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NICOLAS STURM - Doppelleben




"Wer bin ich, und wenn ja wie viele?" Der prominente Titel des Bestsellers von Richard David Precht wirkt beschreibend für das aktuelle Album Doppelleben von Nicolas Sturm. Scheinbar unbemerkt und ganz ohne großkotzige Attitüde schafft der junge Liedermacher einen Frontalangriff auf das Wesen der heutigen Pop-Landschaft: Die Authentizität.

Während neben Popstars und -Sternchen mittlerweile auch Politiker unterschiedlichster Färbung keine Situation ungenutzt verstreichen lassen, ihre "Echtheit" spazieren zu tragen, macht es Nicolas Sturm irgendwie anders, irgendwie humorvoller - und vor allem - intelligenter. Zwischen Melancholie, Ironie und Surrealismus schwimmen die Wortbilder und machen es dem Zuhörer alles andere als einfach, den "authentischen" Nicolas Sturm zu erkennen. Im seltsamen Niemandsland zwischen Alltag und Surrealismus treiben seine Lieder, mal im Dickicht der Großstadt, mal im Labyrinth seiner Synapsen, und schaffen mehr Frage- als Ausrufezeichen, oder "Kopfkratzen", wie Sturm selbst es nennt.

Auch musikalisch ist Doppelleben eine durchaus erwähnenswerte Platte. Live ausschließlich mit Gitarre und Gesang unterwegs, wurde das Album mit Bassist und (grrrroooßartigem!) Schlagzeuger erweitert. Die schön schnoddrige Lo-Fi-Aufnahme ist ohnehin ein erfrischender Genuss in Zeiten der Homerecording-Hochglanzpolitur. Und auch in den Kompositionen schafft Sturm den Drahtseilakt zwischen Einfachheit und Spielerei. (Hinweis für Gitarristen: Viel Spaß beim Raushören der Akkorde von Regenhunde No 53!)

Doch zum Abschluss sei Nicolas Sturm noch die Ehre zu Teil, Preisträger für die verdammt coolste Textpassage des Jahres 2010 zu werden: "Sie bauen ein Hochhaus in mein Gehirn..." Natürlich, wohin auch sonst?


Review: Simon Blümer

Erscheinungsdatum: 23. April 2010
Label: Omaha Records

Myspace: www.myspace.com/sturmmusik

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THE FALL – Your Future Our Clutter




Gestatten, The Fall: "Die letzte wahre Punk-Gruppe und gleichzeitig die einzige, für die Nietzsche je gesungen hätte." Bandleader und Sänger ist Mark E. Smith, "der wichtigste und klügste Verrückte, den die Pop-Welt hat, der Anwalt des nordbritischen Proletariats." Außerdem die Musik, die "klingt wie ich mich von innen anfühle." (D.D., damals). Das Schaffen dieser Ausnahmeband zu überblicken ist eine Wissenschaft für sich. Beinahe 100 Veröffentlichungen – Singles ausgenommen –, davon mit dem neuen Werk nun schon 28 Studioalben gehen auf das Fall'sche Konto. And the story goes on.

Unnötig zu erwähnen, dass der Autor dieser Zeilen von der frühen Phase der Band von der Gründung im Jahr 1976 an nicht sehr viel mitbekommen hat. Dennoch sind die Aufnahmen der frühen bis mittleren 80er Jahre der Sound, an dem man Mark E. Smith und seine regelmäßig wechselnden Begleitmusiker – aus seiner absolutistischen Führungsrolle macht Mr. Smith keinen Hehl – messen muss. Die letzten beiden Alben konnten in dieser Hinsicht mehr als überzeugen, und auch Your Future Our Clutter reiht sich ein in die großen Momente der späten Jahre.

Erster Track, O.F.Y.C Showcase, ein klassischer Fall-Song: Monotoner, hypnotisierender Rhythmus, Keyboard-Loop, schräge Gitarren und halb genuschelt, halb genölte Satzfetzen vom Boss. Ganz groß. Die nächste Nummer ist ähnlich. Bury Pts. 1+3 dauert 6:36 Minuten, die erste Hälfte klingt allerdings, als würde die Anlage im Nebenraum stehen. Dann wird die Wand eingerissen, von sägenden Gitarren. Es folgt ein The Fall Album wie es im Buche steht: magische Monotonie trifft auf krachige Elektronikexperimente, hübsche Kurzmelodien werden endlos vorangetrieben, bis sie irgendwann im Noise baden gehen. Und Mark E. Smith kommentiert das Geschehen, zwar meist unverständlich, es klingt aber verdammt wichtig.

Ein Phänomen ist er, dieser alte kaputte Alkoholiker, der wohl noch im Altersheim Songs schreiben und Musiker rekrutieren wird. Wegen einer Hüftoperation musste er den Großteil dieses Albums eh schon im Rollstuhl einsingen, um am Ende doch wie ein wütender, in vollem Saft stehender Mittzwanziger zu klingen. Gute Aussichten für die nächsten 20 Platten.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 23. April 2010
Label: Domino Records

Website: www.visi.com/fall
Myspace: www.myspace.com/fallthe

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BONNIE "PRINCE" BILLY & THE CAIRO GANG – The Wonder Show Of The World




Künstlername und Albumtitel sprengen schon mal die Titelzeile. Das dürfte einige Typografen und den gemeinen Musikredakteur, der auf Zeichenanzahl und Textlänge achten muss, vor eine Herausforderung stellen. Daher unterlassen wir es an dieser Stelle, auch nur auszugsweise noch mal etwas aus der Titelzeile zu wiederholen und kürzen das Ganze auf die wesentlichen Bestandteile runter: Es handelt sich bei dem vorliegenden Album um das neue Werk von Will Oldham, dessen letztes Studioalbum Beware noch schlicht und einfach mit einem Wort auskam. Auf dem jetzigen Album hat er sich an der Gitarre zum wiederholten Mal Unterstützung bei Emmett Kelly geholt und – Achtung, das ist neu – ihn zum ersten Mal als gleichwertigen Musiker mit aufgeführt, bzw. ihn und seine zwei Mitstreiter, die sehr sporadisch am Bass, an den Drums und stimmlich aushelfen.

Ganz im Gegensatz zu ihrem Namen und dem Albumtitel bieten Oldham und Kelly auf musikalischer Ebene etwas total Anderes. Minimalistisch wird hier der Gesang von Gitarrenklängen untermalt und das Einzige, was ansatzweise für gewisse Aufs und Abs sorgt, ist der Einsatz von mehrstimmigem Gesang. Das Album wirkt insgesamt so ruhig, dass nach dem ersten und mehrmaligen Hören keine Melodie, kein Vers und nahezu rein gar nichts hängen bleibt. Nur die Tatsache, dass man hier gerade ein sehr ruhiges Album gehört hat und dass es aus der Feder von Will Oldham stammt, verankert sich. Mehr nicht.

Was hier beim Lesen vielleicht eher negativ ausgelegt werden könnte, ist aber gerade der Punkt, der für dieses Album spricht. Wenn man so will, haben wir hier nämlich einen Meilenstein des Minimal-Country vor uns – wenn es dieses Genre denn geben würde. Bonnie Prince Billy & The Cairo Gang (jetzt hab ich's doch geschrieben) ist es gelungen, etwas zu schaffen, was bei jedem Hören neu klingt, aber trotzdem vertraut wirkt, was sich nicht penetrant in den Vordergrund schiebt, aber gerade dadurch unglaublich viel Präsenz besitzt.


Review: Axel Schinkel

Erscheinungsdatum: 26. März 2010
Label: Domino Records

Website: www.bonnieprincebilly.com
Myspace: www.myspace.com/princebonniebilly

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PAUL WELLER – Wake Up The Nation




"Man muss immer wieder neue Wege gehen." So lautet Paul Wellers musikalische Maxime. Der Modfather und seine unerbittliche Freude zur Experimentierfreudigkeit spiegeln sich wohl am allerbesten in seinem neuesten Werk Wake Up The Nation. Mit 16 Songs hat Paul Weller wohl kein Musikgenre ausgelassen, das er nicht bedienen kann. Ins Studio ging er diesmal ohne große Songideen und Liedtexte und lies sich bei der Studioarbeit stark von seinem Produzenten Simon Dine, mit dem er schon sein letztes Konzeptalbum produzierte, inspirieren. Das Ergebnis ist ein facettenreiches Album mit kurz angebundenen Stücken, die selten die Dreiminutengrenze erreichen.

Noch nie hat man Weller so wütend erlebt, wie auf diesem Album. Wake Up The Nation ist ein Weckruf an eine Generation und Zeit, die ihm farblos erscheint, so der Modfather im Interview. "Wir müssen uns gegen diese ganze Mittelmäßigkeit aufbäumen und dafür sorgen, dass in England ausnahmsweise wieder Großartiges passiert", so Weller. In einer Zeit, in der Superstars aus Superstarsendungen die Charts bestimmen, klingen die Worte von dem grandiosen Ausnahmemusiker Weller, der Generationen inspiriert hat, wie ein nötiger Weckruf. Seine musikalische Großtat Aim High belegt dies nur allzu deutlich. In diesem Stück, so wie in vielen anderen seiner neuen Platte, steckt so viel Raffinesse, dass man mehrere Anläufe benötigt, um alles, was in diesen neuen Songs steckt, zu fassen. Doch diese musikalische Raffinesse hat auch Schattenseiten. Denn besonders zugänglich ist Wellers Weckruf dadurch nicht. Denn was hier am Anfang losprescht, wie in guten alten The-Jam-Zeiten, verliert sich in einer zu exzessiv ausgelebten Experimentierfreudigkeit, die Wellers so geliebten Folk völlig vermissen lässt und von The Jam über The Style-Council bis zu Ragtime-, Polka-, Punk- und Psychedelic-Pop-Reminiszenzen reicht. Das ist zu viel und man wünscht sich Weller hätte doch mehr fertige Songskripte mit ins Studio genommen.

Doch letztlich ist dieses Album neben dem ganzen Protest ein ganz großes Stück Soul. Denn Songs wie No Tears To Cry könnten glatt als Northern-Soul-Rarität durchgehen. Hier spürt man Wellers Liebe für die handgemachte Musik der 60er/70er. Ebenso authentisch ist Fast Car Slow Traffic, auf dem das damalige The-Jam-Mitglied Bruce Foxton Bass spielt. So klingt Wellers "Weckruf" an die Nation, wie eine musikalische Zeitreise, die viel Geduld benötigt, um sich erschließen zu lassen. Die Experimentierfreudigkeit Wellers ist bewundernswert und musikalisch höchst virtuos, doch besonders eingängig ist das alles leider nicht. Aber das war ja auch nicht des Modfathers Intention.


Review: Marc Philipp Meyer

Erscheinungsdatum: 16. April 2010
Label: Island (Universal)

Website: www.paulweller.com
Myspace: www.myspace.com/paulweller

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THE NEW PORNOGRAPHERS – Together




Zufall oder Kalkül? Die beiden größten Indiesupergroups Kanadas bringen am selben Tag ihre Frischlinge auf den Markt. Broken Social Scene und The New Pornographers. Um letztere soll sich diese Abhandlung nun drehen, genauso vielfältig wie sich die Bandmitglieder um Neko Case und A. C. Newman drehen.

Die Pornographers zelebrieren immer noch imposante Poprockmonster, doch das Brüllen dieser Monster, das einem vom Hocker reist, ist verhallt. Haben sie auch hörbar großen Anteil am Aufstieg der kanadischen Indieszene und sind sie vielleicht die Wegbereiter für Bands wie eben Broken Social Scene, wirkt das neue Album leider wie eine Art "Blass-Blaupause" vergangener Zeiten. In denen die großen Pophymnen und der pompöse Indiepop eines A. C. Newman noch gefragter waren. Ähnliche Erfahrungen musste schon M. Ward mit She & Him machen. Beide Projekte schlagen in die gleiche Kerbe, beide tun sich schwer, beiden fehlt es oft am subtilen Feingefühl, mit welchem sie die Pom Poms und Glitzerattitüden ihrer Musik aus der Schusslinie der Kritiker ziehen könnten. Erst ab dem späten Mittelfeld von Together, bei If You Can't See My Mirrors und Up In The Dark finden die Arrangements ihren Weg zurück zur Stärke.

Es wäre falsch einer achtköpfigen Supergroup, wie den New Pornographers, die komplexen Arrangements vorzuwerfen, aber manchmal wird aus dem Weniger doch ein Mehr. Das Album nimmt eben erst da an Qualität und Fahrt auf, wo die New Pornographers das Tempo rausnehmen. Dann kommen die Bläsereinsätze der Dap Kings und die Trompete eines Zach Condon (Beirut) besser zur Geltung und die beeindruckenden Harmonien werden erst wahrnehm- und empfindbar. Nur leider gehen die beiden anderen großen Kollaborateure Annie Clarke (St. Vincent) und Will Sheff (Okkervil River) im anfänglichen Popgemetzel der Pornographers unter. Im Stechen mit Broken Social Scene und der neuen Platte, haben die Pronographers mit Together das Nachsehen. Vor allem liegt das an der weniger gelungenen Dramaturgie des Albums und der sehr schwachen ersten Hälfte. Wer sich aber die zweite Hälfte – die Schokoladenseite des Albums - zu Gemüte führt, darf sich auf große Popmusik freuen.


Review: Matthias Hacker

Erscheinungsdatum: 30. April 2010
Label: Matador

Website: www.thenewpornographers.com
Myspace: www.myspace.com/thenewpornographers

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EIGHT LEGS – Best Of Me EP




Nach einem wunderbaren Debüt und einem der hervorragendsten Zweitwerke einer englischen Band seit Jahren, kommen die Eight Legs jetzt mit einer EP um die Ecke, die wieder mal beweist, warum die Spinnenbeine zu einer der derzeit besten britischen Indie-Rock-Bands gehören.

Denn allein die Single Best Of Me überzeugt auf ganzer Linie mit drahtig-verspielten Gitarren, Rock'n'Roll-Attitüde, intelligenten Lyrics und zwingend psychedelischen Kniffen. Genau diese Kniffe machten das literarisch konnotierte The Electric Kool-Aid Cuckoo Nest zu einer Kracherplatte, die sogar nach einem Jahr noch immer mit jedem Hören wächst. Die Best Of Me EP knüpft genau daran an. So klingt Cloak And Dagger wie Oasis meets Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band! Die flockigen Sixties-Anspielungen und ihr Gespür für Ohrwurm-Hooklines machen die Eight Legs zu einer faszinierenden Band, dessen Qualitäten man auch immer wieder live bewundern kann.

Kurz gesagt: Die Eight Legs haben die Coolness, den Drive, die zwingenden Riffs, den Rock'n'Roll und das musikalische Gespür für Songs, die man nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Was will man mehr!? Dies ist schöner Vorgeschmack auf die neue Platte, die ebenfalls auf dem neuen selbstgegründeten Label Bootlegs Records erscheinen wird.


Review: Marc Philipp Meyer

Erscheinungsdatum: 02. April 2010
Label: Bootlegs Records

Website: www.eightlegs.co.uk
Myspace: www.myspace.com/eightlegs

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MADSEN - Labyrinth




"Wie man's macht, isses verkehrt". Ein Satz aus Sebastian Madsen's Mund Anfang des Jahres in einem Berliner Tonstudio, unterlegt mit einem schelmischen Grinsen als ich ihm dabei die Hand drücke. Ein Satz den man auch gezielt auf das neue Madsen-Album Labyrinth übertragen kann.

Seien wir mal ehrlich, wir alle wissen genau, dass die Band nie ein Freund der Kritiker und Musikerpolizei in Internet-Foren werden wird. Aber gerade das, so scheint es mir, versorgt die Gebrüder Madsen +1 mit einer ordentlichen Portion Narrenfreiheit, anything goes! Seien es die offensichtlichen Queen-Anleihen im Opener und Titel-Track Labyrinth oder die The Cure-Hommage Schön, dass Du wieder da bist (mein Anspieltipp!). Zugegeben, es mag nicht sonderlich originell klingen wenn in der Single-Auskopplung Lass die Liebe regieren arg zu Modest Mouse geschielt wird. Aber am Ende zählt der Song und hier punkten Madsen mit sicherer Hand im Songwriting. Wie übrigens auch in der Produktion, wo Haus- und Hofproduzent O.l.a.f. Opal erst gar nicht mehr versucht eine teure Produktion erzwungen billig und dirty klingen zu lassen. Hier werden Räume geöffnet und Platz geschaffen, auch wenn Johannes Madsen's Gitarre desöfteren Mal Streichern und Chören weichen muss.

Labyrinth ist ein mutiges viertes Album, allerdings sollte der geneigte Hörer ein offenes Ohr für klassische Popmusik haben. Allen Pre-/Post-odersonstwie-Rockern sei empfohlen zum Lachen wieder in den Keller zu gehen. Gutes Album & Gute Besserung Sebastian!


Review: Marco Pleil

Erscheinungsdatum: 23. April 2010
Label: Vertigo (Universal)

Website: www.madsenmusik.de
Myspace: www.myspace.com/madsenband

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NEW YOUNG PONY CLUB – The Optimist




The Optimist ist Abgesang und Neubeginn und New Young Pony Club ist nicht mehr New Young Pony Club. Stand ihr Debüt Fantastic Playroom selbstredend noch ganz im Zeichen des NuRaves, ein in Scheiben gepresster Tanzschrittmacher, purer, überzuckerter Hedonismus, verdammt noch mal ein Partyalbum eben, so hat jetzt der berühmte Reifeprozess eingesetzt.

Ihr Heil suchen die NuReifen dabei in dezidierter Abgrenzung und Umkehrung ihrer eigenen musikalischen Identität. So überrascht es nicht, dass mit The Optimist eine dunkel geratene Platte entstanden ist. Kein uffiesker "sexy talk" à la Ice Cream oder The Bomb, keine Kuhgluckenpenetranz, dafür ein ungeahnter Sinn für Atmosphäre und Melodie. Die Songs fußen nun vornehmlich auf Bass und Gesang, daneben sind Gitarre, Synthies und Drums eher ergänzend trapiert. Inhaltlich haben NYPC ihr bisheriges Haupttopos "echt geile Party" mindestens um die Erfahrung des schmerzend zur Reflektion zwingenden Katers erweitert. Man muss ja nicht immer gleich von Tiefe sprechen. Und auch wenn Ty Bulmers Gesang vor allem dem Anspruch der tragenden Melodie nicht immer ganz gerecht wird, da sie permanent eine halbe Oktave zu tief singt, bleibt The Optimist eine wirklich geglückte und hörenswerte Weiterentwicklung, die, ganz nebenbei gesagt, freilich tanzbar ist.

Fazit: Gut.


Review: Maximilian Sippenauer

Erscheinungsdatum: 16. April 2010
Label: PIAS

Website: www.newyoungponyclub.com
Myspace: www.myspace.com/newyoungponyclub

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MISSENT TO DENMARK - I Am Your Son




Irgendwie waren Missent to Denmark schon immer da. Vor Jahren machten sie das erste Mal auf sich aufmerksam, als sie ein paar Songs in Form von Gratis-EPs im Internet verbreiteten. 2007 folgte mit A Clue, A Hint, A Love das erste Album, in höchsten Tönen gelobt von denen, die es zu hören bekamen. Danach wurde es wieder ruhig, zumindest in der Außenwirkung. Im Proberaum ging es in den vergangenen Jahren aber hoch her, das Ergebnis der jahrelangen Bastelarbeit kann nun bewundert werden. I Am Your Son heißt das zweite Album von Missent to Denmark. Und es ist über alle Maßen gelungen.

Kommen Missent to Denmark nun aus Deggendorf, oder handelt es sich um eine Regensburger Band? Nein, München geben sie nun als Heimatstadt an. Oder doch Weilheim? Rein musikalisch würden sie ganz gut reinpassen, in die Weilheimer Szene. Ohne krampfhaft nach Ähnlichkeiten suchten zu wollen kann man dem Quartett durchaus eine gewisse Ähnlichkeit zu The Notwist attestieren. Vorliebe für große Melodien und komplexe Arrangements sind hier wie da zu finden, ein hohes Maß an Experimentierfreudigkeit Perfektionismus gleichermaßen gehört ebenso zum guten Ton. Mit Lali Puna Produzent Taison Heiß haben sie dann noch genau den richtigen für den Feinschliff ins Boot geholt. Auch das passt ins Bild.

I Am Your Son strotzt geradezu vor guten Ideen, schönen Melodien, interessanten Strukturen und allem, was man für ein richtig gutes Album braucht. Einziges Problem: Das erste Stück, A Piece Of Gold, könnte man vielleicht noch mit dem schönen Attribut "catchy" versehen. Den Rest des Albums muss man sich zwar nicht erarbeiten, aber nach und nach erschließen. Während man beim ersten durchhören vor allem beeindruckt ist von der konsequent durchgezogenen Melancholie, die allen Songs zugrunde liegt (We Lower Our Heads Pt 2 sticht hier vielleicht etwas heraus), braucht es zwei oder auch drei Durchläufe, bis man in den einzelnen Songs die vielen genialen Momente erkennt, an denen das Quartett jahrelang akribisch gearbeitet hat. Dann erst hört man sich Stücke wie Panic In Town (nicht nur bei diesem Song werden auch Konstantin Gropper Fans innerlich Lustsprünge machen) oder Once In A Year immer wieder an und ist einfach nur beeindruckt.

Also, kaufen, anhören, anhören, anhören und begeistert den Hut ziehen, vor dieser großartigen Band!


Review: Andreas Kussinger

Erscheinungsdatum: 16. April 2010
Label: Biegen & Brechen

Website: www.missenttodenmark.de
Myspace: www.myspace.com/missenttodenmark

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SHE & HIM - Volume Two




Süß. Putzig. Das zweite Album von She & Him ist die musikgewordene Unschuld vom Lande. Teenie-Pop im Stile der Sixties-Girlgroups für den Start in einen unbeschwerten Liebessommer.

Künstlichkeit und Maskerade scheinen bei ihr (Zooey Deschanel, Sängerin und hauptberuflich Schauspielerin) und ihm (Matt Ward, verantwortlich für Gitarre und Produktion) keine große Rolle zu spielen. Das zeigen nicht nur der Bandname und der aussagekräftige Albumtitel, sondern auch die Musik. Ehrlicher und entwaffnender kann man banal-jugendlichen Herz-Schmerz und Turtelterror nicht auf Band festhalten. "Feel-good"- Musik zu machen, ist ja die eine Sache. Aber diese ganze Nichtigkeit in ein so wunderschönes Gewand zu kleiden und einen Sound zu kreieren, der noch den weltgrößten Misanthropen dazu bewegen würde, sich ein Eis zu kaufen und mit einem hübschen Mädel im Park Enten zu füttern, das ist wirklich bemerkenswert.
Die Songtitel verraten es gleich: Das hier ist eine riesengroße Teenager-Romanze, irgendwo zwischen Teen Angel und Eis am Stiel, Claudine Clark und The Crystals. In The Sun, Gonna Get Along Without You Now, Ridin' In My Car, etc. Alles klar? Bis auf zwei Coverversionen stammen die Songs aus Zooey Deschanels Feder, hübsch und leichtfüßig präsentiert mit Klavier, Banjo und Mandoline.

Diese Platte will wirklich nicht mehr als einfach nur schön sein, schwere Gedanken vertreiben und mit dem Leben versöhnen. Einfach darauf einlassen und in eine Welt voller Zuckerstangen und Hula Hoop Reifen eintauchen. Anspieltipps sind Over It Over Again und Me And You, der Pedal-Steel-Gitarre sei Dank. Prädikat: besonders schnuckelig.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 02. April 2010
Label: Domino Records

Website: www.sheandhim.com
Myspace: www.myspace.com/sheandhim

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CARIBOU - Swim




Zuerst die gute Nachricht: Daniel Snaith ist zurück! Der Mann hinter dem Ein-Mann-Homerecording-Projekt Caribou hat sich nach drei Jahren aus der kanadischen Einöde seines Homestudios begeben und mit Swim seinen mittlerweile dritten Longplayer fertig gestellt. Nun die schlechte Nachricht: Jetzt ist er endgültig durchgeknallt!

Eigentlich beginnt alles recht harmlos. Opener ist die erste Singleauskopplung Odessa, die wohl schwächste Nummer des Albums. Doch ist dieser erste Eindruck einer uninspirierten Aneinanderreihung von Elektro-Bausteinen verflogen, zeigt sich die Qualität von Swim. Von Song zu Song steigert sich die Platte vom belanglosen "Justice"-Abklatsch zum avantgardistischen Meisterstück. Zu Beginn des Albums offenbart sich noch die Pop-Verliebtheit, die Daniel Snaith 2008 den prestigeträchtigen "Polaris Music Prize" einbrachte. Doch bereits hier verschwimmt mehr und mehr der charakteristische schwebend leichte Gesang mit brachialem Soundkollagen zu einem undurchsichtigen Meer an musikalischen Eindrücken und Fetzen, das ebenso schön wie verschroben ist.

Das Epizentrum des Albums bildet Bowls. Verschiedene Minimal-Passagen werden ineinander verzahnt, Snaith lässt die Rhythmen gegeneinander antreten und am Ende muss selbst ein gestandener Fan des 7/8-Rhythmus sich kapitulierend die Frage stellen: Wie zur Hölle kann man so was eigentlich programmieren?

Und der Wahnsinn geht weiter. In Songs wie Hannibal und Leave House zeigt sich der eigenwillige Schreibstil (oder ist es Humor?) von Caribou. Wird zunächst der Eindruck vermittelt, Daniel Snaith habe seine Liebe zu Clubhits reaktiviert, wird dieser Eindruck im Laufe des Songs bis auf die Grundmauern eingerissen. Jede Form von Groove und Hookline verkommt zur Illusion, Sound und Song sind stets durchbrochen von abrupten Wechseln, großartigen musikalischen Einwürfen und ganz vielen anderen Verrücktheiten.

Fazit: Wenn die man Grinsekatze aus Alice im Wunderland nach ihrer Lieblingsplatte fragen würde, dann wäre Swim sicherlich unter den Top 5. Und auch ansonsten ein absolut heißer Tipp für Menschen mit einer geschmacklichen Vorliebe für wirklich verdammt seltsame Dinge.


Review: Simon Blümer

Erscheinungsdatum: 16. April 2010
Label: Cooperative Music

Website: www.caribou.fm
Myspace: www.myspace.com/cariboumanitoba

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BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB - Beat The Devil's Tattoo




Als The Strokes im Jahr 2001 den ersten großen Hype des neuen Jahrtausends lostraten, veröffentlichten auch Black Rebel Motorycle Club ihr großartiges selbstbetiteltes Debütalbum und spielten sich damit schnell in die erste Liga. Auch mit ihrem Nachfolger Take Them On, On Your Own gelang es ihnen zwei Jahre später Kritiker und Fans abermals zu begeistern. Dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hätte: BRMC schlugen mit ihrem country- und folklastigen dritten Album Howl unerwartet völlig neue Wege ein und hinterließen bei vielen ratlose Gesichter, so dass man sich die Frage stellte "Whatever Happened To My Rock 'n' Roll"? Zwar führte der musikalische Weg mit dem vierten Longplayer Baby 81 wieder zurück zum Indie-Rock, jedoch mangelte es dem Album zu sehr an Ideenreichtum und es wirkte längst nicht so spektakulär wie der rebellische Rock 'n' Roll der beiden Frühwerke.

Jetzt melden sich BRMC mit ihrem neuen Album Beat The Devil's Tattoo inklusive neuer Drummerin Leah Shapiro zurück. Nach all den Irrwegen haben sie endlich wieder auf den richtigen Pfad zurückgefunden und knüpfen mit ihrem neuen Werk wieder an ihre beiden ersten Werke an, ohne sich jedoch dabei selbst zu kopieren. Vielmehr vereinen sie die musikalischen Erfahrungen der letzten Alben miteinander und das machen sie verdammt gut! So kombinieren BRMC den rebellischen Garagenrock ihrer beiden Frühwerke mit den Folk-Ausflügen von Howl und mischen dem Ganzen noch einige Blues-Elemente bei. Dabei klingen die 13 Songs auf Beat The Devil's Tattoo herrlich erfrischend und zeugen zugleich von einer enormen musikalischen Reife. Vielleicht hat die personelle Veränderung durch Schlagzeugerin Leah Shapiro der Band wieder zu neuer Kreativität verholfen oder aber BRMC besinnen nach all den Experimenten der vergangenen Jahre einfach wieder auf das, was sie am Besten können. Fakt ist jedenfalls, dass BRMC mit ihrem fünften Longplayer das geschafft haben, was viele nicht mehr für möglich hielten und beweisen somit all denjenigen, die diese Band bereits aufgegeben hatten, dass in ihnen immer noch eine rebellische Rock 'n' Roll-Band steckt, mit der immer noch zu rechnen ist.

Ihr Debütalbum bleibt zwar weiterhin unerreicht, aber Beat The Devil's Tattoo ist genau das Album, das man sich als Fans nach Take Them On, On Your Own gewünscht hätte. Besser spät als nie.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 12. März 2010
Label: Cooperative Music

Website: www.blackrebelmotorcycleclub.com
Myspace: www.myspace.com/blackrebelmotorcycleclub

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MAXIMILIAN HECKER - I'm Nothing But Emotion, No Human Being,
No Son, Never Again Son




Ungefähr ein Jahr ist es her, dass Maximilian Hecker sein letztes Album One Day veröffentlichte, das an dieser Stelle mit einiger Begeisterung besprochen wurde. Als andere schon gelangweilt abgewunken haben, wurde hier die Fahne dieses talentierten deutschen Songwriters noch hochgehalten. In der Zwischenzeit scheint viel passiert zu sein in Heckers Leben. Und so schickt sich die neue Platte an, einen Wendepunkt, Neuanfang oder ähnliches zu markieren. Auf jeden Fall will sie anders sein.

Angeblich hat sich über die letzten zwei Jahre vieles in seinem Innenleben verändert - mit Auswirkungen auf die Art seiner Lebensführung und vor allem seine Musik und die Art, diese zu machen. Man liest von einer japanischen Prostituierten, die ihm die Augen geöffnet habe (und der er mit Nana auch einen Song widmet), von einem Leben als vollbärtiger Straßenmusikant in Jogginghosen, von einer neuen, freieren Art Songs zu schreiben und aufzunehmen, und so weiter. Klingt nach Katharsis, soll ihm gegönnt sein. Allerdings kann man es leicht übertrieben nennen, wenn dieser Reigen an veränderten Tatsachen auf Maximilian Heckers Musik übertragen wird. Sagt zumindest das in seinem Werk geübte Ohr. Nicht leugnen lässt sich die spärliche Instrumentierung und die fehlende Glanzproduktion des letzten Albums, was seinen Songs eigentlich zugute kommt. Die Essenz hat sich dabei aber nicht merkbar gewandelt: Auf den ersten Lauscher die gewohnten Balladen, die von Liebe und Schmerz erzählen. Die (vielleicht) feinen textlichen Unterschiede zu seinen bisherigen Alben mögen da sein, konnten jedoch nicht genauer verfolgt werden. Denn nach bereits kurzem Hören macht sich eine Ungeduldigkeit breit, die alles zu einem einzigen Großgeschmachte werden lässt. Entweder diese Platte erwischt einen genau in der richtigen Stimmung - oder lässt einen komplett kalt.

Seine Qualitäten besitzt Maximilian Hecker immer noch. Wer seine Musik mag, wird I'm Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son gutmütig aufnehmen - oder sich seinen besseren, alten Zeiten zuwenden. Auf jeden Fall kein Highlight, was einem hier als Quasi-Novität angepriesen wird.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 23. März 2010
Label: Blue Soldier Records

Website: www.maximilian-hecker.com
Myspace: www.myspace.com/maximilianhecker

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THE SOFT PACK – The Soft Pack




Eigentlich müsste hier ein Album von "The Muslims" besprochen werden. Noch vor nicht allzu langer Zeit waren "The Soft Pack" nämlich noch unter dem, nunja, gespielt politisch unkorrekten Namen kreuz und quer durch die USA unterwegs. Klar, dass man sich als Indie-Band nicht "The Muslims" nennen kann, ohne fortan ununterbrochen von Journalisten zu den Motiven hinter der Namensfindung befragt zu werden. Das wussten sie sicherlich auch schon, als sie sich gründeten, aber sei's drum, dafür konnten "The Muslims" ein paar Jahre später umso empörter ihre Umbenennung bekanntgeben. Die andauernden politischen Fragen sei man schließlich leid. Gut gebrüllt, (Marketing-)Löwe.

Zur Musik. Mehr Rock 'n' Roll denn Indie-Pop, sehr angenehm, das zu hören. Klingt nach 70s Garagenrock, nur sauberer aufgenommen und vielleicht etwas zu glatt produziert. Klar, denn das Ganze soll ja nicht in der Liebhaber-Ecke des Plattenladens verstauben, sondern auch vom Konsumenten des 21. Jahrhunderts gekauft werden. Manchmal klingen The Soft Pack sehr nach den Stooges, dann wieder nach den Strokes. Natürlich erfinden sie das Rad nicht neu, aber abgekupfert klingt das Ganze irgendwie nie.

Sehr sympathisch, da möchte man die ganze Aufregung um den Namen gleich wieder vergessen. Was zählt, ist schließlich die Musik. Und ehe man sich versieht hört man das mit 32 Minuten recht kurz geratene Album schon wieder von vorne. Zehn Songs à drei Minuten. Kein Füllmaterial. Alles richtig gemacht!


Review: Andreas Kussinger

Erscheinungsdatum: 19. Februar 2010
Label: Heavenly/Cooperative Music

Website: www.thesoftpackofficial.com
Myspace: www.myspace.com/thesoftpack

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OWL CITY – Ocean Eyes




Nicht nur die Arctic Monkeys wurden via Myspace berühmt. Auch Adam Young alias Owl City hat dem Sozialen Netzwerk viel zu verdanken. Noch bevor es einen einzigen physischen Tonträger gab, war der Junge aus dem verschlafenen Städtchen Owatonna in Minnesota in den USA ein berühmter Mann. Zwei Jahre später soll nun also auch diesseits des Atlantiks der Knoten platzen. Eine Hit-Single hat der 23-jährige schon mal vorgelegt.

Fireflies heißt sie, und sie strotzt geradezu vor guter Laune und Mitsingqualität. Ein echter Ohrwurm, ein Frühstücksradiosong par exellence. Befeuert vom massiven Airplay der großen Radiostationen konnte Owl City damit auch tatsächlich die Top 10 der deutschen Singlecharts erklimmen. Jetzt legt der Amerikaner sein Album Ocean Eyes nach und möchte beweisen, dass er eben nicht nur ein Glühwürmchen am Pop-Himmel ist, sondern das Zeug zum großen Superstar hat. Leider ist er auf dem besten Weg, zumindest hierzulande ein klassisches One-Hit Wonder zu werden.

Denn eine ordentliche Single auf die Länge eines ganzen Albums auszudehnen klappt leider nicht. Egal, welchen der elf übrigen Songs man sich auch anhört, auf Ocean Eyes klingt jedes Stück wie das andere. Synthesizer, eingängige Refrains, dazu die wirklich sehr markante Stimme Adam Youngs, das alles hört sich ganz gut an, wiederholt sich aber schon während des ersten Durchlaufs so oft, dass sich ein bisschen Langeweile einstellt. Das ein oder andere Lied kann sich aber dann doch ein bisschen vom Einerlei abheben, zum Beispiel das schöne The Bird And The Worm.

Andererseits: Wer Fireflies mag und es nach Monaten der Dauer-Radiobeschallung immer noch gerne hört, wird ganz bestimmt auch an Ocean Eyes große Freude haben.


Review: Andreas Kussinger

Erscheinungsdatum: 19. Februar 2010
Label: Motown (Universal)

Website: www.owlcitymusic.com
Myspace: www.myspace.com/owlcity

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EAGLE SEAGULL – The Year Of The How To Book




"... we just came to dance!" und direkt danach wird gewalzert. Ja, in Eagle Seagulls Zweitlingswerk The Year Of The How To Book findet man jede Menge von jeder Menge. Eklektisch, könnte man raffinierter sagen. Opulenter Pop, was meint: Gitarre, Gegeige, Geklimper, Gefrickel und Glockenspiel. Daneben darf natürlich nicht das zyklisch auftretende, zum rhythmischen Auftreten ladende, Indiestaccato fehlen.

The Year Of The How To Book beginnt wuchtig und tanzbar und kraftvoll. Der Opener You're The Reason Why I'm Afraid To Die lässt sich dazu durchaus noch als Restauration des Paarreims hören. Der zweite Song I'm Sorry But I'm Beginning To Hate Your Face übertrifft Ersteren noch in der Perfektion oben genannter Attribute. Danach wandelt die Platte beständig ihr Gesicht und zeigt weitere Facetten. Episch, tortenhaft, ja auch kitschig könnte man hierbei resümieren, wäre da nicht noch der, die Klangflächen entsättigende, klagenschwangere Gesang von Eli Mardock, der den bisweilen etwas überladenen Sound genießbar hält. Bis hierhin ein wirklich gelungenes Sequel der Nebraskaianer. Danach verliert sich das Album allerdings mehr und mehr im Bedienen diverser Popklischees, verliert dadurch etwas an Stringenz, etwas an Geschick und auch das zage Heulen wird mit der Zeit anstrengend.

So bleibt zu konstatieren: Was am Anfang nach einem glatten Drei-Satz-Sieg für Eagle Seagull aussieht, fühlt sich am Ende doch eher wie ein zähes Fünf-Satz-Match an. So nimmt man die CD aus der Rotationsmaschine und seufzt leicht erschöpft: "Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren."


Review: Maximilian Sippenauer

Erscheinungsdatum: 26. März 2010
Label: Pias

Website: www.eagleseagull.com
Myspace: www.myspace.com/eagleseagull

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TWO DOOR CINEMA CLUB - Tourist History




Was tun, wenn man in Bangor aufwächst? Einer Stadt, die zwar zu den größten Nordirlands gehört, jedoch nicht mit einer Metropole wie Belfast gleichzusetzen ist? In zwielichtigen Ecken herumschleichen? Bier trinken? Alte Damen anpöbeln, die ihren frisch frisierten Pudel gassi führen? Die Jungs von Two Door Cinema Club entscheiden sich für einen komplett anderen Weg. Sie gründen eine Band, machen es sich beim gleichen Label wie Delphic gemütlich, nehmen ein Debüt namens Tourist History auf und entwickeln einen Sound, der es ohne weiteres mit den Tanzflächen sämtlicher europäischer Metropolen aufnehmen kann.

Anfänglich noch als Quartett unterwegs, beschließen Alex Trimble (Gesang/Gitarre), Kevin Baird (Bass) und Sam Halliday (Gitarre) nach dem Ausscheiden ihres Drummers zu dritt weiterzumachen. Da man keinen weiteren Schlagzeuger kennt, wird der Schießbudenspieler kurzerhand durch eine Drummachine ersetzt. Was als Not beginnt, entwickelt sich für Two Door Cinema Club rasch zur Tugend. Die Jungs entdecken ihr Faible für die Kombination aus Elektro-Samples und Stromgitarren und bannen diese auf ihr Erstlingswerk Tourist History. Auf ihrem Streifzug durch musikalische Genres öffnen Two Door Cinema Club diverse Schubladen, um sich das beste herauszupicken und diese dann schnell wieder zu schließen, bevor sie selbst Opfer einer Etikettierung werden könnten.

Nichtsdestotrotz können sich auch die jungen stürmischen Iren Einflüssen nicht entziehen: Pate für Tourist History stand eindeutig der schneidende Gitarren-Synthie-Soundmix von Bloc Party. Immerhin gelingt es Two Door Cinema Club trotz dieser unüberhörbaren Anleihen ihren Tracks einen eigenen Stempel aufzudrücken. Man beschränkt sich nicht auf die Symbiose aus kantigen Riffs und Samples, sondern erweitert das Soundgeflecht um Trompeten oder brasilianische Rhythmen nebst Chören, die auf die WM im Sommer einstimmen.

Das Ergebnis kann sich hören lassen. Tourist History ist ein Debütalbum par excellence. Energetisch, schweißtreibend, tanzbar. Ein kurzes wie bündiges Statement aus 10 Songs komprimiert auf 32 Minuten Laufzeit. Eines scheinen Two Door Cinema Club trotz ihres jugendlichen Alters bereits begriffen zu haben: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. Mit Tourist History hat die ehemalige Schülerband ihre Reifeprüfung bestanden.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 05. März 2010
Label: Kitsuné / Cooperative Music

Website: www.twodoorcinemaclub.com
Myspace: www.myspace.com/twodoorcinemaclub

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BRATZE - Korrektur nach unten




Das Hamburger Joint Venture aus Der Tante Renate und ClickClickDecker geht in seine zweite Runde. Auch wenn der Titel unscheinbar und harmlos anmutet - der Elektro-Pogo geht weiter. Volle Kraft voraus!

Das eine sollte man schon noch mal festhalten: Kraft, das 2007 erschienene Bratze-Debüt, "ist so aufregend. Das ist so mitreißend. Das ist streng genommen die Platte des Jahres." (Intro 01/08) Und was besseres, als an der gleichen Baustelle weiterzuarbeiten, hätten die zwei Herren gar nicht machen können. Geballte Power und an- bis aufrührende Wortsalven komprimiert auf knapp 40 Minuten. Die musikalischen Korrekturen im Vergleich zum bisherigen Werk sind nicht sonderlich groß. Die Beats sind etwas weniger fragil, die poppigen Melodien zugunsten verstärkter Synthie-Knarzerei etwas zurückgeschraubt. Mehr muss dazu auch nicht gesagt werden. Wie auf Kraft erscheint dieses Projekt so zwingend vorherbestimmt. Von der ersten Minute an beweisen Tante Norman Kolodziej und Kevin Hamann alias ClickClickDecker, wie gut sie sich ergänzen.

Natürlich muss Bratze laut sein. Selbstverständlich muss auch dazu getanzt werden, geht gar nicht anders. Den entscheidenden Pluspunkt verschafft ihnen allerdings die Tatsache, dass man auch einfach nur ganz beruhigt zuhören kann. Kevin Hamann besitzt die große Gabe, aus alltäglichem Gefasel und sonst ziemlich nervigen Floskeln ein ziemlich faszinierendes Textgebäude anzulegen. Deuten darf jeder wie er will, politischen Spielraum gibt es genug. Diese Umstände nehmen dennoch nie Überhand, so dass einem klotzige Parolen und öde Eindeutigkeiten erspart bleiben. Das sind Qualitäten, die Bratze vom Rest der Audiolith-Posse ganz gehörig abheben. Den zwei Hamburgern scheint das auch selbst irgendwie bewusst zu sein, anders kann man den Refrain des Eröffnungsstücks Die auswendigen Muster gar nicht deuten: "Das ist keine Bewegung / wir passen hier nicht rein." Das kann man so stehenlassen, viva la Verweigerung, sogar vor der eigenen Family.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 19. März 2010
Label: Audiolith

Website: www.bratze.eu
Myspace: www.myspace.com/bratzebratze

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JONA STEINBACH - Alles negieren




Sechs Jahre hat sich Jona Steinbach für sein aktuelles Album Alles negieren Zeit gelassen. Während dieser musikalischen Atempause scheint der Kölner die Kraft, die in der Ruhe liegt, für sich entdeckt zu haben. Nach einer Zeit der inneren Kämpfe und Zweifel hat Jona zu sich gefunden. Seine Definition des Begriffs Negation ist keine Ablehnung von allem sondern das Wissen um das, was man will und die damit verbundene Erkenntnis, was man nicht braucht. Reflektierte Selektion anstelle von blindem Anti-Aktionismus.

Dabei gelingt es Steinbach wunderbar, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Trotz detailverliebter Kompositionen wirken die Songs niemals überladen. Streicher, Waldhörner oder Electro-Samples werden so geschickt in das Soundgeflecht eingewoben, dass sich ein stimmiges Gesamtbild ergibt, bei dem weder die Instrumentierung und noch die Vocals das Zepter an sich reißen. Bei aller Unaufdringlichkeit und nachdenklicher Zurückhaltung lässt Jona es sich nicht nehmen, an einigen Stellen kleine Hits zu positionieren. Der Titeltrack Alles negieren ist so ein kleiner Höhepunkt, ein Song, der sich im Gehörgang festsetzt und durch nachdenkliche Einsichten besticht: "Alles liegt in Scherben nur glitzern die so schön / Und es ist so gefährlich sich daran zu gewöhnen".

Wo andere in einem Meer aus Phrasen untergehen würden, bedient sich Jona Steinbach simpler wie wahrer Trivialphilosophie. In zehn Episoden lässt der Solist den Hörer an seinen kleinen Alltagsanekdoten teil haben. Beobachtungen des Umfelds und des eigenen Ichs. Geschichten vom ewigen Warten auf eine Person, von der man nicht einmal weiß, wo sie denn überhaupt wohnt, vom abendlichen Zeitvertreib mit (Super)Mario oder von betrunkenen Liebeserklärungen neben einer Kölner Vodka-Bar.

Bei aller Nachdenklichkeit bewahrt Alles negieren einen Optimismus, der hinter und zwischen den Textzeilen lauert und just in dem Moment hervorspringt, wenn man ihn am wenigsten erwartet und am meisten braucht. Die Zeit des Wartens hat sich gelohnt. Nach sechs Jahren musikalischer Wanderschaft ist Jona Steinbach angekommen - und legt mit “Alles negieren” sein bis dato bestes Album vor.


Review: Katja Embacher


Erscheinungsdatum: 19. März 2010
Label: Cobretti Records

Website: www.sonnenstudio-oder-knast.de
Myspace: www.myspace.com/jonamusik

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AMY MACDONALD – A Curious Thing




Amy Macdonald zählt zu den erfolgreichsten Sängerinnen der letzten Jahre und ist neben dem ganzen nervigen "Gagaismus" ein wahrer Ohrenschmaus. Ihr Debüt This Is The Life erreichte vierfach Platin und ist in Deutschland bis jetzt das erfolgreichste Debütalbum einer Engländerin der letzten zehn Jahre. Da sind die Erwartungen groß. Ob sie erfüllt werden?

Auf jeden Fall, denn A Curious Thing ist noch besser als das Debüt. Paul Weller sei Dank. Der von Macdonald verehrte Modfather nahm sie nicht nur mit auf Tour, sondern packte auch höchstpersönlich seine Gitarre aus, um Macdonalds Zweitwerk aufzupeppen. Doch damit nicht genug. A Curious Thing wurde sogar in Wellers Tonstudio Black Barn aufgenommen. Ähnlich wie Wellers Platte As Is Now besitzt A Curious Thing einen ähnlichen Drive, den man nur bekommen kann, wenn man die Platte live einspielt. Und so sind neben allen Gitarren, Bässen, Drums und einem neuen hämmernden Klavierspiel, das Macdonald häufiger eingebaut hat, auch die Streicher live eingespielt. Das überzeugt. Love Love auf dem Weller Gitarre spielt, ist das beste Stück der Platte, die insgesamt wesentlich druckvoller und rockiger ausgefallen ist. Kurz gesagt: Der Rock steht der hübschen Schottin besonders gut! Man merkt welche Vorbilder Macdonald hat. So findet sich mit Give It All Up neben dem welleresk souligem Rock auch ein Song, der sehr stark an das harmonische Melodiegespür von Travis erinnert. Das gefällt und entfernt sich sogar gleichzeitig auch vor jeglichem Eklektizismus, denn Macdonald hat ihre ganz eigene Note gefunden.

Es ist schön eine so wunderbare Songwriterin an der Spitze der Charts zu sehen, weil man weiß, diese Frau schreibt und spielt all ihre Stücke selbst und sie hat mit Paul Weller und Pete Wilkinson, ihrem Entdecker, der ebenfalls mit Travis zusammengearbeitet hat, die besten Vorbilder und Förderer, die man haben kann. So kann es weitergehen. Dies sind zwölf fantastische Songs, die mit jedem Hören wachsen. A Curious Thing ist ein herausragendes und einfach wunderbares Album!


Review: Marc Philipp Meyer

Erscheinungsdatum: 12. März 2010
Label: Mercury (Universal)

Website: www.amymacdonald.co.uk
Myspace: www.myspace.com/amymacdonald

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LONELADY - Nerve Up




Manchester ist eine Stadt, deren Mauern Legenden erzählen könnten. Vom Aufstieg und Zerfall einer der größten Industriemetropolen der Welt, von zwei international erfolgreichen Fußballvereinen, deren Stadien für viele der Mancunians das Äquivalent zur Kirche darstellen und von einer Musikszene, die wiederum selbst Legenden gebar.

Ebenso kann man Geschichten über Manchesters Mauern erzählen - wenn man sie nur gut genug kennt. Julie Campbell aka LoneLady kennt die Stadt, in der sie aufgewachsen ist, in- und auswendig. Die Geschichten, die sie zu ihrem Debüt Nerve Up inspirierten, finden sich in keinem Reiseführer und in keinem Artikel über die schönsten Städte der Welt. Es sind Anekdoten über heruntergekommene Arbeiterviertel, schmutzige Straßen, Bordelle und Bars. Eine Seite der Metropole, die düster und faszinierend zugleich ist und die sich auch in der Musik von LoneLady widerspiegelt.

Dabei macht LoneLady weder einen Hehl um ihre Heimatstadt, noch um die musikalischen Mentoren, die sie beeinflusst haben: PiL, Gang Of Four oder Joy Division. Insbesondere letztere haben im Sound von Lonelady ihre Fußspuren hinterlassen. Der Fokus liegt auf minimalistischen Instrumentierungen: Stoischen Gitarrenarrangements, monotonen Basslines oder moll-lastigen Synthesizern. Hie und da blitzt eine fast trotzig aufbegehrende Punk-Attitüde durch, die im nächsten Augenblick von desolater Verzweiflung davon gespült wird. Die Musik pendelt stetig zwischen Tristesse und Enthusiasmus, Melancholie und Euphorie, Apathie und Agilität. Bei aller Fragilität und Verletzlichkeit, die in der Stimme Julie Campbells mitschwingt, darf man eines nicht vergessen: Die Lady ist eine Kämpferin. Mit einem geringen Budget richtete sich die Sängerin in einer alten Fabrikhalle ihr eigenes Studio ein, um innerhalb von nur vier Wochen ihr Debütalbum aufzunehmen. Das Ergebnis macht deutlich, dass ein Wille Berge versetzen kann.

Nerve Up ist Ode und Kriegserklärung an Manchester zugleich. Eine Hass-Liebe als Motor, der Sound als Vehikel. Ein Wegweiser für eine neue Generation von Musik, die die übermächtigen Geister aus der Vergangenheit nicht fürchtet, sondern ehrt.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 26. Februar 2010
Label: Warp

Website: www.lonelady.co.uk
Myspace: www.myspace.com/hiholonelady

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ERIK PENNY - Bend




Potsdam und Berlin trennen gerade mal 35 km. Für Erik Penny liegt zwischen den beiden Orten eine halbe Weltreise. Der Wahlberliner wurde in Potsdam, New York geboren und fand seinen Weg in die Hauptstadt über El Paso, Texas und Los Angeles. Es war die Faszination des Neuen, sprachliche und kulturelle Herausforderungen, die Erik Penny vor einem Jahr nach Berlin verschlugen.

Auf seinem dritten Longplayer Bend verarbeitet der reisefreudige Solokünstler mit der leicht angerauten Stimme seine Impressionen der neuen Heimat. Es sind die Alltagsbeobachtungen, aus denen er seine Inspiration schöpft. Das streitenden Pärchen unter seinem Schlafzimmerfenster (Honey, Please) oder das Mädchen, das aus dem Fenster einer Nobelboutique hinaus in den Regen starrt (Hannover). Momentaufnahmen einer Situation oder eines Gefühls. Mal unterstützt von Schlagzeug und Percussions, mal begleitet von melancholischen Streicherarrangements (Bend).

Wer nach Innovationen sucht, wird auf Bend sicherlich nicht fündig. Erik Penny versucht gar nicht erst, das musikalische Rad neu zu erfinden. Hier gibt es keinen hochglanzpolierten Pomp und keinen pathosgeschwängerten Prunk. Stattdessen setzt man auf Altbewährtes: Vocals und Gitarre. Die klassischen Basics des Singer/Songwriter-Genre, die sich wie rote Fäden durch das homogen konzipierte Album ziehen. Was auf den ersten Blick nicht sonderlich spannend oder spektakulär erscheint, macht auf den zweiten die Stärke von Bend aus. Es ist die Vertrautheit, in der man sich aufgehoben fühlt, das Altbekannte, das Geborgenheit vermittelt. Sowohl musikalisch als auch textlich.

Bend ist kein Album, auf dem ein Highlight das nächste jagt, bis man vor lauter Klimax-Hopping Seitenstechen bekommt. Vielmehr ist es ein Moment des Durchatmens, in dem man sich entspannt zurück lehnen und die Schönheit der Stille genießen kann.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 05. März 2010
Label: R.D.S.

Myspace: www.myspace.com/erikpenny

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AN HORSE - Rearrange Beds




Hinter der Band mit dem grammatikalisch inkorrekten Namen An Horse verbergen sich Kate Cooper und Damon Cox aus Brisbane, Australien. Kennen gelernt haben sich Kate und Damon vor drei Jahren in einem Plattenladen, in dem sie gemeinsam gearbeitet haben und der schließlich zum Proberaum umfunktioniert wurde. Nach nur einem ersten Auftritt wurde ihnen prompt ein Toursupport für Tegan and Sara in den USA angeboten, die sich so begeistert von ihrer Support-Band zeigten, dass sie An Horse zu einer ihrer Lieblingsbands ernannten. Nun hat das Duo seinen ersten Longplayer eingespielt, mit dem es sich auch hierzulande Gehör verschaffen möchte.

Auf Rearrange Beds präsentieren An Horse schnörkellosen Indie-Rock auf das Wesentliche reduziert: Gesang, Gitarre und Schlagzeug. Hier werden keine aufwendigen Streicher-Arrangements oder elektronischen Samples aufgefahren, hier wird ohne viel Schnick Schnack und unnötiges schmückendes Beiwerk musiziert. Langweilig? Mitnichten! Gerade durch diese einfache Schlichtheit wissen die Songs zu bestechen und genau das macht Rearrange Beds so unwiderstehlich. Textlich verarbeitet Kate Cooper in ihren Songs das Gefühlschaos einer gescheiterten Beziehung, jedoch ohne dabei verbittert zu klingen, sondern hier geht es um ehrliche Emotionen und um direkte Aussprachen von Dingen, die einem auf der Seele liegen. Diese ehrlichen Worte kleiden sich dabei perfekt in das überwiegend energetische und druckvolle Melodiegewand ein.

An Horse ist mit Rearrange Beds ein sehr starkes Debütalbum gelungen, mit dem ihnen auf jeden Fall ein Platz ganz oben auf der Liste für den Newcomer des Jahres garantiert ist. Nicht nur Tegan and Sara haben eine neue Lieblingsband...auch die hier Schreibende ist begeistert.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 19. März 2010
Label: Grand Hotel van Cleef

Myspace: www.myspace.com/anhorse

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THE SOUNDS - Crossing The Rubicon




Vier Jahre haben sich die fünf Schweden für den Nachfolger zu Dying To Say This To You Zeit gelassen. Nachdem Crossing The Rubicon in ihrem Heimatland bereits seit letztem Sommer erhältlich ist, können nun auch die deutschen Fans den dritten The Sounds-Longplayer hierzulande offiziell käuflich erwerben.

Vom musikalischen Grundkonzept hat sich auf Crossing The Rubicon nicht viel verändert. So setzt die Band um Frontfrau Maja Ivarsson erneut auf eine tanzbare Mischung aus Gitarren- und Synthesizerklängen mit 80er-Reminiszenzen. Dennoch will das neueste Werk auch nach mehreren Hördurchgängen nicht wirklich überzeugen. Zwar legen The Sounds mit dem Opener und zugleich der ersten Singleauskopplung No One Sleeps When I'm Awake einen durchaus starken Einstieg hin, doch was recht viel versprechend beginnt, verliert sich im weiteren Verlauf des Albums größtenteils in Belanglosigkeit. Auch wenn hier und da mit Songs wie Dorchester Hotel, Lost In Love und Midnight Sun einige Highlights durchblitzen, sind diese doch eher rar vertreten und reichen nicht aus, um auf ganzer Albumlänge zu überzeugen. Dazwischen gibt es zu viele Songs, die lediglich in der Mittelmäßigkeit rumdümpeln und wie Füllmaterial wirken. Von der Energie und Euphorie der beiden starken Vorgängeralben ist hier nur noch spärlich etwas zu hören.

Was Crossing The Rubicon leider fehlt, sind Innovationen. Vielleicht hätten The Sounds bei ihrem dritten Longplayer doch nicht zu sehr auf Nummer sicher gehen, sondern etwas experimentierfreudiger sein sollen. Vielleicht wäre Crossing The Rubicon dann das Album geworden, das man sich gewünscht hätte. Genug Zeit für Experimente hatten sie ja schließlich.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 05. März 2010
Label: Snowhite

Website: www.the-sounds.com
Myspace: www.myspace.com/thesounds

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BLOOD RED SHOES – Fire Like This




Inspiriert sei der Albumtitel Fire Like This durch den David Lynch Film Fire Walk With Me. Kraft und Ambivalenz des Feuerbegriffs hätten Laura-Mary Carter und Steven Ansell zu dieser Taufe bewogen. Hiermit, und das verspreche ich hoch und heilig, ist alles Interessante und Wesentliche zu dem zweiten Blood Red Shoes Album gesagt. Denn leider hat dieses weder mit der Vielschichtigkeit, Deutungstiefe und Widersprüchlichkeit eines David Lynch Films, noch mit irgendeiner nur denkbaren Feuerallegorie (Glimmen vielleicht ausgenommen) etwas gemein.

Fire Like This ist ein Anachronismus. Eine Platte, die zehn, wenn nicht gar zwanzig Jahre zu spät kommt. Positiv formuliert: Eine Reminiszenz an eine Zeit, als die bloße Reduktion auf Gitarre und Schlagzeug noch raffiniert klang. Das Zweitlingswerk soll dementsprechend als ein Rückbesinnen auf die Wurzeln verstanden werden. Eine Ode an den Punkrock. Es wird bewusst auf Elektronisches wie Symphonisches verzichtet, zugleich aber fataler Weise auch auf jede Form von Kreativität. Übrig bleibt eine solide Melange aus traditionellem Bumm-Zack und einer, auf profanste Harmoniewechsel beschnittene Gitarre. Mitunter tanzbar, wie etwa im Opener Don't Ask, ansonsten ödes Geplänkel. Die Referenzen sind so mannigfaltig wie offensichtlich.

Fire Like This ist ein äußerst eintöniges, langweiliges und beliebiges Sammelsurium von Gewöhnlichkeiten. "Fire like this?...There is no fire at all!"


Review: Maximilian Sippenauer

Erscheinungsdatum: 26. Februar 2010
Label: V2/Cooperative Music

Website: www.bloodredshoes.co.uk
Myspace: www.myspace.com/bloodredshoes

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STEREOPHONICS – Keep Calm And Carry On




Der Titel des neuen Stereophonics-Albums ist Trumpf. Denn leise ist es geraten und sie sollten besser so weitermachen, wie man es von den früheren Alben kennt. Schwer fällt es dem Autor diese Zeilen zu schreiben, denn er liebt die Stereophonics und besonders das, was diese Band so besonders macht. Fette Gitarrensounds und eine kräftige Stimme, die harmonische Melodien mit einer ordentlichen Portion Rock'n'Roll verbinden. Doch leider ist von all dem zu wenig auf diesem neuen Album.

Kelly Jones wollte die ganze Wand von Gitarrensounds entfernen, um dem Gesang mehr Spielraum zu geben und die Songs mehr atmen zu lassen. Doch schon beim Opener She's Alright stockt einem der Atem, weil nichts "alright" ist. Denn der ganze Song beruht auf einem einzigen Riff, das ständig wiederholt wird. Da wurde also zu viel Raum zum Atmen gelassen. Wo ist hier der Drive, für den man die Phonics so liebt und wo sind die harmonischen Kniffe? Die Single Innocent kann da schon eher überzeugen. Der Song erinnert mit seinen Harmonien an die Beatles. Für die Stereophonics ist es einer ihrer poppigsten Songs und weckt Reminiszenzen an Have A Nice Day. Allgemein ist das Album sehr ähnlich zum Just Enough Education To Perform-Album, mit dem prägnanten Unterschied, dass die Songs auf diesem Neuling leider zu schwach ausfallen. Denn zu simpel sind die Stücke komponiert und arrangiert. Der minimalistische Beat von Beerbottle ist da schon die einzige Innovation. An dieser Stelle fragt man sich, warum sie nach dem Kracher-Album Language, Sex, Violence, Other Schritte zurück gegangen sind und warum der talentierte Gitarrenspieler Kelly Jones auf seine individuellen Gitarrensounds verzichtet. So verlieren die Stücke besonders an Druck und Could You Be The One kommt sogar ganz ohne Bass aus. Ein absolutes "No-Go" im Rock. Aber dennoch: Could You Be The One zählt mit seinen schönen Harmonien zu einem der besten Songs. Der Gesang und die positive Melancholie, die so bezeichnend für die Phonics ist, lässt das Herz höher schlagen und erinnert an die guten alten Zeiten. So auch Uppercut, das Beste Stück der neuen Platte, das wieder deutlich macht, warum die Phonics immer noch zu den besten Brit-Rock-Bands gehören.

Also bitte Kelly: Dreh den Amp mal wieder auf und steig aufs Fußpedal! Leider ist dieses Album eher sparsam geraten. Doch was bleibt ist die Hoffnung, denn Kelly und seine Freunde können es wesentlich besser. Das Stück Live'n'Love beschreibt das nochmal deutlich. Letztlich bleibt es ein Phonics-Album, das mit jedem Hören wächst und sicher besser ist, als vieles Andere da draußen.


Review: Marc Philipp Meyer

Erscheinungsdatum: 26. Februar 2010
Label: Mercury (Universal)

Website: www.stereophonics.com
Myspace: www.myspace.com/stereophonics

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MIDLAKE – The Courage Of Others




Pünktlich zum Frühlingsbeginn machen uns Midlake Lust auf Natur. Auf The Courage Of Others greifen die fünf Texaner sowohl thematisch als auch musikalisch in einen Farbtopf voller Grün- und Brauntöne; und übermalen die noch heiter wirkende Wand, die sie mit ihrem Vorgänger The Trials Of Van Occupanther hinterlassen haben. Die deutliche Referenz zu Neil Young, welche auf dem 2006er Album noch zu hören war, dient nunmehr nur noch als musikalischer Grundton auf dem naturalistischen Gemälde, welches Tim Smith und Kollegen gezeichnet haben.

Gesanglicher Minimalismus, barocke Mystik und die existenzialistischer Demut eines mittelalterlichen Mönches. Der Bezug zur asketischen Lebensauffassung ist beim neuen Credo von Midlake nicht weit hergeholt, beziehen sie sich mit ihrem Albumcover von The Courage Of Others auf Andrej Tarkovsky#s Filmklassiker Andrei Rublev, einen mittelalterlichen Ikonenzeichner und Mönch. Und das Quintett drängt uns weitere Referenzen auf. Neben Young und Tarkovsky reiht sich auch Johann Wolfgang von Goethe mit einem Zitat im Song Core Of Nature in die Inspirationskiste mit ein.

Den behaglichen Indiepop haben Midlake genauso verbannt wie Tim Smith die höheren Tonlagen seiner Stimme. Vielmehr zieht er seinen Kopf unter die Mönchskapuzze und betet. Zwei Jahre Exerzitien waren nötig bis Midlake die sentimentale Rückbesinnung auf das wirklich "Wichtige" gewagt haben. Mit The Courage Of Others haben sie einen Weg eingeschlagen, der Tim Smith auch textlich beschäftig hat. I Only Want To Be Left To My Own Ways oder With One More Year For A Man To Change His Ways macht Smith klar, dass es Zeit und Mut gebraucht hat, den neuen Weg zu gehen.

In einer Welt, die immer schneller nach vorne in Richtung Zukunft eilt, nehmen Midlake das Tempo komplett heraus. The Courage Of Others ist ein klangliches Biotop, dass sich mit dem popkulturellem Terminus "Retro" nicht bändigen lässt und auf dem sich Waldhexen, Feuerschamane und die Pioniere Gitarrenfolk der 60er die Hand reichen. Midlake haben eine großartige Zeitmaschine geschaffen, die in ihrer sakralen Verschlossenheit zahllose atemberaubende Momente für jeden Hörer bereithält.


Review: Matthias Hacker

Erscheinungsdatum: 29. Januar 2010
Label: Bella Union/Cooperative Music

Website: www.midlake.net
Myspace: www.myspace.com/midlake

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NILS FRAHM - Wintermusik




Nachdem Frau Holle in diesem Jahr anscheinend eine Bettenschüttelneurose entwickelt hat, ist "Winter" wohl ein (Un)Wort, das die meisten Menschen am liebsten zusammen mit den dicken Wollsocken in der untersten Schublade des Kleiderschranks verstauen würden. Nicht so Nils Frahm. Der junge Komponist nutzt die kalte Jahreszeit als Inspirationsquelle für sein Solo Piano-Debüt Wintermusik.

In seinen drei Stücken verleiht der Wahlberliner, der bereits auf Kollaborationen mit Künstlern wie Peter Broderick und Dustin O'Halloran zurückblicken kann, Väterchen Frost ein völlig neues Gesicht. Ambre hüllt sich in melancholische Pianoklänge, die an Pfützen auf dem Asphalt und Regentropfen vorm Fenster erinnern. Demgegenüber steht das verspielte Nue, in dem neben dem Klavier auch Harmonika und Percussions zum Einsatz kommen. Abgerundet wird die winterliche Musiklandschaft durch Tristana, das mit seinen siebzehn Minuten beinah alles zuvor gehörte verschlingt. Die Instrumentierung wird um eine Celesta erweitert, die Stimmung des Stückes schwankt zwischen der Leichtigkeit tanzender Schneeflocken und der leisen Schwermut eines ausklingenden Jahres.

Ursprünglich war Wintermusik als Geschenk für Verwandte und Freunde angedacht. Eine hübsche Idee, ein talentierter Komponist - und dennoch: Bei aller Schönheit und Fragilität vermisst man bei Wintermusik doch ein wenig die Abwechslung. Nach einer halben Stunde hat man die feinen Nuancen zwischen den Songs beinah vergessen. Vielleicht hätten ein oder zwei Stücke mehr hier für Abhilfe gesorgt. Vielleicht ist der Winter aber nun mal auch eine leicht monotone Jahreszeit, deren Stimmung Nils Frahm perfekt einzufangen wusste. In jedem Fall verleitet Wintermusik den Hörer dazu, sich eine halbe Stunde lang in seinen eigenen Gedanken zu verlieren. Aus dem Fenster heraus zu beobachten, wie Frau Holle weiterhin wie im Akkord Daunen aufschüttelt - und dabei auf den Frühling zu warten.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 12. Februar 2010
Label: Erased Tapes

Website: www.nilsfrahm.de
Myspace: www.myspace.com/nilsfrahm

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OCEAN COLOUR SCENE - Saturday




Wir erinnern uns alle noch an jene "Glory Days" des Brit-Pop irgendwann Mitte der 90er, als Oasis die neuen Retter des Rock 'n' Roll waren und mit ihren Kontrahenten Blur im Streit um den Platz als "Beste Band des UK" lagen. Jene Tage, als Bands wie The Bluetones, Pulp, Supergrass oder Elastica uns den Soundtrack unserer Jugend bescherten. Zu dieser Zeit machte auch eine Band aus Birmingham namens Ocean Colour Scene von sich Reden, die damals mit Moseley Shoals eines der besten Brit-Pop-Alben abgeliefert hat.

Heute, anderthalb Jahrzehnte später, ist Ocean Colour Scene eine der letzten Bands aus der 90er-Brit-Pop-Ära, die immer noch da ist und hartnäckig an den guten alten Zeiten festhält. Auch nach 20 Jahren ihres Bestehens haben die Mittvierziger ihren Ehrgeiz und ihre Leidenschaft nicht verloren und präsentieren mit Saturday ihr mittlerweile neuntes Studioalbum.

Auch auf ihrem neuesten Werk setzen Ocean Colour Scene weiterhin auf Altbewährtes und bleiben wie immer ihrem gewohnten Stil treu. Man hat bei Ocean Colour Scene immer ein wenig das Gefühl, als wäre die Zeit stehen geblieben, als würden wir immer noch das Jahr 1996 schreiben. Einige mögen dies als langweilig bezeichnen, andere schätzen aber eben genau das an dieser Band. So ist Saturday wieder ein typisches Ocean Colour Scene-Album mit schönen Melodien und eingängigen Refrains. Alles was das Brit-Pop-Herz begehrt und spätestens bei Just A Little Bit Of Love ist der Hörer wieder mittendrin in den 90ern. Zwar birgt das Album keinerlei Hits in sich - aber ich glaube diesen Anspruch ein Hitalbum zu schreiben, haben Ocean Colour Scene auch gar nicht mehr - dennoch gibt es durchaus einige Highlights wie der Titeltrack Saturday, Magic Carpet Days, Rockfield oder das bereits erwähnte Just A Little Bit Of Love.

Sicherlich ist Saturday kein herausragendes Album, aber dennoch ein Album, mit dem sie alle diejenigen alten Fans wieder begeistern werden, die in den 90ern mit ihnen aufgewachsen sind. Allen anderen wird dieses Album wahrscheinlich völlig egal sein.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 05. Februar 2010
Label: Cooking Vinyl

Website: www.oceancolourscene.com
Myspace: www.myspace.com/ocsmusic

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ÓLAFUR ARNALDS - Dyad 1909




Dyad 1909 ist ein modernes Ballet Wayne McGregors, das durch Shackletons Expedition zum Südpol inspiriert wurde und im Oktober 2009 in London Premiere feierte. Ólafur Arnalds übernahm die Aufgabe der musikalischen Umsetzung und schuf somit die Grundlage für die Tänzer.

Nicht alles, was Ólafur Arnalds auf dem Soundtrack zu Dyad 1909 präsentiert, ist neu. Við vorum smá..., Lokaðu augunum und 3326 seiner Studioalben Variations Of Static und Eulogy For Evolution interpretierte der Isländer auf Wunsch McGregors neu. Resultat ist eine EP, die den 23jährigen von einer überraschend dunklen Seite zeigt.

Arnalds lässt sich Zeit für den Aufbau einer Atmosphäre, die den Hörer durch ein Wechselbad der Gefühle schickt. Die Südpol-Expedition beginnt ruhig. Fast verträumt öffnet Frá upphafi die Tür zu sanften Piano- und Geigenarrangements, die den Hörer bei Lokaðu augunum umschmeicheln. Man fühlt sich sicher, geborgen. Der Schein trügt jedoch. Mit Brotsjór ändert sich die Grundstimmung schlagartig. Völlig unerwartet zerbrechen Drumcomputerschläge und Störgeräusche das Idyll. Anspannung macht sich breit. Ein Unbehagen, als stünde man im Dunkeln und wisse genau, dass dort draußen irgendetwas lauert. Nicht zwangsläufig personifiziert. Vielmehr könnte es sich auch um ein vergessenes Gefühl handeln oder um eine verdrängte Erinnerung. In dieser verliert sich Dyad 1909 auch im weiteren Verlauf, wenn Arnalds mit dem pianobasierten Við vorum smá... deutlich melancholischere Töne anschlägt. Das Pedant dazu liefert das verworrene Geflecht aus Geigen, das sich bei 3326 zu Verzweiflung und Schmerz aufzutürmen scheint, um mit Til enda wieder in Störgeräusche und Desolation zu verfallen. Mit ...og lengra endet die Expedition beinah versöhnlich. In nachdenklicher Wehmut.

Dyad 1909 ist eine Reise in obskure Klangwelten, die den Hörer packt und nicht loslässt. Eine Gratwanderung zwischen Unbehagen und Faszination. Die gekonnte Vertonung ambivalenter Emotionen. Einmal mehr beweist Ólafur Arnalds, dass er zu den Großmeistern instrumentalisierter Gefühle gehört.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 05. Februar 2010
Label: Erased Tapes

Myspace: www.myspace.com/olafurarnalds

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OK GO - Of The Blue Colour Of The Sky




Welche Band wurde für ihre Videos derart geliebt, gelobt, gehyped, dass ihre Musik in die nebensächliche Belanglosigkeit abdriftete. Klar, sie hatten es schon nicht leicht die Laufband-Akrobaten von OK Go. Doch die Spaßband der Nullerjahre ist Anfang der 10er nicht mehr wieder zu erkennen. OK Go witzeln und kokettieren nicht mehr mit ihren Hitparolen, welche die verlockende Möglichkeit aufboten als Schlachtrufe in Videogames und Teenyserien verkannt zu werden. OK Go wollten ihren Indie-Chamäleon-Panzer abstreifen und sich mehr durch diffizilere Musikalität im popkulturellen Diskurs positionieren. Dort beherbergt sie zwar schon der YouTube-Olymp, doch für die besseren Gemächer der Musikblogs hat es nicht gereicht. Und die erhaschten Lowbudget-Sympathien und Guitar Hero-Anhänger, welchen sie sich zu ergeben hatten, reichten ihnen nicht mehr aus.

Mit ihrem dritten Album Of The Blue Colour Of The Sky heben die vier Chicagoer Jungs wahrlich in buntere Sphären ab. Sie spielen sich an und in den verschiedensten Genres, vom Prince-Funk über Janes Addiction-Kracher zu Folkschnulzen und 80er beatigen Vokodernhymnen, deren Renaissance leider mit Air schon endete. Doch der dabei entstandenen "sound salad bowl" ist die Ernsthaftigkeit, in der OK Go ihre Songs nun wissen wollen, dermaßen anzuhören, dass nahezu jeder der dreizehn Songs in seiner steifen Verbissenheit zu Grunde geht.

Mit der gefährlichen Prämisse ein Prince-eskes Album zu schaffen, scheitern Damien, Tim, Dan und Nick eben an dessen perfekter Harmonie zwischen oversexeder Popattitüde und musikalischer Finesse. Und doch. OK Go, die in Vergangenheit durch verschiedenste - teils mehr teils weniger - gewitzte Marketingaktionen im Gespräch blieben, liefern trotzdem nach vier Jahren ein gutes Album ab. Denn sie zitieren einige Bands und Genres der jüngeren Musikgeschichte und scheitern daran – tun das aber gut. Denn wie singen sie schön selbsteinssichtig auf einer der Perlen des Albums: "All is not lost at all".

Stand ihr Bandname früher noch für die musikalische Leichtfüßigkeit und ihre künstlerische Spontaneität, ist OK Go heute vielmehr ein Versprechen auf lange Sicht – vielmehr ein Credo eben weiter zu gehen.

OK, dann auf geht's...


Review: Matthias Hacker

Erscheinungsdatum: 19. Februar 2010
Label: EMI

Website: www.okgo.net
Myspace: www.myspace.com/okgo

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FEHLFARBEN - Glücksmaschinen




Die Fehlfarben aus Düsseldorf als legendär zu bezeichnen ist sicher nicht übertrieben. Gegründet 1979 waren sie eine der wichtigsten Bands der ersten (und wahren) NDW. Ihr erstes Album Monarchie und Alltag (1980) gilt als Meilenstein und ist definitiv eine der besten und einflussreichsten deutschsprachigen Platten aller Zeiten. Ihren von Funk und Ska beeinflussten Post-Punk-Sound haben sie über die Jahre und auf vielen weiteren Alben weitgehend beibehalten, konstant (gut) könnte man ihn nennen. Die Klasse von Monarchie und Alltag wurde allerdings nie wieder erreicht. Glücksmaschinen ist der nächste Versuch. It was acceptable in the 80s?!

Zum bombastischen Gelingen von Monarchie und Alltag hat der politisch hochaufgeladene Zeitgeist der frühen Achtziger nicht gerade wenig beigetragen. Der aggressive Sound und Peter Heins Textmanifeste waren der Soundtrack einer ganzen Bewegung. Von den weiteren Fehlfarben-Alben bis heute - und damit sind wir bei der aktuellen Platte - fehlte diese "Bewegung" allerdings irgendwie, das Setting war ein anderes. Die Guten (wir) und die Bösen (die anderen) sind heute sicherlich nicht mehr die gleichen wie noch 1980. Es gäbe viel zu debattieren und zu kritisieren, nicht wenige tun dies auch. Aber lassen wir das alles einfach mal beiseite und geben uns den alten Helden hin. Mit ein bisschen Optimismus und Beigeisterung lässt sich dann durchaus sagen: Das klingt doch fast so gut wie damals!

Der äußerst 80er-reminiszente Sound wirkt dabei so frisch und kein Stück retro, dass sich so manche New New Wave Band ein gehöriges Stückchen abschneiden könnte. Mehr muss man da gar nicht sagen, völlig legitim. Höhepunkte sind Neues Leben und Im Sommer, wobei kein Track wirklich negativ aus der Reihe fällt. Auch textlich zeigt Peter Hein wieder mal seine große Klasse. Wenn natürlich auch nicht mehr so schnittig und...ok, Schluss mit den Vergleichen. Politdisko, die niemand kopieren kann. So leidenschaftlich und mitreißend hat sich in letzter Zeit niemand mit aktuellen Politika wie Bankenkrise (Aufgeraucht), Social Networks (Vielleicht Leute 5) und anderem Blödsinn (Respekt?) auseinandergesetzt. Ja, das alles kommt von 50-jährigen. Die übliche Kritik von jüngeren, jedoch spießigeren Typen kann man anderswo nachlesen. Rock-Opis hört man auf dieser Platte nicht, die sieht man nur auf den Fotos. Glücksmaschinen könnte auch von jüngeren Semestern kommen, schade eigentlich, dass dem nicht so ist. Die Fehlfarben sind immer noch da, besser denn je. "Oh wie erhebend, dass wir das noch erleben."


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 12. Februar 2010
Label: Tapete Records

Website: www.fehlfarben.com
Myspace: www.myspace.com/fehlfarben

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THE BLACK BOX REVELATION - Silver Threats




"You really got me!" Ja, denn ähnlich wie bei den Anfängen der Kinks ist auch diese Platte ist echt gut und sie strotzt vor authentischem Rock'n'Roll. Und das ganz ohne Bass. Also wieder so ein Rock-Duo mit Drums und singendem Gitarreo? Ja, aber diesmal ist es wieder eine Gute. Doch warum genau und was haben The Black Box Revelation mit den Kinks zu tun?

Erst einmal ist es die Tatsache, dass die zwei Belgier ihre zweite Platte in dem von Ray Davies eröffneten Londoner Konk Studio aufgenommen haben. Und sicher ist es auch die Energie dieser beiden Musiker und die Gitarren, die an die alten Kinks erinnern, als diese sich noch Stecknadeln in die Amps gesteckt haben, um einen raueren Sound zu bekommen. Bei Sänger und Gitarristen Jan Paternosten sind es zwar keine Stecknadeln mehr, aber eine Fülle von Effekten, die seinem Gitarrenspiel einen ähnlich klirrenden Sound verleihen. Sein Gitarrenspiel ist schon bewundernswert, wenn man ihn live und auf Platte spielen hört. Where Has All This Mess Begun verblüfft mit catchigen Hooks und einer Gitarre, die gleichzeitig Solo und Rhythmus spielt. Das ist schon faszinierend, denn Jan bedient sich keiner Overdubs. Sein Spiel ist auf dem Blues aufgebaut und erinnert an einen Mix aus Muddy Waters, Jimmy Page, Keith Richards und Dave Davies. Gewagte Assoziation? Hört es Euch an. Die Stimme erinnert auch noch stellenweise an Liam Gallagher. Also mal gleich die Platte kaufen? Warum nicht! Sicher ist das alles schon mal gewesen und sicher klingen auch viele Duos gleich, da die Möglichkeiten zu Zweit zu musizieren eingeschränkt sind, aber was hier überzeugt ist die Energie! Songs wie High On Wire und Run Wild entfachen ein echtes Rock'n'Roll Feuer. Und das zu zweit zum Brennen zu bringen, ist schon eine Kunst!

Dazu kommt, dass dieses Duo noch Platz für schöne Melodien hat. So ist Sleep While Moving ein echter Ohrwurm, der sich neben dem ganzen rotzigen Rock'n'Roll gut macht! Doch was bleibt ist der letzte überzeugende Eindruck von Here Comes The Kick, einem neunminütigem epischen Finale, das wieder deutlich macht: "You really got me".


Review: Marc Philipp Meyer

Erscheinungsdatum: 05. Februar 2010
Label: T For Tunes (PIAS)

Website: www.blackboxrevelation.com
Myspace: www.myspace.com/theblackrevelation

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LOS CAMPESINOS! - Romance Is Boring




Als Los Campesinos! 2008 ihr Debütalbum Hold On Now, Youngster... veröffentlichten, wurden sie mit musikalischen Lorbeeren nur so überhäuft. Die Kritiker lobten den frischen und experimentellen Sound der Band, die den Einsatz von Bläsern und Glockenspiel für sich zur Kunst erhoben hatte. Noch im selben Jahr veröffentlichten die sieben walisischen "Bauern" den Nachfolger We Are Beautiful, We Are Doomed. Für ihr drittes Album Romance Is Boring haben sich Los Campesinos! mit zweijähriger Entwicklungsphase etwas mehr Zeit gelassen.

Ihre Experimentierfreude und Energetik hat das Septett auch auf ihrem aktuellen Longplayer nicht verloren. Im Gegenteil. Es wird geschraubt, geschraddelt und gefrickelt, dass dem Hörer spätestens zur Halbzeit des Albums der Schädel brummt. Der Grat zwischen Kreativität und Chaos war selten schmaler als hier. Es kommt, wie es kommen muss: An einigen Stellen treten Los Campesinos! gehörig daneben. Man fragt sich, ob die Band inmitten ihres enthusiastischen Spieltriebs überhaupt noch den Wald vor lauter Bäumen erkennt. Zumindest der Hörer geht streckenweise im Instrumentendickicht verloren. Höhepunkt dieser musikalischen Irrfahrt ist Plan A, das jeglicher Melodik und Harmonie entbehrt. Glücklicherweise finden Los Campesinos! eben diese in Songs wie We've Got Your Back (Documented Minor Emotional Breakdown #2) oder A Heat Rash In The Shape Of The Show Me State Or Letters From Me To Charlotte wieder. Und auch melancholisch streicherumwobene Tracks wie Who Fell Asleep In oder The Sea Is A Good Place To Think Of The Future funktionieren ausgesprochen gut. Dies sind kleine Perlen des Albums. Wegweisende Laternchen im düsteren Unterholz einer Platte, die sich laut Band textlich mit "Tod und Zerfall des menschlichen Körpers, Sex, verlorene Liebe, Nervenzusammenbruch und Fußball" auseinandersetzt.

Wenn Coda: A Burn Scar In The Shape Of The Sooner State als letzter Song mit einem allumfassenden Synthie-Rauschen ausklingt, beschleicht den leicht desorientierten Hörer die Frage, wie viele unterschiedliche musikalische Reize das menschliche Hirn aufnehmen kann, bevor die grauen Zellen schwarz werden. Los Campesinos! muten den Synapsen mit Romance Is Boring doch einiges zu. Um die gesamte Bandbreite des Albums aufnehmen zu können, seien an dieser Stelle dringlichst weitere Hördurchläufe empfohlen! Dann nämlich beginnt Romance Is Boring trotz aller Brüche und Unstimmigkeiten Spaß zu machen.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 29. Januar 2010
Label: Cooperative Music

Website: www.loscampesinos.com
Myspace: www.myspace.com/loscampesinos

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OWEN PALLETT – Heartland




Mit seiner neuesten Veröffentlichung Heartland legt Owen Pallett zu Gunsten seines eigenen Namens das Alterego Final Fantasy ad acta. Ganz entsprechend der Wende hin zu persönlicheren Texten und dem allgemeinen Gefühl, dass der kanadische Ausnahme-Violinist und Songwriter mit Heartland endlich sein Projekt, sein geistiges Kind gefunden hat, das all seine künstlerischen Leistungen der Vergangenheit um Welten überflügelt. Und was für eine Leistung Heartland ist: Die eigenen Ansprüche Palletts scheinen von Album zu Album zu steigen. Glänzten seine beiden Final-Fantasy-Platten zwar schon durch ausgefeilte Folk-Pop-Songs mit einem Hang zu elektronischen Strukturen und klassischen Kompositionstechniken, liegt mit Heartland nun ein klassisch-orchestriertes Konzeptalbum eines Electro-Tüftlers vor, der hiermit alles vorangegangene wie ambitionierte Fingerübungen erscheinen lässt.

Pallett ist es gelungen durch Melodien zwischen Empathie und Dramatik eine völlig neue Welt zu erschaffen und (paradoxerweise) ermöglicht eben jene opulente, aber in keinem Fall schwülstige Welt seinen Sounds überhaupt erst, warme und zugleich doch auch ungemütliche Gefühle zu transportieren. Wie von Pallett gewohnt, schichten sich die einzelnen Klänge seiner Violine übereinander, die echten Instrumente der tschechischen Philharmoniker brummen wie alte Analog-Synthies. Die Luft knistert, die Spannung steigt, ohne sich jemals wirklich zu lösen. Disharmonien verwandeln sich immer wieder in Wohlklang. Wir durchleben Höhen und Tiefen, die von innerer Zerrissenheit zeugen. Und über allem liegt diese unterschwellige Unruhe, aus der uns nur Palletts einschmeichelnde Stimme holen kann.

Textlich machen es uns die Themen Palletts etwas einfacher. Es geht um die großen Themen der Menschheit: Begierde, Liebe und Selbstfindung. Es gibt Momente der innigen Erkenntnis, tiefe Krisen des Glaubens, den völlige Verlust der Hoffnung und den Glauben an große Mächte, die das Leben lenken. Pallett zerstört sich mit jeder Note ein wenig selbst, um sich neu zu erfinden, und taucht diese Seelenreise in eine herrliche Soundkulisse. Heartland wird nicht umsonst als Zyklus bezeichnet, denn das verbindende Glied der zwölf Songs ist nicht nur das harmonische Klangbild, sondern auch die Geschichte dahinter, deren kleine, versteckte Anspielungen eigens ein Buch füllen könnten. Aus der Perspektive des jungen Farmers Lewis durchstreifen wir das fiktive Land Spectrum, erleben in einem filmreifen Spannungsbogen wie er sich seinem Schöpfer Owen(!) bewusst wird, darauf seine Frau tötet und die Kinder verlässt, um sich auf eine Reise durch eine imaginäre Welt zu begeben, um seinem Schöpfer gegenüber zu treten.

Das klingt alles nach schwerer Kost. Auf Heartland entwickelt Pallett klassische Vorbilder geistvoll weiter und geht dabei überhaupt nicht verkopft, sondern sehr klangsinnlich zu Werke. Pallett bietet großes Theater der aufwallenden Gefühle. Auf der einen Seite zuckersüß-gekünstelt, auf der anderen mit scharfen Kanten. Man kann Heartland hassen oder lieben (lernen), doch gleichgültig lassen wird es niemanden. Wer in Palletts Welt eintaucht, könnte von Heartland ebenso zerrissen werden wie Lewis - und so am Ende doch zu sich selbst finden. Palletts Drittwerk mag sich dem üblichen Popgenuss verschließen, doch es ist großes Kino für die Sinne. Ein Songzyklus, bei dem Pallett stolz sein kann, seinen eigenen Namen auf dem Cover zu lesen.


Review: Katrin Reichwein

Erscheinungsdatum: 22. Januar 2010
Label: Domino Records

Website: www.owenpalletteternal.com
Myspace: www.myspace.com/owenpallettmusic

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TOCOTRONIC – Schall & Wahn




Damit wäre die sogenannte Berlin Trilogie komplett. Nach Pure Vernunft... und Kapitulation folgt jetzt der dritte Teil der mit Moses Schneider in Berlin aufgenommenen Reihe. Dass es sich bei dieser Folge lediglich um eine Entwicklung handelt, die erst bei ihrem Abschluss offensichtlich geworden ist und letztendlich nur ein Spaß in Anlehnung an David Bowie ist, scheint dabei ganz gut ins Konzept zu passen, wie die Band selbst verlauten lässt. Schließlich handelt es sich bei Schall & Wahn tatsächlich um ein Album, das sich bei den Vorgängern einreiht, aber dennoch eigenständiger kaum sein kann, so wie man es von einer Band wie Tocotronic gewohnt ist.

Klang und Stimmung des Albums passen durchaus zu den beiden zuerst genannten Alben, aber trotzdem schlagen Tocotronic allen Erwartungen zum Trotz und unterstützt durch orchestrale Instrumente inhaltlich erneut in eine neue Kerbe, was jedoch so in der Form auch schon wieder aus einer gewissen Erwartungshaltung heraus vorherzusehen war. Auch wenn es sich um eine Trilogie handeln mag, wiederholen sie sich in keinster Weise. So bieten sie auf Schall & Wahn den Kritikern, die sie jedes Mal lobend als ernstgenommenste Band Deutschlands darstellen und gleichzeitig kritisch zu interpretieren versuchen, wie immer jede Menge Diskussionsstoff. Es läuft ab wie immer: Das Album erscheint, die Kritiker aller großen Zeitungen versuchen die Band und ihre Texte zu deuten und dann kommen Tocotronic daher und negieren alles.

Daher bleibt festzuhalten, wie sich Tocotronic selbst zu ihrem neuen Werk äußern, bzw. was der Pressetext tatsächlich hergibt: "In zwölf hell und finster leuchtenden Liedern entwerfen Tocotronic eine wahrhaft infernalische Welt, die von Liebe und Verbrechen beherrscht wird, vom Guten wie dem Bösen. Sie erzählen von der Ambivalenz des Schmerzes und von wohlbekannten Lastern wie Neid, Feigheit und Gier." Was Tocotronic dabei auszeichnet, ist wieder einmal ihre ganz eigene Wortwahl und die damit verbundene Umsetzung dieser angesprochenen Themen, die keineswegs platt, sondern auf eine für Tocotronic typische Art und Weise lyrisch – mitunter sogar recht humorvoll – dargeboten werden. Bei weiterer Lektüre des Pressetextes erfährt man, wie der Albumtitel bereits vermuten lässt, dass es sich vor allem um "ein Album über Musik" handelt. "Über die Kraft des Schalls...zu erklingen, sich auszubreiten und uns fort zu tragen, dem Flug der Töne zu folgen, wohin auch immer."

Letzten Endes kam man nur empfehlen, sich darauf einzulassen und zu versuchen dem Flug der Töne zu folgen, andernfalls wird man wohl nie erfahren, wohin er einen führen wird. – Wo er Tocotronic hinführt hat sich jedenfalls schon gezeigt, als sie von Null auf Eins in die Album-Charts gestiegen sind. So kann es weitergehen.


Review: Axel Schinkel

Erscheinungsdatum: 22. Januar 2010
Label: Rock-O-Tronic/Vertigo (Universal)

Werbsite: www.tocotronic.de
Myspace: www.myspace.com/tocotronic

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THESE NEW PURITANS - Hidden




Mit ihrem Debütalbum Beat Pyramid, das sich Genrezuschreibungen im allgemeinen und der Neo-Post-Punk Schublade im besonderen mehr als nur entgegenstellte, haben These New Puritans schon 2008 eine beachtliche Ansage gemacht. Unbeirrt führen sie mit Hidden ihre Mission nun fort, einem waschechten Bastard. Gitarren sind von gestern!

In erster Linie dreht sich hier alles um Beats, Beats und nochmal Beats. Von Rock keine Spur, dafür ein düsterer Mix aus Dancehall, Dubstep, HipHop und wilder Schlagzeug-Action. Das ganze wird umhüllt und durchdrungen von einer gewaltigen Menge an Holz-, Blechblas- und Streicherarrangements und Chorgesängen, die in den einzelnen Tracks auftauchen und an anderer Stelle wieder gesamplet werden. Schon der Opener Time Xone und ein paar Interludes lassen einen mehr an ein Orchester der Romantik als an eine englische Rockband denken. Da gibt es keine Strophen und Refrains, höchstens sich monoton wiederholende Phrasen, keine Riffs und keine wiederkehrenden Melodien. Hinzu kommt noch der eigenwillige (Sprech-)Gesang von Mastermind Jack Barnett, und damit dürfte klar sein: Vom Format "Popsong" und einem Album voller Hits wollen These New Puritans nichts wissen.

Stattdessen werden nach Beat Pyramid ein weiteres Mal die Belastbarkeitsgrenzen des Zuhörers ausgelotet. Natürlich ist diese Platte von unhörbarem, avantgardistischem Industrial-Geräusch-Krach weit entfernt, jedoch verlangt Hidden ein vergleichbar erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit, sonst rollt diese ambitionierte und ausgeklügelte Musik wie eine Panzerkolonne an einem vorbei. Aufspringen, roll with it! Musikhören muss manchmal auch etwas anstrengend sein, sonst würde einem zuviel große Kunst komplett entgehen. Ebenfalls bewundernswert, wie diese junge Band auf Trends pfeift und ihre eigenen Bahnen zieht. Man darf gespannt sein, wohin das noch führen kann.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 15. Januar 2010
Label: Domino Records

Website: www.thesenewpuritans.com
Myspace: www.myspace.com/thesenewpuritans

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DELPHIC - Acolyte




Als Delphic im letzten Jahr Bloc Party supporteten, sorgte das aus Quartett aus Manchester für große Augen und offene Ohren. EP Counterpoint machte den neu gewonnnen Fans den Mund wässrig. Nun erscheint mit Acolyte endlich der lang ersehnte Longplayer der Band.

Das Rezept von Acolyte ist raffiniert einfach: Man nehme wavige Synthesziser, würzt diese mit zackigen Beats und heraus kommt ein schmackhaftes Süppchen tanzbarer Popsongs. Weder die Idee, noch die Töne dahinter sind wirklich. Schnell erinnert der Sound an eine Melange aus New Order, den Pet Shop Boys und einer Prise Bloc Party. Dies ist in kleinster Weise verwerflich. Niemand erfindet das Rad neu und warum sollte man ein Konzept verändern, das schon seit Jahren für eine begeisterte Hörerschaft sorgt? Viel enttäuschender ist der Fakt, dass es Delphic nicht ganz gelingen will, jene Energetik, die sie auf der Bühne versprühen, auch auf Polycarbonat zu bannen bzw. die Aufmerksamkeit des Hörers über 10 Stücke hinweg zu halten.

So rasant die EP Counterpoint voraus preschte, so schnell geht Acolyte die Puste aus. Schuld daran ist nicht die mangelnde Geschwindigkeit. Delphic jagen ihre Songs mit 200 Umdrehungen durch die Lautsprecherboxen, stets auf der Suche nach dem perfekten Popsong wie es scheint. Es piept und surrt, es brennt die Luft. Mit Tracks wie This Momentary oder Halycon setzt das Quartett auch durchaus Akzente, die für ein angenehmes Nachtfieber-Feeling sorgen. Was Acolyte jedoch fehlt, ist das Gespür für Variation und Flexibilität. Die Tracks wirken wie in ein zu enges Korsett verkopfter Perfektion geschnürt, das dem Album mehr Starre als Rückhalt verleiht. Vom anfänglichen Funkenflug bleibt nach einer knappen Stunde mehr Rauch als Schall zurück.

Den perfekten Popsong finden weder Delphic noch der Hörer auf Acolyte. Vielmehr sind es Skizzierungen und Anrisse dessen, was irgendwo unter der Oberfläche aus wummernden Beats und flirrenden Synthies brodelt. Leider tauchen Delphic nicht tief genug ab, um eben diese Schätze zu bergen. Was unterm Strich auf dem Plattenteller übrig bleibt, ist ein Album, das weder Fisch noch Fleisch ist. Es wird eben doch nichts so heiß gegessen, wie's gekocht wird.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 29. Januar 2010
Label: Cooperative Music

Website: www.delphic.cc
Myspace: www.myspace.com/delphic

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TOMMY FINKE - Poet der Affen / Poet Of The Apes




Darf's auch ein bisschen mehr sein? Bei Tommy Finke ist "ein bisschen mehr" nicht weniger, als das Zweifache. Sein neues Album Poet der Affen / Poet Of The Apes erscheint als musikalisch doppeltes Lottchen in einer deutschen und einer englischen Ausgabe.

Die Grundidee, als deutschsprachiger Künstler einen Longplayer in einer englischen Version zu veröffentlichen, ist gewiss spannend - wenn auch nicht unbedingt neu. Tommy Finke hat den Versuch gewagt und einen Schritt weiter geführt. Novum ist die zeitgleiche Veröffentlichung beider Platten in Form eines Doppelalbums. Von der Idee an sich mag man halten, was man will. Was für die meisten eine Form der Vermarktung darstellt, hat für den Bochumer schlichtweg den praktikablen Hintergrund, nichtdeutschsprachigen Fans eine verständliche Alternative seiner Texte anzubieten. Das Experiment ist geglückt. Die Songs von Tommy Finke finden auch in Englisch mühelos ihren Weg in den Gehörgang. Keine brüchigen oder gar peinlichen Formulierungen, keine hackeligen Übersetzungen. Vielmehr entwickeln die Tracks trotz kongruenter Instrumentalspuren ihren eigenen Charme und ihre eigene Identität.

Textlich zeigt sich Tommy Finke nach wie vor als reflektierter Jungerwachsener, der seine Welt mal nachdenklich melancholisch, mal ironisch augenzwinkernd beobachtet. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse teilt er mit seinen Hörern. Im kleinen gemütlichen Rahmen eines liebevoll aufbereiteten Digipaks. Besonders gelungen sind dabei Songs wie Die Tiere suchen, Es kommt kein Schiff oder Die Arroganz der Gosse. Der Sound ist reduzierter, vieles dreht sich um das simple wie schöne Zusammenspiel aus Gitarre und Gesang. Unüberhörbar sind dabei die Einflüsse von Oasis, derer sich Tommy Finke bedient. Warum auch nicht? Das Talent borgt, das Genie stiehlt und sowieso und überhaupt hat der Bochumer nie einen Hehl aus seiner Vorliebe für die Parade-Mancunians gemacht.

Laut Finke selbst sollte "die Platte den Charme des Unperfekten haben". Oasis zogen vor einiger Zeit den Umkehrschluss: "True perfection has to be imperfect." Alles richtig gemacht, Herr Finke!


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 29. Januar 2010
Label: Roof Music

Website: www.tommy-finke.de
Myspace: www.myspace.com/tommyfinke

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EELS – End Times




Gerade mal sechs Monate ist es her, dass die Eels Hombre Lobo veröffentlicht haben und nun blicken uns die traurigen Augen einer in dunklen Blau-, Schwarz- und Grautönen gezeichneten älteren männlichen Person vom Cover des neuen Eels-Albums entgegen. Diese ohnehin schon besonders kurz wirkenden sechs Monate zwischen den Alben werden noch kürzer, wenn man bedenkt, dass das Album vor Hombre Lobo auf das Jahr 2005 zurückgeht. – Von den Veröffentlichungen der beiden Live-Alben, der beiden B-Seiten- und Raritäten-Sammlungen und des Best-Of-Albums mal abgesehen. – Nun ein halbes Jahr später scheint Mark Oliver Everett aka E also wieder genug Output zu haben und macht – nachdem er zwischenzeitlich ein Buch geschrieben und einen Dokumentarfilm über seinen Vater gedreht hat – wieder mit vollem Tatendrang das, was er als seinen Job bezeichnet.

Sein neues Werk nennt sich schlicht und einfach End Times. Und der Name ist Programm. Wo Hombre Lobo uns Geschichten aus der Sicht einer fiktiven Person erzählte, werden bei End Times Geschichten aus dem wahren Leben zum Ausdruck gebracht und dass Everett erst kürzlich eine Scheidung hinter sich hat, trägt unabwendbar einen großen Teil dazu bei. So handeln ausnahmslos alle Songs vom Ende einer Beziehung und/oder vom Alleinsein. Mal ist es eine simple Situationsbeschreibung wie in The Beginning oder A Line In The Dirt, mal eine schlichte Hinwendung zur Trauer wie in In My Younger Days, mal eine Expression purer Wut wie in Unhinged und mal fehlerlos vertonte Einsamkeit wie in Little Bird. Abgerundet wird das Thema letztlich mit dem Song On My Feet, in dem der Protagonist erkennt: "I just gotta get back on my feet".

Trotz dieses auf den ersten Blick relativ eng abgesteckten Themas gelingt es Everett wie beispielsweise in Nowadays dennoch das Ganze durch weitere Inhalte, wie dem Werteverfall der Gesellschaft, zu erweitern, indem er sein eigenes Scheitern und seine Situation in einer allumfassenden Weise zum Ausdruck bringt, der man sich nur schwer entziehen kann.

Aber nicht nur den Texten kann man sich schwer entziehen. So ist dieses Album, wie es passender nicht sein kann, recht spärlich instrumentiert und kommt über weite Strecken nur mit Gitarren- und Pianobegleitung aus, was kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass Everett einen großen Teil der Lieder zuhause mit einem Vierspurgerät selbst aufgenommen hat. Das Ergebnis kann sich auf jeden Fall mehr als nur hören lassen und ist aus meiner Sicht bereits jetzt definitiv eines der besten Alben des Jahres 2010!


Review: Axel Schinkel

Erscheinungsdatum: 22. Januar 2010
Label: Cooperative Music

Website: www.eelstheband.com
Myspace: www.myspace.com/eels

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GET WELL SOON – Vexations




"It was a bright and beautiful morning in spring...". Das Präludium von Vexations lässt einen bereits ahnen, dass derartiges Kleinod nicht ewig währen kann. Das zweite Get Well Soon-Album Vexations (deutsch: Ärgernisse) ist eine Auseinandersetzung mit der Auseinandersetzung. Ein musikalisches Traktat über die Angst vor dem Vergehen und der Versuch, sich mit den Urzweifeln zu arrangieren. Es hat an sich selbst den Anspruch ein philosophisches Album zu sein. Es ist ein Opus über den Stoizismus, ein Werk wider den Fixsternen.

Get Well Soon, sprich Konstantin Gropper, reflektiert dabei offensichtlich selbst über seinen kometenhaften Aufstieg nach seinem Sensationsdebüt Rest Now Weary Head.... Das Misstrauen gegen den Hype um die eigene Person als Ausgangspunkt nehmend, ersingt sich Gropper mit sonorer Stimme den Raum der großen Fragen. Das klingt verkopft und ist es auch. Vexations ist ohne Frage sperrig. Die epischen Arrangements mit Streichern, Bläsersätzen, Xylophonen, Chor erscheinen anfänglich arrogant, die Melancholie narzisstisch und anmaßend. Die Platte zu erschließen, bedarf einiger Geduld. Doch lohnt der Moment, in dem man, gepackt von einem Strudel aus schonungsloser Harmonie und herrlicher Düsterkeit, sich diesem ergreifenden, zynischen Fatalismus vollkommen ergibt.

Das "German Wunderkind" (NME) überrascht mit diesem mutigen Zweitlingswerk. Vexations ist ein Konzeptalbum, das verstören und spalten wird. Pathos, Freunde!


Review: Maximilian Sippenauer

Erscheinungsdatum: 22. Januar 2010
Label: City Slang

Website: www.youwillgetwellsoon.com
Myspace: www.myspace.com/youwillgetwellsoon

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ER FRANCE - Pardon My French, Chéri!




Aus zwei mach vier. Das ehemalige deutsch-französische Duo bestehend aus Sängerin Isabelle Frommer und Gitarrist André Tebbe hat musikalischen Zuwachs bekommen. Ab sofort gehören Bassist Daniel Decker und Schlagzeuger Janosch Brenneisen zum festen Kader der Band. In dieser Konstellation präsentieren Er France dieser Tage ihren aktuellen Longplayer Pardon My French, Chéri!.

Bereits die ersten Minuten machen klar, dass sich die personenspezifischen Neuerungen bei Er France mehr als bezahlt machen: Pardon My French, Chéri! strotzt nur so Frische. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt in dem leichten Punk-Odeur, das die Songs umweht. Trotz der Energetik bleiben Er France dem Konzept tanzbarer Indie-Pop-Songs treu. I Hate That Part bedient sich passagenweise bei Teenage Kicks der Ramones und stülpt dem knarzigen Punkgrundgerüst ein swingendes Gewand über, das an beatleeske 60s-Zeiten erinnert.

Überhaupt präsentiert sich Pardon My French, Chéri! sehr heterogen und ausgewogen. So sind Er France nach wie vor der Mischung aus französischen und englischen Textpassagen sind Er France treu geblieben - auch, wenn diesmal der englische Sprachanteil innerhalb der Texte größer ist. Der geschickt platzierte Einsatz additionaler Instrumente wie Bläser, Synthies oder Glockenspiel sorgt für Abwechslung. Nicht zu vergessen Isabelle Frommers Stimme, der mühelos der Spagat zwischen juveniler Rotzigkeit und mädchenhaftem Charme gelingt.

Pardon My French, Cheri! bedeutet übersetzt so viel wie Entschuldige, dass ich dich so übel beschimpft habe, Schatz!. Wenn die musikalischen Beschimpfungen von Er France grundsätzlich so tanzbar ausfallen, wie ihr drittes Album, dann gilt es zu hoffen, dass sie noch einige davon in petto haben. Und entschuldigen muss sich das frischgebackene Quartett dafür mit Sicherheit auch nicht.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 22. Januar 2010
Label: Lolila

Website: www.erfrance.de
Myspace: www.myspace.com/erfrance

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BAND OF SKULLS - Baby Darling Doll Face Honey




OK, wer an diesen queren Bandnamen denkt, assoziiert Schwermetaller und schwarze Bandshirts mit Totenköpfen unter der Kutte. Aber falsch, Band Of Skulls sind die englischen White Stripes, mit einer genau so queren Erfolgsgeschichte. Ihre Debüt-Single I Know What I Am verkaufte sich satte 400.000 Mal auf I-Tunes und das waren sicher nicht nur Kuttenträger. Dahinter versteckt sich also auch irgendwie die Popmaschinerie. Und so ist es auch, denn die Band aus Southamptom, dessen Sänger und seine Gitarre klingt wie Jack White, findet sich auch auf dem Soundtrack des neuen Vampire-Hype-Films Twilight wieder. Bereits vor Release ging ihr Stück Friends sogar in die Deutschland auf Platz 3 der Charts. (Man fragt sich nur, warum Friends nicht auf dem Debüt enthalten ist.) Blitzstart und Erfolgsgeschichte? Scheint so, klingt aber eher nach Achterbahn und wird sich nicht lange halten. Denn dafür sind die Band of Skulls nicht individuell genug. Sicher gibt es hier mit Fires einen exzellenten Song, der mit fantastischen Harmonien, zwingender Dynamik und einem herzzerreißenden Duett-Gesang brilliert, doch irgendwie scheint alles ein wenig eklektisch.

Am besten klingen Band of Skulls noch, wenn sie ihre ruhigen Stücke wie Blood (zusammen mit Fires das beste Stück des Albums) und Honest spielen, bei denen die wunderbar einfühlsame Stimme von Bassistin Emma Richardson zur Geltung kommt. Dies klingt unglaublich authentisch, aber dieser gewollte Stripes-Rock'n'Roll rollt nicht und klingt irgendwie gezwungen. Diese Engländer bedienen sich einmal bei den White Stripes (Light Of The Morning), dann bei Isaac Hayes (I Know What I Am), um dann noch als Schmankerl es (mit Patterns) auch den aktuellen Elektro-Freunden recht zu machen. Sorry, aber für mich sollte die Band der Knochen lieber ruhiger agieren und sich umbenennen.

Was allerdings neben all diesen Dingen überzeugt, ist, dass Erfolg der Band of Skulls gar nicht wichtig zu sein scheint, da sie einen Auftritt der Band Sea Wolf einer Filmpremiere und eventuellen Auszeichnung vorzogen. Und das klingt schon eher nach Rock'n'Roll...


Review: Marc Philipp Meyer

Erscheinungsdatum: 22. Januar 2010
Label: Warner

Website: www.bandofskulls.com
Myspace: www.myspace.com/bandofskulls

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POPULAR DAMAGE – The Royal Fly




Großartigen Schaden will das Dreiergespann aus Berlin eher nicht anrichten wenn es mit ihrer neuesten EP die Tanzflächen befeuert. Die ein oder anderen blauen Flecken und zerbrochene Bierflaschen könnte es aber dennoch geben in den Clubs, wo sich die Kids "Indie" und "Electro" in die Fresse tätowiert haben. Dort wird nämlich nicht nachgefragt, sondern man lässt sich rocken. Und das funktioniert ganz gut.

Entstanden sind Popular Damage 2007 aus zwei Berliner Bands, Last Call For Disco und LUX, und setzen sich zusammen aus Fabian (Drums), Stephan (Bass) und Sängerin Nadine (außerdem Gitarre und Sampler). Nach einigen EPs und gar nicht mal so schlechten Remixes für Zoot Woman, Digitalism und Miss Platnum kommt diese EP nun allerdings ziemlich unaufregend daher, wenn man sich das Ganze im gemütlichen Wohnzimmersessel anhört – im Club ändert sich bestimmt viel, man kennt das ja. Um den Sound grob zu verorten: Von Homework von Daft Punk bis zum Digitalism Album und einigem, was dazwischen so passiert ist; kommt einem schon ganz schön vertraut vor das alles. Der Gesang holt dann auch noch Uffie und La Roux mit ins Boot. Besonders originell klingt The Royal Fly also nicht. Tracks wie Exclusive und Savvy In Newby lassen einen mit Piepmelodien und 8-Bit-Sounds dann auch noch an MGMT oder The Postal Service denken, und dann schmeisst man das Ding entweder weg oder lässt es noch ein paar Mal laufen. Vor allem letztgenannte Songs machen am Ende schon ganz gut Spass.

Everybody Got Young gibt's in drei Ausführungen: Der Double Dragon Remix kommt ziemlich billig und geht im Hall baden, der Original-Mix ist schön laid-back und der Fukkk Offf Remix knarzt ordentlich im Tech House-Gewandt. Auch die zwei Versionen von Easy Money können was, und eifern fleißig den großen Brüdern und Schwestern von Ed Banger und Kitsuné nach. Manche wollen den New Rave einfach bis in alle Ewigkeit feiern. Die mit den Neonstäben im Maul entscheiden letztlich, ob das hier jetzt wirklich genug taugt.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 11. Dezember 2009
Label: AWAL

Myspace: www.myspace.com/populardamage

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ANAJO - Anajo und das Poporchester




Anajo und das Poporchester heißt das neue Album des Trios aus Augsburg. Die Tapete Band, die auch schon ihr Bundesland Bayern bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest vertrat, feiert ihr zehnjähriges Bandbestehen mit einem "Best of Album". Die Augsburger Indiepopper haben sich 26 klassische Orchestermusiker ins Studio eingeladen und gemeinsam ihre "Anajoklassiker" in frische und poppige Orchestergewänder gepackt. Dabei haben es die drei Musiker geschafft, die Jugendlichkeit ihrer Songs beizubehalten und eine durchweg sehr interessante und neue musikalische Atmosphäre zu gestalten.

Was vielleicht als Belohnung für die Fans und eigenes Bandgeburtstagsgeschenk gedacht war, entpuppt sich als ein gutes musikalisches Werk. Alaska Winter hat gut daran getan, alles sorgfältig von der Pieke auf von Orchester und Band neu einspielen zu lassen. Die 12 Songs der Platte können sich mehr als hören lassen. Eröffnet wird das Album mit dem bisher nur auf der Bühne aufgeführten The Cure-Cover Boys Don`t Cry. Sorgfältig übersetzt wird dieser Song Jungs weinen nicht. Als Fan der englischen Sprache und Cure-Verehrer wird man durchaus Probleme haben, diesen Song hinzunehmen und ihm musikalische Liebe entgegenzubringen. Die durchaus charmant klingenden Übersetzungen können einem ein bisschen aufstoßen und die eingepassten Intonationen sind gut gemeint, aber treffen dann doch nicht das Cure-Herz.

Die Ärzte haben es vorgemacht und Anajo zeigt, dass auch sie mit Orchester arbeiten können, um ihren besten Punksongs etwas mehr Etikette zu geben. Sie können einfach mehr als nur auf der Gitarre rumschrammeln. Sie besitzen musikalisches Feingespür. Fest steht, für alle Anajo-Fans wird dieses Album ein musikalisches Fest.


Review: Tobias Basse

Erscheinungsdatum: 27. November 2009
Label: Tapete Records

Website: www.anajo.de
Myspace: www.myspace.com/anajomusic

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IAN BROWN - My Way




Die von vielen Fans lang ersehnte Wiedervereinigung der Stone Roses wird es wohl auch in der nächsten Zeit nicht geben, dafür präsentiert Ex-Stone Roses Sänger Ian Brown sein mittlerweile sechstes Solowerk. My Way ist ein autobiographisches Album, dessen Songs von mehreren Jahrzehnten geprägt sind. Sie behandeln sowohl musikalisch als auch inhaltlich entscheidende Momente aus seinem Leben.

Die autobiographische Reise des Ian Brown in 12 Akten beginnt mit dem Eröffnungstrack Stellify, der mit einem Klavier loslegt und in dessen weiteren Verlauf immer wieder durch einige Bläser Akzente gesetzt werden. Hier beschert Ian Brown dem Hörer direkt zu Beginn einen unwiderstehlichen Popsong mit Ohrwurmcharakter. Das darauf folgende The Crowning Of The Poor verbindet elektronische Elemente mit HipHop-Beats und erhält durch seine düsteren Lyrics einen leicht melancholischen Beigeschmack. Es folgen die wehmütige Ballade Always Remember Me, das atmosphärische Vanity Kills, das trotzige For The Glory und das groovige Marathon Man. Neben 11 Eigenkompositionen befindet sich auf My Way auch eine mit Trompeten aufgepeppte Coverversion des Zager & Evans-Klassikers In The Year 2525, die sich wunderbar in das Klangbild des Albums einfügt.

Stilistisch bewegt sich Ian Brown auf My Way nicht nur in einem abgesteckten Rahmen, sondern wandelt auf verschiedensten musikalischen Pfaden und experimentiert viel - völlig kompromisslos. Doch Kompromisse ist Ian Brown musikalisch noch nie eingegangen, sondern hat immer nach seinen eigenen Regeln Songs kreiert, ohne dabei auf irgendwelche Vorgaben zu achten. Und genau darin liegt nach wie vor seine Stärke. So ist am Ende ein geschlossenes Gesamtwerk entstanden, das unkonventionell und gewohnt selbstsicher daher kommt. Unverkennbar Ian Brown eben.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 13. November 2009
Label: Fiction

Website: www.ianbrown.co.uk
Myspace: www.myspace.com/ianbrown

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KEVIN DEVINE – Brother's Blood




Referenzen von den Eagles zu Elliot Smith und wieder zurück. Kevin Devine und die Suche nach Klangbewusstsein. Brother's Blood ist das fünfte Studioalbum des New Yorkers und bei weitem nicht sein schlechtestes. Devine operiert diesmal mit Band (Goddamn Band) und erweitert somit sein Singer-Songwriting um die Dimension des Rocks. Ein Album wie eine Collage aus akustischen Stillleben, Countrieskem und Indierockballaden. Devine liefert erneut ein grundsolides Album ab mit Höhepunkten wie Carnival oder Tomorrow's Just Too Late, stellt wieder sein musikalisches Gefühl für Arrangement und Dynamik unter Beweis und dennoch wird auf Brother's Blood das große Dilemma des Kevin Devines deutlicher denn je.

Jeder Ton wirkt bekannt, jede Harmoniefolge zitiert. Man denkt sich die ganze Zeit, "das klingt doch wie...?" und nie "so also klingt Devine". Am Ende ist es gerade der Versuch, durch eine Genreerweiterung, seine eigene Position innerhalb des Musikkosmos klar zu definieren, der das Album Brother's Blood scheitern lässt. Das, was hier als musikalische Bandbreite beeindrucken soll, erweist sich vielmehr als reiner Mangel an Ideen. Die Mannigfaltigkeit von Brother's Blood am Ende nicht mehr als Ausdruck von elender Mittelmäßigkeit. Um sich von dieser Mittelmäßigkeit zu befreien, muss sich der zweifelsohne talentierte Kevin Devine endlich vom profanen Prozess der Reproduktion des Vorhandenem emanzipieren und nicht hundert verschiedene Klänge, sondern einen ganz eigenen finden. Die Suche nach dem eigenen Klangbewusstsein dürfte für Kevin Devine also gerade erst begonnen haben. Andernfalls wird über seine zukünftigen Werke genauso zu urteilen sein wie über Brother's Blood und sein gesamtes bisheriges Oeuvre: Prädikat: Durchschnitt.


Review: Maximilian Sippenauer

Erscheinungsdatum: 06. November 2009
Label: Arctic Rodeo Recordings

Myspace: www.myspace.com/kevindevine

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DAS POP - Das Pop




Vielleicht hätte ich mich auf diese Platte besser einstimmen können als mit einem Film über Westberliner Underground-Kunst der Zeit nach Punk. Etwa mit einem Warhol Bildband, könnte man bei Covergestaltung und Namenswahl von Das Pop meinen. Auch nicht. Eher mit Radiohören oder so was Dämlichem. Dämlich ist das dritte Album der vier Belgier ja wirklich nicht. Eine volle Ladung Pop-Rock, mit allem was dazugehört (fürchterliche Streicher, tödliche Balladen usw.), produziert von den Fanboys und Kumpels Soulwax.

Das mit Soulwax findet sich in der beiliegenden Info. Und die treibt es nun wirklich auf die Spitze, diese blöde Angewohnheit, neben einer ellenlangen, hochdramatischen Bandgeschichte obendrein noch eine ausführliche Plattenbesprechung abzuliefern, die eigentlich nur aus völlig übertriebenen Lobhudeleien besteht. Und den Mist liest man dann eins zu eins in zig anderen "Kritiken". Da wird man echt wütend, und die arme Band kann meistens nicht mal was dafür. Shame on you, Promo-Maschinerie! Auf eine Anmerkung will ich trotzdem verweisen, nämlich dass wohl die beiden vorherigen Das Pop-Alben ordentlich mit Synthis und Sequencern ausgestattet waren. Dem ist nun nicht mehr so und geht ausgerechnet auf die Soulwax'sche Rechnung.

Was die Musik betrifft, so erwische ich mich recht bald dabei, immer wieder auf zwei, drei bestimmte Tracks zurückzukommen, die sich eigentlich recht gut hören lassen: Saturday Night Teil 1 und 2 und Fool For Love, obwohl ich bei dessen Gitarrenriff ständig an Kiss denken muss. Aber so gut ist das alles auch nicht, weil den Nummern ein bisschen von dem fehlt, was alle anderen auf der Platte ganz vermissen lassen – Coolness. Sowas rettet nämlich oft den dümmsten Popsong, wenn man der Musik anhört, was der Sänger/Gitarrist/etc. für eine coole Sau sein muss. Dann wäre ein Chorus wie "I can't get enough of your love" nicht so peinlich und man müsste nicht ständig an vier perfekte Schwiegersöhne denken. Nach dem ersten Titel Underground, schon bekannt von einem Justice-Mix (und deshalb wohl erträglich), eröffnet sich ein wirklich abwechslungsreiches Songwriting, ab und an blitzen nette Gitarrenfetzen und Melodien auf. Aber insgesamt: Zu viel Radiopop-Appeal, zu viele happy-handclap-singalong Refrains und zu viele nichtige Texte. Das klingt einfach alles ziemlich uncool, könnte beim nächsten Mal aber locker besser umgesetzt werden.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 30. Oktober 2009
Label: 541

Website: www.daspop.com
Myspace: www.myspace.com/daspop



THE FLARE-UP – Whip' Em Hard, Whip' Em Good




Der Name der Scheibe ist Programm. Die jungen Schweden von The Flare-Up liefern mit ihrem neuen Album Whip' Em Hard, Whip' Em Good ein echtes Rock'n'Roll-Monster ab, dass gute Laune macht und dich auf den Tanzflur zieht. Hier trifft die Garage aus den Sechszigern auf den eher mal unaufdringlichen Glam der 70er. Dass passt und klingt rotzig, verspielt, direkt, melodisch und catchy.

Kid Avenger ist so ein Song. Sicher können sich auch The Flare-Up dem Eklektizismus nicht entziehen, aber dafür klingen sie besonders in diesem Song wie ein individueller authentischer Mix aus dem besten der berühmtesten Schweden (nach Abba) Mando Diao und den berüchtigten (nicht alle guten Dinge sind drei) Scheffieldern Arctic Monkeys! Und das macht denen erstmal nach, einen so guten Vergleich zu bekommen. Allein das Gitarren-Lick im Intro ist eine Rocksünde wert und geht direkt IN-DIE-Gehörgänge. Kein Wunder dass die Stockholmer jetzt die angesagtesten Indie-Clubs Deutschland bespielen. Doch was auch besonders überzeugt sind die souligen Garagenanteile in ihren Stücken. Das Titelstück beweist allzu gut, wie es klingt, wenn das Beste aus amerikanischem, englischem und schwedischem Songwriting zusammenkommt. Wie schon Mando Diao, gelingt es auch diesen Schweden besonders gut, auf ihrer neuen Platte so zu klingen, als hätten sie damals die Motown- oder Stax-Studios besucht und gemeinsam an Arrangements gefeilt. Und zum Schluss gibt es mit Sure You're Big Enough neben dem gut gerollten Rock auch noch viel Witz, Charme und eine ordentliche Portion Spielfreude aufs Gemüt.

Was will man da noch mehr sagen: Gefällt!


Review: Marc Philipp Meyer

Erscheinungsdatum: 09. Oktober 2009
Label: TV EYE Records

Website: www.theflareup.com
Myspace: www.myspace.com/theflareup

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STOMPIN' SOULS - Silhouettes




Mit ...And It's Looking A Lot Like Nothing At All lieferten Stompin' Souls 2008 ein großartiges Debütalbum ab und reihten sich direkt in eine Reihe mit ihren Landsmännern wie Mando Diao oder The Hives. Nun legen die Stockholmer mit Silhouettes ihr zweites Album vor, das sich deutlich von seinem Vorgänger unterscheidet.

Anstatt an den Sound des Erstlingswerkes anzuknüpfen, haben Stompin‘ Souls sich auf ihrem neuen Werk deutlich weiterentwickelt. Die fünf Schweden klingen auf Silhouettes wesentlich ruhiger und gereifter und geben längst nicht mehr so viel Gas wie noch auf ihrem Debüt. Neben einigen schnelleren Nummern wie dem treibenden I Wish I Were You oder dem tanzbaren Morning Bell, die auch durchaus auf dem Vorgängeralbum einen Platz hätten finden können, treten hier verstärkt die ruhigen und sanften Momente in den Vordergrund wie beispielsweise Don't Rewind oder A Part Of Everything. Stompin' Souls emanzipieren sich mit Silhouettes deutlich von den ewigen Vergleichen mit bereits erwähnten Landsleuten und machen einen gewaltigen Schritt zur Eigenständigkeit. Gemeinsam mit Produzent "Konie" Ehrenkrona (u. a. The Horror The Horror) haben sie einen bandeigenen Sound entwickelt, bei dem auch gerne mal neue Instrumente wie Mellotron, Fender Rhodes und Vibraphon zum Einsatz kommen. Doch steht ihnen dieser veränderte Sound gar nicht schlecht zu Gesicht und mindert glücklicherweise auch nicht die Qualität. Stompin' Souls beweisen stets Stilsicherheit und weiterhin ein Gespür für gute Songs wie sich deutlich bei Only A Song, dem zweifelsohne stärksten Track des Albums, zeigt.

Auch wenn hier die geballte Ladung Rock 'n' Roll ausbleibt, so haben Stompin' Souls mit Silhouettes ein durchaus starkes zweites Album hingelegt, das auch ohne Sturm und Drang zu überzeugen weiß. Schließlich werden wir ja alle irgendwann älter.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 23. Oktober 2009
Label: Strange Ways

Website: www.stompinsouls.se
Myspace: www.myspace.com/stompinsouls

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WILLIAM FITZSIMMONS - The Sparrow And The Crow




Die dunkle Jahreszeit macht sich bemerkbar. Es ist nass, kalt, nebelig und seltsamerweise hat man plötzlich genug Zeit, sich in Gedankenschleifen über das Kommen und Gehen und dem kurzen Bleiben dazwischen zu verlieren. Just zu dieser Zeit schickt uns William Fitzsimmons, der bärtige Barde aus Pennsylvania seinen aktuellen Longplayer The Sparrow And The Crow ins Haus.

Auf seinem dritten Album beschäftigt sich Fitzsimmons in allen Facetten mit dem Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen. Der Sperling als Bote für die neugeborenen Seelen, die Krähe als Begleiter der gehenden. Der Anfang und das Ende. Bereits der Opener After Afterall zieht den Hörer tief hinein in das Niemandsland, in dem gebrochene Herzen vegetieren: Irgendwo in der Ambivalenz aus Einsicht und Illusion, Loslassen und Festhalten, Verlieren und Gewinnen. Über den zwölf Tracks schwebt dabei konstant die Frage, wie es dieser Mann schafft seine tieftraurigen Texte in derart heimelige und warme Melodien zu packen, dass man trotz aller Melancholie und Nachdenklichkeit Hoffnung schöpft. Das Geheimnis liegt wohl in dem perfekten Zusammenspiel aus weichen Pianoklängen, wohltemperierten Akustikgitarren, gemäßigten Banjoarrangements und William Fitzsimmons' ruhiger Stimme, die den Hörer so sanft über die Klippen bösen Realität hinweg trägt wie eine Daunenfeder. Der Windhauch darunter ist die bezaubernde Stimme Laura Jansens, die sich der Singer/Songwriter bei Duetten wie I Don't Feel It Anymore (Song Of The Sparrow) oder After Afterall zur Unterstützung mit ins Boot holt.

Nach 40 Minuten, in denen man um Vergebung gebeten und auf eine zweite Chance gehofft hat, um am Ende zu der schmerzlichen Erkenntnis zu gelangen, dass Liebe manchmal nicht genug ist, läutet Goodmorning mit seiner Zeile "you will find love" plötzlich den Silberstreif am Horizont ein - das Wissen um ein Ende der Nacht. Das Ende und der Anfang - der Kreis schließt sich. The Sparrow And The Crow erinnert an einen Spätlesewein, in dessen schwerer Süße die Wahrheit liegt. Das Schönste daran: Egal, wie viel man davon trinkt, das Glas bleibt am Ende halbvoll.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 23. Oktober 2009
Label: Grönland (Cargo Records)

Website: www.williamfitzsimmons.com
Myspace: www.myspace.com/williamfitzsimmons

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BAD LIEUTENANT - Never Cry Another Tear




Wie Sand am Meer. Mehr und mehr Supergroups mischen sich ins akustische Sammelsurium. Ob Chickenfoot, The Dead Weather oder der neueste Schrei aus dem Mund von Them Crooked Vultures. Aber sind es immer noch durchzechte Nächte backstage hinterm Festivalgelände, auf die so manche Supergroup zurückzuführen ist oder ist es alles nur PR-Kalkül.

Sei es drum wie, auf jeden Fall macht allein der Name Bernard Sumner die Band Bad Lieutenant allein zu einer Supergroup. Und dabei sind die Namen Phil Cunningham, Stephen Morris und Alex James noch gar nicht gefallen. Also noch mal von Anfang an. Bernard Sumner stand neben Ian Curtis bei Joy Division an der Gitarre und am Keyboard. Nach dem Selbstmord von Curtis lebte er sich musikalisch bei New Order aus. Da ist auch Phil Cunningham mit dabei, Stephen Morris kennt er noch als Schlagzeuger von Joy Division und Alex James von Blur kennt man einfach. Die Supergroup wäre also komplett. Doch leider dient der Begriff Supergroup nicht per Definition als Qualitätsmerkmal, nur für den Erfolg der früheren Projekte der Mitglieder. Bad Lieutenant ist es auch leider nicht gelungen an die Qualität früherer Projekte anzuknüpfen. Es fehlt die emotionale Angriffsfläche wie bei Joy Division, es mangelt an der Experimentierfreude von New Order, es fehlt der progressive Gedanke von Blur. Obwohl dieses Debüt sehnlicher erwartet wurde als vielleicht mancher Nachfolger großer anderer Bands, schafft es Never Cry Another Tear diesem Anspruch nicht gerecht zu werden. Es ist wie mit dem 90er Jahre-Film Bad Lieutenant. Das große Potential ist vorhanden, was das lupenreine Songwriting zeigt, doch die Lieder kratzen stets nur an der Oberfläche. Bernard Sumner und Kollegen nicht gelungen, was sie mit ihrem Albumtitel kolportieren. Bei mir tropfen nämlich immer noch Tränen aufs Keyboard, wenn ich an Joy Division und New Order denke. Bad Lieutenant würden schon den Nerv der Zeit treffen, hätten sie ihr Album vor 10 Jahren veröffentlicht. Bei Pulp hat dieser Sound damals auch wunderbar funktioniert.

Trotz der so beschwingten leichten, seichten Gitarrenmusik, wirkt Bernard Sumner umso mehr altbacken und belanglos. Schade.


Review: Matthias Hacker

Erscheinungsdatum: 09. Oktober 2009
Label: Cooperative Music

Website: www.badlieutenant.net
Myspace: www.myspace.com/badlieutenantmusic

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FRISKA VILJOR – For New Beginnings




Friska Viljor sind zurück und das Erste, was auffällt, ist, dass die sympathischen Schweden von Devil Duck zu Haldern Pop Recordings gewechselt sind. Warum, erfährt man nicht und auch ansonsten gibt der Promozettel nicht viel Neues her. Erneut wird auf die Geschichte von Joakim und Daniel verwiesen, die ihre gerade zerschellten Beziehungen begossen und daraufhin begannen unter dem Einfluss des Alkohols Songs zu schreiben. Das scheint wohl nahezu alles zu sein, was man über Friska Viljor wissen muss. Dass sie live noch schiefer, aber mit viel mehr Seele singen, dafür gerne mit verstimmten Instrumenten auftreten und letztendlich bezeichnenderweise die Jägermeister-Rockliga gewannen, sollte bekannt sein.

Aber dann kommen die Schweden daher und nennen ihr Album For New Beginnings. Was hat das zu bedeuten? Wieso ein Neuanfang? Hast sich doch mehr getan als nur der Labelwechsel? Nein, ich kann euch beruhigen, bzw. muss ich diejenigen, die sich Veränderung gewünscht hätten, enttäuschen. Friska Viljor klingen noch immer wie eine betrunkene Ausgabe der Shout Out Louds mit Falsettgesang und werden es wohl immer bleiben. Naja, aber schlecht erging es ihnen mit ihren Shanty-haften Lalala-Gesängen ja nie. Warum sollte man auch etwas ändern, wenn die Leute immer noch in Scharen zu den Konzerten kommen.

For New Beginnings bietet letztendlich nichts Neues, ist im Vergleich zu den beiden ersten Album vielleicht auf den ersten Blick etwas ruhiger ausgefallen, was vor allem gegen Ende des Albums auffällt. Aber auch die zwei, drei Tanzflächenfüller, wie If I Die Now und People Are Getting Old, sind wieder mit dabei, die das Album dann doch irgendwie abwechslungsreich erscheinen lassen, allerdings nicht an die Hits aus den Anfangszeiten der Band herankommen. Bei den ersten beiden Album trat dieser Eindruck von Abwechslungsreichtum noch verstärkter auf, was auch daran liegen kann, dass die Melodien dieses Mal nicht ganz so eingängig sind wie zuvor. Auch an der Instrumentierung hat sich im Grunde nichts verändert, was ja auch nicht zu erwarten war. So werden ein weiteres Mal Mandoline, Akkordeon und Glockenspiel ausgepackt, um den countryesken Einschlag der Musik zu untermalen.

Schlecht ist For New Beginnings sicher nicht und funktioniert live auf jeden Fall, aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann würde ich doch lieber die ersten beiden Alben oder besser noch die nüchternen Shout Out Louds bevorzugen.


Review: Axel Schinkel

Erscheinungsdatum: 16. Oktober 2009
Label: Haldern Pop Recordings

Website: www.friskaviljor.com
Myspace: www.myspace.com/friskaviljor

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JULIAN CASABLANCAS - Phrazes For The Young




Nachdem sich fast alle seine Bandkollegen mal mehr mal weniger spektakulären Soloprojekten gewidmet haben - Drummer Fabrizio Moretti mit Little Joy, Nikolai Fraitures mit Nickel Eye und Albert Hammond Jr. mit zwei Soloalben - legt nun auch The Strokes-Frontmann Julian Casablancas sein erstes Soloalbum vor. Phrazes For The Young heißt der mit acht Songs bestückte Longplayer, der in den letzten zwölf Monaten unter der Regie der Produzenten Jason Lader (System Of A Down, Coldplay, Jay-Z u.a.) und Mike Mogis (Bright Eyes, The Faint, Lightspeed Champion etc.) in Los Angeles, New York und Nebraska entstanden ist. Alle Songs des Albums stammen aus der Feder von Casablancas selbst.

Strokes-Fans könnten beim ersten Hördurchgang allerdings ein wenig irritiert sein, denn ein viertes Strokes-Album ist Phrazes For The Young nicht. Julian Casablancas löst sich auf seinem Solodebüt fast völlig vom typischen Sound seiner Hauptband und beschreitet einen neuen unabhängigen Weg. Bereits der Opener Out Of The Blue zeigt deutlich, wohin die musikalische Reise in den nächsten 40 Minuten gehen wird. Dominierten bei den Strokes die Gitarren, so geben auf "Phrazes For The Young" überwiegend Synthesizer- und Keyboard-Sounds den Takt an mit einigen Ausfügen in Folk- und Country-Gefilde (Lodlow St., 4 Chords Of The Apocalypse). Zwei Verbindungspunkte zu den Strokes gibt es dennoch auf dem Album; und zwar Casablancas unverwechselbarer Gesang und sein songschreiberisches Talent, das er auch bei seinem Soloausflug nicht verlernt hat.

Phrazes For The Young wirkt wie eine Art musikalische Selbstverwirklichung Casablancas, bei der er seinem Ideenreichtum und seiner Experimentierfreude freien Lauf lassen kann. Hier wird vieles ausprobiert, ohne sich dabei aber in einem kreativen Wald zu verlieren. Vielmehr ist dadurch ein sehr abwechslungsreiches Album entstanden, das genau so klingt, wie ein Soloalbum klingen sollte: Nämlich emanzipiert vom Sound der Hauptband, jedoch ohne dabei die musikalischen Wurzeln zu verleugnen.

Phrazes For The Young ist ein Album, das vielleicht nicht jedem auf Anhieb gefallen wird. Aber es ist auch ein Album auf dem es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt und das am Ende dann doch durch seine Vielseitigkeit und das songschreiberische Talent von Julian Casablancas besticht.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 30. Oktober 2009
Label: Sony Music

Website (deutsch): www.juliancasablancas.de
Website (englisch): www.juliancasablancas.com
Myspace: www.myspace.com/juliancasablancas

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CHARLOTTE HATHERLEY – New Worlds




Sie ist die damalige Gitarristin von den wunderbaren Ash und dies ist ihr schon drittes Soloalbum. Fakt ist, dass Charlotte Hatherley eine fantastische Gitarristin ist, die auf New Worlds viele neue innovative Ideen miteinander verbindet. Was man allerdings vermisst, ist das besondere Händchen zum Songwriting mit dem gewissen Ohrwurmcharakter, den man bei Ash so liebt. Klar, so ein Vergleich ist immer doof, da Charlotte jetzt etwas anderes macht und auch machen möchte, aber dennoch wird sie diesen Schatten so schnell nicht loswerden. Dafür war ihre damalige Band mit über 10 Millionen verkauften Alben zu berühmt und ihre Rolle zu dominant. Aber zurück zur Platte:

Jeder Song beginnt stark und spielt mit tollen Gitarrenlicks. Dazu die einfühlsame Stimme von Charlotte Hatherley, die besonders im Chorus des Openers White zur Geltung kommt. Eine ganz neue Seite zeigt das beste Stück der Platte Alexander. Sehr melancholisch und einfühlsam ist dieser Song, der Gänsehaut vermittelt und dir an kalten Wintertagen eine warme Umarmung schenkt. Ich frage mich nur, ob dieser Song nicht noch besser wäre, wenn man das angerockte Ende weggelassen hätte. Denn dies passt nicht zum Song und genau dies ist das häufigste Problem am aktuellen Songwriting. Man hat manchmal das Gefühl, es seien mehrere Songs in Einen zusammengepackt worden. Und dies zeigt mal wieder das Pop Minimalismus braucht. Aber vielleicht will Charlotte so wenig Pop sein wie die andere deutsche Charlotte im Medienbusiness, die aber trotzdem Popkulturromane schreibt, die über die Popgrenze "rochen".

Zurück zum Thema: Was überzeugt sind die tollen Ideen. So mischen sich in Straight Lines 70 Jahre Hardrock-Gitarren mit dem Indierock der Neuzeit. Vielleicht sind dies die musikalischen neuen Welten. Interressant ist es allemal, wenn Chralotte bei New Worlds die Indie-Disco tanzen lässt und sich bei Firebird avantgardistisch auslässt, bevor sie bei Little Sahara mal eben 30 Jahre in Sachen Sound und Ausdruck zurückgeht. Neben dem schrecklich 80s beeinflussten Full Circle legt Charlotte Hatherley mit Wrong Notes aber noch ein wunderbar finales Stück hin, was wieder für die farbenfrohe Abwechslung dieser Platte spricht. Wer also Abwechslung braucht...


Review: Marc Philipp Meyer

Erscheinungsdatum: 16. Oktober 2009
Label: Little Sister Records

Website: www.charlottehatherley.com
Myspace: www.myspace.com/charlottehatherleyoffical

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MUMFORD AND SONS - Sigh No More




Vielleicht waren die Fleet Foxes doch ein bisschen voreilig, als sie Veckatimest von Grizzly Bear schon vor Abgabefrist zum besten (Folk)-Album der 00er Jahre ernannten. Doch Marcus Mumford und seine Mitstreiter Ben, Winston und Ted wollen da auf der Schlussgeraden der Dekade noch mitreden.

Auf Sigh No More hört man keine vier Londoner Jungs, die in einem Studio sitzen und im Kreis gemeinsam musizieren. Nein, die Platte fühlt sich anders an.
Marcus, Winston, Ted und Ben liegen nebeneinander in einem golden glänzenden Getreidefeld und schauen in die golden-glänzende Sonne, welche sie zum Schwitzen bringt. Diese Assoziation klingt vielleicht ein wenig malerisch, idyllisch und provinziell. Doch genau das ist es ja, was Sigh No More auszeichnet, die Jungs so sympathisch macht und den Hörer einfach verzaubert. Niemand würde hier an die versmogte Großstadtluft, hupenden Autos und grell flackernden Leuchtreklamen Londons denken

Die Karohemdsärmeligkeit mit der Markus Mumford sein Innerstes bei jedem der zwölf Songs nach Außen kehrt, macht die Ehrlichkeit und Authentizität der Lieder erst erträglich. So wirken Songs wie The Cave, Timshel oder auch Sigh No More trotz ihrer Berührungskraft nie zu intim oder anbiedernd. Letzteres darf ich hierbei ohne weiteres auf Shakespeare-Zitate beziehen, ohne den bodenständigen Charakter Mumford And Sons in Frage zu stellen.

12 Werke voll mit emotionalen Melodien wie bei I Gave You All, 12 Lieder voll mit anrührenden Texten wie bei Awake My Soul und 12 Songs mit fein ausgewählter Instrumentalisierung und Mitsingcharakter wie bei der Single Little Lion Man.

Das Album allein lässt keine genaue Ortsbestimmung der Musik zu. Vom Country des Mittleren Westens, über den Indierock Londons hin zur mitreißenden Kraft einer irischen Pub-Band. Die so traditionell wirkende Musik scheint also wenig auf ihre Heimat zu geben.
Auch die Dramaturgie von Sigh No More ist zu erwähnen. Zwielichtig scheint sie, denn alle Songs sind bestechlich gut, stellen sich aber auch deshalb gegenseitig in den Schatten. Doch nicht jeder Wunsch muss in Erfüllung gehen. Gott sei Dank - For Folk's Sake.


Review: Matthias Hacker

Erscheinungsdatum: 23. Oktober 2009
Label: Cooperative Music

Website: www.mumfordandsons.com
Myspace: www.myspace.com/mumfordandsons

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BERND BEGEMANN & DIE BEFREIUNG - Ich erkläre diese Krise für beendet




Auch zwei Jahre nach Beginn der globalen Finanzkrise vergeht kein Abend, an dem nicht in diversen Talkshows Politiker und Ökonomen über die Auswirkungen des Bankenkollaps diskutieren. Die Wirtschaft am Boden, der Staat verschuldet, die Bevölkerung arbeitslos, und alles soll noch viel, viel schlimmer werden. Keine Rettung in Sicht? Doch, denn Bernd Begemann fasst sich ein Herz und verkündet: Ich erkläre diese Krise für beendet! Wer mag da schon widersprechen?

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hat Bernd Begemann aber nicht Konjunkturprognosen und Konsumklimaindizes studiert. Er hat einfach das gemacht, was er am besten kann, nämlich zu Stift und Gitarre gegriffen und ein paar wundervolle Songs geschrieben, die uns vor allem eines lehren: Krise hin oder her, das Problem ist doch immer das Selbe!

Gemeint ist natürlich die Liebe, und der Mittvierziger erzählt davon, als wäre er gerade 20 geworden. Mit viel Ironie beschäftigt er sich mit den Verflossenen, die einem zunächst das Herz brechen und sich anschließend im weit entfernten Berlin mit Caipirinha betrinken (Danke für den Schmerz, Exfreundin in Berlin), den Schwierigkeiten bei der Suche nach der Richtigen (Die neuen Mädchen sind hier, Sie redet Revolution) und nicht zuletzt mit den Tücken einer Beziehung (Du bist mein Niveau). Alles Themen, die man eigentlich nicht behandeln kann, ohne dabei in die Kitsch-Falle zu tappen. Nicht so Bernd Begemann, der erzählt in seinen Songs einfach kleine Geschichten, die meistens recht absurd sind, aber beinahe immer den Nagel auf den Kopf treffen. Am Ende kommen aber auch die Romantiker nicht zu kurz, denn richtig schöne Liebeslieder schreiben kann er auch, wie er mit Weil deine Liebe mich führt beweist.

Die Texte stehen natürlich nicht für sich alleine, musikalisch umrahmt werden sie wieder gemeinsam mit seiner Begleitband Die Befreiung. Auf eine Musikrichtung festnageln lassen sich die Herren aber ganz sicher nicht. Ein bisschen Beat, eine Prise Punk und vor allem eine große Portion Schlager bekommt man zu hören, immer das, was gerade zum Erzählton Bernd Begemanns passt. Und gerade der Schlager-Touch, der vielen Songs des Albums anhaftet, führt bei vielen potentiellen Käufern vielleicht zu einer natürlichen Abwehrreaktion. Nicht gleich wieder weglegen, denn Bernd Begemanns Texte haben es verdient, gehört zu werden. Und nach zwei oder drei Durchläufen findet man schließlich sogar Gefallen an dem Schlagersound.

Eine schöne Platte, die einem dabei Hilft, mit den Tücken des Alltags fertig zu werden. Und die Krisensuppe sollen mal schön die Leute auslöffeln, die sie uns eingebrockt haben.


Review: Andreas Kussinger

Erscheinungsdatum: 16. Oktober 2009
Label: Tapete Records

Website: www.bernd-begemann.de
Myspace: www.myspace.com/berndbegemann

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MIIKE SNOW - Miike Snow




Wer oder was sind Miike Snow? Diese Frage beschäftigte über Monate hinweg die sogenannte Blogospäre, nachdem irgendwann im Frühjahr eine Tanzflächen-Sau namens Animal auftauchte und fortan durchs Indie-Dorf getrieben wurde. Kluge Sache, so ein Versteckspiel. Die Schnitzeljagd nach den Köpfen hinter dem Bandnamen beschert einem zunächst die Aufmerksamkeit der Webgemeinde. Später, wenn die Veröffentlichung des Albums ansteht, kann man die Identität der Kreativen mit großem Pomp heraus posaunen.

Christian Carlsson und Pontus Winnberg heißen die beiden Schweden, denen wir dieses Album zu verdanken haben. Newcomer? Mitnichten, schließlich handelt es sich um das Produzenten-Duo Bloodshy & Avant, dem unter anderem Madonna und Britney Spears den ein- oder anderen Hit zu verdanken haben. Zusammen mit dem amerikanischen Sänger Andrew Wyatt gründeten die beiden Schweden schließlich das Projekt Miike Snow.

Auf ihrem Debüt zeigen sie nun, dass sie nicht nur die Songs diverser Popstars am Mischpult veredeln können, auch mit ihrem eigenen Material klappt das hervorragend. Mit ihrem Sound treffen sie zweifelsohne den Zeitgeist und wandern auf den Pfaden, die MGMT und Co. getreten haben. Überraschend ist aber, dass es sich keineswegs um ein tanzbares Party-Album handelt, sondern um ein eher düsteres Werk, das von einer gewissen Grundmelancholie, getragen wird. Alle Songs, vom bereits erwähnten Animal vielleicht abgesehen, kommen eher schwermütig daher, ohne dabei aber auf elektronische Spielereien und druckvolle Beats zu verzichten. Highlights aufzulisten fällt schwer, da sich alles, was man zu hören bekommt, auf sehr hohem Niveau abspielt. Carlsson und Winnberg verstehen ihr Handwerk, Ecken und Kanten sucht man vergeblich. Das ist eigentlich fast wieder ein bisschen schade. Aber die beiden können wohl nicht anders, als immer und jederzeit Perfektion anzustreben. Da überrascht es auch nicht, dass sie mit Andrew Wyatt obendrein einen hervorragenden Sänger ins Boot geholt haben, der den perfekt produzierten Songs schließlich noch die Seele einhaucht.

Miike Snow haben konsequent aktuelle musikalische Strömungen aufgegriffen, miteinander verstrickt und daraus ein perfektes Pop-Album erschaffen, das einfach nicht langweilig wird. Das größte Kompliment, das man einer Platte machen kann. Echte Profis eben.


Review: Andreas Kussinger

Erscheinungsdatum: 23. Oktober 2009
Label: Columbia (Sony Music)

Website: www.miikesnow.de
Myspace: www.myspace.com/miikesnow

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PORT O'BRIEN – Threadbare




Ganz ehrlich: Da ich diese Platte nun schon geschätzte 500 Mal gehört habe, kann diese Rezension nicht mehr kritisch und mit dem nötigen Abstand beurteilt ausfallen. Ich liebe sie, mindestens so sehr wie All We Could Do Was Sing, das erste Album von Port O'Brien. Wie soll man nun dieses wundervolle Stück Musik, das einem so nahe geht, jedoch eigentlich so klein und unbeachtet ist und im weiten Ozean der schnelllebigen Popwelt wohl ganz schnell wieder untergehen wird, entsprechend hochjubeln? Es grenzt an Fetisch.

Wieder mal: Musikalische Beschreibungen bringen das, was auf dieser Platte passiert, so was von nicht auf den Punkt. Melancholischer Folkpop, hmm, da gibt's vieles. Aber für Threadbare reicht eine so abgewichste Beschreibung einfach nicht, weil es in diesem Bereich schlichtweg das Intensivste und Rührendste ist, was es in jüngster Zeit gegeben hat. Das Cover des Albums suggeriert genau richtig: Man fühlt sich auf dieser weiten Wiese am Meer sitzen, umringt von Port O'Brien, die für einen singen. Man liegt da und weint, und fühlt sich todtraurig. Und gleichzeitig von allem Elend der Welt geheilt. Was Van Pierszalowski, Cambria Goodwin und ihre Begleiter hier liefern, ist magisch.

So "lighthearted", wie oft geschrieben wird, war ihr Debütalbum schon nicht, Threadbare klingt bis auf wenige Ausnahmen nach dem genauen Gegenteil: "Tragedy, remorse, and bitterness". Als die Band begann, an der neuen Platte zu arbeiten, kam Cambrias Bruder bei einem Unfall ums Leben. Zur wehmütigen Stimmung der Platte hat dieser Umstand sicher viel beigetragen, da sich in jedem Song Themen wie Verarbeitung, Trauer und Einsamkeit ausmachen lassen; Van Pierszalowskis und Cambrias tränengeschwängerter, träumerischer Gesang trägt einen großen Teil dazu bei. Große Schwachpunkte unter den Tracks kann man so nicht nennen, höchstens die wenigen, die etwas fröhlichere Töne anschlagen. Weniger gute Songs sind sie deshalb keinstenfalls (wie z. B. Sour Milk / Salt Water oder Leap Year), lockern die allgemeine Klagestimmung aber unnötig auf. Diese hat ihre überirdischen Sternstunden unter anderem in Calm Me Down, dem Titeltrack und dem meisterhaften Treebones. Unterm Strich heißt das: Die schönste "Folk"-Platte seit Fleet Foxes!


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 02. Oktober 2009
Label: Cooperative Music

Website: www.portobrien.com
Myspace: www.myspace.com/portobrien

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I MIGHT BE WRONG – Circle The Yes




Eines steht fest: Circle The Yes, das zweite Album der Berliner Band I Might Be Wrong ist ein durchdachtes, kohärentes und hochmusikalisches Werk. Doch leider bewegt sich die Aufmerksamkeit des Rezensenten beim (wirklich oftmaligen) Hören der Platte kontinuierlich gegen Null. Immer noch der erste Track?! Ach, schon Nummer Sieben...Hier läuft was grundlegend schief, bloß was? Radiohead, die von I Might Be Wrong nicht nur namentlich adaptiert wurden, kann man doch auch stundenlang gefesselt hören.

Es muss einfach gesagt werden, so plump es sein mag: Jeder Track klingt wie der vorherige; eine anstrengende Beliebigkeit zieht sich über die gesamte Länge des Albums. Es scheint, als mündeten die Songs immer wieder in die selben Rhythmen, Elektronikfetzen und Gitarrenstrukturen. Lisa von Billerbecks zwar hübscher doch einlullender Gesang bringt das Ganze dann vollends in Richtung melodiöser Monotonie. Dass der Sound sehr radioheadesk rüberkommt, muss nicht unbedingt bemängelt werden. Ganz im Gegenteil, und das ist das Dilemma dieser Platte: Würde man nur einen Song kennen (ganz egal welchen, ein Favorit lässt sich schwerlich ausmachen), wäre das Urteil klar "thumbs up"; verspielt und komplex arrangiert, verzaubernd dargeboten. Aber zehn Nummern, die einander so sehr ähneln, fördern eher Ermüdung denn genauere Analyse der Feinheiten. Deshalb auch ein klassisches Fazit: Es fehlen die Höhen und Tiefen, mehr Energie und Eindringlichkeit an bestimmten Stellen könnten die notwendige Struktur schaffen. Nur so kann eine eigentlich ausgezeichnete Musik auf Albumlänge überzeugen. Siehe Radiohead.

Der Rezensent entschuldigt sich hiermit. Entgegen zauberhafter Stimme, durchdachter Lyrik und bemerkenswertem Sound, langweilt ihn die Platte. Obwohl er Radiohead mag.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 25. September 2009
Label: Sinnbus Records

Website: www.imightbewrong.de
Myspace: www.myspace.com/youmightbewrong

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THE CINEMATICS - Love And Terror




Mit ihrem von Simon Barnicott (u.a. Arctic Monkeys, Kasabian) produzierten Debütalbum A Strange Education konnten sich The Cinematics vor zwei Jahren bereits Gehör verschaffen. Nun legen die vier Schotten mit ihrem Zweitlingswerk Love And Terror nach, bei dem sie diesmal die Produktion selbst in die Hand genommen haben.

Herausgekommen ist ein Album, das im Vergleich zum Vorgänger wesentlich rauer und ungeschliffener und weniger glatt gebügelt wirkt. The Cinematics schaffen eine schöne Symbiose aus zackigen Gitarrenriffs und wummernden Basslinien. Angetrieben von kräftigen Grooves und der charismatischen Stimme von Sänger Scott Rinning, reflektiert der Sound des Quartetts aus Glasgow die düsteren und kahlen Seiten des Lebens im britischen Norden. Das ist zwar alles nicht neu und deshalb wurden sie zu Beginn ihrer Karriere immer wieder von Kritikern mit Vorwürfen von zu wenig Eigenständigkeit und Kreativität und zu viel Editors-Kopie konfrontiert. Sicher hört man auf Love And Terror immer noch deutlich die musikalischen Einflüsse heraus, was logischerweise auf die gleichen Inspirationsquellen zurückzuführen ist. Aber dennoch wäre es etwas zu simplifiziert von einer dreisten Kopie zu sprechen. Eine Parallele zu den Editors ist sicherlich die düstere Note in den Songs, aber trotzdem haben sie längst nicht die Schwere wie es bei den Editors der Fall ist. Die zehn Tracks auf Love And Terror kommen mit einer gewissen Leichtigkeit und Tanzbodentauglichkeit daher und gehen schnell in Ohr und Bein, wie beispielsweise der Opener All These Things oder die beiden Singles Love And Terror und New Mexico. Auch live funktionieren die neuen Songs sehr gut, wie die Band kürzlich auf ihrer Deutschlandtour bewiesen hat.

Entgegen aller Vorwürfe ist The Cinematics mit Love And Terror ein überzeugendes zweites Album gelungen, das sehr deutlich das eigene Potential der Band zeigt. Eine Band, der man trotz aller anfänglicher Kritik auf jeden Fall eine Chance geben sollte!


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 02. Oktober 2009
Label: The Orchard

Website: www.thecinematics.com
Myspace: www.myspace.com/thecinematics

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JOCHEN DISTELMEYER - Heavy




...wie ein alter Freund...

Ein Relikt deutscher Popkultur? – Auf jeden Fall ein Mann der polarisiert. Diese klare Stimme – diese Ehrlichkeit in seinen Worten, mag nicht jeder. Doch für die, die es mögen ist Distelmeyer ein alter Freund.

...laufen und fühlen nach Vorschrift...

Große Themen des Lebens bearbeitet. Heavy!. Schwerere Songs und heavigere Themen. Existenziell wie Glück, Trauer, Freude oder Verlust. So bricht Wohin mit dem Hass gleich mit der Gefühlsduselei. So boxt Distelmeyer von Emotion zu Emotion. So klimpert Distelmeyer auf seiner Klaviatur der Emotionen.

...das ist Er, da kommt Er, so ist Er...

Zwei Jahre nach der blumfeldschen Apokalypse tritt Jochen Distelmeyer nun wieder ins musikalische Sternensystem ein. Mit vielen tollen Popsongs, aber auch eckigen ruppigen Melodien. Und natürlich mit seiner tollen Stimme, die in ihrer Klarheit die Themen noch mal von einer ganz anderen Seite zeigt.

...ich weiß jetzt, warum ich hier bin...

...singt der Ex-Blumfeld-Chef im Song Lass Uns Liebe Sein. Immer wieder ist der Platte das Private anzuhören und es ist immer dieser Herr Distelmeyer, der zwei Jahre nach seiner Trennung von Blumfeld kräftiger und vitaler klingt als früher. Die Trennung eine konsequente Folge und das Soloalbum eine neue Perspektive.

...wurde ein goldener Käfig, was einmal Liebe war...

Singt Distelmeyer über die Zeit mit seiner Band oder schreibt er konkret über die Gratwanderung zwischen Selbstfindung und Selbstzweifel. Bleiben oder gehen – überhaupt eine Frage?

...weiß nicht wohin mit mir...

Distelmeyer ist ein gefährlicher Sparringspartner, sagt er nicht drei Songs vorher noch, er wisse warum er hier sei. Aber wenn man sich auf ihn einlässt und sich traut, wird einem der Unterschied zwischen Sein und Werden bewusst. Distelmeyer ist erstmal da – er ist zufrieden und wo es hingeht – das wird sich noch zeigen.

...ich leb dafür, und leb davon...

Aus Selbstzweifel wächst Selbstsicherheit und daraus gedeiht Selbstbewusstsein. Heavy! ist ein Album, dass mit seinen positiven Gedanken und seinem Respekt vor Problemen Lust macht auf Leben.

...und ich, ich bin am Ziel...


Review: Matthias Hacker

Erscheinungsdatum: 25. September 2009
Label: Columbia

Website: www.jochendistelmeyer.de
Myspace: www.myspace.com/jochendistelmeyer

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EDITORS - In This Light And On This Evening




Was sollte man von den Editors nach The Back Room (2005) und An End Has A Start (2008) erwarten? Sie hätten natürlich ein drittes Album im gewohnten Stil aufnehmen können und somit Gefahr laufen, in Stagnation und Langeweile abzudriften. Doch Tom Smith und seine drei Kollegen entschieden sich anders und haben den Mut, neue musikalische Wege zu gehen. Sie tauschen ihre Gitarren gegen Synthesizer und Drum-Machines ein und holen sich mit Mark Ellis alias Flood (Depeche Mode, Nine Inch Nails) einen neuen Produzenten ins Boot.

Was sich schon vorab mit der ersten Singleauskopplung Papillon angekündigt hat, führen die Editors auch auf dem Rest des Albums konsequent fort. So ist ein Drittlingswerk entstanden, das noch düsterer als seine beiden Vorgänger daher kommt und einen überaus dichten atmosphärischen Sound aufweist. Die Editors bauen meterhöhe Synthiewände und komplexe Kompositionen und schaffen so eine gewaltige Soundfläche. Sie erschaffen ein düsteres Monster mit deutlichen 80s-Reminiszenzen: 80er-Jahre New Wave-Sounds paaren sich mit kalten Industrial-Klängen und kreieren eine bedrohliche und unheimliche Atmosphäre. Die obskuren Verse über Gottlosigkeit, Desorientierung und Desillusionierung vorgetragen von Tom Smiths tiefer Baritonstimme erzeugen eine unheilvolle düstere Grundstimmung.

In This Light And On This Evening ist das wohl ungewöhnlichste Album, das Tom Smith und seine Mannen ihren Fans je beschert haben. Doch wer dem Album mehrere Hördurchläufe gibt, der wird die Tiefe, die dieses Album in sich birgt, erkennen. In This Light And On This Evening ist ein Album, das etwas Zeit braucht, um sich vollständig zu offenbaren. Aber wer durchhält, wird am Ende belohnt!


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 09. Oktober 2009
Label: Pias

Website: www.editorsofficial.com
Myspace: www.myspace.com/editorsmusic

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MIKA - The Boy Who Knew Too Much




Mika ist zurück. Der junge Mann, der vor nicht allzu langer Zeit mit seiner musikalischen Symbiose aus Gracia Patricia und Freddie Mercury die Musiknation in zwei Lager spaltete, präsentiert sein zweites Album The Boy Who Knew Too Much.

Der königliche Hauch eines Freddie Mercury umwebt die Songs des gebürtigen Libanesen nach wie vor. Ebenso greift Mika wieder beherzt hinein in die musikalische Wundertüte, um dem Hörer ein kaleidoskopisches Sammelsurium an Melodien zu präsentieren. Ein kunterbuntes Potpourri aus schrillen wie tanzbaren Songs.

Diesmal vermischt Mika nicht nur seinen Falsett-Gesang mit krähenden Kinderchören, sondern huscht auch kreuz und quer durch unterschiedliche musikalische Dekaden. Der Opener We Are Golden erinnert an hautenge Satinschlaghosen und Plateaus der Glam-Rock-Nation, während sich Dr. John unüberhörbar an dem Charme eines Musicals aus den 70ern orientiert. Rain zaubert das pulsierende Flair eines 80er-Jahre-Dance-Floor-Hits ins Zimmer. Dieses Odeur bleibt auch beim Folgetrack I See You noch haften. Eine Ballade, die an jene verträumte Zahnspangenromanik erinnert, die man als Teenager verspürte, als man zum ersten Mal Cinderella '87 im Fernsehen sah. Bei Boy Toy greift Mika dann ganz tief hinein in die zeitliche Klamottenkiste und zaubert Klänge hervor, die an einen alten Disney-Streifen aus den 40ern erinnern.

Mika - l'enfant de popmusique: In seiner Unbeschwertheit und Verspieltheit wirkt The Boy Who Knew Too Much wie eine Schneekugel in der Hand eines Kindes, das fasziniert in eine schillernde fremde Welt hineinblickt und diese schüttelt, bis es Konfetti regnet. Bei all der Leichtigkeit und Wandelbarkeit der Songs wäre es allerdings schön gewesen, wenn sich Mika die Zeit genommen hätte, kurz in der einen oder anderen Epoche zu verweilen, um ein wenig tiefer unter die Oberfläche der Songs abzutauchen. So schleicht sich im Verlauf von The Boy Who Knew Too Much das Gefühl einer Schnelllebigkeit und Rasanz ein, die an die popmusikalische Ausgabe des kleinen Häwelmanns erinnert. Allerdings tauscht Mika dabei das Bett gegen ein quietschbuntes Überschallflugzeug mit plüschigem Schleudersitz ein. Nichtsdestotrotz: Das Potential, das in Mika schlummert, bleibt auch dem letzten Skeptiker nicht verborgen. Bleibt nur zu hoffen, dass er dieses irgendwann einmal voll und ganz ausschöpft.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 18. September 2009
Label: Casablanca/Island (Universal)

Website: www.mikasounds.de
Myspace: www.myspace.com/mikamyspace

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IDLEWILD - Post Electric Blues




Post Electric Blues – dieser Name pflanzt dem Hörer schon mal drei Samen ins musikalische Blumenbeet. Die innovativste Züchtung erwartet man nicht, da alle Linien bereits bekannt sind und hinreichend gekreuzt wurden. Und doch verspricht man sich hinter Post Electric Blues ein besonders exemplarisches Prachtstück seiner Art. Doch leider ist mit Post Electric Blues Idlewild das nicht gelungen. Ist es vielleicht der Fluch eines Best Of-Albums, der schon viele Bands Inspiration und Glaubwürdigkeit gekostet hat? Ist es der ständige Wechsel von Label zu Label (sechs Alben auf fünf Labels)? Schwer zu sagen. Aber Idlewild haben es immer noch verdient ernst genommen zu werden. Denn Sänger Roddy Woomble war der Feingeist, der Literat, der Philosoph des schottischen Rock. Woomble war es, der seine Eloquenz durch ekstatische und chaotische Liveauftritte weder arrogant noch prätentiös wirken ließ. Wie sympathisch war sein unbedarftes "Seele-Auskotzen" auf ihrem Debüt Hope Is Important und wie feingeistig wirkten seine Zitate auf The Remote Part. Dagegen scheint der Neuling eher "post-eclectic". Und für diese Herangehensweise sind die Strukturen zu durchsichtig.

Das Album verlangt wenig vom Hörer und büßt bei jedem Male mehr an Tiefe ein. Die Ansätze der Rockhymnen früherer Tage sind wie beim Opener Younger Than America oder bei To Be Forgotten noch zu hören. Wenn auch textlich nicht gerade erhaben wie früher, zeigt sich in (The Night Will) Bring You Back To Life noch immer die anspruchsvolle Seite von Woomble und Idlewild. Die schönsten Blüten sprießen an den Extremen wie beim stonerrockigen Finale von Post-Electric oder auch am schließenden Take Me Back In Time.

Für eine Band, bei deren Gründung niemand ein Instrument beherrschte – für eine Band, die sich unter den vielen guten Hausnummern der schottischen Musiklandschaft niemals verstecken musste – für eine Band, die es trotzdem nie in die erste Reihe geschafft hat, darf dieses Album nicht der Abgesang sein.


Review: Matthias Hacker

Erscheinungsdatum: 02. Oktober 2009
Label: Cooking Vinyl

Website: www.idlewild.co.uk
Myspace: www.myspace.com/idlewild

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MARYBELL KATASTROPHY - The More




In ihrem Heimatland sind Marie HØjlund und Emil Thomsen längst keine Unbekannten mehr. Seit der Veröffentlichung ihres Debüts The More gehören sie zu den meist gehypten Bands der dänischen Musiklandschaft. Bei der Sichtung des Longplayers sticht als erstes das Artwork des Covers ins Auge: Bunt übereinander gelegte Bildebenen, auf denen drei unterschiedliche Schrifttypen thronen, die so gar nicht zueinander passen wollen. Die unweigerliche Frage, ob der Grafiker sich als Inspiration einen kleinen Muntermacher gegönnt hat, erübrigt sich bereits mit den ersten Klängen des Openers Knight Song: Nein, kein Schnäpschen ist Ursache des bunten Eyecatchers, vielmehr ist das Cover die visuelle Antwort auf die Frage nach dem Sound, den Marybell Katastrophy produzieren.

Die Kost, die das Duo hier serviert, ist sicherlich nicht die leichteste und lässt sich nur schwer in einen einzigen Topf packen. Electro-Pop mit indietronischem Einschlag, BjØrk trifft auf Portishead und tanzt zu David Bowie auf Speed. So ungefähr und doch anders. Fakt ist, es wird geschraubt und gebastelt, dass es nur so kracht im Synthiegebälk. Mal schnarrt und knarzt es wie eine alte Schranktür, mal fiept und surrt es wie eine Fliege im Rückwertsgang und manchmal flimmern und flackern die Songs wie ein alter 15"-Röhrenmonitor. Musikalischer Fixpunkt ist dabei die Stimme von Marie HØjlund, die bei aller Experimentierfreude Marybell Katastrophys durch ihren melodischen Einsatz für eine kontinuierliche Harmonie innerhalb der Tracks sorgt. Im gros kommt dabei ein Album heraus, das den Hörer von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt, weil es absolut unberechenbar bleibt. Wenn beispielsweise das verträumte Whiteboard durch Froschgesänge eingeläutet wird, dann würde es auch niemanden wundern, wenn plötzlich ein Elefant das Zimmer betritt und auf einer Violine den Schneewalzer anstimmt. Diesen beschwören Marybell Katastrophy tatsächlich sechs Stücke weiter in Red Red: "I just wish you were an elephant, so you could hear the unhearable things I'm trying to say with my red red lips."

An eben diesen hängt der Hörer auch bis zum bitteren Ende von The More - nur um dann erneut die Play-Taste zu bedienen. Ein Album, wie ein Feuerwerk: Bunt, laut, glühend und unglaublich faszinierend!


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 25. September 2009
Label: PonyRec

Website: www.marybell.dk
Myspace: www.myspace.com/marybellkatastrophy

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THE ETTES - Do You Want Power




Keine Atempause gönnen sich The Ettes und schmeißen gerade mal fünf Monate nach der Veröffentlichung ihres viel umjubelten zweiten Albums Look At Life Again Soon mit Do You Want Power jetzt schon ihren dritten Longplayer auf den Markt. Das Trio, das mittlerweile von Los Angeles nach Nashville umgezogen ist, hat in nur fünf Tagen unter der Regie von Produzenten-Legende Greg Cartwright aka Greg Oblivion (The Oblivions, The Detroit Cobras, Jay Reatard) 13 neue Songs eingespielt.

Do You Want Power knüpft zwar an Look At Life Again Soon an, aber dennoch gibt es einige Neuerungen: Dominierte auf dem Vorgängeralbum fast ausschließlich Garage-Rock und Beatpunk, so legen die zwei Damen und der Herr auf ihrem neuen Longplayer etwas mehr Abwechslung an den Tag und erweitern das musikalische Spektrum um einige Sixties Girl-Pop-Nummern wie I Can Be Your Lover (But I Can't Be Your Baby) oder Seasons und auch mal countyeske, folkige Songs á la Nancy Sinatra (Keep Me In Flowers). Geschadet hat es dem Album aber in keiner Weise - im Gegenteil, diese neuen Facetten schaffen schöne Kontraste und sorgen so für ein variationsreiches Album. Natürlich ist der ungeschliffene und schmutzige Garagensound auch nicht ganz verloren gegangen. Songs wie der treibende Opener Red In Tooth And Claw oder das rockige Blood Red Blood versprühen immer noch die gewohnte Energie des Vorgängers - das Schlagzeug scheppert unbändig vor sich hin und der Bass knurrt draufgängerisch los.

Mit einer Gesamtspielzeit von gerade mal knapp 35 Minuten stellen The Ettes erneut ihr Können unter Beweis und zeigen, dass sie auch mehr drauf haben als nur einen garagenrockigen Sound. Auch Drew Barrymore hat das Potential der Band bereits erkannt und sie für den Soundtrack ihres Regiedebüts Whip It! mit ins Boot geholt. Diese Band sollte man auf jeden Fall im Auge behalten.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 02. Oktober 2009
Label: KNTRST Records

Website: www.theettes.com
Myspace: www.myspace.com/theettes

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HEALTH – Get Color




"Unhörbar" dient paradoxerweise als positives Prädikat für Avantgardemusik.
Auch bei den vier Kaliforniern von Health findet sich diese Schublade. Mag der erste Höreindruck des selbst-betitelten Debüts verstörend und anstrengend gewesen sein, ist Get color wesentlicher, sortierter und arrangierter. Health sind immer noch verliebt ins Demontieren von Soundstrukturen und experimentieren weiterhin gerne mit korrodierenden Melodieclustern. Doch der Derwisch der ersten Scheibe, scheint deutlich gezähmt. Und dennoch wohnt auch Get Color - wie dem Debüt - der elaborierte, ambitionierte Zauber Lightning Bolt's und Animal Collective's inne. Denn John, Jake, Jupiter und Benjamin schaffen eine Kontrapunktik zwischen musikalischer Ästhetik und technischer Destruktion. Doch ein bisschen mehr Zeit hätte man Health schon gewünscht ihre innovativen Tentakel noch ein bisschen länger und weiter auszustrecken. Haben nicht etwa Animal Collective ganze zehn Alben dafür beansprucht?

Aber bei allem Zweifel scheinen Health zu wissen was sie tun oder zumindest glauben sie fest daran. Denn dieser Schwall aus kleinen akustischen Feuerwerkskörpern ist in einer kompromisslosen Art beeindruckend, wie sie nur schwer vermittelt werden kann. So verzeiht man den Jungs auch, wenn sich noch ganze zwei Minuten nach ihrem Konzert, der Pegel am Mischpult immer noch nicht im grünen LED-Bereich erholen darf.

Auf Get Color ist auch mit weniger selbstzerstörerischer Gewalt die Schizophrenie von Health zu hören. Es ist nach wie vor eine raue Mischung aus maschinellen Robotersounds, gepaart mit treibenden Drumparts und monotonen Gesangspassagen, die eher an Mantren erinnern als an gewöhnliche Textstrukturen. So platzt Get Color mit In Heat gleich mal brachial zur Tür herein und man möchte erst einmal Luft holen und sich orientieren in welcher Beta-Version "Alptraum" man sich gerade befindet. Danach baut sich das Album gemächlich auf. Vom klassischen Hit auf der Zwei Die Slow über die nerdigeren Songs wie Nice Girls und Before Tigers, bei denen sich durch die Beatbetten immer wieder nervenaufreibende Gitarrensounds sägen. Letztendlich findet sich das Finale von Get Color beim Song in einer rosaroten Albtraumblase wieder.


Review: Matthias Hacker

Erscheinungsdatum: 18. September 2009
Label: City Slang

Website: www.healthnoise.com
Myspace: www.myspace.com/healthmusic

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MUSE - The Resistance




Eins vorweg: Nicht umsonst haben Muse über acht Millionen Alben abgesetzt, zwei Abende hintereinander das Wembley Stadium ausverkauft und wurden mit zahlreichen Awards ausgezeichnet. Fakt ist: Muse ist eine der innovativsten Bands der Stunde und wie wunderbar es ihnen gelingt Innovation mit traditioneller Musikgeschichte zu verbinden, zeigt mehr als deutlich ihr neuestes, fünftes Werk The Resistance.

Matthew Bellamy hat nicht zu viel versprochen, als er von einem elektrischen neuen Album sprach. Aber es ist viel mehr: Diese Platte ist eine elektrisierende Glamrock-Symphonie! Klingt nach einem Konzept? Das gibt es auch, denn The Resistance darf man getrost als sound- und auch sujet-orientiertes Konzeptalbum beschreiben. Wie schon auf Black Holes And Revelations thematisiert die Band verstärkt die Grausamkeit der modernen Zeit in ihren Texten. Dieses Konzept zieht sich durch das gesamte Werk, ebenso wie ein konzeptorientierter Sound, der die elf Songs verbindet und in einer klassischen dreiteiligen Symphonie endet, für die Muse mal eben ein vierzigköpfiges Orchester aus Mailand an Land gezogen haben. Es ist erstaunlich, dass Matt Bellamy den Score für das Orchester fast im Alleingang komponiert hat. Dieser Mann ist einer der wenigen, der klassische und populäre Musik so fließend miteinander verbindet. United States Of Eurasia ist das beste Beispiel für die neue Kompositionsweise von Muse. Hier bedient sich die Band Led Zeppelin- und Queen-Zitaten, verarbeitet Motive aus Maurice Jarre's Musical Lawrence Of Arabia und schließt das Stück mit einer Chopin-esken Klaviersonate. Das mag eklektisch klingen, überzeugt allerdings in seiner Umsetzung. Es mag wohl keine andere Band geben, der es gelingen wird, diese verschiedenen Stile in einem Song zu verarbeiten. United States Of Eurasia ist damit bezeichnend für die neue Platte.

Dem Muse-Fan der ersten Stunde dürfte vielleicht der traditionelle Hit auf dieser Platte fehlen. Wobei nach mehrmaligem Hören Uprising, The Resistance und Unnatural Selection Black Holes kaum nachstehen. Aber was vielmehr begeistert, ist die neue Art, wie Muse ihre Stücke arrangieren und sie es geschafft haben, mit ihrem neuen Werk eine bombastische Rock-Symphonie zu schreiben, die unter die Haut geht, ohne vor Pathos zu triefen und von musikalischer Virtuosität nur so strotzt. Respekt!


Review: Marc Philipp Meyer

Erscheinungsdatum: 11. September 2009
Label: Warner Music

Website: www.muse.mu
Myspace: www.myspace.com/muse

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THE DODOS - Time To Die




Time To Die - so lautet der so gar nicht optimistische Titel des nunmehr dritten Albums von The Dodos. Werkelte Sänger und Gitarrist Meric Long 2005 noch allein an dem nach seinem Künstlernamen benannten Erstling Dodo Bird, so waren die folgenden Alben das Resultat der Zusammenarbeit mit dem fortan am Schlagzeug tätigen Logan Kroeber. Zur aktuellen Platte gesellte sich nun auch Keaton Snyder, der sich dem Spielen des Vibrafons, worunter die Weiterentwicklung der Marimba (die wiederum der Xylofonfamilie angehört) zu verstehen ist, widmet. Und wer weiß, vielleicht nähern sich die The Dodos beim nächsten Album der klassischen Bandbesetzung und holen noch einen Bassisten an Bord...

Aber jetzt endlich mal zum neuen Album, das auch ohne Bass und mit Vibrafon, das den Klang eindeutig bereichert, funktioniert. Produziert wurde Time To Die von Phil Eks, der sich auch schon den Fleet Foxes, Bulit To Spill und The Shins angenommen hatte. Und irgendwie ist Time To Die auch in der Nähe von The Shins anzusiedeln. Und irgendwie kommt einem beim Hören auch Somebody Still Loves You, Boris Jelzin in den Sinn. Irgendwie ist die Musik des San Fransisco-Trios zwischen diesen beiden Referenzangaben einzuordnen. Aber das nur nebenbei zur groben Orientierung. Denn Time To Die nimmt schon einen eigenen Platz ein: als Indierock mit Folk-Reminiszenzen, dessen sphärisch-strömend anmutende Passagen sich durch Rhythmuswechsel nicht nur in seichten Gewässern verlieren, sondern auch mal Strudel verursachen. Was es nun mit dem Titel Time To Die auf sich hat, bleibt im Infozettel unbeantwortet.

Aber soviel steht (für mich) fest: Time To Die klingt nach Herbst. Diese Stimmung wird mit Small Deaths eingeläutet und mit dem letzten Track Time To Die besiegelt – zwischendrin wird das Laub allerdings noch mal bei This Is A Business und Two Medicines aufgewirbelt. Und da man im Herbst eher weniger Aktivitäten im Freien nachgeht, ist nun auch die richtige Zeit, sich dem Album von The Dodos eingehend zu widmen.


Review: Michaela Wicher

Erscheinungsdatum: 04. September 2009
Label: Wichita/Cooperative Music

Website: www.dodosmusic.net
Myspace: www.myspace.com/thedodos

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PETE YORN & SCARLETT JOHANSSON – Break Up




Scarlett Johansson ist spätestens seit Lost In Translation jedem Cineasten ein Begriff. Im letzen Jahr wagte die New Yorkerin mit ihrem Tom Waits-Coveralbum Anywhere I Lay My Head den Schritt von der Schauspielkunst ins Musikbusiness. Auf Break Up übernimmt sie nun neben Singer/Songwriter Pete Yorn den Part der weiblichen Hauptrolle.

Die Idee zu Break Up kam Yorn 2006, als er nach dem Ende einer Beziehung unter Schlafproblemen litt. Nach einer schlaflosen Woche wachte er aus einem Nickerchen mit dem Gedanken auf, ein Duett-Album aufzunehmen wie seinerzeit Serge Gainsbourg und Brigitte Bardot. Was für andere eine fixe Eingebung Frau Mabs ist, war für Pete Yorn eine Mission. Nach kurzer Überlegung stand für ihn fest, dass seine Brigitte niemand anders als Scarlett Johansson sein sollte. Eine mehr als glückliche Entscheidung, wie Break Up zeigt.

Man mag sich darüber streiten, ob Scarlett Johansson das Zeug zur Sängerin hat oder nicht. Letztendlich kommt es nicht darauf an, über eine 10 Oktaven-Stimme zu verfügen, sondern mit Hilfe von Arrangements seine Skills so einzusetzen, dass dabei Schönheit entsteht. Für eben diese Arrangements hat Pete Yorn auf Break Up gesorgt. Die Stimme der Johansson fügt sich perfekt in das Gesamtkonstrukt ein. Dezent, unaufdringlich und trotzdem omnipräsent. Wie ein Windhauch oder ein Geist aus der Vergangenheit, der Hauptakteur Yorn nicht loslässt. Nicht ganz unpassend, wenn man bedenkt, dass Break Up den Beginn einer leidenschaftlichen Beziehung und ihr Scheitern beschreibt.

An dieser Stelle wird klar, warum Scarlett Johansson die perfekte Wahl für Break Up gewesen ist: Es ist die Fragilität ihrer Stimme, der Mangel an Kraft, der Yorn genug Raum lässt, seine Erfahrungen und emotionalen Zerwürfnisse musikalisch aufzuarbeiten. Was viele als Schwäche bekritteln, erweist sich hier als ideale Ergänzung und Komplettierung.

Das Ergebnis dieser Kooperation ist ein wunderbares Folk-Album, das zeigt, was für ein Potential in einem Pete Yorn schlummert – auch, wenn er dieses in seinen letzten Alben anscheinend gut versteckt hielt. Vielleicht bedarf es manchmal eben einer vermeintlich schwachen Frau, ein solches zu wecken und ans Licht zu bringen. Eine unterkühlte Schönheit wie Scarlett Johansson ist wohl prädestiniert dazu.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 04. September 2009
Label: Warner

Website: www.peteyorn.com
Myspace: www.myspace.com/peteyorn

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BRENDAN BENSON – My Old, Familiar Friend




Den meisten Leuten ist der Name Brendan Benson wohl eher im Zusammenhang mit der Band The Raconteurs ein Begriff. Dabei ist die Band um White Stripes Frontmann Jack White längst nicht sein einziges musikalisches Engagement. So ist der in Nashville lebende Brendan Benson, neben seiner Tätigkeit als Produzent, auch und vor allem vorrangig als Solokünstler aktiv. Allerdings lässt er seine Fans mit unter sehr lange warten bis er neue Alben veröffentlicht. Sein erstes Album veröffentlichte er bereits 1996 und präsentiert uns nun, vier Jahre nach seinem dritten Album The Alternative To Love, sein viertes Album mit dem Titel My Old, Familiar Friend.

Das Album ist beim ersten Reinhören vielleicht nicht ganz so eingängig wie sein Vorgänger, beweist nach einiger Zeit aber durchaus seine Stärken. Das soll jetzt in keiner Weise abwertend gemeint sein, sondern spricht ganz im Gegenteil für seine Songs, die bei weitem zeitloser und vor allem abwechslungsreicher daherkommen als dies noch beim Vorgänger der Fall war.

Das Album steht weitestgehend für hochkarätige Popsongs, denen es gelingt sich irgendwo zwischen den Größen der Vergangenheit, wie den Beatles oder den Beach Boys, und den späteren Indie-Helden, wie Weezer oder Pavement, einen Platz zu sichern. Wie das genau geht weiß wohl nur Benson selbst. Er war es schließlich auch, der The Raconteuers bereits als eine Mischung aus Cat Stevens und Deep Purple bezeichnete. Benson scheint somit ein Experte zu sein, wenn es darum geht, musikalische Versatzstücke neu zusammen zu setzen. Und das gelingt ihm während seiner 11 neuen Songs vorzüglich.

Diese Fähigkeit zeigt er bereits beim Opener A Whole Lot Better, in dem er verspielte Gitarrenläufe und eingängigen Gesang so zusammensetzt, dass der Song quasi zeitlos und poppig definitiv ins Radio gehört. Im Grunde verhält es sich bei jedem Songs so. Mal geht es etwas ruhiger mit Klavier und/oder Streichern und fast schon bluesig anmutend zur Sache und mal präsentiert er uns reine Popperlen, die durch ihre Kurzweiligkeit und Eingängigkeit nur so vor guter Laune strotzen. Wer also auf unterhaltsamen 60s Pop, tanzbaren 70s Soul und auf rockige Gitarrenklänge steht, der sollte auf jeden Fall in das Album reinhören und zugleich hoffen, dass Benson sich bis zum nächsten Album nicht wieder so lange Zeit lässt.


Review: Axel Schinkel

Erscheinungsdatum: 04. September 2009
Label: Cooperative Music

Website: www.brendanbenson.com
Myspace: www.myspace.com/brendanbenson

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ARCTIC MONKEYS - Humbug




Die wilden Jahre der Arctic Monkeys sind vorbei. So scheint es zumindest, wenn man den neuen Longplayer Humbug der Sheffielder hört. Haben uns die arktischen Affen in der Vergangenheit zwei Alben lang mit frenetischen und euphorischen Pop-Punk-Hymnen erfreut, so bricht Humbug grundlegend mit dem Erfolgs-Konzept der beiden Vorgängeralben. Ein Grund dafür könnte der neue Produzent Josh Homme (Kyuss, Queens Of The Stone Age) sein, in dessen Joshua Tree-Studio in Kalifornien der größte Teil des Albums entstanden ist. Vielleicht ist es aber auch der Einfluss der kalifornischen Wüste, der das Album geprägt hat. Jedenfalls legen die Arctic Monkeys auf ihrem neuesten Werk ein arg gedrosseltes Tempo vor und wirken wesentlich ruhiger und gesetzter. Fort ist das jugendliche Ungestüm und der Sturm und Drang, stattdessen setzen die Jungs auf schwere, düstere Songs mit dunklen Klangfarben und bizarren Sounds, bei denen einem schnell der Gedanke an einen Tarantino- oder Lynch-Soundtrack durch die Hirnwindungen geistert.

Gut, was hätte man von einem dritten Arctic Monkeys Album erwarten sollen? Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder völlig neue Wege einschlagen oder der alten Linie treu bleiben und dabei Gefahr laufen, als Band zu stagnieren. Turner und seine Jungs haben sich für ersteres entschieden und einen neuen Sound für sich gefunden. Und so bescheren sie uns auf Humbug nun zehn Songs mit atmosphärischer Dichte und kompositorischer Reife. Die hypnotisierenden Rhythmen und Alex Turners beschwörende Stimme, die über allem schwebt, erzeugen eine fast düstere Grundstimmung, die sich über das gesamte Album zieht. Bei Dangerous Animals oder Pretty Visitors scheint es zwar, als hole sie dann doch für einen kurzen Moment die Vergangenheit wieder ein, jedoch wirken die Jungs auch hier letztendlich eher zurückhaltend und gebremst.

Eins ist sicher - Humbug wird die Musiknation in zwei Lager spalten: Diejenigen, die die ersten beiden Alben der Arctic Monkeys und ihre Working Class-Attitüde geliebt haben, werden beim Hören des neuen Werkes verstört sein und sich die Frage stellen: Was haben sich die Arctic Monkeys bei diesem Humbug nur gedacht? Diejenigen, die einen dritten Aufguss der beiden ersten Alben als langweilig erachtet hätten, wird dieses Album begeistern. Die hier Schreibende gehört zu Ersteren.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 28. August 2009
Label: Domino Records

Website: www.arcticmonkeys.com
Myspace: www.myspace.com/arcticmonkeys

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MEIN MIO - Irgendwo in dieser großen Stadt




Diejenigen, deren Helden der Kindheit noch lustige Namen wie Pippi Langstrumpf trugen, die Ferien auf Saltkrokan machten oder mit Ronja Räubertochter durch die Wälder streiften, können sich bestimmt auch noch an die Geschichte des kleinen Bosse erinnern, der als Prinz Mio das Land seines Vaters vom bösen Ritter Kato befreit. Eben dieser Figur Astrid Lindgrens entliehen Mein Mio aus Berlin ihren Bandnamen - und ihre leicht märchenhafte Erzählweise der Songs auf ihrem Debütalbum Irgendwo in dieser großen Stadt.

Mit verträumter Entrücktheit erzählen Mein Mio Geschichten aus dem Leben junger Menschen, in denen man sich nur all zu gut wieder finden kann: Das suchende Ich, das fragende Du und irgendwo dazwischen der Nachbarn vom Balkon gegenüber, der sich im Dschungel der Großstadt wahrscheinlich genauso oft verläuft, wie man selbst. Dabei zieht sich eine leichte Melancholie wie ein roter Faden durch die Songs, die durch die abwechslungsreiche Instrumentierung und die gelungenen Arrangements stets eine gewisse Leichtigkeit behalten. Alles sehr hübsch gemacht, sehr stimmig, sehr rund. Genau das ist auch der größte Schwachpunkt von Irgendwo in dieser großen Stadt: Das Album verliert sich mit zunehmender Länge in seiner Glätte. Man beginnt nach Löchern oder Vorsprüngen zu suchen, in die man fallen oder an denen man sich festhalten könnte. Stattdessen rutscht man auf der spiegelglatten Oberfläche immer weiter hinunter in die Belanglosigkeit. Etwas weniger Politur und dafür einige Kratzer hätten Irgendwo in dieser großen Stadt sicherlich gut zu Gesicht gestanden.

Triviallyrik mit einer Prise Befindlichkeitsfixierung ist eine durchaus solide Basis, wenn man die jungerwachsene 2000er Generation für sich gewinnen möchte. Baut man darauf dann noch eingängige Melodiegebilde, hat man sich schon fast in die Herzen der Radiofangemeinschaft gespielt. Mein Mio haben es zumindest ins Airplay von Radio Fritz geschafft und erreichten sogar das Finale des RadioawARD in Berlin. Nichts daran ist verwerflich. Im Gegenteil: Musik ist dazu da, um auf offenen Ohren zu stoßen und gehört zu werden. Nur stellt sich die Frage, wie viel von diesem Album oder Mein Mio zurück bleibt, wenn man sich nach dem letzten Track Am Ende kaum noch an den Anfang von Irgendwo in dieser großen Stadt erinnern kann. Hoffen wir an dieser Stelle, dass der Slogan jener Bekleidungskette, die Mein Mio präsentiert, nicht ihr eigener wird: "Dress for the moment".


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 28. August 2009
Label: Sound Guerilla

Website: www.meinmio.de
Myspace: www.myspace.com/meinmio

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KARPATENHUND - Der Name dieser Band ist Karpatenhund




Sie hätten es auch anders haben können: Nachdem ihr Label geschlossen wurde, wäre es für die Mitglieder von Karpatenhund ein leichtes gewesen, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Sängerin Claire Oelkers hätte weiterhin ihre MTV- und Schauspielkarriere vorantreiben können, während Locas In Love für Björn Sonnenberg, Niklas Jansen und Stefanie Schrank ein warmes Zuhause gewesen wäre. Karpatenhund haben sich anders entschieden. Und zwar für die Produktion ihres zweiten Longplayer Der Name dieser Band ist Karpatenhund.

Eine Entscheidung, zu der man die Kölner Band nur beglückwünschen kann. Was mit zuckersüßem Fräuleinwunderpop zwischen Klee und den anfänglichen Wir Sind Helden klingt, entwickelt sich im Laufe des Albums zu einem Abgrund desillusionierter Realitätsbekundungen. Sängerin Claire Oelkers nimmt einen Spiegel und hält ihm dem Hörer vors Gesicht. Ob man das nun mag, was man darin sieht oder nicht, kommt ganz darauf an, wie weit man sich traut, hinter die Silberlegierung des Glases zu schauen. Fakt ist, dass Der Name dieser Band ist Karpatenhund durch melancholische Texte brilliert, in denen sich wohl jeder wieder finden kann, dem einen Tag lang mal nicht die Sonne aus dem Allerwertesten geschienen hat.

Kasus Knacktus sind dabei die Kontraste, die das Album setzt. Weiche Waldhörner (ja, die hat der gute Peter Deimel schon gekonnt auf K.O.O.K. des tocotronischen Dreiers einzubinden gewusst) treffen auf kühle Basslinien und synthetische Drums. Und trotz der Tiefgründigkeit der Texte schaffen es Karpatenhund, ein Album zu kreieren, dass einen Tanzflächentest ohne weiteres überstehen kann. Ein Zirkeltanz aus dunklen Moll-Akkorden und leuchtenden Popharmonien.

Simpel wie schön schließt sich der Kreis, der mit Anfang beginnt, mit dem elften Track Ende, der den Hörer durch das Riff des Plainsong von The Cure hinaus geleitet in ein weißes Rauschen. Ob darin ein Anfang oder ein Ende liegt oder irgendetwas dazwischen, das weiß nur die Band, deren Name Karpatenhund ist.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 28. August 2009
Label: Wanderlust Musik

Website: www.karpatenhund.com
Myspace: www.myspace.com/karpatenhund

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VIRGINIA JETZT! - Blühende Landschaften




Virginia Jetzt! öffnen einmal mehr ihre Arme und laden zum Liebhaben ein. Der vierte Longplayer der Band trägt den idyllischen Titel Blühende Landschaften und macht seinem Namen alle Ehre. Zuckersüße Liebesschwüre gallore, die Träume von ewiger Zweisamkeit und Küssen im Sonnenuntergang wecken.

Ein wenig erinnert Blühende Landschaften an die Münchener Freiheit – und das nicht ohne Grund. Schließlich fungierte Ex-Münchener Freiheit-Sänger Stefan Zauner bei einigen Songs als Tutor, der Neuarrangements vornahm oder auch im Background von Hollywood zu hören ist. Alles in allem machen Virginia Jetzt! allerdings damit weiter, womit sie aufgehört haben: Mit lieblichen Schmonzetten, die pubertierende Teenies von der großen Liebe träumen lassen und mit denen sie sich in den Schlaf weinen können, wenn sie die Bedeutung des Wortes Utopie begriffen haben. Romantik-Pop trifft auf modernen Schlager und eröffnet völlig neue Zielgruppen-Horizonte. Mit ihren Texten über schlagende oder nicht mehr schlagende Herzen dürfte das Berliner Quartett nämlich auch das Klientel 50jähriger Hausfrauen erreichen, die bei Meg Ryan-Filmen ins Taschentuch schnäuzen und die gesamte Rosamunde Pilcher-Kollektion ihr eigen nennen.

Dabei sind es nicht mal die Texte auf Blühende Landschaften, die dieses Album so anstrengend machen. Es sind auch nicht die sanften Vocals Nino Skrotzkis oder die warmen Arrangements aus Streichern, Piano und Synthesizern – vielmehr ist es die Kombination aus alle dem. Ein musikalisches Dessert aus Vanilleeis mit Schokosauce, Schlagsahne, Amarenakirschen und Zuckerstreuseln, dessen Anblick allein bereits ausreicht, um ein böses Rumoren im Magen zu verursachen.

Dabei wollen Virginia Jetzt! genau das Gegenteil. Sie wollen, dass man sich nach dem Hören von Blühende Landschaften wohl fühlt, behaglich, aufgehoben in der Hoffnung, dass alles gut ist oder zumindest irgendwann wird. Vielleicht wäre das Ganze sogar annehmbar, wenn es nicht diesen "Everbody's Darling"-Touch hätte, diesen Schwiegersohn des Jahres-Sound. Denn genau dieser liegt dem gepflegten Musikfreund nach dem Genuss von Blühende Landschaften so schwer im Magen, als hätten Strotzki & Co. völlig unvermittelt einen hinterlistigen Punch hinein bugsiert. Wenn die letzten Akkorde von Leisegehen verklungen sind, ertappt man sich bei dem Gedanken, dass es eigentlich völlig egal ist, ob Virginia Jetzt! leise oder laut gehen – Hauptsache sie gehen überhaupt und nehmen dieses Album mit.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 28. August 2009
Label: BMG Rights Management

Website: www.virginiajetzt.de
Myspace: www.myspace.com/virginiajetzt

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ALEX FACE - Never Been Alright




Hinter Alex Face verbergen sich die vier Schweden David Kihlberg (Gesang/Gitarre), Frederik Kihlberg (Gesang/Bass), Sebastian Bergman (Gitarre) und Björn Westerlund (Schlagzeug). Benannt hat sich das Quartett nach einem durchgeknallten Zahnarzt aus dem schwedischen Örebrö, der 1995 seine ärztliche Zulassung verloren hat, weil er bei der Behandlung seiner Patienten eine Vogelmaske und einen Umhang getragen haben soll.

Nachdem 2008 ihr Debütalbum Smell Like A Woman erschienen ist, veröffentlichen Alex Face nun gerade mal ein Jahr später mit Never Been Alright ihr zweites Album. Neues gibt es hier allerdings nicht zu berichten. Alex Face machen mit Album Nummer 2 genau da weiter, wo sie damals mit Album Nummer 1 aufgehört haben. So spielen die Schweden sich weiterhin unter der Regie von Produzent Henrik Lipp durch eine Mischung aus Rock n Roll, Blues, Country, Garage und Punk, was klingt als hätte sich Tom Waits mit den White Stripes und den frühen Rolling Stones zu einer Jam-Session getroffen. Diese Kombination mag sich jetzt vielleicht zunächst viel versprechend anhören und bei so manchem Musikhörer Interesse wecken, doch leider ist es alles andere als das. Denn auf gesamter Albumlänge wird der Sound der vier Schweden äußerst anstrengend, so dass man den Finger so manches Mal in Richtung Skip-Taste bewegen möchte. Es bedarf wirklich starker Nerven, um die gesamten 36 Minuten Laufzeit dieser Platte komplett durchzuhalten. Der gewollt primitive und rohe Sound aus stets leicht verstimmten Gitarren und schrägen Gesangslinien mag sich zwar von den vorherrschenden musikalischen Standards abheben, dennoch bekommt man allzu oft das Gefühl, die Band habe bei einer ihrer Jam-Sessions im Proberaum ein Demotape mitlaufen lassen.

Nichts für ungut, aber der schmale Grad zwischen 60er Jahre Retro-Charme und nervenstrapatierendem Geschrammel wird hier einfach zu oft überschritten, so dass Never Been Alright leider keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Zumindest nicht im positiven Sinne.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 28. August 2009
Label: Alleycat Records

Website: www.alexface.com
Myspace: www.myspace.com/alexfaceband

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MSTRKRFT – Fist Of God




MSTRKRFT (Masterkraft) ist das kanadische Elektro-Duo Al-P alias Al Puoudziukas und JFK alias Jesse Frederick Keeler, das drei Jahre nach ihrem Debüt The Looks nun mit Fist Of God nachlegt. Ob man an der aus Körpern (vornehmlich Oberschenkeln und Ä...schen) geformten Faust auf dem Cover des Albums Geschmack findet, sei dahingestellt. Wichtig ist die Musik.

Auf Fist Of God werden auf der Grundlage von den Wurzeln des Punk Elektro mit HipHop vereint. Die Gemeinsamkeit aller Tracks liegt in der Schlagkraft, insofern haben Al-P und JFK sich für das richtige Symbol entschieden. Bei der Produktion des treibenden Sounds dürften den beiden sicherlich die Erfahrung aus DJ- und Remix-Aktivitäten für Bloc Party, Justice oder The Kills hilfreich gewesen sein.

Fist Of God entspricht genau ihren Vorstellungen eines gelungenen Sets, das die Leute zum Tanzen bringt. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf ist genau solch ein Album entstanden. Dabei legten Al-P und JFK aber nicht nur Wert auf tanzbaren Sound, bei dem fette Bässe und schrille Synthie-Klänge auch mal dem Piano Platz einräumen, sondern auch auf eine entsprechende Auswahl an Gastmusikern wie Lil'Mo, Ghostface Killah, N.O.R.E und ISIS, E-40 oder dem R&B-Talent John Legend, die der instrumentellen Schlagkraft von Fist Of God die stimmliche Schlagkraft hinzufügen, und somit den Abwechslungsreichtum des Albums verstärken.


Review: Michaela Wicher

Erscheinungsdatum: 11. September 2009
Label: Cooperative Music

Website: www.mstrkrft.com
Myspace: www.myspace.com/mstrkrft

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FRANK POPP – Receiver




Frank Popp, der seinerzeit in einem Coca-Cola-Spot-Jingle die Behauptung in den Raum stellte, hippe Teens würden keine Blue Jeans tragen, meldet sich mit seinem aktuellen Album Receiver zurück. Zwar ist das Ensemble dieses Mal nicht im Namen vertreten, im Hintergrund des Longplayers ist es jedoch deutlich zu hören.

Auch auf Receiver scheinen sich die jungen Wilden nicht im Levi's Outlet-Store zu bedienen – vielmehr klingt das Ganze nach knackigen Lederhosen und Suzie Quatro-Bikerboots. Neben beatleesken 60s Tracks wie Nothing To Gain oder Dead End Street lädt Frank Popp den Hörer zu einem Ausflug in die rockenden 70er ein. Gitarrenbretter stapeln sich über orchestralen Arrangements und geben dem Hörer das Gefühl, den guten alten Opel Corsa vor der Haustür mit Doc Browns Delorean verwechselt zu haben. Startet das Ganze noch als abenteuerliche Spritztour in die Vergangenheit, so geht dem plutoniumbetriebenen Boliden leider schnell die Puste aus. Receiver entwickelt sich zu einer langatmigen Überlandfahrt. Selbst der soulige Charme Sam Leigh-Browns, die Frank Popp wie bereits auf vorherigen Alben auch für Receiver als Sängerin verpflichtet hat, reicht nicht aus, um der unvermeidlichen Frage zu entgehen: "Wann sind wir denn endlich da?!?" Einziges Highlight der Tour ist das melancholisch-verträumte Countdown To The Sun, mit dem sich Ex-Blackmailer Aydo Abay nach seinem Austritt aus der Band stimmlich wieder zurück meldet.

Dabei ist es erstaunlich, dass die Songs in sich durchaus funktionieren: Bricht man Tracks wie Hey Mr Innocent oder I Don't Mind aus ihrem Zusammenhang, so wird man mit durch und durch tanzbaren Unikaten konfrontiert, bei denen man nicht anders kann, als mit dem Fuß zu wippen. Im Kontext des Albums jedoch verlieren die Stücke ihre Wirkung: Zu ähnlich sind die Arrangements, zu konstruiert erscheint der Sound. Nach einer 50minütigen Fahrt findet man sich in seinem soliden Rüsselsheimer Kleinwagen wieder.

Frank Popps Bestreben, dem Schicksal eines One-Hit-Wonders zu entgehen, scheint ein Hangeln von Album zu Album zu sein. Ein Wettlauf gegen die Vergessenheit. Von seinem neuesten Werk Receiver bleibt am Ende leider auch nicht allzu viel hängen. Vielleicht liegt es daran, dass die hippen Teens doch Blue Jeans tragen...


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 10. Juli 2009
Label: TV Eye Records (Indigo)

Website: www.frankpopp.com
Myspace: www.myspace.com/frankpoppmusic

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THE ELEPHANTS - Take It!




2007 setzte die dänische Formation The Elephants mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum ein erstes Ausrufungszeichen. Ihr fröhlicher Indie-Surf-Pop wurde durch die Bank gefeiert, mit den Beach Boys und I'm From Barcelona verglichen, und große Hoffnung auf weiteres Material wurden gehegt. Mit dem zweiten Langspieler Take It! ist es nun soweit.

Allerdings hat es in der Zwischenzeit eine kleine Veränderung gegeben, mit mehr oder weniger starken Folgen. 2008 verstarb der Bassist des ersten Albums und langjähriger Freund der Band, Rasmus Nybo. Inwiefern sich dieser Schicksalsschlag auf die Band und den Songwriting- und Aufnahmeprozess ausgewirkt hat, ist nicht wirklich klar. Tatsache aber ist: Take It! ist im Vergleich zum Vorgänger um einiges ruhiger und melancholischer ausgefallen. Ob das jetzt eine geplante Weiterentwicklung ist, oder ob der Todesfall so deutlich seine Spuren hinterlassen hat, sei dahingestellt. Ihren ansteckenden Dance-Appeal haben The Elephants leider etwas eingebüßt.

Und dennoch: Ihren ganz besonderen Sound haben die Dänen beibehalten. Überlegte Arrangements, ein buntes Instrumentarium mit Banjo, Ukulele, Trompete und heulenden Tremolo-Gitarren und himmlische Background-Chöre sorgen für ein hohes Qualitätsniveau vom ersten bis zum letzten Track. Bis auf den Opener The Organ Grinder, der noch die hibbelige Energie des ersten Albums andeutet, verbreitet das Album eine schwelgerisch-verträumte Stimmung, die zwar nachdenklich, aber auf keinen Fall zu schwermütig ist. Diese entspannte Spätsommeratmosphäre macht natürlich auf Dauer ebenso träge, wie die ganze Platte anfangs klingen mag, aber aus der Ruhe kommt ja bekanntlich die Kraft. Die Kraft, die einem in Songs wie Eva oder Nothing But Clues nach und nach entgegenstrahlt. Bleibt zu hoffen, dass The Elephants auf diesem bemerkenswerten Fundament weiter aufbauen können.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 28. August 2009
Label: Tapete Records

Website: www.elephants.dk
Myspace: www.myspace.com/theelephantsdk

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JET - Shaka Rock




Neues aus Australien. Keine Waldbrände oder neue blutige Hai-Attacken, sondern ein wuchtiges Rock'n'Roll-Album kommt von dem kleinen Kontinent zu uns herüber. Es trägt den Namen Shaka Rock und ist mit 12 Songs der dritte Silberling von Jet. Musikalisch knüpft Shaka Rock an das Debütalbum Get Born an. Das rauhe und rockige Hitverdächtige Songwriting, das bereits durch die zwei Singleauskopplungen K.I.A. und She's A Genius angedeutet wurde, wird in den anderen 10 Songs aufgegriffen und überzeugend zu Ende gebracht, so dass ein gutes neues Album von Jet entstanden ist.

Schon das Cover mit einem brennenden Lieferwagen deutet an, dass Jet wieder wild sein wollen und die Welt einfach wieder rocken möchten. So findet sich auf Shaka Rock nur eine Ballade. Alles andere ist durchgängiger, mitreißender und wuchtiger Rock. Hervorragend sind die zum Teil im Ohr bleibenden Gitarrenriffs, die oft das gewisse Etwas bei den Songs ausmachen. Sie geben Tempo ohne überdreht zu klingen und auch das Schlagzeug weiß sich an entsprechenden Stellen dezent zurückzuhalten, aber treibt die Songs stets an, damit sie doch wild und verspielt klingen. Besonders das "Yeah, yeah, yeah" im Song Walk zaubert einem das Lächeln ins Gesicht und man hat für mindestens 3 Minuten gute Laune. Manches auf dem Album erinnert stark an die Beatles (La Di Da) und auch ein AC/DC-Tribute (Black Hearts) findet der interessierte Musikhörer.

Alles in allem eine gute dritte Platte der australischen Band, die allerdings nicht unbedingt das Indierock-Herz stetig höher schlagen lässt. Ich würde es als ein solides Werk bezeichnen. Große brillante Momente bleiben beim Hören leider bisher aus. Trotzdem ist es ein Reinhören wert, denn eine deutliche Steigerung zum Vorgängeralbum ist ohne Zweifel zu erkennen. Liebe Australier macht weiter so!


Review: Tobias Basse

Erscheinungsdatum: 28. August 2009
Label: Virgin (EMI)

Website: www.jettheband.com
Myspace: www.myspace.com/jet

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SIMIAN MOBILE DISCO - Temporary Pleasure




Zwei Jahre ist es in etwa her, dass Jas Shaw und James Ford von Simian Mobile Disco ihr Debütalbum Attack Decay Sustain Release unter die Leute gebracht haben. Das Folgewerk Temporary Pleasure ist nun sicherlich nicht als kurzfristiges Vergnügen zu verstehen, da die Vielfalt, durch die sich das Album auszeichnet, auf jeden Fall zu wiederholtem Hören initiiert. Diese Vielfalt verdankt Temporary Pleasure zum einen der Zusammenarbeit mit Gastsängern wie Chris Keating von Yeasayer, Jamie Lidell, Young Fathers, Alexis Taylor von Hot Chip und nicht zuletzt mit Gossip-Frontfrau und Karl Lagerfeld-Muse Beth Ditto.

Dem noch seicht daherkommenden Opener Cream Dream steuert Gruff Rhys von den Super Furry Animals seine Stimme bei, bevor mit Audacity Of The Huge Chris Keating eine Schippe zulegt und es in Richtung Tanzfläche gehen kann. Eine weitere Steigerung stellt 10000 Horses Can't Be Wrong dar, das gänzlich ohne Gesang auskommt und stattdessen – wie auch die beiden weiteren Simian Mobile Disco-Alleingänger Synthesise und Ambulance, auf instrumentelle Schubkraft für die Elektro-Disko setzt. Bei Synthesise verstärkt der Gebrauch der Stimme mit der Aussage "I was born to synthesise" den klanglichen ihr dementsprechenden Überbau, wohingegen Jas Shaw und James Ford bei Ambulance voll auf das klangliche Wechselspiel von synthetischer Imitation der Ambulanzsirene und von Basswucht setzen.

Doch zurück zu den Gastsängern: Teilweise sind diese Kollaborationen Ausflüge in unterschiedliche elektronische Gefilde. Mit Beth Ditto reisen Simian Mobile Disco zunächst in die 90er und lassen den Eurodance leicht aufflackern. Bei Off The Map mit Jamie Lidell geht es noch weiter zurück; hier dominiert schnelles Tempo, das deutlich Spuren der 80er Jahre aufzeigt, die sich durch den basslastig-treibenden Song ziehen. Die Mixtur von Raumschiff-Orion-anmutenden Klängen und ein Jungle-ähnlicher Beat treiben Alexis Taylor bei Bad Blood an. Mit Pinball feat. Telepathe schließt sich Temporary Pleasure wie es eröffnet worden ist und lässt den Hörer ein wenig für den nächsten Durchlauf runterkommen.


Review: Michaela Wicher

Erscheinungsdatum: 14. August 2009
Label: Wichita/Cooperative Music (Universal)

Website: www.simianmobiledisco.co.uk
Myspace: www.myspace.com/simianmobiledisco

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ZOOT WOMAN – Things Are What They Used To Be




Manche Songs scheinen sich irreversibel im Großhirn einzunisten. Man könnte sie selbst mit der gründlichsten Gehirnwäsche nicht aus dem Erinnerungszentrum schrubben. Einer davon ist Zoot Womans Living In A Magazine, der seinerzeit bei ausdauernden Night-Outs zu einer der Hymnen auf der Tanzfläche gehörte. Schneidiger Elektropop eines Trios aus Reading, deren Anzüge genauso weiß waren wie das Koks auf den Toiletten der Stylo-Clubs, in denen jeder für eine Nacht in seinem eigenen Magazin leben konnte. Mit ihrem unterkühlten Charme aus dandyesken Vocals und pulsierenden Beats brachten Zoot Woman die Club- wie die Indieszene gleichermaßen zum kochen.

Sechs Jahre ist es her, dass die Herren zum letzten Mal in Form ihres zweiten Albums Zoot Woman von sich hören ließen. In der Zwischenzeit betätigte sich Basser Stuart Price als Produzent, Komponist und Musiker für Madonna, die Killers oder Seal. Bei all der Stille um Zoot Woman war man sich nicht wirklich sicher, ob man von dem Trio überhaupt noch etwas hören würde. Und dann meldet es sich auf einmal wieder zurück, als sei nichts gewesen und als wären sechs Jahre im bandeigenen Mikrokosmos nur ein stroboskopartiger Wimpernschlag.

Das Ergebnis der sechsjährigen Schaffensphase ist ein Album, das nur so strotzt vor Energie und Kreativität: Zoot Woman durchqueren Eurodance-geschwängerte 80's-Hemisphären, driften ab in psychedelisch-transzendente Harmonien, feilen die Synthesizer so lange aus, bis aus diesen sirenenartige Speerspitzen entstehen, die sich ins Trommelfell bohren, um dann plötzlich in einen See aus Nachdenklichkeit und Melancholie abzutauchen.

Mit ihren dritten Album melden sich Zoot Woman nicht nur zurück, sie behaupten auch klar den Standpunkt ihres ganz eigenen Sounds, der – ohne Frage – zeitlos ist. Jeder der 12 Tracks hat das Potential zum Hit. Jeder Song ist ein Tanzflächenfüller. Es ist gut, dass sich manche Dinge nie ändern. Einen treffenderen Albumtitel als Things Are What They Used To Be hätten Zoot Woman wohl nicht wählen können.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 21. August 2009
Label: Snowhite

Website: www.zootwoman.com
Myspace: www.myspace.com/zootwoman

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AMANDA BLANK – I Love You




Was wurde nicht schon alles geschrieben über Amanda Blank. Zu vulgär, sagen die Einen, frech und unbedarft, meinen die Andreren. Mal wird sie mit Lady Gaga verglichen, dann wieder mit Santigold."Wie Peaches, bloß ohne Achselhaare" war bisher das einprägsamste Zitat. Und wie sich das dann anhört, kann man sich auf I Love You zu Gemüte führen. In Ihren Songtexten bemüht sie sich gar nicht erst um Zweideutigkeit, sondern rappt munter und ziemlich vulgär darauf los. Jaja, auch Frauen können richtig böse und versaut sein, soll das dem potentiellen Käufer vermitteln. Amanda Blank nur deshalb zur Frauenrechtlerin zu erheben, weil sie in Ihren Texten Männer zu Objekten degradiert (wie es die männliche Rapperzunft seit 30 Jahren erfolgreich mit vertauschten Geschlechterrollen praktiziert), ist doch etwas weit hergeholt. "Sex sells" ist schließlich immer noch Paragraph eins der ungeschriebenen Marketinggesetze der Musikindustrie.

Was hat Amanda Blank also außer Sex noch zu bieten? Wenn man das Album zum ersten mal durchhört, ist man zunächst einmal verwirrt. Wie kann man in eine halben Stunde Musik so viele verschiedene Einflüsse und Stilrichtungen stecken? I Love You enthält perfekte Popsongs wie etwa Make It Take It, DJ oder auch Shame On Me, die nicht mit elektronischen Stilmitteln geizen und in denen Amanda Blank nicht rappt, sondern richtig gut singt. Dass sie auch rappen kann, stellt sie dann bei Gimme What You Got und Let me Get Some unter Beweis. Die Höhepunkte des Albums sind zweifelsohne die Single I Might Like You Better sowie das Prince-Cover Make Up, das Amanda Blank in eine Hommage an Chicks On Speed verwandelt hat.

Alles in allem vermisst man als Hörer aber einen roten Faden, der das Gesamtwerk zusammenhalten würde. Und man wird das Gefühl nicht los, dass bei einigen Songs das geniale Produzentenduo Diplo und Switch nicht nur seinen Anteil hatte, sondern aus der mittelmäßigen Vorlage mit vielen Effekten einen richtig guten Song gemacht hat.

Ihrem großen Vorbild Peaches kann Amanda Blank noch nicht ganz das Wasser reichen, was nicht nur an der fehlenden Achselbehaarung liegen wird. Ein sehr ambitioniertes und sehr abwechslungsreiches Album, das sich erfrischend anders anhört, ist ihr aber allemal gelungen.


Review: Andreas Kussinger

Erscheinungsdatum: 07. August 2009
Label: Cooperative Music

Myspace: www.myspace.com/amandablank

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DARKER MY LOVE - 2




Sie sind die Reinkarnation des Sounds aus Großbritannien der späten 80er/frühen 90er. Dabei stammen Darker My Love gar nicht von der Insel, sondern aus dem sonnigen L.A. Nachdem ihr selbstbetiteltes Debütalbum 2006 nur in den USA veröffentlicht wurde, versuchen die fünf Kalifornier - Tim Presley (Ex-The Nerve Agents), Andy Granelli (Ex-The Distillers), Rob Barbato, Jared Everett und Will Canzoneri - nun mit ihrem zweiten Longplayer 2 den Sprung über den großen Teich.

Entgegen jeglicher musikalischer Trends, die momentan die Musiklandschaft beherrschen, lassen Darker My Love einen längst vom aussterben bedrohten Sound der Vergangenheit wieder auferstehen und transportieren diesen in die Gegenwart. Und das Ergebnis ist überaus hörenswert. Darker My Love bauen meterhohe Soundwände auf hohem instrumentellen Niveau mit Intros, die nicht selten bis an die 1-Minute-Grenze gehen und ausufernden Instrumentalparts innerhalb der Songs. Dabei beherrschen Darker My Love ihr Handwerk außerordentlich gut und schaffen es präzise eine gute Soundstruktur aufzubauen. Ihr Gemisch aus verzerrten Gitarren und einem leicht introvertierten Gesang erinnert einen unweigerlich an Bands wie The Jesus And Mary Chain, My Bloody Valentine oder Ride. Aber auch eine nahe Verwandtschaft zu den frühen Black Rebel Motorcycle Club (Northern Soul) lässt sich hier nicht leugnen. Doch verarbeiten Darker My Love die genannten Referenzen stets auf ihre eigene Art und Weise.

Aus alt mach neu lautet hier die Devise und das gelingt Darker My Love prächtig. Und auch wenn man das alles schon mal gehört hat, so ist 2 trotzdem ein sehr gutes und überzeugendes Album, das hoffentlich auch in Europa eine große Zuhörerschaft finden wird.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 07. August 2009
Label: Pias/Dangerbird Records (Rough Trade)

Website: www.darkermylovemusic.com
Myspace: www.myspace.com/darkermylove

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DIAL M FOR MURDER! - Fiction Of Her Dreams




Schon wieder ein neues Solo-Projekt von Paul Banks? Könnte man meinen, denn beim ersten hören klingen Dial M for Murder! nach einer tanzbaren Lo-Fi-Version von Interpol. Die zwei jungen Schweden darauf zu reduzieren wäre aber zu kurz gegriffen und ist auch nicht negativ gemeint. Nachdem sie Ende 2008 mit einer Single in Kennerkreisen bereits für Furore gesorgt haben, liefern sie nun mit ihrem Debüt Fiction Of Her Dreams ein sattes Stück Retro ab. Die Referenzen hört und sieht man, Inspiration wird aus der Post-Punk- und Dreampop-Ästhetik von Joy Division und den Chameleons bis heute geschöpft. An Begriffe wie "ausgelutscht" denkt man da gar nicht, wenn das Ganze so überzeugend gemacht ist wie hier.

Um noch mal den Vergleich zu Interpol zu ziehen: Wie jenen gelingt es Dial M For Murder!, innerhalb eines ziemlich düsteren Rahmens eine wohltuende Vielfalt einzubringen und den Bogen zu spannen zwischen schwermütigen und in gewisser Weise upliftenden Songs. Mit einem typisch reduzierten Setup, bestehend aus Gitarre, Bass, altem Synthesizer und einem wohl noch älteren Drumcomputer erschaffen sie ihre eigene Interpretation der 80er: Analog, dreckig, monoton und zugleich ansteckend melodiös. Abgerundet wird dieser – Verzeihung – geile Sound von einer verhaltenen und doch kraftvollen Stimme, die nicht gerade von der Sonnenseite des Lebens erzählt. Wie erwähnt bietet die Platte beides: Nummern, bei denen man sich nur noch unter der Bettdecke vergraben möchte (NYC, You Said) und solchen, die auch im Club vorstellbar wären (Hell No, Do You Think So? I don't, The Mourning Comes The Morning After). Letztere sind definitiv die Highlights des Albums.

Sicherlich ist auch Fiction Of Her Dreams alles andere als progressive, moderne Rockmusik. Sei's drum, es klingt verdammt gut und hat nicht nur einen eigenen Stil, sondern auch Stil im allgemeinen. Deswegen: Daumen hoch!


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 14. August 2009
Label: Tapete Records

Myspace: www.myspace.com/mformurderband

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TIMO BREKER - Learn & Wait




Learn & Wait ist das EP-Debüt von Timo Breker. Ein Erstlingswerk, das dem Hamburger mit indonesischen Wurzeln sehr am Herzen liegen dürfte. Immerhin hat der junge Singer/Songwriter mittels Musik vor einigen Jahren sein Asthma in den Griff bekommen. Entsprechend nachdenklich, tiefgründig und vor allem ruhig präsentiert sich Breker auf Learn & Wait.

Auch wenn sich Timo Breker für ausgewählte Songs musikalische Unterstützung in Form von Pianist Philipp Steinke, Bassist Jan Bela und Schlagzeuger Marco Möller ins Boot holt, so liegt der Fokus von Learn & Wait doch eindeutig auf dem Zusammenspiel aus Gesang und Gitarre. Wo auf der einen Seite die große Stärke der Songs liegt – nämlich in der sparsamen Instrumentalisierung, die Raum lässt für Brekers Stimme - findet sich auf der anderen die größte Schwäche: Mangelnde Variation. Bei aller Schönheit und Melancholie vermisst man doch die Abwechslung in den einzelnen Tracks. Kaum sind Akkorde des Openers Julia verklungen erliegt man dem Trugschluss, ein einziges langes Musikstück zu hören, in dem jegliches Zeitgefühl verloren geht. Dieses setzt erst wieder ein, wenn der Abschluss- und Titeltrack Learn & Wait mit vitalen countryesken Klängen die Stille und sich langsam einschleichende Monotonie durchbricht und man realisiert, dass zwischenzeitig drei Songs und knappe 14 Minuten vergangen sind.

Nichtsdestotrotz ist Learn & Wait ein Debüt, das nicht nur das Herzblut, sondern vor allem auch das Potential von Timo Breker erkennen lässt und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung bietet. Warten wir also gespannt auf das Album des jungen Mannes aus der Hansestadt, das 2010 erscheinen soll.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 10. Juli 2009
Label: Lamm Records (Universal)

Website: www.timobreker.de
Myspace: www.myspace.com/timobreker

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TORTUGA BAR - Narcotic Junkfood Revolution




Tortuga Bar ist das aktuelle Band-Projekt von Mark Kowarsch und Alexandra Gschossmann. In der hiesigen Indie-Szene ist Kowarsch allerdings längst kein Unbekannter mehr und hat schon in vielen Bands musiziert: Speed Niggs, Sharon Stoned, Elektrosushi. Drei Jahre hat der Mann aus Ostwestfalen gemeinsam mit seiner Freundin an dem Debütalbum Narcotic Junkfood Revolution gewerkelt, das hauptsächlich im Nürnberger Night Club Studio aufgenommen wurde. Herausgekommen ist ein buntes und vielseitiges Werk mit unterschiedlichen musikalischen Stilen und Soundfarben.

Diese bunte Mischung ist wohl auf die verschiedenen Mitwirkenden, die sich auf dem Album tummeln, zurückzuführen. Denn wie es schon bei den früheren Bands von Kowarsch zur Tradition geworden war, vereint er auch diesmal wieder jede Menge Gastmusiker auf seinem Album - darunter Evan Dando von The Lemonheads Phillip Boa, Nagel von Muff Potter, Peter Brugger von Sportfreunde Stiller, Jari von Navel, Gitbox!, Nino Skrotzki von Virginia Jetzt!, Gisbert zu Knyphausen, Bernadette La Hengst - um nur einige zu nennen. So taucht bei jedem der zwölf Songs mindestens ein neuer Gast auf, der dem jeweiligen Song seine eigene Note beisteuert. Und so abwechslungsreich wie sich die Gästeliste liest, genauso abwechslungsreich präsentiert sich auch der Sound auf Narcotic Junkfood Revolution: Von energischem Indie-Rock (Likely To Be Dropped) über Singer/Songwriter-Kompositionen (Storm) bis hin zu verschrobenen Elektronummern (Foolish Me).

Durch die vielen Stilwechsel erscheint das komplette Album allerdings eher wie eine Compilation als ein homogenes Gesamtwerk - jeder Song steht für sich und funktioniert auf seine ganz eigene Art und Weise. Jedoch wirkt das Ganze auf Albumlänge gesehen ein wenig wirr und ohne jegliches Konzept, wodurch der ansonsten positive Gesamteindruck leider ein wenig getrübt wird.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 26. Juni 2009
Label: VierSieben Records

Website: www.tortugabar.net
Myspace: www.myspace.com/tortugabar1

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EVERLAUNCH – Suburban Grace




Immer dieser Zwiespalt: Unvoreingenommen und objektiv sollte man Musik beurteilen und vor allem bei jungen (deutschen) Bands eher wohlwollend reagieren, anstatt sofort mit der Kritikerkeule alles kurz und klein zu schlagen. Aber was soll man gegen dieses innere Gähnen machen, wie diese Hat's-doch-alles-schon-gegeben-Stimmen abschalten? Everlaunch – 4 junge Männer aus Niedersachen – sind mit ihrem Debütalbum Suburban Grace nun die nächste Band zwischen jenen Fronten.

Suburban Grace bietet elf Stücke groß angelegten Alternative-Rock im Stil von Bands wie Polarkreis 18 und Hard-Fi (wohl auch Vorbild für das Artwork), ist radiotauglich und glanzproduziert von der ersten bis zur letzten Minute und für ein Debüt unglaublich routiniert und professionell gemacht. Verantwortlich dafür sind zum Teil ein namhaftes Produzentenduo (u. a. Kettcar und Jan Delay) und Aufnahmen in "feinen Hamburger Studios". Das große Geld steckt jedoch nicht dahinter: Ganz ohne fremde Hilfe und mit äußerster Liebe zur eigenen Arbeit haben Everlaunch es bis hierher geschafft, darauf wird energisch gepocht und verdient auch Respekt. Wie erwähnt ist es ebenso respektabel, mit einem solchen Album an den Start zu gehen, das mit der Single Run Run Run, Seesaw, Picturefreak und eigentlich auch allen anderen Songs potentielle Hitparaden-Nummern liefert.

Und genau hier fällt das große Aber: Für feine Lauscher bedeutet Suburban Grace weichgespülten Radiorock und wenig Innovation. Leider sind auch die Texte relativ austauschbar, sodass die "großen Gefühle", welche ihren prominenten Fürsprecher Markus Kavka bei der Platte überkommen, fast ganz ausbleiben. Ein bisschen weniger Allgemeinplatz-Lyrik hätte hier ganz gut getan. "Elf Songs, die - gleich ob alleine oder im Gesamtwerk betrachtet - genau so aussagekräftig sind, wie man es sich wünscht und besonders hierzulande lange genug vermisst hat", sagt der Beipackzettel. Aussagekräftig – naja. Vermisst? Geht so. Aber sicherlich nicht so überflüssig, wie manches andere. Mehr Profil und Charakter würde das ganze attraktiver machen, dann allerdings nicht mehr in der Weise den Massengeschmack treffen wie dieses Album.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 24. Juli 2009
Label: Mightytainment

Website: www.everlaunch.de
Myspace: www.myspace.com/everlaunch

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MOLOTOV JIVE - Songs For The Fallen Apart




"Dieses Album ist unser Born To Run. Die Vision war eine Platte zu kreieren, die klingt, als hätte Phil Spector die E Street Band produziert - auf Speed". Anton Annersand, Frontmann des Schweden-Vierers Molotov Jive, zeigt sich extrem euphorisch, was das zweite Album Songs For The Fallen Apart seiner Band angeht. Ob diese Aussage eher von schwedischer Rock n Roller-Großtuerei als von realistischer Selbsteinschätzung zeugt, sei an dieser Stelle mal dahingestellt. Fakt ist jedenfalls, dass das Quartett aus Karlstad mit ihrem Zweitlingswerk Songs For The Fallen Apart ein sehr gutes Album hingelegt hat, das eine deutliche Weiterentwicklung der Band zeigt. Denn war das 2006er Debüt When It's Over I'll Come Back Again noch eine Ansammlung von Songs in bester Pop/Punk/Beat-Manier mit durch Teenagerängste geprägten Texten, kommt der Nachfolger Songs For The Fallen Apart musikalisch als auch textlich wesentlich erwachsener und gereifter daher.

Als Produzent hat ihnen dabei Tom Hakava unter die Arme gegriffen, der auch schon für Bands wie Shout Out Louds oder Of Montreal die Regler bediente. Doch anstatt zuviel mit der Studiotechnik zu spielen, vertrauen die Schweden bei ihrem neuen Longplayer lieber auf ihren Livesound und so wurde das Album in einem analogen Studio komplett live eingespielt, um die mitreißende Energie, die Molotov Jive gerade bei ihren Konzerten versprühen, einzufangen. Und dies ist ihnen hervorragend gelungen, denn auf Songs For The Fallen Apart ist vom ersten Ton an genau diese Energie zu spüren.

Eingeleitet wird das Album durch einen Prologue und endet mit einem Epilogue. Dazwischen geben die Schweden ordentlich Vollgas und schmeißen mit Hits nur so um sich: Monday, Tuesday, Bridges Burn oder Paint The City Black - um nur einige Highlights des Albums zu nennen. Zeit zum Verschnaufen bleibt nur bei der einzigen Ballade Cecilia And The Love, die den schnellen und energetischen Fluss für kurze Zeit unterbricht, bevor es mit Nicotine dann direkt in der vorherigen Geschwindigkeit weitergeht.

Mit Songs For The Fallen Apart könnten die vier Schweden von Molotov Jive es endlich schaffen ernst genommen zu werden. Das Album hat zumindest das Potential den Jungs einen ordentlichen Schubs nach vorn zu geben.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 26. Juni 2009
Label: Strange Ways

Website: www.molotovjive.se
Myspace: www.myspace.com/molotovjive

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FLORENCE AND THE MACHINE - Lungs




Vorhang auf für die nächste britische Newcomerin im Popzirkus: Florence Welch und ihre siebenköpfige Begleitband The Machine liefern auf ihrem Debütalbum Lungs eingängige und pompös arrangierte Popmusik, die Spaß macht, und von der Bush bis zur Nash an viele andere stimmgewaltige Damen denken lässt. Jedoch steckt mehr hinter der fröhlich-schwelgerischen Atmosphäre als bloßer Radio-Pop zum Mitwippen, so erzählt man sich.

"Meine Musik soll sich anfühlen, als ob man sich von einem Baum stürzt, oder von einem Hochhaus; oder als ob man in die Tiefen des Ozeans gerissen wird und keine Luft mehr bekommt." Um die großen Gefühle geht es der ehemaligen Kunststudentin also, und die werden von den mitreißenden Songs allemal angesprochen. Auch Frau Welchs großartige Stimme, irgendwo zwischen Feist und Kate Nash angesiedelt, trägt ihren Teil zum allgemeinen Wohlgefallen bei. Textlich fühlt man sich in neue Welten entführt, ziemlich düster und verworren scheint es im Kopf von Florence zuzugehen: "My boy builds coffins ,he makes them all day, but it's not just for work and it isn't for play. He's made one for himself, one for me too, one of these days he'll make one for you" (My Boy Builds Coffins). Aber bevor man sich in übertriebener Interpretation verlieren könnte, gibt Florence selbst "Entwarnung": "Alles dreht sich um Jungs! Das gesamte Album handelt von der Liebe". Na dann, mehr will man von so einer ohrwurmigen Platte auch gar nicht. Anspieltipps gibt es genug, zum einen treibende Stücke wie Dog Days Are Over und Howl oder die prädestinierte Tanznummer Kiss With A Fist.

Zu meckern gibt es bei Lungs wirklich nichts. Eine schöne Platte mit bezaubernden Pop-Perlen, nicht mehr und nicht weniger.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 10. Juli 2009
Label: Island (Universal)

Website: www.florenceandthemachine.net
Myspace: www.myspace.com/florenceandthemachine

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THE PARLOTONES - A World Next Door To Yours




In Südafrika würde diese Plattenkritik niemanden mehr interessieren, schließlich liegt A World Next Door To Yours dort schon seit 2007 im den Plattenläden. Zwei Jahre später findet das dritte Album der Parlotones nun auch den Weg nach Mitteleuropa.

Verkehrte Welt für Sänger Kahn Morbee und seine Bandkollegen, denn während sie in Südafrika schon alles erreicht haben, stehen sie hierzulande noch weitgehend am Anfang ihrer Karriere. Der Vorgänger Radiocontrolledrobot hat zwar auch hierzulande ein paar Abnehmer gefunden und die Plattenkritiken waren durch die Band recht wohlwollend, nach kurzer Zeit wandte sich die Zielgruppe aber wieder Großbritannien zu, wo neue Bands ja wie Pilze aus dem Boden schossen.

Vielleicht aber wurden The Parlotones dem Publikum hier auch falsch verkauft. "Die südafrikanischen Coldplay", das legt die Messlatte schon recht hoch und weckt Erwartungen, die kaum erfüllt werden können. Doch wie klingen sie denn tatsächlich? Snow Patrol, Keane oder auch Starsailor, mit denen die Südafrikaner jüngst auf Tour waren, können als europäische Referenzen genannt werden. "Melodic Indie-Rock" nennen sie es selbst und liegen damit ziemlich richtig. Viel Pomp und Pathos, ein bisschen Emo, eine gute und vor allem stadiontaugliche Mischung.

Was leider fehlt, ist irgend etwas unverkennbares, und so wird es wohl schwierig bleiben, hier Fuß zu fassen. Wobei man an dieser Stelle noch die wunderbare Stimme von Sänger Kahn Morbee erwähnen sollte, die den Songs erst so richtig Qualität verleiht. Dennoch könnte man sich durchaus vorstellen, den ein-oder anderen Song von A World Next Door To Yours im Radio zu hören, sollten die Sender Kings Of Leon vielleicht irgendwann endlich tot gespielt haben und sich auf die Suche nach Ersatz machen.


Review: Andreas Kussinger

Erscheinungsdatum: 26. Juni 2009
Label: Eastzone

Website: www.parlotones.co.za
Myspace: www.myspace.com/theparlotones

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ROBIN TOM RINK – The Dilettante




Mit The Dilettante haben wir das Debüt-Album eines bislang noch relativ unbekannten Singer/Songwriters aus Münster vorliegen. Sein Name: Robin Tom Rink. Und alles, was man über ihn als Person wissen muss, verrät uns wie immer der Promowaschzettel. Kurz zusammen gefasst, handelt es sich bei dem jungen Mann, wie bereits geschrieben, um einen gebürtigen Münsteraner, den es über die Umwege Berlin und Paris mittlerweile nach Konstanz verschlagen hat. Weiter wird über seine schlimme Drogenvergangenheit, Jobs als Postbote und eine mysteriöse Krankheit geschrieben. Insgesamt wird dort das Bild eines Künstlers aufgebaut, der erst in der Fremde scheitern und so tief sinken musste, um aus dem Leid heraus seine Kreativität schöpfen zu können.

Authentizität ist das Stichwort mit dem hier unausgesprochen gearbeitet wird, denn die Gitarre, so heißt es, sei sein Mittel gewesen, um das tiefe Tal zu durchschreiten. Untermalt wird das alles von Promofotos, auf denen er vor den vier Buchstaben E-X-I-L oder nachdenklich in einem leeren Café posiert und einem vom Künstler selbst gemalten Cover. Im Großen und Ganzen wirkt das gesamte Paket sehr komplett und schlüssig, womit wir nun endlich zur Musik übergehen, denn die Musik und ihr Texte fügen sich lückenlos in seine Charakterstudie ein.

Die Musik, Robins Selbsttherapie, wird überwiegend von traurig minimalistischen Gitarren- und Pianoklängen getragen, zu denen er mit bildlicher Sprache von Situationen und Momenten berichtet, die wohl nur jemand mit seiner Vergangenheit komplett zu interpretieren weiß. Seine Texte, die beim bloßen Lesen zunächst kitschig wirken, fügen sich letztlich zu einer runden Sache in die Musik ein und erscheinen als intime und emotionale Zustandsbeschreibungen. Alles wirkt irgendwie vertraut und vor allem echt – und wenn man dem Promowaschzettel Glauben schenkt, dann ist es das ja auch.

Das Schöne an der ganzen Sache ist jedoch, dass Robin bei seinem Album nicht auf die Mitleidsschiene setzt, sondern sich auch ab der Hälfte es Albums traut, hereinbrechende E-Gitarren und ein positiv lärmendes Schlagzeug mit ein zu binden. Auch wenn der Promoter in diesem Falle mit Sicherheit sehr dankbar über die Lebensgeschichte des Mannes ist, nötig ist diese Aufmerksamkeitshascherei nicht, weil die Musik für sich schon spannend genug ist und so vielleicht wie in dieser Rezension zu unrecht neben dem Schicksal des Künstlers zu kurz kommt.


Review: Axel Schinkel

Erscheinungsdatum: 12. Juni 2009
Label: Viva Hate Records

Website: www.robintomrink.de
Myspace: www.myspace.com/robintomrink

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TWILA.TOO – Crossed Lines




Crossed Lines ist das Debütalbum der Singer/Songwriterin und Komponistin Twila.Too. Ein Debüt, das mit landläufigen Assoziationen wie Newcomer oder musikalischem Erstversuch wenig zu tun hat. Twila.Too ist kein Neuling im Business. Die Belgierin kann bereits auf diverse Kooperationen mit Air Liquide, Decomposed Subsonic oder Bob Humid zurückblicken, der bei Crossed Lines die Regie an den Reglern übernahm. Crossed Lines ist ebenso wenig eine frühe musikalische Skizzierung. Twila.Too hat sich satte sechs Jahre Zeit gelassen, um ihr Erstlingswerk auf Vinyl zu bannen. Erfahrung trifft auf Ausgereiftheit. Das Ergebnis ist ein atmosphärisch dichtes Gebilde, das sich irgendwo zwischen TripHop, Downbeat und Drum and Bass bewegt. Ein Album, das geradezu prädestiniert wäre für einen Soundtrack, weil es in seiner Intensität unweigerlich Sequenzen eines Lynch-Streifens im Kopf wachruft.

Zusammengehalten wird das Geflecht aus Synthesizern und Drumcomputern durch die charismatische Stimme der Belgierin, die sich beinah hypnotisierend ihren Weg durch die Beats und Samples bahnt. Mal herausfordernd und sexy wie auf Desiring The World?, mal umgarnend und verzaubernd wie auf So Sweet oder Recycle. In genau diesem Facettenreichtum liegt auch die große Stärke von Crossed Lines, in der fragilen Schönheit, die aus der oftmals düsteren Grundstimmung des Albums resultiert. Ähnlich wie Portishead oder Massive Attack bewegt sich Twila.Too mit ihrem Debüt stets zwischen Beklemmung und Befreiung.

Crossed Lines ist ein Album, das ein wenig Zeit braucht, dessen Mysterium sich erst nach einigen Hördurchgängen erschließt, ohne jedoch gänzlich ergründet zu werden. Ein faszinierendes Erstlingswerk einer überaus talentierten jungen Frau.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 19. Juni 2009
Label: Serve & Destroy (Groove Attack/goodtogo)

Website: www.twilatoo.com
Myspace: www.myspace.com/twilatoo

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MALCOLM MIDDLETON – Waxing Gibbous




Waxing Gibbous ist das fünfte Album in nur sieben Jahren des schottischen Sängers Malcolm Middleton, bekannt und geliebt für unterschwelligen Zynismus und schwermütige Musik. Und außerdem für elendige Tiefstapelei, wie sein Kommentar zur neuen Platte zeigt: "The usual shite. I enjoy writing music. I write about what I know. I don't know much." Jeder, der seine bisherigen Platten kennt, wird dies – auch in Anbetracht des neuen Werks – mit einem wohlwollenden Schmunzeln abtun. Waxing Gibbous ist erneut ein famoses Stück Musik, aber leider wohl erst mal das letzte für längere Zeit.

Der Beipackzettel zur CD hat etwas von einer Entschuldigung, klingt nach ratloser Rechtfertigung. Wenn auch die ein oder andere Übertreibung enthalten ist, so darf man Malcolm Middletons Worte dennoch ernst nehmen: "I just can't seem to get on with the man that I've become" heißt es im Song Zero. Er fühlt sich nicht mehr wohl, zweifelt an so Manchem und will neue Wege beschreiten. Und die Platte vermittelt insgesamt eine ähnliche Abschiedsbriefstimmung. Middletons gebrochene Stimme brummelt in gewohnt rührender Weise über todmelancholische Indie-Pop-Perlen. Malcolm Middleton vertont Traurigkeit und fügt dem Ganzen das gewisse Etwas hinzu, welches seine Musik zu einem Heilmittel gegen jene werden lässt. Und das konstant schon fünf Alben lang, wobei das aktuelle den anderen in keinster Weise unterlegen ist. Zwischen den ganzen ruhigen Tracks findet sich sogar Platz für ein paar fröhlich-flotte Nummern (Red Travellin' Socks, Subset Of The World); zu den besten Songs der Platte zählen aber definitiv Box & Knife und Zero.

"I'm not quitting, I just think that Malcolm Middleton has said enough for the time being". Diese Entscheidung liegt leider nicht in unserer Gewalt. Sicherlich sollte sich jeder Künstler weiterentwickeln und nicht ewig am gleichen Sound hängen, eine gewisse Portion Frustration scheint ihn jedoch ebenfalls zu diesem Entschluss gebracht haben ("Could I maybe try to sound more like James Blunt oder James Morrison?"). Ob Waxing Gibbous die verdiente Aufmerksamkeit erhält ist eher unsicher, für jeden Liebhaber von ehrlicher, betrübter Musik wird es zum Hitalbum. O, schnöde Welt!


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 12. Juni 2009
Label: Fulltime Hobby / Pias

Website: www.malcolmmiddleton.co.uk
Myspace: www.myspace.com/malcolmmiddleton

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DINOSAUR JR. - Farm




Ein Faible für eigenartige Cover hatten Barlow, Mascis und Co. immer schon. Diesmal zieren zwei Baumhirten die Front des aktuellen Albums Farm. Was anfangs putzig und leicht verschroben erscheint, entpuppt sich beim ersten Durchhören als Indie-Granate par excellance. Mit ihrem fünften Longplayer in Originalbesetzung legen Dinosaur Jr. zweifelsohne das Album des Jahres auf den Gabentisch der Indie-Fangemeinde.

Farm tritt unverhohlen den Beweis an, dass Zeitreisen möglich sind. Die Platte des Trios aus Massachusetts ruft unweigerlich Erinnerungen an Tage wach, in denen alles was man brauchte, ein Paar Converse, eine Hifi-Anlage mit leistungsstarken Boxen und ein Haargummi waren, um die vom Tanzen zerzauste Mähne wieder zu bändigen. Das traurig-schöne See You erinnert doch schwer an Get Out Of This der großartigen Without A Sound, das anfängliche Riff von Plans weist gar Parallelen zu Neil Youngs Cortez, The Killer auf. Überhaupt finden sich immer wieder Reminiszenzen an den Altmeister im Sound von Farm wieder - ohne jedoch altbacken zu klingen.

Mascis, Barlow und Murph werden im Alter nicht ruhiger - im Gegenteil: Sie drehen die Verstärker bis zum Anschlag auf. Bereits der Opener Pieces startet derart energetisch, dass man Angst hat, von der Dynamik des Albums weggeblasen zu werden. Auch im weiteren Verlauf vermag Farm sowohl vom Tempo als auch von der Lautstärke her zu halten, was der Einstiegstrack verspricht. Auf I Don't Wanna Go There schwingt J. Mascis die gniedelnde Gitarrenaxt durch den Soundwald, dass dort nach acht Minuten kein Gras mehr wächst. Auch wenn die Herren es in ihrem energetischen Getöse ein wenig übertreiben und die Platte hier und da übersteuert, so ist es doch eine unendliche Freude, endlich wieder einmal den Dinosaur Jr. urtypischen Sound durch die Boxen erschallen zu hören.

Wenn man nach der einstündigen Reise in die Vergangenheit zurück in der Zukunft angekommen ist, erzeugt die plötzliche Stille ein leichtes Piepen im Ohr und ein glückliches Grinsen im Gesicht über die Freude, das Album des Jahres noch einmal auf Repeat stellen zu dürfen - laut versteht sich.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 19. Juni 2009
Label: Pias

Website: www.dinosaurjr.com
Myspace: www.myspace.com/dinosaurjr

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THE LEMONHEADS - Varshons




Dass die Lemonheads schon immer große Freunde von Coversongs gewesen sind, ist kein Geheimnis. Immerhin feierten Evan Dando und seine Band ihre größten Erfolge mit Songs von Suzanne Vega (Luka), Simon & Garfunkel (Mrs. Robinson) und Robyn St. Clare (Into Your Arms). Was liegt da näher, als ein ganzes Cover-Album zu veröffentlichen?! Und genau das machen die Lemonheads nun mit ihrem neuesten Werk Varshons.

Die Idee zu diesem Album kam Evan Dando durch seinen alten Freund Gibby Haynes von den Butthole Surfers, der hier auch als Produzent fungierte. Er hatte ihm regelmäßig Mixtapes aufgenommen, die ihn schließlich zu dieser abwechslungsreichen Sammlung von Neuinterpretationen inspiriert haben. So covern sich Dando und seine Mannen auf Varshons quer durch bekanntes und weniger bekanntes Liedgut. Darunter Songs von Gram Parsons (I Just Can't Take It Anymore), Leonard Cohen (Hey, That's No Way To Say Goodbye), Townes Van Zandt (Waiting Around To Die), GG Allin (Layin' Up With Linda) und Christina Aguilera (Beautiful).
Bei zwei Stücken holt sich Evan Dando gesangliche Unterstützung ins Boot und zwar von Schauspielerin Liv Tyler, die mit ihm Leonard Cohens Hey That's No Way To Say Goodbye im Duett singt und Top-Model Kate Moss, die in Dirty Robot vom schottischen Elektroduo Arling & Cameron zu hören ist.

So ist Varshons ein buntes Sammelsurium fremder Songs im Lemonheads-Gewand, ohne dabei die Songs zu ruinieren, sondern vielmehr verleihen Evan Dando und Co. den Songs eine ganz spezielle Note. Bestes Beispiel dafür ist das von Linda Perry (Ex-4 Non Blondes) geschriebene und von Christina Aguilera gesungene Beautiful, denn hier bemerkt man erst in der Neuinterpretation wie großartig dieser Song eigentlich ist. Und so machen die Lemonheads auf Varshons jeden Song zu ihrem Eigenen und das, abgesehen von dem nervigen Electrogedöns Dirty Robot, mit Wohlgeschmack.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 12. Juni 2009
Label: Cooking Vinyl (Indigo)

Website: www.thelemonheads.net
Myspace: www.myspace.com/thelemonheads

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KASABIAN - The West Ryder Pauper Lunatic Asylum




Nach 2 Jahren ist endlich ein neues Album von Kasabian auf dem Markt. Das verflixte dritte Album werden Kasabian gerne zitiert. Das Ablum an dem eine Band schließlich gemessen wird, wo sie steht und wie sie sich entwickelt hat.
The West Ryder Pauper Lunatic Asylum ist für viele eine positive Überraschung. Kasabian selbst wollen ihr neues Album als Konzeptalbum verstanden wissen, als eine Art Soundtrack zu einem noch nicht gedrehten Film. Der Name stammt von einer ehemaligen Psychiatrie für sozial schwächer gestellte Menschen, die heutzutage Filmschauplatz für verschiedene Dreharbeiten ist. Die Psychothematik fällt einem schon bei der Betrachtung des Albumcoverfotos auf.

Abgesehen von dieser durchdachten Konzeptidee haben Kasabian mit ihrem dritten Album ein echtes "Entdecker"-Album geschaffen. Bei jedem erneuten Hören entdeckt man neue dahin fliegende atmosphärische Chöre, treibende elektroanmutende Beats, die durch ruhige Shuffle Parts unterbrochen und mit verschiedenartigsten Gesangsexperimenten untermalt werden. Ich hab in der letzten Zeit keine Platte gehört, die eine solche Vielfalt von Songstrukturen und Sounds dem Hörer bietet. Einfach gestrickte Mitgröllhits wie zuletzt von den Kaiser Chiefs zum Erbrechen ausgereizt oder in der Hitsingle Dance With Somebody Mando Diaos in Perfektion präsentiert, findet man unter den 12 Songs von The West Ryder Pauper Lunativ Asylum einfach nicht. Meine ersten Vergleichsgedanken waren zum Beispiel Charlatans, Radiohead, Beastie Boys, Gorillaz und Blur. Aber mit einer simplen Aufreihung von Vergleichen zu anderen Bands wird man dieser Platte nicht gerecht. Es ist ein eigenständiges Werk, in dem viel Liebe, Fleiß, großes musikalisches Arrangement und experimentierfreudige Kreativität steckt. So startet das Album mit einer vor Kraft strotzenden Nummer (Underdog), die zusammen mit der Sixties-Rocknummer Fast Fuse wohl demnächst öfter mal in Clubs zum Tanzen einladen wird. Fast Fuse zeigt, dass man manchmal nicht mehr braucht, als ein nach vorne gehendes Gitarrenthema im Sechziger-Jahre-Gewand, vereinzelte "Psychochöre" und einen sich durch rhythmische Vielfalt und ausgeklügelter Intonation auszeichnenden Gesang, um ein begeisterndes Musikstück zu schreiben.

Kasabian scheinen ihren Job als Musiker ernst zu nehmen und sind in der Lage ihrem Zuhörer gute Musik zu bieten.


Review: Tobias Basse

Erscheinungsdatum: 05. Juni 2009
Label: Columbia (Sony BMG)

Website: www.kasabian.co.uk
Myspace: www.myspace.com/kasabian

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PLACEBO - Battle For The Sun




Neues Label, neuer Drummer, neues Album, neuer Sound. Placebo legen mit Battle For The Sun ihr sechstes Studiowerk vor, dessen dreizehn Songs dem "ziemlich dunkeln" Meds ein Konglomerat bunter, "farbenfroher" Stücke diametral entgegensetzen. Auf der Suche nach der positiven Energie der Sonne frönen Placebo einem bis dato nie da gewesenen Optimismus, der sich in der Intonierung einer neuen Fröhlichkeit niederschlägt. Das Trio hat zwar keine 180°-Wende beschritten, doch es scheint als hätten Placebo eine Verjüngungskur durchlaufen.

Vor allem die personelle Veränderung am Schlagzeug ist deutlich zu hören: Steve Forrests Punkrock-Wurzeln verleihen Battle For The Sun eine Frische und Kraft, die im Kosmos Placebo bisher unter den Teppich gekehrt wurde. Dort, wo der ehemalige Mann am Schlagzeug, Steve Hewitt, den Songs jedoch Platz zur Entfaltung ließ, sein Spiel in den Hintergrund stellte, drischt der Neue ungestüm auf die Bassdrum. Dem neuen Druck fällt dabei die düstere Melancholie zum Opfer, die einst im Mittelpunkt des Schaffens von Placebo stand. Die fragilen Balladen sucht man auf Battle For The Sun vergebens. Einzig das zurückgenommene, aber leider zum Bonus-Track degradierte Piano-Stück The Movie On Your Eyelids vermag an die alten Glanzzeiten anzuknüpfen.

Die Briten widmen sich stattdessen vornehmlich dichten Uptempo-Nummern. Es regieren harte Gitarrenwände und aggressive Vocals. Repetetiv legen sich die Lyrics über den namensgebenden Track Battle For The Sun, dessen scheppernde Gitarren sich Schicht für Schicht auftürmen, um durch den Aufbau eines immensen Spannungsbogens in einer monumentalem Explosion zu münden. Ähnlich wie Ashtray Heart, dessen klebrig-poppiger Mitsing-Refrain einfach nicht zu Placebo passen will, ist dagegen auch die erste Single For What It's Worth ein radiotaugliches Pop-Nümmerchen. Dank orchestralem Bläsereinsatz geht der Song rasch ins Ohr, verliert sich jedoch schnell in seichten Oberflächlichkeiten. Da macht auch die unpassend eingestreute Titelmelodie von Tetris nichts mehr wett. Interessanter sind da schon experimentelle Ansätze wie in Julien, das anfänglich durch ein stumpf-technoides Intro irritiert, plötzlich in eine impulsive Orgie zwischen Schlagzeug und Gitarre über gleitet und sich durch Hinzunahme harter Geigen-Arrangements zu einem wahren Monster an Song entwickelt, das der Intensität eines Twenty Years in Nichts nachsteht.

Placebo beweisen auf Battle For The Sun zwar über weite Strecken große Vielseitigkeit, es bleibt jedoch ein bitterer Beigeschmack. Das Trio war nach dem Überalbum Without You I'm Nothing schon keine großartige Albenband mehr. Eine mehr als von Grund auf solide Leistung erbrachten sie über Albumlänge nie wirklich, doch dass mit der Entscheidung für einen Platz im Sonnenlicht von dreizehn Songs gut die Hälfe einfach Lückenfüller sind, ist neu. Das Album will nicht in Fluss kommen, Titel wie die Haudrauf-Nummer Breathe Underwater oder der Meds-Aufguss Devil In The Details verführen nicht zwingend zur Betätigung der Skip-Taste, nachhaltig im Gedächtnis bleibt dennoch kaum etwas. Um Battle For The Sun im Ganzen etwas abzugewinnen, sollte man den neuen Songs live eine Chance geben. Aus jedem noch so schwachen Lied wird auf großer Bühne das Optimum herausgeholt. Hier zeigt sich, was Placebo eigentlich sind, eine der besten Live-Bands unter der Sonne - und das sowohl im Stadion als auch im kleinen Club.


Review: Katrin Reichwein

Erscheinungsdatum: 05. Juni 2009
Label: Pias (Rough Trade)

Website: www.placeboworld.co.uk
Myspace: www.myspace.com/placebo

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JARVIS COCKER – Further Complications




Nach Morrissey im Februar ist nun der zweite Brite mittleren Alters, der einst mit seiner Band Musikgeschichte schrieb, mit einer neuen Platte am Start. Further Complications wird sie erneut alle spalten, die Pulp-Nostalgiker und die Kritiker. Und doch freut sich jeder wieder darauf, neuen Spitzfindigkeiten des Kautzes mit der großen Brille zu lauschen, um ihn danach schön auseinander zunehmen, diesen intellektuellen Langweiler! Abwarten...

Eine weitere Parallele zu Morrissey: Cocker lässt den Rocker raus. Die ersten drei Tracks, inklusive der Single Angela, stampfen und scheppern breitbeinig daher und warten mit dröhnenden Gitarrenriffs auf. Ein Blick in die Credits liefert die Erklärung: Hinter den Reglern saß dieses Mal Mr. Noise, Steve Albini, der den seit neuestem vollbärtigen Schlaks zum Krach machen animiert hat. Noch drei weitere Stücke diesen Schlags enthält das Album, begleitet von wildem Geshoute, das leider stellenweise etwas eintönig klingt.

Aber keine Angst, es fehlt nicht an jenen Songs, für die man ihm die Füße küssen möchte: Diese anmutigen Popballaden, gepaart mit wortgewandtem Storytelling versöhnen einen mit allen Mängeln des Albums. Leftovers erzählt eine Lovestory im Paläontologischen Museum, You're In My Eyes von einer Mirrorball-Haluzination im 70er-Disco-Gewand, und in I Never Said I Was Deep versucht der ehrwürdige Geek, sein geistiges Vermögen abzustreiten. Diese Songs sind - zusammen mit den Hits Angela und dem Titeltrack – die Faktoren, die diese Scheibe noch viele weitere Runden drehen lassen.

Das beste Album seiner Karriere hat Jarvis Cocker hiermit nicht abgeliefert, auch kommt es nicht ganz an den Vorgänger von 2006 ran. Aber das Ganze mit einem Schulterzucken abzufrühstücken ist einfach nicht gerechtfertigt, da muss man seine Animositäten mal vergessen können. Further Complications ist ein souveränes Stück Musik mit Spaßfaktor. Und sogar die Luftgitarre kann man auspacken.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 15. Mai 2009
Label: Rough Trade

Website: www.jarvspace.com
Myspace: www.myspace.com/jarvspace

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EELS - Hombre Lobo




Mark Oliver Everett kehrt vier Jahre nach dem letzten Eels-Album zurück auf die musikalische Bildfläche. Mit seinem sehr persönlichen Lebenswerk Blinking Lights And Other Revelations war auf der Gefühlsebene alles gesagt. Wer immer weiter nach der emotionalen Wucht des Vorgängers sucht, hat E nicht verstanden. Der Multiinstrumentalist, Sänger und Songwriter macht, was er will und nicht das, was von ihm erwartet wird. Nach seiner Autobiografie und einem BBC-Dokumentarfilm über das Leben seines Vaters, einem verkannten Physik-Genie, wollte Everett nicht nochmals über die eigene Vergangenheit schreiben. Das Thema ist durch. Es ist alles gesagt. Und so legt er mit der siebten Eels-Platte Hombre Lobo nun ein Art Konzeptalbum vor.

E schlüpft hierzu in die Rolle des "Dog Faced Boy", der schon zu Souljacker-Zeiten seinen Platz in der Gesellschaft suchte. Zum gealterten Werwolf mutiert, erzählt der Protagonist aus der Außenseiterperspektive nun zwölf weitere Geschichten über Begierde, Sehnsüchte und das Verlangen nach Freundschaft, Liebe und vor allem Anerkennung. Mal berichtet der Anti-Held melancholisch von der Liebe (That Look You Give That Guy), ein anderes Mal gehen die tierischen Instinkte mit ihm durch (Fresh Blood). Besonders diese animalische Seite scheint es den Eels angetan zu haben. Bietet sie für die Band doch allen Grund an allen Ecken und Enden zu rumpeln und zu scheppern. Verpackt in eine scheinbare LoFi-Ästhetik, kommen hier alle Komponenten einer typischen Eels-Platte zusammen: Verzerrter Gesang und Wolfsgeheul schlagen einem linkisch entgegen, krachender Garagen-Blues bricht sich stampfend seinen Weg frei, schlichte Halb-Balladen schlängeln sich verstohlen ihren Weg in den Gehörgang. Es braucht schon ein paar Durchläufe, bis sich gerade die ruppig-drückenden Stücke wie Tremendous Dynamite aus ihrer biestigen Ummantelungen schälen. Aber genau das, will der Hombro Lobo. Mit Ordinary Man steht am Ende die Erkenntnis, dass er alles andere als gewöhnlich sein will: "I'd rather be alone than try to be someone that I'm not and you seem like someone who could appreciate the fact that I'm no ordinary man".

Und wie der Erzähler selbst, so ist auch dieses Album alles andere als Durchschnitt. Im direkten Vergleich mit dem über-ambitionierten Blinking wirkt Hombre Lobo zwar vielmehr wie eine routinierte Fingerübung. Es fügt dem Eels-Universum nur wenig Neues hinzu. Doch Konstanz auf hohem Niveau ist hier das Stichwort. Die soll E erst ein Mal jemand nachmachen.


Review: Katrin Reichwein

Erscheinungsdatum: 29. Mai 2009
Label: Cooperative (Universal)

Website: www.eelstheband.com
Myspace: www.myspace.com/eels

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CARGO CITY – On.Off.On.Off.




Es scheint die Ära der Singer-/Songwriter zu sein: Solokünstler wie Maximilian Hecker, Bernhard Eder oder The Late Call entdecken die große Kunst Musik auf den Kern aus Gesang und Gitarre zu reduzieren wieder und definieren sie neu. Einer jener Solokünstler ist auch Cargo City alias Simon Konrad aus Frankfurt, der mit On.Off.On.Off. seinen zweiten Longplayer vorlegt.

Im Gegensatz zu seinem Debütalbum How to Fake Like You Are Nice and Caring ist On.Off.On.Off. kein musikalischer Alleingang Konrads. Neben Klaus Hermann (Trip Fontaine) unterstützt auch Pianistin Nadine Renneisen Cargo City stimmlich auf einigen Tracks. Einer davon ist das traurig-schöne Duett Flowers In Hospitalshops. Überhaupt klingt On.Off.On.Off. eher nach Bandgefüge als nach Solokunst. Die Arrangements klingen satter, die Instrumentalisierung ist breiter gefächert. Neben Gitarren, Bass und Schlagzeug finden sich Gebläseorgel, Glockenspiel und Percussions im musikalischen Sammelsurium von Cargo City. Die süße Verspieltheit vorangegangener Tracks wie When I Sleep I Disappear oder Butterflies ist einem erwachsenen, teilweise sogar rauen Sound gewichen – ohne jedoch an Emotionalität zu verlieren. On.Off.On.Off liefert eine faszinierende Mischung aus Midtempo-Songs (Rearview Mirror, On.Off.On.Off) und bittersüßen Balladen (But Then Daryl Sings Again, I Don't Speak), die mal nachdenklich stimmen, mal traurig und mal einfach nur zum Tanzen einladen.

Alex Lowe der ehrwürdigen Hurricane #1 hat einmal gesagt, "Wenn ein Song gut ist, kannst du ihn nur mit einer Akustikgitarre singen". Recht hat er! Denkt man diesen Gedanken weiter, kommt man zu dem Schluss, dass ein Künstler, der sein Handwerk versteht, diesen Song durch weitere Instrumente in ein noch schöneres Gewand zu kleiden vermag – ohne overdressed zu sein. Simon Konrad aka Cargo City ist so ein Künstler. Wäre On.Off.On.Off. Eine Frage, so gäbe es darauf nur eine Antwort: "On!"


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 29. Mai 2009
Label: Rebecca & Nathan (Intergroove)

Website: www.cargocitymusic.com
Myspace: www.myspace.com/cargocity

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GRIZZLY BEAR – Veckatimest




Die vierköpfige Band Grizzly Bear aus Brooklyn/NY veröffentlicht ihr neuestes Werk Veckatimest – und die eingeweihte Popgemeinde ist komplett aus dem Häuschen. Man hört von ihnen nur in den höchsten Tönen, unerhört positive Kritik soweit das Auge reicht, und dann küren auch noch die Fleet Foxes diese Platte zum Album des Jahrzehnts. Das riecht erst mal nach einem ausgewachsenen Hype, lässt einen sich allerdings auch alle zehn Finger nach diesem Meisterstück in spe lecken. Also ab damit in den CD-Spieler und jubeln – oder doch nicht.

Nach dem ersten Durchlauf macht sich verdutzte Ernüchterung breit. Musikhören kann (und muss ja) oft schwierig und anstrengend sein, das vergisst man bei dem ganzen Schrott, der einem tagtäglich um die Ohren fliegt schon mal. Und Grizzly Bear machen es einem wahrhaftig nicht leicht, in ihre Soundmalerei Einstieg zu finden. Man tut sich schwer, sich zu orientieren, Strukturen auszumachen. Nur andeutungsweise findet man einnehmende Melodien, potentielle Ohrwürmer oder Ähnliches. Unter symphonischen Psychedelic-Folk-Pop könnte man die Platte verorten, wird der Atmosphäre, die jene erzeugt, jedoch nicht wirklich gerecht. Tief einzutauchen in diesen Soundstrudel und diesem mal dissonanten, mal wundervoll harmonischem Klangwebe auf den Grund zu gehen, scheint die einzige Möglichkeit, Veckatimest begreifen zu können. Take your time!

Die kryptischen Texte geben dazu nicht wirklich Hilfestellung, dafür führen einen die herrlichen, sphärischen Chorgesänge der Band und Ed Drostes fern entrückt klingende Stimme an der Hand durch die vertrakten Arrangements. Stückk für Stück leuchten die kleinen Höhepunkte auf, die auf den ersten Blick verborgen blieben. Songs wie Two Weeks, Ready, Able und While You Wait For The Others werden zwar keine Charts stürmen, fügen sich trotzdem nach und nach in zauberhaft melodiöse Songstrukturen.

Veckatimest ist mit Sicherheit nichts für hitgeile Musikproleten, entwickelt sich aber für den geduldigen Hörer zu einem beglückenden Erlebnis. Musik, die sich entfaltet und seine überwältigende Wirkung im intensiven Hören entwickelt. Und die es in dieser Form leider immer seltener gibt.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 22. Mai 2009
Label: Warp (Rough Trade)

Website: www.grizzly-bear.net
Myspace: www.myspace.com/grizzlybear

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EIGHT LEGS – The Electric Kool-Aid Chukoo Nest




Schon wieder ein Album von den Eight Legs? Da war doch was, und es ist gar nicht allzu lange her. Anfang 2008 erschien hierzulande das Debutalbum Searching For The Simple Life, ein typisches Indie-Pop Album, das sogar einen halben Hit (These Grey Days) bieten konnte. Nun steht mit The Electric Kool-Aid Cuckoo Nest der Nachfolger im CD-Regal.

Um dem Albumtitel auf den Grund zu gehen, muss man sich auf ein bisher in Indie-Rock Kreisen eher gemiedenes Terrain wagen und bis zu den Anfängen der Hippie-Bewegung zurückgehen. The Electric Kool-Aid Acid Test nannte Autor Tom Wolfe seine 1968 veröffentlichte Hippie-Bibel, in der mit allerlei Bewusstseinserweiternden Drogen hantiert wird. 41 Jahre später huldigt also eine britische Indie-Rock Band mit unverkennbarer 80er-Jahre Affinität einem Kultroman über die amerikanische Hippie-Bewegung. Warum? Diese Frage kann wohl nur die Band selbst beantworten, es macht schlichtweg keinen Sinn.

Rein musikalisch bleiben sich die vier Jungs aus der Shakespeare-Stadt Stratford-upon Avon weitgehend treu. Hauptreferenz bleiben weiterhin die Smiths, von Grateful Dead und anderen Hippie-Größen ist zumindest nichts zu hören. Ruhiger und ernster sind sie geworden, die Eight Legs, die Tanzflächentauglichkeit hält sich stark in Grenzen. Eine stimmig arrangierte Platte, die dem ein- oder anderem Fan vielleicht ein bisschen zu düster geraten sein wird. Während man beim Debüt der vier Briten beim ersten Durchhören noch recht angetan und in der Folge zunehmend gelangweilt war, ist der Effekt beim neuen Album genau umgekehrt, ein Trend, den man durchaus als großen Schritt nach vorne bezeichnen kann.

Der erste Eindruck mag zwar ein wenig enttäuschen, die Platte hat aber durchaus ein paar weitere Umdrehungen im CD Player verdient!


Review: Andreas Kussinger

Erscheinungsdatum: 22. Mai 2009
Label: Snowhite

Website: www.eightlegs.co.uk
Myspace: www.myspace.com/eightlegs

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SPORTFREUNDE STILLER - MTV Unplugged in New York




Nach Herbert Grönemeyer, Die Ärzte, Die Fantastischen Vier, Die Toten Hosen und Söhne Mannheims vs. Xavier Naidoo hatten die Sportfreunde Stiller als sechste deutsche Band die Ehre und das Vergnügen ein MTV Unplugged Konzert aufnehmen zu dürfen. So wie einst 1993 Nirvana betiteln die Sportfreunde Stiller ihr Akustik-Album mit MTV Unplugged in New York - nur, dass die Herren aus Seattle auch tatsächlich den Big Apple bespielt haben - im Gegensatz zu unseren bayrischen Buben. Denn Schauplatz des akustischen Spektakels war ein nachgebauter Straßenzug Brooklyns in einer Stunthalle auf dem Gelände der Bavaria Filmstudios in München.

Dort präsentieren die Sportfreunde Stiller altbekannte Hits und unbekanntere Stücke quer durch die gesamte Diskographie im neuen akustischen Klanggewand und dazu gibt es zwei Covernummern und drei brandneue Songs. So erscheint beispielsweise Ich, Roque in Begleitung von Streichern, Saxophon, Trompete und Plastikfanfare, Ein Kompliment wird in der Unplugged-Version von einem Streichquartett unterstützt und 7 Tage 7 Nächte kommt als griechische Sirtaki-Nummer daher.
Neben unzähligen Instrumenten haben die Sportfreunde Stiller auch namhafte Gäste eingeladen. So erhalten Peter, Flo und Rüde bei Fast wie von selbst Unterstützung von Schauspielerin Meret Becker an Mikrophon und singender Säge und Billy Lunn und Charlotte Cooper von den Subways geben gemeinsam mit den Sportfreunden eine teils eingedeutschte Version von Rock 'n' Roll Queen zum Besten. Doch der wohl größte Gastauftritt des Abends stammt von Udo Jürgens, der seinen Erfolgsschlager Ich War Noch Niemals In New York im Duett mit Peter Brugger singt.

Sicherlich hat ein MTV Unplugged heutzutage nicht mehr die durchschlagende Wirkung wie in früheren Zeiten mit den legendären Auftritten von Nirvana, Pearl Jam oder R.E.M. Was jedoch nicht den Sportfreunden Stiller anzukreiden ist, sondern eher MTV selbst, das seinen Status mittlerweile selbstverschuldet verloren hat. Aber dennoch geben die Sportfreunde Stiller ihr Bestes und schaffen es, den Songs ein neues musikalisches Klangbild zu verpassen und dabei einen gewissen Wiedererkennungswert beizubehalten. MTV Unplugged in New York ist somit eine durchaus hörenswerte Angelegenheit mit vielen charmanten und amüsanten Momenten.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 22. Mai 2009
Label: Vertigo (Universal)

Website: www.sportfreunde-stiller.de
Myspace: www.myspace.com/sportfreundestiller

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BLOC PARTY - Intimacy Remixed




Wie bereits zuvor bei Silent Alarm warten Bloc Party ein gutes halbes Jahr nach dem regulären Release ihres aktuellen Longplayers Intimacy mit einer Remix-Version des Albums auf. Drifteten die Meinungen zum aktuellen Bloc Party-Longplayer wegen des exzessiv ausgelebten Faibles der Londoner für Loops und Samples auseinander, so dürften sich die Kritiker zumindest bei der Neuauflage einig sein: Erlaubt ist, was elektronisiert daher kommt. Bleibt also lediglich die Frage, ob ein derartiger Aufguss notwendig oder überflüssig ist.

Auch bei der zweiten Remix-Auflage eines Bloc Party-Albums liest sich die Liste der beteiligten DJs erst mal äußerst angenehm: Armand van Helden, Filthy Dukes, Mogwai. Und auch die Remix-Versionen funktionieren erstaunlich gut. Vielleicht liegt es daran, dass Bloc Party sich bei Intimacy mit seinen Samples und Synthies bereits in Indietronic-geprägte Gefilde vorgewagt haben. Die fragmentarische Ausgabe des ohnehin schon samplegetragenen Ares hinterlässt einzig und allein einen Satz im Kopf "We dance to the sound of sirens". Der synthie- und hallgeschwängerte Mogwai-Remix von Biko kann sich durchaus hören lassen, ebenso wie die Armand van Helden-Version von Signs, bei dem sich aufgeschraubte Gitarrenriffs mit Dub-Sequenzen abwechseln. Empfehlenswert ist auch die düster anmutende Ausgabe von Zephyrus aus dem Hause Phase One.

Wie bei allen Remix-Alben lässt sich jedoch auch bei Intimacy Remixed bei einigen Tracks über Redundanz philosophieren. Talons beispielsweise gefällt im Original wesentlich besser, als in der an Happy Hardcore der 90er erinnernden R.I.P. Version von Phones. Mercury, One Month Off und Halo, bei dem We Have Band ein wenig zu tief in der Dub-Kiste gewühlt haben, erweisen sich als anstrengend. Genauso wie die völlig übersteuerte Ausgabe von Better Than Heaven.
Im Schnitt ergibt sich ein Remis aus durchaus interessanten Neuauflagen und überzogenen Versionen, die vielleicht in der Clublandschaft funktionieren, zu Hause auf dem heimischen Plattenteller jedoch arg schwere Kost darstellen.

Nichtsdestotrotz erweist sich Intimacy Remixed als interessante Alternative zum regulären Bloc Party-Sound. Ein Album, das Fans und Sammler wie auch Freunde von Electroclash gleichermaßen ansprechen und zum Tanzen animieren dürfte - egal, ob zum Sound von Sirenen oder zu pulsierenden Beats und Samples.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 22. Mai 2009
Label: Cooperative Music (Universal)

Website: www.blocparty.com
Myspace: www.myspace.com/blocparty

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MAXIMO PARK - Quicken The Heart




Nach Bloc Party, Franz Ferdinand und den Kaiser Chiefs schmeißt nun die nächste Band der Klasse von 2005 ihr drittes Album auf den Markt: Maximo Park melden sich mit ihrem Drittlingswerk Quicken The Heart zurück.

Diesmal in L.A. unter der Regie von Produzent Nick Launay aufgenommen, haben Paul Smith und seine Mannen die Gitarren etwas mehr in den Hintergrund gestellt und dafür rückt die Präsenz von Keyboards und Synthies ein wenig mehr in den Vordergrund. Ansonsten ist soundtechnisch auf Quicken The Heart alles beim Alten geblieben. Maximo Park behalten ihren Hang zur Hymnenhaftigkeit bei und auch textlich bietet Sänger und Songschreiber Paul Smith die von Maximo Park gewohnte Kost. Trotzdem stellt sich beim ersten Hördurchgang keine wirkliche Zufriedenheit ein und die Songs wollen nicht auf Anhieb zünden. Die Grund-Zutaten haben sich zwar nicht geändert, doch fehlt es dem Album im Vergleich zu den beiden Vorgängerwerken an Höhepunkten, denn Quicken The Heart birgt keinerlei Überraschungsmomente oder Überhits in sich. Songs wie Books From Boxes oder Apply Some Pressure, die sich sofort ins Ohr schrauben, sucht man hier vergeblich. Die Jungs aus Newcastle legen mit dem Opener Wraithlike zwar einen bewegten Start hin, bei dem Paul Smiths unverkennbare Stimme von einer griffigen Instrumentierung untermalt wird und auch die erste Singleauskopplung The Kids Are Sick Again wird auf jeden Fall seinen Weg in die Clubs und Airplays finden. Doch anders als bei den beiden Vorgängeralben benötigt Quicken The Heart mehrere Hördurchgänge um sich zu öffnen. Aber meistens sind es gerade jene Alben, die sich nicht sofort durch tanzflächentaugliche Hits einschmeicheln, sondern sich von hinten anschleichen und sich dann plötzlich und unerwartet zur Lieblingsplatte entwickeln.

Und so wird auch sicherlich Quicken The Heart seinen Weg in die Herzen der Fans finden - nur nicht gleich beim ersten Hören.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 08. Mai 2009
Label: Warp

Website: www.maximopark.com
Myspace: www.myspace.com/maximopark

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LACROSSE – Bandages For The Heart




Lacrosse, eigentlich ein ebenso bescheuerter wie brutaler Mannschaftssport, bei dem zwei Teams versuchen, einen Ball mit Hilfe von stark an Teppichklopfer erinnernden Schlägern ins gegnerische Tor zu befördern. Die vorliegende CD der Band Lacrosse hat mit der gleichlautenden Sportart aber so gar nichts zu tun. Es handelt sich, möchte man den holprigen Vergleich konsequent zu Ende denken, vielmehr um Völkerball – Ebenso bescheuert, aber absolut gewaltfrei.

Die fünf Schweden bringen mit Bandages For The Heart schon ihr zweites Album auf den Markt. Es tritt die Nachfolge des 2007 veröffentlichten Debütalbums This New Year Will Be For You And Me an, das man aufgrund des übertriebenen Gute-Laune Sounds und der quietschenden Stimme von Sängerin Nina Wähä nur lieben oder hassen konnte. Egal welchem Lager man sich vor zwei Jahren zugehörig fühlte, man muss seinen Standpunkt auch beim neuen Album nicht überdenken, denn Lacrosse sind sich definitiv treu geblieben.

Ein bisschen ruhiger und vielleicht auch düsterer mag er sein, der Sound der neuen Platte. Im Wesentlichen hat sich aber nichts geändert. Nina Wähä kreischt immer noch wie ein fünfjähriges Mädchen, ihr männlicher Gesangspartner Kristian Dahl kann da auch wenig retten. Eigentlich handelt es sich ja um ein typisches Teenie-Pop Album, das den Werken der Killerpilze und Revolverheld in nichts nachsteht. Aber da es aus Schweden kommt, wird es quasi automatisch in die Indie-Pop Ecke geschoben.

Schrecklich gut gelaunter Glücksbärchi-Pop, Geschmackssache. Wer zum Beispiel Fertig, Los! mag, wird Lacrosse lieben. Wer nicht, sollte einen großen Bogen um dieses Kindergekreische machen, das ungeahntes Aggressionspotential entwickeln kann.


Review: Andreas Kussinger

Erscheinungsdatum: 02. Mai 2009
Label: Tapete Records

Website: www.lacrosse.nu
Myspace: www.myspace.com/lacrossesthlm

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JACK BEAUREGARD - Everyone Is Having Fun




Neues aus dem Hause Tapete Records, da sagt man erst mal nicht Nein. Nennt sich Jack Beauregard, ein deutsch-niederländisches Duo, nach einem alten Italowestern-Helden – wussten wir ausgewiesenen Cineasten natürlich sofort. Was haben wir da nun zu erwarten? Die freundlichen Damen und Herren vom Label liefern die Infos: Eine Verquickung von Folk und Indietronics, soso. Jose Gonzales, Take That und Kraftwerk zusammen im Musikzimmer, hört hört. Musikhochschule in Amsterdam zugunsten der eigenen Musik abgebrochen, oho! Everyone Is Having Fun heißt das Album und ist das erste Werk der zwei Musiker namens Daniel Schaub und Pär Lammers. Aber nomen ist ja bekanntlich nicht immer gleich omen.

Um es vorwegzunehmen: Den schläfrig-lethargischen Blick der zwei Burschen auf dem Plattencover hat man beim Hören relativ schnell auch in der eigenen Fresse. "Sie schießen nicht scharf, sie schießen weich." Muss man ja auch nicht, aber dieser Platte fehlt leider jede Form von Munition. Indietronics?! Nervige Drumbeats, die erstens nach ganz billigen Sequenzer-Sounds klingen und zweitens hinken und stolpern anstatt zu stampfen. Für sämtliche Synthesizer-Effekte gilt ähnliches - ausgeklügelt klingt jedenfalls anders. Die Songs plätschern dahin, ohne Höhepunkte und Spannung. Auf einen Hit wartet man vergeblich, dafür wandert nach spätestens einer Minute jedes Tracks der Finger Richtung Skip-Taste. Teilweise klingt Daniel Schaubs Stimme nach Ben Gibbard (Death Cab For Cutie), endet dann aber immer wieder in uninspiriertem, schleppendem Singsang, der beim Hörer nicht die kleinste Spur von Emotionen regt, welche gerade bei dieser Art Musik ja so wichtig wären. Dazu kommen komplett öde und nichtssagende Texte, die mit umständlichem Wörterbuch-Englisch dem Ganzen die Krone an Unerträglichkeit aufsetzen.

Spaß haben kann man mit Jack Beauregard definitiv nicht, sich aber extrem langweilen. Diese Platte hat weder Inhalt noch Message noch irgendetwas den Hörer Fesselndes. No fun at all.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 15. Mai 2009
Label: Tapete Records

Website: www.jackbeauregard.com
Myspace: www.myspace.com/jackbeauregard

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PHOENIX – Wolfgang Amadeus Phoenix




Falco sang Rock Me Amadeus - Phoenix wagen sich weiter vor und haben gleich ihr neues Album mit dem Titel Wolfgang Amadeus Phoenix versehen. Als leitendes Motiv geben Thomas Mars, Christian Mazzalai, Laurent Brancowitz sowie Deck D'Arcy eine optimistische Vorstellung von der Zukunft an, die ihre Referenzen zu einem großen Teil aus zukunftsweisenden Momenten der Vergangenheit zieht.

Das Wunderkind Mozart wird dabei nicht mit einem Lied bedacht. Dafür machen Phoenix mit Lisztomania auf Franz Liszt, den "Rockstar" des 19. Jahrhunderts aufmerksam, den das Berliner Publikum liebte, was zu hysterischen Ausbrüchen führte. Aufgrund seiner unkonventionellen Kompositionen wurde er jedoch in den eigenen Reihen lange Zeit abgelehnt. 1901 ist das Jahr nach der Weltausstellung in Paris gewesen und zugleich der Titel des zweiten Tracks. Er verkörpert auf energievolle Weise musikalisch den Enthusiasmus, den die Ausstellung hervorgerufen haben muss.
Mit Fences schalten Phoenix einen Gang runter und bereiten so die zweiteilige Love Like A Sunset-Session vor, deren erster fast fünf Minuten andauernder Teil instrumental belassen worden ist. Mit den sphärisch anmutenden und changierenden Klangspielen gelingt es Phoenix, die Gefühle vom Flash aufgrund der Schönheit des Farbspiels zur Aufregung bis zu dem Moment, in dem die Sonne untergeht, prägnant umzusetzen. In dem unter zwei Minuten dauernden zweiten Teil wird das Bild des Vergleichs der Liebe mit dem Sonnenuntergang durch den einsetzenden Gesang dann vollendet. Mit der Sonnenuntergangsstimmung ist es dann abrupt vorbei, wenn zu Beginn des folgenden Liedes Lasso erstmals das Schlagzeug im Vordergrund ist.

Bezeichnend nicht nur die verbleibenden Tracks, sondern für das Album insgesamt, ist das Wechselspiel von fulminanten und entspannten Passagen. Trotz der Vielschichtigkeit, und das könnte der einzige Wermutstropfen für Verfechter des 2006er Vorgängeralbums It's Never Been Like That sein, lässt sich die Tendenz von Phoenix zugunsten des elektronisch gefärbten Spiels erkennen. Was sicherlich auch mit der eineinhalbjährigen Studiotüftelei der Band zusammenhängen dürfte. Aber man kann und muss es schließlich nicht jedem Recht machen – Stillstand bedeutet kreativer Tod –, und daher plädiere ich unter Benutzung des letzten Track-Titels Armistice für Waffenstillstand zwischen den Traditionalisten und den Modernisten.


Review: Michaela Wicher

Erscheinungsdatum: 22. Mai 2009
Label: V2/Cooperative Music (Universal)

Website: www.wearephoenix.com
Myspace: www.myspace.com/wearephoenix

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KNUT UND DIE HERBE FRAU - Knut und die herbe Frau




Lassen wir die syntaktischen Ähnlichkeiten, die der Name zu Olli Schulz und der Hund Marie aufweist, mal beiseite und schauen direkt auf das, was sich hinter dem Namen, dem Duo oder dem Projekt Knut und die herbe Frau wirklich verbirgt. Das erspart uns das ganze Wer-wie-was-und-warum-überhaupt und lässt sich im Grunde auf zwei kurze Sätze herunterbrechen: Knut ist niemand geringeres als Knut Stenert – Sänger und Kopf der Band Samba. Hinter der herben Frau steht indessen Benedikt Filleböck – Oberlippenbartträger und Pianist von Wolke. Um die Personalfragen abzuschließen bleibt noch zu erwähnen, dass Tobias Siebert (Klez.E, Delbo) den beiden bei der Produktion unter die Arme gegriffen hat.

Das Ergebnis dieser Kooperation ist ein überaus poppiges Album geworden, das aufgrund der Stimme zwar an Samba erinnert, aber durch die Instrumentierung dann doch sehr davon abweicht. Auch Klangähnlichkeiten zu Wolke kommen nur hin und wieder, wie in dem vom Piano dominierten Haus am Fluss, zum Vorschein. Insgesamt klingt das Ganze auch zunächst sehr abwechslungsreich, wenn Gitarren- und Pianopassagen von Schlagzeug, elektronischen Beats und Synthieklängen untermalt werden, aber letztlich fließen die Songs oft sehr dahin, ohne einen ersichtlichen Höhepunkt zu erreichen. Vor allem innerhalb der Lieder wünscht man sich hier und da etwas mehr Abwechslung. Textlich verhält es sich ähnlich: Fortwährend handeln die Lieder von Liebe, was an sich auch nichts Schlechtes ist – es ist einfach Popmusik –, aber irgendwann ist dieser Durst nach Liebesliedern leider bei mir gestillt. Oftmals sind die Texte dann jedoch überaus gelungen und vor allem sehr metaphernreich, was man Knut zugute halten muss.

Schlecht ist das Album sicher nicht – schließlich ist es immer einfacher die negativen Seiten aufzuzeigen, bevor man etwas in den Himmel lobt, aber leider fehlen mir in den dennoch hörenswerten Songs oftmals die Ecken und Kanten, die das Album bestimmt interessanter gemacht hätten. So greife ich, wenn ich die Wahl habe, doch lieber auf Samba oder Wolke zurück, auch wenn es sich durchaus lohnt dem Knut und seiner herben Frau Gehör zu schenken.


Review: Axel Schinkel

Erscheinungsdatum: 08. Mai 2009
Label: Tapete Records (Indigo)

Website: www.knutunddieherbefrau.de
Myspace: www.myspace.com/knutunddieherbefrau

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BJÖRK - Voltaic




Zwar liegt mit Voltaic kein neues Album, aber dafür ein kleines Kunstwerk für Augen und Ohren vor. Im unscheinbaren DigiPak finden sich gleich vier Silberlinge: Zwei CDs und zwei DVDs, die in Form von Live-Aufnahmen, Remixen, Konzerten und Musikvideos in erster Linie Björks Schaffen in den vergangenen zwei Jahren dokumentieren. Im Mittelpunkt der Veröffentlichung steht zwar ganz klar das letzte Studioalbum Volta, aber von einem simplen Wiederaufguss alter Songs kann dennoch keine Rede sein.

Statt nur einen einfachen Konzertmitschnitt abzuliefern, hat Björk elf Songs aus dem Repertoire der Volta-Tour eigens für diese Veröffentlichung erneut live eingespielt. Mit fünf Stücken aus Volta und sechs Klassikern bildet die abwechslungsreiche Zusammenstellung nicht nur einen Rundumschlag durch das Schaffen Björks, sie wird auch gut der Vielseitigkeit der isländischen Ausnahmekünstlerin gerecht. Die in den legendären Londoner Olympic Studios aufgenommenen Neuinterpretationen von Wanderlust über Army Of Me bis zu Hunter und Innocence mögen sich auf den ersten Blick so innovativ und verschroben gestalten, wie man es von Björk gewohnt ist. Doch überraschend hat sich bei den Live-Aufnahmen auch eine fast poppige Eingängigkeit in die neuen Arrangements eingeschlichen, die es erlaubt viele von Björks Kompositionen nun in einem komplett anderen Licht zu betrachten.
Überraschend vielseitig ist auch die Remix-CD geraten. Während Dancefloor-Größen wie Simian Mobile Disco oder Matthew Herbert die ursprünglichen Volta-Songs mal mehr oder weniger gelungen zerhackstückeln, ist vor allem der Ansatz von Modeselektor hervorzuheben, die sich gleich zwei Mal The Dull Flame Of Desire vorgenommen haben und dabei zwei vollkommen unterschiedliche Aspekte des Songs in den Vordergrund stellen.

Um sich auch optisch einen Eindruck von Björks Live-Werk verschaffen zu können, enthält die anschließende DVD zwei grundverschiedene Konzerte der Volta-Tour: In Paris inszeniert eine schillernd-bunte Björk mit großer Band und zehnköpfigen Blasorchester im Rücken ein opulent-avantgardistisches Spektakel vor ausverkaufter Halle. Krasser könnte der Gegensatz zu den Ausschnitten des intimen Unplugged-Kirchenkonzerts in Reykjavík nicht ausfallen. Nur von einigen Bläserinnen, einem Cembalo und einem Chor begleitet, entfalten die zuvor noch so pompös wirkenden Songs hier eine ungeahnte Intensität.

Die zweite DVD ist derweil als eine Art Werkschau zu Volta zu verstehen. Neben den fünf zum Album gehörigen Videoclips, finden sich dort ebenso recht interessante Making Ofs zum atemberaubenden Clip Wanderlust sowie zu Declare Independence. Als zusätzlichen Bonus versammelt die Disc zehn verschiedene Amateurvideos zum Titel Innocence, die aus einem von Björk ausgerufenen Wettbewerb hervorgegangen sind. Zwar hätten die Visualisierungen zu ein und demselben Song nicht grundverschiedener ausfallen können, dennoch wirkt die Versammlung an einem Stück etwas zäh. Hardcore-Björk-Fans werden es vielleicht lieben, der Rest wird sich an dieser Stelle vermutlich eher ausklinken. Allerdings ändert dies nichts an der Tatsache, dass Voltaic sowohl für Fans als auch für Neueinsteiger eine lohenswerte Erweiterung der Sammlung und damit mehr als eine bloße Überbrückungs-Veröffentlichung darstellt.

Review: Katrin Reichwein

Erscheinungsdatum: 24. April 2009
Label: One Little Indian (Polydor)

Website: www.bjork.com
Myspace: www.myspace.com/bjork

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NAKED LUNCH - Universalove




Naked Lunch aus Klagenfurt/Österreich können auf eine bewegte Karriere zurückblicken. Fünf Alben sind seit der Gründung 1991 entstanden, die Zeit von damals bis heute verlief aber alles andere als nach Plan oder linear. Labelschwierigkeiten, ausbleibender Erfolg und 2000 sogar der Alkoholtod eines ehemaligen Mitglieds bereiteten der Band um Sänger Oliver Welter schwierige Momente. Seit Mitte der Nuller-Jahre ging es dann wieder aufwärts, soundtechnisch entwickelte man sich stetig weiter, auch mal weg vom standardisierten Indierock-Schema. Nach dem letzten, oft gelobten Album This Atom Heart Of Ours von 2007 gibt es nun mit Universalove wieder Neues von Naked Lunch.

Nachdem die Band bereits 2005 mit ihrer EP Stay zu einem Projekt des befreundeten Filmemachers Thomas Woschitz beigetragen hatte, liefert sie nun mit Universalove den kompletten Soundtrack zum gleichnamigen Film des Regisseurs. Der preisgekrönte Episodenfilm spielt an Orten wie New York, Rio de Janeiro, Tokio, Marseille, Belgrad und Luxemburg und "wirft einen lebensklugen Blick auf die Verwirrungen, die Verrücktheiten und Vergeblichkeiten der Liebe", so die Jury des Max Opühls Preis 2009. Klingt gut, aber den Film lassen wir hier mal außen vor.

Denn - um nochmals jene Jury zu zitieren: Der Streifen ist "eine atemlose, vibrierende Odyssee zur Musik von Naked Lunch, die kein geschmacksverstärkender Soundtrack ist, sondern eine Hauptrolle spielt." Und so schaffen es die elf Titel, welche sich auf die einzelnen Schauplätze beziehen, durch einen ergreifenden Mix aus akustischen und verzerrten Gitarren, elektronischen Soundteppichen und Orgelklängen die Bilder des Films von ganz alleine entstehen zu lassen. Oliver Welter führt in bester Thom Yorke Manier durch ebenjene Verwicklungen der Liebe, auch der Sound erinnert oft an OK Computer. Es geht um verzweifeltes Warten und hoffnungslose Ohnmacht, jede Textzeile scheint einen ganz tief im Inneren zu packen und zu Boden zu werfen. Diese unbeschreibliche, erdrückend-schwere Traurigkeit zieht sich durch jeden Song. Man meint sie sehen zu können, Milja und Dusan in Belgrad, Julie und Rashid in Marseille oder Maria und Joao in Rio, und man möchte mit ihnen weinen, mit ihnen leiden und lieben.

Mit dem letzten und besten Track, dem hymnenhaften Where Do We Dance And Drink, beenden Naked Lunch dieses traurig schöne Schauspiel Universalove. Ein Stück Musik, in das man sich verlieben kann, allerdings nur unglücklich. "We're walking on, hand in hand, we're laying down in the promised land, slowly we speak, and gently we touch, we're floating in space while waltzing around."


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 24. April 2009
Label: Louisville (Universal)

Website: www.nakedlunch.de
Myspace: www.myspace.com/nakedlunchmusic

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SOPHIA - There Are No Goodbyes




Man stelle sich vor, wie jemand ein Skalpell nimmt, es ca. 3 cm unter dem Brustbein ansetzt und einen sauberen Schnitt von rechts nach links zieht. Was dabei zum Vorschein kommt, ist ein Muskel in der Größe einer Faust. Auf dem fünften Sophia-Longplayer There Are No Goodbyes streckt Robin Proper-Sheppard dem Hörer sein Herz entgegen. Ob man dieses nun schützend in die Hand nimmt oder ungeschickt fallen lässt, ist letzten Endes egal - Zerbrochenes kann man nicht zerbrechen.

There Are No Goodbyes ist eines der traurigsten Alben, die man jemals von dem Sophia serviert bekam. Ein Album, von dem Proper-Sheppard selbst sagt "It hurt recording these songs. And it still hurts, when I listen to these songs. Truthfully? It still hurts LIVING with these fucking songs!" Wie sich das anfühlt, mag man sich schon gar nicht mehr vorstellen, wenn das Hören bereits weh tut. Robin Proper-Sheppard zieht Bilanz aus sämtlichen gescheiterten zwischenmenschlichen Beziehungen und übt sich dabei oftmals in einer äußerst kritischen und harten Art der Selbstreflexion.

Dabei driften Sophia jedoch nie ins bodenlose Lamento ab. So düster die Texte auch sind, so ruhig und sanft sind die Harmonien. Oftmals schafft die versponnene Kombination aus Streichern, Piano und Gitarrenarrangements gar eine versöhnliche Atmosphäre. There Are No Goodbyes klingt weder nach vertontem Groll oder Hass, noch nach Resignation, sondern vielmehr nach der melancholischen wie weisen Erkenntnis, dass manche Dinge erst durch ihr Scheitern Sinn ergeben.

Auf eine echte Katharsis hofft man auf There Are No Goodbyes allerdings vergeblich. Es gibt keine Heilung, keine tröstende Umarmung, sondern einfach nur die Gewissheit, dass man lernen muss, mit Verlust und Desillusionierung zu leben - oder sie wie Robin Proper-Sheppard in Songs zu verarbeiten. Nie war es schöner zu leiden, als mit Sophia.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 24. April 2009
Label: City Slang (Universal)

Website: www.sophiamusic.net
Myspace: www.myspace.com/sophiacollective

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AU REVOIR SIMONE - Still Night, Still Light




Wäre die tragische Geschichte um die Selbstmord-Schwestern aus Sofia Coppolas The Virgin Suicides nicht bereits von Air vertont worden, läge mit Still Night, Still Light eine adäquate Alternative vor. Au Revoir Simone machen Musik fürs Auge. Wohl nicht umsonst bekennt sich auch David Lynch als Fan des Dreiergespanns. Unwillkürlich huschen schon bei den ersten Tönen sepiafarbene Bilder des Brooklyner Trios in seinen adretten Blümchenkleidern durchs persönliche Kopfkino. Es fällt schwer Au Revoir Simone fernab ihrer romantisch-mädchenhaften Optik zu beurteilen. Zu sehr erinnern ihre sanften Keyboard-Klänge an die zerbrechliche Ästhetik, die Coppola einst in ihrem Film einfing.

Drei Stimmen, drei Keyboards und einen Drum-Computer, mehr braucht dieses Trio nicht, um den ganz eigenen Film ins Rollen zu bringen. Au Revoir Simone entführen aus dem Alltag und nehmen uns mit in vergangen geglaubte Märchenlandschaften. Sie weißen Wege zu Orten, an denen die Welt noch in Ordnung scheint. Filigrane Melodien und schwerelose Keyboard-Flächen wiegen in Sicherheit. Nach einem harten Winter wähnt man sich endlich wieder auf einer Waldwiese. Während das zarte Sommergras zwischen den Zehen kitzelt, möchte man sich in der Weitläufigkeit dieser Klänge verlieren.

Doch hinter der vordergründigen Leichtigkeit des vermeintlich-süßen Popgestus verbirgt sich oft eine offenkundige Melancholie. Eine Melancholie, die jedoch weder Schwermut noch wirkliche Traurigkeit aufkommen lässt. Vielmehr sagen diese zwölf Songs in ihrer entwaffnenden Klarheit: "Es gibt Hoffnung. Sie mag nicht immer leicht zu finden sein. Doch es gibt sie. Irgendwo das draußen". Mit Still Night, Still Light ist der Mädchenbande ein Electro-Pop-Album für faule Sonntagvormittage gelungen. Seine bezaubernde Ruhe nimmt dem schwermütigsten aller Wochentage die erdrückende Monotonie. Trotz des Gebrauchs überwiegend elektronischer Instrumente stahlt diese tagebuchverträumte Platte eine Wärme aus, die in Electronica-Gefilden ihres gleichen sucht.


Review: Katrin Reichwein

Erscheinungsdatum: 24. April 2009
Label: Cooperative Music (Universal)

Website: www.aurevoirsimone.com
Myspace: www.myspace.com/aurevoirsimone

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VARIETY LAB - Team Up!




Mit ihrem Debütalbum Providence erzielten Variety Lab im Jahr 2003 gleich einen Achtungserfolg und der Longplayer machte sie erstmals einem größeren Publikum bekannt. Nun legt die Band um Mastermind Thierry Bellia mit Team Up! ihr zweites Werk vor. Herausgekommen ist eine abwechslungsreiche Platte, die sich irgendwo zwischen Electro, Pop und Lounge bewegt. Sieben Gastmusiker hat Thierry Bellia für Team Up! verpflichtet, darunter die Folklegende Donovan, der zum Opener seine Stimme beizusteuerte und David Bartholome (Leadsängers der Belgischen Combo Sharko), dessen Stimme auf drei Songs - We Should Be Dancing, Mireia und dem rockigen Not Enough - zu hören ist.

Kein Song gleicht hier dem anderen und so bekommt man manchmal den Eindruck, als würde es sich bei diesem Album nicht um ein Gesamtwerk, sondern eher um eine Compilation handeln. Dennoch ist Variety Lab mit Team Up! ein überaus hörenswertes Werk gelungen, das mit viel Liebe zum musikalischen Detail ausgearbeitet wurde. Ein Album, das sich in keine musikalische Schublade stecken lässt, sondern durch seine Vielfalt zu überzeugen weiß.


Review: Jenny Schnabel

Erscheinungsdatum: 24. April 2009
Label: Pschent

Myspace: www.myspace.com/varietylab

Musicload

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KRISTOFER ÅSTRÖM - Sinkadus




Sinkadus ist "ein schwedisches Brettspiel, welches Backgammon ähnelt. Wird dabei in einem Wurf eine 5 und eine 2 gewürfelt, so muss 'sink a dus' gerufen werden, was übersetzt 'fünf und zwei' bedeutet", sagt Wikipedia. Was hat das Ganze nun mit dem neuen Longplayer von Kristofer Åström zu tun? Nun, rechnet man zwei und fünf zusammen, ergibt die Summe der einzelnen Teile sieben, sagt Adam Riese. Sinkadus ist das siebte Studioalbum von Kristofer Åström. Hier schließt sich also der musikalische Kreidekreis.

Sinkadus startet recht viel versprechend: Nach einer kurzen spanischen Introduktion empfängt Åström den Hörer mit dem leicht psychedelisch angehauchten Come Out, um ihn dann bei The Party zu einer energiegeladenen Festivität einzuladen. Trotz temporeicher Sounds und wohldosiertem Einsatz elektrischer Gitarren, mit denen der Fireside-Sänger auf seinen Solopfaden für gewöhnlich eher sparsam umgeht, ist sie immer noch da, diese große Melancholie, die die Songs des Schweden auszeichnet. Düster und allumfassend wie eine nie enden wollende skandinavische Winternacht. In diesen Momenten ist er einfach am besten. Egal, ob er wie bei Oh Man von verflossenen Lieben singt und zu dem ernüchternden Schluss kommt "I loved you from the start / And now you split my heart" oder bei Hard To Live über den Sinn des Lebens philosophiert. Dass Schwermut allerdings nicht zwangsläufig suizidal klingen muss, beweist Åström auf When Her Eyes Turn Blue, einer gelungenen Symbiose aus desillusionierten Lyrics und kraftvollen Melodien.
Soweit, so gut. Dies sind nämlich auch schon die Höhepunkte von Sinkadus, Fullhouse und Viererpasch sozusagen. Auf gesamter Länge reichen Tempovariationen und gekonntes Songwriting nicht aus, um dauerhaft Aufmerksamkeit zu erzeugen. Spätestens beim zweiten Durchlauf ertappt man sich dabei, wie man verstohlen die Skip-Taste bedient, um sich von Highlight zu Highlight zu hangeln.

Der große Wurf ist Kristofer Åström mit Sinkadus leider nicht gelungen. Die songwriterischen Qualitäten des Schweden sind zwar nicht zu überhören, allerdings verläuft sich das Album mit zunehmender Länge in der dahinplätschernden Monotonie der Songs. Allerdings lässt sich die Wartezeit auf Longplayer Nummero acht problemlos mit der Skip-Taste überbrücken.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 11. April 2009
Label: Startracks (Indigo)

Website: www.kristoferastrom.com
Myspace: www.myspace.com/kastrom

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YEAH YEAH YEAHS - It's Blitz!




Zugegeben, mit Veränderungen ist es so eine Sache. "Stillstand ist Rückschritt", lamentieren die einen. "Warum fortschreiten, wenn das althergebrachte funktioniert", meinen die anderen. Wagt eine Band den stark hörbaren Weg der Weiterentwicklung, schreien dann doch erst ein Mal beide Lager laut Zeter und Mordio. Aber wie das mit allen Veränderungen so ist: erst beschwerlich und verhasst, dann geliebt und hochgeschätzt, schlussendlich sind sie unvermeidlich. Im Kosmos Yeah Yeah Yeahs bedeutet Veränderung außerdem nichts anderes als die Einlösung ihres Versprechens, sich niemals wiederholen zu wollen. Mit It's Blitz! ist dem New Yorker Trio genau das abermals gelungen.

Die gravierendste Änderung dieses Mal: Nick Zinner hat die Gitarre gegen einen Vintage-Synthesizer eingetauscht. Wo auf Fever To Tell noch dreckiger, dahingerotzter Lo-Fi-Punk regierte und sich auf Show Your Bones die Akustikgitarren einschlichen, haben sich die Yeah Yeah Yeahs mittlerweile ein gemütliches Plätzchen unter der 80ies-Discorock-Kugel eingerichtet. Zu pumpenden Beats steuert Karen O. schnurstracks auf die Tanzfläche zu. Heads Will Roll formuliert in gewohnt lasziver Tonlage die Grundforderung der Band: "Off with the head, dance till you're dead". Doch Tanzen ist im Leben nicht alles.

Zwischen anfänglicher Dance-Euphorie und konventionellen Gitarrennummern wie Shame And Fortune erlaubt das neue elektronische Gewand dem Trio sich hin zu einer Reihe von langsamen bis mittelschnellen Stücken zu öffnen. Karen O. klingt dabei angriffslustig wie eh und je und doch springt sie dem Hörer erstmals nicht direkt kratzbürstig ins Gesicht. Ohne etwas von ihrer einstigen Sexyness einzubüßen, zeigen sich die Yeah Yeah Yeahs von nachdenklicher, man möchte fast sagen: erwachsenerer, Seite. Das sphärisch dahin wabernde Hysteric oder das so effektlose wie verträumte Little Shadow seien nur als zwei Beispiele unter vielen genannt. Am Ende sind es diese zerbrechlichen Electro-Balladen samt großer Geste mit Hang zum Pathos, die das Drittwerk der Amerikaner prägen. It's Blitz! mag daher trotz des Titels nicht wie ein solcher einschlagen, doch die Yeah Yeah Yeahs haben sich ihre einstigen Wesenszüge bewahrt. Trotz ihres Soundwandels bleibt das Trio provokativ, brachial und auf Konfrontationen aus. Auch wenn sich diese Eigenschaften auf It's Blitz! vermehrt durch eine ungewohnte Liebe zu sanften Harmonien manifestieren. Was zählt: Es klingt immer noch unverwechselbar nach Yeah Yeah Yeahs. Ob nun mit Synthies oder ohne.


Review: Katrin Reichwein

Erscheinungsdatum: 03. April 2009
Label: Polydor (Universal)

Website: www.yeahyeahyeahs.com
Myspace: www.myspace.com/yeahyeahyeahs

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WHITE LIES – To Lose My Life




Wer die White Lies hört, der denkt an eine moderne Reinkarnation von Joy Division gepaart mit den amerikanischen Killers, als diese noch gute Musik fabrizierten. Um es kurz zu machen, sind die White Lies DER GROSSE, HEISSE SCHEISS! Im Ernst. Es ist schon beeindruckend und gleichzeitig beängstigend, welchen Tiefgang diese Musik und diese Dichtung besitzt. Und schon sind wir wieder bei Joy Division. Der Retro-Hype um diese Band scheint nicht aufzuhören. Doch erneut losgetreten von Interpol, den Editors und dem Wombats-Kracher Let's Dance To Joy Division, wird es wohl keine Band mehr geben, die den Spirit der industriellen Band noch mal nahezu so authentisch verkörpern wird, wie die White Lies. Denn die Drums, die Stimme und die düsteren Harmonien erinnern nicht nur stark an die so wegweisende Band aus Manchester, sondern versprühen auch diese unglaubliche Tiefe.

Ein Song wie To Lose My Life hätte sich auch auf Unknown Pleasures wieder finden können, doch was besonders mitreißt, ist die moderne Spritzigkeit der White Lies, die ihre industriellen Klangwelten mit farbenfrohen Synthesizern, Streichern und Disco-Beats verzieren. Das trifft so unverschämt den derzeitigen Trend und das Gehör der Indie-Kids, dass man dem Management von den White Lies ein echtes Kompliment aussprechen muss. Fragt sich nur, warum man im Titelsong fasst das gleiche Schlagzeug, wie Joy Division in Transmission nahezu eklektisch nachspielen muss. Aber egal, es ist genau das Drumming, das dieser Song braucht. Unifinished Business ist das große Highlight der Platte und ein besserer Song, als ihn die Killers jemals in ihrem Leben wieder schreiben werden. Behaupte ich mal ganz dreist. Synthies, schwer galoppierende Gitarren, ein luftiges und tanzbares Schlagzeug und ein treibender Bass machen diesen Song zum elegischen Rock-Meisterwerk. Sicher schwankt die Stimme des Sängers und Gitarristen Harry McVeigh zwischen Ian Curtis und dem androgynen Brandon Flowers, aber vielmehr besitzt sie die fesselnde Anziehungskraft, die Dich beim ersten Hören der White Lies packt und Dich nicht mehr loslässt. Seine Stimme und die melancholischen, verzweifelten Lyrics treiben einem die Tränen in die Augen, wenn man Nothing To Give hört. Ein wenig erinnern vor allem die markanten Texte des Bassers Charles Cave an einen mürrischen Nick Cave, der eine Überdosis Horrorliteratur von James Herbert und unzählige Shakespeare-Stücke inhaliert hat. Seine Texte sind düster-filmische Storys über Wahnsinn, Tod und Liebe, die trotz ihrer Brisanz nie die Hoffnung verlieren.

In kurzen Worten: Die White Lies sind der helle Wahnsinn. Warum? Sie sind jung und ein talentiertes Monstrum von Newcomer-Band, die mit perfekten Melodien, einer unsagbaren musikalischen Tiefe und einem angenehmen Selbstbewusstsein glänzt. Ihr Debüt schoss in den UK von Null auf Eins. Wer jetzt noch Fragen hat, der sollte schnellstens reinhören.


Review: Marc Philipp Meyer

Erscheinungsdatum: 03. April 2009
Label: Polydor (Universal)

Website: www.whitelies.com
Myspace: www.myspace.com/whitelies
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MUFF POTTER - Gute Aussicht




Ohne Majorlabel im Rücken kehren Muff Potter zurück in den heimischen Hafen Huck's Plattenkiste. Nach 15 Jahren "Angry Pop Music" scheint die Zeit reif für eine Neuorientierung in Sachen Wut. Und Muff Potter machen es dabei weder sich, noch dem Hörer leicht. Sie haben den vorhersehbaren und geraden Klängen abgeschworen und zum ersten Mal seit Heute wird gewonnen, bitte! wieder eine Platte live eingespielt. Muff Potter lassen die Melodieseeligkeit von Steady Fremdkörper weit hinter sich. Wütend und brachial klingt dieses Gitarrenriff ganz am Anfang von Ich und so. Fern ab vom Befindlichkeitspop bellt Nagel die Namen seiner Helden - Huckleberry Finn, Henry Chinaski, Fräulein Smilla, Teddy DuChamp und Justus Jonas - ins Mikrofon. So roh blaffte Nagel seit Bordsteinkantengeschichten nicht mehr.

Der erneute Alleingang hat viel Härte, Dreck und Gemeinheit aufgewühlt. Sowohl im Sound als auch auf der textlichen Ebene. Hat man sich durch den Berg an scheppernd-widerborstigen Schmirgelpapier-Sounds gewühlt, wüten sich Muff Potter voller Wucht durch Wortspielereien. Blitzkredit Bop zelebriert das Leben auf Pump. Wenn Nagel von der Dispo-Disko und dem schönen Platz an der Hypotheke singt, möchte man fast vom Soundtrack zur Krise sprechen. So radiotauglich diese erste Single noch sein mag, der Schein trügt. Mit Alles war schön und nichts tat weh schicken Muff Potter eine rotzig-kurzen Punkklopfer ins Rennen, den so keiner mehr von den vieren erwartet hätte. Dem gegenüber steht die semi-akustische Ballade Mein Freund, das Wrack. Inklusive gewöhnungsbedürftigem Schifferklavier wagen sich Muff Potter an eine experimentierfreudige Ode an die Freundschaft. Der heimliche Hit des Albums, Niemand will den Hund begraben, hingegen stellt einmal mehr die scharfe Beobachtungsgabe Nagels unter Beweis. Mit der Momentaufnahme des tristen Landlebens und dem Wunsch diesem durch diverse Praktika in der Hauptstadt zu entgehen, beweisen Muff Potter alte Stärken.

Nach sechs Alben klingen die Münsteraner, die mittlerweile selbst zur Hälfte nach Berlin abgewandert sind, weniger verkopft, dafür umso schmutziger. Doch die brachiale Unmittelbarkeit des neuen alten Sounds wird viele mit großen Fragezeichen in den Augen zurücklassen. Zu viel Wahrhaftigkeit kann wehtun. Man muss schon an der rauen Oberfläche kratzen, um das Schöne unter all dem Schmutz freizulegen. Wer sich darauf einlassen kann, wird in Gute Aussicht über die Zeit hinweg eine gute Platte entdecken. Alle anderen bleiben verstört zurück.


Review: Katrin Reichwein

Erscheinungsdatum: 17. April 2009
Label: Huck's Plattenkiste (Rough Trade)

Website: www.muffpotter.net
Myspace: www.myspace.com/muffpotter

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DOVES - Kingdom Of Rust




Nach vier Jahren der Stille melden sich die Doves mit ihrem aktuellen Longplayer Kingdom Of Rust zurück. Der vorab bereits zum kostenlosen Download angebotene Song Jetstream versprach Großes - vor allem klang er mit seinen Synthies und Samples eher Doves-untypisch. Während die einen frohlockten, der Sound der Doves sei um einiges innovativer geworden, befürchteten die anderen, das Trio hätte den Gitarren abgeschworen und sich dem hochmodernen Trend der Elektronik ergeben. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen.

Genau genommen handelt es sich bei Jetstream um eine Reminiszenz an jene guten alten Zeiten, in denen die Doves sich noch Sub Sub nannten und elektronischer Musik frönten. Bei einigen mag der Titel wie auch der Sound Erinnerungen an New Order wachrufen. Und auch damit liegt man nicht ganz falsch. Immerhin unterstützte Sänger Jimi Goodwin zwischenzeitlich Sumner und Marr auf dem Electronic-Album Twisted Tenderness am Bass. Ab dem zweiten Track Kingdom Of Rust wird allerdings klar, dass wir es hier mit einem typischen Doves-Album zu tun haben: gitarrengetragen, streicherumschmeichelt, melancholisch, nachdenklich. So finden sich mit The Outsiders oder House Of Mirrors zwar durchaus energetische Tracks auf dem Longplayer, das sphärisch dahin gleitende Spellbound erinnert mit seinen ineinander verflochtenen Gitarrenspuren sogar an die großartige The Last Broadcast.

Auf Altbewährtes setzen, die Vergangenheit aufrollen und das Puzzle dabei neu zusammensetzen: Ein Konzept, das durchaus aufgeht. Man mag bekritteln, dass Kingdom Of Rust die ganz großen Highlights fehlen. Die Doves sind allerdings auch nie eine Hit-Band gewesen. Dennoch beweisen die Doves mit ihrem vierten Album einmal mehr, dass mit ihnen nach wie vor zu rechnen ist, dass sie es immer noch schaffen, den Musikfreund zu begeistern - im kleinen ehrlichen Rahmen der Popmusik.


Review: Katja Embacher

Erscheinungsdatum: 03. April 2009
Label: Virgin (EMI)

Website: www.doves.net
Myspace: www.myspace.com/dovesmyspace

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MAXIMILIAN HECKER - One Day




Der Lenz geht um im Lande: Die Blümchen sprießen aus dem grünen Gras und die Vögel zwitschern uns eins, fast schon die ersten "Summer days in bloom" diesen Jahres. Und dann kommt auch noch Maximilian Hecker mit seinem nun schon fünften Album One Day; schöner könnte es nicht sein.

Drei Jahre sind seit dem letzten Streich des Wahlberliners vergangen, allerdings nicht ungenützt: Im Gegensatz zu seiner Heimat nämlich erführt er im fernen Asien seit Jahren die ihm gebührende Wertschätzung. Dementsprechend widmete er sich seinen in China, Korea und Taiwan ansässigen Fans mit ausgiebigen Konzertreisen. Ein regelrechter Popstar ist Hecker im fernen Osten, mit Platten- und Werbeverträgen, hierzulande gab ihm die große Plattenfirma den Laufpass. Völlig absurd, denkt man da als Kenner seines Schaffens. Aber - Gott sei's gedankt - kommt nun auch die deutsche Gemeinde der gebrochenen Herzen in den Genuss einer neuen Portion Schmusepop.

Eines wird schon nach den ersten Liedern auf One Day klar, und zwar, dass Herr Hecker sich wieder einmal treu bleibt. Zuckersüße Popballaden zwischen Oasis und unverfrickelten Radiohead, wunderschön komponiert und instrumentiert mit dem üblichen, ineinander verwebten Sound aus Gitarre, Klavier und Streichern. Entscheidend hinzu kommt - ebenfalls wie gewohnt - Heckers zarte Jünglingsstimme, die sich von der ersten Sekunde an wie ein klebriger Honigfilm über die Songs legt und sie zusammenhält. Alles dreht sich um die Liebe, er klagt und schmachtet wie eh und je, erzählt von Sehnsucht, Verlangen und Erfüllung. Dabei schafft er aber, was wenigen gelingt: Durchgehend anmutig und verletzlich von seinem Innenleben zu singen, ohne in Kitsch und Peinlichkeit zu versinken.

Langweilig und einfallslos mögen es manche schimpfen, die Maximilian Hecker nicht kennen und lieben gelernt haben, oder einfach keinen Zugang zu gefühlsbetonter Musik von diesem Schlag haben. Viel richtiger ist allerdings, anzuerkennen, wie konstant er durchweg bezaubernde und eingängige Popmusik produziert, die trotz ihrer Homogenität kein bisschen an Schönheit und Reiz einbüßt.

"One day I'll break the chains round my heart, [...] one day all my fears of going astray will end in smoke as my angels choose to stay" heißt es im Titeltrack. Hoffentlich ist dieser Tag noch ein paar Jahre und Alben von Maximilian Hecker entfernt.


Review: Michael Döringer

Erscheinungsdatum: 03. April 2009
Label: Louisville Records

Website: www.maximilian-hecker.com
Myspace: www.myspace.com/maximilianhecker

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PET SHOP BOYS - Yes




Was soll man über die Pet Shop Boys noch schreiben, was nicht schon längst in die Welt getragen wurde? Seit beinahe 30 Jahren beglückt uns das Duo um Neil Tennant & Chris Lowe mit intelligenter Musik, ohne dass man sich bei dem Wort "Pop" den Mund mit Seife auswaschen muss. So auch beim neuesten Output Yes.

Soundmäßig hat sich, trotz der Zusammenarbeit mit dem Produzententeam Xenomania (Sugababes, Girls Aloud), nicht allzu viel verändert. Ein bisschen optimistischer vielleicht klingen die elf Songs und Johnny Marr's Gitarre & Harmonica (regelmäßiger prominenter Gast, u.a. The Smiths, Electronic, Modest Mouse) sind etwas tiefer in den Grundsound integriert als sonst. Ansonsten gibt es keine stilistischen Ausfälle bzw. Veränderungen zu vermelden. Neil Tennant's Stimme bleibt weiterhin unverwechselbar, markant und die Refrains bohren sich in gewohnter Pet Shop Boys-Manier ins Ohr, allen voran Beautiful People (mit dem Drumbeat von New Order's Crystal), Building A Wall (mit großartigem Chorus "a fine wall/ not so much to keep you out/ more to keep you in") und natürlich die aktuelle erste Single Love, etc..

Solide mögen es die einen schimpfen, zeitlos und großartig die anderen. Ich tendiere stark zu Letzterem, denn wer es schafft sich solange im (mittlerweile extrem kurzlebigen) Musikgeschäft mit durchwegs großartigen Alben zu behaupten, dem gebührt mindestens großer Respekt! Tolles Album!


Review: Marco Pleil

Erscheinungsdatum: 03. April 2009
Label: Parlophone (EMI)

Website: www.petshopboys.co.uk

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THE FLAMES - Caution: Heat Inside




The Flames - sind das nicht die mit dem Song aus der Afri-Cola-Werbung?! Genau die sind es. Wir erinnern uns alle noch an den schlimmen Ohrwurm "Everytime I See You I Wanna Be With You" und die lächerliche Adaption des "Sonnenallee"-Tanzes. 2002 avancierte die seichte Popnummer Everytime zum deutschlandweiten Sommer-Hit und katapultierte The Flames damit in die Sparte