. Hast du überhaupt Bock auf noch eins?
Simon: Ja, der Film ist gut und deswegen mach ich das gerne.
Popconnection: Schön. In Interviews wurdet ihr früher und auch jetzt noch oft nach Dinslaken gefragt. Nervt das nicht irgendwann?
Simon: Ja, auf jeden Fall nervt das. In dem Maß, dass die Herkunft einer Band völlig belanglos ist für die Musik. Es ist einfach nicht ausschlaggebend. Wenn man das immer wieder in jeder Besprechung liest "Oh, eine Band aus Dinslaken", wobei ja die wenigsten Leute wissen, was Dinslaken ausmacht oder nicht oder was es eigentlich ist... das ist halt ne mittelgroße Kleinstadt. Da ist man auch jugendlich und hat auch genau die selben Dinge im Kopf wie überall: Entweder Musik, Fußball, Frauen, Techno – also, irgendwas ist für jeden dabei – auch in Dinslaken. Das Langweilige daran ist eigentlich, dass es so uninteressant ist. Es ist auch egal, wenn du aus Berlin kommst. Super, schön, freut mich, Hauptsache die Musik ist eben gut und die Band ist super.
Popconnection: Ein zweiter Punkt, auf den ihr oft angesprochen werdet, ist, dass ihr eine Newcomerband seid, die es geschafft hat. Seht ihr euch selbst auch so, dass ihr den Durchbruch geschafft habt?
Simon: Naja, ich glaub nicht, dass man den Durchbruch geschafft hat, aber das, was halt schön ist, ist dass wir Publikum haben – mittlerweile, was sich so entwickelt hat. Es war nicht von Anfang an so, dass Leute da standen, das gut fanden, sondern das hat man sich schon erspielt. Man hat natürlich auch viel Glück gehabt mit Sachen wie Supportslots für Bands. Deswegen würde ich das aber trotzdem als sehr schleichenden Prozess bezeichnen und nicht als totalen Senkrechtstart. Das wäre vermessen. Wir machen das jetzt seit mittlerweile fast vier Jahren und wenn wir wirklich sehr erfolgreich wären, dann hätte man davon gehört.
Popconnection: Noch mal bezüglich Newcomerband: Häufig habe ich auch gelesen und gehört, wie bei 1live, dass ihr als Pate dasteht für andere Newcomerbands und denen dann Tipps geben sollt. Meint du, das bringt überhaupt was oder glaubst du, dass irgendwelche Bands sich das zu Herzen nehmen – "die Kilians sagen das, jetzt mach ich das mal"?
Simon: Ich hoffe nicht! (lacht) Ich hoffe echt nicht. Das ist, glaube ich, egal, wie alt man ist. Man sollte sich sowieso nicht allzu viel von Musikern... äh... Man sollte schon zuhören. Es ist immer sehr interessant, aber man muss sich das nicht immer alles zu Herzen nehmen, weil jeder für sich sehr unterschiedlich funktioniert und ganz andere Ansprüche hat. Ich glaube für Bands ist es das Wichtigste, dass man weiß, was man machen will und dass man technisch und handwerklich das umsetzen kann, was man möchte und dass die Ansprüche, also die man an sich selber stellt, dass man denen gerecht wird. Das ist das Wichtigste. Und ansonsten haben wir, glaub ich, viel mehr Interesse daran, uns mit Leuten auszutauschen. Egal, ob das ne Band ist oder nicht. Egal, ob die jung und unerfolgreich sind oder alt und total erfolgreich oder andersrum. Egal, wie du’s drehst oder wendest haben wir mehr Interesse daran, Leute kennen zu lernen und einfach so nen Austausch stattfinden zu lassen, als dass wir uns da hin stellen und sagen: "So musst du's machen, so funktioniert das". Und das sind Leute, mit denen unterhält man sich auch nicht gerne ein zweites Mal, wenn es solche Gespräche gibt. Das kenn ich von mir persönlich. Ich werde da keine Namen nennen. Natürlich. Aber es gibt viele Leute, die dir erzählen wollen, wie das funktioniert. Und du stehst da und denkst: "Aha, aha, aha, aha. Wenn ich es aber so mache und es funktioniert auch, dann funktioniert es ja auch. Also, vielen Dank".
Popconnection: Okay, jetzt mal zu einer Frage, die du bestimmt nicht mehr hören kannst – zu deinen Stimmbändern.
Simon: Was? – Stimmbänder? Läuft gut!
Popconnection: Gut?
Simon: Jo, jo...
Popconnection: Gut, dann lassen wir das.
Simon: (lacht) Da kann man auch gern mal eine drauf rauchen. (nimmt sich eine Zigarette aus der Schachtel und spricht weiter) Stimmbänder – ich hatte echt Probleme damit. Wie ich aber festgestellt habe, waren sie wirklich eher psychischer Natur. Ich habe mir da so nen Kopf gemacht, dass es nicht geht, dass ich nicht singen kann. Das hab ich jetzt irgendwie überwunden. Natürlich weiß ich ungefähr, wann die Grenze erreicht ist, wann ich ein bisschen vorsichtiger sein muss. (steckt sich die Zigarette an) Aber an sich war es für mich das Wichtigste, dass ich da rauskomme aus diesem Trott, Angst zu haben nach dem Konzert und es ist ja normal, dass wenn die Stimme ein bisschen beansprucht ist, dass man dann heiser ist. Aber trotzdem fängt das im Kopf an. Wenn du sagst ich kann draußen singen, gut singen, so wie immer, dann funktioniert das. Und das hab ich jetzt festgestellt. Aber trotzdem werd ich noch ein bisschen Zeit investieren, um mich damit zu befassen.
Popconnection: Das Problem daran war ja jetzt eigentlich, dass ihr dann keine richtige Tour hattet, sondern alles so zerstückelt stattfindet. Macht das für euch einen Unterschied?
Simon: Ja, es ist eigentlich ganz schön, weil man halt soviel Zeit hat für Regeneration, weil einem soviel Platz und Raum gegeben wird, dass man wieder runter kommen kann. Wir waren ja auch schon mal mehrere Wochen unterwegs und dann ist es immer ganz schwer nach hause zu kommen und erst mal wieder anzukommen. Dann ist man vom Kopf her ganz woanders und auch körperlich vollkommen ausgelaugt. Jetzt ist es so: wir fahren drei vier Tage rum und dann haben wir wieder drei vier Tage Zeit, um sowohl im Kopf als auch im Körper wieder ein bisschen klarer zu werden. Natürlich ist es schade wegen der Tour. Die hätten wir gerne gemacht. Das hat uns dann im Grunde genommen unsere Grenzen aufgezeigt, dass es vielleicht ein bisschen zu viel war: vorher Platte machen, dann Platte promoten, dann direkt auf Tour gehen. Und das war ein bisschen zu viel einfach. Auch zuviel mit Rauchen, Quatschen, Trinken und eben den eigentlichen Fokus Verlieren. Also, dass es ums Singen geht und ums Musizieren, das haben wir so ein bisschen aus den Augen gelassen. Ja, und dann kam der Schlag. Der war, glaub ich, dann auch notwendig, weil – das hat uns alle auch ein bisschen sensibilisiert, dafür, dass wir bewusster damit umgehen müssen. So ist es jetzt natürlich wunderbar, weil wir eben nicht ne Clubtour hatten und dann den Festivalsommer, weil es so ein Mix ist. Man nimmt also von allem jetzt immer das Schönste mit.
Popconnection: Außerdem konntet ihr so auch zur Uni gehen. Geht ihr überhaupt hin?
Simon: Ja. (grinst) Ich hab neulich meinen Studierendenausweis verloren. Da musste ich dringend hingehen und mir nen neuen holen.
Popconnection: Alles klar. Ich spielt bald mit Coldplay. Wie kam es dazu und was erwartet ihr euch davon?
Simon: Wie es dazu kam ist schwierig zu erklären. Ich denke mal, das hing mit der Booking-Agentur zusammen.
Popconnection: Man ließt ja überall, Chris Martin hat sich gewünscht, dass die Kilians mitspielen.
Simon: Nicht von vorneherein. Das kann man so nicht sagen. Ich denke mal, es gibt da nen Topf von Bands, die da zur Auswahl standen und wir sind die Glücklichen, die ausgesucht wurden. Ob Chris Martin das jetzt persönlich gemacht hat oder die Band an sich, würde ich mir wünschen, weil ich kann mir nicht vorstellen, dass denen das egal ist, wer vor denen spielt – gerade wenn so viele Leute erwartet werden. Deswegen – das wurde so an uns herangetragen, dass die Band das auf jeden Fall abgesegnet hat. – Ja, was will man mehr? Ob die das gehört haben oder nicht, das weiß ich nicht. Ob denen das gefällt, kann ich auch nicht sagen. Zumindest ist es nicht irgendwie über irgendein Management gelaufen. Wir wurden ja auch erst mal gefragt, ob wir das machen wollen.
Popconnection: Und geht ihr da anders dran, an so ein Konzert.
Simon: Ja, natürlich. Da kann man sich ja auch gar nicht drauf vorbereiten, weil man’s ja auch noch nie gemacht hat in dem Sinne. Aber ich glaube, für die Techniker und die Crew, für die ist das einfach ein bisschen spannender und aufregender als für uns, weil es ganz einfach eine ganz andere Dimension ist. Wir hoffen einfach, dass wir unserem Motto treu bleiben können, dass wir das so unbefangen wie möglich machen, dass wir einfach befreit aufspielen in der Hoffnung, dass wir uns wieder ein paar Leute erspielen können, die uns vorher noch nicht gehört oder gesehen haben. Ansonsten würde ich jetzt gar nicht sagen, dass da im Vorfeld so ne große Aufregung besteht. Wir freuen uns einfach drauf, die Möglichkeit zu haben, mal so ne Größenordnung mitzuerleben. Aber so ist es genauso wie wenn du ein Album aufnimmst. Die Essenz soll einfach beibehalten werden. Es geht darum, dass wir Musik machen wollen und wir wollen jetzt nicht zu verkopft daran gehen. Wir wissen ja auch, dass wenn da so viele Leute stehen, dann kannst du's eh nicht allen recht machen. Deswegen versuchen wir nicht zu gut zu sein und noch ein paar Ecken und Kanten zu lassen.
Popconnection: Ja, dazu kommen wir jetzt auch: Lest ihr regelmäßig euer Gästebuch?
Simon: Ja.
Popconnection: Also, du weißt, was in den letzten Tagen und Wochen drinstand? Oder soll ich's noch mal zitieren?
Simon: Nö, brauchst du nicht zitieren. Es ist nicht so, dass ich mich darüber freue. Und wir sind sicherlich keine Leute, die das einfach so übergehen würden und sicherlich auch keine Leute, die nicht wissen, wenn sie was falsch gemacht haben oder sich nicht den Ansprüchen gerecht verhalten haben. Die Frage ist immer, wer welchen Anspruch hat. Aber das sag ich ja auch immer; wir sind keine Maschinen, sondern Menschen. Und wir sind vor allem keine vollprofessionelle Band. Da sind so viele Faktoren, die den Abend lenken können, und natürlich ist man immer der größte Einfluss. Es hat viel mit Eigenverantwortung zu tun, aber auch ganz viel mit Selbsterhaltung und Selbstzerstörung. Aber das heißt, wir lesen uns das durch. Wenn es ne gute Kritik gibt, dann freuen wir uns sicherlich darüber.
Popconnection: Aber sonst reagiert ihr darauf jetzt nicht, indem ihr zurückschreibt?
Simon: Nee nee, das ist ja ganz klar der Grund, warum das Gästebuch existiert. Das ist dafür da, damit die Leute, die die Internetseite besuchen, die uns vielleicht irgendwo gesehen haben und uns was mitteilen wollen, die Möglichkeit dazu haben. Es ist aber trotzdem eine einseitige Sache. Die sagen uns ihre Meinung und man wird den Teufel tun und darauf eingehen. Es gibt keinen Grund sich für irgendwas zu rechtfertigen. Das ist der Punkt. Man muss sich weder dafür rechtfertigen, dass man besonders gut war, noch dafür, dass man besonders schlecht war.
Popconnection: Oder besoffen.
Simon: Oder besoffen. Ja, was gut oder schlecht sein kann. Nur ich würd mich niemals da auf ne Diskussion mit Leuten einlassen, weil so machst du dich erst angreifbar. Es ist ja so: Du stellst dich auf die Bühne, du öffnest dich den Leuten und bist halt ne Angriffsfläche. Das heißt, wenn wer die Zeit aufbringen möchte, jemandem mitzuteilen, dass man ihn total scheiße findet, dafür hab ich immer große Bewunderung. Das würde mir nie einfallen. Das heißt, wir setzen uns damit auseinander, aber auch nur bis zu einem Punkt, wo es gerechtfertigt ist, und da wo es persönlich wird – was ja auch seitdem das Gästebuch auf ist immer mal wieder passiert und man von Leuten mit und ohne Grund einfach mal angefahren wird – ja was soll man sagen – da muss man halt irgendwie mit zurecht kommen. Ich werde daran nicht zerbrechen und wir als Band werden sicherlich auch nicht daran kaputtgehen, dass wir mal einen schlechten Auftritt gehabt haben oder dass wir mal besoffen auf der Bühne waren. Und ich kann dir versichern, dass das nicht das erste Mal war.
Popconnection: Aber ihr sagt euch dann nach dem Konzert nicht, "das nächste Mal wieder nüchtern" oder so was?
Simon: Es kommt immer auf den Tag an. Es ist ja auch nicht jeden Tag so, dass man mit nem Pegel auf die Bühne geht. Aber manchmal muss es halt sein, sonst erträgt man den Scheiß auch nicht. So, das ist auch der Punkt. Man muss sich manchmal einfach betäuben.
Popconnection: Und wie ist es heute?
Simon: Puh... Gut! Wir freuen uns drauf.
Popconnection: Schön! Dann freu ich mich auch drauf und bedanke mich für das Interview?
The Parlotones sind zur Zeit die größte und erfolgreichste Band Südafrikas, in Europa aber noch weitgehend unbekannt. Um das zu ändern, befinden sie sich gerade auf Clubtour durch Deutschland. Was unterscheidet Südafrika und Europa in musikalischer Hinsicht? Gitarrist Paul und Bassist Glen standen uns vor dem Gig im Münchner 59:1 Rede und Antwort.
Popconnection: Wie geht's euch? Wie gefällt‘s euch auf Tour in Deutschland?
Glen: Gut! Danke. Die Tour läuft super, es ist schön, wieder in Deutschland zu sein. Die Clubs sind voll, unser Team macht einen tollen Job und wir haben viel Spaß!
Paul Wir freuen uns immer wenn wir nach Deutschland kommen dürfen. Wir sind immer wieder überrascht wie aufgeschlossen die Deutschen gegenüber neuen, unbekannten Bands sind, wirklich Klasse.
Popconnection: Ihr seid hier um Werbung für euer, naja, "neues altes" Album zu machen. A World Next Door to Yours kam in Südafrika ja schon vor knapp 2 Jahren raus. Komische Situation für Euch oder, Werbung zu machen für ein 2 Jahre altes Album?
Glen: Man 2 Jahre ist das schon wieder her? Die Zeit vergeht...
Paul: Ja du hast schon recht, es wurde 2007 veröffentlicht. Es ist schon eigenartig, das stimmt. Eigentlich arbeiten wir schon längst am Nachfolger. Aber beim Vorgängeralbum, also Radiocontroledrobot, war die Situation genau so. Wir sind also schon daran gewohnt. Hoffentlich schaffen wir es beim kommenden Album, es etwas zügiger auch in Europa zu veröffentlichen.
Glen: In Südafrika waren wir schon sehr viel auf Tour mit dem Material, das wir jetzt in Europa präsentieren. Das ist der Vorteil. Wir kennen die Songs in- und auswendig und können sie wirklich routiniert spielen.
Popconnection: Ihr habt schon angedeutet, dass Ihr gerne in Deutschland seid. Wie gefällt es Euch ganz allgemein in Europa? Und vor allem, was sind die größten Unterschiede zur Musikszene in Südafrika?
Glen: Wir alle lieben Deutschland, wir kommen unheimlich gerne hier her. Der größte Unterschied zwischen Tourneen in Südafrika und einer Tour in Deutschland ist, dass es in Südafrika keine Konzertveranstaltungen in diesem Sinn gibt. Es gibt keine Musikclubs. Die Bands müssen wirklich das gesamte Equipment von Club zu Club schaffen. In Europa ist alles immer viel besser organisiert.
Paul: Hier in Europa sind Indie-Clubs eigentlich immer gleich aufgebaut und verfolgen das gleiche Konzept. Sie veranstalten Clubnächte und Konzertabende gleichermaßen. In Südafrika finden Konzerte immer im Rahmen irgendwelcher Themenabende oder Partys statt.
Popconnection: Gibt es in Südafrika einen Markt für Indie-Rock Bands wie Euch? Oder anders gesagt, gab es vor Euch schon eine derartige Musikszene oder wart ihr in dieser Hinsicht Pioniere?
Glen: Ach Pioniere, das nicht. Es gab schon immer eine derartige Szene in Südafrika, wenn auch nicht sehr groß. Wir waren mit die erste Band, die es dann aus dem Untergrund heraus geschafft hat. In der Folge gab es dann eine regelrechte Explosion an neuen Bands. Von daher waren wir schon so etwas wie Vorreiter auf diesem Gebiet. Das kulturelle Leben in Südafrika ist so vielfältig, es gibt so viele verschiedene Einflüsse, da tut man sich schwer, einen großen Markt zu erobern.
Paul: Diese Entwicklung dauert aber noch immer an. Es wird immer besser. Vor etwa 10 Jahren konnte man südafrikanische Rockmusik komplett vergessen. Wenig originell und schlecht aufgenommen. Wirklich schrecklich. Mittlerweile wurde das viel besser.
Popconnection: Ich habe schon ein paar Mal gelesen, dass Ihr die "Afrikanischen Coldplay" genannt werdet. Wie gefällt Euch der Vergleich? Und wer war in Südafrika zuerst da, Coldplay oder habt Ihr den Erfolg von Coldplay erst ermöglicht?
Paul: Nein so ist es nicht. Coldplay haben in Südafrika schon viele CDs verkauft, bevor wir den Durchbruch schafften. Der Vergleich ehrt uns natürlich. Als wir das erste Coldplay Album gehört haben dachten wir uns 'so wollen wir klingen'. Eine sehr wichtige Band für uns. Die größte Parallele zu Coldplay ist, dass wir in Südafrika mittlerweile, genau wie Coldplay damals in Großbritannien, den Sprung aus dem Untergrund in den Mainstream geschafft haben.
Popconnection: In Eurer Heimat seid Ihr Stars, in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Wie geht Ihr damit um?
Glen: Es ist eine sehr angenehme Abwechslung. In Südafrika haben wir es bis an die Spitze geschafft. Nur deswegen haben wir ja überhaupt die Möglichkeit, es International zu versuchen.
Paul: Wenn man viel Erfolg hat, wird man auch ein bisschen faul. Hier in Europa müssen wir die Menschen von neuem für unsere Musik begeistern, da können wir uns nicht ausruhen, und das ist auch gut so.
Glen: Im Grunde ist es hier in Deutschland genau so viel harte Arbeit wie vor einigen Jahren in Südafrika, also ist es in gewisser Weise auch eine Reise zurück zu den Anfängen der Parlotones.
Popconnection: Wie groß sind die Hallen, in denen Ihr in Südafrika spielt?
Paul: Das kommt immer auf die Stadt an. Es schwankt ziemlich, von ein paar hundert Leuten bis hin zu 10.000 Zuschauern war schon alles dabei. In Südafrika gibt es aber nicht besonders viele große Konzerthallen. Wir spielen oft bis zu fünf Shows hintereinander, im selben Club, und alle fünf Abende sind dann ausverkauft.
Popconnection: Ihr habt schon angedeutet, dass das deutsche Publikum sehr offen für neue Bands ist. Wie ergeht es Euch sonst so in Europa? Eine französische Band hat jüngst darüber geklagt, dass es vor allem in Großbritannien nahezu unmöglich ist, als ausländische Band erfolgreich zu sein.
Paul: Ja das können wir bestätigen. In Großbritannien ist es am schwierigsten. Die Briten sind einfach so gesättigt mit neuen Bands, da fällt es schwer, noch offen für ausländische Bands zu sein. Ansonsten sind wir aber recht zufrieden mit der Resonanz auf unser Material, gerade in Deutschland.
Popconnection: Freut Ihr Euch auf die Fußball WM im kommenden Jahr? Seid Ihr Fußballfans?
Paul: Oh ja wir freuen uns sehr auf die WM! Wir sind Fußballfans. Aber nicht nur deswegen, es ist auch sehr gut für das Land. Die Welt wird endlich einmal mehr von Südafrika sehen und das Land kennen lernen. Ich glaube, da gibt es einige Vorurteile gegenüber Südafrika.
Glen: Ja, die Leute in Europa denken wohl, man kann in Südafrika immer und überall von einem Löwen angegriffen werden, aber so ist es ja nun wirklich nicht.
Popconnection: Was hält das Jahr 2009 noch für Euch bereit?
Paul: Wir werden unser neues Album fertig stellen und noch dieses Jahr veröffentlichen! Vielleicht können wir dann im Frühjahr schon in Europa unser neues Album vorstellen, wer weiß.
Popconnection: Vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit für das Interview genommen habt, und viel Spaß heute Abend!
Die Eight Legs aus London sind die Indieband, dessen Debüt der neuen Inselbands wohl am rotziges rüberkam. Jetzt lebte die Band zwei Wochen lang in Berlin auf engsten Raum, zusammengepfercht in einem 15-Quadramterzimmer. Was dabei rauskam ist weniger rotzig, hat mehr Konzept und klingt teilweise orchestral. Was die Band dazu geführt hat, mehr zu experimentieren, warum sie wie viele andere Indiebands Berlin als Aufnahmeort gewählt haben und wie sie es geschafft haben, sich ohne die nötige Beinfreiheit nicht auf den Nerven zu gehen, haben Jack Wharton, Sam Jolly und Adam Neil uns im Interview erzählt.
Popconnection: Ihr habt euer neues Album in Berlin aufgenommen. Warum hier?
Jack: Wir wollten etwas Neues ausprobieren, also haben wir uns gesagt, wir müssen mal raus und da sind wir nach Ostberlin gegangen. Das war Mitte Januar für zwei Wochen. Wir hatten eine tolle Zeit.
Sam: Wir lieben diese Stadt, daher sind wir hierher gekommen. Aber es ist nicht nur die Stadt, es sind besonders auch die Menschen und das musikalische Umfeld. Es ist die Offenheit, die uns so begeistert hat. Wir spielen sehr gern in Deutschland und besonders in Berlin. Die Leute sind einfach anders. Nicht so sehr szenebezogen.
Jack: Diese Stadt gibt einem das Gefühl von Freiheit. Du gehst in Berlin über die Straße und fühlst dich einfach wohl. Ich weiß nicht, vielleicht sind es die verschiedenen Kulturen, die hier aufeinander treffen. Dies spiegelt sich natürlich auch in der musikalischen Offenheit wider.
Popconnection: The Rakes haben mir etwas Ähnliches erzählt und nannten Berlin die neue Musikstadt Europas. Seht ihr das auch so?
Sam: Ich denke schon. Berlin hat zumindest die offenere Clubszene und einige der besten Clubs in Europa.
Popconnection: Was ist der Unterschied zu London?
Jack: In London musst du akzeptiert sein. Ich habe das Gefühl, dass in Berlin die Leute auf dich zukommen und nicht so voreingenommen sind, wie es manche Magazine in England vorschreiben. Hier spielt man einfach und die Leute bilden sich dann ihre eigene Meinung. Zumindest kommt mir das so vor und man wird auch viel häufiger darauf angesprochen.
Adam: Definitiv fühlt es sich so an. (lacht)
Popconnection: Lasst uns über das neue Album sprechen. Es ist experimenteller geworden und viele Journalisten vergleichen euch mit Razorligtht oder Bloc Party, aber ihr würdet euch eher mit Velvet Revolver vergleichen...(lacht) Ich meine natürlich Velvet Underground.
Sam: Ich dachte schon, Mann. Velvet Revolver sind doch scheiße. (lacht)
Popconnection: Das sind die Nachwirkungen des Berliner Nachtlebens.
Sam: Mann, da weiß ich genau, was du meinst! (alle lachen) Es ist einfach so, ich habe das mal gesagt, dass man uns lieber mit Velvet Revolver…scheiße mann...jetzt hast du mich angesteckt…Velvet Underground vergleichen kann. Aber das habe ich nur gemacht, weil viele schlechte Musikjournalisten die Band nicht kennen und wir oberflächliche Vergleiche mit Bands, die man grad so kennt, nicht mögen. Ich denke einfach Vergleiche sind verwirrend und dann hört euch die Sachen doch einfach selber an.
Popconnection: Was war der Grund dafür auf der neuen Platte mehr mit Geigen und Synthies zu experimentieren und ihr fast denselben Titel, wie Tom Wolfes Buch The Electric Kool-Aid Acid Test über die Anfänge der Hippie-Bewegung zu geben?
Jack: It's more psychedelic! (lacht) Die Platte klingt einfach reifer, nicht mehr ganz so roh. Wir haben uns als Band weiterentwickelt.
Popconnection: Wie entstehen denn bei euch die Songs?
Sam: Nun, zunächst gibt es kleine Ideen, die man ausprobiert im Proberaum. Es ist ein langer Prozess und ein guter Song ist nie fertig, sondern wächst mit jedem Mal, an dem man ihn live spielt. So ist es besonders bei uns. Oft werden die Songs, die im Proberaum entstanden sind, beim Livespielen durch leichtes Experimentieren noch verändert, wodurch dann das finale Produkt im Studio entsteht. Oft bewegt sich der Song erst mit der Meinung und besonders der Reaktion der Fans auf Livekonzerten, verstehst du was ich meine?
Popconnection: Ziemlich genau. Das Publikum ist dein Richter und man merkt ziemlich schnell was funktioniert und was nicht.
Sam: Genau! Manchmal springt der Funke an einem Abend besonders rüber, meist wenn du wieder neue Ideen einbaust, die so unerwartet sind. Daher haben wir für unser neues Album auch erst 60 Prozent allein aufgenommen und erst später im Studio neue Sachen und besonders Synthie-Klänge, Geigen und das alles eingebunden. Manchmal haben wir stundenlang in die Songs gehört und nach neuen Ideen gesucht.
Popconnecftion: OK, sagen wir mal so, wenn euer erstes Album klang wie The Jam All Mod Cons, das Neue euer Sgt. Pepper ist, wie wird das Nächste klingen?
Sam: Das ist ein Vergleich, den ich mag. Würd sagen: Like a Psychedelic Punk Vibe! Nein, ich denke da natürlich nicht immer an ein Konzept. Songs entstehen entsprechend deiner Stimmung. Die kann ich jetzt noch nicht voraus sehen.
Popconnection: Aber wie war die Stimmung als ihr während der Aufnahme auf engsten Raum gelebt habt? Man hört, ihr hattet nur einen Raum? Seit ihr Euch nicht schnell auf die Nerven gegangen?
Jack: Ja Mann, klar. Wir hatten ein 15-Qudratmeterzimmer oder so. Manchmal hatten wir die Füße des anderem im Gesicht, während wir schliefen. Aber diese Erfahrung schweißt einen zusammen und wir haben eine gute Platte hinbekommen und freuen uns wieder hier zu sein und in Berlin heut Abend zu spielen.
Popconnection: Ich freu mich auch drauf. Danke euch für das Interview!
Neimo ist eine der interessantesten französischen Bands, die versucht, das große Vakuum hinter Phoenix zu füllen. Vor kurzem waren sie auf Tour in Deutschland, um Werbung für Ihr aktuelles Album Moderne Incidental zu machen. Gitarrist Camille Troillard empfing uns kurz vor dem Konzert im Münchner Atomic Cafe zu einem Interview.
Popconnection: Indie-Pop Band aus Frankreich, gibt es nicht so häufig. Ist es wirklich so schwierig, in Frankreich mit englischsprachiger Musik anzukommen?
Camille: Ja, es ist wirklich kompliziert. Du hast sicher schon einmal von der Radioquote gehört. Radiosender müssen mindestens 40 Prozent französischsprachige Musik spielen, 60% bleiben für alle anderen Sprachen. Hört sich nach viel an, aber die Konkurrenz ist natürlich groß. Die Radiosender spielen natürlich in erster Linie die Hits der großen, englischen Bands, da bleibt für unbekannte Bands kaum noch Platz im Programm. Es gibt aber noch ein zweites Problem, die französischen Medien bevorzugen generell eher ausländische Bands. Wir wissen auch nicht, warum das so ist. Als französische Band, die englisch singt, sitzen wir sozusagen zwischen den Stühlen.
Popconnection: Eigentlich gibt es ja nur eine weitere Band aus Paris, die mit englischen Texten große Erfolge feiert, nämlich Phoenix. Vorbilder für Euch?
Camille: Es ist wirklich eine große Ehre für uns, in die Fußstapfen von Phoenix zu treten. Wir mögen Phoenix sehr und sie haben wirklich viel erreicht, das respektieren wir.
Popconnection: Um groß rauszukommen, musstet Ihr aber erst einmal nach New York fahren. Dort habt Ihr Alan Moulder auf einer Party getroffen und überredet, ein paar Songs mit Euch aufzunehmen. Wie kam es dazu?
Camille: Es war ein Silvesterabend und wir waren auf einer Feier in New York. Wir hatten das überhaupt nicht geplant, es war purer Zufall. Eine Freundin von uns ist Regisseurin und sie hat einen unserer Songs für einen Film benutzt. Sie hat uns auf dieser Feier jemandem vorgestellt, der uns schließlich mit einigen wichtigen Menschen der Musikindustrie bekannt gemacht hat. Am Ende standen wir inmitten einer Gesprächsrunde, an der auch Alan Moulder teil nahm. Wir haben ihn ja zunächst nicht einmal erkannt. Das Album war eigentlich schon fertig gemixt, aber weil wir unbedingt mit Alan Moulder arbeiten wollten haben wir ihn zu einem weiteren Treffen überredet. Schließlich hat er ja gesagt und drei Songs mit uns aufgenommen.
Popconnection: Welche Bands haben Euch am meisten beeinflusst?
Camille: Da gibt es sehr viele. Hauptsächlich Iggy Pop, David Bowie und Blondie würde ich sagen, aber auch Joy Division und New Order.
Popconnection: Ich vermisse die Smiths bei deiner Auflistung. Something In Common und vor allem Lines sind doch sicher sehr inspiriert von den Smiths. Camille: Ja, du hast Recht. Das Gitarrenriff von Lines ist sehr an die Smiths angelehnt.
Popconnection: Seid Ihr mit der Tour bis jetzt zufrieden?
Camille: Oh ja. Wir lieben Deutschland. Wir kommen wirklich sehr gerne hier her. Die Leute sind so hilfsbereit und nett. Wir werden überall sehr herzlich empfangen, das ist wirklich großartig.
Popconnection: Wart Ihr auch schon in Großbritannien?
Camille: Ja, wir waren schon in Großbritannien. Dort ist es als ausländische Band immer etwas schwierig. Ich glaube, es liegt einfach daran, dass sie auf einer Insel leben. Sie schotten sich in allen Dingen gerne etwas ab. So auch bei der Musik. Wenn also eine französische Band in ihr Land kommt und obendrein in Englisch singt, da sind die Briten sehr voreingenommen und skeptisch, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gibt. Aber wir versuchen natürlich trotzdem, auch in Großbritannien Fuß zu fassen.
Popconnection: Was habt Ihr dieses Jahr noch für Pläne?
Camille: Zunächst einmal spielen wir die Tour zu Ende. Danach werden wir einen kurzen Urlaub einlegen und anschließend an unserem neuen Album arbeiten.
Popconnection: Welchen Produzenten habt Ihr dieses Mal engagiert?
Camille: Uns selbst. Wir sind die Produzenten. Wie ich bereits gesagt habe, der beste Weg, in Frankreich erfolgreich zu sein ist es, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Unser erstes Album haben wir auch alleine produziert. Wir werden ziemlich viel live einspielen. Die Songs sind soweit fertig, wir haben sie auch schon live getestet.
Popconnection: Werdet Ihr heute Abend auch neue Songs im Programm haben?
Camille: Ja, einen neuen Song werden wir spielen. Aber der Großteil des Sets wird aus Songs des aktuellen Albums bestehen, die Leute in Deutschland kennen Moderne Incidental ja auch noch nicht. Außerdem spielen wir einen Song von unserem ersten Album, vielleicht interessiert sich ja dann noch jemand für unser Debüt.
Popconnectin: Euer Debüt wurde außerhalb Frankreichs nicht veröffentlicht, oder?
Camille: Es wurde mittlerweile im Internet veröffentlicht, überall auf der Welt, außer in Deutschland und Österreich. Das hat unsere Managerin so entschieden. Sie wollte das erste Album hierzulande erst nach dem aktuellen veröffentlichen, damit nicht zwei Alben gleichzeitig auf den Markt kommen. Aber wer sich wirklich dafür interessiert, findet es im Internet auf diversen Seiten. Jeder, der möchte, soll es downloaden, und wenn er es gut findet, soll er es nachträglich kaufen. Das ist doch ein gutes Geschäft, oder?
Popconnection: Was kann man von Eurem neuen Album erwarten. Wohin geht die Reise?
Camille: Ein bisschen zurück zu den Wurzeln, würde ich sagen. Etwas härter, ein bisschen so wie unser erstes Album. Dieses mal allerdings mit einem echten Drummer, beim Debüt haben wir noch mit einem Drumcomputer gearbeitet. Und ich glaube, es wird ein bisschen intellektueller. Wir machen uns jetzt einfach mehr Gedanken über die Songs.
Popconnection: Vielen Dank, dass Ihr so kurz vor der Show noch Zeit hattet für das Interview. Ich glaube, Ihr müsst jeden Moment auf die Bühne. Also viel Spaß!
Wenn man Sophia hört, dann denkt man zwangsläufig an große Emotionen und düstere Melancholie. Seit dem Ende von The God Machine widmet sich Sophia-Mastermind Robin Proper-Sheppard musikalisch den eher schmerzhaften Seiten des Lebens. Das aktuelle Album There Are No Goodbyes schlägt wieder mal mit brachialster Wucht in diese Kerbe: So traurig-schön hat man Sophia lange nicht erlebt. Fast schon befürchte ich, einem von Herzschmerz zermürbtem Mann gegenüberzutreten, der betrübt in sein Rotweinglas schaut, während er über meine Fragen nachsinnt. Um so größer ist dementsprechend die Überraschung und die Erleichterung, als mich ein durch und durch gut gelaunter und äußerst sympathischer Robin Proper-Sheppard am Eingang der Münsteraner Sputnikhalle abholt, um mit mir über unverhohlen über die Liebe, das Leben und die Musik zu plaudern.
Popconnection: Hattest Du einen schönen Tag hier in Münster?
Robin: Wir hatten einen tollen Tag! Wir sind so gegen 13 Uhr hier angekommen, haben was gegessen, Soundcheck gemacht, ein paar Songs gespielt. Ich bin schon ein paar Mal hier gewesen und war in ein paar großartigen Bars. Wenn man mit einem Nightliner unterwegs ist, ist es nur immer so das Problem, dass man wenig schläft. Trotzdem war es ein schöner Tag. Und das Wetter ist toll - fast zu gut für ein Konzert würde ich sagen. (lacht)
Popconnection: Dein aktuelles Album There Are No Goodbyes ist im April veröffentlicht worden und ich muss gestehen, es ist für mich eines der schönsten, wenn auch zugleich traurigsten Alben von Sophia...
Robin: Oh, Dankeschön! Für mich war es unmöglich, das Album zu hören, als es fertig war. Ich konnte es mir einfach nicht anhören, ich habe es gehasst. Es ist seltsam: Ich habe es nicht gehasst, weil ich die Musik nicht mochte, ich habe es gehasst, wegen der Person, die ich in der Musik gesehen habe. Es war nicht so, dass ich mich selbst gehasst hätte, es hat mich nur so traurig gemacht, mir dieses Album anzuhören und das, was ich gedacht habe, als ich es mir angehört habe.
Popconnection: Das klingt so, als hättest Du mit diesem Album einiges aufgearbeitet...
Robin: So war es auch. Bei dieser Platte passierte so viel zu ein und demselben Zeitpunkt. Es gibt eine Passage in Heartache: "I guess that I should know by now that nothing ever lasts"... genau so habe ich mich gefühlt und über mein Leben gedacht, als ich diesen Song geschrieben habe. Es war nicht so, dass ich über etwas geschrieben hätte, das bereits ein oder zwei Jahre zurück liegt, sondern über etwas, das genau zu diesem Zeitpunkt passierte. Um ehrlich zu sein, habe ich diesen Song an dem Tag beendet, an dem ich die Platte meinem Label gegeben habe und ungefähr zwei Wochen später war ich mit den Akustik-Shows unterwegs und hab diesen Song gesungen. Das war so, als würde man sich mit einem Freund darüber unterhalten, wie mein Leben gerade so läuft und das war verdammt hart. Aber mittlerweile liebe ich dieses Album! Ich liebe die Atmosphäre und die Emotionen, die darin liegen und ich höre es mir häufiger an. Aber vor drei Monaten war es ein schwarzes Loch für mich. Ich weiß, das klingt schrecklich dämlich, aber es war einfach so schwer... (seufzt)
Popconnection: Wie waren die Resonanzen in der Presse bisher?
Robin: Sie scheinen sehr gut zu sein. Bisher ist das Album nur in Deutschland veröffentlicht worden, der Release im UK steht nächsten Monat an. Ich weiß, dass die meisten Künstler von sich behaupten, dass es ihnen egal sei, was die Leute über ein Album sagen, aber man fragt sich eigentlich immer, wie es bei den Medien ankommt. Bei There Are No Goodbyes war es so, dass ich mich zum ersten Mal entscheiden musste, ob ich es für Menschen schreibe, von denen ich hoffe, dass sie die Emotionen darin verstehen oder ob ich es für die Kritiker schreibe. Ich war mir nicht sicher, ob Kritiker es mögen würden.
Popconnection: Glaubst Du, dass Kritiker das Album anders wahrnehmen, als Fans?
Robin: Ich weiß nicht. Sehr viele Journalisten hören sich Musik an, weil es ihr Job ist und sie dafür bezahlt werden, darüber zu schreiben. Wenn eine Band gehyped wird, dann sollen sie 500 Wörter über diese Band abfassen und wenn eine Band nicht gehyped wird, dann dürfen es nur 200 Wörter sein. Es geht nicht zwangsläufig darum, was der Kritiker wirklich über das Album denkt. Ich hab mich also gefragt, soll ich mir Gedanken um die Kritiker machen oder lieber um einen 20, 30, 40 oder 50jährigen Typen, dessen Herz gebrochen wurde und dem es wirklich schlecht geht. Mir ist es wichtiger, dass dieser Typ dieses Album versteht. Das ist die Entscheidung, die ich getroffen habe. Komischerweise gefällt es auch vielen Frauen. Ich dachte eigentlich "Hey, das ist eine Männer-Platte über einen Kerl, dem das Herz gebrochen wurde", aber eine Menge Frauen identifizieren sich genauso damit. Das überrascht mich.
Popconnection: Ich finde es auch sehr berührend. Wenn Du dieses Album in drei Wörtern beschreiben solltest, welche Wörter wären das?
Robin: Ich kann es in einem Wort beschreiben... obwohl es nicht mal ein Wort ist... haaaaach (seufzt).
Popconnection: Oh...
Robin: Doch, ganz ehrlich, es ist einfach nur ein Seufzer. Ein Teil meines Lebens ist immer noch so verworren... die Frau, über die ich diese Platte geschrieben habe, hat mich letzte Nacht kontaktiert und ich liebe diese Person immer noch. Es ist einfach herzzerreißend und schmerzhaft und das alles. Sie nimmt immer Kontakt zu mir auf, wenn irgendetwas wichtiges passiert; sie hat sich an dem Tag bei mir gemeldet, an dem ich anfing, das Album zu schreiben. Das ist einer der Gründe, warum die Platte so verdammt düster geworden ist. Wir hatten uns ein Jahr zuvor getrennt und ich hab mir gedacht, "Ok, ich bin verletzt, ich bin traurig, aber love is in the air" und solche dummen Sachen und ich hätte mich fast getraut, ein fröhliches Album zu schreiben und dann hat sie sich wieder gemeldet und es war einfach nur "wusch" (macht eine Handbewegung nach unten und lacht). Als ich mich dann wieder aufgerappelt hatte, hat sie sich wieder gemeldet und "wusch" (grinst). An dem Tag, an dem ich meinen ersten Promo-Termin habe, meldet sie sich wieder und ich sitze da und denke mir "Oh, es gibt immer noch Hoffnung". Ich meine, es ist zwei Jahre her und natürlich gibt es keine Hoffnung mehr. Ich klinge wie ein Teenager, dem das Herz gebrochen wurde, aber vielleicht ist das etwas, was ich gelernt habe: Ein gebrochenes Herz bleibt ein gebrochenes Herz.
Popconnection: Glaubst Du denn, dass Dich all diese Erfahrungen an einem gewissen Punkt festhalten oder siehst Du es mehr als Chance, etwas daraus zu machen, etwas neues zu kreieren? Nutzt Du diese Erfahrungen als Motor oder Impuls?
Robin: Um ehrlich zu sein, ich bin nicht die Art von Künstler in dem Sinne, der Traurigkeit in seinem Leben braucht, um zu schreiben. Ich glaube, das meine Musik ein Resultat dessen ist, was in meinem Leben passiert. Es ist schon so, dass ich nichts kreieren würde, wenn das alles nicht passieren würde. Ich sehe mich aber nicht als Künstler, der zwangsläufig ein gebrochenes Herz braucht, um kreativ zu sein. Das wäre meiner Meinung nach zu prätentiös.
Popconnection: Das wäre meine nächste Frage gewesen: Ob Du diese Melancholie als Inspiration benötigst.
Robin: Die Antwort ist Ja. Es ist richtig, dass ich die Melancholie benutze, um daraus etwas zu kreieren, aber es ist nichts, das ich unbedingt in meinem Leben haben will. Es ist nichts, was ich genieße.
Popconnection: Der Titel deines neuen Albums There Are No Goodbyes erinnert mich an ein Zitat aus dem Film Das letzte Einhorn: "Es gibt nie ein glückliches Ende, denn es endet nichts". Bist Du der Meinung, dass es Dinge gibt, die man nie wirklich loslässt?
Robin: Das ist genau der Punkt! Das ist so ähnlich wie mit Astrid Williamson, mit der ich das Duett (Anm. d. Red.: Something) aufgenommen habe. Sie war eine der großen Lieben meines Lebens. Wir sind immer noch befreundet. Sie ist so ein großer Teil meines Lebens, sie ist mir so wichtig, dass ich in dieser Sache denke, "there are no goodbyes", weil sie wird immer ein Teil meines Lebens sein . Ironischerweise hatte ich, als ich anfing, das Album zu schreiben, den Titel There Are No Goodbyes im Kopf. Die Idee dahinter war, dass obwohl die Person, um die es in dem Album geht, nicht mehr Teil meines Lebens war, die Liebe immer noch Teil meines Lebens gewesen ist und deshalb würde auch die Person immer ein Teil von mir sein. Am ersten Tag, als ich anfing, das Album aufzunehmen, meldete sie sich wieder bei mir und am Ende war es so, dass es einen Abschied geben musste, weil ich ansonsten am Herzschmerz gestorben wäre. Deswegen liegt für mich in diesem Titel ein Hauch Ironie. Es war eine positive Platte - bis ich anfing, sie aufzunehmen.
Popconnection: Das Duett, was Du mit Astrid Williamson aufgenommen hast, ist Something. Ist es nicht schwer, ein Duett mit jemandem zu singen, mit dem man mal zusammen gewesen ist?
Robin: Nein. Ich glaube, das war die einzige Möglichkeit, diesen Song überhaupt zu machen. Als ich den Song geschrieben habe, habe ich meinem Schlagzeuger Jeff davon erzählt und er meinte, dass man daraus ein tolles Duett machen könnte. Ich dachte, das würde nicht funktionieren, weil die Lyrics viel zu persönlich sind, als das man sie mit irgendeiner x-beliebigen Person singen könnte. Ich brauchte jemanden, der mich kennt, der diese Dinge über mich weiß und dem ich wichtig bin. Um ehrlich zu sein, wenn Astrid nicht dabei gewesen wäre, dann hätte ich diesen Song alleine gesungen, dann wäre daraus kein Duett geworden.
Popconnection: Glaubst Du denn, dass Menschen generell befreundet bleiben können, wenn sie mal in einer Beziehung gewesen sind?
Robin: Ich weiß es nicht. Astrid und ich sind befreundet geblieben - und das seit fünf Jahren. Die Beziehungen, die ich habe, sind immer sehr leidenschaftlich und kompliziert. Ziemlich komplex. Bei all diesen Emotionen bin ich mir nicht sicher, ob es einfach ist, befreundet zu bleiben. Vielleicht funktioniert es, wenn aus einer Freundschaft eine Beziehung entsteht, an deren Ende man feststellt, dass man als Freunde besser miteinander klar gekommen ist. Dann ist das Ganze vielleicht einfacher. Aber die meisten Beziehungen entwickeln sich so, dass man als Paar startet und sich dann fragt, warum man nicht befreundet bleiben kann. Ich meine, wenn man all diese Leidenschaft und das Feuer erlebt hat, die Emotionen, den Sex, den Intellekt, wie kann man dann befreundet bleiben?! Ich weiß es nicht, es ist etwas, das ich immer noch versuche, herauszufinden.
Popconnection: In Songs wie There Are No Goodbyes oder Leaving scheinst Du Dir die Schuld für die Dinge zu geben, die schief gelaufen sind. Würdest Du Dich als eine reflektierte Person bezeichnen?
Robin: Ich bin eine reflektiert Person, aber ich bin auch ziemlich gemein. (lacht) Nicht gemein in dem Sinne, dass ich andere terrorisieren würde, aber ich bin kompliziert. Das kann ziemlich schwierig werden. Und das Problem ist, dass ich weiß, dass ich kompliziert bin. Wenn du weißt, dass du kompliziert bist und nicht alles tust, um die Menschen um dich herum zu schützen, kann das manchmal ziemlich verletzend und gemein sein. Ich akzeptiere eine Menge Beschuldigungen, ich muss es. Ich bin kein Engel, soviel ist sicher. (lacht)
Popconnection: Wenn man die Texte so hört, dann stellt man sich schnell einen Robin vor, der alleine im Raum sitzt und sich fragt, "Oh mann, was hab ich da nur gemacht?"
Robin: So ähnlich ist es auch! Ich verbringe eine Menge meiner Zeit damit, so zu denken. Ich bin sehr reflektiert, ich denke sehr viel nach und vielleicht denke ich manchmal nicht gut genug über mich selber nach. Ich habe nicht gerade das positivste Selbstverständnis und das führt zu einer Menge Problemen. Ich glaube, die Mischung aus einem nicht sonderlich positiven Selbstverständnis und Reflexion ist eine ziemlich schwierige Kombination. Es ist manchmal wie eine Spirale. Daraus resultieren dann Songs wie Leaving oder I Left You.
Popconnection: Siehst Du einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Songs?
Robin: Ja, Leaving und I Left You stehen in einer engen Beziehung zu einander. Alleine aus dem Grund heraus, dass bei Leaving ich derjenige bin, der verlassen wurde, während ich bei I Left You versuche, die Tatsache, dass ich jemanden verlassen habe, zu rechtfertigen. Aber in beiden Fällen bin ich kein guter Mensch. (grinst)
Popconnection: Bei Portugal, einem der etwas hoffnungsvolleren Songs auf There Are No Goodbyes singst Du "It's never to late to change." Denkst Du, dass jeder sich ändern kann?
Robin: Puh... Ich glaube, dass es bei jedem oberflächliche Punkte gibt, die man verändern kann. Solche Dinge, wie seine Wohnung zu putzen oder den Deckel der Zahnpastatube zuzuschrauben. Solche Dinge kann man ändern. Aber ich denke, es gibt bestimmte Sachen, die einer fundamentalen Veränderung benötigen: Die Art und Weise, wie man die Dinge im Leben sieht, Beziehungen oder Erfahrungen. Wenn jemand zum Beispiel durch und durch unsicher ist, dann muss man sich fragen, wo die Ursachen dafür liegen. Man kann die Schuld nicht bei den anderen suchen. Vielleicht braucht diese Person nur eine Situation, in der sie sich sicher fühlt. Ist es unsere Aufgabe, jemand anderen zu ändern? Ist es die Aufgabe meiner Freundin, mich zu ändern? Ist es meine Aufgabe, sie zu ändern? Das sind die komplizierten Aspekte in Beziehungen. Das ist es, was die Liebe schaffen muss. In diesen Dingen habe ich mich innerhalb der letzten fünf Jahre wirklich verändert: In meiner Vorstellung von Liebe und wie wichtig sie für mich ist. Ich glaube, dass man eine Menge erreichen kann, wenn man jemanden wirklich liebt. Wenn es keine wahre Liebe ist, dann kannst du es versuchen und versuchen und versuchen - und trotzdem wird sich nichts ändern.
Popconnection: Was ist Dein Lieblingslied auf der aktuellen Platte und warum?
Robin: Ich glaube, Something. Was ich in diesem Song über mich und die Person, die dort widergespiegelt wird sage, ist wahr. Es ist ein Teil meines Lebens. Auch diese Art von Liebe, die dieser Song reflektiert, diese Art und Weise, wie man zueinander steht. Ich höre mir diesen Track an und denke "Ich bin eigentlich gar keine schlechte Person". Das ist eine tolle Sache. Wenn du dich auf etwas in deinem Leben beziehen kannst und es etwas Positives reflektiert. Das ist vielleicht der Grund dafür, warum Something mein Lieblingslied ist.
Popconnection: Ich mag Signs unglaublich gern...
Robin: Oh ja! Ich liebe Signs auch, aber dieser Song bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich ihn singe. Alleine die Stelle "We never made it to St. Petersburg". Um ehrlich zu sein, all diese Songs sind immer noch so präsent. Die Zeilen sind so einfach, aber so wahr. Ich erinnere mich noch immer an das erste Mal, als wir zusammen gelacht haben, ich erinnere mich an das alte Paar und all diese Geschichten. Es ist nach wie vor schwer für mich, diesen Song zu singen, ich denke immer noch darüber nach.
Popconnection: Du schreibst nicht nur selber, Du arbeitest auch als Produzent. Unter anderem hast Du auch das neue Album von Black Rust produziert, die heute für Euch die Show eröffnen werden. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Robin: Sie haben mir vor einiger Zeit über meine Website und Myspace kontaktiert. Ich erinnere mich daran, dass ich mit Julian (Anm. d. Red: Julian Jacobi, Kontrabass bei Black Rust) telefoniert habe und er hat mir erzählt, dass die Jungs alle zusammen in einem Haus wohnen, dass die Musik alles ist, was sie machen wollen und dass sie die Platte aus eigener Tasche bezahlen wollen. Das alles hat mich an meine erste Band The God Machine erinnert, wie wir alle zusammen in einem Raum gewohnt haben. Ich hab mir gedacht, diese Jungs haben ein wenig Unterstützung verdient, weil ich weiß, wie schwer es ist. The God Machine ist nie als eine coole Hit-Band wahrgenommen worden. Die Leute wären nicht von selber auf die Idee gekommen, über uns zu schreiben. Ich glaube, bei Black Rust ist es ähnlich. Die Jungs haben so viel Herz, sie glauben an sich und sie sind so gute Freunde. Sie haben mir eine Geschichte erzählt, dass ein Club sie nicht spielen lassen wollte, weil den Leuten dort ihre Beschreibung nicht passte und ich hab ihnen gesagt "Scheißt auf diesen Club! Ihr seid eine großartige Live-Band!". Darum ging es eigentlich - dass ich die Jungs als Menschen wirklich mag. Das ist der ausschlaggebende Grund, warum ich mit Bands zusammenarbeite. Ich arbeite nie mit Leuten zusammen, die ich überhaupt nicht einschätzen kann. Ich kannte Black Rust auch nicht als Personen, aber aus den Konversationen heraus konnte ich sagen, dass sie gute Jungs sind. Und ich weiß, dass sie sich gegenseitig als Freunde sehr gern haben. Und das ist das wichtigste.
Popconnection: Medicine & Metaphors, das Album von Black Rust, erinnert mich ein wenig an Sophia. Wie groß ist denn Dein Einfluss als Produzent, wenn Du mit einer Band zusammenarbeitest?
Robin: Hmmm... wie groß ist mein Einfluß? (überlegt) Ich glaube, auf der Platte von Black Rust ist er nicht besonders groß. Für mich ging es mehr darum, den Sound dahin zu bewegen, wie Black Rust live klingen, aber die Jungs sollten sich dabei wohl fühlen. Wenn ich mit Jonas (Anm. d. Red.: Jonas Künne, Gesang, Gitarre bei Black Rust) zusammengearbeitet habe, ging es darum, dass er sich darauf konzentrieren sollte, was die Lyrics für ihn bedeuten, wenn er singt. Solche Sachen eben. Nicht Dinge wie "Oh, lass uns das so und so machen. Lass uns daraus einen Rock-Song machen". Die Jungs sind vorher noch nie in einem großen Studio gewesen und sie sollten sich halt einfach wohl fühlen, sich entspannen und sehen, dass jeder mal in dieser Position ist. Das ist die Art Produzent, die ich bin - nicht Mr Big Producer so nach dem Motto "Das ist ein trauriger Song und ich packe ein wenig mehr Farbe hinein." Das ist nicht mein Ding. (lacht)
Popconnection: Heute Abend ist die Eröffnungsshow deiner Deutschland-Tour. Freust Du Dich darauf?
Robin: Absolut! Es ist ein wenig seltsam, dass wir auf dieser Tour nicht nur in den ganz großen Städten spielen. Da sind viele kleine Städte dabei. Ich weiß nicht, ob ich es mir zugetraut hätte, wieder nur in den Metropolen zu spielen. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine zwei, drei Monate dauernde Tour gebucht habe mit einem Album, von dem ich zu dem Zeitpunkt nicht mal wusste, ob ich es überhaupt live spielen kann. Ich habe erst vor einem Monat angefangen, dieses Album zu schätzen, indem ich es gehört habe. Von daher bin ich jetzt sehr glücklich. Wir werden auch noch in Amsterdam, Paris und Brüssel unterwegs sein, gestern haben wir in London gespielt und das hier ist ein großartiger Weg, in diese ganze Tour rein zu kommen.
Popconnection: Und wir freuen uns auch schon sehr auf den Gig! Dankeschön für dieses tolle Interview!
Robin: War's das schon? Ich hoffe, es hat euch gefallen. Und übrigens stehen Black Rust gerade auf der Bühne - die solltet ihr auf keinen Fall verpassen! (lacht)
Mit ihrem 2007er Debütalbum Sins galten die Antennas als Geheimtipp für Freunde von klischeefreier und entspannter Popmusik Marke Schweden. Ende Februar diesen Jahres legten sie mit Feeling Feline Tonight nach und ernteten dafür ausgesprochen gute Kritiken.
Im Anschluss an den Release startete das Trio - bestehend aus Sänger Christian, Drummer Henrik und Gitarrist Johnny - eine kleine, erfolgreiche Tour durch die europäischen Lande. Jetzt ist erstmal Ruhe angesagt. Oder doch nicht? Wir haben die Möglichkeit genutzt und nachgefragt, nämlich bei Johnny Persson, dem kreativen Kopf der Band. Via E-Mail erzählt er von der Tour, der Zukunft und den Grundsätzen der Antennas.
Popconnection: Hallo Johnny! Vor kurzem erschien euer wunderbares zweites Album Feeling Feline Tonight, aber trotzdem scheinen Antennas noch eher unbekannt zu sein. Wie würdest du jemandem euren musikalischen Stil beschreiben?
Johnny: Ok, gleich die schwierigste Frage zu erst, aber gut: Eigentlich ist es so, dass wenn jemand mir diese Frage stellt, ich ihn einfach auf www.myspace.com/areyouantennas verweise. Es ist nämlich wirklich schwer für mich, darauf zu antworten, da ich nie über so was nachdenke. Mir kommt einfach eine Idee für einen Song, den wir dann aufnehmen und produzieren. Und das versuchen wir so gut wie möglich zu tun, mehr nicht.
Popconnection: Wann hast du begonnen, Musik zu machen?
Johnny: Ich habe relativ spät angefangen auf einer alten Akustikgitarre zu spielen, die mir mein Vater vermacht hat. Vom ersten Moment an habe ich dabei eigene Lieder geschrieben. Ich habe nie gelernt, die Songs von anderen nachzuspielen. Mittlerweile ärgert mich das aber, weil ich nie eine herzzerreißende Interpretation von Love Hurts spielen kann, um Mädchen zu beeindrucken, haha.
Popconnection: Um was ging es bei eurer Vorgängerband Novak? Was führte zu dem Namens- und Besetzungswechsel?
Johnny: Die Kurzfassung ist: Mit Novak hatten wir einen anderen Fokus. Es stellte sich heraus, dass dieser nicht unserem Hauptinteresse galt, und deshalb entschieden wir uns, mit Antennas eine andere Richtung einzuschlagen. Die anderen Novak-Mitglieder wollten das nicht und sind ausgestiegen. Den Namen haben wir gewechselt, nachdem ein schwedischer Künstler damit gedroht hatte, uns zu verklagen, da er angeblich die Rechte an dem Namen hatte. Das hätte uns nicht gejuckt, wenn dieser Typ nicht Beziehungen zu Bert Karlsson hätte, der so was wie die schwedische Ausgabe von Tommy Mottola ist. Novak ist sowieso ein öder Name...
Popconnection: Vor zwei Jahren ist euer Debüt Sins erschienen. Was hat sich in der Zwischenzeit verändert? War die Arbeit an Feeling Feline Tonight in irgendeiner Weise anders?
Johnny: Oh ja, wir wollten das Album irgendwie mehr "stripped down" als das vorherige machen. Außerdem wussten wir viel genauer, wohin es mit diesem Album gehen sollte, deshalb haben wir die Songs schon als Demos aufgenommen, bevor wir ins Studio gegangen sind. Als wir uns später die Demos, die wir in meinem Schlafzimmer gemacht hatten, noch mal angehört haben, klangen sie tatsächlich ganz ähnlich wie das fertige Album.
Popconnection: Die Texte auf der aktuellen Platte sind sehr intensiv und bedeutungsschwanger. Wie wichtig sind dir die Lyrics und woher nehmt ihr den Stoff dafür?
Johnny: Die Texte bedeuten mir auf jeden Fall sehr viel. Das ist wohl auch der schwierigste Teil bei der Arbeit an einem Album, da wir in diesem Punkt sehr selbstkritisch sind. Auf der neuen Platte sind die Texte definitiv düsterer als auf dem letzten. Wohl eine Folge von Liebeskummer.
Popconnection: Gibt es bei euch eine Hierarchie? Wie sind die Kompetenzen verteilt?
Johnny: Ich bin der Bandleader, wenn man es so sagen will, da ich die treibende Kreativkraft bin. Das heißt, dass ich das letzte Wort habe, wenn wir uns nicht einig sind. Aber an mir bleiben dann auch die Sachen hängen, die Christian und Henrik nicht machen wollen.
Popconnection: Ihr wart ja gerade auf Europatour. Hat's denn Spaß gemacht?
Johnny: Sehr sogar. Jede der Shows war super, obwohl wir ungewöhnlich viel Probleme hatten auf dieser Tour. Da sind Sachen um uns herum eingestürzt, Leute wurden verletzt, der Bus wurde abgeschleppt, wir wurden beklaut und so weiter. Aber solange die Gigs gut laufen, können wir uns nicht wirklich beschweren. Das ist das Wichtigste.
Popconnection: Welche Show fandet ihr am besten?
Johnny: Das war wohl in Salzburg, der letzten Station der Tour. Die Leute im Club waren supernett und taten wirklich alles dafür, dass der Abend ein würdiger Abschluss wurde. Man hat uns sogar einen richtig leckeren Schokokuchen gebacken.
Popconnection: Ich habe euch in Bern gesehen. Das Publikum war nicht allzu groß, aber ich glaube ihr habt überzeugt. Wie habt ihr die Resonanz während der Tour empfunden?
Johnny: Insgesamt sind wir, denke ich, ziemlich gut angekommen. Die Leute auf den Gigs waren echt klasse. Du warst also in Bern? Ich hoffe du warst nicht zu lange und hast den anschließenden Komplettabsturz erlebt...trotzdem lustiger Abend!
Popconnection: Ich musste wegen ähnlicher Probleme auch schon früher abziehen... Die Masse von neuen Indiebands ist mittlerweile kaum noch überschaubar. Wo siehst du die Antennas, welche Rolle spielt ihr?
Johnny: Weiß ich nicht, ist mir auch egal. Wir selber glauben nicht, das wir Teil irgendeiner Szene sind, und fühlen uns auch überhaupt nicht als Indieband. Wir versuchen alles mögliche, um keine Indieband zu sein. Unserer Meinung nach sind wir nämlich ungefähr so Indie wie Phil Collins.
Popconnection: Alles klar. Welche Musik bevorzugst du denn persönlich? Was sind deine Lieblingsplatten?
Johnny: Geht's denn jetzt um die All-time-favourites? Ok, sehr schwer, aber was mich wohl niemals langweilen wird sind die hier:
My Bloody Valentine - Loveless Fleetwood Mac - Rumours Shuggie Otis - Inspiration Information
Aber da gibt's noch Millionen andere, du weißt wie das ist.
Popconnection: Abschließend: Wie sieht die Zukunft aus? Weiter touren oder gibt es schon neue Pläne?
Johnny: Alles klar, da kann ich dir ganz exklusive Infos geben: Wir sind tatsächlich daran ins Studio zu gehen, um aufzunehmen, wahrscheinlich eine EP. Wann die veröffentlicht wird, kann ich noch nicht sagen, aber wir wollen es so schnell wie möglich fertig stellen. Soviel kann ich schon verraten: Wir nehmen ein Cover auf!
Popconnection: Dann wünsche ich euch schon mal viel Erfolg und bedanke mich herzlich für das Interview!
The Rifles, zweifelsohne eine der vielversprechendsten britischen Bands der vergangenen Jahre, sind derzeit in Deutschland unterwegs, um ihr zweites Album The Great Escape zu bewerben. Am vergangenen Montag waren die vier Briten in München zu Gast. Nach einem schweißtreibenden Konzert haben wir Joel Stoker, Luke Crowther, Rob Pyne und Grant Marsh Backstage getroffen, etwas erschöpft, aber glücklich und beseelt angesichts der tollen Show, die sie Minuten zuvor abgeliefert haben.
Popconnection: Hallo, gratuliere, großartiger Gig. Und ich wünsch Euch natürlich Frohe Ostern!
Luke: Oh, danke! Wünschen wir Dir auch! Hier, ein Osterei für Dich, ein kühles Bier!
Popconnection: Vielen Dank! Gestern hattet Ihr einen Tag Tourpause. Während des Konzertes habt Ihr schon erwähnt, dass Ihr schon gestern angereist seid und Ihr habt München zu Eurer Lieblingsstadt in Deutschland erklärt. Was begeistert Euch so an München?
Joel: Oh ja, es war wunderbar. Wir sind gegen Mittag in München angekommen und sind dann in den großen Stadtpark, den Englischen Garten, gegangen. Ein wunderbarer Ort! Abends sind wir dann ins Atomic Café, wirklich toll.
Rob: München ist wirklich eine tolle Stadt, alles ist so sauber! Gut, sehr sauber ist es überall in Deutschland, aber in München ist es noch extremer. Und der Englische Garten ist ein überwältigend schöner Anblick. Wir waren zwar schon öfter in München, aber noch nie im Park. Das hat uns echt vom Hocker gehauen!
Popconnection: Seid Ihr soweit zufrieden mit der Tour? Wie ist das Feedback des Publikums auf Eure neuen Songs?
Joel: Es ist phantastisch! Wir sind wirklich sehr zufrieden.
Grant: Besonders heute hat es riesig Spaß gemacht. Wir waren ein bisschen besorgt, weil wir ganz schön fertig waren von gestern Nacht, aber pünktlich zum Konzertbeginn war die Müdigkeit weg.
Luke: Deutsche Fans sind unglaublich. Schon wenn wir auf die Bühne kommen drehen sie vollkommen durch. Ab dem ersten Song tanzt die ganze Halle. Das macht uns die Arbeit wirklich leicht. Immer wieder eine große Freude, hier zu spielen. Ihr Deutschen seid echt klasse, wir werden jedes Mal sehr herzlich aufgenommen.
Joel: Und die neuen Songs kommen wirklich sehr gut an! Wenn man ein Album aufnimmt weiß man nie so recht, ob die Songs auch live funktionieren werden. Aber schon bei unserer Tour im vergangenen Herbst lief es ziemlich gut. Das Album war noch nicht einmal draußen, und trotzdem haben die Fans mitgesungen als könnten sie jeden Text auswendig. Verrückt!
Popconnection: Ihr habt in ein paar Interviews die neue Platte erwachsener genannt. Was genau meint Ihr damit?
Luke: Das darfst Du nicht falsch verstehen, wir meinen nicht, dass es jetzt Musik für Erwachsene ist. Wir als Band haben uns einfach weiter entwickelt seit unserem ersten Album. No Love Lost war ein typisches Debütalbum. Jung, frisch, wir haben einfach drauf los gespielt. The Great Escape ist in dieser Hinsicht ein reiferes Album.
Joel: Die Texte und auch die Songs an sich sind einfach reifer, ausgefeilter. Wir werden schließlich auch älter und mit der Zeit etwas klüger.
Luke: (lacht) Naja, darüber kann man streiten, ich hab das Gefühl, wir werden eher immer dümmer, aber das müssen wir hier nicht weiter ausführen.
Popconnection: Du hast gerade die Texte angesprochen. Die interessanteste Geschichte verbirgt sich hinter The General. Joel, wie bist Du auf die Idee gekommen, einen Song über Mike Tyson zu schreiben?
Joel: Der Song handelt von "Ein Abend mit Mike Tyson", eine Veranstaltung, zu der man hingeht und viel Geld dafür bezahlt, dass man Mike Tyson gegenüber sitzt, während dieser von seinem Leben erzählt. So etwas machen wirklich nur Leute am Ende ihrer Karriere, wenn sie irgendwie an Geld kommen müssen. Und das mit, wie alt wird er wohl sein, 50? Es ist schon sehr traurig, jemanden wie ihn, ein Idol unserer Kindheit, abgehalftert und ziemlich am Ende auf einer Kleinstadttour zu treffen.
Popconnection: Ihr habt dieses Mal mit zwei Produzenten gearbeitet, Dave McCracken und Stan Kybert. Wie kam es dazu?
Joel: Nun, zunächst haben wir uns an Dave gewandt, weil er sehr viel für Ian Brown gemacht hat. Wir dachten, das passt gut zu unseren Songs und bringt uns in eine etwas andere Richtung. Die Zusammenarbeit war sehr gut und wir haben einige Stücke aufgenommen, haben dann aber festgestellt, dass es ein bisschen zu viel Veränderung war. Wir haben dann mit Stan ein paar weitere Aufnahmen gemacht und schließlich aus Beiden Sessions das Beste genommen.
Luke: wir haben die Songs immer mit dem Produzenten aufgenommen, dessen Stil am besten zu dem jeweiligen Stück passt, und sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
Popconnection: Stimmt es, dass Paul Weller Euch den Tipp für den richtigen Produzenten gegeben hat? Habt Ihr nach wie vor regelmäßig Kontakt zu Paul?
Joel: Oh ja, wir stehen nach wie vor in engem Kontakt mit Paul Weller. Stimmt, den Tipp mit Dave gab uns Paul. Er meinte "wenn Ihr einen richtig guten Live-Produzenten sucht, dann ist Dave Euer Mann". Er hat Paul Weller's As Is Now produziert.
Popconnection: Wie würdet Ihr Euren Stil beschreiben? Oder anders gesagt – nervt es Euch, immer in die Brit-Pop Schublade gesteckt zu werden?
Grant: Ich würde unsere Musik nicht unbedingt Brit-Pop nennen. Schwierige Frage.
Luke: Alles einfach Brit-Pop zu nennen ist einfach fauler Musikjournalismus. Es gibt gar nicht so viele Bands, die wirklich mit unverkennbar englischem Akzent singen. Wir singen mit Akzent, und deshalb klingen wir sehr englisch, würde ich sagen. Natürlich sind wir Brit-Pop. Beides, wir sind Pop und verdammt britisch! (Anm. d. Autors: eigentlich im Original 100 mal geiler: We're Pop and fuckin' british!)
Popconnection: Wie geht es weiter bei Euch? Was erwartet Ihr vom Jahr 2009?
Luke: Noch viele Konzerte in Deutschland hoffe ich!
Grant: Wir werden viel unterwegs sein, ein paar Festivals spielen, in Deutschland zum Beispiel Rock am Ring!
Joel: Ja und Ende 2009 dann hoffentlich ein neues Album machen. Mal sehen, wie weit wir damit in diesem Jahr noch kommen. Wir dürfen keine Lücke entstehen lassen, es muss immer weiter gehen.
Popconnection: Oh, Ihr plant schon das nächste Album? Das geht ja schnell. Habt Ihr schon wieder so viel Material zusammen?
Luke: (lacht) Ach nein, überhaupt gar nichts! Aber hey, wir dürfen uns keine Pause leisten. Wir sind eine hungrige Band!
Joel: Ein paar Ideen haben wir aber schon. Du kannst sehr gespannt darauf sein!
Popconnection: Das bin ich! Gut, die nächsten warten schon, wird hoffentlich kein allzu langer Arbeitstag mehr für Euch. Vielen Dank, dass Ihr Euch noch Zeit für das Interview genommen habt. Viel Spaß morgen in Frankfurt und auf der restlichen Tour!
Luke: Sehr gerne! Schön, dass Du so spät noch Zeit hattest. Cheers!
Muff Potter sind wieder da. Nun gut, weg waren sie nicht. Aber es hat sich einiges getan bei der aus Rheine stammenden und zurzeit halb im westfälischen Münster und halb in Berlin lebenden Band. Nicht nur die Trennung vom Majorlabel Universal und die damit einhergehende Gründung des eigenen Labels "Huck's Plattenkiste" sind der Grund, weshalb wir zum Gespräch baten. Mit Gute Aussicht steht sogar ein neues Album vor der Tür.
Während Bassist Shredder seit Tagen im seinem Keller CDs eintütete und Nagel und Dennis in Berlin ihrer Promoarbeit nachgingen, trafen wir uns mit Schlagzeuger Brami, der gerade eine zehnstündige Schicht als Fensterputzer hinter sich hatte. Am Münsteraner Hafen plauderten wir über das neue Album, das Label und die Existenzängste einer Punkband.
Popconnection: Am 24.04. kommt euer neues Album raus. Bist du zufrieden mit dem Werk?
Brami: Ich bin sehr zufrieden, ja. Das glaub ich jedenfalls. Also, ich bin immer noch ein bisschen ohne Distanz zu dem Ganzen, aber was ich weiß, ist, dass es irgendwie geil klingt und dass es auf jeden Fall mal wieder was anderes ist.
Popconnection: Wieso anders? Weil's live eingespielt ist oder...
Brami: Ja, so insgesamt, weil's live eingespielt ist, weil wir die Songs schnell gemacht und schnell aufgenommen haben ohne wirklich lange dran rum zu basteln und das hat mir sehr gut gefallen. Obwohl ich genau die entgegengesetzte Sache eigentlich auch irgendwie cool find – manchmal jedenfalls – wenn man Songs total ausarbeitet und einzeln aufnimmt und dann mit dem Sound irgendwie rumtüftelt, was wir ja jetzt bei dieser Liveaufnahme gar nicht machen konnten beim abmischen. Also, diesen Jimmy Eat World-Sound oder sowas mag ich natürlich auch, aber ich finde zu diesen Songs passt halt eben dieser Sound ganz gut.
Popconnection: Aber wenn man's nicht live einspielt, hat man ja noch die Freiheit, das nachher noch zu verändern. Gab es denn mal Momente, wo du dachtest: ach, scheiße, hier hätte ich jetzt noch ein Fill-In mehr machen können?
Brami: Ja, aber diese Momente gibt's ja immer. Aber man muss beim Liveeinspielen eben einen Take nehmen, wo alles okay war und wenn das Schlagzeug okay war und alles andere auch, dann nimmt man den halt eventuell, auch wenn der Take zuvor vom Schlagzeug geiler war, sich dort aber ne Gitarre verspielt hat. Es ist da schon teilweise ein Kompromiss.
Popconnection: Wie habt ihr es denn geschafft die Songs zu schreiben, wenn man bedenkt, dass ihr halb in Berlin wohnt und halb hier in Münster und Dennis und Nagel nebenbei noch ihre Aktivitäten mit dem eigenen Label [Anm. d. Red.: Richard Mohlmann Rec.] und dem Buch [Anm. d. Red.: Wo die wilden Maden graben] haben?
Brami: Also, wir schreiben Songs ja fast nie komplett zusammen – das ist recht selten. Meistens kommt einer – Nagel hauptsächlich – mit einer Idee und versucht die dann durchzusetzen und manchmal wird dann ein Song draus. (lacht) Aber ich find's auch wichtig, dass einer ne Idee hat. Wir sind halt keine Musikvirtuosen. Von daher bringt das auch wenig, wenn wir stundenlang irgendwie so rumjammen und irgendwas ausprobieren. Das macht einen fertig. Ich find’s einfach besser, wenn man so einen roten Faden hat, wenn jemand ne Idee hat, die er verkaufen will. Das ist einfach spannender.
Popconnection: Heißt das dann im Umkehrschluss, dass von Dennis nicht viel kam oder weshalb singt er nicht auf dem Album?
Brami: Das hat sich so ergeben. Von Dennis sind einfach nicht so viele Songs gekommen. Ich find's auch schade. Aber es war eben so. Es war diesmal weniger. Es war schon mal mehr. Das variiert ja auch immer.
Popconnection: Was verbirgt sich hinter dem Albumtitel Gute Aussicht, der ja auch der Name des letzten Stückes ist?
Brami: Den Songtitel gab es vor dem Albumtitel und der Arbeitstitel des Album war dann halt auch Gute Aussicht. Warum – weiß ich gar nicht genau. Und weil wir das irgendwie schön fanden und weil's auch inhaltlich ganz gut passt, haben wir den dann einfach übernommen. Inhaltlich insofern, dass es leicht ironisch ist, wenn man von den Krisensongs ausgeht wie Blitzkredit Bop beispielsweise.
Popconnection: Eure Texte handeln ja des Öfteren mal von Krisen oder Existenzängsten...
Brami: Joa, anscheinend, weil uns das beschäftigt.
Popconnection: Aber ihr macht nie so den Eindruck, dass euch das selbst betrifft, sondern dass ihr es eher beobachtet. Habt ihr denn nie Angst, dass euch morgen irgendwer müde lächelnd auf der Straße begegnet und der dann denkt: Hey, der war mal in ner Punk-Band, ist jetzt pleite und putzt Fenster?
Brami: Ja, aber ich hab ja schon immer Fenster geputzt, von daher liegt das nicht groß an. Ansonsten was Existenzängste angeht hat man die ja immer – sowohl auf sich selbst als auch auf die Band bezogen.
Popconnection: Aber habt ihr denn Sorgen, dass es jetzt wo ihr nicht mehr bei Universal seid, bergab gehen könnte?
Brami: Eigentlich nicht. Aber wir wären natürlich gern dageblieben, weil es einfach viel bequemer war. Vor allem Nagel und Dennis in Berlin merken gerade wie extrem viel Arbeit das alles ist, weil wir jetzt alles selbst machen, auch was Promo und so angeht. Es ist schon ungemütlicher so, aber es hat uns vielleicht auch einen neuen Kick gegeben. Und ich bin mir auch sicher, dass diese Entwicklung keinen Einfluss darauf hat, wie unsere Musik klingt. Es wird zwar immer gerne als Argument genommen, wenn ne Platte mal wieder angeblich zu poppig geraten ist, aber so ist es definitiv nicht. Wir haben uns auch genau mit diesen Songs bei Universal vorgestellt, nur die wollten es halt nicht machen.
Popconnection: Wie kam es dann dazu, dass sie es nicht mehr wollten?
Brami: Weil wir zu wenig verkauft haben. Ganz einfach. Die wollen ja Geld verdienen und das haben die bisher nicht. Bisher haben wir eher an denen Geld verdient und von daher war das eine rein wirtschaftliche Erwägung.
Popconnection: Und wie war die Arbeit bis dahin?
Brami: Die war gut. Wir hatten vertraglich alle unsere Freiheiten geregelt. Wir hatten damals die Von Wegen Platte schon fertig, als die uns gesigned haben. Und sonst hätten wir die Platte, so wie sie ist auch selbst rausgebracht.
Popconnection: Also, habt ihr die jetzige Platte wieder Universal vorgespielt und die haben dann gesagt, ne das machen wir nicht mehr wegen zu schlechter Verskaufszahlen? Dann hätten die ja eigentlich auch nicht mehr reinhören müssen.
Brami: Ich geh davon aus, dass die – egal, was wir denen vorgespielt hätten – gesagt hätten, ne machen wir nicht. Ich glaub, dass die Entscheidung schon vorher gefallen ist.
Popconnection: Wie fiel dann die Entscheidung für's eigene Label? Oder gab es auch Angebote von anderen Labels?
Brami: Es gab Angebote, aber keine von denen wir dachten, juchu das bringt uns nach vorne. Es ist einfach die beste Lösung für uns, das selber zu machen. Das ist in diesem Fall auch eine finanzielle Frage und eigentlich sehr profan.
Popconnection: Aber so müsst ihr jetzt alles selbst bezahlen.
Brami: Ja, wir haben jetzt nen Haufen Schulden (lacht) und hoffen, dass wir das so im Herbst wieder drin haben. Naja, aber das wird schon.
Popconnection: Ist euer Label "Huck's Plattenkiste" die Plattenkiste, die es früher schon gab? Macht ihr wieder alles komplett selber?
Brami: Also, wir haben schon ein paar Leute, die sich um so ein paar Sachen kümmern. Aber wir haben zum Beispiel auch kein Management mehr, aber wir haben jemanden, der, wenn was anliegt, sich um Sachen kümmert. Der springt aber auch nur dann ein, wenn wirklich was ist, und kümmert sich nicht durchgehend um die Band.
Popconnection: Mensch, geht das Interview aber fix...
Brami: Ja (lacht), wenn du Nagel interviewt hättest, würdest du hier wahrscheinlich noch zwei Stunden sitzen.
Popconnection: Wie stehst du denn eigentlich zu den Nebenaktivitäten von Nagel und Dennis? Hast du da hin und wider Angst, dass die Band zu kurz kommen könnte?
Brami: Ne, gerade das was Nagel macht ist ja auch Promo für die Band. Ich find's toll, wie der das durchzieht – also, ein Buch zu schreiben und rauszubringen und so weiter. Das ist schon bewundernswert.
Popconnection: Schön, dann zur letzten Frage: Habt ihr irgendwelche großen Ziele, die ihr mit Muff Potter unbedingt noch erreichen wollt?
Brami: Nee. Es fehlen halt die vollen großen Hallen. Aber... Nee, eigentlich nicht. Ich weiß nicht, ob Bands jetzt so auf ein großes Ziel hinarbeiten, aber das meiste was man so erreichen will, passiert halt in so ganz kleinen Schritten, so dass immer irgendwas Neues passiert so alle paar Wochen. Und das ist auch so das Reizvolle an ner Band – eben, dass es so wenig Planungssicherheit gibt. Was in Verbindung mit Existenzangst natürlich auch wieder ein Thema ist, aber das ist es auch, was die ganze Sache interessant hält.
Popconnection: Also ist das nächste große Ziel erst mal das Geld wieder rein holen.
Brami: Ja, man könnte es auch übersetzen mit auf Tour fahren, Spaß haben und im Sommer Festivals spielen.
Popconnection: Aber es steht jetzt nichts an, wie beispielsweise mal in Südamerika spielen oder so ähnlich?
Brami: Wir waren ja schon mal mit dem Goethe-Institut in Afrika vor anderthalb Jahren und da sind wir auch wieder ein bisschen dran, dass die uns noch mal irgendwo hinschicken. Das war nämlich echt super. Ansonsten planen wir für Ende des Jahres eine DVD – unsere erste. Aber mal schauen, was das so wird. Das ist alles noch nicht in trockenen Tüchern.
Popconnection: Dann war's das auch schon. Wenn du keine Fragen mehr hast, dann bin ich fertig.
Mit The Bishops ist eine weitere Band der großen Indie-Pop Schwemme, die 2007 über uns hereinbrach, mit einem zweiten Album zurückgekehrt. Doch eigentlich waren sie nie weg, alle paar Monate spielten sie auch in Deutschland ein paar Clubkonzerte, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Das neue Album For Now klingt ungleich düsterer als das Debütalbum. Grund genug, sich nach dem Gemütszustand des Trios zu erkundigen, das jüngst mit Schmusesänger James Blunt auf Tour war. Die beiden Brüder Mike und Pete Bishop sowie Drummer Chris McConville standen uns in München Rede und Antwort.
Popconnection: Wann wart Ihr das letzte Mal länger als zwei Wochen am Stück zuhause?
Mike: Oh das ist gar nicht so lange her. Wir haben gerade erst wieder zu touren begonnen, den Januar und Februar haben wir alle zuhause verbracht. Das war wirklich schön, der Urlaub hat uns allen sehr gut getan. Davor waren wir sehr viel unterwegs auf Tour. Eigentlich ununterbrochen, und das im Grunde die letzten zwei Jahre.
Popconnection: 157 Konzerte in eineinhalb Jahren, um mal eine Zahl zu nennen...
Pete: Hey, da ist jemand gut vorbereitet! Sehr genau... Und die Zahl ist korrekt, ja.
Popconnection: Euer Label erwähnt die Zahl gerne und oft. Wann habt Ihr, angesichts des beachtlichen Tour-Pensums, überhaupt Zeit gefunden, Euer neues Album aufzunehmen?
Pete: 2007 war sehr stressig, die meisten der genannten 157 Konzerte haben wir 2007 und Anfang 2008 gespielt. In dieser Zeit haben wir aber auch einige Songs unterwegs geschrieben. Danach hatten wir etwas mehr Zeit, das Album entstand schließlich im vergangenen Spätsommer und war im Herbst schließlich fertig. Natürlich war das ständige Unterwegs sein auch anstrengend für uns. Aber wie Du siehst haben wir genug Zeit gefunden, um schließlich unser zweites Album fertig zu stellen.
Popconnection: Macht euch das Leben auf Tour melancholisch?
Chris: Ach nein, das würde ich nicht sagen. Klar, wenn man auf Tour ist und zusammen monatelang in einem Kleinbus lebt, hat jeder seine nachdenklichen Momente, vielleicht auch mal ein kleines Tief. Aber wir kommen ganz gut klar würde ich sagen. Jeder sucht sich seine Freiräume, das klappt ganz gut. Vielleicht geht es Pete und Mike anders, die Beiden brauchen bei jeder Raststätte eine große Tasse Kaffee, wenn wir unterwegs sind.
Pete: Deswegen sind wir aber nicht melancholisch. Natürlich ist es ziemlich hart, so viele Konzerte in so kurzer Zeit zu spielen. Leider nehmen Außenstehende oft nicht wahr, dass so eine Konzertreise wirklich harte Arbeit ist. Wir schlagen uns ganz gut. Das wichtigste ist, dass wir uns untereinander sehr gut verstehen. Mike und ich sind zwar Brüder, was aber kein Grund für irgendwelche Dauerfehden ist.
Mike: Wichtig ist auch, dass wir uns mit unserem Manager Grant Box, der uns ständig begleitet, hervorragend verstehen. Wir sind alle ein tolles, eingespieltes Team.
Popconnection: Die Frage nach Eurem Gemütszustand zielt darauf ab, dass Euer neues Album doch eine ganze Ecke düsterer anmutet als Eure Debütplatte. Würdet Ihr mir da zustimmen?
Mike: Ja das haben wir schon ein paar Mal gehört. Ich denke, die meisten Hörer sind vielleicht schon voreingenommen wegen dem düsteren Cover. Man kann aber nicht zwangsläufig Rückschlüsse auf unsere Psyche ziehen. Was das Cover angeht, sind wir einfach dem Artwork unseres ersten Albums treu geblieben. Schwarz-weiß, wie unsere Bühnenoutfits, nur dass diesmal mehr schwarz als weiß auf dem Cover gelandet ist. Musikalisch haben wir uns sicher etwas verändert, wir haben viel Neues ausprobiert, und es sind einige Songs dabei herausgekommen, die nicht mehr im Stil des ersten Albums sind. Es ist anders, aber nicht düsterer, würde ich sagen.
Popconnection: Was macht den Unterschied zum ersten Album aus?
Mike: Zunächst einmal haben wir sowohl das Studio als auch den Produzenten gewechselt. Das neue Studio bot uns ganz andere Möglichkeiten, es ist viel moderner als das Studio, in dem wir beim ersten Album waren. Allein schon das moderne, digitale Equipment mit den ganzen Computern, das hatten wir damals nicht. Außerdem haben wir viele neue Instrumente ausprobiert, und mit anderen Stilrichtungen experimentiert, zum Beispiel Folk. Alles in allem konnten wir bei For Now deutlich mehr unserer eigenen Ideen mit einbringen. Das erste Album ist in weiten Teilen schon eher ein Abbild der Vorstellungen unseres Labels und unseres Produzenten. Dieses Mal ist es wirklich zu 100 Prozent ein Album von uns dreien.
Popconnection: Eigentlich hätte ich von Euch eher erwartet, dass Ihr große Verfechter der „guten alten“ Studiotechnik seid...
Mike: Oh wir lieben klassisches Equipment, und unser Debütalbum klingt phantastisch! Aber wir waren einfach neugierig und wollten etwas Neues ausprobieren. Dabei war das modernere Umfeld sehr hilfreich.
Popconnection: Euer neuer Produzent, Brian O'Shaughnessey, ist kein unbeschriebenes Blatt und hat unter anderem mit Primal Sream und My Bloody Valentine zusammengearbeitet. Hattet Ihr nicht bedenken, dass Ihr Euch auch dieses Mal zu sehr einem namhaften Produzenten unterordnen müsst?
Chris: Wir wussten natürlich anfangs nicht so recht, wie die Arbeit mit ihm aussehen wird. Werden wir unsere eigenen Ideen mit einbringen können, oder wird er seinen eigenen Plan sehr konsequent durchsetzen? Allerdings stellte sich schnell heraus, dass es eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe werden würde. Bei unserem ersten Album war das nicht ganz so. Wir alle haben die Arbeit mit Brian sehr genossen. Es hat eine Menge Spaß gemacht, und wir haben auch einiges gelernt beim Aufnehmen des neuen Albums.
Popconnection: Heute war ja zu lesen, dass die Klaxons von ihrem Label zurück ins Studio geschickt werden, weil den verantwortlichen das neue Album nicht zusagt. Was denkt Ihr darüber? Ihr habt ja angedeutet, dass Ihr beim ersten Album auch viel Einfluss von außen zulassen musstet.
Mike: Ich kenne natürlich keine Einzelheiten. Aber es kommt recht oft vor, dass Bands und Label sich über künstlerische Fragen nicht ganz einig sind. Oft denkt die Band, das Album ist fertig und die Plattenfirma findet, dass die Arbeit noch nicht ganz getan ist. Wir mussten auch ein paar Songs neu aufnehmen, aber sicher nicht in der Größenordnung. Ich bin daher nicht entsetzt, nicht mal besonders überrascht über diese Vorgehensweise der Plattenfirma.
Pete: Wirklich überraschend ist eigentlich nur, dass dieser interne Zwist nach außen gedrungen ist. So etwas trägt man normal intern aus. Abgesehen davon ist es aber für jede Band zunächst einmal recht demotivierend. Immerhin hat man so viel Arbeit in die Aufnahmen gesteckt. Aber man muss einfach damit klar kommen. Schau dir die La's an! Eine unserer absoluten Lieblingsbands. Und die mussten das ganze Album, es blieb ja ihr einziges, immer und immer wieder neu aufnehmen, weil die Plattenfirma so perfektionistisch war. Es schmerzt richtig, das zu lesen, weil sie ja so grandiose Songs gemacht haben und eine wirklich großartige Band waren.
Popconnection: Zurück zu Euch. Ihr wart auf Tour mit James Blunt! Das klingt erst einmal ungewöhnlich. Denkt Ihr, die Auftritte im Vorprogramm von James Blunt haben Euch dabei geholfen, neue Fans zu gewinnen?
Pete: Ja absolut! Als wir das Angebot erhalten haben, dachte ich im ersten Moment auch an einen Scherz. Ich war überzeugt davon, dass uns jemand auf den Arm nehmen will. Doch dem war nicht so. Auf den ersten Blick ist es schon verrückt, er macht ganz andere Musik. Viele Balladen und romantische Songs. Wir sind eher eine Indie-Rock'n'Roll-Band.
Mike: Aber denk doch nur mal an Jimi Hendrix! In den 60ern trat er im Vorprogramm von The Monkeys und sogar Engelbert Humperdinck auf! Versteh mich nicht falsch, wir wollen uns nicht mit Jimi Hendrix vergleichen, aber es ist ein gutes Beispiel, weil die Musikrichtungen damals auch sehr unterschiedlich waren.
Pete: Auf jeden Fall war es eine tolle Sache für uns, wir haben teilweise vor 10.000 Menschen gespielt. Und unsere Musik kam bei den Leuten gut an. Das ist umso erstaunlicher wenn man bedenkt, dass diese Menschenmassen ja nicht wegen uns, sondern wegen James Blunt gekommen waren. Wir wurden oft gelobt für unsere Shows und hatten wirklich eine Menge Spaß!
Popconnection: So und jetzt habt Ihr die einmalige Gelegenheit, die Träume all der kleinen Mädchen, die James Blunt verehren, zu zerstören. Mal ehrlich, wenn er von der Bühne geht ist er ein Typ wie jeder andere oder? Dieses sensible, weinerliche Image ist doch nur Show.
Chris: Nein, nein, natürlich zerstören wir keine Mädchenträume! Aber James Blunt ist ein ganz normaler Typ wie wir auch. Er kann durchaus mal eine Nacht durchzechen. Es kam nicht nur einmal vor, dass er mit müden Augen und gezeichnet von der Nacht zuvor im Backstage-Bereich rumhing. Das Saubermann-Image, das ihm anhaftet, ist ganz bestimmt übertrieben. Er ist ein Rock'n'Roller wie wir.
Die Kaiser Chiefs gehören zweifelsohne zu den erfolgreichsten Bands aus England der letzten Jahre. Mit Employment (2005) und Yours Truly, Angry Mob (2007) haben sie zwei höchst erfolgreiche Alben veröffentlicht und legten eine beachtliche Karriere hin. Seit dem 17. Oktober 2008 steht das Drittlingswerk Off With Their Heads in den Plattenläden. Als Produzent stand ihnen niemand geringeres als Mark Ronson zur Seite, der sein Können bereits bei Amy Winehouse unter Beweis stellte.
Wir haben mit Sänger Ricky Wilson telefoniert und über das neue Album, die Zusammenarbeit mit Mark Ronson und das Leben als Rockstar gesprochen...
Popconnection: Hi Ricky, wie geht's dir?
Ricky: I'm rocking! (lacht)
Popconnection: Eigentlich wolltet ihr Jungs ja eine Pause einlegen, aber stattdessen habt ihr ein neues Album veröffentlicht. Wie kam's zu diesem Sinneswandel?
Ricky: Wir erzählen viel in Interviews. Wir sagen das, was uns durch den Kopf schießt, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. An manchen Tagen willst du eine Pause einlegen, an anderen Tagen willst du es nicht. Wir wollten eine Auszeit nehmen, aber dann haben wir Songs geschrieben, von denen wir dachten, dass sie ziemlich gut sind. Und so haben wir ein neues Album gemacht.
Popconnection: Off With Their Heads klingt ein bisschen anders, als die letzen beiden Alben. Wie würdest du den Unterschied zur ersten und zweiten Platte beschreiben?
Ricky: Ich glaube, es ist eine gute Sache, dass dieses Album anders klingt, ansonsten könnte es für uns und die Hörer schnell langweilig werden. Meiner Meinung nach ist es das beste, was wir bis jetzt gemacht haben. Es ist das Album, das uns am stärksten repräsentiert. Es beinhaltet die Aufregung und Energie der ersten Platte, die Einzigartigkeit und den Spaß, gepaart mit dem verbesserten Songwriting des zweiten Albums. Allerdings ist es keine Mischung aus beiden Alben - vielmehr ist es eine Weiterführung, ein Schritt nach Vorne. Es ist aufregend, und es ist unsere Art von Musik.
Popconnection: Ihr habt die Platte mit Mark Ronson aufgenommen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Ricky: Mark ist von Anfang an ein bisschen Fan von unserer Band gewesen. Er kam zu ein paar Gigs, wir haben uns ein paar Mal getroffen und er hatte Interesse daran, mit uns zusammen zu arbeiten. Wir hatten nie wirklich darüber nachgedacht, mit ihm eine Platte aufzunehmen, also haben wir ihn bei ein paar Songs als Produzenten ausprobiert. Wir gingen also ins Studio und haben eben diese Stücke aufgenommen. Aber dann hat es Klick gemacht und wir haben immer weiter gearbeitet. Und als Mark auf Tour gegangen ist, blieb Elli [Anm. d. Red.: Eliot James, zweiter Produzent des Albums] bei uns und wir haben mit ihm weitergemacht, bis Mark wieder da war. Er war sehr entspannt und normal und natürlich. Das Ganze hatte weniger was von Arbeiten, sondern vielmehr war es wie Spaß haben mit seinen Freunden. Mark ist ein Freund, Elli ist ein Freund - also war es eine Menge Spaß!
Popconnection: Hat Ronson das Album stark beeinflusst?
Ricky: Marks Einfluss lag darin, dass er in der Lage war, zu bewirken, dass wir machten, was wir wollten. Er würde niemals reinkommen und versuchen, unseren Sound zu verändern. Er hat uns mit seinem Enthusiasmus beeinflusst. Er war begeistert davon, eine Platte zu machen und das hat uns begeistert.
Popconnection: Ihr habt auf dem neuen Album einige Gastmusiker ins Boot geholt u. a. Lily Allen, die dich gesanglich bei Never Miss A Beat und Always Happens Like That unterstützt...
Ricky: Lily hörte von unserem dritten Album. Wir haben uns oft zufällig getroffen - auf Festivals und so. Ich mag sie. Sie ist ein tolles Mädchen. Und wir brauchten ein tolles Mädchen mit einer tollen Stimme. Sie war cool - und dann stand sie bei uns im Studio.
Popconnection: Was bedeutet der Album-Titel Off With Their Heads?
Ricky: Das ist humorvoll gemeint. Wir wollen nicht wirklich jemandem den Kopf abschlagen. (lacht) Das ist das, was Königin Elisabeth I. gemacht hat, wenn sie jemanden nicht leiden konnte: "Schlagt ihnen die Köpfe ab!" Wir meinen das Ganze eher komisch, mit unserer Art des britischen Humors.
Popconnection: Noel Gallagher hat in der Presse darüber gelästert, dass er eure Musik nicht mag. Was hältst du davon?
Ricky: Das ist alles gut und schön, aber ich denke mir, wenn dir etwas nicht gefällt, dann hör's dir halt nicht an. Wenn du es schaffst, Musik zu machen, die jedem auf der Welt gefällt, dann bist du ein verdammtes Genie! Du kannst es nicht jedem recht machen. Den Leuten gefallen unterschiedliche Sachen und sie mögen unterschiedliche Musik. Das ist der Grund, warum es so viele verschiedene Bands und warum es so viele Arten von Musik gibt - weil dann für jeden etwas dabei ist.
Popconnection: Wenn du die letzten vier Jahre der Kaiser Chiefs Revue passieren lässt, wie beurteilst du eure Karriere? Was würdest du heute anders machen als damals?
Ricky: Ich würde nichts anders machen. Wir haben mehr Erfolg, als wir jemals gedacht hätten. Jeder Tag ist toll. Ich arbeite immer noch mit meinen vier besten Freunden zusammen. Das ist ein Riesenspaß. Ich will nicht sagen, dass es der beste Job der Welt ist - für manche Menschen ist er das ganz sicher nicht. Aber für mich ist er perfekt und ich bin sehr froh, dass ich diesen Job habe.
Popconnection: Hat der große Erfolg der Band dein Leben verändert?
Ricky: Er hat alles verändert: Vom ersten Gedanken, den ich beim Aufwachen habe bis hin zum letzten Gedanken, den ich nachts mit ins Bett nehme. Das hier ist alles für mich. Das ist meine ganze Welt. Weißt du, was ich meine?! Es hat alles verändert.
Popconnection: Ich danke dir sehr für das Interview! Viel Glück für die Show heute Abend!
Ricky: Ich danke dir für den Anruf. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Hab noch einen schönen Tag. Bye!
Die Reise begann vor mehr als 20 Jahren: Atari Computer, Drum Machines, 4 Spur Recorder, Plattenspieler, Gitarre und Bass sowie viele Songideen im Kopf – 2009 zieht Escape With Romeo-Kopf Thomas Elbern Resümee und veröffentlicht ein 14-Song starkes "Best Of". Zeit ihm ein paar Fragen zu stellen.
Popconnection: Hallo Thomas! Der Titel der aktuellen Escape With Romeo-Compilation ist History, was übersetzt "Geschichte" heißt. Sind EWR von nun an Geschichte?
Thomas: Nein, das Ganze ist eher als eine Art Bestandsaufnahme nach 20 Jahren Bandgeschichte zu sehen. So eine Art Zeitraffer in unserer eigenen Historie. Die Herausforderung war, dass die Songs dennoch zueinander passen.
Popconnection: Was war dein Auswahlkriterium für die 17 Songs? Ist History mehr ein klassisches Best-Of oder eher eine Zusammenfassung persönlicher Herzensangelegenheiten? (In den Linernotes verrätst du ja ein bisschen Background).
Thomas: Teils...Teils. Es gibt Songs, die mussten drauf wie z.B. Somebody oder Helicopters. Andere sind wiederum Herzensangelegenheiten wie der Remix von Wings oder Godz Look Down On Us. Es ist eine Mixtur aus Songs, die wir für besonders gelungen halten und dem, was die Fans von EWR einfach gerne hören. Wir haben die Reihenfolge auch immer wieder geändert und ich bin jetzt recht zufrieden mit der Zusammenstellung, weil sie inkl. des Akustiksongs auch unsere verschiedenen Aspekte ganz gut reflektiert.
Popconnection: Der Promowaschzettel beginnt mit dem Satz: "Die Reise begann vor mehr als 20 Jahren: Atari Computer, 4 Spur Recorder, Plattenspieler...". Empfindest du die technischen Möglichkeiten in Zeiten von ProTools heute persönlich als kreativ fördernd oder eher hemmend?
Thomas: Die Geschichte von EWR ist auch eine Geschichte der technischen Möglichkeiten. Früher, mit 4 Spur Recorder hattest du nicht viele Möglichkeiten und musstest dich schon bei der Aufnahme einschränken. Heute ist eher das Gegenteil der Fall. Es gibt unzählige Optionen und genau das ist aber auch das Problem. Sich in den Untermenus und Presets nicht zu verzetteln, stellt heute eine große Aufgabe dar. Vor allem aber nicht gleich zu klingen, was schnell der Fall ist, weil unzählige andere Musiker die gleichen Tools benutzen. Da komme ich wieder auf die alten Tage zurück, stelle ein Mikro in den Raum und versuche mich zu unterscheiden, in dem ich Momente einfange, die dir kein Plug in oder Preset bietet.
Popconnection: Im Impressum der EWR-Homepage steht Escape With Romeo ist "self-managed". Müde sich mit Plattenfirmen und deren Entscheidungsträgern rumärgern zu müssen oder bewusst unabhängig? History erscheint ja auch auf dem bandeigenen Label.
Thomas: Wir sind seit 2000 mit eigenem Label am Start. Und nichts anderes macht heutzutage mehr Sinn, da dir kleine Independentfirmen auch keine besseren Konditionen bieten können. Künstlerische Freiheit hat da auch seine Bedeutung und vor allem, wenn man eh schon im eigenen Studio produziert, so lange an einem Song zu feilen, bis der einfach nicht besser zu realisieren ist. Insofern sind wir bewusst unabhängig.
Popconnection: Ich kann mich noch gut an die Close Encounters erinnern! Was ist daraus geworden? Oder war das mehr ein Aufhänger um dem jüngeren Publikum Somebody erneut nahe zu bringen? Die Maxi erschien ja damals bei EMI und ist leider ziemlich untergegangen. Wenn ich mir den Song heute anhöre... er funktioniert immer noch!
Thomas: Ja, Close Encounters..... Wir haben nach unserer Somebody im Mai noch ein komplettes Album bei einer kleinen Company rausgebracht, was aber nicht den gewünschten Erfolg hatte. Die Idee von Close Encounters war für mich halt als Produzent tätig zu werden und nicht als Frontmann. Die Idee ist nicht vom Tisch und wird mit einem anderen Projekt weiterleben. Mehr kann ich dazu im Moment noch nicht sagen. Aber es ist vor allem eines: Spannend!!!!
Popconnection: Was hälst von Aktionen wie der von Radiohead, die ihr Album vorab kostenlos zum Download im Internet anbieten? Freund oder Feind von solchen Experimenten?
Thomas: Das Downloadexperiment hat bei Radiohead funktioniert. Aber nur deshalb, weil Radiohead eh schon viele Fans haben. Für kleinere unbekannte Bands ist dieses Modell nicht unbedingt zu empfehlen. Ich mag die Idee nicht, das Musik überall und jederzeit kostenlos zur Verfügung steht und poste deshalb auch keine kompletten Songs bei MySpace. Ich finde aber die Möglichkeit gut, das wenn mir ein Song gefällt, den sofort via Itunes runterladen und überall mit hinnehmen zu können. Vor allem für Songs aus dem elektronischen Bereich ist das das ideale Medium. Aber, man sollte dafür bezahlen.
Popconnection: Ihr wart live u.a. in Spanien unterwegs! Wie unterscheidet sich deiner Meinung nach das Publikum vom Deutschen? Und was ist live für die VÖ von History geplant? Eine längere Tour? Festivals?
Thomas: Das spanische Publikum ist sehr enthusiatisch. Man fühlt sich schnell als Popstar auf der Bühne. Was hier niemand weiß ist, dass Somebody und Helicopters in Spanien richtige Undergroundhits waren und sich gerade deshalb viele Bands von dort gerne die Bühne mit uns teilen. Wir planen in diesem Jahr noch eine Spanientour und in Deutschland einige Festivals und Releasekonzerte
Popconnection: Ihr wart 2001 auf einem Cure Tribute-Sampler. Was hälst Du von deren aktuellem Album? Ich finde es als Fan durchaus sehr gelungen, es im Gegenteil aber auch schade, dass ein Grossteil der Leute anscheinend immer noch das nächste Disintegration erwarten. Wie gehst du nach über 15 Jahren mit Erwartungen gegenüber euren Fans um bzw. gibt es diese überhaupt?
Thomas: Ich kann zum neuen Cure Album nichts sagen, da ich nur die Single kenne. The Cure versuchen sich aber stetig weiterzuentwickeln. Vom Geld her brauchen die schon lange keine Musik mehr zu machen. Aber die Leidenschaft von Robert Smith scheint die Sache immer wieder voranzutreiben und das finde ich erstmal gut. Wir selbst machen einfach immer nur weiter und haben mit dem letzten Album Emotional Iceage bei unseren Fans voll ins Schwarze getroffen. Ich denke da haben wir einen Nerv getroffen, hätte aber auch ebenso nach hinten losgehen können.
Popconnection: Im gleichen Atemzug, was hälst Du vom Phänomen Sisters Of Mercy? Das letzte Album (Compilations nicht mitgerechnet) kam 1990 auf den Markt, sie gehen erneut (ohne aktuellen Release) auf Tour und schon werden die ersten Ausverkaufszahlen bekanntgegeben, und das mit bis zu 4.000er-Hallen! Nach so langer Zeit immer noch relevant anscheinend?!
Thomas: Ich habe Andrew Eldritch mal kennengelernt: Ein ziemlich intelligenter Zeitgenosse, der fliessend deutsch spricht und einen guten Sinn für Humor hat. Der wird auch zuhause kein Sisters of Mercy hören, sondern Klassik, moderne elektronische Musik oder vielleicht sogar Duffy. Die SOM-Konzerte bezahlen die Miete und wenn es viele Leute gibt, die dafür aus nostalgischen Gründen bezahlen, dann ist da eine Nachfrage. Ein ähnliches Konzept haben ja auch Kraftwerk.
Popconnection: Um noch mal eine Brücke zur Anfangsfrage zu schlagen: Was dürfen wir in Zukunft von dir und Escape With Romeo erwarten?
Thomas: Neue Musik, eine stetige Weiterentwicklung und einen Sinn für Dramatik.
Popconnection: Besten Dank für Deine Zeit und Antworten, Thomas!
Die Rakes sind der absolute Geheimtipp unter den British-Post-Punk-Bands. Ihre Hits Danced Together, The World Was A Mess, But His Hair Was Perfect und die alten Gassenhauer Strasbourg und 22 Grand Job sprechen für sich. Seitdem sind The Rakes die viel geschätzte und oft auch unterschätzte Band, die sich stets musikalisch weiter entwickelt, sich selbst treu bleibt und auf ganzer Linie überzeugt. Im März wird ihr neues Werk KLANG erscheinen. Der Titel spricht für sich. Schon beide Vorgänger-Alben klangen grundverschieden und auch KLANG ist anders geworden. Um Neues auszuprobieren, hat es die jungen Haken nach Berlin verschlagen. Warum ihnen London nicht mehr kreativ genug erschien, weshalb sie KLANG in Berlin produziert haben und inwieweit ihr neues Album ihr Energetischstes ist, beantworten uns die beiden Rakes-Gründer Gitarrist und Songschreiber Matthew Swinnerton und Bassist Jamie Hornsmith. Vor ihrem Intim-Konzert für das Intro-Magazin werde ich zwei jungen und schüchternen Menschen vorgestellt, die sich ein paar Meter weiter entlang eines üblen und gefährlichen Flures des besagten Hamburger Clubs als wahre Plaudertaschen erweisen.
Popconnection: Bekannt wurdet ihr zusammen mit all den neuen britischen Post-Punk-Bands Bloc Party, Maximo Park und The Futureheads, dennoch finde ich, ist euer Sound anders. Ihr klingt rougher and eure Lyrics sind direkter. Wie würdet ihr persönlich eure Musik beschreiben?
Jamie: Ich finde du hast unsere Musik sehr gut beschrieben, dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen.
Matthew: Genau, ein rougher Sound und direkte Texte, das ist es, was uns sehr wichtig ist.
Popconnection: Was war der Grund für euch Musik zu machen? Eure Texte handeln von Gemütszuständen, dem Arbeitsleben, alltäglichen Routinen und Eskapismus. Doch was ist euch das Wichtigste und gibt es einen konsequenten Appell, der eure Texte umschließt.
Matthew: Die Themen auf unseren Alben sind verschieden. Nicht alle Songs thematisieren den Eskapismus von der Arbeit, Bier, Frauen oder Pubabende. Aber schon einige. Viele Leute interpretieren, dass dies die Dinge sind, die eine Band ausmachen. Und teilweise ist das ja auch so. Uns ist es einfach wichtig, Songs zu schreiben, die direkt sind und nicht so abgehoben und übermäßig poetisch. Auch wenn wir einmal nicht über unser alltägliches Leben singen, sondern über Imaginäres, haben wir dennoch eine Absicht darin, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Ich würde sagen, dass unser konsequenter Appell genau darin liegt.
Popconnection: Lasst uns über Klamotten reden. Ihr alle habt euch in einer Boutique kennen gelernt, in der ihr gemeinsam gearbeitet habt. Stimmt das?
Jamie: Ja das stimmt, wir haben gemeinsam in einem Klamottenladen gearbeitet.
Matthew: ...und sehr viel Zeit damit verbracht, gemeinsam Klamotten aufzuhängen. (beide lachen laut)
Popconnection: Und dann habt ihr festgestellt, dass ihr nicht nur den gleichen Kleidungsstil, sondern auch denselben Musikgeschmack teilt?
Matthew: Yeah! Es waren genau genommen nur Jamie und ich, die zusammen gearbeitet haben. Wir hatten nicht exakt den gleichen Musikgeschmack, aber wir beide wollten in einer Band sein. Wir haben verschiedene Sachen gemacht bis zu diesem Punkt. Doch es hatte sich alles zu einer wirklich guten Möglichkeit entwickelt gemeinsam eine Band zu gründen.
Popconnection: Also habt ihr beide zuvor in anderen Bands gespielt?
Matthew: Genau! Aber nichts wirklich Ernstes.
Popconnection: War denn die Art der Musik, die ihr damals gemacht habt ähnlich und wie ist letztlich eure eigene Musik entstanden?
Jamie: Weißt du was, das ist wirklich verrückt und nicht einfach zu erklären. Wir haben in diesem Shop gearbeitet und uns ständig über Musik unterhalten. Matt wusste, dass ich ein bisschen Bass spiele und ich wusste, dass er Gitarre spielt. Wir waren richtige Freunde, die abends nach der Arbeit gemeinsam in den Pub zum Bier trinken gegangen sind. Mann, das ist jetzt schon sechs Jahre her, wie die Zeit vergeht. Ja die Musik, die wir beide gemacht haben war schon anders, aber das erste Mal, als wir uns sagten, wir müssen eine Band gründen, da sprang der Funke über und es funktionierte musikalisch genauso gut, wie menschlich. Wir sagten uns einfach eines Abend beim Bier, hey, weißt Du was, wir sollten eine Band gründen. So fing das an.
Matthew: Wir haben da vorher gar nicht drüber nachgedacht...
Jamie: Das war schon komisch, aber wir brauchten noch einen Sänger und einen Drummer. Ja und der Bruder unserer Chefin, also der Chefin der Boutique, war Drummer, das passte ganz gut. Also hat sie ihn empfohlen.
Matthew: Ich würde eher sagen, dass er sich selbst eingeladen hat, wenn du weißt, wie ich das meine. (lacht)
Jamie: Er kam halt auch öfter mit und ging mit uns einen saufen. (lautes lachen). Alan war ebenfalls ein Freund von mir. Wir haben uns auch schon Jahre zuvor gekannt und natürlich war auch er bei unseren Trinktouren mit dabei. Also haben wir gesagt, hey, warum sollte nicht Alan unser Sänger werden, denn er war sehr gut in Karaoke. (alle lachen) Also gingen wir umsonst ins Studio und fingen an Songs zu schreiben und aufzunehmen.
Matthew: Ja wir haben schon am Anfang wirklich alles aufgenommen. Es war ein besonderer Moment, es machte klick und wir dachten, wow, genau das ist es. Du kannst so was nicht planen. Die Chemie passte einfach und das ist das Einzigartige an dieser Sache. Das soll jetzt nicht kitschig klingen. Wir waren einfach vier Leute, die ihre Instrumente spielten, das hatte nichts mit irgendwelchem technischen Know-How zu tun. Das hatten wir alle nicht.
Jamie: Dazu hatten wir auch keine Kohle.
Matthew: Ja, wir hatten zwar billige Instrumente, aber wir alle hatten denselben Drive und genau das ist wichtig. Plötzlich, als wir alle allein im Raum waren, haben wir einen gemeinsamen Song geschrieben. Wir haben nicht etwa so angefangen, dass wir gesagt haben, okay, lasst uns alle einen Joy-Division-Song spielen, oder einen Oasis-Song. Wir haben einfach gesagt, lasst uns einen Song schreiben. Am Anfang hieß es, wer seine Ideen am meisten einbringt und so wurde der erste Song sogar von Lasse, unserem Drummer geschrieben.
Popconnection: Also spielt Lasse auch Gitarre?
Matthew: Nein, aber er kam mit einem riesigen Buch voller Texte. Das hat uns inspiriert. Aus diesem riesigen Buch haben wir dann einen Zwei-Minuten-Song geschrieben.
Jamie: Das war unser allererster Song.
Matthew: Er schrieb nicht nur einen Song für die Band, oder besser gesagt die Texte, aber dies war der erste. Das zeigt einfach, dass wir diesen gemeinsamen Drive hatten. Es war simpel, aber es hat funktioniert.
Jamie: Total, wir hatten daraus gelernt über die ganzen Jahre in Bands zu spielen und uns andere Bands anzuschauen. Ich glaube so was hat auch nichts mit technischen Möglichkeiten zu tun.
Popconnection: Es hat eher genau mit dem Sound und besonders dem Gefühl zu tun, mit dem man einen Song spielt.
Matthew: Ganz genau das!
Popconnection: Als Gitarrist finde ich besonders deine Art Gitarre zu spielen unkonventionell und individuell.
Matthew: Danke dir, genau das ist uns wichtig. Wie es Jamie gerade schon sagte, hat es nichts mit dem Technischen zu tun. Keiner von uns hatte Musikunterricht und ich finde auch, dass Musikunterricht in dieser Situation ein Hindernis sein kann. Denn es ist diese DIY "Do It Yourself" Attitüde. Es ist einfach dein individueller synkretischer Stil, egal ob es technisch unglaublich ist, oder nicht. Die Kombination von Jamies polternden Bassspiels mit meinem Gitarrensound, Lasses energetischem Schlagzeugspiel und Alan's Shouting, das war's. Man kann da nicht von Gesang sprechen. Am Anfang hat Alan eher geschrieen. Es war so laut, er musste irgendwie dagegen ankommen. (lacht)
Jamie: Natürlich kannst du die besten Musiker in der Welt zusammen in einen Raum einschließen...
Matthew: ...und normalerweise würde es besser klingen...
Jamie: ...aber dann gibt es auch so welche, wie die Sex Pistols, die überhaupt gar nicht spielen konnten, und dennoch geile Musik gemacht haben, die zum Teil nur aus zwei Akkorden besteht. Das alles hat mit der Energie zu tun, mit der man musiziert.
Popconnection: Wenn ihr Songs schreibt, entstehen diese im Jam oder kommt jemand von euch mit einer fertigen Idee in den Proberaum?
Jamie: Einige Songs sind wirklich im Jam entstanden, aber die meisten sind von Alan und Matthew geschrieben.
Matthew: Weißt du, nicht viele unserer Songs funktionieren akustisch. Ich sag das mal so, das Wichtigste ist, dass ein Song eine gute und starke Melodie hat und einen guten Text. Es geht schließlich um Popmusik und nicht um Avantgarde. Aber manchmal kann ich auch einen auf der Akustikgitarre geschriebenen Song in die Rakes einbringen und es passt einfach nicht. Doch dann verändert sich dieser Song im Zusammenspiel und heraus kommt der Rakes-Sound. So ist das halt, denn du kannst mit dem gleichen Song zu irgendeiner anderen Band gehen und es würde total anders klingen. Ich würde sagen, dass nur so ein charakteristischer Sound entstehen kann. Insofern ist auch der Jam immer wichtig.
Jamie: Ja, das bedingt sich einfach beides.
Popconnection: Aber was kommt zuerst, die Musik oder der Text?
Matthew: Das kommt darauf an. Für The World Was A Mess... haben wir zunächst nur die Musik geschrieben, bis Alan schließlich mit dem Text ankam. Ganz anders war es bei 22 Grand Job, der primär auf einer Textidee von Alan basiert.
Jamie: Alan kam eines Tages in den Proberaum und brachte diese Textphrase ein. Dann haben wir angefangen darum einen Song zu basteln.
Popconnection: Lasst uns nun über Euer neues Album sprechen. Es hat den deutschen Namen KLANG, es ist in Berlin aufgenommen worden und die erste Single ist nach dem geschichtsträchtigen Jahr 1989, dem Jahr des Berliner Mauerfalls, benannt. Das alles schreit nach einem Konzept. Habt ihr ein Konzeptalbum geschrieben?
Matthew: Nein, darüber haben wir noch nie nachgedacht. Aber natürlich hat das ganze Album viel mit Berlin zu tun. So auch besonders 1989. Der Song ist über die Stadt Berlin. Aber er ist auch wieder mal über das Nacht- und Publeben. Primär ist es ein Partysong, der sich in Berlin abspielt. Es geht also zum einen um die Stadt und ihre Historie und zum anderen um das Partyleben in dieser Stadt. Insofern ist es nicht die Geschichte Berlins in zwei Minuten. Das wäre auch vermessen.
Popconnection: Aber warum seid ihr nach Berlin gegangen. Hat euch London nicht mehr inspirieren können?
Jamie: Berlin erinnert uns stark an das Londoner Viertel aus dem wir kommen. Wir alle kommen aus einem alten Teil Londons, einer sehr armen Gegend. Aber dort ging eine Menge ab, besonders musiksalisch. Nur leider jetzt nicht mehr. Es ist alles sehr bürgerlich geworden. Und wie ich anfangs schon sagte, es ist verrückt, die ganzen Bands in London denken, "Ambition is a Chartposition". Denen ist die Chartplatzierung wichtiger als ein kreatives musikalisches Kunstwerk. Diese Einstellung teilen wir nicht. Deshalb mussten wir mal raus.
Matthew: Wenn du raus gehst, klingt dein Album gleich ganz anders. Es ist gut mal raus zu kommen. Wir haben uns nur auf die Sache konzentriert und eng zusammengearbeitet. Hey, wir haben alle in einer Jugendherberge in Berlin gearbeitet und sind jeden Tag mit der Tram ins Studio gefahren. Wir haben so das Album in einer sehr kurzen Zeitspanne von zwei Wochen aufgenommen und das war definitiv besser als in London über vier Monate in verschiedenen Studios zu produzieren. Es hatte diese Dringlichkeit, die wir auffangen wollten. Den Rakes geht es um Energie und so konnten wir genau diese Energie auf Platte ausleben. Ich glaube auf diesem neuen Album haben wir es am besten geschafft, diese direkte Energie zu transportieren. Du kannst die Rakes auf diesem Album performen hören!
Jamie: Jeder Song auf diesem Album wurde zwar vorerst in London oder auf Tour geschrieben und auf Konzerten angetestet. Wir haben 30 Songs angetestet und auch viele live ausprobiert. In Berlin haben wir dann sehr schnell selektiert. Wir haben dann alle Songs bei einer kleinen Show in Berlin vorgestellt, um herauszufinden, wie die Songs live klingen. Die Energie dieser Songs wurde durch die Aufnahme in einem neuen Umfeld beschleunigt. Auf dem neuen Album sind die Rakes wirklich in ihrem Element. Die Aufnahmen waren eine tolle Erfahrung und die neue Umgebung hat uns sehr stark inspiriert. Es war gut mal raus zu kommen. Du kannst Berlin auf dem Album hören.
Popconnection: Das stimmt, ich finde euer neues Album ist das raueste und stürmischste Album von euch. Das passt zu Berlin. Ist Berlin eigentlich eure deutsche Lieblingsstadt?
Jamie: Naja, wir alle haben viel mit Berlin zu tun.
Matthew: Alan went sexy. (lacht)
Jamie: Stimmt! Alan hatte eine Freundin in Berlin als er 17 war. Also hing er da viel ab und wir gingen öfter mit.
Matthew: Meine Freundin ist aus Hamburg und ihr Bruder kommt aus Berlin. So blieb die Verbindung zu dieser Stadt stets bestehen.
Jamie: Wir haben da sogar mehrmals aufgelegt.
Popconnection: Also kennt ihr euch auch bestens in der deutschen Musikszene aus?
Jamie: Yeah! Die ist auf jeden Fall sehr spannend.
Popconnection: Habt ihr eine deutsche Lieblingsband?
Jamie: Ganz klar Kraftwerk.
Matthew: Und die Hamburger Digitalism, die sind sehr geil!
Popconnection: Was denkt ihr, ist der größte Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Musikszene?
Jamie: Ich denke, ich habe die Frage beantwortet, als ich dir von der Londoner Szene erzählte. Die Leute in England denken, eine Platzierung in den Charts ist das wichtigste. Darunter leidet die Kreativität. Und ich finde besonders in Berlin ist das anders. Hier spielen um 5 Uhr nachts Bands in Kneipen. Wir gingen so häufig abends in Berlin aus und haben eine Menge genialer Bands gehört. Wir waren auf einer Warehouse-Party, da ging in einem Raum der Techno ab während in einem anderen Raum eine Skiffle-Band spielte. Das hat mich an London vor ein paar Jahren erinnert. Die Leute laufen hier einfach mit der Klampfe und einem halben Schlagzeug durch die Stadtteile. Das ist kreativ.
Popconnection: Wann werdet ihr das nächste Mal in Deutschland auf Tour sein?
Matthew: Ende März / Anfang April. Berlin wird definitiv dabei sein.
Popconnection: Danke euch für das nette Interview und die ausführlichen Antworten. Ich freue mich sehr auf euer Konzert.
Jamie: Wir danken dir. Das waren wirklich sehr gute Fragen.
Matthew: Ja Mann, nicht so beschissene Fragen wie: "Was ist Deine Lieblingsfarbe?"
Es kommt nicht jeden Tag vor, dass man seine persönlichen Helden treffen darf. Dementsprechend war meine Aufregung vor dem Treffen mit Andy Bell von Oasis natürlich enorm groß. Vor den beiden Räumen im Backstage der Alsterdorfer Sporthalle stehen die Journalisten Schlange. Denn obwohl Oasis mittlerweile seit fast 15 Jahren Platten veröffentlichen, ist jedes Album immer noch ein riesiges Medienereignis. Vor drei Monaten haben die fünf Jungs aus Manchester mit Dig Out Your Soul ihr mittlerweile siebtes Studioalbum veröffentlicht und befinden sich momentan auf ihrer größten Welttour, die die Band je gespielt hat. Heute Abend sind Oasis in Hamburg zu Gast, wo mir Bassist Andy Bell vor dem Konzert Rede und Antwort stehen wird. Bevor es soweit ist und ich in den Interviewraum geleitet werde, bittet man mich noch um etwas Geduld, da Noel Gallagher dort gerade ein Interview gibt. Nach etwa 15 Minuten öffnet sich die Tür und Noel kommt heraus. Dann werde ich in den Interviewraum geführt und kurz darauf betritt ein sehr freundlicher und überaus ruhiger Andy Bell den Raum und begrüßt mich mit den Worten: "Hi, I'm Andy."
Popconnection: Ihr befindet euch momentan auf der größten Welttour, die ihr jemals gespielt habt. Wie läuft es bis jetzt? Wie ist die Stimmung im Tourbus?
Andy: Es ist okay. Aber es ist extrem kalt draußen. Ich fand es schon kalt, als wir im letzten Herbst in Winnipeg in Kanada gewesen sind. Gestern hab ich allerdings auf CNN gesehen, dass es dort im Moment -12° sind... es könnte also schlimmer sein. Aber der Band geht's fantastisch! Zwischendurch war Weihnachten und letzte Woche sind wir dann wieder mit der Tour gestartet. Die Gigs werden besser und besser. In Dresden gestern war das Publikum fantastisch!
Popconnection: Lass uns mal ein wenig über das neue Album sprechen... Noel hat gesagt, es ist das beste Album, das ihr je gemacht habt. Wie siehst du das? Teilst du da Noels Meinung?
Andy: Es ist auf jeden Fall ein großartiges Album. Ich denke allerdings, dass ich auf dem Vorgänger bessere Songs geschrieben habe - auf dem Don't Believe The Truth-Album. Also, meine Songs waren besser. Aber die Produktion ist großartig. Es gibt einige wirklich magische Momente auf dem Album, besonders von Noel - Songs wie Falling Down und Bag It Up oder Liams I'm Outta Time... das sind wirklich gute Stücke.
Popconnection: Ihr habt das Album in den Abbey Road Studios aufgenommen, obwohl ihr dort Hausverbot hattet. Wie habt ihr es geschafft, da wieder reinzukommen?
Andy: Ich hatte dort kein Hausverbot. Ich hab die anderen da wieder reingebracht. (lacht)
Popconnection: Wie war denn die Arbeit im Studio?
Andy: Es war toll! Ich mein, wir mussten nicht großartig darüber nachdenken, weil die Beatles bereits dort waren. Wir haben es im August ausprobiert. Während des letzten Jahres haben wir uns darum gerissen, bei dieser Beatles-Geschichte dabei zu sein: Der Typ, der die Sgt. Pepper produziert hat, hat ein Tribut-Album gemacht, auf dem eine Menge Alternative-Rock-Bands dabei waren. Die Idee dahinter war, in den Abbey Road Studios in derselben alten Tradition aufzunehmen. Es ging uns um die Stimmung in diesem Studio. Wir hatten eine gute Zeit und dachten uns, es ist einen weiteren Versuch wert. Wir waren eine Woche später noch mal dort und haben Bag It Up und ein paar andere Songs aufgenommen, ich glaube, es war The Turning. Das war mit Dave Sardy, unserem Produzenten. Und während dieser Woche haben uns die Ergebnisse so weggeblasen, dass klar war, dass wir dort bleiben würden. Also buchten wir es bis Weihnachten und blieben dort. Dies war für mich bis jetzt vielleicht die beste Zeit, die ich mit der Band hatte - diese Aufnahmesession. Einfach nur in London zu sein, in der Nähe des Studios zu leben und jeden morgen zur Arbeit zu fahren. Leute in Rockbands mögen die Normalität, normale Dinge zu tun. Ich liebe diese Normalität zur Arbeit zu fahren, das ist großartig. Ich glaube, wenn man das zwanzig Jahre lang jeden Tag macht, denkt man vielleicht anders darüber. Aber für mich ist es toll. Tagsüber zu arbeiten, großartige Ergebnisse zu erzielen und dann heim zu fahren. Abgemischt haben wir das Album dann in L.A.
Popconnection: Wie hat es dir als Europäer in Amerika gefallen?
Andy: Ich habe es tatsächlich sehr genossen. Anfangs hab ich mich wie ein Tourist gefühlt, hab mich überall umgesehen, mir alles angeschaut, was ich toll fand... Jetzt könnte ich mir sogar vorstellen, dort zu leben. Ich könnte mir vorstellen, eines Tages auszuwandern, weil ich die Sonne liebe. Ich mag den Regen nicht.
Popconnection: Das kann ich verstehen, hier in Hamburg regnet's ja auch immer...
Andy: Genau so ist es in England auch. Wir kennen das. (lacht)
Popconnection: Du hast auch einen Song für Dig Out Your Soul beigesteuert. Hast du noch weitere Songs geschrieben, die aber nicht aufs Album gekommen sind?
Andy: Ja, da gab es noch einige...
Popconnection: Warum haben die es nicht aufs Album geschafft?
Andy: Jeder von uns hat eine Menge Songs geschrieben. Allerdings schaffen es nur wenige davon aufs Album. Es hängt davon ab, was Noel raus nimmt und zusammenpackt. Er platziert die Songs in einer Art Sortierliste, mit der er dann arbeitet. Es muss schon alles zusammenpassen und sich anhören, als wäre es Teil desselben Albums.
Popconnection: Dein Song heißt The Nature Of Reality. Kannst du mir ein wenig darüber erzählen?
Andy: Er ist ein wenig philosophisch und ist ziemlich stark von einem Buch beeinflusst, das ich gelesen habe und das viele Gedanken von mir bestätigt hat. Das Buch heißt "The God Delution" von Richard Dawkins. Es wurde vor zwei oder drei Jahren veröffentlicht und ist ein Argument gegen Religion. Ich bin kein totaler Atheist, aber zu jener Zeit war ich es. In dem Song geht es darum, dass es dort draußen nichts gibt...
Popconnection: Zak Starkey ist aus der Band ausgestiegen. Wie kam es dazu?
Andy: Er ist ausgestiegen, weil er nicht mit auf Tour kommen wollte. Da gab es zu viele andere Sachen. Ich denke, es war eine Kombination aus persönlichen Dingen und Dingen, die mit The Who zusammenhingen. Er hat ja immer auch zeitgleich bei The Who gespielt. Ich konnte es kaum fassen, dass er, als wir unsere letzte Welttour beendet hatten, in der Woche darauf mit The Who auf Tour gegangen ist. Das würde jeden in den Wahnsinn treiben. Also ist er ausgestiegen. Es war einfach genug - genug touren.
Popconnection: Euer neuer Mann am Schlagzeug ist Chris Sharrock, der vorher in der Band von Robbie Williams gespielt hat. Was sagt denn Robbie dazu, dass ihr seinen Schlagzeuger geklaut habt?
Andy: Haben wir ihn geklaut? Er war zu der Zeit nicht mit Robbie unterwegs, er hatte also quasi Ferien. (lacht) Ich weiß es nicht. Ich glaube, Robbie hat mit der Sache abgeschlossen.
Popconnection: Wie läuft's mit Chris?
Andy: Ich finde, es läuft sehr gut. Ich krieg es allerdings nicht hin, einen Song zeitgleich zu beenden. Ich hab's aufgegeben. Wenn ein Song endet dann geht das so "Baaaaaabam" (demonstriert das Schlagzeug). Ich kann das nicht, ich hab das Timing nicht. Also mach ich das mit den Endungen nicht, bei mir läuft das dann "Dadadaaaa" (demonstriert Basslauf) und Chris endet das mit einem "Bam". Der einzige, bei dem dieses Timing passte, war Alan White. Ich glaube, das liegt daran, dass ich mit Alan Bass spielen gelernt habe. Er hat mir das Timing beigebracht und ich finde es schwierig, das zu ändern.
Popconnection: Wird Chris in Zukunft als fünftes Mitglied fest in die Band integriert werden?
Andy: Ich hoffe es. Er sollte es. Er fühlt sich wie einer von uns. Es gibt so ein besonderes Feeling, dass man zu manchen Leuten entwickelt, und er hat das. Also für mich jedenfalls.
Popconnection: Noel hat kürzlich verlauten lassen, dass er ein Soloalbum machen will und er fände es toll, wenn ihr anderen das auch machen würdet.
Andy: Jaja, er will, dass jeder das macht, er ist da nicht der einzige. Ich könnte eventuell so etwas machen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das tun werde. Wir müssen abwarten und schauen, was passiert. Wenn jeder solo etwas macht, dann werde ich das auf jeden Fall auch tun. Ich will ja nicht ausgeschlossen werden. (lacht)
Popconnection: Im Moment gibt es eine richtige Welle an Reunions. Du hast ja früher bei Ride gespielt. Wie sieht's aus? Wird es auch eine Ride-Reunion geben?
Andy: Das wurde ich in letzter Zeit öfter mal gefragt. Aber die Sache ist, ich brauche das Geld nicht. Die anderen Jungs vielleicht eher. Ich meine, sie brauchen es nicht so dringend, es geht ihnen gut, aber es ist für sie wohl eher eine Verlockung, als für mich. Wir haben mal zusammen gespielt, einfach so aus Spaß. Das war ungefähr fünf Jahre, nachdem sich die Band aufgelöst hatte und als ich schon bei Oasis war. Wir haben uns einfach getroffen und einen Tag lang in einem Proberaum gespielt. Der Grund dafür war, dass wir uns getroffen haben, um über Sonic Youth zu reden, eine der Bands, von der Ride stark beeinflusst wurde. Wir kamen also für dieses Gespräch zusammen und haben gesagt, wir würden auch gern mal wieder spielen. Dabei ging es nicht ums Geld, sondern nur darum, zu spielen. Es war toll! Wir haben es aufgenommen und tatsächlich veröffentlicht, damit unsere Newsletter-Abonnenten es kaufen konnten. Seitdem hat es viele Anfragen gegeben. Radiohead haben zum Beispiel ein großes Konzert gespielt und sie hätten uns gerne im Vorprogramm dabei gehabt. Wir wurden auch noch von anderen Bands gefragt, die sich zur selben Zeit reunited haben, ob wir sie nicht supporten wollen und wir haben uns nur gedacht "Wir sind viel besser als diese Bands - no way!" (lacht)
Die Valentines haben neulich ein wirklich erfolgreiches Konzert im Roundhouse gespielt. Das war das letzte Mal, dass wir gefragt worden sind, ob wir nicht etwas ähnliches machen wollen. Ich möchte das nicht, ich lass es lieber. Zum einen habe ich einen Full-Time-Job, auf der anderen Seite wäre es nur des Geldes wegen. Wenn wir das machen würden, dann möchte ich es unentgeltlich machen. Vielleicht einen Gig in einem Pub spielen oder so. Einfach etwas anderes machen, als das, was alle im Moment tun.
Popconnection: Was hältst du generell von diesen ganzen Reunions im Moment?
Andy: Es gab einige Bands, bei denen ich sehr darauf gespannt war. Die Valentines-Reunion zum Beispiel. Ich war auf einem ihrer Konzerte und es hat mir besser gefallen, als ihre früheren Gigs. Ich habe sie ein paar Mal gesehen und war ein großer Fan von ihnen. Vielleicht lag es mit an der Technik, der P.A. und der Lichtanlage. Sie hatten nie eine große Bühnenshow, es war mehr wie Stillstehen. Und sie hatten fast dieselben Haarschnitte wie damals. Es sah genauso aus mit der Lightshow. Der Sound war derselbe, nur besser, größer. Das war aufregend. Auch die La's, als sie sich wieder zusammengeschlossen haben. Das ist eine weitere Band, in der Chris Sharrock gespielt hat. Chris hat ungefähr ein Jahr lang bei ihnen gespielt - 1990 oder so. Er hat in vielen guten Bands gespielt: The Icicle Works, World Party, The La's und noch ein paar andere und zum Schluss eben bei Robbie Williams. Er hat gute Referenzen - unabhängig von Robbie Williams. Die La's haben sich also wieder zusammengetan und einige Shows gespielt. Wir haben sie in Tokio gesehen. Ich hab sie früher schon ein oder zwei Mal gesehen und ich mag sie wirklich, ich liebe die La's mittlerweile regelrecht. Als die Reunion anstand wollte ich sie unbedingt sehen und ich fand es wirklich großartig. Aber generell bin ich kein großer Fan von Reunions.
Popconnection: Wir müssen jetzt leider schon zur letzten Frage kommen... Was erwartet uns heute Abend auf dem Konzert hier in Hamburg? Wird der Schwerpunkt auf den Songs des neuen Albums liegen oder gibt es ein "Best-Of" aus allen Alben?
Andy: Es wird ein buntes Potpourri, eine Art "Best-Of-Show". Live Forever spielen wir nicht, weil wir darauf keine Lust mehr haben. Wir haben dafür Slide Away mit rein genommen, weil wir glauben, das es genauso gut ist. Wir haben uns gesagt, dass wir nicht viel vom neuen Album spielen werden. Wir wollen das spielen, was das Publikum unbedingt hören will und eben nicht zu viel von der neuen Platte. Ich glaube, es sind so drei, vier, vielleicht fünf neue Songs mit dabei. Aber die funktionieren gut. Wir spielen knapp zwei Stunden. Das ist für uns das längste Set, was wir jemals gespielt haben. Aber an einem guten Abend fühlt sich das an, wie zehn Minuten. Das Set ändert sich nicht viel während der gesamten Welttour. Also, wenn du uns heute siehst und es dir gefällt und du uns am Montag in Düsseldorf siehst, dann werden es genau dieselben Songs sein. Also hoffe ich, dass es funktioniert.
Popconnection: Ich bin schon sehr gespannt und freu mich auf die Show heute Abend. Vielen lieben Dank Andy, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast!
Andy: Ich danke fürs Kommen! Schön, dich kennen gelernt zu haben!
Das Jahr 2008 neigt sich dem Ende zu, und ausnahmsweise gab es nichts Neues von Mando Diao zu hören. Wie nicht anders zu erwarten, waren die schwedischen Akkordarbeiter aber nicht untätig. Sie haben kurzerhand beschlossen, ein eigenes Studio aus dem Boden zu stampfen, und natürlich ein neues Album aufgenommen. Es wird zwar erst am 20. Februar 2009 in die Läden kommen, Bassist Carl-Johan und Keyboarder Mats haben uns aber trotzdem schon jetzt Rede und Antwort gestanden. Wir haben die Beiden am vergangenen Montag in München getroffen. Mats und Carl-Johan über die Entstehung des neuen Albums, was die Fans erwarten können und über ihre eigenen Ambitionen, ins Produzenten-Gewerbe zu wechseln:
Popconnection: Willkommen in München! Wie geht's euch? Lasst uns ein bisschen über euer neues Album reden.
Carl-Johan: Gut, danke. Ja immer her mit deinen Fragen.
Popconnection: Ihr nennt Euer neues, fünftes Album Give Me Fire. Was meint ihr damit?
Carl-Johan: Ich denke, das Publikum bei den Konzerten ist damit gemeint. Die Fans erwarten, dass wir ihnen einheizen. Und das neue Album gibt ihnen eine Menge Feuer.
Popconnection: Euer letztes Album, Never Seen The Light Of The Day, war für eure Verhältnisse doch recht ruhig. Besinnt ihr euch nun wieder auf eure Wurzeln, zurück zum Rock'n'Roll?
Mats: In gewisser Weise ja.
Carl-Johan: Diesmal haben wir alles alleine gemacht, haben sogar unser eigenes Studio aufgebaut. Und wir haben diesen Retro-Sound konsequent durchgezogen. Raus gekommen ist ein echtes Rock-Album, das verdammt gut produziert ist und eine Menge Soul enthält.
Popconnection: Eure Plattenfirma nennt es das "Weiße Album" von Mando Diao. Würdet ihr dem Vergleich zustimmen?
Carl-Johan: Das ist so eine Sache, in Maßen schmeichelt es uns, mit den Beatles verglichen zu werden. Aber wir sind Mando Diao, nicht die Beatles. Also ist es nicht unser "Weißes Album", sondern es ist unser "Give Me Fire".
Popconnection: Ihr habt die Beatles Vergleiche also satt?
Mats: Wie Carl-Johan schon sagte, manchmal ist es wirklich klasse. Aber die Beatles sind eine 60s Band, und jetzt schreiben wir 2008. Irgendwann wird es einfach zu viel.
Popconnection: Wo habt ihr dann eure Einflüsse für das neue Album hergezogen?
Carl-Johan: Sehr viele Sachen aus den Sechzigern und den Siebzigern, aber auch den frühen Achzigern. R&B, Soul, auch Disko.
Popconnection: Wieso habt ihr beschlossen, euch ein eigenes Studio einzurichten?
Carl-Johan: Wir hatten bis 2003 einen eigenen Proberaum, nämlich die Garage unseres ehemaligen Keyboarders. Dann haben wir ihn rausgeschmissen und Mats wurde ein Teil von Mando Diao. Leider hatte Mats keine Garage...
Mats: Ich hatte ja noch nicht mal eine eigene Wohnung damals...
Carl-Johan: Ja stimmt, also haben wir zwar einen großartigen neuen Keyboarder gewonnen, aber leider auch unser "Studio" verloren. Immerhin war das der Ort, an dem Bring em In entstanden war. Bis einschließlich letztes Jahr hatten wir kein Studio und keinen Proberaum mehr. Wir waren also gezwungen, pausenlos live zu spielen, weil wir ja nirgends proben konnten. Ab und zu haben wir uns was gemietet, aber wir hatten wirklich das dringende Bedürfnis, wieder unser "eigenes Reich" zu haben.
Popconnection: Ihr wart also eine obdachlose Rock'n'Roll Band...
Carl-Johan: Genau das! Ein Gedanke war dann eben, wenn wir tatsächlich das nötige Geld investieren, um uns das richtige Equipment für ein professionelles Studio anzuschaffen, dann können wir auch unser nächstes Album komplett in Eigenregie machen. Schließlich hat uns der Ehrgeiz gepackt und wir haben uns mit viel Elan auf das Projekt gestürzt, immerhin mussten wir uns binnen kürzester Zeit in das Studiogewerbe einarbeiten. Und so verrückt es auch klingen mag, und wir können es immer noch nicht recht glauben, wir haben es tatsächlich geschafft! In ein paar Monaten haben wir uns selbst beigebracht, wie man ein richtig gutes Album aufnimmt.
Popconnection: Habt ihr wirklich alles alleine gemacht?
Carl-Johan: Im Großen und Ganzen ja. Ein paar Songs auf dem Album wurden allerdings in einem Studio in Los Angeles aufgenommen.
Popconnection: Wieso ausgerechnet Los Angeles? Ein sehr krasser Kontrast zu Schweden.
Carl-Johan: Ein Freund hat gerade einen Film über uns gedreht. Und der meinte "kommt doch mal rüber nach LA und nehmt hier ein paar Songs auf!".
Mats: Es war echt klasse, mal wieder etwas rumzukommen. Und wir hatten auch alle Urlaub nötig. Schließlich saßen wir den ganzen Sommer über in unserem Studio und haben gearbeitet. LA ist komplett anders, das hat uns natürlich auch inspiriert. Wir waren recht produktiv in LA, zwei B-Seiten der ersten Single etwa wurden auch in Los Angeles aufgenommen.
Popconnection: Als Produzenten habt ihr "Sally" ins Boot geholt, ehemaliges Mitglied einer schwedischen Hip Hop Band... Wie seid ihr auf ihn gekommen?
Carl-Johan: Er war bei den "Latin Kings", einer schwedischen Hip-Hop Band aus den 90ern. Er war schon damals ein großes Vorbild für uns, besonders für Gustaf. In Schweden ist er ziemlich berühmt. Gustaf hatte schon ein paar Demos mit ihm aufgenommen und als unser Studio fertig war, haben wir ihn zu uns eingeladen und ihn einen Song produzieren lassen, einfach um zu sehen, ob es funktioniert. Daraus wurde dann ziemlich bald ernsthafte Arbeit, er hatte viel Talent und wurde immer besser. Letzten Endes hat er dann das gesamte Album produziert. Er ist wirklich verdammt gut, als Produzent absolut unterschätzt!
Popconnection: War es seine erste Tätigkeit als Produzent überhaupt?
Carl-Johan: Ich glaube, es ist sein erstes Rock’n’Roll Album. Davor hat er ein paar Salsa–Platten gemacht, und sehr viele Hip Hop- und R&B-Alben. Wir haben uns für ihn entschieden, weil er so ein enormes Musikwissen hat. Und er hat das Talent, diesen Typischen Retro-Sound zu kreieren und mit Modernen Einflüssen aufzupeppen. Immerhin kann er als Hip-Hop Produzent das am allerbesten, klassische Beats der 60er und 70er in die heutige Zeit zu projizieren.
Popconnection: Also hatte er ziemlich viel Einfluss auf euren Stil auf der neuen Platte?
Carl-Johan: Ohja, auf jeden Fall. Seine Handschrift ist unverkennbar.
Popconnection: Im Moment kann man ja die erstaunliche Entwicklung beobachten, dass Produzenten beinahe ebenso bekannt sind wie die Künstler, für die sie arbeiten. Timbaland oder Mark Ronson zum Beispiel sind mittlerweile echte Superstars. Ihr seid einen komplett anderen Weg gegangen.
Carl-Johan: Ja, ich glaube ich kann behaupten, dass wir in unserem ganzen Leben nie mit solchen Typen zusammenarbeiten werden. Sally ist das Gegenteil eines typischen Superstars. Ein unglaublich netter Mensch, sehr ruhig, und absolut besessen von Musik. Wenn er ins Studio kommt, sind wir alle gleich, wir arbeiten auf Augenhöhe zusammen. Er hat keine Allüren, er sagt nicht "Fuck Off" wenn ihm etwas nicht passt und diktiert uns nicht, was wir zu tun und zu lassen haben. Und es hat sich definitiv ausgezahlt, auf ihn zu setzen.
Popconnection: Ein Wort zu euren Texten. Werden wir wieder die verrücktesten Geschichten über irgendwelche eigenartigen Typen zu hören bekommen?
Mats: Man lässt sich immer von den Dingen inspirieren, die man tagtäglich erlebt. Die erste Single Dance With Me handelt zum Beispiel von jemandem, der brav seiner täglichen Arbeit nachgeht und etwas Abwechslung von seinem langweiligen Tagesablauf braucht. Das ist bestimmt kein eigenartiger Typ, ich glaube jeder von uns kennt die Situation. Ein anderer Song handelt von einer Beerdigung... Es sind sehr viele verschiedene Botschaften in die Songs verpackt. Die verrückten Typen waren auf Ode To Ochrasy vertreten, da ging es vor allem darum, den irren Touralltag in den Songs zu verarbeiten.
Popconnection: Ode To Ochracy ist ja in gewisser Weise euer "Stadion-Rock"-Album. Knüpft ihr vom Sound her wieder an euer vorletztes Album an?
Matts: Vielleicht, ja. Der Sound der neuen Platte ist härter, kantiger als der des Vorgängeralbums.
Popconnection: Wie lange habt ihr euch Zeit gelassen?
Carl-Johan: Insgesamt etwa 6 Monate.
Mats: Ehrlich gesagt sind wir immer noch nicht ganz fertig. Ende nächster Woche werden wir hoffentlich mit dem Mastern fertig sein.
Carl-Johan: Freitag, 19. Dezember ist der Stichtag. Da werden wir uns dann vielleicht ein Glas Champagner gönnen. Pünktlich zu Weihnachten ist dann alles im Kasten.
Popconnection: Was erwartet ihr euch vom Jahr 2009? Und was können die Fans erwarten? Non-Stop Tour von Februar bis November?
Carl-Johan: So in etwa, ja. Es wird ganz bestimmt ein sehr ereignisreiches Jahr für uns. Wir werden alles mitnehmen, was geht, wir werden sehr viel und sehr hart arbeiten. Ich denke, es könnte danach eine Weile dauern, bis das nächste Kapitel der Mando Diao Geschichte folgen wird. Das heißt, es kann sein, dass es ziemlich lange dauern wird, bis das nächste Mando Diao Album erscheinen wird. Wir arbeiten jetzt so viele Jahr so hart als Band, nach diesem Album und all der Arbeit, die wir investiert haben, werden wir eine kleine Auszeit brauchen.
Popconnection: Wie sehen dann eure Zukunftspläne aus? Björn hat den Weg ja schon vorgegeben, werden wir das ein- oder andere Soloprojekt sehen?
Carl-Johan: Ja klar! Mats wird vielleicht eine Keyboard-Solotour spielen. Nein, ich kann nur für uns beide, also für mich und Mats sprechen. Wir interessieren uns sehr für die Studioarbeit und das Produzieren.
Popconnection: Ihr wollt den Fans also schon jetzt ankündigen, dass sie für recht lange Zeit nichts mehr von euch hören werden?
Mats: Ja, vielleicht. Wir wissen es nicht. Und "recht lange Zeit" ist vor allem bei uns ja sehr relativ... Aber es wird sicher nicht mehr alle 14 Monate ein neues Mando Diao Album geben.
Popconnection: Gut, letzte Frage: Nachdem es im Jahr 2008 kein Mando Diao Album gab, kann ich euch ja nach eurem persönlichen Album des Jahres Fragen. Wem gebührt dieser Titel?
Mats: Also, ich würde spontan Glasvegas sagen.
Carl-Johan: Ich weiß nicht... Ich hab keine Favoriten… Amy Winehouse? Das war schon 2007 oder? Ich war dieses Jahr zu viel mit unserer Studioarbeit und der Europameisterschaft ausgelastet, ich hatte keine Zeit zum Musikhören... Was ist dein Album des Jahres?
Popconnection: Mit einigem Abstand The Last Shadow Puppets...
Carl-Johan: Oh ja! Da hast du vollkommen Recht. Da schließe ich mich deiner Meinung an.
Mats: War das 2008? Ich dachte, das ist schon älter. Wirklich ein super Album, das stimmt.
Popconnection: Gut, vielen Dank für das Interview!
Carl-Johan: Wir haben zu danken!
Mats: Wir sehen uns dann nächstes Jahr, wenn wir auf Tour sind!
Die Cold War Kids, Amerikas Indie-Lieblinge von 2006, melden sich zurück und sind mit neuem Album im Gepäck auf Europatour. Wir trafen Schlagzeuger Matt Aveiro und Bassist Matt Maust vor dem Konzert im Münchener Atomic Cafe zum Interview. Im Backstageraum herrscht Grabesstille, jeder der Anwesenden hat sein Haupt gesenkt und liest, hoch konzentriert, in einem Buch. Mit leiser Stimme kündigt mich der Tourmanager an und Schlagzeuger Matt Aveiro sowie Bassist Matt Maust legen eher widerwillig ihre Lektüre zur Seite, um mich zu begrüßen. Small Talk ist nicht gerade ihre Lieblingsbeschäftigung, aber nach und nach beginnen sie dann doch, etwas aufzutauen:
Popconnection: Ihr seit heute binnen Jahresfrist zum zweiten Mal in München, und wie schon im vergangenen Winter ist das Konzert seit Wochen ausverkauft. Eigentlich müsste man annehmen, dass ihr gerade richtig durchstartet in Deutschland. Wieso seid ihr trotzdem eher noch ein Geheimtipp in Deutschland, was denkt ihr?
Matt Aveiro: Ähm, nun ja, ist das so? Ich glaube wir haben uns in Deutschland ganz gut gemacht bisher. Natürlich hoffen wir, dass wir mit dem neuen Album wieder einige neue Fans hinzugewinnen können, deswegen sind wir hier.
Popconnection: Stimmt ihr mir zu, wenn ich behaupte, dass ihr ziemlich polarisiert?
Matt Aveiro: Du meinst, dass man uns nur hassen oder lieben kann, nichts dazwischen? Ja ich glaube schon, dass du da Recht hast. Aber als Band achten wir da eigentlich nicht wirklich drauf, wir sehen ja auf Tour fast nur die Leute, die uns mögen.
Popconnection: In den USA habt ihr ja einen recht erfolgreichen Start hingelegt mit dem neuen Album...
Matt Maust: Für diese Aussage ist es vielleicht noch etwas zu früh, es ist ja gerade erst raus gekommen. Aber die ersten Wochen nach der Veröffentlichung lief es ganz gut.
Popconnection: Immerhin habt ihr den Sprung in die Charts geschafft.
Matt Maust: Haben wir? Wir waren schon auf Tour, als das Album raus kam, und sind es immer noch. Eigentlich habe ich schon lange nichts mehr von der Heimatfront gehört...
Matt Aveiro: In Kalifornien wartet Matts aktuelle Billboard-Ausgabe darauf, aus dem Briefkasten geholt zu werden...
Popconnection: Wie lange seid ihr denn schon auf Tour?
Matt Maust: Seit August. Zuerst waren wir in Australien und in Großbritannien bevor schließlich unsere US-Tour begann. Und jetzt geht es noch weitere zwei Wochen durch ganz Europa.
Popconnection: Zieht es euch wieder nach Hause, oder macht es noch Spaß?
Matt Maust: Das ist nicht jeden Tag gleich. Heute liebe ich es, gestern waren wir in Prag, unser erstes Konzert in Osteuropa, und es war wohl eines der besten Konzerte, das wir je gegeben haben. Phantastisches Publikum, und eine wirklich gute Show.
Popconnection: Und jetzt also Deutschland. Was haltet ihr denn von der Musikszene hierzulande? Kennt ihr euch aus?
Matt Aveiro: Du meinst Techno? Hmm, also aktuell kenne ich überhaupt nichts, aber ich mag das Kraut Rock Zeug. Faust zum Beispiel.
Popconnection: Lasst uns mal über eure Texte reden. Schon vor und während der Veröffentlichung eures Debütalbums Robbers & Cowards wurdet ihr ja oft, nun ja, beinahe angefeindet wegen eurer "christlichen" Texte. Wie seht ihr das? Seht ihr euch wirklich als "christliche" Band, wollt ihr mit eurer Musik gar missionieren?
Matt Aveiro: Nein, da wurde einiges falsch interpretiert. Das wurde von irgendjemandem in unsere Texte hineininterpretiert, und, obwohl das falsch war, verbreitete sich das dann weiter. Wir wollten sicherlich etwas anderes mit unseren Texten ausdrücken, als es von einigen Journalisten anschließend interpretiert wurde.
Matt Maust: Unsere Texte handeln von Moral, von Verzweiflung und Hoffnung, und einige haben das dann als "christlich" interpretiert, aber ich denke nicht, dass das ein recht passendes Wort ist.
Popconnection: Ihr habt euch ja an einem sehr konservativen, christlichen College kennen gelernt, das war sicher ausschlaggebend dafür. Und eure Themen sind schon schwere Kost, es geht um Selbstmord, Gewalt, Trinksucht...
Matt Maust: Ja, unsere schulische Vergangenheit hat sicher einige dazu verleitet, diesen Zusammenhang zwanghaft zu suchen. Aber ich glaube es ist sehr weit hergeholt, von der Schulausbildung der Bandmitglieder auf die Musik Rückschlüsse zu ziehen. Klar sind unsere Texte ernst. Wir sind alle große Fans von Neil Young, Nick Cave, Bob Dylan oder auch The Clash. Das inspiriert uns beim Songschreiben. All die Bands und Künstler, die vor uns schon gesagt haben, wie die Dinge sind. Ich finde es eigentlich recht interessant, dass die Leute denken, es handele sich bei moralischen Texten um etwas neues, eine neue Herangehensweise. Dabei lassen wir uns auch nur von unseren Vorbildern inspirieren wie viele Bands zuvor auch.
Popconnection: In Deutschland sind Songtexte dieser Art tatsächlich ungewohnte Töne. Das liegt zum einen an der hiesigen Musikszene, zum anderen auch an den Texten der zahllosen britischen Bands, die mit ihrem "Spaß- und Trink-Indie-Pop" seit Jahren große Erfolge verbuchen.
Matt Maust: Damit kann ich nicht so wirklich viel anfangen. Unser Interesse gilt eher Texten mit etwas längerer Halbwertszeit als bei diesen Partysongs.
Popconnection: Eigentlich passen die Texte ja so gar nicht zum Lebensgefühl euer Heimat Kalifornien.
Matt Aveiro: Ja, mit den meisten anderen kalifornischen Bands haben wir nicht sehr viel gemeinsam. In die dortige Musikszene passen wir nicht wirklich rein. Folgerichtig waren wir bisher auch viel mehr mit Bands aus New York oder Seattle unterwegs.
Popconnection: Ist Politik denn ein Thema für euch? Bei den Wahlen haben viele eurer US-Kollegen ja Wahlwerbung betrieben.
Matt Aveiro: Eigentlich nicht wirklich. Natürlich interessieren wir uns dafür und wir versuchen auch auf Tour, uns auf dem Laufenden zu halten. Aber das spielt weder in unseren Texten eine Rolle, noch beeinflusst es uns sonst in irgendeiner Weise.
Matt Maust: Das ist ein schwieriges Thema. Ich mag es nicht besonders, wenn Bands oder Künstler ihren Fans das Denken abnehmen. REM zum Beispiel, die den Fans sagen, wen sie wählen sollen. Künstler sollen den Menschen nicht die Antworten geben, sondern die Fragen stellen.
Popconnection: Also würdet ihr nicht wie Bruce Springsteen auf einem Parteitag auftreten?
Matt Aveiro: Wenn wir mal so alt sind, vielleicht schon, wer weiß. Er ist ja schon ein bisschen reifer als wir. Aber gerade Bands, die sehr junge Fans haben, sollten sich mit solchen Meinungsäußerungen zurückhalten. Die Fans nehmen ja alles für Bare Münze, was ihre Idole erzählen, ohne überhaupt einmal darüber nachzudenken.
Matt Maust: Wir haben dieses Jahr auch schon Shows mit einer anderen Band gespielt, die gleich mehrmals während ihres Sets den Zuschauern "Wählt Obama!" zuriefen. Das ist eigentlich das Gegenteil von dem, was wir für richtig halten. Wir wollen die wichtigen, sozialen Fragen stellen, nicht die Antworten geben. Und dabei wollen wir so weit wie möglich objektiv bleiben.
Popconnection: Kommen wir zurück zu eurer Musik. Wie würdet ihr eigentlich euren Stil bezeichnen? Ihr habt ja einen sehr eigenwilligen Stil mit vielen Blues- und Soulelementen.
Matt Maust: Ich denke, Soul-Punk passt ganz gut. Wir lieben sowohl Soulmusik als auch guten, alten Punkrock. Mit Blues in Verbindung gebracht zu werden gefällt uns nicht so sehr. In den USA wird als Blues oft nur dieses Hard Rock Cafe Zeug bezeichnet.
Popconnection: Was darf man von eurer Show heute Abend erwarten?
Matt Aveiro: Viele neue Songs, nur ganz wenig von unserem ersten Album. Auch ein paar noch unveröffentlichte Sachen. Vielleicht bekommst du auch ein Cover zu hören. Wir arbeiten gerade an einem Talking Heads Cover, mal sehen, wenn es beim Soundcheck gut funktioniert, werden wir den Song vielleicht spielen.
Popconnection: Hört sich sehr interessant an. Ich freu mich darauf. Vielen Dank, dass ihr euch Zeit genommen habt!
Matt Maust: Wir danken auch, viel Spaß heute Abend!
Schlägt man im Wörterbuch den Begriff "Rascal" nach, stößt man auf die Begriffe "Frechdachs", "Früchtchen" und "Lausbube". Worauf soll man sich also einstellen, wenn The Rascals einen zum Interview empfangen? Ich lasse mich überraschen und mache mich spätnachmittags auf zum Atomic Cafe. Begrüßt werde ich von Jay Mighall. Der große Bruder vom Schlagzeuger Greg Mighall gibt den Manager und in gewisser weise auch den Erziehungsberechtigen der drei Jungspunde aus Wirral in der Nähe von Liverpool. Im Backstageraum treffe ich schließlich auf die drei Rascals und schnell ist mir klar, dass sich wohl selten eine Band so einen passenden Namen verpasst hat. Bassist Joe Edwards mustert mich mit einem etwas irren, durchdringenden Blick, Schlagzeuger Greg Mighall trinkt laut eigenem Bekunden die zehnte Cola gegen den Kater vom Vorabend ("Dresden ist klasse. Ich war ziemlich betrunken") und Frontmann Miles Kane freut sich diebisch über das FC Bayern Trikot, das er sich kurz zuvor im FC Bayern Fanshop gekauft hat ("bist du ein Fan? Ja? Ich auch. Der FC Bayern ist klasse!"). Die drei wollen im Grunde auch kein Interview führen, sondern eigentlich nur von einem einheimischen wissen, wo sie am Montagabend in München einen draufmachen können und ob der Club, der ihnen empfohlen wurde, etwas taugt. Nachdem die wirklich wichtigen Dinge des Tourlebens geklärt wurden, darf ich die Rollen wieder vertauschen und auch noch ein, zwei Fragen stellen. Miles Kane lässt meist seine Bandkollegen antworten, er hält das Interview lieber mit dem Camcorder fest. Dazwischen lachen sich Joe und Miles immer wieder über Insiderwitze schlapp, denen ich, trotz aller Versuche Joes, mir die Pointe zu erklären, leider nicht folgen kann. Der Versuch eines Interviews:
Popconnection: Wisst ihr eigentlich, dass ihr in Deutschland Namensvettern habt?
Miles: Ohja, darauf wurden wir auch schon einmal angesprochen. Es gibt da eine deutsche Band, nicht wahr? Und die 60s Band, ja. Aber die kannten wir ehrlich gesagt auch nicht, bis wir in Interviews davon gehört haben.
Popconnection: Und haben sich die Deutschen Rascals schon mal bei euch gemeldet und Ansprüche geltend gemacht? Immerhin sind es Punks von der richtig üblen, harten Sorte.
Greg: Nein, bis jetzt hatten wir Glück. Aber wir sind auf der Hut. Vielleicht springen sie irgendwann mal aus einem Bus und töten uns alle...
Joe: Was soll das heißen, üble Punks, wir sind auch üble Punks!
Popconnection: Aber auch wenn ihr die 60s Band nicht kanntet, würdet ihr mir zustimmen wenn ich behaupte, dass ihr in gewisser Weise eine Retro-Band seid?
Joe: In gewisser Hinsicht schon, wir lassen uns gerne inspirieren von alten Bands. Den Beatles, oder Echo and the Bunnymen. Aber Retro-Band? Nein, eigentlich nicht. Und abgesehen davon hören wir nicht nur 60s Bands, wir mögen auch sehr viele aktuelle Bands, Oasis natürlich, oder auch Queens of the Stone Age.
Popconnection: Viele eurer derzeitigen Kollegen setzen auf, nunja, Saufmusik, ihr steht wohl eher auf düstere Töne. Könnt ihr mit den Saufliedern was anfangen? Scheint ja ganz erfolgreich zu sein.
Joe: Du meinst wie die Fratellis? Hast du heute Nacht schlecht geschlafen? Auch wenn das vielleicht besser ankommt. Unser Stil ist uns lieber. Man macht die Musik ja schließlich in erster Linie, um sich selbst zu gefallen, da sollte man nicht über den möglichen Erfolg nachdenken.
Miles: Es ist aber nicht so, dass es uns nicht gefallen würde. Es ist nur nicht unser Stil.
Popconnection: Nun seid ihr ja auch schon eine Weile auf Tour? Was war bisher euer Highlight? Glastonbury?
Miles: Ja das war klasse. Unser erstes Festival überhaupt. Es war fantastisch. Und wir haben ja sogar zweimal gespielt...
Popconnection: Nunja, darf ich das überhaupt erwähnen? Du hast ja sogar drei Auftritte absolviert beim Glastonbury...
(Jubel, Klatschen, Raunen setzt ein, die drei lachen sich schlapp, als hätten sie förmlich auf die Steilvorlage gewartet...)
Joe: Jaaaaa, na endlich, du lässt dir ja Zeit. Das Puppets Ding!
Popconnection: Na wenn ihr mir so eine Steilvorlage gebt, eigentlich wäre meine letzte Frage gewesen, wie sehr es euch nervt, immerzu auf die Last Shadow Puppets angesprochen zu werden. Die Frage möchte ich dann vorziehen...
Miles: (lacht und skandiert lautstark) Es ist scheiße! Scheiße! Scheiße!
Popconnection: Das war deutlich. Ich will euch auch nicht länger damit ärgern.
Miles: Nein, nein, es ärgert uns ja nicht, das ist schon ok.
Popconnection: Wenn wir schon beim Thema sind, ein Wort zu eurer Vorgängerband...
(alle drei zücken Feuerzeuge und Streichhölzer)
Miles: Na was haben wir hier? Na? Kommst du drauf?
Popconnection: The Little Flames?
Joe: Jaaa, kluger Junge!
Popconnection: Wieso habt ihr beschlossen, euch von den anderen zu trennen und eure eigene Band zu gründen?
Greg: Wir kamen einfach an einen Punkt, an dem wir so nicht mehr weiter machen wollten. Die anderen waren auch um einiges älter als wir drei... Wir wollten unser eigenes Ding machen und uns nicht mehr reinreden lassen.
Miles: Es wurde zu poppig, die Plattenfirma hatte da auch die Finger im Spiel. Es ist nicht so, dass wir Pop-Songs hassen, im Gegenteil, wir lieben sie! Aber wir waren uns einig, dass wir auf unserem ersten Album, also der ersten Platte, die wir als Band veröffentlichen, etwas anderes, verrücktes, düsteres, auch ein bisschen böses machen wollen. Und bei den Little Flames wollten wir das auch schon, aber nachdem anfangs alles nach unserem Geschmack gelaufen war, entwickelten sich die Dinge dann leider in eine andere Richtung. Also sagten wir uns, "riskieren wir's" und stiegen aus.
Joe: Das hat uns auch alles zu lange gedauert. Es darf nicht eineinhalb Jahre dauern, ein Album zu machen. Wir sind da "raus gewachsen", könnte man sagen.
Popconnection: Wie kommt's, dass Greg's Bruder euer Manager ist?
Greg: Das ist ganz praktisch, er folgt uns überall hin und hat immer einen Laptop dabei.
Miles: Er war schon immer an unserer Seite, auch schon bei The Little Flames.
Popconnection: Worüber lachst du eigentlich seit Minuten, Miles?
Miles: Weil Joe gerade das mit dem raus wachsen gesagt hat.
Joe: War ein Witz, tut nichts zur Sache.
Miles: Doch, er meinte, er ist selbst etwas "mehr" geworden, er ist in seine Rolle gewachsen.
Joe: Miles möchte sagen, ich bin jetzt dicker als zu Little Flames Zeiten.
Miles: Was denkst du eigentlich? Sehen wir jetzt dicker aus als früher? Und vor allem, sehen wir auf Fotos dicker aus als in Realität? Oder wirken wir auf Fotos dünner?
Popconnection: Ähm, Was soll ich sagen, nein, ihr seht sowohl auf Fotos als auch in Realität dünn aus.
Joe: Jaa, das wollten wir hören, danke!
Popconnection: Ihr scheint ja euren Spaß zu haben auf Tour...
Greg: Ohja, den haben wir.
Popconnection: Ihr fühlt euch also wohl in Deutschland?
Greg: Ja, es ist super! Wie gesagt, gestern waren wir weg und haben ziemlich viel getrunken, es war spitze.
Miles: München ist auch klasse, ich mag es jetzt schon. Wir sind ja zum ersten Mal hier.
Popconnection: Du hast ja das richtige Trikot an, ihr müsst mal in das Fußballstadion. Oder ihr sammelt genug Fans, dass ihr die Arena voll bekommt, dann könnt ihr drin spielen...
Joe: Ich würde auch gerne für den FC Bayern Fußball drin spielen! Ist Ribery noch beim FC Bayern?
Miles: Ja genau, das wollten wir fragen, im neuen Pro Evolution Soccer für die Playstation ist er nämlich nicht mehr dabei...
Popconnection: Ribery spielt noch bei den Bayern, ja.
Greg: Ah ok, interessant, vielleicht ist er einfach zu hässlich, die Designer schaffen es nicht, ihn in dem Videospiel abzubilden...
Miles: Gut, hast du eigentlich auch noch irgendwelche Fragen?
Popconnection: Ich glaube das reicht. Habt euren Spaß heute Abend. Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt!
Greg: Sehr gerne! Das war mal ein wunderbar entspanntes Interview. Und jetzt sag uns noch, was wir in Österreich so machen sollen...
Schließlich habe ich den dreien noch diverse Club Tipps für Innsbruck und Wien gegeben, die nächsten Orte auf dem Tour Kalender der Rascals. Nachdem die Band diesmal mehr fragen hatte als ich, kann man wohl kaum von einem Interview sprechen. Aber die drei "Lausbuben" wollen nun mal nur ihren Spaß haben. Sehr sympathisch!
Zwei immens erfolgreiche Alben haben Bloc Party bereits veröffentlicht. Das Debüt Silent Alarm fand weltweit gar über eine Million Käufer. Die Presse sang in höchsten Tönen von diesem Album, ebenso vom Folgewerk A Weekend In The City. Seit Ende August ist Intimacy, das neue Opus der Band, digital auf der Band-Webseite verfügbar und wird am 24. Oktober 2008 auch in physischer Form in die Plattenläden kommen.
Gordon Moakes, seines Zeichens unverschämt sympathischer sowie vielseitig begabter Bloc Party-Bassist/ -Backgroundvokalist/ -Keyboarder/ -Teilzeit-Drummer, hat mir zum neuen Album Rede und Antwort gestanden. Privat gelten die Herren als freundliche, eloquente und bescheidene Zeitgenossen. Erfreut stelle ich fest, dass Gordon diesen Erwartungen mit Bravour gerecht wird. Das Interview findet in einer bemerkenswert hübschen Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg (wo sonst?) statt. Bevor ich zu Gordons Zimmer geleitet werde, bittet man mich um äußerste Stille. Nach Betreten der Wohnung verrät ein kurzer Blick nach rechts den Grund für jene Bitte – Sänger Kele wird just von MTV interviewt. Wenige Schritte später sind wir bei Gordons Zimmer angelangt und ich werde angekündigt. Freundlich und etwas schüchtern gibt der Meister mir die Hand, grüßt und meint, dass wir uns womöglich schon mal gesehen hätten. Überrascht sage ich "äh ja, vielleicht", setze mich mit ihm ins Zimmer, welches einem Schlafgemach eines aktuelleren IKEA-Kataloges eins zu eins nachempfunden zu sein scheint und eröffne das Interview.
Popconnection: Ihr habt kürzlich ein neues Album namens Intimacy in digitaler Form veröffentlicht. Es unterscheidet sich schon recht deutlich von seinen Vorgängern. Wie würdest du euer neues Werk beschreiben?
Gordon: Unser primäres Ziel war es, die Songs sehr direkt klingen zu lassen. Es gibt zwar vereinzelt ruhigere Momente auf dem Album, doch insgesamt galt für uns: Keine Kompromisse.
Popconnection: Bist du aber nicht der Meinung, dass die Songs zum Teil relativ sperrig ausfallen, insofern also nicht wirklich als direkt zu bezeichnen sind? Ich denke schon, dass der Hörer bei manchen Songs ein Weilchen braucht, um sich hineinzufinden.
Gordon: Ja, das ist es, was ich mit Keine Kompromisse meine, da das Album keine Kompromisse zugunsten des Hörers bereithält, sondern nahezu uneditiert das widerspiegelt, was wir erreichen wollten. Daher stimme ich dir zu, wenn du sagst, dass man zum Teil ein wenig Zeit braucht, um sich in die Songs hineinzufühlen.
Popconnection: Kannst du bestimmte Einflüsse nennen, die dem Album zugrunde liegen?
Gordon: Hmmm (überlegt lange)... da gibt es eine ganze Menge. Beim Song Ion Square beispielsweise höre ich den Einfluss von Arcade Fire heraus. Wir wollten das Album etwas extremer klingen lassen als dessen Vorläufer. Als wir das Album aufnahmen, hörte ich mir verstärkt Rockbands an, auch um herauszufinden, wie es ihnen gelingt, ihre Songs heavy klingen zu lassen. Einige Stellen auf Intimacy wollten wir etwas heavier gestalten als man es sonst von uns kennt. Prinzipiell wollten wir die Songs wie gesagt etwas extremer gestalten als wir es früher getan hatten.
Popconnection: Welche konkreten Einflüsse hat denn euer Leben auf dieses Album gehabt?
Gordon: Kele (Gesang – Anm. d. Verfassers) würde zu dem Thema vermutlich sagen, dass die Texte auf Intimacy deutlich persönlicher sind als auf den Vorgängeralben. Die Texte sprechen diesmal in erster Linie für seine individuellen Empfindungen und nicht für eine ganze Generation.
Popconnection: Hat das Album denn ein thematisches Konzept?
Gordon: Nun, Intimität ist ja ein vielschichtiger Begriff. Im Prinzip geht es um die Nähe zwischen zwei Menschen – Dinge, die Menschen, die sich nahe stehen, gemeinsam erleben. Den Titel des Albums hat Kele erdacht, daher muss auch ich hier ein wenig interpretieren. Ich denke, dass das Album vor allem die kleinen Dinge des Lebens im Fokus hat.
Popconnection: Wie seid ihr denn beim Songwriting und bei der Produktion vorgegangen?
Gordon: Wir haben beim Songwriting primär versucht, eine bandtypische Arbeitsweise weitgehend zu vermeiden. Das Komponieren und Arrangieren beruhte also weniger darauf, sich im Proberaum zu treffen und die Songs gemeinsam zu erarbeiten. Vielmehr haben wir uns im Studio an verschiedenen Herangehensweisen versucht. So entstand ein großer Teil der Songideen mit Hilfe von Computern, während die Gitarren zunächst außen vor blieben und nur in den Arbeitsprozess integriert wurden, wenn sie wirklich benötigt wurden.
Popconnection: Intimacy ist ja nun euer drittes Album. Was hältst du von der weit verbreiteten Meinung, dass das dritte Album einer Band besonders wichtig sei?
Gordon: Nun, ich denke, das dritte Album einer Band kann uns eine Vorstellung davon geben, ob die Band noch eine Weile dabeibleiben wird oder nicht. Wir verspürten diesmal allerdings definitiv weniger Druck als noch beim zweiten Album. Es gab keine Erwartungen mehr, denen wir unbedingt gerecht werden wollten, da wir fanden, dass wir mit unseren ersten beiden Alben unseren Standpunkt klargemacht hatten. Für uns war Intimacy eine Art Neubeginn.
Popconnection: Ihr seid also mit viel Selbstvertrauen und dem befreienden Gefühl, im Studio viel Experimentieren zu können, an das Album herangegangen?
Gordon: Ja, das von dir genannte Freiheitsgefühl hatten wir definitiv. Selbstvertrauen… nun, ich weiß nicht. Ich persönlich war mir nicht sicher, was bei der ganzen Sache letztlich herauskommen wird. Es hat mir nicht unbedingt an Selbstvertrauen gefehlt, doch ich bin mit keinen festen Vorstellungen ins Studio gegangen.
Popconnection: Bist du denn zufrieden mit dem Resultat?
Gordon: Ich weiß, dass einige Dinge auf dem Album nicht jedermanns Sache sind. Doch ich finde, dass wir den Songs Raum zum Atmen gegeben haben und dass es ihnen gut tat, dass wir vorher kaum konkrete Vorstellungen hatten. Somit waren wir dazu gezwungen, im Studio kreativ zu sein.
Popconnection: Was sind deiner Ansicht nach konkrete Stärken deiner Band?
Gordon: Nun, zwar kann dies in manchen Fällen auch eine Schwäche sein, doch ich denke, dass die Qualität der Band vor allem auf unseren sehr unterschiedlichen Einflüssen beruht. Dadurch entsteht dieser einzigartige Mischmasch, der Bloc Party auszeichnet.
Popconnection: Was können wir denn in Zukunft von Bloc Party erwarten?
Gordon: Wir werden in nächster Zeit viele Konzerte geben, u.a. am 23. Oktober im Berliner Flughafen Tempelhof – kurz vor dessen Schließung. Anschließend werden wir ausgedehnt auf Tour gehen, u.a. in Südamerika. Wir werden also gut ausgelastet sein in nächster Zeit (lacht).
Popconnection: Von vielen Bands hört man ja, dass das Publikum in Südamerika extrem energetisch sei.
Gordon: Ja, wir waren noch nie dort und sind echt gespannt. Wir freuen uns auch darauf, mal etwas für uns vollkommen Neues zu sehen.
Popconnection: Nun, dann wünsche ich euch alles Gute für eure anstehenden Konzerte und für die weitere Zukunft!
Travis zählen wohl zu den sympathischsten Bands der britischen Musikszene. Jetzt melden sich die vier Schotten mit ihrem mittlerweile sechsten Studio-Album Ode To J Smith zurück. Wir haben Sänger Fran Healy und Gitarrist Andy Dunlop im Radison Hotel in Köln zum Interview getroffen und mit ihnen über das neue Album gesprochen.
Popconnection: Wer ist J. Smith?
Fran: Irgendwie ist das schon cool...wir haben vor diesem Promo-Trip nie darüber gesprochen, um was es auf diesem Album ging. Ich wollte weder darüber sprechen, wer J. Smith ist, noch darüber, worum's auf dem Album geht. Zumindest nicht bevor die ersten Plattenrezensionen geschrieben sind. J. Smith ist die Hauptfigur in einer Art Roman, den wir geschrieben haben. Er ist die Hauptfigur und somit auch der rote Faden, der sich durch das Album zieht. Es geht um seine Geschichte. Um einen Tag in seinem Leben oder besser gesagt, den letzten Tag seines Lebens, wenn man so sagen möchte. Es ist ein sehr düsteres Album geworden, aber auch mit sehr viel Galgenhumor. Es hat schon Witz, aber es ist trotzdem ein sehr eigenartiger Witz. Wie zum Beispiel auf dem Titelsong J. Smith. Da kommt er in den Himmel, und die Engel singen ihm auf Latein was vor. Sie singen ihm ein Willkommenslied. Und dann sagen sie: "Moment mal! Du stehst ja gar nicht auf der Gästeliste!" Und das läuft alles auf Latein ab und sie verbannen ihn in die Hölle! Und dann fangen sie an ihn zu beschimpfen mit Sätzen wie: "Möge auf ewig Kohle in deinem Arsch sein". Das ist wohl so eine alte lateinische Beleidigung!
Popconnection: Hattet ihr Angst ein Konzeptalbum zu machen?
Fran: Ich fand die Vorstellung ganz schrecklich gefragt zu werden: Ist das ein Konzeptalbum? Ich hasse die Vorstellung ein Konzeptalbum gemacht zu haben! Ich mag dieses Wort nicht! Dabei muss ich immer an Drachen und Zauberer und 15 Minuten lange Rockepen denken. Diese Platte ist nur 34 Minuten lang. Wir haben eben nur schnell eine Platte gemacht über einen Menschen namens J. Smith...
Popconnection: Worum geht's denn in dem musikalischen Roman?
Fran: Es fängt mit Chinese Blues an. Ich stelle mir vor, dass der Film oder das Buch damit anfängt, dass J. Smith das Gefühl hat, dass er nichts hat, wofür er leben möchte. Er hat die Schnauze einfach gestrichen voll. Er hat keinen Bock mehr auf die Welt. Und so denkt er sich: "Ok! Das war's! Ich mach Schluss! Ich bring mich um!" Es gibt da so schöne Stellen in dem Lied - so nach dem Motto: "Du könntest von einem Bus überfahren oder von hinten abgestochen werden. Und ich mach's eben einfach selber!" Später wird ihm allerdings klar, dass er doch wieder leben will. Leider hat das Schicksal was anderes mit ihm vor und macht in dem Moment mit ihm Schluss, als er tatsächlich selber wieder leben will...
Popconnection: Auf dem Album ist ja kein einziges Liebeslied drauf. Das einzige, was einem Liebeslied ähnlich ist, ist Friends. Worum geht's da und welche Rolle spielt das Lied in der Geschichte?
Fran:Friends ist aus der Sichtweise einer Frau geschrieben. Hier spricht die Frau oder Freundin von J. Smith. Sie redet davon, dass sie ihn immer noch liebt, obwohl er sie wie Dreck behandelt hat. Es stellt eine sehr alltägliche Situation dar, die ich sehr oft bei Frauen gesehen habe, wenn es um ihren Freund geht!
Popconnection: Ich habe irgendwo gelesen, dass ihr das Album innerhalb von fünf Wochen geschrieben habt? Warum so schnell?
Fran: Dougie sollte im März Vater werden. Und wir wollten die Platte unbedingt vorher fertig bekommen. Wir wussten, wenn wir die Platte nicht vorher schreiben, wird sie niemals 2008 noch fertig!
Andy: Solche Deadlines sind manchmal ganz hilfreich, weil wir wirklich schlecht darin sind, sonst irgendwelche Pläne einzuhalten! Musiker sind immer beschissen darin, irgendwelche Zeitpläne einzuhalten! Ach komm! Ein Monat früher oder später wird doch nicht so schlimm sein! Sagt man so. Beim letzten Album war's nämlich genauso! Wir wollten nie so lange damit warten, wir wollten es diesmal halt besser machen. Als wir erfuhren, dass Dougie Vater werden sollte, wollten wir, dass er etwas Zeit hat für das Kind. Fran und ich sind ja schon Väter und hatten uns die Zeit genommen einfach nur Väter zu sein. Und wir wollten, dass Dougie das auch machen kann. Wir wollten ihm dann vier, fünf Monate Zeit lassen, sich mit seinem Sohn zu beschäftigen. Wenn wir also das Album nicht sofort gemacht hätten, dann wären wir jetzt immer noch dran!
Fran: Ach, ich wär wahrscheinlich noch in der Schreibphase! Und daher kam auch die Idee ein Album zu machen, dass eigentlich ein musikalischer Roman ist oder ein Drehbuch ohne Film. Jeder Song beinhaltet eine Szene und das hat unheimlich geholfen das Album so schnell zu schreiben. Man hat als erstes eine Hauptrolle und man hat ganz viele Songs und dann setzt man sich hin, und sagt: "Ok! Dieser Song funktioniert und dieser auch. Aber dieser hier geht gar nicht, weil er nicht in die Geschichte passt." Und das macht das Schreiben sehr viel einfacher. Man weiß dann irgendwann: "Also hier brauchen wir auf jeden Fall noch einen Song für diese Szene und für die da auch noch, weil wir diesen Teil der Geschichte noch nicht erzählt haben." Und dann schreibst Du einfach einen, der das tut.
Popconnection: Schon fast ein bisschen wie schottische Poesie?
Fran: Wir haben gerade noch über den schottischen Poeten Robert Burns gesprochen. Ich denke da gerade an Tam O'Shanter. das ist eines der berühmtesten Gedichte von Burns. Das ist auch so ein langes Gedicht, wo es nur um einen Typen geht. Und das ist total düster!
Andy: Der trifft den Teufel!
Fran: Genau!
Andy: Teufel heißt auf schottisch "Deil...devil's deil."
Popconnection: Denkt ihr drüber nach einen Film zu machen oder plant ihr ein passendes Video?
Andy: Das schöne daran ist doch, dass es wie ein Buch ist, wo sich jeder seine eigenen Bilder denken kann. Jeder hat doch ganz verschiedene Vorstellungen. Fran sieht den ersten Song zum Beispiel ganz anders als ich. Ich sehe darin eine geschäftige Großstadt. Da steht er auf einer großen Brücke in London und denkt: "Wir werden doch eh alle sterben! Ob durch einen Herzinfarkt oder weil uns ein Bus anfährt...ist doch egal!" Aber genau das ist das schöne an Romanen. Kurt Vonnegut hat mal gesagt, dass er es hasst, wenn seine Bücher verfilmt wurden. Als zum Beispiel Slaughterhouse Five verfilmt wurde, hatte er das Gefühl, dadurch gibt es nur dieses eine Slaughterhouse Five, was jeder durch den Film kennt. Davor gab's Millionen von Vorstellungen davon. Es hatte jeder seine eigenen Bilder dazu im Kopf. Und das gefällt mir, dass jeder sein eigenes Bild, seine eigene Interpretation haben kann.
Fran: Wir werden dazu nie einen Film machen. Andy hat recht! Jeder sollte seine eigenen Bilder malen! Für mich zum Beispiel spielt die erste Szene in Glasgow in einem kleinen Ort namens Anderston. Der Ort hat einen 70er Jahre Touch mit ganz vielen Gebäuden aus den 70ern und direkt daneben stehen uralte Kirchen und Kathedralen! Ich stell mir den Typen vor, wie er auf einem dieser Gebäude steht...irgendwie find ich das cool!
Popconnection: Inwiefern glaubt ihr kann man oder soll man visuelle Kunst mit Musik kombinieren? Ich meine, wenn man überlegt, wie viel heutzutage auf Videos und Animationen und überhaupt visuelles ausgerichtet ist?
Fran: Für mich ist Musik eben Musik und visuelle Kunst ist visuelle Kunst! Klar kann man beides kombinieren. Aber oft ist es doch gerade dass, was man nicht sieht, was einen so richtig packt! Was man nicht sieht ist meistens viel spannender! Wenn man etwas nämlich nicht sehen kann, muss man sich ein eigenes Bild malen! Wir hatten auf The Man Who einen Song der hieß Slide Show. Und genau das ist unser Ansatzpunkt gewesen. Ich glaube Musik fängt all diese Gefühle ein und diese Gefühle setzen dann eine Chemie frei. Diese Chemie erzeugt dann Bilder und weckt Erinnerungen. Musik ist eines der mächtigsten Medien! Aber es ist ein unsichtbares Medium! Deshalb liebe ich es so! Es spielt sich alles allein in deinem Gehirn ab. Alles in dieser großartigen Erfindung namens Gehirn. Mir hat gestern jemand eine Geschichte von einem Mann erzählt, den wir kennen und mit dem wir zusammengearbeitet haben. Und ich konnte ihn sofort sehen! Ich hatte sofort ein Bild im Kopf! Ich kann ihn immer noch sehen! Meine Augen sind offen, und er ist nicht da, aber ich sehe ihn! Warum sehe ich das? Wie geht das, dass man einfach so Bilder sieht? Das ist doch verrückt!
Popconnection: In Slide Show erwähnt ihr ja dann auch die Titel von anderen Liedern die wieder als Schlagwörter für Erinnerungen dienen?
Andy: Wir haben Lieder wie Design for Life erwähnt, weil man das Gefühl hat, sie gehören einem selbst! In dem Moment, wo sie veröffentlicht werden, gehören sie einem selbst, weil sie zu deiner Erinnerung dazugehören! Du erinnerst dich daran, als du jung warst und irgendeine Beziehung in die Brüche gegangen ist und du das Lied gehört hast. Und plötzlich gehören sie dir! Manchmal sind das ganz schreckliche Songs! Du hörst dann irgendeinen Phil Collins-Song und denkst: "Mein Gott! Das ist ja mein Lied! Der spricht ja über MICH!!!" Sie gehören dir, weil du deine eigenen Gefühle damit verbindest! Wenn ich Songs höre, aus der Zeit, wo wir jung waren, dann bringen die mich in die damalige Zeit zurück. Und ich verbinde damit ganz persönliche Erinnerungen. Und jemand anderes hat wahrscheinlich ganz andere Erfahrungen mit dem Song gemacht.
Popconnection: Beim letzten Album haben alle gesagt: "Oh Gott! Jetzt werden Travis total sentimental und machen Musik für Rentner." Mit diesem Album geht ihr ja doch etwas zurück in die Rockschiene. War das beabsichtigt?
Fran: Wir waren eigentlich schon immer eine Indie-Band. Aber wir haben einen kurzen Abstecher in zum Pop gemacht, denn Pop ist ein ziemlich verführerisches Genre! Es saugt dich auf, und du wirst davon besessen, den perfekten Popsong zu schreiben! Und ich wollte das unbedingt! Das letzte Album hat sehr darunter gelitten! Es war eine Reaktion auf 12 Memories, das Album davor. 12 Memories ist eines meiner Lieblingsplatten von uns, weil es eine der persönlichsten ist. Leider hatte es diesen bitteren Nachgeschmack, dass alle meinten, es sei eine politische Platte. Es gab einen Song darauf, auf dem ich gesagt habe: "Verdammt! Geht nicht in den Krieg!" Und plötzlich meinten alle, es sei ein politisches Album! Wir wollen nicht, das Travis politische Songs schreibt! Das wollten wir wirklich nie! Es hatte nichts mit Politik zu tun! Es gibt viele Leute, die 12 Memories gerade für sich wiederentdecken, und es als eines ihrer liebsten Travis-Alben loben, aber danach waren wir echt fertig, und dachten: "Was sollen wir jetzt machen?" Wir haben nicht viel mit 12 Memories getourt. Neil hatte sich fast das Genick gebrochen und wäre beinahe gestorben und wir waren total verwirrt! Also haben wir uns ein paar Jahre rar gemacht. Und aus dieser Verwirrung entstand dann The Boy With No Name. Es war fast so, als ob ich wieder Songs schreiben üben müsste. Ich musste meine Muse oder meine Inspiration wieder finden! Das Album war eine Art Übungsbuch. Es gibt ein paar wirklich schöne Songs darauf. Closer zum Beispiel ist ein wunderbarer Song. Und es gibt noch ein paar andere schöne Sachen auf der Platte. Aber als ganzes Gesamtwerk war's so, als ob wir nicht wüssten, was wir eigentlich wollten: Wollen wir dies, oder das? Das Album war nicht wirklich selbstbewusst! Die einzelnen Lieder waren ok!
Andy: Jedes Lied für sich beweist, dass wir die einzelnen Genres des Songwritings drauf haben. Aber als Gesamtwerk wussten wir wirklich nicht, wer wir waren und alle anderen haben sich auch gefragt: "Wer sind nun eigentlich Travis?" Wir wussten selbst nicht, wo wir eigentlich hin wollten. Songs wie Selfish Jean und Eyes Wide Open waren die letzten zwei Songs, die wir für das Album damals aufgenommen haben und vielleicht zeigen die so ein bisschen den Weg zu J. Smith.
Fran: Was uns wirklich unser Selbstbewusstsein wiedergegeben hat, war einfach wieder live zu spielen...
Popconnection: War es vielleicht auch der Druck, der einfach nach The Man Who und "The Invisible Band" auf euch gelastet hat. Die Alben waren ja nun weltweit supererfolgreich. Dann kam 12 Memories und vielleicht war's dann auch einfach zuviel?
Fran: Genau! Aber da muss man als Band durch! Diese Erfahrung muss man machen! Wenn man schon 10 Jahre zusammen ist, und dazu noch Erfolg hat, gibt es immer den Moment, wo man einfach nicht mehr weitermachen möchte. Du fragst dich: "Was ist meine Motivation für all das hier?" Weil du plötzlich viel Geld verdienst, also ist das keine Motivation mehr! Dann bist du berühmt und auch das interessiert dich dann irgendwann nicht mehr wirklich. Und Ruhm hat dich eh nie interessiert. Und plötzlich wird alles einfach unwichtig. Dann schreibst du plötzlich Popsongs, die jeder mitsingt und plötzlich inspiriert dich selbst das nicht mehr. Und dann fragst Du dich: "Was hat hier überhaupt noch Sinn?" Ich meine, das ist fünf Jahre her. Aber wir sind ja noch jung und du musst solche Phasen durchmachen. Als wir angefangen haben, waren wir Anfang 20 und in der letzten Phase des Erwachsenwerdens. Und diese Phase konnte jeder öffentlich miterleben - auf Platte und auch so! Aber ich glaube, diese Phase des Uninspiriertsein änderte sich schlagartig, als wir letztes Jahr mit The Boy With No Name auf Tour gingen. Wir dachten: "Wow! Da ist es wieder! Wir sind wieder da!" Und dieses Selbstbewusstsein wurde immer stärker bis wir letzten November beschlossen, das Album zu machen. Und es war total einfach! Wir sind ins Studio gegangen, es ging ganz schnell! Danach haben wir noch fünf Shows gespielt, sind wieder zurück ins Studio gegangen und haben's aufgenommen.
Popconnection: Wie macht ihr das mit dem Engelsgesang eigentlich live?
Fran: Das haben wir tatsächlich geschafft! Klingt super! Wir haben all die verschiedenen Einzelteile gesampelt. Klingt genau wie auf Platte! Wir wollen das unbedingt live machen.
Popconnection: Und? Wann gibt's dann endlich Travis wieder live?
Andy: Hoffentlich nächstes Jahr! Wir wollten eigentlich schon dieses Jahr kurz vor Weihnachten kommen. Aber die Veranstalter wollen uns lieber nächstes Jahr haben, weil im Herbst so viele andere Konzerte sind. Also erst nächstes Jahr! Aber wir kommen auf jeden Fall!
Fran: Wenn wir nach Deutschland kommen, ist unsere Show dann auch hoffentlich schon viel ausgereifter als jetzt! In England machen wir gerade ganz kleine Clubshows. Und danach fahren wir nach Amerika, um dort auch kleine Clubshows zu spielen. Wir wollen alles ganz klein halten. Ich würde mir so sehr wünschen, dass die Leute alles andere vergessen und diese Platte einfach nur als eine Art Suite sehen würden! Nicht Sweet, wie in Süß.
Andy: Nee, das war das letzte Album!
Fran: Die Platte soll die Leute auf eine Reise mitnehmen. Ich würde es live gern tatsächlich wie eine Suite am Stück durchspielen! Wir haben das im Februar gemacht. Bevor wir das Album aufgenommen haben, haben wir's einmal komplett durchgespielt, so wie wir die Geschichte für uns im Kopf hatten. Und dann haben wir Sachen auch geändert, weil uns plötzlich klar wurde, dass einige Sachen keinen Sinn machen und andere schon. Das war sehr wichtig für das Album! Ich denke, für die Show ist das auch sehr wichtig! Am liebsten würde ich die Songs genau in dieser Reihenfolge einplanen und erst dann die Show drum herum planen! Wenn das klappt, wüsste ich jetzt schon einen richtig schönen Opener für die Show! Wir hatten an die Rede aus einem Film Namens Network gedacht. Das ist ein toller Film, in dem der Protagonist Howard Beal heißt. Der Schauspieler, der ihn spielt, ist auch super! Peter French heißt er. Leider ist er tot. Er hat nach seinem Tod einen Oscar für diesen Film bekommen! Auf jeden Fall passt sein Monolog großartig zu dem Album! Aber wahrscheinlich werden wir wohl dafür angezeigt werden, wenn wir ihn benutzen.
Popconnection: Habt ihr euch in den letzten 10 Jahren und nach euren Ups und Downs verändert?
Andy: Ich bin immer noch von Musik besessen wie eh und je! Ich kann mir ein Album zigmal anhören! Ich lebe es dann und geh richtig darin auf, genau so wie mit 15 oder 16! Was sich ändert, ist, dass man sich nicht mehr über die Musik definiert. Wenn man 15 ist, identifiziert man sich oft mit einem gewissen Genre. Nehmen wir an, du magst Metal. Dann sagst du: "Ich bin ein Metalkid! Ich zieh mich an wie ein Metalkid! Ich rede wie ein Metalkid! Und ich häng nur mit anderen Metalkids rum! Weil ich absolut Metal bin!" Und wenn du älter wirst - mit 20 oder 30 - denkst du einfach: "Ich liebe dieses Album! Ich muss es noch mal und noch mal und noch mal hören! Egal welches Genre! Ich liebe dieses Album und fühle es irgendwie!" Aber meine Leidenschaft für Musik hat sich nie geändert! Musik kann mich immer noch berühren oder glücklich machen! Musik kann mich auch immer noch zum Weinen bringen!
Popconnection: Ihr habt euch aber ein ziemlich großes Ziel gesetzt, Klanglandschaften zu malen, die sozusagen "Kino im Kopf" erzeugen?
Andy: Klänge sind sehr wichtig für Musiker. Bevor es Rock 'n' Roll überhaupt gab, gab es zum Beispiel Dampflokomotiven. Die hatten einen besonderen Klang! (trommelt den Klang nach) Also hat man versucht, diesen Sound in der Musik einzufangen. Wenn man sich heute Techno anhört, dann ist das der Sound des modernen Lebens. Man hört Hup- und Autogeräusche heraus. Da piept und hupt alles. Musik ist letztlich nichts anderes als ein Spiegelbild des alltäglichen modernen Lebens, zu dem man noch ein bisschen Melodie hinzufügt. Das ist wie Mathematik. Diese Note plus jene Note ergibt diesen Akkord.
Fran: Musik versucht heutzutage auch gar nicht mehr wirklich modern zu sein. Es gibt fast jede Woche irgendeine neue Gitarre oder ein neues Instrument. Aber die meisten Musiker interessiert es nicht. Man hat ein gewisses Sättigungsgefühl erreicht. Musik ist mittlerweile eher etwas, was nichts mehr mit neuer Technik zu tun hat. Sondern man versucht einfach überall mal reinzuschnuppern und was neues auszuprobieren.
Popconnection: Habt ihr eigentlich Angst, dass die Rechnung mit der Geschichte nicht aufgeht und dass dann die Leute sagen, jetzt driften sie total ab?
Fran: Ja, aber vielleicht muss man in all diese Löcher reinpacken und alles ausprobieren und versuchen verschiedene Lücken zu füllen, von denen man meint, dass man sie füllen kann. Das ist doch dass, was einen Musiker inspiriert!
Andy: Ich habe kürzlich was über einen Musiker namens Tod Rundergren gelesen. Der hat gerade ein neues Album veröffentlicht. Das ist so jemand, der immer was neues ausprobiert. Und der wurde dafür kritisiert. Und er hat im Interview gesagt: "Ich wollte nie irgendwie abdriften. Aber ich dachte, dass man das als Künstler so macht. Kunst bedeutet doch, neue Sachen auszuprobieren. Wenn man eine Sache ausprobiert hat, versucht man was anderes. Und nun gibt's Leute, die das komisch finden? Die wollen dass ich eine Sache mache, und sagen: Du hast so eine schöne Soulstimme! Warum bist du nicht einfach Soulsänger?" Und der Typ hat das nicht verstanden. Es ist doch das, was ein Künstler tut! Was neues auszuprobieren! Ich fand das irgendwie süß, dass er sich darüber aufgeregt hat, dass die Leute ihn dafür kritisiert haben, dass er nicht nur eine Seite hatte...
Die vier Herren Jörg Schmidt (vocals, guitar), Patrick Lange (guitar, backing vocals, sounds), Christian Preußer (bass) und Arrigo Reuß (drums) alias Morning Boy aus dem Großraum Frankfurt überraschten Anfang des Jahres mit einer 6-Track-EP, die es in sich hat. Das in Eigenregie veröffentliche For Us, The Drifters. For Them, The Bench. bietet Kopf fordernden und gleichzeitig Bauch kraulenden Indie-Rock auf höchstem Niveau. Für Schubladendenken ist hier kein Platz. Morning Boy verstehen es den Hörer auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle mit zu nehmen. Selten lagen Tief- und Frohsinn so nah beieinander wie auf dieser EP, die auf der Webseite der Band inklusive Cover kostenlos heruntergeladen werden kann.
Popconnection: Seit wann gibt es die Band Morning Boy und wie habt ihr zueinander gefunden?
Christian: Die Band Morning Boy existiert als Quartett aus Gründen der Einprägsamkeit seit dem 01.01.08. Davor sind wir als Quintett durch die Lande gezogen, mit einem Namen, über den wir an dieser Stelle lieber den Mantel des Schweigens hüllen wollen. Demnach kennen wir uns auch schon eine ganze Weile.
Popconnection: Ihr bietet eure EP For Us, The Drifters. For Them, The Bench. zum kostenlosen Download an. Welche Chancen seht ihr in dieser Veröffentlichungs-Form?
Christian: Durch den kostenlosen Vertrieb der EP über unsere Homepage erhoffen wir uns, dass viele interessierte Hörer nicht nur kurz in die Songs reinhören, sondern sie vielleicht auf ihren iPod laden oder im Auto mit Freunden hören. Uns liegt es vor allem am Herzen, unsere Musik möglichst vielen Leuten zugänglich zu machen. Generell ist diese Idee für junge Bands eine interessante Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen.
Popconnection: Ihr habt die EP komplett in Eigenregie aufgenommen und produziert. Wo habt ihr sie aufgenommen und wie lange habt ihr ungefähr gebraucht?
Christian: Die EP entstand in unserem heimischen Proberaum. Dort haben wir in ca. 6 Monaten alle Spuren eingespielt und produziert. Unserem Sänger Jörg hat die Aufnahme zahlreiche schlaflose Nächte bereitet. Zum Abschluss hat ein Freund der Band die EP abgemischt.
Popconnection: Wie sind die Resonanzen auf die EP bisher? Wisst ihr, wie viele Leute sie bereits heruntergeladen haben?
Christian: Die Resonanzen sind durchweg positiv. Mittlerweile gehen die Downloadzahlen mit großen Schritten auf die 500er Marke zu. Zudem haben wir der EP ja auch unseren Labelvertrag zu verdanken. Und Beschwerden gab's bisher auch noch keine.
Popconnection: Und wie kam der Kontakt zum Label waggle-daggle zustande? Das Label lag ja eine ganze Weile auf Eis...
Christian: Als Frankfurter Musik-Interessierter kommt man um das Label waggle-daggle natürlich nicht herum. Wir alle waren und sind große Fans der Bands des Labelkatalogs. Daniel und Mauri, die Inhaber, kennen wir durch die Szene in Frankfurt schon etwas länger. Nach dem Umzug der beiden nach Berlin, und später von Daniel weiter nach Freiburg, gönnte sich das Label eine Erholungspause, um nun wieder mit voller Kraft in See zu stechen. Die Anfrage von waggle-daggle kam aufgrund deren Begeisterung für unsere Musik und nach Live-Sichtung auf unseren Schreibtisch geflattert.
Popconnection: Wem gehört die Frauenstimme, die immer wieder auf For Us, The Drifters. For Them, The Bench. zu hören ist? Und wer von euch spielt so herzzerreißend Saxophon (We Came Along This Road)?
Christian: Es sind zwei unterschiedliche Frauenstimmen, die man auf For Us, The Drifters. For Them, The Bench. hören kann. Auf Whatever singt Patricks Freundin Wibke, während Christians Freundin Lisa Seventh Hymn For The Lost In Details mit ihrer Stimme versehen hat. Das Saxophon hat übrigens ein guter Freund, Luca (Bassist der Band Black Gloves), in einer nächtlichen Session eingeblasen.
Popconnection: Wer ist bei Morning Boy für das Songwriting verantwortlich und worum geht es in euren Songs?
Christian: Generell ist es so, dass unser Sänger Jörg eine Grundidee vorstellt, die von der gesamten Band im Proberaum weitergesponnen wird. Auch beim Entwerfen der Texte wird dieser Prozess verfolgt. Schließlich liefert Jörg die Gesangsmelodie, auf welche ein Text geschneidert wird. Diese Texte handeln oftmals von der Romantik des Loslassens, von Freiheit im Allgemeinen.
Popconnection: Ganz allgemein: Wie würdet ihr euren musikalischen Stil beschreiben? Ist da irgendeine Schublade, in die ihr euch stecken lassen würdet?
Christian: Wir behaupten unverfroren, dass wir eine klassische Popband in der Tradition der Beatles, Radiohead oder U2 sind. Dies liegt nicht daran, dass wir behaupten, in der Lage zu seien, solch unvergängliche, grandiose Musik zu machen. Sondern viel mehr daran, dass diese Bands unsere Haupteinflüsse sind und sich diese unweigerlich auch auf unsere Musik niederschlagen. Oftmals hören wir, dass wir Indiepop machen. Also geben wir es einfach mal so weiter.
Popconnection: Was würdest ihr als Inspirationen und Einflüsse bezeichnen?
Christian: Auf musikalischer Ebene, wie gesagt, sind es vornehmlich die Beatles, Radiohead, U2. Hinzu kommen sicherlich Sonic Youth, Interpol, Editors, The Smiths und Joy Division. Leonard Cohen ebenfalls. Auch Filme und Literatur dienen uns oftmals als Einflüsse.
Popconnection: Was macht ihr im Leben außerhalb der Musik?
Christian: Die Saitenfraktion studiert. Arrigo, Schlagzeuger und Nesthäkchen, schreibt 2009 sein Abitur.
Popconnection: Wie sehen eure weiteren Pläne für die Zukunft aus?
Christian: Im Dezember dieses Jahres kommen wir mit einer kleinen Überraschung um die Ecke. Nächstes Jahr wird unser Debütalbum via waggle-daggle die Plattenläden entern, wir spielen eine Tour, Festivals und genießen unser Dasein als selbstgefällige, reiche Rockstars.
Das Hamburger Label Grand Hotel van Cleef (GHvC) ist sozusagen das 5-Sterne-Hotel unter den hiesigen Indie-Labeln. Vor sieben Jahren von Thees Uhlmann (Tomte), Marcus Wiebusch (Kettcar) und Reimer Bustorff (Kettcar) gegründet, beherbergt das "Hotel" neben Tomte und Kettcar u. a. Künstler wie Death Cab for Cutie, Marr, Maritime, Home of the Lame, Olli Schulz & der Hund Marie und Bernd Begemann & Die Befreiung. Dabei verbindet alle Beteiligten nicht nur eine Geschäftsbeziehung, sondern vor allem eine Freundschaft. Seit 2006 veranstaltet das GHvC auch ein eigenes Festival, Fest van Cleef, bei dem es vor allem um eins geht: Die Liebe zur Musik. An jeweils drei Tagen in drei verschiedenen Städten treten sechs Bands des Labels und befreundete Bands auf. Auch in diesem Sommer geht das GHvC wieder auf Reisen und macht dabei Station in Mannheim (25.07.), Köln (26.07.) und Großefehn (27.07.). Mit an Bord sind neben Kettcar und Tomte auch Robocop Kraus, I Am Kloot, Niels Frevert und Ghost of Tom Joad.
Wir haben mit Reimer Bustorff, seines Zeichens Bassist bei Kettcar und einer der drei Labelchefs vom GHvC telefoniert und mit ihm ein wenig über das GHvC und das Fest van Cleef geschnackt.
Popconnection: Wann und wieso entstand die Idee, ein eigenes Label zu gründen?
Reimer: Das ist schon ein bisschen länger her. Die Idee ist 2001 entstanden und zwar aus dem Grund, dass wir mit Kettcar schon ziemlich viele Songs fertig hatten und auch schon mit Tomte zusammen auf Tour waren. Außerdem haben wir von ganz vielen Leuten Lob bekommen, die gefragt haben, wann wir denn endlich ein Album raus bringen. Wir haben dann bei allen möglichen Plattenfirmen gefragt, ob die das mit uns zusammen realisieren wollen. Die haben dann alle gesagt, "Nö" und "Och mit deutschsprachiger Musik wird man nix" und haben alle möglichen Gründe gehabt, warum sie's nicht machen wollten. Und im Grunde ist das Label dann so ein bisschen aus der Not heraus entstanden.
Popconnection: Welche Philosophie steckt hinter dem GHvC?
Reimer: Das Label gehört ja im Grunde Marcus (Kettcar), Thees (Tomte) und mir (Kettcar). Wir hatten von Anfang an aber diesen Grundgedanken, dass wir nicht nur die eigenen Bands - also Kettcar und Tomte - raus bringen wollen, sondern auch Bands, die wir toll finden. Dadurch ist es natürlich alles ein bisschen gitarrenlastig. Die Philosophie ist eigentlich, da wir selber Künstler sind, die Künstler auf dem Label auch "artgerecht" zu betreuen. Wenn man das so sagen kann. (lacht)
Popconnection: Du hast gerade erwähnt, dass das Label dir, Marcus und Thees gehört. Wie werden bei Euch Entscheidungen gefällt? Macht Ihr das zu dritt?
Reimer: Das war tatsächlich so geregelt, sogar vertraglich, dass jedes Signing einstimmig entschieden werden muss. Und, dass jeder das richtig super finden muss, bevor wir überhaupt irgendwas anfassen. Das haben wir mittlerweile ein bisschen aufgeweicht, weil wir gemerkt haben, dass uns das auch ganz schön blockiert. Ein gutes Beispiel war jetzt Escapado, die sehr sperrig sind und eher eine Hardcore-Band als eine Gitarrenpop-Band. Thees kam mit denen um die Ecke und ich dachte so "Oh Gott, Oh Gott, Oh Gott! Was ist das denn jetzt?! Das passt ja überhaupt nicht zu uns." (lacht) Mich hat es erst überhaupt nicht so überzeugt und Thees hat es dann durchgedrückt. Doch mittlerweile find ich's total super. Ich finde, dass es total gut zu uns passt und insofern war das eine ganz gute Entscheidung, dass wir das Ganze nicht mehr so eng sehen.
Popconnection: Ihr seid ja alle auf der einen Seite Musikliebhaber und auf der anderen Seite aber auch Geschäftsmänner. Was steht da im Bezug auf das GHvC eher im Vordergrund: Das Musikliebhabertum oder der Geschäftssinn? Oder kollidiert das manchmal auch miteinander?
Reimer: Leider steht man sich da sehr häufig im Weg und kommt sehr häufig in diese Situation und beschäftigt sich mit dieser Fragestellung. Das ist in der Tat ein Problem, was wir natürlich auch nicht lösen können. Wir müssen uns eigentlich dafür entscheiden, die Sachen nicht zu machen, die wirtschaftlich keinen Sinn machen. Zum einen müssen wir das natürlich auch machen, um den Künstler oder die Bands ein bisschen zu schützen, weil viele natürlich auch denken, "Ja, wir bringen jetzt die Platte raus und dann sind wir nur noch Künstler bzw. nur noch Musiker." Und so funktioniert das ja leider nicht. Es ist ja auch bei Kettcar so gewesen oder bei unseren Vorgänger-Bands, dass wir nebenbei studiert und gearbeitet haben. Ich hatte zwei Jobs, ein Studium und die Band. Es ist wahnsinnig schwer, von der Musik leben zu können und darum muss man oft leider diese wirtschaftlichen Dinge in den Vordergrund stellen und sagen, es macht einfach keinen Sinn. Wir können's nicht machen. Auch nicht, wenn wir sagen, wir müssen keinen Gewinn machen. Es ist super, wenn wir plusminus Null fahren. Aber sogar das ist teilweise sehr schwierig.
Popconnection: Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, ein Festival (Fest van Cleef) zu veranstalten?
Reimer: Das war glaube ich wirklich so eine Bier-Idee. (lacht) Unsere Veröffentlichungen sind ja Freunde gewesen wie z. B. Olli Schulz oder Marr, mit denen wir gut befreundet sind und Tomte und Kettcar ist ja sowieso eng. Wir haben das Label immer so ein bisschen als Wohnzimmer empfunden, wo die Bands zusammenkommen und wo man sich untereinander auch versteht. Es gibt auch keine Band auf dem GHvC mit der wir keinen Kontakt haben. Mit Death Cab for Cutie ist das jetzt ein bisschen schwierig, weil die so durch die Decke gegangen sind. Aber auch da ist es so, wenn die in Hamburg sind, dann hat man zu denen Kontakt und man versteht sich untereinander. Da liegt das natürlich nahe, dass man auch zusammen spielen will. Und Tomte und Kettcar kannst du im Grunde aufgrund der Größe nur noch so zusammen rausschicken. So ist diese Festival-Idee entstanden. Aber auch gleich mit diesem Gedanken, dass es super wäre, wenn wir auch andere Bands da mit reinkriegen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass wir jedes Jahr einen internationalen Künstler haben wollen. So zum Beispiel die Weakerthans, die im letzten Jahr mit dabei waren oder wie dieses Jahr Voxtrot, die wir ganz toll finden. Aber wir freuen uns natürlich auch so einen Typen wie Niels Frevert im Line-Up zu haben. Das ist für uns natürlich super, dass wir das selber entscheiden können und manchmal klappt das natürlich auch nicht wie z. B. The National oder so was. Da merkt man dann, dass man sich das doch nicht ganz leisten kann, weil die einfach zu teuer sind. Zurecht ja aber auch. Naja, und dann schwenkt man halt um und stellt sich im Grunde ein Line-Up zusammen, dass einem selber gut gefallen würde. Und so entsteht dann dieses Festival.
Popconnection: Wer ist für das Line-Up verantwortlich? Seid da auch ihr drei für verantwortlich?
Reimer: Nicht mal nur wir drei, sondern da hängen noch mehr Leute mit drin. Wir haben auch jemanden, der das für uns bucht. Dann Simon, unser fester Mitarbeiter, der natürlich auch die Entscheidungen mit trifft. Es ist nicht so, dass wir drei die Firma alleine werfen. Mittlerweile sitzen wir hier im Büro zu Fünft. Thees sitzt ja in Berlin, das ist der Sechste und dann haben wir einen in Köln sitzen, der das Booking für uns macht, das ist dann der Siebte. Und wir alle diskutieren darüber. Es ist so, dass wir Listen machen: Jeder macht Vorschläge, welche Bands er gerne dabei hätte. Und da darf man dann nicht so AC/DC drauf schreiben. (lacht) Was dann am Anfang gerne gemacht wurde, aber so einen Spaß haben wir uns verboten. Also, so realistische Bands, die man wirklich mal anfragen könnte und da versucht man dann auf einen Nenner zu kommen, was relativ einfach ist, weil wir vom Musikgeschmack nicht so weit auseinander sind. Und so entsteht das Line-Up dann.
Popconnection: Das Fest van Cleef findet jedes Jahr in drei verschiedenen Städten statt. Wieso habt Ihr Euch dafür entschieden, das Ganze als kleine Festival-Tour an verschiedenen Orten zu veranstalten und nicht jedes Jahr an einem bestimmten Ort wie z. B. Hamburg.
Reimer: Wir haben lange überlegt, ob wir das nicht irgendwie so fest an einem Ort etablieren können. Wir haben natürlich auch lange überlegt, wie geil das wäre, wenn die Leute da zelten könnten. In Hamburg ist es ganz schwierig, da eine geeignete Location zu finden. Es gibt jetzt hier ein Festival - Dockville heißt das - da kann man auch zelten. Aber da sind wir leider nicht drauf gekommen, dass auf dieser Fläche zu machen. Wir haben überlegt, wie könnte man das Ganze aufziehen, natürlich mit zelten, aber das war uns dann alles ein bisschen groß und ein bisschen riskant. Hamburg ist ja auch wettermäßig sehr heikel. Wir haben selber schon auf vielen Festivals gespielt, die dann ins Wasser gefallen sind und wo wir auch wissen, dass sich die Veranstalter bis über beide Ohren verschuldet haben. Es ist einfach wahnsinnig riskant, so ein riesen Festival aufzuziehen. Und so haben wir uns gedacht, wir machen das viel einfacher und machen das ein bisschen so wie die ganzen Motown-Bands damals, die alle in einen Bus gesetzt wurden. Oder man kennt das ja auch aus dem Johnny Cash-Film, wo mehrere Musiker einfach zusammen auf Tour geschickt wurden. So haben wir uns dann auch überlegt, dass wir zwei Busse nehmen, da sechs Bands reinsetzen und dann von Ort zu Ort fahren. Vor Ort arbeiten wir mit örtlichen Veranstaltern zusammen, was uns alles natürlich auch viel leichter macht, weil man sich nicht um alles selber kümmern muss und uns damit ganz viel Arbeit abgenommen wird.
Popconnection: In diesem Jahr findet das Fest van Cleef in Großefehn in Kooperation mit dem Festival Omas Teich statt. Wie kam diese Kooperation zustande?
Reimer: Das ist ein bisschen skurril gewesen. Der Sonntag ist ja eh immer ein bisschen schwierig, weil man meistens früher aufhören muss. Wir kommen am Sonntag aus Köln dort an und können dann ja auch nicht morgens um acht schon da sein. Wir kommen in Großefehn erst ein bisschen später an und dann muss da noch alles aufgebaut werden und so. Man kann ja auch nicht schon um zehn Uhr mit dem Line-Up anfangen, das funktioniert nicht, aber man muss trotzdem früher aufhören. Darum ist der Sonntag immer ein bisschen schwierig gewesen. Die Leute von Omas Teich haben dann bei uns angefragt. Wir haben nach einer Location gesucht und plötzlich kam diese Anfrage, ob wir das nicht da am Sonntag machen wollen. Und wir haben uns gesagt, es ist alles da, die Bühne steht da, das ganze Equipment, was man dann braucht - PA und so - das ist alles da. Für uns ist das natürlich super, weil wir kennen das Festival Omas Teich und finden das großartig und sind so dementsprechend froh, dass wir Teil des Ganzen sein können. Ich glaube, das ergänzt sich auch ganz gut und das passt ganz gut zusammen.
Popconnection: Welche Erwartungen habt Ihr fürs diesjährige Fest van Cleef?
Reimer: Ich erwarte erstmal, dass gutes Wetter ist. Da haben wir nämlich letztes Jahr in Karlsruhe auch so ein bisschen Probleme gehabt, wo es teilweise sehr doll geregnet hat. Das ist das Wichtigste und einfach, dass man Spaß hat. Ich hab da wirtschaftlich gesehen, überhaupt keine Erwartungen oder Hoffnungen oder so. Das ist alles für uns nicht so ein Faktor, sondern uns geht es wirklich darum, dass man untereinander Spaß hat und dass die Besucher sich natürlich auch gut unterhalten fühlen. Und, dass wir im Grunde bei jedem einzelnen Festival eine schöne Atmosphäre hinkriegen. Einen gelungenen Tag für alle Beteiligten. Das ist auch noch wichtig.
Popconnection: Vielen herzlichen Dank, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast und viel Erfolg weiterhin mit dem GHvC und natürlich mit dem Fest van Cleef!
Reimer: Ich danke auch! Und man sieht sich dann in Köln!
Die Schwedenrocker The Higher Elevations trafen im April 2003 auf die Musikwelt mit der von Kritikern viel gelobten Single Perfect Day/Lovestruck. Ihr Bekanntheitsgrad stieg konstant an durch ihre erstklassigen Songs und Auftritte. Mittlerweile sind sie auf vielen Radiosendern Europas und Nordamerikas zu hören, wo sie eine große Anhängerschaft haben. Im Juli 2004 erschien zunächst die EP There Is A Town, dessen Song Just Like Juliet sofort ins Programm mehrerer deutscher Radiosender genommen wurde. Im selben Jahr veröffentlichten sie die EP Lovestruck in Kanada. Ende 2004 gingen die Jungs wieder ins Studio um ihr erstes Album Always The Same aufzunehmen, das bei der Musikpresse auf durchweg positiv Resonanz stieß. Vor kurzem erschien das zweite Album der vier Schweden mit Titel The Protestant Work Ethic. Wir haben uns mit Sänger Niklas Gustafsson ein wenig darüber unterhalten.
Popconnection: Ihr sagt, das aktuelle Album sei über eure ehemaligen Klassenkameraden. Wie ist das gemeint?
Niklas: Diese Aussage zieht sich wie ein roter Faden durch das Album. Als ich aufwuchs, hatte ich nicht viel mit meinen Klassenkameraden gemeinsam. Das ist immer noch so, glaube ich. Die meisten Songs beinhalten Metaphern von einer Welt, die ich vor langer Zeit verlassen habe, und an der ich auch nicht mehr Teil haben möchte. Ich denke, einige Leute werden sich sehr aufregen, wenn sie einige der Songs hören, denn sie würden verstehen, was ich damit ausdrücken will. Es ist quasi das Geheimrezept. Es ist eine Art für mich zu überleben.
Popconnection: Man sagt, das zweite Album sei das schwierigste. Habt ihr das auch so empfunden?
Niklas: Nein, nicht wirklich. Es war eigentlich viel einfacher zu machen als das erste Album.
Popconnection: Wie sieht es mit eurem Erfolg in Schweden aus? Erkennt man euch auf der Straße?
Niklas: Nein, man erkennt uns überhaupt nicht. Wir sind wirklich unbekannt in Schweden, da wir unsere Platten immer auf ausländischen Labels veröffentlichen. Es macht mir auch nichts aus. Umso ungestörter kann ich ein paar Bier in Begleitung von Thomas Carlyle genießen.
Popconnection: "Better Times, City Nights" klingt sehr stark nach The Cure. Sind sie große Vorbilder für euch?
Niklas: Wir haben es so klingen lassen, weil wir einen Gitarrenpart hatten, der sehr nach The Cure klang. Ich dachte wir könnten genauso gut den ganzen Song zu einer Art Cure-Tribute machen. Sie waren für lange Zeit einer meiner Lieblingsbands und ich höre sie immer noch ab und zu.
Popconnection: Wer sind eure musikalischen Vorbilder?
Niklas: The Only Ones, Television und Kate Bush.
Popconnection: Mit wem würdet ihr gern mal zusammen Musik machen, und warum?
Niklas: Ich frage gelegentlich ein, zwei meiner Lieblingskünstler mitzumachen, wenn wir ein Album produzieren. Wir hatten bereits Richard Lloyd auf dem ersten Album "Always The Same", und er ist mein Lieblingsgitarrist. Wir haben auch ein Seitenprojekt mit dem Namen "This Year's Model" und wir hatten einen weiteren meiner Lieblingsmusiker, Bid von Monochrome Set auf unserem letzten Album... Vielleicht sollten wir versuchen Peter Perrett für unser nächstes Album zu gewinnen.
Popconnection: Wo habt ihr bisher am liebsten gespielt?
Niklas: The Higher Elevations spielten einmal auf einem seltsamen Festival in Schweden, und ich erinnere mich, da die Punks wahnsinnig gemacht zu haben, weil ich einen 3-teiligen Anzug getragen habe. Sie haben mich dafür gehasst. Es war aber sehr lustig. Wir spielten letztes Jahr mal auf einem Boot in Hamburg, aber das war nicht die komplette Besetzung von The Higher Elevations, also zählt das wohl nicht. Es war aber absolut großartig, da wir am Hafen entlang fuhren, während wir spielten. Die Deutschen sind fantastisch dafür solche außergewöhnlichen Sachen zu veranstalten.
Popconnection: Werdet ihr auch in Deutschland auf Tour gehen?
Niklas: Ich hoffe wir werden ein paar Konzerte in Deutschland geben. Wir sind sehr stolz auf “The Protestant Work Ethic” und würden gern einige Songs live spielen. Das neue Label macht echt gute Arbeit, also wäre es sehr schön, wenn wir es durch einige Konzerte unterstützen könnten.
Popconnection: Was würdet ihr noch gern euren deutschen Fans mitteilen?
Niklas: Nun, es gibt sicher einige Leute in Deutschland, die The Higher Elevations mögen. Aber ich wünsche mir es werden noch viele mehr, also: Verbreiten Sie das Wort, bitte! (Satz so im Original gelassen, Anm. d. Red.)
Atomic aus Furth im Wald haben in ihrer 8jährigen Bandgeschichte eine durchaus beachtliche Karriere vorzuweisen und sich mittlerweile einen überaus guten Ruf erarbeitet. Bereits ihre erste EP The Big Issue (2002) verkaufte sich in vierstelliger Höhe und schaffte es sogar mit einer Rezension in den britischen NME. Für eine Band aus Deutschland, die zu diesem Zeitpunkt nicht mal einen Plattenvertrag hatte, eine enorme Sache. Vor drei Jahren haben Atomic ihren ersten Longplayer Wonderland Boulevard (2005) veröffentlicht, mit dem es ihnen gelang, sich eine immer größer werdende Fangemeinde zu erspielen und der auch bei der Musikpresse auf positive Resonanzen stieß. Es folgten zahlreiche Konzerte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien und England sowie Support-Shows für namhafte Künstler wie Paul Weller, Kula Shaker und die Babyshambles. Nun liegt mit Coming Up From The Streets das zweite Album vor, das die Band in neuer Besetzung - Thomas Marschel (Gesang), Rainer Marschel (Gitarre, Gesang), Markus Schalk (Gitarre), Holger Jacob (Bass), Daniel Peucker (Schlagzeug) - aufgenommen hat. Wir haben mit Rainer Marschel über das neue Album, Support-Shows und Pete Doherty gesprochen.
Popconnection: Es ist sehr viel passiert bei euch in letzter Zeit. Ihr seid im letzten Jahr auf der Popkomm zum besten Newcomer 2007 gekürt worden, habt diverse Support-Shows für namhafte Künstler gespielt und habt im Moment einen wirklich fetten Tourkalender. Also all das, wovon manch junge Band nur träumen kann. Wie nehmt ihr das alles wahr, was da so im Moment passiert?
Rainer: Mit großer Freude natürlich! Das ist gut für die Stimmung. Wir respektieren die kleinen Dinge, sowie die Großen. Aber es liegt auch einiges an harter Arbeit von jedem Bandmitglied in dem Ganzen, damit wir uns das möglich haben machen können. Man muss sich alles erarbeiten, zumindest war das bei Atomic, seitdem ich diese Band mit meinem Bruder gegründet habe, schon immer so. Ich bin froh, dass wir durchgehalten haben! Die Liebe zu dem Ganzen und dem festen Glauben an unser Potenzial hat uns schon immer geholfen. Das ist unser größter Vorteil.
Popconnection: Am 18. April ist euer zweites Album "Coming Up From The Streets" erschienen. Diesmal warst nicht nur du, Rainer, alleine am Songwriting beteiligt, sondern auch Holger hat einige Songs zum Album beigesteuert. Wie kam es dazu?
Rainer: Das war eigentlich keine besondere Sache wie die meisten vermuten. Bisher war es jahrelang so, dass sich niemand in der Band, außer mir, für das Songwriting interessiert hatte. Holger hat mir einige seiner Songs angeboten und wir haben uns die fünf besten ausgesucht und ein wenig mit der Band verändert, damit sie zu Atomic passen. "Oh Suzanne" war beispielsweise von Holger eine langsame Ballade mit anderen Akkorden. Aber wir hatten bereits zu viele Balladen am neuen Album, somit wäre der Song um ein Haar nicht draufgekommen, wenn nicht Markus in letzter Minute die entscheidende Idee gehabt hätte, die Akkorde, das Tempo und den Rhythmus zu ändern. An dem Song hat auch unser Produzent Christian Höck etwas zur radikalen Änderung beigetragen. Aber ohne Markus wäre er wahrscheinlich nicht aufs Album gekommen. Cheers, mate! :-)
Popconnection: Wie lange habt ihr insgesamt am neuen Album gearbeitet?
Rainer: Das hat sich aus finanziellen Gründen bis zu 1 Jahr gestreckt. Beim Debüt-Album "Wonderland Boulevard" war es ähnlich. Wir haben die neue Platte selbst finanziert, indem wir sehr viele Konzerte gespielt haben. Ein Album in einem Ruck aufzunehmen, wie es denn meist so üblich ist bei Bands unserer Größe, wäre eine völlig neue Erfahrung für uns, die wir hoffentlich noch machen werden.
Popconnection: Ihr habt ja quasi jedes Album in einer neuen Besetzung eingespielt. Von der Ursprungsbesetzung sind ja nur noch Thomas und du übrig. Fühlt sich da eigentlich jedes Album wie ein Debüt-Album an?
Rainer: Nein. "Coming Up From The Streets" ist mein persönliches Debüt-Album. "Wonderland Boulevard" fühlte sich schon immer eher an wie unser zweites Album, weil da wurde unter anderem musikalisch viel ausprobiert, was aber auch sehr positiv aufgenommen wurde. Aber eigentlich müsste ein zweites Album einer Band so klingen, nicht das erste.
Popconnection: Euer neues Album trägt den Titel: "Coming Up From the Streets". Es gibt ein Buch das heißt: "Coming Up From The Streets: The Story of The Big Issue" von Tessa Swithinbank. (Die Autorin war selbst 1992 bei der britischen Straßenzeitung "The Big Issue" tätig) Gibt's da eine Parallele zu dem Buchtitel? Und ist es somit dann vielleicht auch eine Anlehnung an eure EP, die ja "The Big Issue" (allerdings wohl eher nach dem Zitat aus dem Oasis-Song) hieß?
Rainer: Zu beidem gibt's Parallelen. Da wären wir wieder beim Thema, warum sich das neue Album für mich wie ein Debüt-Album anfühlt. "The Big Issue" war eine Demo-EP im Eigenvertrieb veröffentlicht und davon hätten eigentlich "Face In Heaven" und "Magic Daydream" als neu aufgenommene Versionen auf das Debüt-Album "Wonderland Boulevard" drauf müssen. Das wurde aber verpasst zu machen. Frag mich nicht warum, aber unser Produzent Christian Höck hat uns letztes Jahr geraten, diese beiden Songs noch mal aufzunehmen und aufs neue Album zu machen, da die beiden Songs bisher nur als Demos veröffentlicht wurden und noch immer zu unseren besten Songs zählen. Ja, "Selling the big issue" hat Liam in "Supersonic" gesungen und ich wollte wissen was er damit meinte, wenn ich schon unsere EP danach benenne und ich habe dann ein paar Wochen später die Zeitung und das Buch in den Händen gehalten. Ein britischer Albumtitel kam uns gelegen und vor 7 Jahren habe ich mir immer gedacht "Coming Up From The Streets" wäre doch ein super passender Album Titel für ein Atomic Debüt-Album. Den Titel merke ich mir. Dann kam es soweit, dass der Titel zum nächsten Album, welches wir damals aufgenommen hatten, nicht mehr gepasst hat. Das sollte dann eigentlich zuerst nur "Wonderland" in Anlehnung an die Songtexte ("Maharaja Sailor", "Sweetest Symphony", "Shining Star", "The Jam Out", "The Shining", "Girlfriend In A Coma" etc.) und dem Artwork heißen. Das zweite Wort "Boulevard" kam eigentlich nur dazu als ich bemerkte, dass bereits viele Alben Wonderland (u. a. ein The Charlatans Album) hießen. Eigentlich hätte "Wonderland" besser gepasst, aber ich wollte dann doch etwas was keine aktuelle Brit-Pop Band schon als Albumtitel hatte.
Popconnection: Lass uns mal über die Songs sprechen. Ich hab mir dazu etwas ausgedacht und zwar hab ich mir vier Songs exemplarisch aus dem Album ausgesucht und würde dich bitten, kurz etwas dazu zu sagen...also quasi Liner-Notes-mäßig...
Song Nr. 1: "Soul Sister"
Rainer: Ich habe mal auf einen Song namens "There's No Drinking After You're Dead" von Paul Weller gejammt und danach wollte ich einen Song mit so einem Groove und abgehakten E-Gitarren Intro schreiben. Es ist nichts geklaut, aber der Weller-Song diente als 100%ige Inspiration, womit der Song "Soul Sister" geboren war. Interessant auch, die Solo-Gitarre der beiden Intro-Riffs habe ich erst am Tag der Aufnahme über Nacht geschrieben gehabt - da war vorher monatelang nichts. Das ist wie mit der Trompete bei "The Good Souls". Das sind so magische Momente im Studio, die ich mit dem Song "Soul Sister" in Verbindung bringe, da nur wegen vier total einfachen Solotönen das Ganze so plötzlich und kurzfristig gewachsen war, um die erste Single klarzumachen. Das war für die komplette Band ein tolles Gefühl.
Popconnection: Song Nr. 2: "She's The One"
Rainer: Wenn ich grad eine Freundin hätte, würde ich ihr den Song doch glatt schenken. Das Lied klingt romantisch, schrieb kürzlich jemand in der Presse. Das stimmt! Der Track war aber eigentlich geplant schneller, dreckiger und rockiger produziert zu werden, um als Track 2 aufs Album zu kommen. Am Ende des Tages ist es jedoch sehr beatlesk geworden und in der Mitte der Tracklist gelandet. Auch schön.
Popconnection: Song Nr. 3: "Something Wonderful"
Rainer: Den Song hat Holger geschrieben. Es war für meinem Bruder und mich ziemlich schnell klar nach dem Hören des Demos, dass wir den Song für Atomic benutzen werden. "Something Wonderful" ist eine Hymne, die wir alle sofort euphorisch bei Atomic aufgenommen haben. Was kann ich dazu als Linernotes noch sagen? Ach ja, interessant ist noch, Holger hatte den Song seiner Ex-Band vor ca. 4 Jahren angeboten gehabt, aber die Band hat den Song für ihr Live-Set und ihre CDs ignoriert, obwohl sie damit meiner Meinung eigentlich einen Hit hätten haben können. Wir sagen dazu: Cheers, mates! :-)
Popconnection: Song Nr. 4: "High & Fall"
Rainer: Ein gefühlvoller Song, der zur epischen Rockhymne wächst! Ha Ha, ich höre mich jetzt wohl ein wenig ekelig an. Ich weiß, aber ich habe fei keinen Pferdeschwanz, alles klar. Ein schönes Lied das "Coming Up From The Streets" würdig abschließt. Das längste Lied am Album. Ich wollte schon immer so einen Schluss für ein Album haben. Am gleichen Tag als ich "High & Fall" geschrieben habe, schrieb ich noch zwei weitere Lieder (u.a. "I Just Wanna Dance With You Tonight") des Albums in der dreckigen, kalten und verschmierten LKW Garage unseres Vaters, wo mal eine freigeräumte Ecke als Proberaum diente. Anscheinend muss es verdammt ungemütlich sein, damit mir schöne Lieder einfallen.
Popconnection: "The Good Souls" kannte ich ja bislang nur als Live-Version. Auf der Album-Version habt ihr nun das Riff, was live per Gitarre gespielt wird, durch Trompete ersetzt. War das die Idee des Produzenten oder eure Idee?
Rainer: Es war meine Idee, dass eine Trompete das Solo-Riff am Album ersetzen soll. Mir gefiel die Sologitarren-Melodie schon immer sehr, nur fand ich, das Ganze zu dünn, weil wir dem Solo enorm viel Platz und Spielzeit im Arrangement gelassen haben. Das hat den Song schon ordentlich aufgewertet, worüber wir sehr glücklich sind. Unser Produzent Christian Höck hatte aber auch einige tolle Ideen und Einfluss beim Arrangement anderer Songs am Album. Den meisten wohl bei "Oh Suzanne".
Popconnection: Noch mal zum Stichwort "Support-Shows": Ihr habt Paul Weller, Madsen, Kula Shaker, Babyshambles, Sportfreunde Stiller etc. supportet und spielt demnächst auch eine Support-Show für Tomte. Ich weiß, dass Readymade, die damals auch sehr viele Supportshows für namhafte Künstler gespielt haben, immer von der Presse den Stempel aufgedrückt bekommen haben: Readymade sind "nur" eine Supportband. Was negativ konnotiert war. Also nach dem Motto: Die stehen immer im Schatten der großen Bands und schaffen es über einen Support-Gig nicht hinaus. Was meint ihr dazu? Wie steht ihr zu dem Thema Support. Muss es immer unbedingt negativ sein?
Rainer: Ich habe Readymade zweimal live gesehen als sie eigene Konzerte gespielt haben und die Qualität war sehr hoch. Ich hatte immer das Gefühl, eine große eigenständige Band zu sehen. Ich wusste damals auch, dass sie wirklich sehr viele große Acts supportet hatten, aber so läuft das Business eben. Wenn du eine Newcomer-Band zügig groß machen willst, wird sie als Support mit größeren Acts auf Tour geschickt und das nicht zu knapp. Das war doch mit fast jeder Band so. Es gibt genug Bands, die erst groß wurden, weil sie jemand als Support mit auf Tour nahm. Anders wäre das meist nicht möglich, weil du ja irgendwie auf dich im großen Stil aufmerksam machen musst. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber in der Regel läuft es so. Uns helfen solche Supports sehr und das merken wir dann auch bei unseren eigenen Konzerten. Nachdem wir z. B. die Babyshambles in Wien supportet hatten, spielten wir den Monat darauf ein eigenes Konzert im Wiener Flex und es war der Hammer. Niemals zuvor hatten wir so viele und ebenso euphorische Konzertbesucher bei einem eigenen Wien-Konzert und solange die eigenen Gigs zu den Support Shows überwiegen, mache ich mir keine Sorgen. Wir haben bisher nur positive Erfahrungen damit gemacht, aber ich kann mir schon vorstellen, wenn Support-Shows zu eigenen Konzerten in der Anzahl überwiegen, es schon auch zur Kritik kommen könnte.
Popconnection: Noch mal zurück zu den Babyshambles: Wie kam es dazu, dass ihr die Jungs bei zwei Shows in Österreich supportet habt?
Rainer: Das war keine außergewöhnliche Geschichte. Wir, also um genau zu sein mein Bruder Thomas hat unseren Österreich Booker gefragt, ob wir die beiden Shows supporten können. Dieser hat dann das Management der Babyshambles kontaktiert, uns vorgestellt, die haben sich Atomic angehört, uns für gut und passend befunden und das war's eigentlich. Ich kann mir vorstellen, dass ihr jetzt etwas aufregenderes erwartet habt, haha!
Popconnection: Wie war's denn Backstage mit Pete Doherty? Gibt's da irgendwelche interessanten Geschichten zu erzählen? Und wie war euer Gig?
Rainer: Beide Gigs waren sehr erfolgreich und angenehm zu spielen. Wobei das Publikum in Graz schon bemerkenswert gut war. Backstage mit Pete? Er war echt total cool, ruhig, freundlich und ein wenig verplant, was ihn aber noch sympathischer machte als er eh schon war. In Wien hat er sich unseren Gig angeschaut und uns gelobt. Die interessanteste Geschichte Backstage war die, als er unsere CD "Wonderland Boulevard" geschenkt bekommen hatte und sich in das Cover Artwork verliebt hatte. Plötzlich kam er immer wieder zu uns zurückgelaufen und fragte, woher man solche Covers bekommt und ob er auch einen "Tokio Hard Blow" bekommen könnte. Das lies ihm wirklich keine Ruhe. Und wer solche Covers hat, muss auch etwas dabei haben, meinte er! Schaut euch das Album Cover genauer an, dann wisst ihr vielleicht was ich meine.
Popconnection: Ihr habt ja jetzt auch die Möglichkeit gehabt, durch eben Gigs mit den Babyshambles oder Sportfreunde Stiller in ausverkauften Hallen zu spielen. Eigentlich spielt ihr ja in kleinen gemütlichen Clubs. Ihr kennt also nun beides. Erstens: Wie fühlt es sich an in einer ausverkauften Halle zu spielen? Und zweitens: Was ist euch lieber? Sagt ihr: Wir haben jetzt Blut geleckt und wollen auf die großen Bühnen? Oder sind euch die Shows in kleinen intimen Clubs doch lieber? (Ich hab nämlich schon Musiker getroffen, die gesagt haben: Mich nerven die kleinen Shows an, da spiel ich lieber "nur" als Support aber vor einem großen Publikum)
Rainer: Solche Musiker kann ich nicht verstehen. Das ist respektlos und einfach nur zu bequem. Ebenso nur als Support wahrgenommen zu werden, macht ja auf Dauer auch keinen Spaß. Man will schon auch seine eigenen Konzerte spielen, wo man einfach die 100%ige Aufmerksamkeit bekommt und dann macht es auch nichts, wenn beispielsweise nur 50 Leute da sind, was uns glücklicherweise mittlerweile nur noch sehr selten passiert. Das macht aber desöfteren sogar mehr Spaß als ein dicker Support mit 1.500 Leuten. Aber ausverkaufte Support-Shows sind auch super. Die Shows mit Paul Weller, Babyshambles, Madsen oder den Sportfreunden waren spitze. Man fühlte sich wie der Hauptact in gewisserweise und das spricht auch für deren Publikum, welches uns immer sehr herzlich aufgenommen hatte. An dieser Stelle einen Riesendank an die Bands und deren Publikum, die uns alle super aufgenommen haben und viele davon jetzt auch unsere eigenen Konzerte besuchen. Ich kann sagen, uns macht beides Spaß. Die Abwechslung macht alles viel interessanter und aufregender. Ich kann noch soviel Blut lecken, aber auf Club Gigs würde ich niemals verzichten wollen.
Popconnection: Und zum Schluss noch: Was läuft momentan in deinem CD-Player?
Rainer: Duffy, The Last Shadow Puppets, Mark Ronson, The Kooks und Marvin Gaye.
Sonntag 6. April 2008, Mittags in einem Hotel am Münchener Hauptbahnhof. In einem Zimmer im 14. Stock könnte Matthew Murphy, Frontmann der Indie-Rock Formation The Wombats, den majestätischen Ausblick über die bayerische Hauptstadt genießen. Angesichts der stattlichen Liste mit Interviewterminen, die er mir zeigt, wird er dazu allerdings wenig Gelegenheit haben. Matthew sieht müde aus, ist aber dennoch gut aufgelegt und hat auch für Popconnection ein paar Minuten Zeit.
Popconnection: Wann warst du eigentlich das letzte Mal Zuhause in Liverpool? Ihr seid ja schon seit Ewigkeiten auf Tour...
Matthew: Ja eine Ewigkeit! Hmm, das letzte Mal in Liverpool, das muss so 6 Monate her sein...
Popconnection: Und in den kommenden Monaten geht's noch mal um die Welt. Auf eurer Seite stehen bis September so etwa 50 Gigs... Ist das zu schaffen, oder geht euch das ständige Tourleben euch langsam auf den Geist?
Matthew: Ja, wir sind schon wirklich sehr viel unterwegs. Die Konzerte entschädigen für die ganze Fahrerei. Die Gigs machen eigentlich immer Spaß. Nur das Drumherum - Soundcheck, straffer Zeitplan, von Termin zu Termin hetzen - das ist manchmal ziemlich nervig.
Popconnection: Ok, lass uns mal auf eure bisherige Karriere zurückblicken. Eure Geschichte unterscheidet sich ja doch ziemlich von anderen Bands. Ihr habt euch beim Liverpool Institute for Performing Arts kennen gelernt. Man könnte also sagen, ihr seid eine "gelernte Rockband", oder?
Matthew: Nein, das würde ich nicht sagen. Das LIPA hat für uns als Band nur die Bedeutung, dass ich dort Dan getroffen habe. Man lernt dort nicht wie man eine Band aufbaut oder wie man Songs schreibt. Alles in allem ist es eigentlich eine ziemlich dumme Institution.
Popconnection: Dann habt ihr eure erste CD nicht in Großbritannien veröffentlicht, sondern eigenartigerweise in Japan. Wie kam es dazu? Wart ihr damals dann auch in Japan auf Tour?
Matthew: Myspace! Dieses Japanische Label (Vinyl Junkie Recordings, Anm. d. Red.) schickte uns eine Nachricht. Sie sagten, ihnen gefällt unsere Musik und sie würden gerne in Japan etwas von uns veröffentlichen. Die Typen boten uns dann etwa 1000 £ an und wir haben alles in Eigenregie von England aus organisiert, auch die CDs haben wir selbst aufgenommen. Naja, es hat sich dann auch nicht so toll verkauft. Ich glaube, dass deutlich mehr Leute in Großbritannien die Japan-Version unseres ersten Albums besitzen, als Japaner. Eine Japan-Tour gab es zu dieser Zeit auch noch nicht. Vor ein paar Wochen waren wir dort, aber im Rahmen unserer aktuellen Tour mit unserem eigentlichen Debütalbum, mit dieser frühen Veröffentlichung hatte das nichts zu tun.
Popconnection: Einige Zeit später hat es ja dann auch mit dem Plattenvertrag in Großbritannien geklappt. Und von da an ging es ja schnell sehr steil bergauf, und das nicht nur in eurer Heimat, sondern auch in ganz Europa und den USA...
Matthew: Ja in Großbritannien sind wir richtig durchgestartet, das war nicht ohne. Schon erstaunlich, auch wie schnell wir in anderen Ländern Erfolg hatten. Aus den USA kommen wir gerade, dort fangen wir aber noch mal ganz von vorne an. Eigentlich kannte uns dort noch niemand. In Europa und auch Australien ist das anders, das ist schon alles sehr verrückt.
Popconnection: Jetzt seid ihr für ein paar Tage in Deutschland unterwegs und spielt in all den angesagten Clubs der Republik. Die München-Show im Atomic Cafe war nach wenigen Wochen ausverkauft, ihr hättet bestimmt auch eine große Halle voll bekommen. Was ist euch lieber, Clubshow oder eine große Bühne?
Matthew: Nun, eigentlich mögen wir beides. Die kleinen Clubshows sind natürlich viel intimer, ich glaube vor allem das Publikum hat mehr Spaß, wenn es näher an der Band dran ist. Und auch für uns ist es dann leichter, die Atmosphäre aufzunehmen und einen Zugang zu den Leuten vor der Bühne zu finden, mit ihnen zu reden und Spaß zu haben. Auf großen Bühnen zu spielen ist auch klasse, aber ich kann mir im Moment nicht vorstellen, etwa im Wembley-Stadion eine Show zu geben.
Popconnection: Ihr spielt im Sommer ja auch auf einigen großen Festivals, das kommt dem Wembley-Stadion ja schon sehr nahe...
Matthew: Ja, das stimmt. Aber Festivals haben auch wieder eine andere, ganz besondere Atmosphäre. Die Faszination liegt, glaube ich, darin, zu sehen, wie eine riesige, kaum zu überblickende Menschenmenge zu deinen Liedern springt und klatscht. Wir sind unter anderem auf dem Glastonbury, und auch in Deutschland beim Hurricane/Southside, darauf freuen wir uns sehr.
Popconnection: Und was erwartet ihr euch vom heutigen Abend? Ihr seid ja nicht zum ersten Mal in München, wie hat es euch damals gefallen?
Matthew: Das erste Mal als wir in München gespielt haben, war das im Rahmen der "British Music Week", damals auch im Atomic Cafe. Aber das war irgendwie komisch, es waren kaum Leute da, und es hat uns nicht besonders gefallen. Aber ich bin mir ganz sicher, dass das heute Abend zehn mal besser wird, sicher nicht zu vergleichen mit unserem ersten Atomic-Gig. Wir werden eine Menge Spaß haben!
Popconnection: Spaß ist ein gutes Stichwort. Eure Texte sind ziemlich melancholisch, manchmal auch traurig, das passt eigentlich gar nicht zu eurem Sound. Auch der Bandname lässt vermuten, dass ihr euch selbst nicht so ernst nehmt. Wieso steckt also soviel Schwermut in den Texten, die du schreibst?
Matthew: Das täuscht wohl, ich bin ein ziemlich melancholischer, und irgendwie auch ein recht unglücklicher Typ. Die Texte reflektieren meine ganz persönliche Gefühlswelt und entsprechen meinem Charakter. Unsere Musik hingegen entsteht, wenn wir alle zusammen sitzen, Spaß haben und gemeinsam an neuen Songs feilen. So kommt es zu diesem Stimmungs-Unterschied. Meine Texte sind im Großen und Ganzen "Geschichten aus dem wahren Leben". Songs zu schreiben ist im Prinzip meine ganz persönliche Form der Therapie. Unser ganzes Album könnte man als Tagebuch meines Lebens seit meinem 18. Geburtstag sehen. Ich habe in den vergangenen Jahren einiges erlebt, und vieles davon habe ich in den Songs verarbeitet. Der Albumtitel (A Guide to Love, Loss & Desperation, Anm. d. Red.) ist damit die folgerichtige Überschrift über den Songtexten.
Popconnection: Wobei My first Wedding hoffentlich keine wahre Geschichte aus deinem Leben erzählt, oder?
Matthew: (lacht) Ohja, stimmt, das ist wirklich einer der wenigen Songs, die auf keiner wahren Begebenheit basieren. Das macht die Geschichte, die der Song erzählt, ziemlich lustig. Erlebt haben möchte ich sie nicht. Achja, du hast nach dem Bandnamen gefragt. Wie du sicher schon vermutest war da reichlich Alkohol im Spiel. An einem Abend haben wir uns ziemlich betrunken und dann richtig dumme Songs über Koalas, Wombats und Ziegen geschrieben. Am nächsten Morgen hießen wir dann "The Wombats". Eigentlich hatten wir immer vor, uns noch einen sinnvolleren Namen zu geben, aber dazu kam es nicht mehr. Wir mögen ihn mittlerweile auch sehr. Er erinnert uns permanent daran, dass wir im Leben nicht alles so furchtbar ernst nehmen sollten.
Popconnection: Gut, wir haben schon davon gesprochen, dass ihr ein sehr krasses Tourprogramm habt. Ich sehe, auf dem Bett liegt die Gitarre bereit, kommst du denn dazu, neue Sachen zu schreiben?
Matthew: Nicht wirklich. Auf dieser Tour haben wir einen neuen Song im Programm, der vor kurzen entstanden ist, als wir mal wieder zwei, drei Wochen Tourpause hatten. Auf Tour schreibe ich ungern Songs, ich möchte in meinen Texten Geschichten des täglichen Lebens erzählen. Tourleben hat damit nicht viel gemein. Auf Tour führen wir ein ziemlich eigenartiges, verrücktes Leben.
Popconnection: Mal ehrlich, wenn du so vom Tourleben erzählst, wirkst du beinahe verbittert. Vermisst du das "gewöhnliche Leben", von dem du gerade erzählt hast, ziemlich?
Matthew: Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen und zu spielen. Im Großen und Ganzen macht das Tourleben Spaß. Ich will nicht klagen. Aber es ist schon hart auf Dauer. Ich vermisse meine Freundin… Sie fehlt mir wirklich sehr! Ohne feste Freundin, die in London sitzt, wäre das ganze sicherlich einfacher, vielleicht wäre ich dann auch glücklich, wenn ich bis zum Ende meines Lebens auf Tour gehen würde... Bald kommt sie zu ein paar Shows nach Italien, aber sie ist auch ziemlich zugedeckt mit Arbeit und kann nicht oft für ein paar Tage am Stück verreisen.
Popconnection: Nochmal zurück zu eurer Musik. Wie viele eurer Fans können wohl etwas mit Joy Division anfangen, was denkst du?
Matthew: Ohja, ich weiß was du meinst, das ist schon verrückt. Zu Let's dance to Joy Division geht das Publikum bei uns ab, und alle singen lauthals mit. Joy Division und Love Will Tear Us Apart kennen aber wohl nur die wenigsten. Aber in dem Song geht's ja auch nicht direkt um Joy Division.
Popconnection: Vielen Dank, dass du trotz deiner Abneigung gegen das von Terminen bestimmte Tourleben Zeit für das Interview hattest.
Matthew: Oh sehr gerne, es war sehr nett! Sehn wir dich heute Abend?
Popconnection: Aber natürlich. Viel Spaß heute Abend, ich bin mir sicher, dieses mal werdet ihr Spaß haben im Atomic Cafe.
Wenn man über die Indie-Pop-Szene Deutschlands sinniert, stolpert man früher oder später unweigerlich über einen Namen: Slut! Mit nunmehr dreizehn Jahren Bandgeschichte gehören die Ingolstädter beinah zum Urgestein der hiesigen Musiklandschaft. 2006 schlägt das Quintett einen ganz anderen Weg ein: Für das Ingolstädter Theater interpretieren Slut insgesamt dreizehn Stücke der Brechtschen Dreigroschenoper, von denen nach juristischen Auseinandersetzungen ums Urheberrecht mit den Weill-Erben letztendlich fünf Stücke veröffentlicht werden. Nun melden sich Slut mit ihrem aktuellen Lonplayer Still No.1 sowie zahlreichen Live-Dates zurück.
Popconnection hat sich mit René Arbeithuber (Keyboard/Vocals) und Gerd Rosenacker (Bass) vor dem Konzert im Frankfurter Mousonturm zu einem lauschigen Videointerview getroffen.
Die Eight Legs, aufstrebende Nachwuchs-Punkrocker aus der Shakespeare-Stadt Stratford-upon-Avon, sorgten im vergangenen Jahr bereits in England für Aufsehen. Schließlich durften sie im vergangenen Winter für eine Dior-Modekollektion den Soundtrack liefern, als sie noch nicht einmal einen Plattenvertrag in der Tasche hatten. Vergangene Woche waren die vier blutjungen Briten in Österreich und Deutschland unterwegs, um auch dem hiesigen Indievolk ihr Debütalbum Searching For The Simple Life näher zu bringen. Vor dem Gig im Münchner Atomic Cafe trafen wir Bassist Adam zu einem Interview.
popconnection: Ich habe gehört, ihr habt ein paar ereignisreiche, anstrengende Tage hinter euch – angeblich wurde euch in Innsbruck eine Gitarre geklaut, außerdem sollt ihr mit dem Bus liegen geblieben sein.
Adam: Oh ja, es war wirklich ein Alptraum. In Innsbruck haben wir uns ziemlich betrunken und nach dem Auftritt ließen wir unsere Gitarren einfach achtlos am Bühnenrand stehen. Einige Zeit später war eine verschwunden. Wir haben sie natürlich bis heute nicht wieder bekommen. Und als ob das nicht genug wäre mussten wir am nächsten Morgen vor der Weiterfahrt nach Wien erst einmal in eine Werkstatt. Der Motor unseres Busses hat keinen Ton mehr von sich gegeben. Es war aber zum Glück halb so wild und hat uns nur etwa eine halbe Stunde aufgehalten.
popconnection: Davon einmal abgesehen, wie seid ihr mit dem Tourstart in Österreich zufrieden? Und was erwartet ihr von eurer Deutschland- bzw. Europatour?
Adam: Es war wirklich klasse! Zwei gute Shows, tolles Publikum, ein voller Erfolg für uns. In Wien hatten wir ja auch noch einen day off, wir haben einige Freunde getroffen und hatten wirklich Spaß. Ab heute sind wir für etwa eine Woche in Deutschland. Nicht zum ersten Mal, und wir mögen es wirklich sehr. Später geht's dann noch nach Moskau, Paris und Mailand. Die nächste Zeit wird also sicher nicht langweilig
popconnection: Mit London, Paris und Milan stehen ja auch einige Modemetropolen auf dem Tourkalender…
Adam: Ja das stimmt, außerdem leben wir ja mittlerweile in London. Aber, wir bereisen alle diese Städte nicht wirklich wegen Mode.
popconnection: Seit ihr vor eineinhalb Jahren für Hedi Slimane und Dior Homme den Soundtrack für eine Kollektion geschrieben habt, geltet ihr ja als "Mode-Band". Nervt euch das mittlerweile oder findet ihr das in Ordnung?
Adam: Das stimmt, ja. Diese ganze Hedi Slimane Sache hat uns natürlich als Band verdammt viel gebracht, so viel Aufsehen hätten wir wohl sonst nicht erregen können. Außerdem hat es uns einige Türen geöffnet. Und es hat natürlich auch eine Menge Spaß gemacht! Aber wir versuchen schon, endlich dieses Image abzulegen.
popconnection: Hattet ihr euch davor auch schon für Mode interessiert? Wusstet ihr überhaupt, wer Hedi Slimane ist?
Adam: Nein, wir hatten den Namen noch nie in unserem Leben gehört. Wir hatten auch keine Ahnung von der Modeszene an sich. Und sonst, Röhrenjeans haben wir auch schon vor der Dior Sache getragen. Eben diesen typischen "Indie-Kid"-Style. Natürlich hat uns die Zusammenarbeit mit Dior die Augen geöffnet für Mode. Aber, wirklich verändert hat es unsere eigene Mode nicht. Wir wollen auch ganz nicht einfach diesen Dior-Style Kopieren.
popconnection: Wart ihr im vergangenen Jahr noch öfter im Auftrag von Dior oder anderen Designern in der Modewelt unterwegs? Habt ihr noch Kontakt zu Hedi Slimane?
Adam: Wir haben bei einer Modenschau in Brasilien gespielt. Natürlich auch eine unglaubliche Erfahrung. Aber darüber hinaus eigentlich nicht. Wirklich regelmäßigen Kontakt haben wir nicht mehr zu Hedi Slimane, im Sommer haben wir ihn in Spanien auf einem Festival zufällig getroffen. Aber ich denke, er verfolgt unseren weiteren Weg als Band, er interessiert sich sehr für unsere Musik. Wie gesagt, wir sind wirklich dankbar dafür, dass wir diese einmalige Gelegenheit hatten, und auf die Zusammenarbeit mit Hedi Slimane sind wir wirklich sehr stolz! Aber wir müssen versuchen, dieses "Fashion-Band"-Image loszuwerden. Wir wollen uns davon wegbewegen. In einer Rockband zu spielen, bedeutet nicht, das ganze Jahr auf Modenschauen zu laufen. Wir wollen uns als Band ein eigenes Profil zulegen.
popconnection: Du hast gerade davon gesprochen, dass ihr mittlerweile alle in London lebt. Habt ihr denn noch Kontakt zu euren alten Freunden in Stratford-upon-Avon? Schließlich seid ihr auch alle schon seit Jahren befreundet, nicht wahr?
Adam: Ja! Ich meine, manche Freundschaften kommen und gehen, und manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass man ein paar Freunde aus den Augen verliert. Ein Großteil unserer besten Freunde lebt aber mittlerweile auch in London, weil sie zur Universität gehen. Das macht es natürlich einfacher, in Kontakt zu bleiben. Wir vier kennen uns schon seit der Schule, eigentlich von Kindesbeinen an. Auch unsere Band gibt es nun schon sechs oder sieben Jahre. Wir leben in London alle zusammen, sind zusammen auf Tour, uns bringt so schnell nichts auseinander.
popconnection: Die ersten Jahre wart ihr aber als "The Superheroes" unterwegs, oder?
Adam: Das stimmt. Leider gab es in Dänemark schon vor uns eine Band namens "The Superheroes". Deshalb mussten wir uns irgendwann leider einen anderen Namen suchen. Das ganze musste ziemlich schnell gehen und wir hatten bereits einen Song mit dem Titel "Eight Legs", wir waren uns gleich einig und haben uns kurzerhand nach unserem eigenen Song benannt. Den Song gab‘s also vor dem Bandnamen, natürlich denken immer alle, es wäre umgekehrt gewesen.
popconnection: Euer Debütalbum "Searching For The Simple Life" erschien Ende Februar nun auch endlich in Deutschland. Wie zufrieden seid ihr bisher mit dem Verkaufsstart?
Adam: Nun, wir haben noch nicht allzu viel Feedback bekommen. Richtig eingeschlagen hat es sicher nicht, aber dafür sind wir ja jetzt hier auf Tour, um das Album zu promoten. Und in Österreich haben wir erfreut festgestellt, dass doch einige unsere Texte mitsingen konnten, zumindest bei den Singles.
popconnection: Einer eurer bekanntesten Songs ist zweifelsohne "These Grey Days", der Song, den ihr für die Dior-Show verwendet hattet. Wie schafft man es, aus einem zwei Minuten Song eine 15-Minütige, modenschautaugliche Version zu basteln?
Adam: Oh das war echt harte Arbeit, aber auch eine tolle Erfahrung und es hat uns besser gemacht. Der Song ist über vier Jahre alt und war ursprünglich als zwei Minuten Version konzipiert. Vor ein paar Monaten haben wir ihn schließlich als Single veröffentlicht und durften noch einmal damit arbeiten. Das Ergebnis war wieder eine kurze, singletaugliche Version des Songs.
popconnection: Ihr seht alle ziemlich geschafft aus! Könnt ihr euch nicht so recht mit dem Leben auf Tour anfreunden oder genießt ihr es, unterwegs zu sein? Schließlich werdet ihr noch für einige Zeit unterwegs sein.
Sam:(der mittlerweile dazu gekommen ist und wirklich sehr müde aussieht) Oh ja! Du musst mich entschuldigen, ich bin wirklich hundemüde! Adam: Aber das Leben auf Tour ist natürlich trotzdem klasse! Wir lieben es! Jeden Abend einen Kühlschrank voller Alkohol, einen Tisch voll mit Essen (zeigt auf das nicht zu verachtende Catering des "Atomic Cafe"), und außerdem trifft man jeden Tag neue Leute, die alle Musik genau so sehr wie wir lieben. Wir werden wirklich die nächsten Monate viel unterwegs sein, in ganz Europa. Unsere aktuelle Tour, und dann auch einige Festivals im Sommer. Zum Beispiel auch das "Frequency" in Österreich, und "Hurricane" sowie "Southside" in Deutschland. Hoffentlich kommen noch ein paar dazu!
popconnection: Bei der Fülle an Bands, die jeden Monat als "Next Big Thing" gehandelt werden, ist es leicht, in der Masse unterzugehen und außerordentlich schwer, sich wirklich durchzusetzen. Wie sehr ihr eure eigenen Chancen?
Adam: Ja es ist echt unglaublich, wie viele Bands im Moment in Großbritannien gepushed werden. Die Radiostationen spielen selbst die größte Scheiße rauf und runter. Es ist toll, in England zu leben, und es gibt wirklich eine Menge guter Bands. Aber im Moment kommen selbst Bands, die absolut scheiße sind, in den Focus der Öffentlichkeit. Wir wollen unseren eigenen Weg gehen und uns davon nicht beirren lassen. Wir lieben es, diese kleinen Clubshows zu spielen, und hoffen natürlich, dass die Besucher uns mögen und unsere Platten kaufen. Es war nie unser Ziel, mit dem Debütalbum gleich eine große Nummer zu werden. Ich meine, was hat man dann noch für eine Perspektive? Wir steigern uns lieber kontinuierlich, immer ein Stück mehr.
popconnection: Bleibt denn bei der ganzen Fahrerei auch noch Zeit, an neuen Sachen zu arbeiten?
Adam: Wir haben tatsächlich schon wieder einiges in der Hinterhand. Aber natürlich hatten wir noch nicht wirklich Zeit, uns zusammenzusetzen und wirklich ernsthaft an einem neuen Album zu arbeiten. Im Moment steht für uns unser aktuelles Album im Vordergrund, wir finden, es ist wirklich klasse!
popconnection: Gibt es noch etwas, das ihr loswerden wollt? Was sollen die Leute in Deutschland von euch wissen?
Adam: Sag ihnen, dass wir Spaß haben wollen! (Zwischenruf: Nein, erzähl ihnen, dass wir von Grund auf böse sind!) Und natürlich, dass sie unsere Platte kaufen sollen! Wir wissen, dass sie richtig klasse ist, und die Deutschen werden das auch merken, wenn sie es sich anhören!
popconnection: Okay, das werde ich ihnen ausrichten. Vielen Dank, dass ihr trotz des engen Zeitplanes noch Zeit hattet!
Adam: Wir haben zu danken! Viel Spaß bei unserer Show heute Abend!
Wir schreiben den 8. Juli 2007. Vor dem Jabbez Clegg in Manchester steht eine kleine Ansammlung von Menschen und raucht. Gerade ist nämlich Umbaupause in dem kleinen Venue mitten in Manchester. "Gig 4 life" heißt die Veranstaltung, die heute läuft. Etwa 20 Newcomer-Bands spielen hier, für recht wenig Geld, und der Erlös geht an krebskranke Menschen. Ein Bisschen enttäuscht gucken die Leute drein, denn eigentlich sollten heute The Children als Headliner spielen. Die haben sich aber etwa zwei Wochen vorher aufgelöst. Und jetzt? Naja...der Sänger von The Children hat jetzt wohl eine neue Band, erfahre ich. Die heißt Twisted Wheel. Keine Ahnung, wie die so sind. Na da sind wir mal gespannt.
Ich lehne mich an die Bar, und harre der Dinge, die da kommen. Was dann kommt, sind drei Jungs Anfang 20. Sänger und Gitarrist Jonny Brown, Bassist Rick Lees und Drummer Adam Clarke kommen auf die Bühne. Der Blick von Jonny schweift durchs Publikum, und es hat was von Arroganz, oder "Ich zeig's euch allen" oder "Mir doch egal!" aber auch ein bisschen Lampenfieber kann man dahinter vermuten. Für etwa 30 Sekunden passiert erst mal nichts auf der Bühne, weil irgendwas mit dem Verstärker ist. Und dann bricht ein Inferno los. Die ersten 30 Sekunden verschlucke ich mich erst mal an meinem Getränk, muss mir dann überlegen, wie ich dieses "Gerähre" - anders kann man das nicht nennen - finden soll, beschließe dann, dass es absolut großartig ist, und komm langsam von meinem Schrecken runter. "She's A Weapon!" singt Jonny, und man hat tatsächlich das Gefühl, Jonny Brown hätte Sid Vicious aus dem Grab gelockt, ihm 50 Bier eingeflößt, und ihm seine Stimme geklaut. Danach könnte man meinen, er sei zu Happy Mondays-Sänger Shaun Ryder gegangen, und hätte bei ihm Gesangsunterricht genommen. Und so röhrt er "She's A Weapon" und "She Stole The Sun" hintereinander, und das mit einem Elan und Rock 'n' Roll-Move auf der Bühne gepaart, dass es einfach nur noch Spaß macht, mitzuhüpfen. Doch dann werden Gitarre und Bass ruhiger, und Jonny fängt tatsächlich an zu singen! WOW! Das kann er auch!!! Der hat echt Stimme! Klingt ein bisschen wie I am Kloot nur roher, verspielter. Allerdings muss ich beim Text schmunzeln: "Sheila, she's a dealer. Shaves her legs with a potatoe peeler!" ...Ähm...wie??? Ah okay! Ich gehe nach Hause, und habe andauernd diese Drogendealerin im Kopf, die mit einem Kartoffelschäler versucht, sich die Beine zu rasieren.
Dezember 2007. Ich treffe Twisted Wheel-Sänger Jonny Brown in der Bar eines Hotels in Manchester zu einem Interview.
popconnection: Wie habt ihr es eigentlich so schnell geschafft, so viele Songs zu schreiben. The Children hatten sich gerade aufgelöst, und ihr hattet schon fünf oder sechs Songs aufgenommen?
Jonny: Twisted Wheel gab's schon als The Children noch existierten. Mir war klar, dass beide zusammen nie erfolgreich werden würden. Es war nur logisch, dass eine sich auflösen musste.
popconnection: In Manchester gibt es so viele Bands. Wie habt ihr es geschafft, euch so eine große Fanbase zu schaffen. Ihr seid nun mal polarisierend, und trotzdem sind eure Gigs immer gut besucht, bis ausverkauft?
Jonny: In Manchester musst du anders sein, um Erfolg zu haben! Du musst polarisieren! Hier gibt es an jeder Straßenecke irgendeine Band, die meint, die nächsten Oasis oder Blur oder The Coral oder sonst wer zu sein. Es ist garantiert nicht immer einfach anders zu sein. Aber man probiert's halt.
popconnection: Deine Stimme macht dich aus, Jonny. Du kannst grölen wie im Fußballstation, und dann kannst du plötzlich so sanft singen, dass man denkt, ein Engel wäre vom Himmel gefallen. Wie spielst du damit?
Jonny: Ich versuche die sanften Lieder mit ziemlich fiesen Texten zu paaren, sonst bekommt man noch einen falschen Eindruck von mir!
popconnection: Nee, keine Angst! Deine Fantasie hat mir das schon klargemacht, dass du...na ja...1. nicht unschuldig, und 2....na ja...eben eine sehr große Vorstellungskraft hast. Ich meine, jetzt erklär mir doch mal bitte, wie man sich mit einem Kartoffelschäler die Beine rasieren soll. Hast Du das mal ausprobiert?
Jonny: (lacht) Nee! Nur vorgestellt hab ich's mir! Ich dachte...wie lang das wohl dauert, wenn man das macht!
popconnection: Oh Mann! Eine halbe Stunde in deinem Kopf wäre ich gern!
Jonny: Nee! Ich glaub, das willst du nicht!
popconnection: Aber Du erfindest auch neue Satzkreationen. In "Snakes And Ladders" sagst du nicht einfach "Fuck off" oder "Get lost". Bei dir heißt es dann "Slither home"!
Jonny: Naja. Ich denke manchmal kann man Leute beleidigen, ohne sie wirklich zu beleidigen. Aber es trifft besser! Ich meine, jeder sagt "Piss off!" Aber die Vorstellung, dass du eine räudige Schlange bist, auf die man herabguckt, und sagt: "Schlängel dich nach Hause! Kriech weg!" das trifft viel mehr, und ist trotzdem diplomatisch. Ich finde es eigentlich ziemlich unkreativ und langweilig, einfach nur über irgendwas abzulästern und zu schimpfen. Ich muss nicht irgendeine richtig große politische Botschaft haben. Aber egal, wie klein und nichtig meine Botschaft ist, sie sollte wenigstens gut ausgedrückt werden.
popconnection: Findest du die Texte deiner Zeitgenossen langweilig?
Jonny: Manchmal. Ich meine, guck dir Kate Nash an. "Ich hatte ein Sandwich, und dann bin ich shoppen gegangen", oder so was singt sie. Was soll das? Ich meine, so was muss es auch geben, aber wenn es nur so was gibt, verrottet unsere Sprache. Ich kann ja über normale Begebenheiten aus dem Leben sprechen, aber dass kann ich doch auch etwas poetischer machen, oder?
popconnection: Ok, ich fasse zusammen! Politisch schimpfen ist toll!
Jonny: Jawohl! Wenn du willst, geb ich dir meine facebook-Adresse, und du kannst mich jeden Tag beschimpfen, damit ich mir dann immer was Nettes überlegen kann, um zurückzuschimpfen.
popconnection: Warum guckst du eigentlich immer so hart, wenn du auf der Bühne stehst?
Jonny: Das ist Lampenfieber. Ich denk mir dann: Ihr Arschlöcher! Selbst wenn ihr mich hasst, ich zeig's euch, dass ich's draufhabe.
popconnection: Und wie sieht's aus mit einem Plattenvertrag?
Jonny: Wir haben acht Angebote. Davon vier von Majors. Wir haben uns noch nicht entschieden, welches Angebot wir annehmen.
popconnection: ACHT!!!
Jonny: (grinst) Glaubst du nicht?
popconnection: ...weiß nicht!
Jonny: Okay... es sind sieben! Aber jetzt ernst!
(Nach Angaben des Managements waren es tatsächlich sieben!)
Januar 2008: Twisted Wheel unterschreiben bei SonyBMG Columbia. Nächste Woche gehen sie nach London ins Studio, um ihre erste Single aufzunehmen. Man möge gespannt sein. Sie soll zumindest in UK im April/Mai erscheinen. Das Album soll dann im September veröffentlicht werden.
Berlin – das Maschinenhaus in der Kulturbrauerei, Dezember, nur wenige Stunden bevor Charlotte Hatherley mit ihren zwei Kolleginnen die Bühne betreten und einige ihrer Songs im Unplugged-Gewand darbieten wird. Ich habe die Ehre, die Ex-Ash-Gitarristin und ihre Mitstreiterinnen Jen Fuse und Charley Stone beim Soundcheck beobachten zu dürfen. Alle drei Damen sind mit Gitarre und Mikrofon ausgestattet. Sehr ausgewogen, recht perfekt klingt das Ganze.
Doch ist von Hatherley aufgrund ihrer 9-jährigen Erfahrung mit Ash und weiteren hochkarätigen Verpflichtungen (u.a. als Gitarristin für Bryan Ferry) wohl kaum ein niedrigeres Niveau zu erwarten. Überraschend hingegen für jemanden, der Hatherley zum ersten Mal in natura sieht und zuvor nur akustisch kannte, ist der Gegensatz zwischen der Leichtigkeit, Lebendigkeit und Mädchenhaftigkeit ihrer Musik einerseits und ihrer ruhigen, ernsten, bodenständigen Aura andererseits. Groß und äußerst attraktiv ist sie zudem, doch das sei (mit einem Augenzwinkern) nur am Rande erwähnt.
Entsprechend nervös bin ich, als sich Miss Hatherley backstage neben mir auf dem Sofa platziert, um sich dem Interview zu stellen. Dank eiserner Disziplin seitens des Interviewers und angenehmer Höflichkeit und Eloquenz seitens Hatherleys entstand dann aber doch ein durchaus interessantes Interview.
popconnection: Wie würdest du die Musik von Charlotte Hatherley beschreiben?
Charlotte Hatherley: Ich denke, ich bin stark beeinflusst von Pop-Punk-Bands wie XTC oder den Talking Heads. Meine große Vorliebe für David Bowie und generell für Musiker, die etwas komplexeren Gitarrenpop machen, ist ebenfalls erkennbar. So inspirieren mich auch Math-Rock-Bands wie die Cardiacs. Im Prinzip mache ich also "vermeintlich komplizierte" Popmusik. (lächelt)
popconnection: Könntest du uns etwas über die Themen deiner Songs erzählen?
C.H.: Nun, mein aktuelles Album schrieb ich nachdem ich Ash – die Band, in der ich 9 Jahre lang war – verlassen hatte. Ich trat der Band bei als ich 18 war und verließ die Band mit 27. Das Album enthält Fragen darüber, in welche Richtung ich mich entwickeln soll. Es spiegelt ein Gefühl des Verlorenseins und der Verwirrtheit wider, andererseits jedoch auch, wie gespannt ich darauf bin, wie sich die Dinge entwickeln werden.
popconnection: Hast du denn jemals erwogen, dem Musikbusiness den Rücken zu kehren?
C.H.: Ja, nachdem ich Ash verlassen hatte, kam mir dieser Gedanke, da ich nicht wirklich wusste, was ich tun sollte. Ich hatte wohl noch nie etwas anderes gemacht als in einer Band zu sein. Ich zog nach meinem Ausstieg bei Ash also durchaus in Betracht, mich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen, stellte dann aber fest, dass ich eigentlich gar nichts anderes tun möchte als Musik zu machen. Ich gab mir selbst auch gar nicht wirklich die Chance, mir länger darüber Gedanken zu machen und depressiv zu werden, da ich mich kurz nach meinem Ausstieg schon in die Arbeit für mein aktuelles Soloalbum stürzte. (lacht)
popconnection: Auf welche Weise bist du Musikerin geworden?
C.H.: Ich habe zwei ältere Schwestern, die beide Musikerinnen sind. Sie hatten musikalisch großen Einfluss auf mich und durch sie lernte ich das Gitarrespielen. Schon als Kind hatte ich außerdem Klavierunterricht. Es gab schon immer Musik in meiner Familie. Mit 15 hatte ich das Glück, Mitglied einer Band zu werden, mit der ich in ganz London spielen konnte. Durch diese Band wurde ja auch Ash auf mich aufmerksam, wodurch ich schließlich Gitarristin von Ash wurde.
popconnection: Ich las in einem Interview mit dir, dass die Frontfrau der Band, in der du warst, bevor du bei Ash Mitglied wurdest, dir beibrachte, "wie man ein Rock-Star wird".
C.H.: Ja, sie und die anderen in der Band waren wesentlich älter als ich und hatten natürlich mehr Erfahrung. Sie war zuvor schon in vielen Bands und schien zu wissen, wovon sie spricht. (lacht) Ich war besessen von David Bowie und Brit Pop war groß zu der Zeit. Ich hörte also viel Blur, Oasis, Elastica und David Bowie zu der Zeit. Sie gab mir eine CD mit Metallica, PJ Harvey, den Pixies, My Bloody Valentine u.a. Das hat sich stark ausgewirkt auf meine Herangehensweise an Musik und machte mich auch zu einer besseren Gitarristin.
popconnection: Warum hast du dich dafür entschieden, diese Tour im Unplugged-Stil und ohne Schlagzeuger zu spielen?
C.H.: Ich hatte einige Monate dieses Jahres mit einer kompletten Band getourt und einige Akustik-Konzerte in London gegeben. Zunächst mochte ich das nicht allzu sehr, denn man fühlt sich durch die Intimität solcher Konzerte sehr entblößt. Doch je öfter ich es tat, desto mehr gewöhnte ich mich daran. Außerdem zwang es mich, disziplinierter zu werden. Denn bei den akustischen Bedingungen solcher Konzerte hört man Fehler wesentlich deutlicher, während Fehler bei Konzerten mit einer ganzen Band oft einfach im Krach verschwinden. Es erfordert auch Disziplin, meine Songs, die auf meinen Alben ja recht opulent arrangiert sind, so minimalistisch umzusetzen. Aber wir drei sind sehr gute Gitarristinnen und ich finde das, was wir machen, ist was wirklich Cooles und Spezielles.
popconnection: Wie hast du deine beiden Kolleginnen eigentlich kennen gelernt?
C.H.: Charley Stone kenne ich durch meine erste Band, von der ich vorhin erzählte. Sie ersetzte mich als ich bei Ash einstieg. Vermutlich war sie auch besser als ich. (lacht) Jen Fuse spielt in einer Band namens Stuffy And The Fuses. Durch ihren Drummer Stuffy, der in der Band von Graham Coxon spielt, lernte ich Stuffy And The Fuses kennen.
popconnection: Planst du, demnächst mal wieder mit einer kompletten Band aufzutreten?
C.H.: Ich weiß nicht, ich bin mir da zur Zeit sehr unsicher. Es touren momentan einfach so viele Rockbands. Da ist es schön, mal was Anderes, was Spezielleres zu sehen, was unsere Akustikshows auch wirklich sind. Außerdem kommt's auch darauf an, wie viel Geld du hast. (lacht) Denn als sich selbst finanzierender Solo-Künstler kann ich es mir nicht leisten, mit einer vollständigen Band das ganze Jahr zu touren. Als Trio hingegen ist es relativ einfach, auf größere Touren zu gehen. Ich bin ja Künstler meines eigenen Labels und zahle für alles selbst. Wenn ich wieder genug Geld besitze, um eine komplette Band einzusetzen, werde ich das tun.
popconnection: Wie kam es dazu, dass du dein eigenes Label gegründet hast?
C.H.: Ich gründete mein eigenes Label, um mein aktuelles Album zu veröffentlichen. Es war schwierig, aber letztendlich großartig. Denn alles steht nun schon bereit für mein nächstes Album, dass ich 2008 nach einer kurzen Pause angehen möchte.
popconnection: Was können wir außerdem von dir in näherer Zukunft erwarten?
C.H.: Hm, ich bin mir nicht ganz sicher... ich habe in letzter Zeit auch viel mit anderen Bands gespielt, was wirklich aufregend war und mich an seltsame, exotische Orte gebracht hat. Das werde ich wohl auch in nächster Zeit tun, doch Priorität hat mein nächstes Album. Luke Smith von der (nicht mehr existierenden, Anm. d. Red.) Band Clor wird es produzieren. Im Grunde soll es ein großes Pop-Album werden. Ich kann es kaum erwarten.
popconnection: Ich muss sagen, dass mir euer Soundcheck sehr sehr gut gefiel! Klang sehr rund und ausgewogen das Ganze.
C.H.: Vielen Dank! Zunächst waren es nur Jen und ich, später holten wir noch Charley ins Boot. Zu dritt klingt's wesentlich besser. Mit mehr als drei Musikern in diesem Akustik-Arrangement wäre der Sound wohl überladen. Charley, die im gleichen Raum sitzt und sich zurechtmacht, kommentiert mit mädchenhafter Stimme: Ich mag Dreier. (alle lachen) Ja, wir mögen nun mal Dreier!
popconnection: Damit wären eigentlich all meine Fragen beantwortet. Ich danke dir für das Interview!
Schweden rockt! Dies bewiesen Molotov Jive bei ihrem Tourauftakt im Münsteraner Amp. Bereits im Mai hatten Anton Annersand (Vocals, Gitarre), Anders Wenneberg (Bass), Oskar Olofsson (Gitarre) und Johan Hansson (Schlagzeug) die Amp-Bühne gerockt und kehrten nun pünktlich zur Veröffentlichung ihres Debütalbums When It's Over I'll Come Back Again hier in Deutschland (VÖ: 26.10.) wieder zurück. Wir haben die Jungs aus Karlstad kurz vor der Show im Backstage-Raum des Clubs zum Interview getroffen.
popconnection: Ihr seid zum zweiten Mal hier in Münster. Im Mai habt Ihr auch schon mal hier im Amp gespielt. Welche Erinnerungen habt Ihr an diesen Gig?
Anders: Wir haben eine Menge Erinnerungen daran. Es war eine großartige Show! Es waren mehr Leute da, als wir gedacht haben.
Anton: Es war sehr aufregend! Als wir von dem Restaurant zurückkamen, wo wir zu Abend gegessen hatten, stand eine ganze Reihe von Leuten draußen, die in der Schlange standen und warteten. Das war für uns sehr aufregend. Genauso, wie zu sehen, dass wir unser eigenes Publikum in Deutschland gefunden haben und dass wir so eine große Menge hier her locken können. Das war großartig.
popconnection: Ihr seid mit Sugarplum Fairy auf Tour gewesen und dankt Victor Norén auch in Eurer CD. Welche Beziehung habt Ihr zu Sugarplum Fairy bzw. zu den Norén-Brüdern?
Anton: Victor und ich sind die besten Freunde seit wir 13 sind. Wir kennen uns alle sehr gut und wir haben schon zusammen gespielt, als wir noch ungesignte Demo-Bands waren. Wir sind seit langer Zeit Freunde, aber wir stehen auch in Konkurrenz zueinander. Wir mögen Sugarplum Fairy, aber ich möchte auch nicht in jedem Interview über sie sprechen. Eine Menge Leute fragen immer danach.
popconnection: Ihr habt hier in Deutschland eine sehr große Fanbase. Wie sieht's denn in Eurer Heimat aus? Seid Ihr in Schweden bekannter als hier, ist Euer Bekanntheitsgrad gleich oder ist es eher der umgekehrte Fall, dass Euch in Deutschland mehr Leute kennen, als zu Hause?
Anton: Ich würde sagen, dass es zur Zeit in beiden Länder ähnlich ist. Aber das mit Deutschland ging so schnell. Wir haben im Februar in Hamburg unser allererstes Deutschlandkonzert gespielt und dann wuchs die Fanbase durch das Internet und Plattformen wie MySpace oder diverse Musik-Foren rapide an. Die Fans haben uns also quasi populär gemacht. Das ist sehr cool. Es geht hier um die Macht der Fans, nicht um die eines Plattenlabels oder die der Musikindustrie. Wir hatten hier ein Publikum, bevor wir die Platte veröffentlicht hatten. Wir haben das Album letzten Freitag herausgebracht und wir haben bereits jetzt ein fantastisches Publikum, das durch die Fans gebildet wurde. Und das ist sehr cool! Unsere Plattenfirma und unser A&R beschweren sich immer darüber, dass die Musikindustrie den Bach runter geht. Ich sehe es eher so, dass nun die Konsumenten die Macht haben, eine Band groß zu machen, anstelle der Anbieter.
popconnection: Mir ist aufgefallen, dass in erster Linie Mädchen zu Euren Konzerten kommen. Könnt Ihr Euch erklären, warum gerade die Mädels eher auf Eure Musik abfahren, als Jungs? Ich mein, Ihr macht Rock 'n' Roll und das ist eigentlich eher eine Männerdomäne...
Anton: Ich glaube, Mädchen sind eher drauf aus, neue Bands zu finden, sie halten eher nach neuen Acts Ausschau...
Anders: ...während Jungs eher selber eine Band gründen.
Anton: Wenn sich ein Typ und ein Mädel ein und dasselbe Konzert anschauen, dann denkt sich der Typ "Scheiße, das will ich auch machen", geht nach Hause und gründet eine Band. Das Mädchen dagegen denkt sich "Wow! Ich liebe diese Jungs!" und es wird wahrscheinlich keine Band gründen, weil es die Band auf der Bühne nicht so als Vorbilder wahrnimmt oder als Anstoß für die eigene Kreativität. Ich denke, Mädchen verlieben sich eher in eine Band, als Jungs. Es könnte auch mit Homophobie zu tun haben. Jungs wollen keine Fotos von Typen in ihren Schließfächern an der Schule haben, weil die anderen dann auf ihnen herumhacken würden.
popconnection: Die Presse schreibt oft über Euch, dass Ihr so niedlich seid und so gut ausseht. Was haltet Ihr davon? Stört es Euch, wenn Ihr ständig auf Eure Optik reduziert werdet anstatt auf Eure Musik?
Anders: Natürlich möchten wir, dass die Leute über unsere Musik schreiben. Das ist das Wichtigste! Darauf konzentrieren wir uns: Auf die Musik!
Anton: Wenn wir nur auf unser Aussehen reduziert würden, wäre das sehr enttäuschend. Wie vielen anderen Schwedischen Bands machen auch wir uns Gedanken um unseren Style und unser Image auf der Bühne. Es geht aber nicht nur um physische Sachen. Du möchtest, dass eine Band dich visuell und soundtechnisch anspricht. Als wir jung waren und uns Livebands angeschaut haben, wollten wir auch so cool aussehen. Wir mögen z.B. die Strokes nicht nur, weil sie tolle Songs schreiben, sondern weil sie auch verdammt cool aussehen, wenn sie diese Tracks live spielen. Sie haben ihren eigenen Style. Wenn du dich auf eine Bühne stellst, dann solltest du dir Gedanken über deinen Style und die damit verbundenen Assoziationen machen, ich denke das ist wichtig. Aber die Optik sollte nie über der Musik stehen.
popconnection: In den Medien werdet Ihr teilweise als Mando Diao- oder Sugarplum Fairy-Klone bezeichnet. Wie geht Ihr damit um?
Anton: Wir haben immer schon so geklungen und ausgesehen, lange bevor Mando Diao überhaupt etwas in Schweden veröffentlicht hatten. Beziehungsweise, wir gründeten die Band, als sie gerade mal ihre erste Release hatten. Uns gab es schon, als das alles anfing, lange bevor diese Musik in Schweden populär wurde. Es liegt einfach daran, dass die Medien die Sachverhalte simplifizieren. Es ist sehr einfach zu sagen, dass Molotov Jive junge stylische Herren sind, die Rock 'n' Roll mit Popmelodien machen. Sie wollen uns in eine Kategorie stecken, die oftmals viel zu klein ist für das, was wir wirklich machen. Aber ich glaube, dass jede Band dieses Problem hat.
popconnection: Wie nehmt Ihr eigentlich diesen ganzen Schweden-Hype wahr? Hier in Deutschland wird im Moment eine Menge Gewese um Bands gemacht, die aus Schweden kommen. Wie groß ist denn dieser Hype bei Euch zu Hause?
Anders: Eine Menge Bands, die hier sehr populär sind, sind in Schweden eher unbekannt.
Anton: Ich erinnere mich daran, dass die Shout Out Louds eine EP in Schweden veröffentlicht hatten und sie waren überhaupt nicht bekannt. Die haben in den kleinsten Clubs gespielt. Und auf einmal hat man gelesen, dass sie in Amerika und Deutschland super-populär waren. Ich weiß auch noch, wie das war, als Mando Diao damals die "Hurricane Bar" veröffentlichten und in Schweden auf Tour waren. Wir sind auf eines ihrer Konzerte gegangen, das sie in unserer Heimatstadt gespielt haben, vor vielleicht 30 Leuten oder so... inklusive uns, die auf der Gästeliste standen... (lacht) Und als die Jungs dann hier in Deutschland unterwegs waren, haben sie auf Festivals vor 20.000 Leuten gespielt. Es ist einfach so, dass die Schwedische Musikpresse stärker an der Glaub- oder Unglaubwürdigkeit einer Band interessiert ist, als an der Musik. Von daher schaffen es viele Bands wie die Hives oder so erst woanders. Sie werden groß in den UK und kommen dann zurück und werden hier populär. Ich denke, bei uns ist es ähnlich. Wir haben hier ein Publikum gefunden, dass sehr schnell gewachsen ist und in Schweden dauerte es eine Weile. Wir steigern unseren Bekanntheitsgrad in Schweden, ähnlich wie hier, aber hier geht es wesentlich schneller. Ich denke auch, dass die Leute hier in Deutschland eher auf Konzerte gehen, dass ein größeres Interesse an Live-Musik besteht, insbesondere an Rock 'n' Roll. In Schweden war der Rock 'n' Roll in den 60ern sehr in, aber es wird immer weniger und im Moment liegt der Fokus eher auf elektronischer Musik.
popconnection: Was mögt Ihr am Rock 'n' Roll und am Bandleben besonders und was hasst Ihr am meisten?
Anton: Als Songwriter möchte man Emotionen ausdrücken und an das Publikum weitergeben. Wenn jemand unsere Show sieht oder unsere Platte hört und etwas dabei empfindet, wenn er sich darin wieder finden und dabei einen Bezug zu seinem eigenen Leben herstellen kann, wenn er sich dabei glücklich oder traurig oder verrückt fühlt, dann haben wir unseren Job gut gemacht. Hmmmm... und was hassen wir am Musikmachen?
Anders: Sieben Stunden in einem Bus zu sitzen ist manchmal hart. Wenn man sich den Hintern aufreißt und ein Gig dann nicht gut läuft oder es die Leute nicht interessiert, was auf der Bühne passiert.
Johan: Das ganze Business rund um die Musikindustrie ist sehr langweilig. Das ist das Schlimmste! Wir wollen Alben aufnehmen, live spielen und so...
Anton: Und dann müssen wir Promotionpläne erstellen... wir wollen einfach nur die Platten machen und live spielen. Darum geht es uns, das ist das, was uns Spaß macht, dieser ganze Geschäftskram ist sehr langweilig. Wobei, es hat ja auch sein Gutes. Ich mein, wir sitzen hier und beschweren uns "Oh, das ist alles so langweilig", jetzt wo wir einen Vertrag unterschrieben haben... (lacht)
popconnection: Was sind eigentlich Eure musikalischen Vorbilder?
Johan: Die Beatles!
Anders: Dieser Britische Sound hat uns schon sehr beeinflusst.
Anton: Ich mag auch Bob Dylan und die frühen Bob Springsteen-Stücke. Wir hören völlig unterschiedliche Sachen: Anders hört eher moderne Amerikanische Rockmusik, Johnny steht auf Retro und 60s und Oskar hat das größte Musikspektrum des gesamten Universums! (lacht) Er hört so was wie Infected Mushroom, The Smiths und die Einstürzenden Neubauten. Wir sind alle Musikliebhaber. Und wir kommen immer wieder zum Britischen 60s Sound zurück. Ich hatte mal eine Phase, in der ich überhaupt nichts Aktuelles gehört habe. Das hat sich geändert, als ich mich mit Anders über die Arctic Monkeys unterhalten habe und fragte "Wer ist das?" Und Anders meinte, "Wir supporten die, du solltest sie dir also besser mal anhören!" (lacht)
popconnection: Habt Ihr bereits Pläne für ein zweites Album?
Anton: Ja, wir werden im Januar in Stockholm mit den Aufnahmen beginnen. Wir haben uns letzte Woche mit dem Produzenten getroffen. Tom Hakava, ein guter Freund der Shout Out Louds. Er hat auch ein sehr cooles Studio. Alles analog, völlig ohne Computer, keine Screens. Du nimmst alles dort noch auf diesen großen Tape-Rollen auf. Wir haben unsere beiden Bonus-Tracks für die Version der Deutschen CD dort aufgenommen. Da waren keine Computer, nur diese Rollen und er meinte "Los geht's! One, two, three, four..." und wir haben alles live eingespielt. Für uns als Live-Band war das eine tolle Erfahrung. Wir wollten diese Energie auch auf die CD packen. Lustig war es, als wir die Sachen mastern wollten. Wir kamen mit diesen riesigen Rollen zu unserer Plattenfirma und legten ihnen die Dinger auf den Tisch - die haben so was seit 15 Jahren nicht mehr gesehen! (lacht)
popconnection: Was erwartet Ihr vom heutigen Abend?
Anders: Ich bin sehr aufgeregt!
Johan: Ja, ich glaube es wird eine großartige Show!
Anton: Wir stehen schon ein bisschen unter Druck. Das ist das erste Konzert unserer Tour und das ist natürlich schon was anderes, als wenn man bereits eine Woche lang jeden Abend auf der Bühne gestanden hat. Dementsprechend sind wir ein wenig nervös. Es ist ein wichtiger Gig. Ich glaube es wird toll! Wir werden versuchen, die Leute mitzureißen.
popconnection: Dann wünsch ich Euch ganz viel Spaß gleich auf der Bühne und danke Euch allen für das Interview!
Seit gestern steht das Debüt der Sheffielder Band Reverend And The Makers in den Läden. Dahinter verbirgt sich Jon McClure, seines Zeichens Dichter und Musiker. Angeblich soll er einige Texte des Debütalbums der Arctic Monkeys mitgeschrieben haben, was er selbst vehement verneint. Doch er wird von sehr vielen Britischen Magazinen als der "Don" der Sheffielder Musikszene gefeiert. Nicht nur, weil seine erste Single Heavy Weight Champion Of The World direkt auf Platz 8 einstieg, sondern vor allem, weil er die Begabung hat, mit seinen Texten die Leute komplett in seinen Bann zu ziehen. Es geht um ganz normale Alltäglichkeiten, aber auch um eine politische Botschaft. Wir haben Jon zu einem Interview in einem Café in Köln getroffen.
popconnection: Das Lied "He Said He Loved Me", was hat das für eine Botschaft?
Jon: Dieses Lied handelt von was ganz alltäglichem. Nicht alles, was ich mache ist politisch. Einige der Songs sind einfach nur Popsongs. Aber ich versuche immer, eine Botschaft in meinen Texten rüberzubringen. In diesem Song geht es um ein Mädchen, dass sich auf einen dummen Typen eingelassen hat, als sie 15 war, und der hat sie geschwängert. Danach hat er sie einfach verlassen! Allein mit dem Kind! Es geht um die Ex-Freundin meines Bruders. Der ist das nämlich passiert. Es ist textlich so ein bisschen wie bei "Much Too Young" von den Specials. Ich rede gern über solche Songs, weil wenn irgend eine Leserin von irgendeiner Mädchenzeitschrift erfährt, was dieser Text bedeutet, und sich denkt: Neee, so will ich nicht enden! Dann ist das großartig, und bedeutet mir sehr viel mehr, als eine Millionen Platten zu verkaufen!
popconnection: Was ich an deiner Musik so mag, ist, dass sie für jeden zugänglich ist. Es geht um den Nachbarn von nebenan. Die Texte hätte jeder x-beliebige Typ aus Sheffield schreiben können, weil die Geschichten jedem passieren können.
Jon: Genau das ist es! Es sind Geschichten, die jedem passieren können. Deswegen tut's mir auch leid, dass ich nicht alle Sprachen sprechen kann! Deshalb will ich auch unbedingt deutsch lernen! Weil es mir genauso wichtig ist, meine Botschaft für Deutsche rüberzubringen, wie für Leute in England! In der Britischen Presse wurde ich neulich kritisiert. Die meinten, meine Texte seien zu einfach. Sie seien nicht kompliziert genug. Und ich dachte nur: Klar! Sie sollen auch einfach sein! Schließlich sind die für normale Menschen gedacht, und nicht für irgendwelche Intellektuellen! Ich hab nicht vor, über Demographie oder soziale Konditionierung oder so einen Blödsinn zu reden! Ich kann darüber reden, wenn ich das will, aber warum? Ja, meine Botschaft ist ganz einfach. Sie ist für ganz normale Leute. Wenn ich über soziale Konditionierung und Nietzsche rede, bringt das niemandem was! Meine Helden sind Leute wie Marley und Lennon und Joe Stummer. die haben nämlich auch Musik für ganz einfache Leute gemacht! Aber Hey...Man sagt mir ja auch nach, dass ich ein Friedensapostel sei! Und zwar ein Heuchelapostel! So nach dem Motto: Der macht das doch nur, weil's cool ist! Aber so ist es nicht! Ich hatte fünf Jahre lang eine irakische Freundin. Mein Cousin ist in der Armee. Ich hatte echt ne beschissene Zeit. Er war im Irak, als die Familie meiner Freundin mit Bomben zugeschüttet wurde. Das war eine echt verwirrende Zeit für mich. Ich bin echt kein Friedensapostel, weil‘s so cool ist für den Frieden zu stehen! Ich mache dass, weil ich denke, dass es wichtig ist. Ich bin glaub ich, kein schlechter Mensch. Und die Botschaft, die ich rüberbringen möchte ist positiv.
popconnection: Wie ist es denn mit dir und deiner Freundin weitergegangen?
Jon: Wir haben uns getrennt. Sie wurde irgendwann richtig bitter. Die ganze Situation hat ihre Persönlichkeit total verändert. Sie ist dadurch sehr viel härter geworden. Mein Cousin, der drüben war, hatte das gleiche Problem. Er ist auch härter geworden. Ich glaube, viele Leute die in der Armee sind, haben dieses Problem. Man wird dann glaub ich immun gegenüber all dem Leid. Für meine Freundin war das alles ganz schlimm. Sie ist eine sehr sensible Person. Es hat sie so bitter gemacht, dass wir uns irgendwann voneinander entfernt haben. Für mich war das echt schwer! Wir waren zusammen auf sehr vielen Antikriegsdemonstrationen, und haben sehr viele Antikriegsorganisationen unterstützt. Aber es war alles irgendwann so ermüdend, und ich glaube, es hat uns unsere Beziehung gekostet! Aber danach war mein Ziel immer eine positive Botschaft rüberzubringen. Das hab ich aus dieser Beziehung gelernt, und deshalb nervt mich das ganz extrem, wenn Leute behaupten, ich würde das alles nur machen, um cool zu sein! Oder...ach der benutzt doch nur eine Art revolutionäre Rhetorik. Das ist es gar nicht! Ich denke nur, dass die Menschen es verdienen, in Frieden zu leben! Und, dass es eine Einheit oder eine Harmonie geben sollte! Und es wurmt mich dermaßen, wenn Leute dann so was von mir behaupten. Aber das ist einfach so symptomatisch für unsere Gesellschaft heutzutage. Wir sind mittlerweile so zynisch geworden, dass wir gar nicht mehr glauben, dass es Menschen gibt, die enthusiastisch sind, und denen wirklich was an einer Sache liegt. Die können sich das einfach nicht vorstellen, und denken, ich wolle nur meine Songs vermarkten, und das ist so schlimm!
popconnection: "Heavy Weight Champion Of The World" war die erste Single. War auch ein bisschen der Song, der dich in England berühmt gemacht hat. Ist direkt auf Platz 8 in die Charts eingestiegen. Der Song klingt so ein bisschen, als ob du sarkastisch über den Ruhm ablästern würdest?
Jon: Was ich da sagen will, ist, dass es fast schon ein System in England gibt, und nicht nur da, sondern überall auf der Welt. Nach diesem System musst du einen Schulabschluss machen, danach musst du einen Job lernen oder in die Armee gehen oder studieren. Aber was passiert, wenn du das alles nicht machen willst, sondern was ganz anderes? Du musst eine Frau haben und Kinder und sonst was. Ich meine, ich will nicht sagen, dass es toll ist, nicht arbeiten zu gehen. Ich will auch nicht sagen, dass Leute nicht heiraten und Kinder bekommen sollen. Ich sage nur, es geht hier um Individualität! Was ist, wenn du zum Beispiel Astronaut werden willst? Ich finde, dass man den Traum verfolgen sollte, und alles dransetzen muss, ihn zu verwirklichen!
popconnection: Ich habe gerade so ein bisschen in deinem letzten Interview mitgehört, dass du von Damon Albarn eingeladen worden bist, an seinem neuen Projekt mitzuarbeiten?
Jon: Ja, ich kann's echt immer noch nicht glauben! Muss mich manchmal sogar kneifen! Damon hat uns auf dem Glastonbury eingeladen, auf der "Africa Express" Stage zu spielen! Da jammen ganz viele westliche Musiker, zusammen mit afrikanischen Musikern! Naja, und jetzt will er eine Platte im Kongo aufnehmen. Mit mir und den Jungs von Arcade Fire. Und natürlich ganz vielen Musikern aus dem Kongo. Ich glaub, ich mach das! Klingt nach einem sehr spannenden Projekt! Ich hab ne Menge Respekt vor Albarn! Er vertritt in vieler Hinsicht die gleiche Meinung wie ich. Er hat auch viele Antikriegsorganisationen unterstützt und so. Er ist wirklich sehr enthusiastisch. Ich mag Damon Albarn, und werde die Einladung annehmen!
popconnection: Was hast du denn jetzt vor, Mr. McClure, gibst du mir jetzt die Ehre einer Jam Session, oder was?
Jon: Genau! Den Song hier!
(Das Interview endet mit einem Potpourie aus The Good, The Bad And The Queen und Bob Marley)
Kula Shaker sind wieder da. Acht Jahre nach ihrer Trennung melden sie sich nun mit ihrem neuen Album Strangefolk zurück. Ende der 90er veröffentlichte die Band mit K und Peasants, Pigs And Astronauts zwei grandiose Alben und feierte mit Hits wie Tattva, Govinda und Hey Dude riesige Erfolge. Momentan sind Kula Shaker auf Europa-Tour, die sie erstmals seit vielen Jahren auch wieder nach Deutschland führt. Wir haben Sänger Crispian Mills backstage vor dem Konzert im Kölner Prime Club getroffen.
popconnection: Wie war dein Tag bisher?
Crispian Mills: Gut. Wir haben gestern Abend einen großartigen Gig im Melkweg in Amsterdam gespielt. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass wir wieder in Europa spielen, dementsprechend ist es sehr aufregend, wieder zurück zu sein.
popconnection: Du hast gesagt, Kula Shaker sei keine Reunion, sondern eine Reinkarnation. Kannst du das mal ein bisschen genauer erläutern?
Crispian Mills: Um wiedergeboren zu werden, musst du tot sein. Und du musst ein neues Leben bekommen. Ich denke, dass man bei einer Reunion eher versucht, die Vergangenheit zu wiederholen oder eine so genannte Ehrenrunde zu drehen. Für uns war es eher so, dass wir wieder angefangen haben. Wir hörten 1999 auf, zu arbeiten, weil wir uns im Business verloren fühlten. Wir sagten uns, dass die Musik, die Identität unserer Band und unsere Leidenschaft wichtiger seien, als unsere Karriere. Wir wollten kein schlechtes Album machen, nur des Geldes wegen oder wegen des Drucks, unsere Plattenfirma und unsere Manager glücklich zu machen und all diesen Scheiß. Wir wären uns wie Huren vorgekommen, also haben wir gesagt, lasst uns eine Pause einlegen. Das war kein guter Schachzug für die Karriere, aber es war gut für die Band. Und das Leben geht weiter. Es ist anders, aber es ist ein interessantes Experiment. Für die Musik war es gut, eine Pause einzulegen.
popconnection: Hast du es ab und an vermisst, mit den Jungs zu spielen?
Crispian Mills: Ja, klar! Aber es war auch gut, eine Weile zu pausieren. Ich habe zwischendurch mit Johnny Marr von The Smiths gespielt und mit anderen Musikern zusammengearbeitet. Nebenbei hab ich auch noch Drehbücher geschrieben. Wir haben eine Menge anderer Erfahrungen gesammelt. Das ist Abwechslung.
popconnection: Hat sich in der Art und Weise, wie ihr Musik macht, etwas geändert, im Hinblick auf die Vergangenheit?
Crispian Mills: Mein Songwriting ist vielleicht ein bisschen simpler geworden. Das Schreiben der Lyrics ist anders. Ich meine, ich habe mich verändert, es ist eine andere Welt. Es hat sich viel verändert. Aber du änderst niemals dein Wesen. Dein Charakter bleibt gleich, aber die Art und Weise, wie du dich ausdrückst, verändert sich.
popconnection: Das neue Album klingt anders als die Vorgänger. Es gibt weniger Indische Klänge, weniger Sitar-Sounds, dafür aber verstärkt 60er Jahre-Gitarren. Mehr Einflüsse der Doors oder der Beatles. Warum?
Crispian Mills: Der Sound ist stärker durch eine Hammond-Orgel geprägt. Ich denke, dass der Charakter von Kula Shaker immer noch da ist. Wir haben das Album geschrieben, als wir Anfang 2006 unterwegs waren. Wir haben sechs Monate live gespielt und haben die Leute nur über das Internet über die Gigs informiert. Es war eine gute Idee, weil wir so keine Presseresonanzen hatten, die uns unterbewusst hätten beeinflussen können. Wir konnten uns voll und ganz auf die Musik konzentrieren. Das war eine gute Herangehensweise an das Album. Eine Menge guter Platten entstehen während des Live-Spielens. Man hört die Indischen Einflüsse, aber sie sind nicht so offensichtlich. Eine Menge Indischer Anklänge. Also nicht nur die Sitar, Indische Einflüsse können alles mögliche sein. Nicht nur der Sound, sondern z.B. auch die Küche. Wir haben eine Menge Indischer Gerichte auf dem Album. (lacht)
popconnection: Es gibt einen Song auf dem Album, der "Great Dictator" heißt und der ziemlich ironisch klingt. Was ist die Idee dahinter?
Crispian Mills: Das war der erste Song des Albums. Ein dummer Track für dumme Menschen. Für Kinder, insbesondere für Kids auf dem Spielplatz. Es ist, was es ist. Jeder weiß, was es bedeutet. Man muss das nicht erklären.
popconnection: Würdest du diesen Track als politischen Song bezeichnen? Siehst du Kula Shaker als politische Band?
Crispian Mills: Nein. Ich mein, Millionen von Menschen demonstrierten in den Straßen von London gegen die Invasion in den Irak. Niemand mag Saddam Hussein, aber man möchte auch keine Geschäfte mit George W. Bush machen. Und jeder demonstrierte für eine Million Leute. Das war nicht politisch, das war gesunder Menschenverstand. Es waren einige politische Fraktionen dabei, aber zu 80 Prozent waren es Familien, Leute die sagten, es sei nicht richtig, was dort passiert. Ich denke, es gibt da einen Unterschied. Man kann durch den natürlichen Ausdruck einer Idee oder eines Gefühls politisch sein. Dafür muss man nicht einer Partei oder diesem ganzen fahnenwehenden Mist angehören.
popconnection: Ihr habt ein eigenes Label gegründet...
Crispian Mills: Ja. Ein paar Leute aus dem Business, die ich wirklich respektiere, meinten, dass sei der Weg, den man gehen sollte. Das ist die Zukunft. Wenn du kannst, dann versuch es. Ich habe mich mit einigen großen Labeln und Plattenfirmen getroffen, aber dort herrschte keine gute Atmosphäre, weil niemand sagen konnte, wie es in Zukunft weitergeht. Nicht einmal die großen Bosse wussten, ob sie in sechs Monaten überhaupt noch einen Job haben. Und wenn du einen Deal bei einer großen Plattenfirma unterschreibst, dann wollen die alles. Sie wollen deinen Arsch bis zum Ende deines Lebens besitzen. Und wie kannst du jemandem deinen Arsch verkaufen, dem nicht mal sein eigener gehört und der nicht weiß, wie lange er einen Job hat?! Es ist schwierig. Unabhängigkeit bedeutet, dass du härter darum kämpfst, deine Platte publik zu machen. Du hast nicht die fetten Werbegelder aber du hast engere Beziehungen zu deinen Fans und mehr Kontrolle über die Musik. Du hast zwar weniger Geld, aber das ist es wert! Und wenn du so ein Label hochziehst, ist es wirklichkeitsnäher. Es ist dauerhafter, weil du eine viel engere Beziehung zu deinen Fans hast.
popconnection: Würdest du sagen, dass sich das Musikbusiness in den letzten 10 Jahren verändert hat?
Crispian Mills: Ja, wir befinden uns nach 9/11. Das ist ein großer Unterschied. Und natürlich hat das Internet auch einiges verändert. In den letzten Monaten ist viel passiert. Das Internet ist wirklich eine gute Sache für neue Bands, die gerade erst am Anfang stehen. Es ist großartig, weil eine Menge Leute auf dich aufmerksam werden. Oder wenn du Madonna oder Radiohead bist, kannst du deine Musik direkt verkaufen. Großartig! Die große Frage dabei ist allerdings, wie man damit umgeht. Nicht mal Madonna kann es sich leisten, ihre Musik kostenlos anzubieten. Niemand weiß, was passieren wird, aber ich hoffe, dass es mehr zu den alten Zeiten zurück geht, in denen Bands und Musik schrittweise zu dem wurden, was sie den Menschen, die sie entdeckten, bedeuteten. Ein Song wurde dadurch erfolgreich, dass Leute ihn für sich entdeckt haben. Nicht durch Werbung. Heute die Nummer 1 sein und nächste Woche genauso schnell zu verschwinden. Ich hoffe, das alles wieder ein bisschen echter wird.
popconnection: Was hältst du von all den neuen Bands aus dem UK?
Crispian Mills: Ich bin schwer zufrieden zu stellen. Es gibt eine Menge Energie, eine Menge Style, aber keine Inhalte. Je besser der Haarschnitt, desto größer der Deal. Der Haarschnitt ist sehr wichtig. Mein Schnitt entwickelte sich mit meinem Gitarrenspiel. Aber es gibt gute Gründe, zu spielen und wir leben in einer post-9/11-prä-apokalyptischen Welt. Und niemand hat irgendetwas zu sagen, weil alle nur auf ihre Schuhe schauen und sich denken "Hey, diese Schuhe sind cool! Meine scheiß spitzen Schuhe und mein Haarschnitt" - aber wo ist die Wut?! Ich habe Beth Ditto von Gossip gehört. Sie war die einzige Person auf dem gesamten Reading-Festival, die gesagt hat. "Scheiß auf die Menschheit!" Sie hatte eine Attitüde! Sie hatte eine Stimme! Die anderen waren nur mit Posing beschäftigt. Aber ich denke, dass die nächste Generation derer, die jetzt so sieben oder acht Jahre alt sind, sehr wütend sein werden. Dass sie unserer Generation sagen werden, "Ihr habt eure Chance verpasst! Die Welt geht zum Teufel und ihr habt eure scheiß Chance verpasst!" Ich habe mich jahrelang so gefühlt. Sogar in den den späten 90ern, als unsere Alben anfingen, sich zu verkaufen, da hab ich auch gedacht "Hey, ihr habt nichts zu sagen!" Es war kurz vor dem Millennium und niemand hat gedacht "Wow! Was wird passieren? Was bedeutet das?" Ich glaube, Damon Albarn hat versucht, darüber Songs zu schreiben. Er ist da gewissenhafter. Er ist eine Seltenheit. Ich bin kein großer Fan von ihm, aber ich habe festgestellt, dass er hat eine Stimme. Vegetarier. Die vegetarische Mafia muss zusammenhalten! (lacht)
popconnection: Was erwartet ihr von eurem Neuanfang?
Crispian Mills: Harte Arbeit. Die Erwartung ist, dass die Band wieder lebendig wird. Und dass wir wieder etwas Magisches machen werden. Aber es ist diesmal völlig anders. Ich denke, dass die Band ihr Publikum wieder finden kann. Das alte und ein neues. Diesmal allerdings langsamer und organischer. Und das ist im Moment unser Karma. Und wir arbeiten daran. Wir freuen uns darüber, in diesem Club hier spielen zu dürfen. Wir haben in London in einem großen Club gespielt, in Amsterdam genauso. Wir spielen kreuz und quer in Hallen unterschiedlicher Größe. Das ist super, weil wir so beides mitnehmen können - die kleinen Clubs und die großen Locations. Ich hoffe, dass es heute Abend toll wird!
popconnection: Davon bin ich überzeugt! Heute Abend wird großartig werden! Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast!
Cloudberry aus Frankfurt - das ist feinster Indie-Pop der alten Schule. Mit Graceful & Light veröffentlicht die Band dieser Tage ihr drittes Album, das von niemand Geringerem als Kurt Ebelhäuser (Blackmail, Scumbucket) produziert wurde. Ein Drittlingswerk, das man durchaus als Debüt bezeichnen kann. Klingt absurd? Ist es aber nicht, wenn man bedenkt, dass es sich bei den beiden Vorgängeralben Destroyer und Elijah um Studioalleingänge des Sängers und Gitarristen Marco Pleil handelt. Mit Bassistin Moni Grysa und Drummer Thomas Wolf sind Cloudberry zu einer Band zusammengewachsen. Popconnection hat sich mit dem Trio über die "neuen" Cloudberry und das neue Album unterhalten.
popconnection: Am 26. Oktober wird euer drittes Album "Graceful & Light" veröffentlicht. Es gibt bereits einige Rezensionen dazu. Wie seid ihr mit der bisherigen Medienresonanz zufrieden?
Marco: Ganz okay eigentlich, viel Licht aber auch Schatten. Dass es in Deutschland mit Musik wie Cloudberry sie machen nicht ganz einfach ist, ist ja nix Neues, aber bei manchen Online-Magazinen muss man sich schon fragen, in welchem Zustand solche Rezis verfasst werden.
popconnection: Laut eurer Aussage wurde bei eurem ersten Auftritt als Trio im letzten Jahr in der Batschkapp klar, dass Cloudberry nun eine richtige Band ist. Vorher war das Ganze ja eher ein Soloprojekt von Marco. Seht ihr "Graceful & Light" im Hinblick darauf als eine Art Debüt?
Marco: Da lass ich jetzt mal die Band drauf antworten!
Thomas: Das Gefühl, als wir in der Batschkapp auf die Bühne sind und auch das, als wir wieder runter kamen, war einmalig. Es funktionierte! Für einige, denke ich, war das überraschend.
Moni: Klar war das für uns als Trio ein Debüt mit "Graceful & Light". Wir waren ja noch nie zusammen im Studio. Und es hat funktioniert ;-)
popconnection: Liegt es mit an diesem neuen Bandgefühl, dass sich euer Sound auf "Graceful & Light" deutlich von dem Vorgänger "Destroyer" unterscheidet? Dass das Album weniger kantig sondern poppiger klingt?
Thomas: Natürlich spielen Moni und ich unsere Instrumente mit dem jeweils eigenen Stil. Dass das dann poppig wird, ist Zufall. Ein schöner Zufall, oder?
Marco: Ich denke das liegt zum Großteil auch an der Produzentenarbeit von Kurt. Bei der "Destroyer" war ich ja komplett alleine im Studio ohne Einflüsse bzw. künstlerische Eingriffe. Das wollte ich bei "Graceful & Light" aber bewusst ändern, einen Produzenten mit einbinden, der auch mal sagt "das ist Mist, das müssen wir anders machen!". Und da ist Kurt ja genau der richtige für ;-)
Moni: Es ist nicht zu bestreiten, dass da eine Entwicklung zu den vorherigen Alben stattgefunden hat, die wir alle zu gewissen Teilen mitgetragen haben. Und nicht zuletzt auch Kurt mit seiner Kreativität.
popconnection: Wofür steht der Titel "Graceful & Light"?
Marco: "Graceful & Light" ist ein Zitat aus einem Interview mit New Order-Sänger Bernard Sumner wie er die Entstehungsgeschichte zum NO-Song "Your Silent Face" beschreibt, nach dem Motto: Das schwerste ist es mit wenigen Mitteln einen tollen einfachen Popsong zu schreiben ("it's graceful & light"). Und da bin ich ja komplett bei ihm!
popconnection: Wenn man sich "Graceful & Light" anhört fällt auf, dass die Kernthemen der meisten Songs Liebe, Leidenschaft aber auch Enttäuschung sind. Waren das Dinge, die dich in den letzten zwei Jahren während des Schreibprozesses besonders beschäftigt haben?
Marco: Tja, was soll ich sagen... die Trophäen haben andere Heim getragen.
popconnection: "Not My Idea" besteht nur aus einer einzigen Textzeile, nämlich dem Titel des Songs. Worum geht's? Was genau war denn nun nicht deine Idee? ;-)
Marco: Der Song ist komplett im Studio entstanden, quasi aus einem Vier-Takte-Loop von "I Saw Happiness". Die "Not My Idea"-Zeile kam aus einer Bierlaune heraus, weil's ja eigentlich Kurt's Idee war daraus einen (eigenständigen) Song zu machen.
popconnection: Ihr habt kürzlich zu ”Anything Goes” euer erstes Video gedreht. Erzählt mal ein bisschen was darüber...
Marco: Das ist quasi auf Thomas Mist gewachsen, erzähl mal Wolfman!
Thomas: Mein geliebter bester Freund Sebastian Lübeck hat uns dieses Video quasi geschenkt. Er hat Diplom Mediendesigner an der BA Ravensburg studiert und das Video ist seine Diplomarbeit. Wir hatten, außer einem Fotoshooting, gar nichts mit der Arbeit zu tun. Das ist Kunst, hörte ich kürzlich einen bekannten Kameramann sagen. Zu sehen ist das Video unter anderem auf unserer myspace und unserer virb Seite.
popconnection: Auf einem Konzert hast du mal gesagt, "A Feeling Justified" sei ein "sehr ehrliches Liebeslied". Was hat dich dazu inspiriert?
Marco: Was inspiriert mich wohl zum einem "sehr ehrlichen Liebeslied", hm???
popconnection: Eine Sache, die in Bezug auf Cloudberry immer wieder ins Gespräch kommt, ist die Tracklänge. "Given Treatment" und "Hits & Hugs" sind die einzigen Stücke, die länger als drei Minuten sind. Worin liegt für euch der Reiz, die Songs bewusst so kurz zu halten?
Marco: Ich persönlich finde ja da wird viel zu viel Politik drum gemacht. Aber um mal ne andere Antwort als sonst zu geben: Das ist der Rachefeldzug gegen alle Progrocker dieser Welt! Haha!
popconnection: Was mir beim Hören von "Graceful & Light" immer wieder auffällt, ist das Zusammenspiel aus Melancholie und Euphorie. Die Songs klingen manchmal unglaublich energetisch und catchy, haben aber tot-traurige Texte. Woran liegt das? Passiert das einfach so im Schreibprozess oder sind das Zäsuren, die ihr bewusst setzt?
Marco: Zäsuren? Himmel... ;-) der Bauch entscheidet, that's it! Und dass meine Texte nicht wirklich liebes- und lebensbejahend sind liegt wohl in meinem Naturell...
popconnection: Auf "Hits & Hugs" erhaltet ihr stimmliche Unterstützung von Kurt und Carlos Ebelhäuser sowie Mario Matthias (allesamt von Blackmail). Wenn Zeit und Geld keine Rolle spielen würden: Wen hättet ihr gern als Gastmusiker bei der nächsten Platte dabei?
Marco: Peter Hook, J. Mascis.
Thomas: Kurt Ebelhäuser und ein Streicherquartett.
popconnection: Kurt Ebelhäuser habt ihr nicht nur für die Backings bei "Hits & Hugs" zum Mikro gebeten, sondern ihr habt mit ihm auch das neue Album aufgenommen. Warum habt ihr euch für diese Zusammenarbeit entschieden?
Marco: Auf der Tour mit Scumbucket hab ich Kurt ja schon als Kauz & Künstler kennen gelernt und ich dachte: Der ist genau der Richtige um Farbe ins Spiel zu bringen! Kurt ist ja auch großer Guided By Voices-Fan, und obwohl er auch viel harte Bands produziert (hat), hat er dennoch ein großes Gespür für Melodien & Harmonien! Super Typ!
Thomas: Wer sollte denn im Moment so eine Platte aufnehmen? Mir fallen fünf Namen ein und da ist Kurt der beste von. Musikalität und Kreativität sind bei ihm ganz groß.
Moni: Meiner Meinung nach ist Kurt ein ganz großartiger Produzent. Man muss nur mit seiner Art zurechtkommen und dann ist es unglaublich fruchtbare Arbeit mit ihm!
popconnection: "Graceful & Light" wird auf dem Label Fastball Music veröffentlicht. Wie seid ihr zu diesem Label gekommen?
Marco: Ich kenne den A&R schon sehr lange. Lustigerweise hatte der mal für die EMI-Single, die nie erschienen ist, eine Rezi für's Orkus geschrieben. Wir hatten die Jahre immer mal wieder Kontakt und irgendwann erzählte er mir, dass er auch für ein Label arbeitet. Und so führte nach einigen Mails, Telefonaten & Treffen eins zum anderen.
popconnection: Den Vertrieb des Albums übernimmt der Major Neo/SonyBMG. Was erhofft ihr euch davon? Was ändert sich dadurch für Cloudberry?
Marco: Erhoffen, dass sie ihren Job ordentlich machen und dass Cloudberry einen Schritt weiter in die Öffentlichkeit treten! Geändert hat sich bis jetzt noch nicht viel, DIY ist immer noch an der Tagesordnung!
Bernhard Eder, bekannt als Sänger der Gitarrenpopband Wa:rum, hat es aus seiner Heimat Österreich nach Berlin verschlagen, um dort sein erstes Soloalbum aufzunehmen, welches im Juni diesen Jahres erschienen ist. Mit "The Livingroom Sessions" präsentiert er ein klassisches Singer/Songwriter-Album mit autobiographischer Prägung. Im folgenden Interview haben wir mit Bernhard Eder über sein Solodebüt gesprochen.
popconnection: Du bist nach Berlin gezogen, um dort dein erstes Soloalbum aufzunehmen. Was hat dich ausgerechnet nach Berlin gezogen?
Bernhard Eder: Nach Abschluss meines Musikstudiums in Wien hatte ich dringend das Bedürfnis nach einem Tapetenwechsel. Berlin und Hamburg standen an oberster Stelle meiner Liste, das Rennen machte schließlich Berlin ;-)
popconnection: Welchen Einfluss hatte Berlin auf das Album?
Bernhard Eder: Die neuen Eindrücke und das Flair dieser Stadt haben sowohl meine Kreativität als auch mein Arbeiten wesentlich beeinflusst. Ich wohne in Prenzlauer Berg, wo eine besonders relaxte Atmosphäre herrscht. Hier war für mich der perfekte Ort, um ein Album wie "The Livingroom Sessions" zu produzieren.
popconnection: "The Livingroom Sessions" ist ein sehr persönliches Album. Es liefert intime Einblicke in deine Gedanken und Gefühle. Welche Bedeutung hat "The Livingroom Sessions" für dich persönlich?
Bernhard Eder: Da es mein erstes Soloalbum ist, hat es eine besondere Bedeutung für mich. Ich spielte seit Jahren mit dem Gedanken, die Songs aufzunehmen und zu veröffentlichen. Vor allem konnte ich persönliche Erfahrungen in die Texte einfließen lassen, weil es zu dem ruhigen Stil der Songs auch sehr gut passte.
popconnection: Du hast auf "The Livingroom Sessions" Radiohead ("Climbing up the walls") und die Pet Shop Boys ("Being boring") gecovert. Wieso ausgerechnet diese beiden Songs und welches Konzept steht dahinter?
Bernhard Eder: Ich hatte schon länger Lust mal einen Song der Pet Shop Boys auf meine Weise zu interpretieren. "Being boring" ist dann so gut gelungen, dass ich es unbedingt veröffentlichen wollte. Das Radiohead-Cover entstand eher zufällig, quasi in einer Livingroom Session ;-) Nach etwa 2 Stunden war ich fertig und diese Version ist nun auch auf dem Album zu hören. Grundsätzlich würde ich es nicht als Konzept betrachten. Es macht mir einfach Spaß (vor allem für dieses Genre untypische) Klassiker neu zu interpretieren.
popconnection: Was war deine Motivation ein Soloalbum im Singer/Songwriter-Stil aufzunehmen?
Bernhard Eder: Im Laufe der Jahre sammelten sich immer mehr Songs an, die wenig gemeinsam hatten mit der Musik meiner bereits bestehenden Bands/Projekte und irgendwann beschloss ich ein Soloalbum aufzunehmen. Ich höre persönlich auch sehr viel Musik aus diesem Genre wie z.B. Nick Drake, Elliott Smith, Damien Jurado oder Fionn Regan.
popconnection: Du hast das Album im Alleingang eingespielt. Welche Erfahrung war das für dich?
Bernhard Eder: ... eine für mich sehr positive Erfahrung, da ich erstmals einfach drauflos spielen und aufnehmen konnte, ohne mich nach den Meinungen anderer zu richten. Da ich die Songs im eigenen Heim(studio) aufgenommen hab, gab es auch keinerlei Zeitdruck – was man auch hören kann.
popconnection: Welchen Unterschied siehst du zwischen deiner Band Warum und deinem Soloprojekt?
Bernhard Eder: Abgesehen von der musikalischen Umsetzung der Songs gibt es vor allem auch am Aufbau wesentliche Unterschiede. Das übliche Schema (Strophe-Bridge-Refrain) habe ich fast vollständig weggelassen, es ging mir mehr um Stimmungen und das Gesamtkonzept, als um Radiotauglichkeit und Eingängigkeit.
popconnection: "The Living Room Sessions" ist auf Solaris Empire erschienen. Wie kam der Kontakt zustande?
Bernhard Eder: Ich lernte Kitty Solaris auf einem David-Bowie-Tribute-Abend in Berlin kennen. Wir kamen irgendwann mal 'labeltechnisch' ins Gespräch und entschieden uns schlussendlich für eine Zusammenarbeit.
popconnection: Welche Pläne hast du für die Zukunft?
Bernhard Eder: Ich arbeite bereits am nächsten Album, welches hoffentlich 2008 erscheinen wird. Im Herbst toure ich mit Band dann ausgiebig durch Deutschland. Und ich werde im Frühjahr zurück nach Wien ziehen, um zusätzlich die Tätigkeiten mit Wa:rum wieder zu aktivieren.
popconnection: Vielen lieben Dank für das Interview!
Trotz drei Top-40-Hits in England, einer treuen englischen Fan-Base und ihrem gefeierten Debütalbum Turn Against This Land, das auf dem Major-Label Island Records erschienen ist, blieb der gr