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Owen Pallett Heartland
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Foto: Pressefoto |
Ein ganz gewöhnliches Konzert war nicht zu erwarten von Get Well Soon, das ist nicht der Anspruch von Konstantin Gropper und Co. Ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk muss es schon sein.
Statt der Band bekommen die Besucher daher zunächst nur eine Leinwand zu sehen, auf der – begleitet vom märchenhaften Intro Nausea des jüngst erschienenen Albums Vexations – eine Frau zu sehen ist, die in den Wald hineinstolpert. Die Leinwand wir auch in den folgenden 90 Minuten nicht leer bleiben. Sie bildet vielmehr das Kernelement der Darbietung. Die Band ist lediglich für die Instrumentalisierung zuständig. Das erste Lied, das live gespielt und gesungen wird, ist folgerichtig Seneca's Silence, denn die Dramaturgie des Abends orientiert sich stark an Vexations, das Gropper ja auch selbst schon als "Konzeptalbum über Stoizismus" bezeichnet hatte. Aus einem Konzeptalbum löst man eben ungern einzelne Stücke heraus. People Magazine Front Cover bleibt so für lange Zeit der einzige Song vergangener Tage, erst bei der Zugabe folgen die Lieblinge vom Album Rest Now, Weary Head!. Was man bei anderen Künstlern bemängeln würde, ist hier einfach naheliegend. Denn das Konzept geht auf, die atmosphärische Dichte des Albums wird live noch um ein vielfaches übertroffen. Was nicht zuletzt auch an den Videos liegt, die immer wieder die Band, aber auch Tiere oder Landschaften zeigen. Alles ist so perfekt inszeniert und bis ins kleinste Detail geplant, dass man es beinahe schon wieder langweilig finden könnte. Oder eben beeindruckend.
Nicht weniger perfektionistisch ist das, was Get Well Soon mit ihren Instrumenten anstellen. Davon gibt es viele auf der Bühne, gerade so viel, wie man zu sechst bedienen kann. Egal ob Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboard, Xylophon oder Geige, alles ist so hervorragend aufeinander abgestimmt, dass man es zwangsläufig mit einem Orchester vergleichen muss. Nur dass der Dirigent hier noch selbst Gitarre zur Gitarre greift. Abgerundet wird der Gesamteindruck vom gesanglichen Zusammenspiel der Gropper-Geschwister. Schon wieder muss man das Wort "perfekt" in den Mund nehmen, um der Leistung gerecht zu werden.
Obwohl das Gesamtbild schon überzeugend genug ist, muss man noch zusätzlich die besonders genialen Momente des Abends herausstellen. Die ruhigen Akzente, zum Beispiel die Flüsterpassagen bei 5 Steps / 7 Swords oder das wunderschöne A Voice In The Louvre und die epochalen, hymnischen Abschnitte, von denen gerade die Zugabe If That Hat Is Missing I've Gone Hunting noch lange im Kopf nachklingt. Der vielleicht größte Moment des Konzerts ist Tick Tack! Goes My Automatic Heart, das in einer atemberaubend guten Liveversion zunächst akustisch von Konstantin und Verena Gropper begonnen wird und dann mit Bandunterstützung zu einem atmosphärischen Monster anschwillt. Vollkommen zu Recht ernten Get Well Soon minutenlangen, tosenden Applaus, noch bevor der letzte Ton verklungen ist.
Get Well Soon sind ein Glücksfall, eine Ausnahmeerscheinung, ein Gesamtkunstwerk. Und nachdem keine Superlative mehr übrig sind, sollte man jetzt wohl zum Ende kommen.
Review: Andreas Kussinger
Website: www.youwillgetwellsoon.com Myspace: www.myspace.com/youwillgetwellsoon
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Foto: Pressefoto |
Im Königreich ist es ein bewährtes Ritual zu Beginn eines jeden Jahres, ein paar Bands zum "Sound of 20xx" zu erklären. Hype-Alarm! 2010 dürfen unter anderem Delphic mit diesen Vorschusslorbeeren bepackt ins neue Jahr starten. Die Folge? Titel-Stories und ausverkaufte Clubshows. Am vergangenen Mittwoch waren die drei Briten in München zu Gast, und die Rest-Karten an der Abendkasse waren schnell vergriffen.
Das 59:1 ist also bis auf den letzten Platz gefüllt, als Rick Boardman, Matt Cocksedge und James Cook die Bühne betreten. Dort haben sie gerade noch Platz zwischen all den Gitarren, Synthesizern, Sequenzern und Effektgeräten, die schon ohne Band ein beeindruckendes Bild geboten hatten. Verstärkt werden sie von einem Tour-Schlagzeuger, der als einziger Künstler nur ein Instrument zu bedienen hat.
Los geht's mit den vertrauten Klängen, Clarion Call eröffnet sowohl das Debüt-Album der Mancunians als auch das Live-Set. Von Beginn an wird klar, dass es sich hierbei nicht um ein gewöhnliches Konzert handelt, sondern vielmehr um eine perfekte Inszenierung, bei der nichts dem Zufall überlassen wird. Delphic sind Perfektionisten, beinahe besessen im Streben nach dem perfekten Sound. Entsprechend verbissen stehen sie auf der Bühne, ganz mit ihren Instrumenten beschäftigt. Für Kommunikation mit dem Publikum bleibt da kaum Zeit. Die Übergänge zwischen den Songs sind fließend, erst nach vier Songs folgt eine kurze Pause, in der sich die drei Briten den verdienten Applaus abholen.
Allzu viele Songs haben Delphic noch nicht im Repertoire, schließlich haben sie erst vor wenigen Wochen ihr Debütalbum veröffentlicht. Die Live-Versionen der Stücke werden dafür auch gerne mal auf bis zu zehn Minuten ausgedehnt. Beeindruckend ist das Zusammenspiel der zahlreichen Instrumente und Geräte, die zum Einsatz kommen. Wer elektronische Musik bisher das Attribut "handgemacht" nicht zugestehen wollte, wird spätestens bei Delphic eines besseren belehrt. Samples vom Band sucht man hier vergebens, alles, was die Boxen verlässt, wird live auf der Bühne eingespielt.
Das Publikum im 59:1 ist schließlich auch hochzufrieden, und nach anfänglicher Reserviertheit tauen die Münchener dann im Laufe des Sets auf und stellen schließlich auch die Tanzbarkeit der Songs unter Beweis. Die Feuertaufe haben Delphic an diesem Abend bestanden. Der Weg auf die großen Bühnen steht den Mancunians offen.
Live-Review: Andreas Kussinger
Website: www.delphic.cc Myspace: www.myspace.com/delphic
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Foto: Pressefoto |
Internet-Hype, sensationelles Debüt-Album, Band der Stunde, ausverkaufte Stadien, solides zweites Album, umstrittenes drittes Album. Die Geschichte der Arctic Monkeys wurde schon oft erzählt. Also zum Thema. Die Arctic Monkeys, live im Münchner Zenith. Der rote Vorhang hebt sich, die Show kann beginnen.
Die opulente Bühneninstallation, die neben einer sehenswerten Lightshow auch mehrere, seitlich am Bühnenrand angebrachte Leinwände zu bieten hat, steht im krassen Kontrast zu den intimen Clubshows, die noch wenige Jahre zuvor die Heimat der Arctic Monkeys waren. Ging das wirklich so schnell? Tatsächlich, fünf Jahre und drei Alben später stehen Alex Turner und Co. also im Zenith auf der Bühne und werden frenetisch vom sehr jungen Publikum begrüßt. Die Halle ist voll, beinahe ausverkauft, und die Stimmung kocht über, bevor ein einziger Ton aus den Boxen gekommen ist.
Das Volk hätte sich aber wohl einen anderen ersten Songs gewünscht als das nun angestimmte Dance Little Liar. Und so offenbart sich gleich zu Beginn das grundsätzliche Problem, mit dem weniger die Arctic Monkeys, aber doch ein großer Teil des Publikums zu kämpfen hat. Dance Little Liar ist ein guter Song, ein hervorragendes, atmosphärisch dichtes Lied. Aber es ist eben vom neuen Album Humbug, das von den eingefleischten Fans zwar mit respektvollem Wohlwollen, aber keineswegs mit Begeisterung aufgenommen wurde. Doch mit dem folgenden Brianstorm blasen Alex Turner und Co. die Zweifel einfach weg und legen zur Sicherheit gleich nach. Mit This House Is A Circus, wie Brianstorm vom zweiten Album, und dem folgenden Still Take You Home vom Erfolgs-Debütalbum bekommen die Indie-Kids das, was sie hören wollen. Tempogeladenen, euphorischen Indie-Rock eben.
Die Band macht einen aufgeräumten, professionellen Eindruck. Die Bühnenshow überlassen sie weitgehend der Licht-Installation, selbst neigen sie eher nicht zu größeren Gefühlsausbrüchen. Besonders Alex Turner steht angewurzelt an seinem Mikrofon und hebt den Kopf nur dann kurz, wenn ihm das lang gewordene Haupthaar ins Gesicht fällt. Aber zwei, drei Worte auf Deutsch reichen natürlich, um die Nähe zum Publikum herzustellen. Das knappe "Servus München" wird in der Halle gefeiert wie ein Endspiel-Tor.
Das folgende Set ist dann ein ausgeklügelter Mix aus alten und neuen Songs. My Propeller und Crying Lightning vom Humbug-Album, ja sogar ein Nick Cave-Cover steht auf der Setlist. Und genau dann, wenn in den ersten Reihen die Gesichter länger werden, folgt ein Block mit The View Form The Afternoon und I Bet That You Look Good On The Dancefloor. Band und Publikum haben sich wieder lieb. Kurz vor dem Ende des regulären Sets erreicht die Stimmung dann bei When The Sun Goes Down ihren Höhepunkt. Pogo in den ersten Reihen.
Musikalisch überzeugt die Band auf der ganzen Linie. Die Humbug-Songs sind live sogar noch atmosphärischer als auf Platte und werden dann eben vom hinteren Drittel der Halle bestaunt, während die vorderen Reihen durchschnaufen. Und gerade die Songs des Debüt-Albums werden live mit so viel Energie zerstört, dass es eine Freude ist, zuhören und zusehen zu dürfen. Besonders erfreulich ist zudem, dass auch der Sound im Zenith stimmt. Laut wie immer, aber dieses Mal eben laut und klar.
Die kurze Zugabe bietet noch das tolle Fluorescent Adolescent in einer sehr schönen, experimentellen Version. Dann, nach gut neunzig Minuten, verabschieden sich die Arctic Monkeys mit 505 und einem Schuss aus der Konfettikanone. Schön Kitschig.
Wer kann es einer Band denn verübeln, sich weiter zu entwickeln? Was die Arctic Monkeys im Zenith abgeliefert haben, war großes Kino, nicht nur wegen der beeindruckenden Lightshow. Ja, ja, Mardy Bum hätten sie schon noch spielen können, hört man auf dem Weg zu U-Bahn recht oft. Aber die Arctic Monkeys werden ihren Weg gehen, auch wenn dabei live der ein- oder andere Song auf der Strecke bleibt.
Live-Review: Andreas Kussinger
Website: www.arcticmonkeys.com Myspace: www.myspace.com/arcticmonkeys
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Foto: Jenny Schnabel |
Hamburg ist schockgefrostet. Eisschollen treiben auf der Elbe, Schnee bedeckt den Beatlesplatz, vereiste Bürgersteige machen den Weg zum Knust zu einer Rutschpartie. Dennoch - das Konzert Ian Browns, der im Rahmen seiner Tour in der tiefgekühlten Hansestadt Halt macht, ist jeden Meter dieser beschwerliche Reise wert.
Im Knust herrscht mollige Wärme. Um Viertel vor neun ist der Club prall gefüllt, auf dem Weg zur Garderobe heißt es "Anstellen". Dank der flinken Handgriffe erfahrener Garderobieren schafft man es dennoch, pünktlich zum Konzertbeginn in der Halle zu stehen - jackenlos und erwartungsvoll.
Pünktlich ist auch der King Monkey. Just mit dem neunten Glockenschlag entert er die Bühne des Knust, um mit Love Like A Fountain das Set zu beginnen. Was anfangs noch etwas behäbig wirkt, kommt ab Time Is My Everything gut in Fahrt. Ian Brown erweist sich als ein äußerst amüsanter Entertainer, obwohl oder vielleicht gerade weil er das Publikum mit dem leicht rüpelhaften Charme eines arbeiterklassengeprägten Mancunians durch den Abend führt. Zu einem Running Gag entwickelt sich dabei die neue Vokabel "Dorftrottel", die der Ex-Stone Roses-Sänger gelernt hat und deren Bedeutung ihn nun mächtig interessiert. "Village idiot" liefert das Publikum als Übersetzung dazu. Mr. Brown ist sichtlich erheitert. Vor allem vor dem Hintergrund, dass er einen der zahlreich angereisten britischen Lads so bezeichnet. Dieser freut sich wie ein Schneekönig über die kleine Neckerei unter Landsleuten. Von Ian Brown lässt man(n) sich eben gern mal als "Dorftrottel" bezeichnen. Ein freundschaftliches Abfausten besiegelt den britischen Schulterschluss.
Wer vordergründig brandneue Songs erwartet hatte, wird rasch eines besseren belehrt. Der Ex-Stone Roses-Sänger lässt sich fast die Hälfte des Konzerts Zeit, bevor er mit Crowning Of The Poor den ersten Track seines aktuellen Longplayers My Way anstimmt. Der Fokus liegt auf älteren Stücken wie All Ablaze, Longsight M13 oder Keep What Ya Got. Egal, ob Klassiker wie Corpses In Their Mouths oder Neuheiten wie Own Brain - Ian Brown lässt es sich nicht nehmen, die Anwesenden mit schwenkenden Armen zum Mitfeiern zu animieren. Die Stimmung gut, fast ausgelassen. Selbst, als der Einsatz bei Laugh Now nicht ganz gelingt und Ian Brown den Track abbricht, bleibt die erwartete Standpauke an die Live-Band aus. Der Manchesteraner begnügt sich damit, zurück zum Mikrophonständer zu trotten und den Song erneut zu starten. In der lockeren Atmosphäre sieht man auch über den verbesserungswürdigen Sound und die gesanglichen Patzer hinweg, die sich wie ein roter Faden durch das Set ziehen. Ian Brown ist vielleicht nicht der begnadetste Sänger, dafür weiß er, wie man die Lads und Lasses seiner treuen Gefolgschaft bei Laune hält. Er zelebriert sein Konzert mit Tanzeinlagen, die ein wenig an Nordic Walking erinnern: Ein Überbleibsel aus den guten alten Tagen des Madchester Rave, in denen Percussionist Bez das Publikum auf Konzerten der Happy Mondays in ähnlicher Manier zu animieren pflegte.
Nach einer Stunde verabschiedet sich Ian Brown von den Anwesenden, um sich einen Applaus später zum Zugabenblock zurück zu melden. Parka und Lederjacke werden zur Seite gelegt, nebst eines kleinen Turnbeutels, der ein wenig an den Sportunterricht in der Grundschule erinnert. Spätestens jetzt, als der King Monkey Fools Gold auspackt, werden auch die Fans aus vergangenen Stone Roses-Tagen hellhörig. Ausgelassen wird zu Stellify getanzt und es scheint fast sicher, dass das Publikum dies auch ohne die vorherige Aufforderung Ian Browns getan hätte. Es folgt Just Like You, der letzte Song des Abends, mit dem sich der King Monkey endgültig vom Hamburger Publikum verabschiedet.
Bei einer Zigarette draußen vor der Tür trifft man zufälligerweise auf den britischen "Dorftrottel", der - immer noch glücksbeseelt - den Abend auf den Punkt bringt: "Eines der besten Konzerte, die man von Ian Brown jemals gesehen hat!". Der junge Mann hat recht. Zumindest, was die Unterhaltung und die Atmosphäre des Abends betrifft, war das großer Sport. Ian Brown sollte dafür einen Turnbeutel aus Gold bekommen. Verdient hätte er ihn allemal.
Live-Review: Katja Embacher
Foto-Galerie
Website: www.ianbrown.co.uk Myspace: www.myspace.com/ianbrown
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Foto: Pressefoto |
Passend zur Weihnachtszeit hat der Winter im Land Einzug gehalten. Arktische minus 15 Grad Celsius können sich in den Bronchien anfühlen wie ein Messer, wenn man sich keinen Schal ums Gesicht geschlungen hat. Keine Frage, es sind extreme Bedingungen, unter denen man sich am heutigen Abend ins Münsteraner Amp begibt, um einen verlorenen Sohn willkommen zu heißen. Johannes Mayer aka The Late Call, der sich aufmachte, Schweden zu erobern, besucht seinen ehemaligen Studienort, um die Songs seines Debütalbums Leaving Notes vorzustellen.
Die Liebe war es, die Johannes Mayer nach Stockholm verschlug. Eben diese inspirierte ihn auch zu seinen nachdenklich verträumten Akustiksongs, die - mal melancholisch, mal sehnsüchtig - von seiner Fernbeziehung erzählen. Zahlreiche Freunde der Musik und Musikerfreunde sind gekommen, um sich die Tracks live anzuhören. Der Raum vor der Bühne ist knapp. Zu knapp, als dass man einen Schluck aus seiner Bierflasche nehmen könnte, ohne seinen Nebenmann zu berühren. Der Vorteil der Enge liegt darin, dass der eingefrorene Unterkiefer durch die Körperwärme der Nachbarn schnell wieder auftaut und das Trinken leichter fällt. Das letzte Konzert vor Weihnachten wird zu einem kuscheligen Miteinander. In genau diese heimelige Atmosphäre passt auch die Musik Johannes Mayers, der es sich bereits auf der Wohnzimmerbühne gemütlich gemacht hat. Zur musikalischen Unterstützung steht ihm an diesem Abend die schwedische Musikerin Ylva Cedar mit Harmonium, Gitarre, Glockenspiel und ihrer Stimme zur Seite.
Dass es dem Singer/Songwriter gelingt, mit der ehemaligen Wahl- und Studienheimat im Herzen die Welt zu umarmen, zeigen seine Ansagen. Mayer unterhält das Publikum mit seinen Kurzanekdoten über den Weihnachtsmarkt und seine Neuentdeckungen innerhalb der Stadt: Bauliche Veränderungen, die für den Musiker kurzbesuchsbedingt in Zeitraffa abzulaufen scheinen. Für Lacher sorgen die Ausführungen über die neuen Ryan-Air-Kalender mit leicht bekleideten Mitarbeiterinnen auf dem Cover. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er eben etwas erzählen. Bei den Anwesenden entwickelt sich ein Gefühl der Gemeinschaft, Mitmusikerin Ylva Cedar dagegen quittiert die Ausführungen Mayers aufgrund der Sprachbarriere mit einem charmanten Lächeln.
The Late Call präsentiert sein Debütalbum Leaving Notes in voller Länge. Sanft legen sich Akustiksongs wie Cards On The Table, No Smiles oder For The First Time um die Schultern der Anwesenden. Eine Umarmung der musikalischen Art, in die man sich einkuscheln kann, wie in eine wärmende Decke. Nichtsdestotrotz spürt man an einigen Stellen eine leichte Gänsehaut die Arme hinauf kriechen, wenn die Stimme von Mayer auf die von Cedar trifft und man für einen Moment in der ruhigen Schönheit der Songs abtaucht. Einige neue Tracks liefern zwischenzeitig viel versprechende Ausblicke darauf, was man demnächst von The Late Call erwarten darf.
Nach einer guten Stunde Spielzeit verabschiedet sich Johannes Mayer von den Anwesenden. Man macht sich auf den Heimweg über vereistes Trottoir, die Fingerabdrücke der musikalischen Umarmung von The Late Call noch auf den Schultern. Bittersüße Klänge über Liebe, Distanz und die großen Gefühle dazwischen, die an diesem Abend mehr wärmen, als eine Kombination aus Schal, Mütze und heißem Grog.
Live-Review: Katja Embacher
Myspace: www.myspace.com/thelatecall
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Foto: Pressefoto |
Weihnachten naht mit großen Schritten. Lichterketten zieren Münsters Innenstadt, in der sich das Odeur von gebrannten Mandeln und Glühwein ausbreitet seit der Weihnachtsmarkt seine Pforten geöffnet hat. Weniger besinnliche als trinkfreudige Massen bevölkern lulumbabeseelt den Vorplatz der Lambertiikirche. Einige hundert Meter Luftlinie entfernt strömen Massen der anderen Art in die Effata! Jugendkirche. Objekte der Begierde sind hier nicht Reibekuchen mit Apfelmus und kräftiger Grog, sondern William Fitzsimmons nebst Band, der heute zu einem Konzert in der Domstadt einlädt. Organisator der Festivität ist das Gleis 22, das im Rahmen einer neuen Veranstaltungsreihe die heimische Clubörtlichkeit gegen eine Kirche eintauscht.
Ein leichtes Schmunzeln macht sich breit als man sich in der Schlange vor der Kirche einreiht, die wohl selbst an Heilig Abend im erzkatholischen Münster nicht einen solchen Ansturm erlebt. Endlich im Innern angekommen zeigt sich, dass sich die Wahl der Location mehr als bezahlt macht: Zwar ist die Bestuhlung, die größtenteils aus Holzbänken besteht, ein wenig unbequem, die beeindruckende Beleuchtung des Kirchenschiffs, das in einer Kombination aus sanften Grün- und Violetttönen erstrahlt, erweist sich allerdings als wahrer Eyecatcher.
Opener des Abends ist Kate York, die allein mit ihrer Akustikgitarre die die rund 600 Anwesenden auf das Programm des Abends einstimmt. Und es funktioniert: Das Publikum ist mucksmäuschenstill. Ein leichter Schauer läuft über den Rücken, als sich die Songs bis unter die hohe gotische Decke des Kirchenschiffs emporschwingen und dort wie sanfte Tautropfen abzuperlen scheinen. Fast macht sich eine leichte Besinnlichkeit breit, die weniger mit Glauben als mit purer Schönheit zu tun hat.
Die heimelige Atmosphäre bleibt auch bestehen, als William Fitzimmons nach einer kurzen Umbaupause mit einer Akustikgitarre bewaffnet die Bühne betritt. Nach einem Tripplet im Alleingang gesellt sich der Rest der Live-Band zur musikalischen Unterstützung des bärtigen Barden hinzu. Das Set fokussiert sich überwiegend auf Tracks des neuen Albums The Sparrow And The Crow, auf dem sich Fitzsimmons ausführlich mit der Scheidung von seiner Ex-Frau beschäftigt. So traurig Songs wie Even Now, If You Would Come Back Home oder das an diesem Abend im Duett mit Kate York vorgetragene After Afterall auch sein mögen, so sympathisch und aufgeweckt präsentiert sich der Singer/Songwriter auf der Bühne. Anstatt in stummen Selbstmitleid zu versinken erheitert Fitzsimmons die Anwesenden mit seinen Ansagen zwischen den Songs und präsentiert stolz seinen langsam wachsenden Wortschatz deutscher Vokabeln. Bei You Still Hurt Me wird das Publikum gebeten, sich während des Refrains zu beteiligen. Ja, wir sind schließlich in einer Kirche, es darf also gesungen werden auf den Bänken. Und die Anhängerschaft des Mannes mit dem laut eigener Aussagen "besten Bart des Universums" ist natürlich dabei. Auch, wenn sich einige als nicht so wirklich textsicher erweisen, so zählt doch der gute Wille an dieser Stelle und das schelmische Grinsen von William Fitzsimmons rechtfertigt den Einsatz allemal. Neben neuen Songs hat der Sänger auch Klassiker sowie zwei Cover im Gepäck: Heartless, das in seiner Interpretation gar deutlich besser gefällt, als das Original von Kanye West und Naked As We Came von Iron & Wine. Den Abschluss des Sets bildet Find My Way Home, bei dem Fitzsimmons und Band mit ihren Akustikinstrumenten sich im Gang zwischen den Bankreihen platzieren und den Anwesenden einen hautnahen Ausklang des Abends bescheren. Fast möchte man aufseufzen, diesen Mann mit seinem Bart und dem Karo-Flanellhemd umarmen und ihm danken, heute Teil des Erlebten sein zu dürfen. Bei 600 Menschen dürfte ein derartiger Akt allerdings nicht nur beängstigend wirken, sondern auch viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Dankbarkeit beschränkt sich auf Standing Ovations und ein Meer aus Applaus, das von den Wänden des Kirchenschiffs widerhallt. So kommt es, dass sich William Fitzimmons noch für zwei weitere Zugaben auf der Bühne einfindet und das Publikum mit Covered In Snow und You Broke My Heart endgültig verabschiedet hinaus in die vorweihnachtliche Nacht. Wer mag, könne sich anschließend noch am Merch-Stand einfinden und dürfe gern auch einmal an seinen Bart fassen - solange nicht daran gezogen wird.
Diejenigen, denen es nicht nach Bartgruschelei drängt, treten langsam den Heimweg an. Zufrieden, glücklich und mit den Eindrücken des Abends im Gepäck, die sich langsam ihren Weg durch den Kopf in das Herz bahnen. Um es an dieser Stelle mit den Worten Richard Dehmels auszudrücken: "...plötzlich stehst du überwältigt." Bow down to the power of the best beard in the universe!
Live-Review: Katja Embacher
Website: www.williamfitzsimmons.com Myspace: www.myspace.com/williamfitzsimmons
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Foto: Eden Batki |
Van Pierszalowski, Frontmann der Band Port O'Brien, ist ein ganz harter Kerl, der die Sommer auf einem Fischerboot im Eismeer verbringt und den Rest des Jahres in seinen todtraurigen Songs die Einsamkeit und das harte Leben auf See verarbeitet. Das dachte man bisher, doch weit gefehlt: Port O'Brien und allen voran Sänger Van Pierszalowski sind zu kalifornischen Sonnyboys mutiert! Ihr musikalisches Talent hat jedenfalls nicht unter der selbst verordneten Sonnenkur gelitten, wie sie beim Gastspiel in München unter Beweis stellten.
Der Abend hatte nicht nur Port O'Brien zu bieten, gleich zwei Vorbands durften um die Gunst des Publikums buhlen. Den Anfang machten die Mexican Elvis, die zu späterer Stunde von der Hauptband des Abends ausdrücklich (und absolut zu Recht) für ihrem Namen gelobt wurden. Die Münchner konnten beim Heimspiel aber nicht nur mit ihrem Bandnamen überzeugen, auch der gefühlvolle und durchaus ansprechende Gitarrenpop konnte überzeugen und passte außerdem hervorragend zur Stimmung des Abends. Von anfänglichen technischen Schwierigkeiten ließen sie sich nicht aus dem Konzept bringen und spielten ein hervorragendes und erfreulich sympathisches Set.
Anschließend betraten die beiden kleinen Mädchen, die zuvor noch auf einer Bank neben der Bühne Platz genommen hatten und dabei so verdammt unscheinbar (und jung) gewirkt hatten, die Bühne, und gaben sich als First Aid Kit zu erkennen. Wow, selbst wer vorher bereits das ein- oder andere Foto der beiden Schwedinnen gesehen hatte, rieb sich verwundert die Augen angesichts der kindlichen Gesichter, die nun auf der Bühne standen. Bei dem, was die Schwestern musikalisch darboten, konnte man nur mit offenem Mund dastehen und staunen. Diese Stimmen! Ruhig, beinahe flüsternd, und trotzdem so kraftvoll und lebendig. Ein wundervolles Konzert, das schließlich von dem Fleet Foxes Cover Tiger Mountain Peasant Song gekrönt wurde, das die Schwedinnen komplett akustisch und inmitten des Publikums stehend zum ultimativen Gemeinschafts-Gänsehaut Erlebnis machten.
Danach tat die Umbaupause gut, um sich nach diesem Geniestreich überhaupt wieder auf die Hauptakteure des Abends konzentrieren zu können. Schließlich betraten Port O'Brien die Bühne, allerdings wie bereits zu erwarten war ohne Cambria Goodwin, die dem ein- oder anderen Song mit ihrer unverkennbaren Stimme erst zu einem Meisterwerk gemacht hatte. Gleich bei der Begrüßung räumte Sänger Van Pierszalowski mit all der Seefahrer-Romantik auf, die in vielen Songs der Band bisher thematisiert worden war. "Hi, we're Port O'Brien from sunny California", begrüßte er das Publikum und machte gleich unmissverständlich klar, dass sie nicht gekommen waren, um schwermütige Musik zu präsentieren, sondern um eine Party zu feiern.
Auch wenn Cambria Goodwin vielen Songs erst die Seele eingehaucht hatte, an diesem Abend wollte sie niemand so wirklich vermissen. Die Gesangsparts übernahm Frontmann Van Pierszalowski, der mit seiner mindestens ebenso markanten Stimme ein paar Songs ganz neu interpretierte. Goodwin's Fernbleiben wurde kurz angerissen und damit begründet, dass sie ihrer Familie beistehen müsse. Klar, man hatte von dem Schicksalsschlag gehört. Ihr Bruder war zu Beginn des Jahres ums Leben gekommen. Angesichts der Feierstimmung, die auf der Bühne herrschte, konnte ihr niemand verdenken, dass sie die Tour wohl lieber nicht bis zum Ende begleiten wollte. Schließlich widmeten die übrigen Bandmitglieder ihr den Song Tree Bones, einer von zahlreichen Songs des neuen Albums, die der Setlist angehörten. Egal, ob altes oder neues Album, bei einem Großteil der Songs standen deren trauriger Inhalt und die Melancholie, die auf Platte noch überall zu hören war, in krassem Gegensatz zu der Partystimmung, in der die Stücke an diesem Abend vorgetragen wurden. Egal, ob My Will Is Good, Fisherman's Song oder auch Calm Me Down, der Funke sprang auf das Publikum über, die Stimmung war bestens.
Der Abend verging wie im Flug, immer wieder scherzte die Band mit dem Publikum, sogar ein Geburtstagsständchen für den Tourmanager wurde zum Besten gegeben. Den krönenden Abschluss bildete, wie sollte es anders sein, I Woke Up Today, das von der ganzen Halle in einer herrlichen Mitgröhl-Version zelebriert wurde. Wer gehofft hatte, mit ein paar Gleichgesinnten einen depressiven Wintertag abzuschließen und dabei vielleicht die ein- oder andere Träne verdrücken wollte, wurde enttäuscht, was aber ja auch wieder irgendwie passt. Alle anderen wurden prächtig unterhalten.
Live-Review: Andreas Kussinger
Website: www.portobrien.com Myspace: www.myspace.com/portobrien
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Foto: Jenny Schnabel |
Eine musikalische Liebesromanze der etwas anderen Art steht an diesem grauen Novembertag auf dem Konzertprogramm des Amps: Knut und die herbe Frau bitten zum Besuch. Zunächst sollte man sämtliche Assoziationen mit dem Bandnamen beiseite wischen - es geht hier weder um Eisbären, noch um spröde Schönheiten. Oder vielleicht doch? Zumindest, wenn man Benedikt Filleböck von Wolke als eine solche bezeichnen will. Immerhin ist er die "Frau" an der Seite Knut Stenerts - seines Zeichens Sänger und Gitarrist des Münsteraner Deutschpop-Urgesteins Samba. Nachdem Knut und die herbe Frau im Mai ihren ersten selbstbetitelten Longplayer auf den Markt gebracht haben, sind die beiden Herren nebst Schlagzeuger unterwegs, um ihre leicht elektronisierten Indiepop-Songs über die Liebe und das Leben live an den Mann und die Frau zu bringen. Münster als Tourauftakt zu wählen ist sicherlich vorteilhaft. Zumindest, wenn man wie Knut Stenert über 30 Jahre in dieser Ortschaft verbracht hat. Trotz der heimischen Wurzeln bleibt das Publikum an diesem Abend recht überschaubar. Diejenigen, die allerdings anwesend sind, sind es mit Herz und Seele. So erntet Stenert auf seine Frage, wie lange die nach dem Konzert beginnende Elektrodisko geöffnet sei nur ein Schulterzucken und die Erwiderung: "Keine Ahnung. Wir sind nur wegen dir hier!" So schmeichelhaft die Antwort ist, so unbefriedigend erweist sie sich für den Mann an der Seite der herben Frau. Schließlich will er nach dem Konzert noch ein wenig feiern, steckt allerdings laut eigener Aussage in der Bredouille, seinen Vater beim Heimkommen aus dem Bett klingeln zu müssen, damit ihm dieser Einlass zur heutigen Schlafstätte gewährt. Dem Publikum entlockt die Ansage ein Grinsen und schafft damit die Basis für eine Sympathie, die während des gesamten Konzerts bestehen bleibt. Man ist auf einer Wellenlänge - auch, wenn die Interaktion zwischen Band und Zuschauern eher zurückhaltend ist. Warum sollte man sich auch in Endlosansagen und unnötigem Gerede verlieren, wenn man sich auf Musik konzentrieren kann?
Mit Songs wie Keine Tränen für die Opfer, Wort, Loren, Gewonnen, Blutiger Sonntag oder Vom Glück zur Wüste geleiten Stenert und seine Mannen das Publikum behände durch ihr Debütalbum. Obwohl die Elektronik eher eine untergeordnete Rolle spielt, funktionieren die Songs live mindestens genauso gut wie aus der Konserve. Eine Ähnlichkeit zum Samba-Sound lässt sich zwar nicht verleugnen, dennoch überzeugen Knut und die herbe Frau durch musikalische Eigenständigkeit und Charme. Mit einer Mischung aus tanzbaren Melodien und altbewährten stenertschen Texten regt das Trio die Anwesenden zum Mitwippen und anerkennendem Nicken an.
Nach einer guten Stunde verabschieden sich Knut und die herbe Frau mit zwei Zugaben und dem Zusatz, Münster sei bisher das beste Publikum gewesen. Augenzwinkernd wird hinzugefügt, dass es sich hierbei allerdings auch um den ersten Gig der Tour gehandelt habe. Unter lächelndem Applaus entlassen die Anwesenden das Trio hinaus in die elektronische Diskonacht. Fazit des Abends: Herbe Frauen mit Dreitagebart können überaus sympathisch sein. Wieder was gelernt!
Live-Review: Katja Embacher
Website: www.knutunddieherbefrau.de Myspace: www.myspace.com/knutunddieherbefrau
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Foto: Jenny Schnabel |
Das Münsteraner Amp lockt mit charmanten Tönen aus Dänemark. The Elephants haben in diesem Jahr ihr zweites Album Take It! veröffentlicht und legen im Rahmen der dazugehörigen Tour einen Zwischenstopp in der Domstadt ein. Ein Leckerbissen für alle Liebhaber der hiesigen Indie-Pop-Gemeinde. Wohin es eben diese am heutigen Abend allerdings verschlagen hat, ist unklar. So sind es um die zwanzig Besucher, die sich im lauschigen Fiebertanz-Club tummeln, um The Elephants ein Ohr zu leihen.
Aus der Not wird kurzerhand eine Tugend gemacht: Tatkräftig rückt man die umherstehenden Sofas vor die Bühne, so dass das Publikum den Gig sitzend genießen kann. Wie klein und exklusiv der Rahmen des Konzerts ist, wird den Anwesenden spätestens in dem Moment bewusst, als The Elephants vor dem Auftritt jedem einzelnen Konzertbesucher die Hand reichen und mit lächelndem "Hallo" begrüßen.
Das Set ist bunt gemischt. Ein hübsches Sammelsurium der beiden Longplayer des Quintetts: The Organ Grinder, Seagull, Take It, What Happened?, Nothing But Clues, Eva oder 5 Minutes - just to name a few. Vorgetragen werden die Songs an diesem Abend allerdings ohne Mads Ringblom, der die Bühne leider gegen ein Krankenbett eintauschen musste. Aber die Tracks funktionieren auch so. Zwar sind The Elephants ein wenig leiser unterwegs, dies passt jedoch wunderbar zum kleinen Rahmen des Konzerts. Diejenigen, die es ins Amp geschafft haben, erleben ein charmantes Konzert einer wunderbaren Band, deren Herzblut an diesem Abend durch jeden einzelnen Akkord dringt. Von einer gewissen Unterkühltheit, die Skandinaviern oft nachgesagt wird, ist bei The Elephants nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Dänen versuchen alles, um es den Anwesenden so angenehm wie möglich zu machen. Sänger Bjarke Bendtsen plaudert aus dem Nähkästchen und kommt dabei von Seemöwen über den Golfstrom bis hin zu Nackedei-Demonstrationen gegen die Klimaerwärmung. Das Publikum lauscht, es lächelt brav - kommentiert werden die Anekdoten jedoch nicht. Münster genießt und schweigt - leider auch, als Bendtsen direkte Fragen an die Anwesenden stellt. Anstelle von Antworten reagiert das Publikum mit unruhigem Hin- und Hergerutsche in den Couchen und auf die Schuhe gerichteten Blicken. Es scheint fast, als wäre die heimelige Atmosphäre für die ansonsten eher distanzierten Westfalen einfach zu intim. Vielleicht ist Münster noch nicht bereit für Wohnzimmer-Sitzkonzerte. Immerhin: Als The Elephants auf Bitten und Klatschen der Anwesenden ihre zweite Zugabe anstimmen, zieht es doch einige vor die Bühne, um zu tanzen.
Nach einer guten Stunde verlässt man den Club mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite mit der Freude über ein durch und durch überzeugendes Konzert, auf der anderen Seite mit einer leichten Beschämung, das nur so wenige erschienen sind, um sich diese wunderbare und äußerst sympathische Band anzuschauen, die an diesem Abend ein volles Haus mehr als verdient gehabt hätte.
Live-Review: Katja Embacher
Foto-Galerie
Website: www.elephants.dk Myspace: www.myspace.com/theelephantsdk
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Foto: Pressefoto |
Vor einigen Tagen waren die White Lies in München zu Gast, um ein Konzert im Backstage zu spielen. Bedauerlicherweise musste dieses nach ganzen vier Songs abgebrochen werden, die Stimme von Frontmann Harry McVeigh wollte einfach nicht länger mitmachen. Halb so wild, schließlich bleiben die Karten gültig und das Konzert wird im kommenden Frühjahr nachgeholt. Warum eigentlich? Miike Snow waren vor kurzem zu Gast im Atomic Café und hatten nie vor, mehr als sieben Songs zu spielen. Schade, denn das kurze Set weckte eigentlich Lust auf mehr.
Die Bühne im Atomic Café gibt schon ohne Musiker ein sehr beeindruckendes Bild ab. Nahezu jeder Quadratzentimeter ist mit Synthesizern zugestellt. Verständlich, dass Christian Carlsson, Pontus Winnberg und Andrew Wyatt sich für ihre Live-Auftritte Verstärkung ins Boot geholt haben, wer sollte sonst die ganzen Instrumente bedienen? Zu sechst Betreten sie schließlich die kleine Bühne, allesamt mit weißen Masken vorm Gesicht, die erst nach dem ersten Song abgelegt werden. Black & Blue, so heißt das erste Stück des Sets, macht auch gleich klar, warum Miike Snow so große Geschütze aufgefahren haben. Der Live-Auftritt ist nicht als 1:1 Wiedergabe der CD gedacht, vielmehr handelt es sich um recht experimentelle Live-Versionen der bekannten Ohrwürmer. Mehrere Synthesizer, Schlagzeug, Gitarre und diverse andere technische Spielereien erzeugen ein recht beeindruckendes Hörerlebnis. Auch vor den Hits Animal und Burial machen sie dabei nicht halt und verwandeln diese in überlange Remixe, die mit dem Original nicht mehr viel zu tun haben. Miike Snow wissen, wie man perfekte Pop-Songs produziert, und sie wissen auch, wie man diese Live noch interessanter macht.
Nach insgesamt sieben Songs, darunter noch ein sehr gelungenes Cover von Air's Kelly Watch The Stars, verlassen die sechs Herren die Bühne und lassen ihr Publikum ziemlich ratlos zurück. Nachdem zunächst noch kurz Hoffnung aufkeimt, dass Miike Snow für eine Zugabe zurückkehren, wird diese durch das einsetzen des DJs erstickt. Knapp 40 Minuten, das ist schon arg wenig. Besonders ärgerlich ist, dass mit Cult Logic der beste Song des Albums nicht zum Live-Set gehörte.
An der Stimme von Sänger Andrew Wyatt lang es sicher nicht, dieser zeigte sich, wie seine Bandkollegen, in Bestform. Es muss ja nicht immer eine drei Stunden Show sein, wie man sie etwa von Black Rebel Motorcycle Club erwarten kann, aber ein bisschen mehr darf es schon sein. Sehr bedauerlich, dass man so trotz eines guten Konzerts etwas enttäuscht nach Hause gehen musste.
Live-Review: Andreas Kussinger
Website: www.miikesnow.de Myspace: www.myspace.com/miikesnow
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Phoenix ist die Band des Sommers und vielleicht sogar die Band der Stunde. Unglaublich, was sie mit Wolfgang Amadeus Phoenix, (gefühlt coolster Albumtitel seit Jahren), für eine fantastische Platte vorgelegt haben, die einschlug wie eine Bombe und uns auditiv mit den fehlenden Sonnenstrahlen versorgte. Kurzum: Phoenix war der Gute-Laune-Garant des Sommers! Und für unglaublich gute Laune sorgten die sympathischen Franzosen auch im ausverkauften Ringlokschuppen.
Lisztomania ist der erste Song und Bielefeld feiert frenetisch. Einen besseren Opener kann man nicht hinlegen und was besonders begeistert ist der klare Gitarrensound von Christian Mazzalai und Laurent Brancowitz, die mit ihrem sehr tighten und definierten Gitarrenspiel die Menge zum Dauertanz entführen. Gefolgt von Long Distance Call und Lasso fragt man sich, wie Phoenix den Abend jetzt noch toppen wollen, nachdem sie ihre besten Songs gleich zu Beginn gespielt haben und Thomas Mars sein erstes Groupie-Bad in der ersten Reihe genommen hat. "Wollen Sie mehr hören?" fragt er. Die Antwort sind hunderte Arme, die gleichzeitig in die Luft gehen. Gänsehaut. Ob dies noch zu toppen ist? Ja! Denn nach einem einschmiegsamen Fences und dem umjubelten Girlfriend sind nicht nur die vielen jungen Mädels mit den viel zu großen hippen Brillen, sondern auch die Jungs total aus dem Häuschen. Phoenix spielen bis auf Count Down ihr komplettes neues von Fans und Kritikern gefeiertes Album und ein weiterer Höhepunkt neben „Lasso“ ist das zweiteilige Love Like A Sunset. Für den elektrisierenden Zweiteiler wird das Licht gedämmt. Basser Deck D'Arcy greift zu den Tasten und plötzlich werden im Takt zu den elektronischen Beats Lichteffekte auf die Verstärker und die Bühnenwand projiziert, die eine besonders anziehende Atmosphäre erzeugen. Love Like A Sunset wird stark improvisiert und hier merkt man, wie gut Phoenix ihre Instrumente beherrschen und dass sie es verstanden haben, wie man geschickt Elektro und Indiedisco mit dem nötigen Popverstand versorgt. Dieser Song steigert sich von Takt zu Takt bis er nach circa zehn Minuten in der absoluten Spiel-Euphorie kulminiert. Wahnsinn. Aber innovativ waren Phoenix schon immer. Too Young und Consolation Prizes sind zwei weitere Höhepunkte bevor Phoenix die Bühne nach Rome verlassen und von einer kreischenden Menge zurückgeschrieen werden.
Für die Zugabe kommt Christan Mazzalai zunächst allein auf die Bühne, um in einem schön verspielten Intro Everything Is Everything anzustimmen. Immer wieder fordert Thomas Mars die Menge zu Hand-Choreographien auf. Und spätestens bei der letzten Zugabe 1901 sind alle Hände in der Luft und die Lichteffekte tanzen mit der Menge. Jetzt steht für mich fest: Phoenix IST die Band des Jahres 2009! Doch damit nicht genug! 1901 mutiert heute zum echten Livekracher, denn der Song stoppt gegen Ende abrupt, um in einem fulminanten Finale zu münden, für das Thomas Mars noch mehr Kontakt zum Publikum sucht und spontan in die Menge springt. Samt Kabelgedöns und Mikro kämpft er sich seinen Weg zur Theke frei, bis er plötzlich genau vor mir steht, mich kurz anschaut, um sich dann spontan auf den Tresen helfen zu lassen, um von dort noch einmal den Song von Vorne anzustimmen, bevor er ein weiteres Bad in der zufriedenen Menge nimmt. Und allerspätestens jetzt ist klar, dies ist nicht nur die musikalischste, sondern auch die sympathischste Band des Jahres 2009!
Setlist: 01. Lisztomania 02. Long Distance Call 03. Lasso 04. Run Run Run 05. Fences 06. Girlfriend 07. Armistice 08. Love Like A Sunset 09. Rally 10. Too Young 11. Consolation Prizes 12. Rome
13. Everything Is Everything 14. Napoleon Says 15. If I Ever Feel Better 16. 1901
Live-Review: Marc Philipp Meyer
Website: www.wearephoenix.com Myspace: www.myspace.com/wearephoenix
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Foto: Jenny Schnabel |
Es ist Halloween, die Nacht, in der die Geister umherirren, bevor der Fährmann ihre Seelen einsammelt, um sie endgültig in die Welt jenseits des großen Flusses der Zeit zu geleiten. Es ist kalt, nasses Laub unter den Füßen kommentiert jeden Schritt in Richtung des Gebäude 9 mit einem fauligen Schmatzen. Der perfekte Rahmen für ein Konzert von The Big Pink - der noisy Shoegaze-Entdeckung des Jahres!
Geisterhaft ist auch der erste Eindruck, den man an diesem Abend hat, als The Big Pink nebst Live-Bassist Leopold Ross und Drummerin Akiko Matsuura in einem flackernden Stroboskop-Inferno die Bühne betreten. Die Zelebration des keltischen Winteranfangs lassen sich die Briten trotz Tourlebens nicht nehmen: Schwarz-weiße Schminke ziert die Gesichter, rote Rosen prangen an den Shirts. Flores para los muertos. Ein Hauch von 80s-Punk umweht das Outfit von Sänger Robbie Furze, der mit einem ärmellosen T-Shirt, schweren Boots und gemäßigtem Locken-Iro die Bühne entert und sich sogleich an seiner Gitarre zu schaffen macht. In dem neun Stücke umfassenden Set bleibt keine Zeit für große Gesten.
Mit punktgenauer Präzision greifen die Akkorde und Basslines ineinander. Jeder Ton, jeder Vocalpart sitzt wie eine Eins. Die musikalische Erfahrung des Duos Furze/Cordell merkt man hier mehr als deutlich. Der Ex-Gitarrist Alec Empires Robbie Furze und sein Hate Channel-Kompagnon und Chef des Merok Labels Milo Cordell gehören zweifelsohne zu den alten Hasen des Business. Auch das Publikum bewegt sich vom Altersdurchschnitt eher an und über der magischen 30er Grenze. Menschen, denen Adorable noch ein Begriff ist und die beim Namen My Bloody Valentine nicht von dem unseligen Remake eines Films sprechen. Solide Freunde des Independent ohne Pseudo-Schick und Fönfrisur, deren musikalische Sozialisation in den späten 80ern und frühen 90ern begann. The Big Pink greifen eben diese Einflüsse auf und machen der Tradition des Shoegaze an diesem Abend alle Ehre. Interaktionen mit dem Publikum sind nebensächlich. Die Anwesenden werden erst nach dem fünften Tracks des Abends kurz und knapp begrüßt. Man konzentriert sich auf das Wesentliche: Die Musik. The Big Pink brauchen keine großen Worte, um zu überzeugen. Allerdings lässt sich Robbie Furze zwischenzeitlich durchaus zu körperlichen Anstrengungen hinreißen, wenn er druckvoll in die Saiten seiner Gitarre holzt und dabei im Takt mit dem Fuß aufstampft. Energetik, die Spuren hinterlässt. Jene Schweißperlen, die der drahtige Londoner nicht aus seinen dunklen Locken heraus in kleinen Tropfen ins flackernde Licht schleudert, ziehen kleine schwarze Linien in das weiße Make-Up und lassen die Schnittstellen von Weiß und Schwarz zu einem weichen Grau verschwimmen.
Als die ersten Klänge von Velvet angestimmt werden, fühlen sich einige jüngere Damen aus dem Publikum geneigt, nach vorn zu treten, um den geringen Platz vor der Bühne als Tanzfläche zu nutzen. Die restlichen roundabout 120 Anwesenden verharren in stummen Nicken und Wippen. Ein Blick in die Runde zeigt beeindruckte Gesichter, die die Atmosphäre des Abends in sich aufzusaugen scheinen. Ebenso wie den Nebel, der sich immer wieder seinen Weg über die Bühne und ihren Rand hinaus in den dunklen Saal bahnt. Ein surreales Szenario aus wabernden Schwaden, und grellgelben Spotlights. Mittendrin die schemenhaften Umrisse der Hauptakteure, die ihren Soundmix aus ausgedehnten Gitarrensoli und dunklen Synthieklängen mit Tracks wie Crystal Visions, Frisk oder Count Backwards From Ten regelrecht durch den Raum zu pressen scheinen.
Nach einer Dreiviertelstunde ist der Spuk vorbei. The Big Pink entlassen die Anwesenden mit der Hit-Single Dominos hinaus in die nasskalte Nacht. Noch knappe zwei Stunden bis zur Geisterstunde. Zeit genug, um mit dem Snack-Automaten am Deutzer Bahnhof "Trick or Treat" zu spielen. Zeit genug, um im Zug noch zwei Mal A Brief History Of Love zu hören. Zeit genug, um sich noch einmal retrospektiv in der Atmosphäre des Abends zu verlieren. Wortlos, sprachlos und immer noch beeindruckt von dieser großartigen Live-Band.
Live-Review: Katja Embacher
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Website: www.musicfromthebigpink.com Myspace: www.myspace.com/musicfromthebigpink
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Was für eine Freude, Heather Nova live zu sehen. Gern hätte ich ihr beim Interview einen Heiratsantrag gemacht, aber dies musste ausbleiben. Dennoch ist dieser Konzertabend Balsam für die Seele.
Heather Novas Stimme klingt wie auf all den wundervollen Platten und man bekommt Gänsehaut, wenn die zarte Persönlichkeit leicht bekleidet und mit großer Gitarre die Bühne betritt und ihre kraftvolle und einfühlsame Stimme auspackt. Dies ist ein besonderer Konzertabend und dafür sorgte nicht nur die harmonische Sitzatmosphäre, die Auflage der neuen Heather Nova Tour ist. Einen überzeugenden Eindruck hinterließ auch der amerikanische Songwriter Benjamin Taylor, der als Support mit einer fantastischen Stimme und höchst empathischen und witzigen Songs das Publikum schnell in seinen Bann ziehen konnte. Dafür gab es anschließend Gedränge beim Merch-Stand, da Benjamin seine beeindruckende CD The Legend Of Kung Folk zum selbstbestimmbaren Preis verkaufte. Das ist mutig und beweist, dass er von sich auch überzeugt sein darf.
Zurück zu Hawaiianerin Heather Nova. Ihr Set ist heute zwar instrumental sehr minimalistisch gehalten, dafür aber mit über zwei Stunden angenehm lang. Begleitet wird sie heute lediglich von Arnulf Lindner, der ihre Songs geschickt am Kontrabass, Cello, Klavier, der Steel Guitar und der E-Gitarre begleitet. Und jetzt kommt's: Das sogar gleichzeitig. Dank moderner Technik und einer Loop Station. Bei dem wunderbaren Stück Talk To Me klopft er erst den Rhythmus auf dem Korpus seines Kontrabasses, bevor er neben dem Bass auch die Gitarrenstimme einspielt und die kleinen Sequenzen über mehrere Loops abfeuert, bevor er sich ans Klavier setzt, um Heather zu begleiten. Das ist Minimalismus par Excellenze! Besonders, da es nicht einfach ist, mit einer Loop Station umzugehen. Talk To Me ist sicher einer der Höhepunkte des Abends. Heather Novas Stimme umarmt diesen Song und die ersten Menschen liegen sich bei so viel Anmut und Harmonie in den Armen. "Heather, you are amazing" ruft da einer aus dem Publikum und ich muss meinem Mitbewerber Recht geben. Natürlich, keine Frage! Bei Papercup kommt der Bielefelder Mario mit seinem Didgeridoo auf die Bühne. Mario hatte sich bei dem Wettbewerb auf You Tube durchgesetzt, bei dem man sich für einen Gastauftritt mit Heather Nova bewerben konnte. Was für ein Glück und warum hab ich den verpennt!? Nicht abschweifen...Mario macht das super und sein Spiel fügt sich wunderbar in den Song. Außerdem ist dies eine sehr lobenswerte Idee, die mehrere Künstler machen sollten. Denn Marios Auftritt lockert die Stimmung im Publikum weiter auf. "Der nächste Song Drink It In vom South-Album handelt von der Kraft des Ozeans", sagt Heather Nova, die viel mit dem Meer verbindet. Und wenn man ihr beim Spielen zuhört, kann man die Unendlichkeit des Meeres fühlen. Denn eins schafft die attraktive Amerikanerin besser als andere: Sie gibt ihrem Publikum mit ihren Songs, das Gefühl frei zu sein. Maybe Tomorrow The Sun Will Shine heißt es im nächsten Song Maybe Tomorrow von ihrem aktuellen Album The Jasmine Flower und wer heute noch Stress gehabt haben sollte, der sieht das jetzt sicher anders.
Heather Nova hat einfach eine unbeschreiblich positive und harmonische Melancholie in ihren Songs, die besonders heute während ihrer akustisch-minimalistischen Aufführung zur Geltung kommt. Bei der letzen Zugabe, dem Anti-Kriegs-Song Every Soldier Is A Mother's Son bin ich nicht der Einzige mit Tränen in den Augen. Und das zum einen wegen des wunderbaren Stückes und zum anderen auch deshalb, da dieses wunderbare Konzert vorbei ist und Heather Nova zu meiner einzigen Enttäuschung versäumt hat Like Lovers Do zu spielen. Aber man kann nicht alles haben! Und trotz des einen nicht gespielten Hits bleibt nur ein Fazit: Super war's.
Live-Review: Marc Philipp Meyer
Website: www.heathernova.com Myspace: www.myspace.com/heathernova
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Konzerte laufen für gewöhnlich nach einem über Jahrzehnte bewährten, recht konservativen Muster ab. Die Band kommt auf die Bühne, spielt ein, zwei Hits, um das Publikum auf Touren zu bringen, bietet in der Folge einen fein aufeinander abgestimmten Mix aus Balladen und tanzbaren Nummern, verabschiedet sich schließlich vom Publikum, um kurze Zeit später noch den ein- oder anderen Hit als Zugabe zum Besten zu geben. Bei Health ist dieses Konzept von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Das Hit-Potential hält sich bei einer Noise-Rock Band naturgemäß in Grenzen, tanzen kann man zu den bewusst unmelodischen Songs nicht wirklich und Balladen sucht man ohnehin vergebens. Was konnte Health dem Münchner Publikum also bieten? Einen großartigen Abend der etwas anderen und vor allem lauten Art.
Respekt hatten die Münchner offenbar schon vor den blutjungen Amerikanern. Ein bisschen zu viel, denn das Atomic Cafe war leider nicht einmal halb gefüllt. Die vier Jungs aus Los Angeles geben sich davon unbeeindruckt, betreten die Bühne und sind offenbar fest entschlossen, das Atomic Cafe mit einer ohrenbetäubend lauten Gitarren/Synthesizer/Schlagzeug-Wand auseinander zu nehmen. Wer zuvor schon das ein- oder andere Live-Review gelesen hatte, war vielleicht bereits mit Gehörschutz versorgt. Die übrigen Konzertbesucher mussten im Verlauf des Konzertes reihenweise kapitulieren und verschwanden kurz auf die Toilette, um mit Papierhandtüchern nachzuhelfen. Schlagzeuger Benjamin Jared Miller sieht nicht nur aus wie der Drummer einer Hard-Rock Band, sondern geht auch ähnlich zerstörerisch zu Werke. Bassist John Famiglietti und Sänger Jake Duszik springen wie Berserker auf der Bühne herum. Zusammen ergibt das eine sehr imposante Show. Das alles wirkt aber, trotz der brachialen Herangehensweise der Amerikaner, außerordentlich charmant. Das Publikum scheint anfangs etwas überfordert zu sein mit dem, was Health Augen und Ohren zumuten, findet aber nach ein paar Songs schließlich Zugang zu dem Hörerlebnis der anderen Art. Diesem hypnotischen Mix aus ruhigen Passagen, die von der unerwartet sanften Stimme Jake Dusziks getragen werden, und den von verzerrtem Bass und Störgeräuschen dominierten Klangexplosionen muss man sich öffnen und das alles auf sich wirken lassen. Leider ist das Konzert dann, wenn man sich endlich ganz der Musik hingegeben hat, auch schon wieder vorbei.
40 Minuten dauert der Spaß, und man geht's heim mit dem Gefühl, ein sehr kurzes aber dennoch besonderes Konzert gesehen zu haben.
Live-Review: Andreas Kussinger
Website: www.healthnoise.com Myspace: www.myspace.com/healthmusic
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Foto: Pressefoto |
Als Hjaltalín beim diesjährigen Haldern Pop-Auftritt Don't Stop 'Til You Get Enough von Michael Jackson spielten, haben die Meisten (so auch ich) an eine Art Gimmick gedacht. Eine Hommage an einen der größten Künstler aller Zeiten. Dass die Coverversion vielleicht ein Fingerzeig in die Richtung gewesen sein könnte, die die Isländer musikalisch in Zukunft gehen werden, war wirklich nicht zu erahnen. Die fünf bis sechs neuen, bisher unveröffentlichten Songs, atmen einen Funk/Dance-Einschlag, der dem Septett gut zu Gesicht steht. Mal abgesehen davon, dass sich hervorragend dazu tanzen lässt.
Angekündigt hatte ich meinen Begleitern Hjaltalín allerdings als verträumten Indie-Pop mit einer Prise Folk, was nicht völlig falsch, aber an diesem Abend sicherlich nur der halben Wahrheit entspricht. So staune ich nicht schlecht, als Christoph (Hjaltalíns Tourmanager) mir während einer Zigarettenlänge vom neuen Steckenpferd der Band berichtet, zugegeben eine gewisse Skepsis meinerseits war auch mit dabei. Anderthalb Stunden später ist jedwede Skepsis verflogen, während anhaltender Applaus unsere Big Band für eine Zugabe auf die Bühne spült.
Der Bunker Ulmenwall ist eine leicht kuriose Konzertstätte. Das geht schon los, wenn zu Recherchezwecken die Homepage zu Rate gezogen wird und einem dort die Hausnummer 0 begegnet. Nun bin ich zu dem Zeitpunkt noch nicht darauf gekommen, dass es daran liegen könnte, dass Bunker gerne unterirdisch installiert werden. Jetzt ist es wahrscheinlich dem berüchtigten ostwestfälischen Humor geschuldet, wenn ein Bunker die Nummer 0 abbekommt. Unter Tage begegnet einem die Bühne in der Mitte eines wohnzimmergroßen Raumes, sodass sie sich von drei Seiten einsehen lässt, was dem Musiker so ziemlich den letzten Rest Intimsphäre raubt. Damit lässt sich aber leben und als Konzertgänger wird einem eine neue Perspektive geboten.
Jedenfalls stehen im Anschluss sieben dicht gedrängte Musiker auf der Bühne und los geht es mit I Lie, welches Högni Egilsson alleine mit seiner Gitarre absolviert. Seine Stimme ist dabei so herrlich eigen, so ganz weit ab vom Schuss, dass ich an dieser Stelle gerne einen Vergleich schuldig bleiben würde. Ich muss, wenn ich ihn höre, immer an Ronja Räubertochter, Erdmännchen und die schwedische Tundra denken und wie sehr ich mich in dieser überaus warmen Klangfarbe verlieren kann, ist mir geradezu unheimlich. Dem steht Sigga Thorlacius allerdings in nichts nach und wenn es dann auch noch ein Fagott(!), Violine und Klavierklänge dazu gibt, kann eigentlich nicht mehr viel passieren. Jedenfalls war nach fünf Minuten klar, dass Hjaltalín hier und heute einen grandiosen Auftritt hinlegen würden.
Live-Review: Nicolas Beinke
Myspace: www.myspace.com/hjaltalinband
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Foto: Jenny Schnabel |
Patrick Wolf ist ein musikalischer Tausendsassa. Ein schillerndes Phänomen, das an die glamourösen Zeiten eines Bowies der 70er erinnert. Im Rahmen seiner Tour zu seinem aktuellen Longplayer The Bachelor beehrt der wundersame Elektro-Folk-Meister auch das ausverkaufte Gleis 22 in Münster. Bereits beim Betreten des Clubs ist klar, dass dies kein gewöhnliches Konzert wird. Insbesondere die weiblichen Anwesenden haben sich anlässlich des musikalischen Besuchs von Patrick Wolf in Schale geworfen: Pailletten-Kleider und perfektes Make-Up stehen in Kontrast zu Knicklichtern, fluoreszierenden Armreifen und romantisch verflochtenen Haarbändern, die ein wenig an Shakespeares Mittsommernachtstraum erinnern.
Nach einem psychedelischen Ausflug in die schwedischen Dreampopwelten des Openers The Deer Tracks betritt Patrick Wolf um kurz nach zehn die Bühne. Was die Haute Couture betrifft hat sich der Londoner für seinen schwarz-weißen Overall in Union-Jack-Optik entschieden, über dem er ein gestreiftes Sakko mit breitem Federboa-Kragen trägt. Dazu passend ein Federgeschirr im Haar und golden-glitzerndes Make-Up. Großer Respekt gilt an diesem Abend nicht nur dem Maestro selbst, sondern auch seinem Schlagzeuger, der trotz böser Rückenprobleme in der Schießbude platz genommen hat und das Set dank ärztlicher Spritzenkunst solide über die Runden bringt.
Es ist ein Abend der Gegensätze, die in der Instrumentierung beginnen und bei der Bühneninszenierung enden. Patrick Wolf wechselt zwischen Moodswinger und schwarzer Flying V, während sich im Hintergrund der Bühne ein massiver Synthesizerblock erhebt, auf dem stolz ein Laptop thront. Klassische Kammermusik vs. postmoderne Computersteuerung. Extravaganz vs. Dezenz. Denn trotz seines außergewöhnlichen Outfits zeigt sich Patrick Wolf doch die meiste Zeit des Abends über eher zurückhaltend. Zwischenzeitig scheint der Mittzwanziger die ca. 300 Anwesenden beinah gänzlich zu vergessen, wenn er gedankenverloren zwischen Piano und Mikrophonständer hin und her schreitet. Nur selten gibt Patrick Wolf seine Haltung auf, wenn er in kurzen Gefühlsausbrüchen den Mittelfinger in die Höhe reckt oder nach einem Saitenriss seine Geige in die Ecke katapultiert. Dies sind die emotionalen Momente einer perfekten Inszenierung, die der eines Maxwell Demon aus Velvet Goldmine gleicht.
Fokussiert auf die Musik stürzt der androgyne Brite bei Damaris in sich zusammen, um Sekunden später wie ein Phönix empor zu schnellen und ein zwischen Bitterkeit und Erkenntnis schwankendes "I loved you" ins Mikrophon zu hauchen.
Bei Tristan gerät auch das Publikum in Bewegung. Wellenartig branden die Anwesenden gegen den schienbeinhohen Vorbau der Bühne und verleiten Patrick Wolf dazu, den Mikrophonständer einen halben Meter weiter nach hinten zu ziehen. Bei The Battle erreicht die energetische Eigendynamik ihren Höhepunkt. Das hier ist Wolfs Rekrutierung einer Generation aus Aschenputteln, die den gläsernen Pantoffel gegen einen I-Pod eingetauscht hat; es ist seine Revolution. Dem Künstler selbst scheint die Euphorie ein wenig unbehaglich zu werden. Er bittet die Anwesenden, einen Schritt zurück zu gehen, Platz zu schaffen; er möchte nicht, dass der Abend für einige im Krankenhaus endet. So weit kommt es glücklicherweise auch nicht. Es bleibt bei der miteifendern Zelebration von Tracks wie The Sun Is Often Out, Theseus, Hard Times oder The Magic Position.
Die beiden Zugaben Kriegsspiel und Vulture bestreitet Patrick Wolf in neuer Kleidung. Der Overall wird gegen ein weißes Hemd mit Echtstrohhalmbesatz und knappe Pantys eingetauscht. Nicht nur die Hüllen fallen an dieser Stelle, der Sänger legt auch seine Zurückhaltung ab und wagt sich in energetischen Schritten bis an den Bühnenrand vor, so dass einige weibliche Hände aus der ersten Reihe für Sekundenbruchteile die Strohhalme seines Hemdes berühren können. Patrick Wolf pariert mit einer gekonnten Drehung und vermeidet weitere physische Kontakte durch Einhaltung eines gewissen Sicherheitsabstands zum Publikum.
Bei seinem Abgang lässt der Londoner es sich dennoch nicht nehmen, dem Münsteraner Publikum mit schlichtem "Ich liebe dich!" seine Sympathie zu bekunden. Man glaubt ihm, dass er jeden einzelnen Anwesenden liebt - solange die Distanz groß genug ist, nicht den Strohhalmbesatz seines Hemdes zu ergreifen oder zu entdecken, wer oder was sich hinter dem extravaganten Bühnenoutfit verbirgt. Die Frage ist auch, ob man dies wirklich wollte. Schließlich würde man damit die Magie des Ganzen zerstören. So bleibt Patrick Wolf einer der faszinierenden Zauberer unserer musikalischen Zeit, der es schaffte, Münster für anderthalb Stunden in eine knicklichtererleuchtete Märchenwelt zu verwandeln.
Live-Review: Katja Embacher
Website: www.patrickwolf.com Myspace: www.myspace.com/officialpatrickwolf
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Foto: Pressefoto |
Zoot Woman ist keine Band wie jede andere, das haben sie schon mehr als einmal unter Beweis gestellt. Sie sind seit 15 Jahren im Geschäft, haben aber erst drei Alben veröffentlicht. Wenn Plattenfirmen sich über Filesharing beklagen, veröffentlichen sie zum Leidwesen der eigenen Geldgeber einen Gratis-Download. Und auf Tour gehen für gewöhnlich nur zwei der drei Bandmitglieder, oder sollte sich das im Jahr 2009 geändert haben?
Nein, Stuart Price ist natürlich nicht anwesend, der lässt lieber seine Bandkollegen auf Tour gehen. Zoot Woman setzen damit die sehr erfolgreiche Tradition der vergangenen Jahre fort, als auch stets die Blake-Brüder mit wechselnder weiblicher Begleitung unterwegs waren, während Stuart Price alias Jacques Lu Cont seine Brötchen als Produzent und Remixer verdiente.
Die weibliche Begleitung ist diesmal übrigens Jasmin O'Meara, und zusammen mit den Brüdern Johnny und Adam Blake betritt sie schließlich die Bühne. Bei der Song-Auswahl gehen die drei gleich in die vollen und starten mit der grandiosen Single We Won't Break, dem Geniestreich, den sie schon zwei Jahre vor dem Album-Relase als Gratis-Download veröffentlicht hatten. An den Live-Qualitäten Zoot Womans gab es schon vor dem Konzert keinen Zweifel, und auch in München geben sich die Briten keine Blöße. Im Vergleich zu den Albumversionen kommen die Songs deutlich rockiger daher, mehr Gitarre und weniger elektronische Einflüsse, beides aber fein aufeinander abgestimmt. Viele neue Songs finden sich darunter. Live wird einem noch mal eindrucksvoll vor Augen geführt, dass jeder Song auf Things Are What They Used To Be ein potentieller Hit ist. Hinzu kommen die vielen Klassiker wie etwa It's Automatic oder Living In A Magazine. Eigentlich passt alles, besseres Entertainment wird man an einem Sonntagabend nicht finden (besonders wenn die Alternative zum Konzertbesuch ein Wahl-TV Abend mit Dauergrinser Guido Westerwelle wäre). Was kann man kritisieren? Vielleicht die Wortkargheit und das atemberaubende Tempo, mit dem die drei ihr Set durchprügeln. Das wirkt doch sehr routiniert und vielleicht gar ein bisschen unmotiviert. Aber bis man sich kurz darüber aufregen kann, wird man schon wieder vom nächsten Hit erschlagen.
Nach 55 Minuten nehmen sich die drei dann eine kurze Auszeit, um schließlich noch einen einzigen Song als Zugabe zu spielen. Nach Just A Friend Of Mine verabschieden sie sich aber endgültig vom Münchner Publikum, das zufrieden den Heimweg antreten kann.
Live-Review: Andreas Kussinger
Website: www.zootwoman.com Myspace: www.myspace.com/zootwoman
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Foto: Jenny Schnabel |
The Cinematics begeben sich auf die Reise, um ihren brandaktuellen Longplayer Love & Terror live vorzustellen. Erfreulicher Weise macht das schottische Quartett nicht nur in den Medienstädten der Republik halt, sondern legt auch einen Zwischenstop im Münsteraner Amp ein, um die Herzen der westfälischen Indie-Waver zwei Takte schneller schlagen zu lassen.
Als die Cinematics die Bühne betreten, haben sich ca. 50 Anwesende im Amp versammelt, um dem Konzert der Schotten beizuwohnen. Ginge man nach den Live-Qualitäten der Band, so hätten die Jungs aus den Highlands in jedem Fall ein ausverkauftes Haus verdient. Sänger Scott Rinning sieht's gelassen und bezeichnet die wenigen, die den Weg ins Amp gefunden haben, als die coolsten Leute der Stadt. Recht hat er! Und damit auch eine gute Basis für den Einstieg in ein Konzert, das an einigen Stellen die Energetik einer Sonneneruption entwickelt.
Neben Songs des Debüts wie Break, Keep Forgetting oder A Strange Education bieten Tracks wie She Talks To The Trees, Hospital Bills oder All These Things immer wieder Ausblicke auf das kommende Album der Band, die zu virtuellen Shopping-Bummeln bei Amazon einladen. Highlight ist hierbei sicherlich die neue Single New Mexiko, die das Publikum zwar nicht zu frenetischen Tanzeinlagen, dafür aber zum Mitwippen und anerkennendem Applaus animiert.
Erstaunlich ist die musikalische Kraft, die die Cinematics live on stage entwickeln. Fast erscheint der Raum vor der Bühne des Amp zu klein für den druckvollen Wave-Sound der Band. Während des gut einstündigen Konzerts entsteht eine unglaublich dichte Atmosphäre, durch die Rinnings eindringliche Stimme hindurch gleitet, wie ein warmes Messer einen Klumpen Butter. Ein wenig erinnern der durchdringende Blick und die stakkatoartige Gestik des Sängers an Ian Curtis. Allerdings ist dies auch der markanteste Berührungspunkt, den die Cinematics zu Joy Division aufweisen. Man mag zwar ansatzweise Einflüsse der Manchesteraner Legende aus ihrem Sound heraus filtrieren, allerdings zeichnen sich die Songs der Schotten durch deutlich weniger Basslastigkeit und Schwere aus.
Es ist 23.40 Uhr, als die Cinematics ihren dreiteiligen Zugabenblock eröffnen. Ja, es sei schon spät, man wisse, dass einige der Anwesenden morgen arbeiten oder in die Uni müssen – Scott Rinnings Antwort auf den langsam hereindrängenden Alltag ist allerdings simpel: Fuck it! Einmal den ganzen Krempel an die Seite schieben und feiern. Gesagt, getan. Die Anwesenden zelebrieren Cinema und Rise And Fall und lassen sich bei Moving To Berlin tatsächlich zu verhaltenem Tanzgebaren vor der Bühne animieren. Wer das oft skeptische und zurückhaltende Publikum Münsters kennt, der weiß, dass dies einen Akt großer Solidarität bedeutet. The Cinematics haben ihre westfälische Feuertaufe bestanden. Von der Schreibenden gibt es an dieser Stelle eine fette eins mit Sternchen – von den Anwesenden gebührenden Applaus.
Live-Review: Katja Embacher
Foto-Galerie
Website: www.thecinematics.com Myspace: www.myspace.com/thecinematics
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Foto: Brantley Gutierrez |
25 Jahre sind eine lange Zeit. So lange ist es schon her, dass Dinosaur Jr. gegründet wurden. Und ein viertel Jahrhundert im Musikgeschäft hinterlässt Spuren, ganz klar. Bei Dinosaur Jr. kann man das vor allem an der Haarfarbe von J Mascis ablesen, dessen einstmals pechschwarzes Haar zwar immer noch so lang ist wie 1984, mittlerweile aber auch den allerletzten Hauch Farbe eingebüßt hat. Am vergangenen Freitag war der ergraute Herr mit seiner Band zu Gast in München, wo ihn aber leider vor allem die Tontechniker etwas alt aussehen ließen.
Ort des Geschehens ist die Muffathalle, eigentlich ein gutes Pflaster für gute Konzertabende und künftig wohl die letzte Hoffnung aller Münchner Konzertgänger. Nachdem geschäftige Immobilienhaie ja zunächst den Georg-Elser Hallen und nun der lieb gewonnenen Registratur mit der Abrissbirne zu Leibe rückten, bleiben nur noch die ungeliebten Alternativen Zenith und Tonhalle übrig.
Das Bühnenbild ist durchaus beeindruckend. Das grandiose Albumcover mit den zwei wandelnden Bäumen schickt sich nicht nur in der Kategorie "Cover des Jahres" an, den ersten Platz zu belegen, sondern kann sich auch berechtigte Hoffnung auf den Titel "Bühnenhintergrund des Jahres" machen. J Mascis selbst nimmt seinen Platz vor einer Mannshohen Verstärkerwand ein und wird diesen während des gesamten Konzertes auch nicht wieder verlassen. Klar, wer eine großartige Bühnenshow erwartet hatte, war definitiv beim falschen Konzert.
Was man aber von einem Dinosaur Jr. Gig durchaus erwarten kann, ist ein umwerfender Sound. Gitarrenwände hatte man erwartet, sich auf ein Klangerlebnis der besonderen Art gefreut. Was man am vergangenen Freitag in der Muffathalle zu hören bekommt, kann nur sehr bedingt die hohen Erwartungen erfüllen. Klar, laut sind sie, die gealterten Herren, aber serviert bekommt man leider einen ziemlich dünnen Sound-Brei.
Davon abgesehen, kann sich das Set sehen lassen. Eine gute Mischung aus den Klassikern wie zum Beispiel Freak Scene, Feel The Pain oder auch dem The Cure-Cover Just Like Heaven einerseits und dem besten der jüngsten Bandgeschichte. Nachdem der Sound im Laufe des Abends auch etwas besser wird, kann man beim Nachhauseweg dennoch auf einen gelungenen Konzertabend zurückblicken.
Und J Mascis? Sagt nach einer knappen halben Stunde, "thank you for coming" und ganz am Ende "thank you, bye bye". Das muss an Zuneigung für die Fans reichen. Aber ein ergrauter Herr muss sich ja schließlich dem Publikum nicht mehr anbiedern.
Live-Review: Andreas Kussinger
Website: www.dinosaurjr.com Myspace: www.myspace.com/dinosaurjr
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Foto: Pressefoto |
Gestern ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie außerordentlich gut die Akustik im Ringlokschuppen ist. Mal abgesehen davon, dass jemand am Mischpult sitzen sollte, der sein Handwerk versteht und dies sicherlich der Fall war, war der Klang einfach kristallklar. Es gibt einfach nichts zu beanstanden und ich habe auch schon Konzerte von Singer/Songwritern gesehen, die ich nur zu gerne vorzeitig verlassen hätte. Gerade wenn es möglich ist, sich auf jedes Instrument zu konzentrieren, ohne das sich Instrumente aneinander reiben, oder gar alles in einem einzigen Matsch untergeht, dann lässt sich von einem guten und transparenten Klang sprechen. Je weniger Instrumente dabei im Spiel sind umso besser, oder genauer gesagt umso einfacher diese Voraussetzungen zu schaffen. Wenn dabei auch noch ein unfassbar rücksichtsvolles (weil leises) Publikum zugegen ist, steht einem wunderbaren Konzerterlebnis nichts mehr im Weg. Na ja, vielleicht sollten noch gute Songs im Spiel sein, aber im Falle Anna Ternheim musste sich wohl niemand große Sorgen machen.
Um 20.30 Uhr geht es ohne große Schnörkel los. Ansagen sind nicht unbedingt ihre Stärke und eigentlich gibt es kaum etwas Langweiligeres als ellenlange Monologe. Allzu großes Trara passt einfach nicht zum musikalischen Schaffen der 31-jährigen und so sprechen die Songs heute Abend für sich. Andreas Söderström und Johann Berthling komplettieren die "Acoustic Trio Tour" und im Falle Söderströms bekam das Publikum gleich einen grandiosen Multiinstrumentalisten geboten, wie es sie wohl nicht so viele gibt. Ob nun an der Akustischen, wie den Großteil des Abends, oder mit Trompete im Anschlag, über das Glockenspiel, der Mann weiß wie's geht. Johann Berthling spielt seinen Kontrabass sehr pointiert mal mit dem Bogen, zupft sich aber durch 90 Prozent des Abends. Jeher eines meiner Lieblingsinstrumente, des warmen, organischen Klanges wegen, muss ich aber sagen, dass Frau Ternheims Songwriting nicht unbedingt dafür ausgelegt ist, sich am Bass hervorzutun. So spielt Berthling eher standardisierte Bassläufe, zwar solide aber sehr unauffällig. Der Fokus liegt nun eh auf der Schwedin.
Wie sich das gehört, bekommen wir erst einmal einige Stücke des aktuellen Albums Leaving On A Mayday zu hören und die sind sehr weit im Folk verankert. Im Zusammenspiel mit Söderström erinnert mich das Gitarrenspiel der Beiden an Nick Drake-Aufnahmen. So unglaublich schöne Melodien, die erst im Zusammenspiel erblühen und sich gegenseitig ergänzen, gibt es wohl nicht allzu oft zu hören. Gerade diese Gänsehautmomente stellen die solo vorgetragenen, später folgenden Songs ein wenig in den Schatten. Aber das soll nur eine Randnotiz bleiben, denn mit der Stimme, könnte sie sich auch von Helge Schneider begleiten lassen, der auf einer rostigen Gießkanne bläst. Und wer könnte ihr schon böse sein? An sechster (?) Stelle gefällt mir Losing You besonders, da Frau Ternheim ein wenig aus sich herauskommt, ihre Stimme erhebt, dem Trennungsschmerz, der im Text mit schwimmt, Ausdruck verleiht. Selbiges geschieht noch einmal bei Let It Rain und ansonsten regieren die leisen Töne im völlig abgedunkelten Ringlokschuppen. 13 – 14 Songs später, nach einer Stunde und fünfzehn Minuten ist erstmal Schluss, bis der euphorische Applaus die drei Musiker noch einmal für zwei Zugaben auf die Bühne spült.
Ein Abend, wie er gelungener nicht hätte sein können, tolle Songs, sympathische Musiker… Was will man mehr?
Live-Review: Nicolas Beinke
Website: www.annaternheim.com Myspace: www.myspace.com/annaternheim
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Foto: Jenny Schnabel |
Malcolm Middleton besucht Münster, um sein neues Album Waxing Gibbous live vorzustellen. Für die Anwesenheitspflicht gibt es an diesem Abend drei gute Gründe: Erstens sind die von zynisch über melancholisch bis hin zu bittersüß reichenden Songs des Schotten ein Muss für jeden Freund des gepflegten Indie-Folks. Zweitens dürfte es für einige Zeit das letzte Mal sein, dass man den Ex-Arab Strap-Gitarristen solo und unter seinem Namen live bewundern kann – schließlich hat Middleton sich vorgenommen, demnächst eine Pause einzulegen und sich anderen Projekten zu widmen. Drittens findet das Ganze im musikalisch ersten Haus am Platz statt - dem altehrwürdigen Gleis 22.
Eingeläutet wird der Abend um Punkt neun durch Steve Abel, zu dem sich ca. 40 Leute im Gleis eingefunden haben, um den eindringlichen Songs des neuseeländischen Solokünstlers zu lauschen. Schade, denn Abel hätte deutlich mehr Publikum verdient. Der Neuseeländer zeigt sich ruhig, gelassen und unglaublich stilsicher. In jedem Fall hat die Symbiose aus seiner charismatischen Stimme und grandiosem Gitarrenspiel etwas Erhabenes.
Der zweiten Support unterscheidet sich nicht zuletzt durch seine Quirligkeit vom Opener: Der Schotte Johnny Lynch aka The Pictish Trail erobert die Herzen des Publikums mit charmanten Anekdoten, einheimelnden Songs und einer guten Portion Humor. Für den letzten Track holt sich The Pictish Trail Malcolm Middletons Drummer Scott Simpson als Unterstützung auf die Bühne und zieht dabei alle Register: Was als ruhige Gitarren-Nummer beginnt, steigert sich im weiteren Verlauf zu einer galoppierenden Synthesizerstampede, deren Höhepunkt die wummernden Schlagzeugparts darstellen. Spätestens jetzt sind die Münsteraner wach und warten ungeduldig auf den Hauptact des Abends.
Dieser betritt pünktlich um halb elf nebst Band die Bühne. Auf einen Bass wird an diesem Abend verzichtet. Malcolm Middleton und Johnny Lynch kompensieren die Läufe durch ein gekonntes Zusammenspiel aus Gitarren, so dass der Viersaiter nicht einmal fehlt. Middleton selbst platziert sich rechts außen am Bühnenrand und überläßt somit die Mitte, auf die sich für gewöhnlich die Aufmerksamkeit des Publikums fokussiert, seinem Gitarristen. Raumknappheit und wohl auch Middletons introvertierte Art dürften bei dieser Entscheidung eine tragende Rolle gespielt haben. Während des gesamten Konzerts zeigt sich der Schotte sehr zurückhaltend. Auch das zu nahe Heranrücken der Fotografen ist dem Ex-Arab Strap-Gitarristen nicht ganz geheuer. Als ihm das Objektivgewusel vor seiner Nase zuviel wird, bittet er einen von ihnen höflich, ein Stückchen weiter zurück zu treten.
Der gesamte Abend verläuft in eher ruhigen Bahnen. Der größte Teil der Setlist beschränkt sich auf eher balladeske Tracks, die dafür ein bunt gemischtes Potpourri aus seinem Albensammelsurium darstellen. Gegen viertel vor zwölf lässt sich der Schotte dann zu einem Zugaben-Set der besonderen Art hinreißen: Trotz fortgeschrittener Stunde und drängelnder Band im Nacken gibt er im Alleingang anstelle nur einer Akustik-Nummer gleich drei zum besten: Made Up Your Mind, das vom Publikum gewünschte Four Cigarrettes und Devil And The Angel, bei dem die Zwischenzurufe der Zuschauer dem Schotten doch tatsächlich ein spitzbübisches Lächeln ins Gesicht zaubern. Zu guter Letzt werden seine musikalischen Mitstreiter noch einmal auf die Bühne gebeten, um mit Don't Want To Sleep Tonight die letzte Zugabe des Abends anzustimmen.
Als Middleton &Co. Um kurz nach zwölf die Bühne verlassen, findet man sich mit Freunden rauchend vorm Club wieder: "We're four cigarettes away from having to leave the house / Got to make them last till the sun goes down."
Live-Review: Katja Embacher
Website: www.malcolmmiddleton.co.uk Myspace: www.myspace.com/malcolmmiddleton
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Foto: festivalhopper.de |
Es ist wirklich warm, heiß könnte man gar sagen. Sehr ungewöhnlich das, so hat es die letzten fünf Jahre immer artig geregnet. In solchen Fällen, geht es nur noch über die Leidensfähigkeit, die einen weiterhin Bier trinken lässt, obwohl dem Körper mehr nach Wasser lechzt. Aber so ein Festival ist kein Wunschkonzert! Denn wenn es nach mir gegangen wäre, hätten Asaf Avidan & The Mojos und der Headliner des Abends Athlete gleich mal ihre Slots tauschen können. Denn mein Lieblings-Israeli weiß wenigstens ein wenig Stimmung zu verbreiten an einem weites gehend extrem ruhigen Haldern-Freitag. Nun gut, jetzt ist Partytime. Avidan beginnt sein Set mit dem akustischen Maybe You Are und ich bin gleich glückselig und kann mit ein dämliches Grinsen nicht verkneifen. Anders als noch im Bielefelder Forum vor einigen Tagen geht es sofort weiter mit Stromgitarren und Rock'n'Roll. Die Herren und Damen Mitstreiter betreten die Bühne und riffen, solieren, singen und schwitzen. Allen voran Asaf "Joplin" Avidan, der voller Inbrunst dem Blues verpflichtet, winselt, schreit und leidet, dabei aber ganz hervorragende Laune zu haben scheint. Wenigstens grinse ich jetzt nicht mehr alleine dämlich vor mich und geklatscht wird auch ganz anständig, denn schließlich wissen die Halderner, was sich gehört und vor allem wenn etwas was taugt.
Gut zwanzig Minuten später zelebrieren Port O'Brien aus dem fernen Alaska ihre Folk-Version eines Bright Eyes-Auftrittes. Seltsamerweise scheinen in der Sonne nicht nur Eistüten zu schmelzen, sondern auch der Sound wabert etwas hilflos aus den Boxen, als sei er auf dem Weg sich Abkühlung im nahegelegenen See zu verschaffen. Dabei schaffen es gerade die neuen Songs, des am 02. Oktober erscheinenden, regulären zweiten Albums, zu langweilen und ein wenig im Soundmatsch unterzugehen. Gut, sie müssen erst noch richtig gehört werden, bevor sich eine abschließende Meinung gebildet werden kann, bloß ist der 45-minütige Auftritt an diesem Tag keine besonders gute Werbung. Dann doch lieber I Woke Up Today vom Vorgänger, der doch diese wunderbaren Seemannslieder, voller Melancholie bereithält. Die verliert sich heute schnell, da Van Pierszalowski's zwar leidend, aber wenig überzeugend seinen Gesang zu Gehör bringt. Das eindringliche Pigeonhold mit seiner schrägen Instrumental-Passage bleibt verschollen, oder wird vom Berichterstatter verpasst, was schade ist, denn es hätte der ganzen Performance sicherlich etwas Auftrieb verliehen. So lässt sich nur ein durchwachsener Auftritt einer ansonsten vielversprechenden, jungen Band konstatieren.
Anschließend bricht im Spiegelzelt die Hölle los und zu gefühlten 150 Grad zelebrieren The Temper Trap aus Melbourne einen schweißtreibenden, wie intensiven Gig, direkt aus der Prog-Fabrik. Irgendjemand hatte doch im Vorfeld die Frechheit, mir diese Band als die australischen Coldplay vorzustellen, was nicht wirklich zutreffend erscheint. Von mir aus wegen der omnipräsenten Melodien, der vier Aussies, die allerdings wesentlich treibender, wie es Bloc Party mit Silent Alarm vorgemacht haben, verpackt werden. Was Dougy Mandagi an Gitarre und Mikrofon vollbringt, muss allerdings erstmal von Kele Okereke geschlagen werden, der ja eigentlich momentan eher abbaut als zulegt.
Mit der Hauptbühnenbeschallung des guten Owen Pallett (Final Fantasy), bin ich dann infolge des gerade Erlebten, nicht ganz einverstanden und suche Unterschlupf im Schatten. Pallett steht ganz allein auf der großen Bühne und fiedelt und loopt wie ein Berserker, was einer gewissen musikalischen Spannung sicherlich nicht entbehrt, aber einfach nicht zündet und so geht es den Meisten am heutigen Tag.
Nun beginnt leider eine doch eher lange Durststrecke an etwas beliebig daherkommender Pop/Rock meets Singer/ Songwriter-Musik aus aller Herren Länder. Einzig Anna Ternheim weiß etwas Stimmung zu verbreiten, verzaubert gleichzeitig mit ihrer Stimme und ihrer Bühnenpräsenz. Den Tiefpunkt setzen Loney Dear, mit einer geradezu grenzdebilen Vorstellung exaltierter Hippie-Kammermusik. An diesem Solo-Projekt Emil Svanängens scheiden sich seit Jahren die Geister, nur konnte ich es die Jahre zuvor vermeiden, es mir anzuhören. Jetzt ist es also soweit und bitte nicht so schnell nochmal. Um 23 Uhr wurde es nicht wirklich besser, dafür aber interessanter anzusehen. Patrick Watson demonstriert seine Wooden Arms, die leider nicht halb so eingängig sind, wie der Vorgänger Close To Paradise. Manchmal bedarf es doch einfach nur einer eingängigen Melodie, oder eines bewährt großartigen The Great Escape um zu unterhalten, so lässt sich eher von einem durchwachsenem Auftritt berichten, der arm an Höhepunkten bleiben muss. Aber es kommt noch schlimmer, na ja, so schlimm auch wieder nicht. Schließlich hat ein gewisser Herr Nutini schon einmal abgesagt, sodass den meisten Festivalbesuchern eine gewisse Erleichterung im Gesichte geschrieben steht, denn es ist Brit Pop-Zeit. Athlete stehen zu später Stunde (so spät, wie nie zuvor laut Joel Pott) auf der Hauptbühne und haben neues Material mitgebracht. Jetzt ist Beyond The Neighbourhood doch noch gar nicht so alt, aber fleißig waren sie nun schon immer, was eher für die Album-Releases gilt, als für ihre Auftritte, die sie seit Jahren mit Hingabe in Deutschland absagen. Gut, nun sind sie also hier und begeistern mal so gar nicht. Ich versuche es ganz artig, wippe mit, singe gelegentlich Textfetzen und komme nach einer halben Stunde zu einem wenig erfreulichen Fazit. Ich weiß es nicht besser, aber so in etwa stelle ich mir einen A-Ha-Auftritt vor. Aber so alt sind Athlete doch noch gar nicht?! So gibt es einen Querschnitt durch ihr gesamtes Schaffen, mit dem Hauptaugenmerk auf den ´05er-Chartstürmer Tourist, sympathische Ansagen und polierte Popmusik. Aber Wires ist immer noch schön!
Live-Review: Nicolas Beinke
www.haldern-pop.de
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Foto: D.Binnewies |
Wie wird der Musikfan gerade auf die kleineren Festivals aufmerksam? Richtig: Entweder durch Werbung (beim Melt! gab es zuhauf Plakate) oder durch das Line-Up. Wenn sich dann beim Besuch etwaiger Myspace-Seiten der Lieblingsbands einige Verweise auf das Appletree Garden-Festival finden, sollte klar sein, was zu tun ist. Wieder richtig: Hinfahren! Es war mir leider aus den verschiedensten Gründen nicht möglich schon am ersten Festivaltag - dem Freitag - anzureisen, aber den Samstag zu verpassen, wäre gar unverzeihlich gewesen. Nicht nur, dass mit Handsome Furs und in Gestalt Dan Boeckners, die absolute Crème de la Crème des modernen Indie-Songwritertums zugegen sein sollte, sondern auch die allseits geschätzten Schweden um Tiger Lou absolvieren ihren letzten Auftritt auf absehbare Zeit. Ganz richtig sind die Gerüchte um die Bandauflösung nicht, aber Rasmus Kellerman, Pontus Levahn, Erek Welén, Mathias Johansson und Johnny Karlsson wollen fortan für einige Jahr getrennte Wege gehen, um sich neuen Projekten zu widmen. So wird dem Appletree Garden eine gewisse Exklusivität zuteil, gepaart mit einer friedlichen Stimmung aus Gelassenheit und unbändiger (Vor-)Freude. 1.800 – 2.000 Zuschauer sehen am 31. Juli und 01. August vierzehn Bands, für die sich auch vergleichsweise große Veranstaltungen nicht schämen müssten.
Nun gibt es Fälle wie ClickClickDecker alias Kevin Hamann und dieser bunte Haufen verkleideter "Irrer" namens Bonaparte, die zu Sommerzeiten wirklich auf jeder Hochzeit tanzen und es fast zur Normalität wird, sie einmal im Monat live zu sehen. Da ich aber dazu neige ständig Bands/Acts zu verpassen, die ich unbedingt sehen wollte, freut es mich um kurz vor 19 Uhr endlich mal wieder den unterhaltsamen Stücken Hamanns zu lauschen. Irgendwann so nach zwanzig Minuten lässt sich eine gewisse Gleichförmigkeit besagter Stücke allerdings nicht weiter ignorieren, was mich dazu zwingt es wiederum mit ClickClickDecker so zu halten. Jetzt mag ich sie aber schon wieder zu sehr - und vor allem die sympathisch, wie originellen Ansagen - um schlechte Stimmung verbreiten zu wollen, denke aber, dass beim nächsten Album echt was kommen muss, um sich im Deutschrock-Lager zu etablieren. Was soll ich zu Handsome Furs bloß schreiben? Dan Boeckner ist ein verfluchtes Genie und seine Gattin zumindest ein Hingucker, zusammen sind sie das interessanteste Ehepaar der Indie-Szene. Zugegeben es gibt nicht so viele, aber was spielt das für eine Rolle, die Songs von Plague Park und Face Control sprechen zumindest eine deutliche Sprache und die sagt mir heute: "Tanz, tanz, tanz!" Das mache ich dann auch und so sind fünfundvierzig Minuten Hitprogramm nur noch ein Wimpernschlag. Irgendwie versucht sich Alexei Perry immer wieder an komischen Ansagen, was leider nicht so richtig glücken mag, die in dem anderen Sinne komisch sind, merkwürdig halt. Egal, Boeckner sieht auch nicht gerade taufrisch aus und was interessiert es schon, absolvieren sie doch einen fulminanten, wie grandiosen Auftritt, der glückliche Gesichter hinterlässt, allerdings zu wenig Zuschauer an den Bühnenrand befördert. Schade!
Dúné müssen leider krankheitsbedingt absagen und deshalb stehen um kurz nach 21 Uhr Eight Legs auf der Bühne, die erst vor kurzem elf launige Pub-Rock-Perlen auf den Markt gebracht haben und diese heute in Diepholz präsentieren. Die ganz große Begeisterung will zwar nicht aufkommen, da sicher doch einige (mich eingeschlossen) gerne Dúné gesehen hätten, aber dafür können weder Veranstalter noch die vier Briten etwas. Wer also schmissige Rocksongs im Brit Pop-Korsett mit rotzigem Gesang Marke Carl Barât mag, liegt hier nicht falsch und so weiß auch der Ersatz zu überzeugen, von allgemeiner Enttäuschung zu reden, wäre zumindest zu viel gesagt.
Dann folgt eine wilde Umbau-Orgie, denn Tiger Lou fahren schweres Geschütz auf, in Form einer Armada aus Synthesizern. Einige Zeit später betreten die Mannen um Rasmus Kellerman im spärlichen Zwielicht die Bühne um einige ihrer düster-sphärischen Rocknummern im Publikum unterzubringen. Die Stimmung schwenkt fast ein wenig in Hysterie um, was mitunter sicherlich an der bevorstehenden Pause liegen mag, denn so war das nun wirklich nicht immer. Jedenfalls lassen sich Tiger Lou an diesem Abend nichts vorwerfen und geben eine routinierte letzte Vorstellung ihres Könnens. Mit zunehmender Spieldauer verflüchtigt sich allerdings immer mehr die Partylaune, Augenpaare starren zwar auf die Bühne, nur getanzt wird selten. Die Stimmung ist gedrückt, was zum einem an der gedrückten Atmosphäre der Tiger Lou-Kompositionen liegt, andererseits die meisten Anwesenden schon einmal anfangen der Band hinterher zu trauern. Jedenfalls hat bei mir diese Darbietung noch einen unwillkommenen Nebeneffekt: Müdigkeit. Und so muss ich Bonaparte mal wieder ausfallen lassen, da sie aber zur Zeit an jeder Milchkanne spielen, wird sich das demnächst sicher ändern lassen. Es soll allerdings wie immer gewesen sein, die Herren waren verkleidet, die Damen dagegen eher unbekleidet und meines Wissens nach gibt es auch noch kein neues Liedgut zu vermelden. Und so heißt es mal wieder: "Do you wanna party with the Bonaparte?" Die Antwort auf diese Frage ist auch im Zelt noch deutlich zu hören.
Live-Review: Nicolas Beinke
www.appletreegarden.de
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Foto: Pressefoto |
Die Band Herman Dune erlebt derzeit einen Hype, der ihren so eingängigen, wie schrägen Songs zu verdanken ist. Das Schlagwort heißt Authentizität und führt sie auf Deutschland-Tour in jeden angesagten Club. So auch in den Festsaal Kreuzberg, einem feinen traditionellen Club im Berliner Musikszeneviertel. Um das Fazit mal vorweg zu nehmen: Diese Band wächst und so wie ihre Songs auch ihre Auftritte.
So startet das Trio um Sänger Néman, Drummer David Ivar und Bassisten Beng Pleng verhalten, steigert sich aber gegen Ende in gewaltige Ekstasen und bringt den Festsaal so zum Kochen, dass der Schweiß von der Decke perlt. Wer hätte das gedacht. Néman Herman Dune ist der neue Neil Young. Vielleicht. Seine Songs zumindest entfalten sich mit jedem mehrmaligen Hören und sein Gitarrenspiel ist ähnlich individuell. Interessant ist besonders, wie er es schafft, seine Songs live immer wieder in einem neuen Gewand zu präsentieren. So startet er My Home Is Nowhere Without You mit einem spanischen Flamenco-Rhythmus und liefert vor jedem weiteren Song kleine orientalische oder fremdartige Intros. Bei einem Liveprogramm von Herman Dune weiß man nicht, was einen erwartet. Mitten im Konzert verschwindet Néman plötzlich von der Bühne, schmeißt seine Gitarre vor den Amp und produziert damit ein gellendes Feedback, um wenige Minuten später auf die Bühne zurückzukehren und I Wish I Could See You Soon auf der Ukulele zu spielen.
Und hier sprechen wir wieder von Authentizität, denn selten habe ich eine Band erlebt, deren Stil sich live so sehr zwischen balladesker Empathie und Rock'n'Rolliger Attitüde bewegt. Vom trottenden Planwagen-Country über Rock-Pathos mit kreischenden E-Gitarren-Soli bis zu psychedelischen Happenings und moderat-modernem Indie-Folk liefern Herman Dune eine breite Palette an guter Live-Musik, die mit jedem weiteren Song mehr Spaß macht. Ebenso ungewiss, wie ihre Songs, sind Némans Songtexte, die sich in ihren ambivalent-ironischen Aussagen zwischen melancholischer Romantik und hartem Zynismus bewegen. Anmerken lässt sich die Band allerdings nichts und die musikalische, sowie textliche Interpretation obliegt dem Publikum. Was bleibt, ist der Sog, den die Songs und die Band entfalten.
Schwer mit dafür verantwortlich ist Drummer David Ivar. Er liefert feinste Hand- und Fußarbeit, begleitet jeden Song perfekt und wechselt dabei zwischen unvorstellbarem Minimalismus und absolutem Schießbuden-Geknüppel. Sein einfühlsam-songorientiertes Spiel machen zum Beispiel sehr einfache Stücke wie Not On Top zu einem echten Konzerthighlight.
Doch was, obwohl das Konzert zur Halbzeit einzuschlafen droht, am meisten beeindruckt, ist, wie die Band gegen Ende in ausschweifenden Soli aufblüht und drei Zugaben-Sets von mehr als vier Songs spielt und damit nach fast zweieinhalb Stunden dem zufriedenen Berliner Publikum bewiesen hat, was das Schönste am Musizieren ist: Der Spaß.
Live-Review: Marc Philipp Meyer
www.hermandune.com www.myspace.com/therealhermandune
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Foto: Stephan Flad / Pressefoto |
Rückblickend war der Samstag wohl mein persönliches Waterloo, denn es ist mir selbst schleierhaft, wie es uns möglich war am ganzen Abend, bzw. in der ganzen Nacht sage und schreibe fünf Bands zu sehen und dass auch nur mehr oder weniger. Aber was soll ich nun tun, welche dazu erfinden, oder mir gar etwas aus den Fingern saugen, damit dieses kaum zu erklärende Versäumnis etwas an seiner Schwere verliert? Im Endeffekt war der Samstag zwar als der schwächste Festivaltag veranschlagt, was zu so einigen Geländeerkundungen einlud, aber Phoenix oder Fever Ray hätte ich dann doch gerne gesehen. Zumindest lassen sich nun so einige Worte über besagtes Gelände verlieren, dass doch mehr zu bieten hat, als die allseits bekannten Schaufelradbagger und dem See. Nämlich sage und schreibe drei Bühnen und ebenso viele Floors, für die recht einzigartige Verquickung der unterschiedlichsten Spielarten elektronischer und handgemachter Musik. Somit lässt sich nun wirklich behaupten, dass das Melt! für jeden seiner Besucher etwas bereit hält und auch wieder für diejenigen, die sich letztes Jahr geschworen haben, nie wieder her zu kommen. Wurden doch seitens der Veranstalter die verschiedenen Kritikpunkte aus dem Vorjahr angenommen und ausgeräumt. So habe ich nicht ein einziges Mal eine ernsthaft lange Schlange vor der Bändchenausgabe gesehen, noch vor der überfüllten Gemini Stage gestanden, die dieses Jahr einem Glashaus gleich, Einblick von drei Seiten ermöglichen sollte. Das Überfüllungsproblem war nun mehr oder weniger behoben - der Main Stage zwar ein wenig Fassungsvermögen genommen, die sie allerdings auch nicht wirklich benötigt - allerdings auf den höheren Tribünenrängen bot sich trotzdem keine freie Sicht, dank der Streben, die die Konstruktion stützen, was diesem Kritikpunkt gleich wieder an Schärfe nimmt. Das Kartenkontingent scheint zumindest mittelfristig auf die 20.000 begrenzt zu bleiben, was wohl auch in Zukunft einen reibungslosen Ablauf dieser Veranstaltung garantieren sollte, auch wenn der Sonntag mit seinen nur 16.000 Besuchern tatsächlich noch eine Spur angenehmer anmutet und ich persönlich diese Zahl für optimal erachte, der Sonntag allerdings auch im zweiten Jahr noch etwas stiefmütterlich erscheint, mit seinen doch eher konservativen Acts.
Gleichermaßen ließe sich wohl aber auch behaupten, dieses einmalige Festival bräuchte einen ebensolchen Abschluss und den erlebt es sicherlich, wenn sich zum Best Of-Set der unsterblichen Oasis alle in den Armen liegen, oder doch zumindest "we're gonna live forever" gröhlen. Dann ist doch wohl klar, dass auch dieses in allen Facetten heterogene Festival sich auf gewisse Dinge einigen kann und seien es Oasis.
Aber zurück zum Samstag, der mit Wedding Present gleich einen fulminanten Auftakt erlebt. Seit knapp fünf Jahren wieder aktiv und seit einem Vierteljahrhundert im Geschäft, lässt sich eine gewisse Routine, wie sie David Gedge an den Tag legt, sicher nicht von der Hand weisen, aber wenn die Songs in dieser zeitlosen Brillianz erstrahlen, sei alles professionelle Muckertum verziehen. Ihrem Stil treu geblieben sind sie allemal und brennen zur besten Sendezeit ein Feuerwerk an klassischen Indie Pop-Kleinoden ab, die allemal besser seien als das, was Razorlight so zustande bringen, so David Gedge. Dass mit dem Pop stimmt zudem auch nur teilweise, so sind die Songs des aktuellen Albums El Rey eher rockiger Natur und so gibt es Kopfnicker-Bombast von der ersten bis zur letzten Sekunde und einen der besten Auftritte des Festivals zu verzeichnen. Nur schade, dass Wedding Present ihre durchaus gelungene Version des Take That-Klassikers Back For Good schuldig blieben, auf die ich mich durchaus gefreut habe.
Auf der Main Stage gibt zeitgleich ein gewisser Jochen Distelmeyer einen kleinen Einblick in sein Solo-Schaffen, bloß interessiert das kaum jemanden. Ich möchte mich zu der Behauptung hinreißen lassen, dass Distelmeyer kaum an die Glanztaten Blumfelds anknüpfen kann. So erscheinen die gehörten Kostproben zwar rockiger als erwartet aber nicht unbedingt gehaltvoll. Aber das bleibt zu überprüfen, wenn Distelmeyer die kleinen Clubs betourt.
Anschließend lasse ich mir meine Schuhe bemalen und bekomme The Whitest Boy Alive nur sporadisch mit, was nicht schlimm ist, denn aus unerfindlichen Gründen bin ich zur Zeit ein wenig durch mit Erlend Øyes Version spartanischer Dance-Beats. Nichts für ungut, live hat sich die Band bestens eingespielt, was nicht immer so war, und weiß ganz sicher zu überzeugen, nur halt nicht mich, aber das Publikum dankt es ihr von der ersten Sekunde an. Also schnell zur Gemini Stage, wo die Mediengruppe Telekommander ein sehr viel feurigeres Set absolviert. Von jeher nicht wirklich eine Lieblingsband meinerseits, lasse ich mich an diesem Abend mitreißen und revidiere meine etwas festgefahrene Meinung, was die Live-Qualitäten der Berliner angeht. Mit Animal Collective hat mein Melt!-Samstag einen soliden Headliner gefunden, denn danach hängen wir zwar noch ein paar Stunden rum, um im Sand zu spielen, bloß das Konzerte gucken, wird sträflich vernachlässigt. Also Animal Collective, die eine Videoshow vorführen, die auch ohne Zuhilfenahme psychedelischer Drogen beeindrucken kann. Musikalisch befinden sich Panda Bear und Avey Tare eh auf einem anderen Planeten, den zu besuchen immer wieder spannend sein kann, an bestimmten Tagen wiederum schlicht die Lust dazu fehlt. Wenn die Songs, oder sagen wir lieber Sounds wild umher mäandern, bleibt immer noch diese Videoleinwand, die es zu bestaunen gilt, allerdings vier verkleideten Männern beim entwerfen abstruser Songfragmente zuzusehen, ist dann doch sehr anstrengend, aber sicher nicht gänzlich ohne Reiz. Ab drei Uhr versuchte Petrus uns alle zu ertränken, soviel sei noch erwähnt.
Der Sonntag zeigt sich wettertechnisch von einer sehr viel angenehmeren Seite, zwar ein wenig launisch und windig, dafür aber bleibt es trocken. Im strahlenden Sonnenschein erklimmt ein bestens aufgelegter Patrick Wolf um kurz nach Fünf die Bühne der Main Stage. So extravagant seine Musik, so auch sein Outfit. Ganz klar an Ziggy Stardust erinnernd, im Ganzkörperanzug und Federboa, gelegentlich die Flying V im Anschlag turnt er von einem Bühnenende zum anderen. Mitgebracht hat er uns einen bunten Reigen an Songs seiner mittlerweile vier Alben, von denen die neueren Beiden nur noch selten die dunkleren Seiten des Musikerdaseins beleuchten. Aber auch trotz eitel Sonnenschein bleiben doch gerade Lieder wie The Libertine und The Gypsy King vom 2005er Meilenstein Wind In The Wires hängen, die perfekt Melodie und Melancholie zu vereinen wissen. Zum Schluss lässt das Wolfskind alle Hüllen fallen und den Zuschauer angewohnt nah an sich heran, der guten Laune sei Dank. Apropos fallende Hüllen… während wenige Zeit später Polarkreis 18 ein ambitioniertes Set an hoch gejodeltem Synthie-Pop darbieten, zieht eine Nackedei-Performance eines Besuchers die Aufmerksamkeit des Großteils der anwesenden Leute auf sich und stielt unseren Chart-Stürmern ein wenig die Show. Nicht völlig zu Unrecht, denn Polarkreis 18 spielen zwar solide auf, aber der Funke will auch nach mehreren erlebten Auftritten nicht recht überspringen und so muss ich zu meiner Schande geschehen, dass auch ich eher dem alternativem Entertainment unseres Exhibitionisten zusehe. Zuvor strapazieren allerdings noch Glasvegas die Geduld des überwiegenden Teils des Publikums. Schuld war zudem ein mieser, weil übersteuerte Sound und der etwas exaltierte Gesang von James Allan, sodass sich doch so einige auf die Socken machten. Auf ihrem selbstbetitelten Album gefallen mir gerade die Singles Geraldine und It's My Own Cheating Heart That Makes Me Cry besonders, die aber ebenso im Soundmatsch versinken, wie die restlichen Songs ihres Debüts. Schade!
Dann ist es an Kasabian Stimmung zu verbreiten, denn das wird langsam Zeit nach den großzügigen Hängern der beiden vorangegangenen Bands. Sänger Tom Meighan scheint ganz begeistert von den umstehenden Baggern zu sein und vergleicht sie mehrmals mit Transformers. Originelle Idee im Prinzip, aber als dann die dritte und vierte Ansage diesbezüglich ertönt, wird es langsam ein bisschen stumpf. Schlechte Drogen aber gute Musik. Zumindest war ja nun das Debüt ein Meilenstein, an den unsere Vier aus Leicester seitdem vergeblich anzuknüpfen versuchen. Aber es gibt sie alle, die ganzen Hits: Reason Is Treason, L.S.F. (Lost Souls Forever) und selbst Shoot The Runner macht eine gute Figur. Zwischendurch gibt es neue Kost vom gerade erschienenen Album um die Lücken zu schließen. Sagen wir es mal so: Ihre besten Zeiten liegen bereits hinter ihnen, aber Stimmung machen sie an diesem Tag für drei. Der Platz vor der Main Stage ist gänzlich belegt, es werden Fahnen geschwängt, es wird mitgesungen und getanzt. So soll es sein und da lassen sich gelegentliche Lückenfüller schnell verzeihen. Die gibt es bei Oasis-Auftritten nicht, was nicht heißen soll, dass nicht sogar ganze Alben welche gewesen wären. Aber für ein 90-minütiges Festival-Set reichen die Hits allemal und von denen haben sich im Laufe der Jahre so einige angehäuft. Ansonsten ist alles beim alten, Liam ist weiterhin der Meister des Proll-Geposes und Noel verzieht wie immer keine Miene. Business as usual und ein gelungener Abschluss eines noch gelungeneren Festivals!
Live-Review: Nicolas Beinke
www.meltfestival.de
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Foto: Jenny Schnabel |
Wer als Musikfreund Münster genauer unter die Lupe nimmt, dem fällt rasch auf, dass die idyllische Domstadt doch einiges zu bieten hat als den Aasee und das Rathaus des Westfälischen Friedens. Neben Größen wie Muff Potter (an dieser Stelle eine letzte Verneigung und ein "Chapeau!") oder Ghost of Tom Joad gehören auch Miyagi zu einem festen Bestandteil der musikkulturellen Szene Münsters und haben es weit über die kleinstädtischen Grenzen hinaus zu Popularität gebracht. Trotz prall gefüllten Tour-Kalenders hat es sich der dynamische Fünfer nicht nehmen lassen, ein Konzert im heimischen Amp zu spielen – das letzte in diesem Jahr.
Kein Wunder also, dass der Club bereits beim Support Elias gut gefüllt und der Bühnenvorhang an die Seite geschoben ist, so dass man musikalische Treiben von zwei Seiten aus verfolgen kann.
Um Viertel nach elf betreten die Helden der Stunde die Bühne. Sänger Stefan begrüßt das Publikum mit den Worten "Hello, we are Miyagi from Manchester..." - einem kleinen Scherz, der sich durch das gesamte Abendprogramm zieht. Als Opener dient das energetische Hydraulic Son, mit dem Miyagi es gleich zu Beginn schaffen, das heimische Publikum zum Mitwippen anzuregen.
Zwischen bekannten und beliebten Tracks wie Shoot Shoot, Holidays On Okinawa, M.E.G.A.N., Sideways oder Ponyranch (das Lied, an dem laut Sänger Stefan das Pony schuld ist...) des aktuellen Longplayers Hydraulic Son finden sich auch eine Neuheit in der Setlist, die, bisher noch gänzlich unbetitelt, die Fangemeinde respektvoll nicken lässt. Und natürlich haben die Jungs auch Whatever im Gepäck, bei dem die Anwesenden sich text- und tanzsicher erweisen.
Wer Miyagi schon einmal live erlebt hat, der weiß, dass bei den Herren so einiges anders ist: Zwei Drumsets, fliegender Besetzungswechsel, wenn Drummer Daniel Ortega seinen Platz in der Schießbunde verlässt und bei Chimes zu Gitarre und Mikrophon greift und natürlich auch die Ansagen zwischen den Tracks. So fordert Matysick die Anwesenden zwischenzeitlich auf, eine "Wall of Love" zu zelebrieren. Anders als bei der "Wall of Death" soll das Publikum sich nicht knochenbrecherisch eins auf die Zwölf verpassen, sondern stattdessen aufeinander zu laufen und sich umarmen. So ganz will der Liebeskreis zwar nicht gelingen, allerdings sorgt das Ganze für allgemeine Erheiterung unter den Anwesenden. Natürlich lässt es sich Matysick auch ein Bad in der Menge nicht nehmen, um zwischen den Tanzenden mit zu mischen und zu singen. Das währenddessen angeworfene Stroboskop beeinträchtigt die Konzentration auf das Geschehen doch ungemein. In dem hektischen Geflacker aus abgehackten Schwarz-Weiß-Sequenzen, in die sich das Rot der restlichen Spots mischt, befürchtet man fast, die nächste Licht-Tirade könne einen epileptischen Anfall auslösen, der dem vergnüglichen Abend ein jähes Ende setzen würde. Bevor es soweit kommt, ist der Track vorbei und die Lichtmaschine wird wieder in Normalbetrieb genommen.
Gegen Ende des Abends zeigen sich Miyagi geneigt, Wünsche wahr werden zu lassen. Das zuvor schon sehnlichst erwartete Ice Cream findet ein Plätzchen im Zugabenblock. Ebenso wie ein brandneuer Track, der bisher nur als Surf-Song umschrieben wird. Mit diesen Klängen beenden die Jungs ihr Heimspiel und entlassen ihre Münsteraner Schützlinge hinaus in die miyagische Nacht.
Live-Review: Katja Embacher
Foto-Galerie
www.miyagi-music.de www.myspace.com/miyagimusik
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Foto: Pressefoto |
The Parlotones haben es ohne Zweifel geschafft. Sie sind Superstars, werden mit Preisen überhäuft, füllen große Hallen und setzen sich an der Spitze der Charts fest. Warum sie in Deutschland trotzdem kaum jemand kennt? The Parlotones sind aus Südafrika und dort berühmter als Coldplay, den europäischen Markt müssen sie hingegen erst noch erobern. Heute sind sie in München zu Gast.
Trotz des subtropischen Klimas, das einen Konzertbesuch schon beim regungslosen Herumstehen zu einer schweißtreibenden Angelegenheit macht, ist das 59:1 gut gefüllt. Bevor die Band des Abends die Bühne betritt, gibt Nic Olsen ein paar Songs zum besten. Der gebürtige Südafrikaner ist ein langjähriger Freund der Parlotones und versucht sich als klassischer "Singer/Songwriter", irgendwo zwischen Scott Matthews und Jack Johnson. Unspektakulär, aber gut!
The Parlotones kommen schließlich ganz in schwarz gekleidet auf die Bühne, einzig die roten Krawatten bringen etwas Farbe ins Spiel. Endgültig abgerundet wird der Emo-Look durch die Tränen-Schminke von Sänger Kahn Morbee. Gut, dass man die Musik der Südafrikaner schon auf Platte gehört hat, sonst hätte man sofort die Flucht ergreifen müssen.
Die aktuelle Platte klingt weniger nach Coldplay, der Band, mit der sich die Parlotones in nahezu jedem Review messen müssen, sondern vielmehr nach Keane oder auch Snow Patrol. Und auch live kann der Vergleich mit den genannten Gruppen so stehen bleiben. Musikalisch gibt es keine großen Überraschungen, das Set besteht nahezu komplett aus Songs des aktuellen Albums A World Next Door To Yours sowie des Vorgängers Radiocontrolledrobot. Vor allem Kahn Morbees Stimmgewalt ist es zu verdanken, dass die Livequalität der Band den Studioaufnahmen in nichts nachsteht. Und nachdem Morbee bereits mit seiner Stimme überzeugen kann, könnte er sich seine übertriebenen Pantomime-Einlagen eigentlich sparen, ebenso wie die etwas lächerliche Tränen-Schminke, die aber ohnehin nach ein paar Songs vom Schweiß weggespült wird.
Beim Publikum kommen die Südafrikaner außerordentlich gut an, und nachdem nur die allerwenigsten testsicher genug sind, um mitsingen zu können, wird stattdessen getanzt. The Parlotones sind eine großartige Liveband, und man kann sich gut vorstellen, dass es mit dem Durchbruch in Europa noch klappen kann.
Live-Review: Andreas Kussinger
www.parlotones.co.za www.myspace.com/theparlotones
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Nach einem erfreulichen und entspannten Interview mit den sympathischen vier Cockney-Mates aus London genießen wir zusammen zunächst den Soundcheck von der neuen heißen Band Offical Secrets Act mit zwei, drei Astra. Die Band macht einen professionellen Probedurchlauf und entpuppt sich anschließend als ebenbürtiger Act. Doch zunächst ziehen wir uns wieder zurück und merken wie schnell sich das Lido füllt. Berlin ist noch lange nicht Indie-satt und es wimmelt nur so von Teenie-Mädchen in Strumpfhosen und Jungs in Röhrenjeans.
Der erste Gitarrenakkord erklingt und wir drücken unsere Zigaretten aus und lauschen den ersten Tönen der Shutes. Krass, denke ich, da singt ne Frau, nicht schlecht, doch die Frau entpuppt sich später als linkshändiges Jimmy-Page-Double. Gibt's doch nicht. Und so kann man ungefähr den ganzen Sound des Trios beschreiben. Unerwartet, schräg, schöne Arrangements und irgendwie auch ok, wenn da nur nicht diese Stimme wäre und sie tighter spielen könnten. Egal, die Eight Legs sind begeistert und feiern als Einzige.
Ganz anders sieht das schon bei Offical Secrets Act aus. Ihre Musik bewegt sich zwischen prätentiösem Eighties-Geschunkel, Indierock und Elektro und man muss sagen diese Mische trifft die Zeit und offensichtlich ganz besonders den Geschmack der Berliner, die der jungen Band begeistert zujubeln. Thema jung: Das sind sie heute alle und es ist einfach beeindruckend, welche Leichtigkeit und Spielfreude die Jungen auf die Bühne bringen.
Was die Spielfreude betrifft schießen Eight Legs den Vogel ab. Zwar bewegt sich Gitarrist und Sänger Sam Jolly nicht besonders (brilliert dafür mit exzellentem Cockney-Accent), aber Lead-Gitarrist Jack Wharton und Basser Adam Neil geraten in fanatische Ekstase, hüpfen, drehen sich im Kreis, wälzen sich auf dem Boden und schmeißen zum Schluss ihre Instrumente durch die Gegend. Ein Leben im Rock'n'Roll, das die Londoner schon während ihrer CD-Produktion erlebt haben, als sie sich zwei Monate eine Ein-Raum-Wohnung in Berlin teilen mussten. Wahrscheinlich hätte sich Jack sonst wohl auch kaum den Bandnamen seiner Band auf den Arm tätowieren lassen. Diese Energie und die Überzeugung kommen von der ersten Minute an und ist ehrlich.
Die neue Single I Understand ist der Beginn und Berlin hat verstanden, worum es geht. Die Eight Legs sind eine individuelle Indie-Band, da sie es irgendwie schaffen rotziger zu klingen, als alles andere. Das Besondere ist, dass es zu den ganzen Rotzgitarren, ein super gestimmtes Drums und einen harmonischen Chorgesang gibt, die zusammen mit Sams einprägsamer Stimme die Arrangements unverwechselbar machen. Eight Legs ist der zweite Song und man spürt den Unterschied zwischen erster und zweiter Platte. Denn dieser Song ist noch mal rougher, während die Eight Legs bei ihrem zweiten Album mehr Wert auf Experimente gelegt haben. Hier treffen Single Note Gitarren auf ein treibendes Schlagzeug.
Die Menge ist fit und zeigt neue Tanzschritte. Neben einem frenetischen Pass The Bucket kulminiert die Stimmung in dem fantastischen neuen Song Dystopian Not So Future, bei dem die Eight Legs mit interessanten Gitarrensounds und verschiedenen Tempi spielen. "Wir experimentieren ständig auf der Bühne und manchmal kommen dadurch ganz neue Arrangements heraus. Was ich am Livespielen so liebe, ist die Spontanität", erzählt Sam Jolly. Dieser Song ist der Beweis dafür. Die Improvisation steht der Band und man merkt, dass die Eight Legs an ihren Instrumenten immer besser werden. Besonders Drummer Jack Garside und Gitarrist Jack Wharton, der perfekt aufspielt im Franzen-Outfit. Spätestens nachdem das Ganze von dem fanstastischen Blood Sweat Tears noch getoppt wird, ist die Menge nicht mehr aufzuhalten. Und das obwohl die Eight Legs ganze 20 Stücke inklusive der Zugaben spielen. Die werden übrigens mit einem tollen Drumsolo eingeleitet, bevor Sam Jolly mit Kippe im Mundwinkel auf die Bühne kommt und den Glimmstängel während des kompletten Songs trotz des Singens nicht mehr aus dem Mundwinkel lässt. Das will gekonnt sein und verkörpert wieder diese Rotzigkeit. Vom Rauchverbot ganz zu schweigen. Und da haben wir wieder den Beweis, warum die Eight Legs besonders sind: Sie haben die Eigenständigkeit und dieses gewisse Rebellionspotential.
Setlist:
01: I Understand 02: Eight Legs 03: Tell Me What Went Wrong 04: Stay Cool 05: Pass The Bucket 06: Just So You Know 07: Dystopian Not So Future 08: Wear That Shirt 09: Blood Sweat Tears 10: Nothing Between The Lines 11: Simple Life 12: More Than Nothing At All 13: Untitled 14: These Grey Days 15: Make It Happen 16: Wish It Was The 60's
Live-Review: Marc Philipp Meyer
www.eightlegs.co.uk www.myspace.com/eightlegs
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Foto: Jenny Schnabel |
Es ist das letzte Konzert der zweiwöchigen Tour, die an den fünf Herrschaften auf der Bühne spurlos vorüber gegangen zu sein scheint. Denn Cargo City aus Frankfurt zeigen sich in Bestform an diesem frühsommerlichen Samstagabend im Amp.
Vor etwa 50 Leuten betreten Simon Konrad und seine Band gegen 23 Uhr die Bühne des gemütlichen Clubs. Vielleicht ist das herrliche Pfingstwetter schuld an der doch eher dünnen Besucherzahl, vielleicht auch das DFB-Pokal-Finalspiel - an Cargo City liegt es jedenfalls definitiv nicht und Fakt ist, dass der Frankfurter nebst Band mehr Publikum verdient hätte.
Das Set setzt sich aus einer gelungenen Mischung älterer Tracks und brandaktuellen Klängen zusammen. Songs wie When I Sleep I Disappear, Ode To No One, Hold On In The Rye, Holden oder Rearview Mirror greifen gut ineinander. Letztere bieten einen gelungenen Einblick in On.Off.On.Off, den aktuellen Longplayer von Cargo City. Die Gruppendynamik einer gesamten Band, die bereits auf dem Album durch klingt, funktioniert auch live hervorragend. Inmitten diesem Sammelsurium von Instrumenten und der harmonischen Atmosphäre vergisst man beinah, dass es sich bei Cargo City eigentlich um einen Solokünstler handelt. Nichtsdestotrotz bleibt Simon Konrad Fixpunkt des Abends. Dies liegt nicht zuletzt an der tremologeprägten Stimme des Sängers, die live doch um einiges kraftvoller ausfällt, als aus der Konserve. Aber Cargo City punkten nicht nur musikalisch - sie bezaubern das Publikum auch mit ihrer äußerst sympathischen Art. Technische Probleme des Pianos werden ebenso schnell wie charmant behoben, im Hintergrund hört man ein Raunen männlicher Konzertbesucher, wie schön doch der "Akzent" der Keyboarderin sei. Wer bis dato immer der Meinung war, Frankfurt sei eine Stadt in Deutschland und Dialekt wäre in diesem Zusammenhang wohl die passendere Bezeichnung, mag an dieser Stelle vielleicht kurz die Stirn in Falten gelegt haben. Zumindest in einem Punkt muss man geographisch weniger versierten Münsteranern beipflichten: Hessisch klingt durchaus charmant, wenn Simon Konrad Songs mit weichem "s" ankündigt. Mehr als charmant – nämlich viel mehr wunderschön – präsentiert sich die Akustik-Version von Euphoria/Nostalgia, bei der Konrad nur durch die Piano-Begleitung durch den Song geleitet wird.
Mittlerweile hat sich auch das langsam eintrudelnde Partypublikum vor der Bühne eingefunden und tritt den Beweis der Tanzbarkeit der Songs an. Westfalen sind nun mal ein seltsames Volk: Sie benötigen einen kräftigen Drink, um ihre Zunge zu lockern und ein paar tänzerische Animateure, um ihre Beinchen zu bewegen. Für den Impuls und die Lizenz zum Rocken sorgen vier schwofende Damen, aus denen bald ein ganzer Pulk wird, der nach den letzten Klängen um Zugaben bittet. Trotz der Wärme durch die tiefhängenden Spots lassen es sich Cargo City nicht nehmen, noch einen Song zum Besten zu geben. Das letzte Lied des Abends ist das traurig-schöne Duett Flowershops In Hospitals, mit dem Simon Konrad und Pianistin Nadine Renneisen den Konzertbesuchern eine letzte Gänsehaut auf die Unterarme zaubern, bevor sie das Publikum in den anschließenden Tempocopter entlassen.
Live-Review: Katja Embacher
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www.myspace.com/cargocity
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Art Brut ist eine der intelligentesten Indie-Bands der Stunde. Ja, immer noch! Besonders ihr Debüt, der Nachfolger und auch ihr neues Werk sind Knalleralben mit Songs, die sich live ganz besonders entfalten.
Auf ihrer neuesten Platte nimmt die Brut es sogar mit dem Teufel selbst auf und rockt mit einer elektrisierenden Portion Individualismus nach vorn. Und nicht umsonst haben Art Brut ihr Studioalbum live in zwei Monaten zusammen mit Pxies-Sänger Frank Black produziert. Diese Energie spürt man und losgelassen wurde sie heute Abend.
Allerdings unter großen Schmerzen, denn Frontmann Eddie Argos hat vor ein paar Tagen einen Bandscheibenvorfall erlitten. "Es war wahrscheinlich Stress und hat sich ganz langsam angeschlichen", sagt Eddie, dem größter Respekt zollt, dass er die Tour, die noch zwei Monate andauern wird, weiter durchzieht. Denn der Schreiber weiß, worum es geht, denn er leidet selbst unter einem Bandscheibenvorfall und verwickelt sich in ein langes Fachgesimpel über Therapiemöglichkeiten. Jeden Tourtag wird Eddie von einem Physiotherapeuten behandelt, erzählt er und trägt seitdem extra einen Wärmering um den Rücken. Sonst ging da auch wahrscheinlich gar nichts. Doch als er auf die Bühne kommt, springt er rauf und runter und unterhält das Publikum in besten Cockney, einigen deutschen Passagen und witzigen Anekdoten über die derzeitige Musikszene. "That's Entertainment" würde Paul Weller sagen. Alcoholics Unamious ist der perfekte Startschuss und der Song kommt live sogar noch rauer rüber, als auf Platte. Nach einem weiteren gelungenen Nag Nag Nag Nag hält sich die Indie-Stil-Ikone zum ersten Mal den Rücken und fängt an zu dem Basslauf zu Modern Art über sein Rückenleiden zu philosophieren. Doch nichts für Ungut, Rock'n'Roll! Oder besser gesagt: "Punk Rock ist nicht tot!" Bei St. Pauli gibt es kein Halten mehr. Massenpogo in den ersten Reihen und selbst die nach Kreuzberg gepilgerten Mittvierziger drehen jetzt richtig auf. Der Schweiß perlt von den Decken und das Berliner Publikum zeigt deutlich seine Hauptstadtqualität. Das ganze eskaliert in dem Killertrack Bang Bang Rock'n'Roll und Eddie scheint weniger auf seine Bandscheiben zu achten. Stimmt, die können jetzt warten, Musik ist bekanntlich die beste Medizin. Also lässt er sich nichts anmerken, erzählt zu jedem Song eine Story und fragt die überragend aufspielende Band "Ready Art Brut!?" Und die sind es mal so richtig. Besonders die beiden Gitarristen Jasper und Ian duellieren sich vorzüglich und geben sich dabei Gitarrenshakes, anstatt spießigen Firm Handshakes, wenn sie gegenseitig ihre Gitarren gegeneinander rammen und spielen, als ginge es um ihr Leben. Jasper macht den Anschein, als würde er jeden Moment zum Stagediving ansetzen und Ian begeistert mit seinem wunderbaren Solospiel und einem beachtlichen Backgroundgesang, der auf dem neuen Album verstärkt eingesetzt wurde. Doch das alles würde nicht so gut laufen, wenn das deutsche Duo Mickey Breyer und Freddy Feedback hinten die Bude nicht so gut dicht halten würden.
Doch zurück zu den Stories und dem eigentlichen Grund, warum Art Brut eine so besondere Band ist, die sich von der Masse abhebt. Was dieser Grund ist? Es sind die witzigen und verspielten Texte, die mit ihrem cockneyschen Sprechgesang so unverschämt gut mit den Punk-Riffs harmonieren. Demons Out ist das beste Beispiel dafür und eine Lehrstunde in Sachen popmusikalischer Rezeption. Eddie Argos holt in diesem Song zum großen Rundumschlag aus: "The record buying public should have been voting" heißt es und Eddie variiert und spielt mit den Textzeilen "Are we human or are we dancer" und "My Sex is on fire" um anschließend die Frage zu stellen, warum man solch bescheuerten Textzeilen schreiben kann und wie man dazu kommen würde, noch Razorlight geil zu finden. Dies ist Erziehung in Sachen Pop und Recht hat der 29jährige. Der Gleichgesinnte Autor lacht sich ein Loch in den Bauch und genau dies ist der Grund, warum die Brut so beeindruckt. Genau, weil sie unterhält.
Direct Hit ist der heimliche Höhepunkt des Abends, der Song gelingt heute so fantastisch, dass man beim Chorus Gänsehaut bekommt und weiß, dass die Band nicht soviel verspricht, wenn sie davon singt, warum dieser Song wirklich ein echter Hit ist. Übertroffen wird's dann letztlich doch mit dem großen Kracher My Little Brother. Eddie hält sich immer wieder den Rücken und bekommt das Handtuch gereicht. Hätte er vielleicht doch lieber den Parker angelassen, wir haben doch vorher noch Tipps ausgetauscht, aber ist halt heiß in Kreuzberg. Dennoch, für die unschlagbaren Zugaben Formed A Band, 18.000 Lira und Post Scoothing Out, das begeistert von den Fans mitgesungen wird, ist noch Kraft. Und nicht nur das, nach dem Konzert wird der Schreiberling, der die letzte Tour mit Band noch die Brut supporten dufte, auf einen Umtrunk Backstage eingeladen, bevor es gemeinsam ins Magnet geht, wo Eddie Argos auf der After-Show-Party noch auflegt und man bis in die Morgenstunden feiert. Geht doch! Vielleicht sollte man gar nicht soviel fachsimpeln...
Live-Review: Marc Philipp Meyer
www.artbrut.org.uk www.myspace.com/artbrut
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Foto: Jenny Schnabel |
Das Wetter ist fast zu schön für ein Konzert. Biergartenlaune und Grillstimmung machen sich breit, als ich das Außengehege der Sputnikhalle betrete - mit Robin Proper-Sheppard im Schlepptau, der so freundlich war, die am Einlass entstandenen Gästelistenprobleme selbst in die Hand zu nehmen. Nach einem äußerst informativen und sympathischen Interview heißt es Beeilung, um den Opener des Abends nicht zu verpassen.
Das Warm-Up für Sophia übernehmen Black Rust aus Ahlen, deren aktuellen Longplayer Medicine & Metaphors der Sophia-Sänger höchstpersönlich produziert hat. Es ist das dritte mal, dass ich die Herren live auf der Bühne bewundern darf - und bin wie immer fasziniert von der wunderschönen Melange aus Akustik-Folk und Pop. Black Rust spielen in der halben Stunde ein herrliches Set aus Balladen wie Song From The Edge Of Bed oder Marlene, die sich mit energiegeladenen Tracks wie New Year's Day oder Heartache. Now! abwechseln. Beendet wird das Ganze mit dem obligatorischen Neil Young-Cover von Rockin' In A Free World.
Nach einer kurzen Umbaupause, in die genau ein Drink und eine Zigarette passen, finden sich Sophia nebst Streichertrio auf der Bühne ein, um ein letztes Mal ihre Instrumente zu stimmen. Es hätte nur einen Line-Check gegeben, erklärt uns später Robin Proper-Sheppard - und fügt grinsend hinzu, dass Sophia sowieso keinen wirklichen Soundcheck benötigen. Ohnehin erweist sich der Mann, der für die Schwere und Melancholie seiner Songs berühmt und berüchtigt ist, als äußerst agil und redselig. Gleich zu Anfang des Konzerts lässt er die Zuschauer an seiner vollen Blase teilhaben. Die Zeit war zu knapp, um noch das stille Örtchen aufzusuchen. Den musikalischen Einstieg geben The Sea und Birds, einige der wenigen älteren Sophia-Tracks, die es auf die Setlist geschafft haben. Der Schwerpunkt des heutigen Abends liegt eindeutig auf dem aktuellen Longplayer There Are No Goodbyes. Von Storm Clouds über Something bis hin zu Sad Dance To Sad Eyes bekommt das Publikum beinahe alles serviert, was Sophia an brandaktuellen Songs zu bieten haben. Nach dem Motto "Darf es sonst noch etwas sein?" bekommt man darüber hinaus auch noch die amüsanten Anekdoten Proper-Sheppards geboten, der mal über seinen lädierten Finger philosophiert und mal ausgelassen das Plakat einer Newcomer-Veranstaltung kommentiert.
Unterstützung erhält der Sänger an diesem Abend nicht nur von seiner Band und den Streichern - auch Ex-Freundin Astrid Williamson ist mit von der Partie, um den Songs durch weibliche Backing-Vocals eine besondere Note zu verleihen. Und spätestens da schleichen sie sich ein, die großen Emotionen. Macht sich bei Signs bereits eine leichte Gänsehaut auf meinen Unterarmen bemerkbar, so steigert sich das Ganze bei I Left You in einen Schauer, der von den Armen über meinen Rücken bis in meine Waden läuft und wieder zurück.
Wer nun glaubt, alles gehört zu haben, der irrt. Sophia lassen es sich nicht nehmen, noch einen Zugabenblock anzuhängen. Findet sich passend zu Hearbreak noch die gesamte Band auf der Bühne ein, so bittet Proper-Sheppard selbige bei Lost wieder höflich, die Bretter, die die Welt bedeuten, zu verlassen. Es sei ein Song, den er am besten fühlen könne, wenn er ihn alleine spielt. Ich fühle nach den ersten Akkorden nur noch den wachsenden Kloß in meinem Hals, als der Mann mit seiner Gitarre und das Streichertrio eine akustische Version des Tracks zum Besten geben, in der ich beinahe zu ertrinken drohe. Auf Obvious folgt The Riversong, das sich gegen Ende zu einer alles umschließenden Wand aus Gitarrenriffs aufschaukelt und die leisen Zwischentöne des Abends regelrecht aus der Sputnikhalle zu fegen scheint. Ein energetischer Abschluss eines großartigen Konzertabends.
Gänsehautgebeutelt aber beseelt mache ich mich auf den Heimweg: Die obligatorische Pall Mall im Mundwinkel und meine Fotografin im Schlepptau, während mir eine Passage von Black Rust durch den Kopf geistert: "All that's left is heartache now, but I admit loving it." Viva La Emotion!
Live-Review: Katja Embacher
Foto-Galerie
www.sophiamusic.net www.myspace.com/sophiacollective
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Foto: Mathieu Zazzo |
Indie-Pop aus Frankreich ist zur Zeit wieder in aller Munde, nachdem die Platzhirschen von Phoenix ein neues Album präsentiert haben. Aktuell versuchen Neimo, aus dem langen Schatten der Vorzeige-Franzosen herauszutreten, und waren deshalb in Deutschland zu Gast.
Was das Tourgeschäft angeht, sind Neimo wohl schon alte Hasen, denn Hektik lassen die Franzosen nicht aufkommen. 30 Minuten vor Stagetime, von der Band keine Spur im Atomic Cafe. Während die Münchner Pardon Ms. Arden schon auf der Bühne stehen, schlendern die vier schließlich Richtung Backstage-Raum, wo sie sich noch kurz Zeit für ein Interview mit mir nehmen. Der Bericht über die Vorband muss an dieser Stelle also entfallen.
Bis Neimo dann auf der Bühne stehen, vergeht noch eine Weile, in der Zwischenzeit füllt sich das Atomic Cafe zusehends. Recht ordentlicher Besuch, was an einem Freitag-Abend aber auch nicht überrascht. Die Franzosen beginnen mit Can You Call Me und legen gleich mit Echoing Pixels nach, beides Songs des aktuellen Albums Moderne Incidental. Klingt gut, Neimo haben live durchaus Potential. Überdeutlich wird aber auch, dass es sich um eine One-Man Show handelt, Sänger Bruno Dallesandro wuselt auf der kleinen Bühne umher, singt, springt und hält das Publikum mit mehr oder weniger sinnhaften Ansagen bei Laune. Die übrigen Bandmitglieder tun, was getan werden muss, machen dabei aber auch keine schlechte Figur. Das Set besteht weitgehend aus Songs von Moderne Incidental. Das macht Sinn, schließlich dient die aktuelle Tour vor allem der Verkaufsförderung des aktuellen Albums. Die Arbeiten am Nachfolger sind aber bereits in vollem Gange, wie die Band beim Interview verraten hat. Schön, dass mit Lines und Something In Common auch die einzigen beiden Songs zum Set gehören, die sich ein bisschen vom schon recht angestaubten Indie-Pop Sound abheben.
Ein gelungener Auftritt, und auch das Münchner Publikum ist zufrieden. Vielleicht können sich Neimo ja im Windschatten von Phoenix auch außerhalb Frankreichs einen Namen machen. Zu wünschen wäre es den sympathischen Jungs aus Paris allemal.
Live-Review: Andreas Kussinger
www.myspace.com/neimo
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Ein langes Osterwochenende, viel Sonne, frühsommerliche Temperaturen, was fehlt da noch zur Perfektion? Ein richtig gutes Konzert natürlich! Schön, dass man am Montag Abend in München das Osterfest zusammen mit The Rifles ausklingen lassen konnte, die im Backstage zu Gast waren.
Irgendwer im Umfeld der Rifles muss Gefallen an Fertig, Los! gefunden haben, denn wie schon 2007 haben sich die drei (oder vier? Je nachdem, wer gerade zur Schauspielschule wechselt oder von dort zurück kommt) Münchner erneut den Platz im Vorprogramm gesichert. Nicht jedermanns Sache, dieser deutschsprachige, etwas kindische Indie-Pop, das Publikum ist aber recht angetan und beschert Fertig, Los! ein rundum gelungenes Heimspiel.
The Rifles lassen zunächst auf sich warten, im prall gefüllten Backstage wird es währenddessen zunehmend enger und heißer. Dann endlich betreten Joel Stocker und Co. die Bühne, offenbar wild entschlossen, ein paar Trommelfelle zum Platzen zu bringen. Es wird nicht einfach nur laut, sondern ohrenbetäubend laut! Das Publikum tut sein bestes, um sich der beeindruckenden Gitarrenwand akustisch entgegen zu stemmen und bereitet den Londonern einen sehr enthusiastischen Empfang.
Die Band eröffnet mit Science In Violence und beweist damit schon beim ersten Song, dass man sich über die Live-Tauglichkeit der neuen Stücke keine Sorgen machen muss. Schnell schießen die Rifles She's Got Standards hinterher und haben die Menge so schon nach wenigen Minuten um den kleinen Finger gewickelt. Um auf Nummer sicher zu gehen, erklären sie kurzerhand München zu ihrer deutschen Lieblingsstadt. Warum dem so ist, haben uns die vier Londoner später im Interview erzählt. Die eher zurückhaltenden Kritiken des neuen Albums zerbröseln live zu Staub, weder qualitativ noch in der Gunst der Fans ist irgendein Unterschied zwischen alten und neuen Songs festzustellen. Potentielle Hits finden sich auf beiden Alben, das Live-Set ist ebenfalls damit vollgepackt. Repeated Offender, The Great Escape und natürlich Peace & Quiet, wer solche Songs hat, gehört zu Recht zu Paul Wellers Lieblingen. Nicht weniger schön sind die Balladen Spend A Lifetime und Narrow Minded Social Club, die für angenehme Verschnaufpausen sorgen. Die Rifles haben ja im Grunde auch nichts anderes zu bieten als viele andere Indie-Pop Bands, trotzdem spielen sie in einer anderen Liga. Melodien und Songwriting sprechen schließlich für sich.
Weil's so schön war, kehren die vier Briten nach einer kurzen Verschnaufpause mit einer Akustik-Version des zuvor schon gespielten Romeo & Julie zurück. Macht Sinn, denn den "Ohoho"-Part des Songs hatte eh noch jeder auf den Lippen. Abgerundet wird das Set schließlich mit The General und natürlich mit Local Boy, danach kann sich die erschöpfte, schweißgebadete Menge glücklich und zufrieden auf den Heimweg machen.
Tolle Show! "We're Pop and fuckin' british" meinte Luke Crowther beim Interview nach dem Gig. Dem möchte man nur noch ein "fuckin' brilliant" hinzufügen! Und was gibt es schöneres, als die Arbeitswoche nach Ostern mit einem leichten Ohrensausen vom grandiosen Vorabend zu beginnen.
Live-Review: Andreas Kussinger
www.therifles.net www.myspace.com/therifles
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Foto: Govert de Roos |
In Holland sind sie bereits seit zwei Jahren Stars mit Gold-Status, Paul Weller adelte die Amsterdamer Band, indem er sie mit auf Tour nahm und auch Karl Lagerfeld ist begeistert und lieferte die schnittige Garderobe. Keine schlechten Vorschusslorbeeren für eine Gruppe, die, abgesehen von der gelegentlichen Erwähnung in Paul Weller-Konzertberichten, hierzulande noch kaum in Erscheinung trat. Jetzt soll es auch im restlichen Europa mit dem Durchbruch klappen. Um das bereits 2007 in den Niederlanden erschienene Album Shorland auch hier an den Mann zu bringen, gaben Moke ein paar Konzerte in Deutschland. Vergangene Woche waren sie auch in München zu Gast.
Das 59:1 ist für Montagabend recht ordentlich gefüllt. Neonfarbene Leggings sucht man allerdings vergebens, dafür sieht man umso mehr Grau auf den Köpfen der geneigten Zuhörer. Die fünf Holländer, alle selbst schon seit geraumer Zeit jenseits der 30 Lenzen, ziehen also ein anderes Publikum an als die Indie-Bands, die sonst so durch Deutschlands Clubs touren.
Nach einem mehrere Minuten langen Intro betreten Moke schließlich die Bühne und das Ganze wirkt spontan wie eine Brit-Pop-All-Star-Band. Ian Brown, Liam Gallagher, Tim Burgess, zumindest die Frisuren der alten Helden sind allesamt vertreten. Zumindest ein Bandmitglied muss den Briten aber nicht spielen, schließlich wuchs Sänger Felix Maginn im nordirischen Belfast auf. Eine Jugend im Belfast der 80er Jahre, klar dass sich der Nordirland-Konflikt auch in den Texten wieder findet. Musikalisch machen die Möchtegern-Mancunians keinen Hehl aus ihrer geistigen Heimat. Manchester, oder genauer gesagt Madchester, schwingt bei jedem Song mit. Während die meisten Songs auf Platte eher im Balladenkleid vorgetragen werden, erinnern sie live erfreulicherweise doch recht deutlich an die Stone Roses und Konsorten. Natürlich ist das nicht besonders originell, klingt aber verdammt gut. Man kann darüber streiten, ob Moke wirklich eine Holländische Band sind. Im Grunde steht und fällt alles mit der Stimme und Ausstrahlung des nordirischen Frontmannes, was die Leistung der übrigen Bandmitglieder aber keineswegs schmälern soll. Besonders in Erinnerung bleibt eine sehr ausgedehnte Version von Here Comes The Summer, bei der Moke wirklich beweisen, dass sie ganz gut bestehen hätten können auf der Machester-Rave-Welle. Highlight des Abends ist aber eine grandiose Coverversion von Depeche Modes Enjoy The Silence, das, wen wundert's, im Original 1990 in die Plattenläden und von dort aus an die Spitze der Charts wanderte.
Das Set bietet, abgesehen von den genannten Höhepunkten, wenig Spektakuläres und wird sehr routiniert abgespult. Felix Maginn hält sich mit Ansagen vornehm zurück, lediglich die Trinkfestigkeit seines Vaters ist ihm eine Erwähnung wert. Eben jenem hat er nämlich die schöne Ballade The Long Way gewidmet. Eine Zugabe, dann ist Schluss. Für den ganz großen Erfolg sind Moke wohl leider etwas zu spät dran, aber vielleicht klappt's ja noch mit einer kleinen, internationalen Karriere. Ansonsten bleiben ihnen ja Amsterdam und Paul Weller, der wohl auch in Zukunft noch mit ihnen ein Bier trinken gehen würde. Das ist ja auch nicht so schlecht.
Live-Review: Andreas Kussinger
www.mokemusic.com www.myspace.com/mokemusic
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Foto: Pressefoto |
Vor wenigen Monaten waren sie noch mit James Blunt auf Tour und spielten vor bis zu 10.000 Leuten. Mittlerweile sind sie wieder in ihrer eigenen Welt angekommen und müssen sich mit der deutschen Clublandschaft zufrieden geben. Aber immerhin, nachdem The Bishops im vergangenen Jahr noch im halb gefüllten Backstage Club aufgetreten waren, werden sie jetzt von deutlich mehr Interessierten im 59:1 erwartet.
Rein äußerlich hat sich nicht viel verändert, Mike und Pete Bishop stehen wie gehabt mit Pilzkopf und im feinen Zwirn auf der Bühne, während Drummer Chris McConville mit seiner blonden Mähne und T-Shirt wie immer den Kontrast zu den Beiden bildet. Sehr zur Freude der drei Briten befinden sich im Publikum zwar augenscheinlich keine James Blunt Anhänger, die sie für sich gewinnen konnten, dafür aber viele wahre Fans, die nahezu alle Texte mitsingen können. Auf der Bühne zeigen The Bishops dann auch, dass sie auf der Kuschelrock-Tour den Rock'n'Roll nicht verlernt haben. Die Energie, die sie auf dem neuen Album etwas vermissen lassen, ist live nach wie vor im Übermaß vorhanden. Da die Bühne für größere Ausflüge zu klein ist, tanzen die Gebrüder Bishop eben hinter dem Mikrofon. Und Headbangen funktioniert auch mit Pilzkopf, wie Bassist Pete Bishop beweist. Da muss irgendwann sogar das Sakko dem Bewegungsdrang weichen und landet hinter den Verstärkern.
Das Set bietet eine gelungene Mischung aus Songs des grandiosen Debütalbums sowie Material des jüngst erschienenen Folgealbums For Now. Klar, die Lieder des Erstlingswerkes sind Selbstläufer, schließlich wurden sie 2007 und 2008 im pausenlosen Tourgeschäft ausgiebig getestet. Die Fans sind zur Stelle, und The Bishops wissen, welche Ohrwürmer sie da auf Platte gepresst haben. Die aktuellen Songs stehen, zumindest live, den älteren Liedern in nichts nach. Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass die drei Briten auf der Bühne keine andere Chance haben, als sich auf das zu konzentrieren, was sie sind und was ihre Musik ausmacht. Eine klassische drei Mann Band. Gitarre, Bass, Schlagzeug. Keine Experimente mit anderen Instrumenten, die live nicht unbedingt vermisst werden.
Nach einer guten Stunde, Zugabe inklusive, ist das Spektakel dann zu Ende. Live sind The Bishops unschlagbar. Bleibt zu hoffen, dass sie auch in Zukunft das ein oder andere Mal in Deutschland vorbeischauen.
Live-Review: Andreas Kussinger
www.thebishopsband.com www.myspace.com/thebishopsuk
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Nach gefühlten zwei Stunden Langeweile und Frust, ausgelöst durch den Support der Berliner Band Kissogram - die sich anscheinend dachten, hey wir springen auf die Elektro-Welle auf, mixen Justice mit den White Stripes und fügen eine eklektische Mischung aus Joy Division, Kraftwerk und Balkan-Pop hinzu, für die wir noch nicht mal einen Bassisten benötigen - betreten Franz Ferdinand nach halbstündiger Umbaupause das ausverkaufte und proppevolle Palladium. Einige im Publikum waren da schon richtig sauer gefahren, denn man wollte doch endlich loslegen mit der Tanzerei.
Dafür gab es ab 21.15 Uhr allen Grund. The Dark Of The Martinée ist der erste Song und die Menge tobt. Punktgenau auf den ersten Gitarrenakkord springen jung und alt und in der Mitte bildet sich der erste Pogohaufen. Unglaublich, denn soviel Hüpferei und Gedränge gibt es sonst nur bei Oasis-Konzerten. Allerdings steht die Nichts-Tuerei den Franzen nicht so gut. Alle bis auf den in Bayern aufgewachsenen Nick McCarthy scheinen noch nicht ganz auf der Bühne angekommen zu sein. Natürlich ist da Bob Hardy außen vor, denn der hat noch nie viel gesagt und getanzt. Aber es verwundert schon, wie steif sich Alex Kapranos bewegt und dass sich der Ausnahmedrummer Paul Thomson im zweiten Song Do You Want To sogar Timing-Schwankungen erlaubt. Nichts desto trotz: Köln ist begeistert. Die meisten bekommen auch nichts mit von der steifen Brise, denn sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, einen Kreis zu bilden und sich darin wie bescheuert hin und her zu schubsen. Kein paar Minuten nach Beginn, flüchten erste Fans auf die Außenbahnen und halten sich die Nase. Besonders junge Mädels flüchten. Soviel Euphorie hatten sie nicht erwartet. Nüchtern betrachtet ist No You Girls nicht nur der erste Song der unschlagbar guten neuen Platte, sondern auch der erste gut gespielte Song heute Abend. Dieser steigert sich von nun an allerdings mit jedem Song.
Nach dem wunderbar einfühlsamen Walk Away, das lautstark von 3000 mitgesungen wird, taut auch Alex Kapranos auf und geht mit einem gekonnten Hüftschwung in ein schmissiges The Fallen. Was an dieser Stelle besonders begeistert, ist die Improvisation der Franzen, die jetzt wunderbar klappt. So werden die Stücke mit neu eingefügten Gitarren-Riffs und richtigen Rock'n'Roll-Soli geschmückt. Ganz ehrlich, so hat man Kapranos noch nicht Gitarre spielen hören. Er mutiert heute Abend vom Einschläfer zur Rocksau und spielt gegen Ende des Konzerts seine Gitarren-Soli sogar Hendrix-like hinterm Rücken. Abgefahr'n! Auf Take Me Out hat sich wohl jeder schon gefreut. Ebenso abstrus ist die Tatsache, dass die Nummer schon als siebtes Stück gespielt wird. Aber nötig war es, denn ab dem Song wacht die Band erst richtig auf und gibt Vollgas. Turn It On ist der helle Wahnsinn. Schon auf Platte ein Hit, ist der Song live unschlagbar und bildet zusammen mit Bite Hard und Michael den absoluten Höhepunkt des Abends. Beeindruckend ist auch die heutige Leinwandshow. Im Hintergrund laufen nicht nur psychedelische Bilder ineinander, sondern Bandmitglieder und Publikum werden in den verschiedensten Perspektiven und Zeitspannen live auf die Leinwand projiziert und bildgewandt bearbeitet. Köln ist verzaubert und völlig aus dem Häuschen. Unglaublich, wie man sich derart steigern kann, denkt sich der Schreiber und staunt immer noch darüber. Die vorerst letzte Nummer ist Ulysses und während im Hintergrund das Video läuft, spielen die Schotten "superfantastisch".
Das sehnsüchtig erwartete Darts Of Pleasure wird allerdings nicht als Zugabe gespielt. Das ist jetzt aber auch egal, denn die vier Zugaben strotzen nur so vor Leidenschaft und Energie. Wer jetzt dachte, dieser Abend kann nicht mehr gesteigert werden, der wird eines Besseren gelehrt. Nick McCarty und Alex Kapranos duellieren sich bei What She Came For in zackigen Gitarrensoli und sogar der stille und bewegungsarme Basser Bob Hardy versucht sich einiger Tanzschritte. Zum Schluss von Outsiders gerät die Band in völlige Ekstase, als sie sich um Paul Thomsons Schlagzeug versammelt und gemeinsam darauf eindrischt. Nichts da Schwiegersohn-Romantik, Rock'n'Roll! Völlig begeistert, wünscht sich die Menge das experimentelle Lucid Dreams und wird mit einem sympathischen Moog-Synthie-Wabern belohnt. Man hat es nicht für möglich gehalten, aber Franz Ferdinand bringen anhand von zwei alten Synthesizern das Elektro-Ending authentisch rüber. Live ist das noch packender, als auf Platte. Eine angenehme Symbiose aus Psychedelic und Elektro erfüllt den Raum. Die Franzen waren schon immer wegweisend. Dieser Song zeigt warum. Franz Ferdinand haben sich in einen echten Rausch gespielt. Bei This Fire brennt die Bude und Alex Kapranos springt wie ein Duracell-Männchen durch die Gegend. Geht doch!
Setlist: 01: The Dark Of The Matinée 02: Do You Want To 03: No You Girls 04: Walk Away 05: The Fallen 06: Live Alone 07: Take Me Out 08: Turn It On 09: 40’ 10: Bite Hard 11: Michael 12: Ulysses Zugaben: 13: What She Came For 14: Outsiders 15: Lucid Dreams 16: This Fire
Live-Review: Marc Philipp Meyer
www.franzferdinand.co.uk www.myspace.com/franzferdinand
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In letzter Zeit war es still um Maximo Park geworden. Doch die fünf Jungs aus Newcastle haben sich keineswegs auf ihrem Lorbeeren ausgeruht und sich ein Brown Ale nach dem anderen hinter die Binde gegossen, sondern waren äußerst fleißig und haben an ihrem mittlerweile dritten Studioalbum gearbeitet. Im Mai soll das Werk erscheinen. Zuvor luden die allseits geliebten Charming Men des Indie-Pops Gönner und Fans zur fachlichen Abnahme ein. Im Rahmen einer kleinen Clubtour waren sie deshalb auch in der Registratur zu München zu Gast.
München war schon immer ein gutes Pflaster für Maximo Park, daran wird sich voraussichtlich auch in Zukunft nichts ändern. Wie gewohnt waren die Tickets nach wenigen Tagen vergriffen. Aus Erfahrung weiß man, dass Paul Smith und Co. ihr wahres Potential vor allem in kleinen Clubs abrufen können. Auf die sicher stattfindende Hallentour im Herbst wartet man also besser nicht.
Zweifel daran, dass es nur und ausschließlich darum geht, das neue Material zu bewerben, gibt es von Beginn an nicht. Die fünf Newcastler starten mit einem neuen Song namens The Kids Are Sick Again, legen aber gleich Our Velocity nach, um das ans Mitsingen gewöhnte Publikum nicht allzu lange warten zu lassen. Der erste Eindruck: Paul Smith ist ganz der alte, mit Melone auf dem Kopf und energiegeladen wie ein Duracell-Häschen auf Speed. Lukas Wooller gewohnt originell beim bedienen des Keyboards, wenn auch nicht ganz so akrobatisch wie schon einmal gesehen. Die übrigen drei Herren zuverlässige, fehlerfreie Statisten in der Show der anderen beiden. Am Bandgefüge hat sich also nichts verändert. "Never Change A Winning Team" eben. Das folgende Set erinnert in der Tat eher an ein Showcase fürs neue Album als an ein gewöhnliches Konzert. Neues Material und alte Songs im Wechsel, wobei gut die Hälfte des Sets aus neuen Melodien besteht. Diese überraschen nicht wirklich, alles klingt sehr nach Maximo Park, kein Stilwechsel in Sicht. Wozu auch? Ein neues Apply Some Pressure findet sich nicht darunter, aber das konnte man auch nicht erwarten, aber viel hörenswertes, das sowohl qualitativ als auch stilistisch an Our Earthly Pleasures erinnert. Die Zuhörer nehmen es wohlwollend zur Kenntnis und feiern alte wie neue Songs ausgelassen. Paul Smith vergisst seine guten Manieren nicht und ist außerordentlich nett zum Publikum. Ein gutes Konzert, tolle Show, gute Stimmung, kein Haar in der Suppe, bis Maximo Park schließlich nach einer knappen Stunde von der Bühne gehen und ihr Publikum etwas ratlos zurücklassen. Keine Zugabe? Gab's das schon mal bei Maximo Park? Die Hoffnung stirbt schließlich, als Licht und einsetzende Rausschmeißermusik unmissverständlich zum Gehen auffordern. Schade.
Zum Abschluss gab's immerhin Apply Some Pressure, schon allein das wäre vielen das Geld für die Karte wert gewesen. Außerdem hat man jetzt richtig Vorfreude auf das neue Album! Und kann ja vielleicht doch in Erwägung ziehen, die große Herbsttour zu besuchen.
Live-Review: Andreas Kussinger
www.maximopark.com www.myspace.com/maximopark
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Genau zwei Monate vor Release der neuen Rakes-Scheibe, spielen die Londoner Harken zusammen mit einer weiteren futuristischen Hammer-Kapelle und einem genialen Laptop-Singer-Songwriter eine kleine Special-Tour und geben so einen Vorgeschmack auf ihr neues Werk, welches komplett innerhalb von zwei Wochen im Osten Berlins aufgenommen wurde. (siehe Interview). Und so viel sei vorweg gesagt: The Rakes sind in Bestform! Und das ist gut so. Was die Zuschauer heute Abend in einer "Üblen und Gefährlichen" Kulisse in einem gewissen Hamburger Bunker um die Ohren gehauen bekommen, ist der reine Wahnsinn. Cooperative Music haben für diesen Event mal locker drei ihrer modernsten Acts zusammen auf die Bühnen gehievt. Denn nicht nur The Rakes überzeugen mit einem fantastischen Livekonzert.
Schon beim Soundcheck der anderen beiden Acts wird klar, dass dieser Abend ein Viel versprechender werden wird. So ist es der sympathische Nerd James Yuill, der mit Akustikgitarre, Lapotop und einem unglaublichen Sammelsurium an Synthies und Effekten auf die Bühne kommt und sich prompt erstmal für sein Erscheinen entschuldigt: "Hello, ähm, sorry, I'm James Yuill". Seine Bescheidenheit ist nicht gespielt und unglaublich sympathisch. Wer jetzt allerdings denkt, seine folgenden Singer/Songwriter-Songs seien so langweilig wie diese Ansage, dann weit gefehlt. Denn wenn die Musi erstmal spielt, geht der zuvor noch so nüchterne Yuill in die Vollen und haut dem Publikum fette Tanzflur-Beats um die Ohren, zu denen er wild seine Matte schüttelt und immer wieder seine Brille zurechtrückt. Das Publikum im ausverkauften "Übel und Gefährlich" lauscht gebannt und wird mit zarten Gitarrenklängen zu futuristischen Beats und einer einfühlsamen Stimme belohnt. She Said In Jest ist Yiulls heutiges Highlight. Der Song klingt vor Publikum noch faszinierender als beim Soundcheck. Diesem Typen gehört das neue Genre der Folk-Electronica. Wer hätte gedacht, dass Computer-Nerds so cool sind.
Gesteigert wird dieser Abend jetzt noch mit der ganz neuen "Joy-Division-Meets-New-Modern-Electro-Rock-Kapelle" The Filthy Dukes aus London. Was die fünfköpfige Band hier heute Abend auf die Beine stellt, ist DAS NEUE DING! Ja, ich weiß, ich lehne mich jetzt weit aus dem Fenster, aber ich prophezeie jetzt einfach mal, dass diese Band, spätestens, wenn ihr Debüt am 16. März erscheinen wird, für Furore sorgen wird. Warum? Weil sie den Nagel der Zeit auf den Kopf treffen und mit ihrer Fusion aus tanzbaren Rock und verspielten Electro-Beats für den nächsten "New-Rave-Electro-Schieß-Mich-Tot-Und-Ist-Mir-Auch-Egal-Aber-Klingt-Gut-Hype" sorgen könnten! So unscheinbar die Jungs noch am Nachmittag wirken, auf der Bühne haben sie eine enorme Präsenz. Das Hamburger Publikum ist von diesem neuen Sound erstmal so geblendet, dass für kurze Zeit überlegt wird, ob das jetzt geil ist, oder nicht, denn die Alternative-Pop-Rap-Rock-Hip-Hop-Indie-Electronic-Dance Filthy Dukes mixen zunächst mal zuviel fürs Gehirn. Aber spätestens nach dem dritten Track und der klaren Ansage "Come On, Hamburg, Dance" verwandelt sich das "Übel und Gefährlich" in einen Tanzschuppen. Bei einigen Stücken sind die eklektischen Joy-Divison-Reminiszenzen natürlich nicht zu überhören, aber dennoch, der Mix macht die Musik und diese Band verspricht viel. Ich bin gespannt.
Nach fast zwei gefühlten Stunden und langwierigen Umbaupausen stehen nun endlich die Rakes in akkurat modes-ker Garderobe auf der Bühne und Alan Donohoe mutiert erneut zum Ian Curtis. Hat der Pillen genommen? Der war doch beim Interview noch so ruhig und entspannt. Egal, ein großes "Haaaallllllooooooo Hamburg" und auf geht's mit dem neuen Song You're In It. Gleich der erste neue Song macht neugierig auf das neue Album KLANG und erinnert mit seiner roughen Spielart eher an die alten Rakes-Gassenhauer. So wird dem neuen Song gleich Retreat nachgeschmissen und Hamburg ist aus dem Häuschen. Die mittleren Reihen bemühen sich im Massen-Pogo, hinten wird getanzt, am Rand knutschen zwei junge Mädels wild herum und an der Seite nimmt RTL die Show live auf. So viel Publicity muss sein. Das haben sich die Rakes verdient. Spätestens das folgende We Danced Together beweist warum. Dies ist ein verrückter und unglaublich sympathischer Abend. Die Stimmung ist ausgelassen und die Rakes sind in bester Spiel- und Spaßlaune. So flachst Alan mit dem Publikum, versucht sich vorwiegend in minimalistischen deutschen Ansagen und das Zusammenspiel von Jamie, Matt und Lasse scheint noch besser und energetischer geworden zu sein. Die Setlist heute Abend ist sehr gut und so gibt es die besten Songs von 10 New Messages und Capture/Release. Dazu spielen die Rakes sechs neue Stücke. Die erste Single 1989 zeigt die maximale Energie dieser Band und die Songs The Woes Of The Working Women und The Light From Your Mac zeigen die deutliche Weiterentwicklung der Rakes, die bei diesen Songs ihren typischen Sound mit feinen Gitarrenlicks, einem anmutigen Piano und den nötigen Melodiewürmern schmücken. Das Highlight dieses Abends ist sicher das neue Stück That's The Reason welches nach einem famosen The World Was A Mess, But His Hair Was Perfect die erste Zugabe einleitet. Wie jetzt, ein wichtiger Song fehlt? Ja, aber Strasbourg ist die ersehnte letzte Zugabe.
Fazit: Maximale Ekstase, drei super Acts und ein berauschendes Finale. Was will man mehr? Kauft die Yuill-Platte, freut Euch auf die nächsten Alben der Filthy Dukes und der Rakes und fahrt auf die Konzerte. Es lohnt sich!
Live-Review: Marc Philipp Meyer
www.therakes.co.uk www.myspace.com/therakes
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Foto: Jenny Schnabel |
Eineinhalb Jahrzehnte ist es schon her, dass fünf Jungs aus Manchester, die sich nur für die Spiele von Man-City und noch ein bisschen mehr für Musik interessierten, den Rock'n'Roll neu erfanden. Heute sind von den fünf nur noch zwei übrig geblieben, der Name der Band, ohnehin nur mit dem Nachnamen der beiden Veteranen untrennbar verbunden, ist immer noch der selbe – Oasis, gehasst, geliebt, dazwischen geht nicht. Auch daran hat sich nichts geändert. Mittlerweile sind die Herren Gallagher Familienväter, die letzte Bühnenschlägerei ist fast vergessen, und Machester City gehört einem ausländischen Finanzinvestor – Trotzdem haben sie im vergangenen Jahr ein neues Album veröffentlicht und sich auf die Reise gemacht, um irgendwann 2009 die größte Tour der Bandgeschichte zu ende gespielt zu haben. Am 16. Januar führte sie der Weg nach Hamburg, und wir waren dabei. Still mad fer it!
Alsterdorfer Sporthalle – Das klingt für nicht mit der Örtlichkeit vertraute, weit angereiste Fans mehr nach Freizeit-Fußballturnier denn nach Cigarettes & Alcohol. Vor der Halle angekommen kann man dann zwar keinen alten Herren beim Fußballspielen zusehen, wohl aber eifrigen Leichtathleten, die in der benachbarten Trainingshalle Räder schlagen, am Reck turnen oder an ihrer Sprintschnelligkeit arbeiten, während die ersten Oasis Fans sich vor den Einlassschleusen mit Kippe und Bier die Beine in den Bauch stehen. Drinnen angekommen herrscht tatsächlich Sporthallen-Flair, statt Leistungssportlern trifft man aber eine lustige Mischung verschiedenster Menschen. Da sind deutsche Liam Look-a-Likes und kahl geschorene Engländer, ein paar ergraute Mods und sehr viele Mittdreißiger mit Bauchansatz – 15 Jahre im Rock'n'Roll Geschäft gingen auch an den Fans nicht spurlos vorüber.
Bevor Oasis die Bühne betreten, schicken sie die Kinder aus der Nachbarschaft auf die Bühne. Twisted Wheel, ebenfalls aus Manchester, klingen in guten Momenten wie The Jam und in schlechten wie eine Schüler-Punkrockband aus Neumünster, können aber zumindest mich mit ihrem recht kompromisslosen, antiquarischen Punksound überzeugen. Beim Rest des Publikums halten sich die "Buh"- und "Oasis" Rufe in etwa die Waage mit Beifallsbekundungen, der mit Abstand größte Teil der Oasis Fans nutzt die verbleibende Zeit jedoch lieber, um sich mit Bier zu versorgen. Vielleicht sind einige auch neidisch auf München, immerhin werden dort Glasvegas den Abend eröffnen.
Um Punkt 21:00:02 Uhr erlöschen die Lichter und Oasis betreten zu den Klängen von Fucking In The Bushes die Bühne und werden empfangen vom obligatorischen Becherhagel. Alles wie immer also, zum Glück, denn auch der wohlige Gänsehaut-Schauer bleibt nicht aus. Bei Rock'n'Roll Star kommen die angesprochenen Mittdreißiger zum Zug, die lautstark mitsingen und ihrer Jugend nachtrauern. Lyla und The Shock Of The Lightning, die Hits der neuen Zeit, überzeugen schließlich auch die jüngeren Fans, die 1994 noch Die Prinzen und Die Ärzte hörten. Bei Cigarettes & Alcohol sind schließlich alle lautstark mit dabei, der gemeinsame Nenner aller Generationen von Oasis-Fans. Das übrige Set bietet keine Überraschungen, die echten Fans hatten sich ohnehin schon im Vorfeld die Setlisten vergangener Konzerte besorgt. Gerüchte, wonach The Importance Of Being Idle zugunsten von Half The World Away aus dem Programm fliegt, stellen sich als falsch heraus. An B-Seiten aus der guten alten Zeit mangelt es dennoch nicht, Noel gibt The Masterplan zum Besten, abgerundet wird das Konzert natürlich von I Am The Walrus. Über die Auswahl der Songs vom aktuellen Album kann man streiten, statt Bag It Up und The Turning bekommt man, neben dem wunderbaren I'm Outta Time, Ain't Got Nothin' und To Be Where There's Life zu hören.
Oasis bieten eine tolle Show, absolut professionell, die Posen wurden über Jahre hinweg perfekt einstudiert und werden auf den schmalen Leinwänden über den Köpfen der Band mit Nahaufnahmen perfekt in Szene gesetzt. Das Publikum ist zur stelle und bildet den würdigen Rahmen für die Gallaghers, die für den oft beschworenen Rock-Olymp schlichtweg zu cool sind. Nach wie vor. Liams Stimme ist eine Katastrophe, aber nachdem man die Hoffnung, dies würde sich jemals wieder ändern, schon etwa 2001 aufgegeben hat, fällt dies nicht weiter ins Gewicht. Ansonsten gibt er sich sprichwörtlich zugeknöpft, dicker Mantel und Schal bleiben bis zum letzten Akkord am Körper. Ein bisschen gespielte Empörung über die Bühnentechnik und die Einstellung der Monitore, die üblichen "This One's for The Ladies" Ansagen und eine kleine Autogrammpause während eines Gitarrensolos reichen, um sich der Gunst des Publikums sicher zu sein. Noel gibt sich gut gelaunt und einigermaßen redselig, bei seinen Soloparts gewohnt genial – Vor allem Falling Down entpuppt sich auch live als bester Song des neuen Albums. The Masterplan und Don't Look Back In Anger gehören ebenfalls zu den grandiosesten Momenten des Abends. Neu hinzugekommen ist Schlagzeuger Chris Sharrock, der mit seiner wirklich furiosen, sehr sehenswerten Spielweise nicht nur klanglich, sondern auch visuell überzeugt. Ja, und die anderen beiden? Gem Archer steht so weit am Bühnenrand, dass man ihn schon beinahe für einen Roadie halten könnte, Andy Bell kaut Kaugummi. Mehr gibt's dazu eigentlich nicht zu sagen.
Highlights des Abends? Viele, sehr viele. Slide Away ist immer noch so schön, dass es weh tut, Don't Look Back In Anger, gesungen von 5000 Fans und von Noel auf der Akustikgitarre begleitet, sorgt zuverlässig für Gänsehaut und ehrfürchtiges Staunen. Wonderwall beschert schließlich auch den Mädchen auf den Tribünen einen gelungenen Abend. Alle sind also zufrieden. Alle? Bis auf die Leichtathleten, die, entnervt angesichts der rauchenden, trinkenden und Parkraum wegnehmenden Eindringlinge in ihr Reich, wohl so gar nicht verstehen können, wie man anno 2009 noch so verrückt nach Musik des vergangenen Jahrzehnts sein kann. Aber ich hab Freitag-Abends auch besseres zu tun als Reckturnen!
Live-Review: Andreas Kussinger
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Es ist proppenvoll im Bielefelder Forum. Andrea Kellerman, besser bekannt als Firefox AK, steht bereits mit ihrer Band auf der Bühne. Die kleine Dame sprüht förmlich vor Energie. Beobachtet von Ehemann Rasmus, verschmilzt sie direkt aus der 80ern-Kiste gekramte Disco-Beats mit klassischer Pop-Catchyness. Runde zehn Minuten reichen, um zu sagen: "Die kann was". Und schwups, ohne ein Wort des Abschieds, ist die Schwedin auch schon wieder auf und davon. Der Platz auf der Bühne muss für die Deutschen freigemacht werden. Für die Band von um die Ecke. Münster. Münster. Immer wieder Münster. Dieses Mal kein Indie aus der Fahrradstadt, sondern Post-Metal. Warum Long Distance Calling hier im Line-up auftauchen, ist rätselhaft. Harte Instrumentalmusik inklusive ausufernder Auf- und Abfahrten mag doch eigentlich nicht so recht zum Rest des Abends passen. Und doch kommt ihr epischer Breitwandsound zwischen brutalen Riffs und psychedelisch-ruhigen Elementen durchweg gut an.
Ein guter Einstieg für den Mainact des Abends sind 10minütigen Klopper allerdings nicht unbedingt. Erwartet man doch nun düstere und emotionale Singer-/Songwriter-Perlen. Das Soloprojekt Tiger Lou hat sich mittlerweile zur Band gemausert. Und um diesem Fakt Tribut zu zollen, spielt Herr Kellerman alle zehn Songs vom aktuellen Album A Partial Print von Vorne bis Hinten durch. Ob das jetzt kreativ sein soll, darüber mag man streiten. Die (vor allem männlichen) Anwesenden mögen es und feiern zu Kirchenorgel, Geige und verstörendem Electronica-Gefrickel aus dem MacBook. Dass diese Musik von Schwermut geprägt ist, scheint keine Rolle zu spielen. Man freut sich einfach Tiger Lou nach langer Abwesenheit mal wieder bei sich zu haben. Einige Menschen im Hintergrund freuen sich allerdings doch mehr auf die anschließende Party mit fröhlicheren Tönen. Tiger Lous Versuche Tränen zum Fließen zu bringen verpuffen hier im Nichts. Man sitzt, starrt an die Wand und langweilt sich ganz schlicht. Denn so melancholisch-tragisch das Duett The War Between Us zwischen den beiden Kellermans auch anmuten mag, der Funke springt nicht über.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.tigerlou.net www.myspace.com/tigerlou
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Müssen alle mit dies ist der Titel des allseits bekannten und beliebten Samplers des Hamburger Indie-Label Tapete. Mittlerweile hat die fünfte Ausgabe des Silberlings den Weg in die heimischen Plattenläden gefunden. Den Weg in die Heimat haben auch Samba gefunden, um gemeinsam mit Delbo stellvertretend für alle anderen Tapete-Künstler im Münsteraner Amp Müssen alle mit live zu promoten.
Münster selbst hat den Titel des Samplers leider nicht wörtlich genommen: Es ist verwunderlich, dass sich bei einer Band wie Samba so wenig Menschen in der ehemaligen Bananenreiferei eingefunden haben. Gehören die Herren, die sich nach dem Klassiker unter den Adidas-Sneakers benannt haben, doch zum Urgestein der Domstadt. Vielleicht liegt es daran, dass der stadtbekannte Club "Jovel" seine Pforten von Neuem geöffnet hat, vielleicht auch daran, dass laut Sänger Stenerts Aussage mittlerweile Elektro-Sounds den Gitarren in Münster den Vorzug geben. Diejenigen jedenfalls, die sich ins Amp begeben haben, bekommen einen herzerwärmenden Konzertabend präsentiert.
Opener des Abends sind Delbo. Das Berliner Trio bestehend aus Daniel Spindler (Gesang, Bass), Tobias Siebert (Gitarre) und Schlagzeuger Florian Lüning gehört zu den musikalischen Tausendsassas der hiesigen Szene. Spindler ist Mitbegründer des Sinnbus e.V., aus dem mittlerweile das Label Sinnbus Records hervorgegangen ist, Siebert ist neben seiner Tätigkeit bei Delbo auch bei den Indie-Poppern von Klez.e. umtriebig. Vielfältig ist auch der Sound von Delbo: Gitarrenverzerrer treffen auf vertrackt-reimlose Lyrics und bilden eine eigenwillige Symbiose, die zur Polarisierung aufruft. So auch an diesem Abend: Irriertierte Blicke bei den einen, anerkennendes Kopfnicken und Mitwippen bei den anderen.
Die Ansagen des Trios sind spärlich, man konzentriert sich auf das Wesentliche: Die Musik. Mich persönlich kann die Melange aus weltschmerzgeprägten Texten und verzerrergeschwängerten Gitarrenriffs leider nicht auf seine Seite ziehen. Ob es an der Kryptik der Texte liegt, an den Disharmonien oder eben einfach an der Mischung aus beidem kann ich nicht ausmachen. Fakt ist, dass selbst textlich gut gestrickte Tracks wie Apricot oder Saldo auch nach einer Dreiviertelstunde Delbo nicht an mich gehen wollen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als auszuharren und auf die Umbaupause zu warten, die das Erscheinen von Samba einläutet.
Um elf Uhr ist es soweit: Samba betreten die Bühne. Frau ist gespannt. Seit dem letzten Konzert der Herren hat sich einiges getan: Sänger Stenert hat die heimischen Gefilde verlassen und ist ins schöne Hamburg abgewandert, an der Gitarre zupft neuerdings Gregor Schenk die Saiten und hinter dem Schlagzeug findet sich nun Ex-Wolke-Drummer Jörn Brucker. Die Umbesetzung funktioniert reibungslos. Samba spielen routiniert wie eh und je. Überwiegend sind es Stücke des aktuellen Longplayers Himmel für alle, die das Münsteraner Publikum an diesem Abend geboten bekommt. Egal, ob Bürgersteig in deiner Nähe, Über den Rhein, Küss mich für immer, Liebe kommt zurück oder Es gibt - beinah das gesamte Album findet Platz im Set.
Dazwischen erfreuen Samba das Publikum mit Klassikern wie dem Trio-Cover Kummer, Feuerwehr Pizzaservice oder FCKW - Songs, mit denen man die sympathischen Münsteraner seinerzeit kennen und lieben gelernt hat. Grüße aus den Kolonien hat es wie immer in den Zugabenblock geschafft, ebenso wie 52 Stunden nicht geschlafen. Die heimelige Atmosphäre wird gegen Ende des Konzerts durch die nach und nach eintrudelnden Partygäste gestört, die sich wegen des anschließenden Fiebertanzes zum alten Güterbahnhof begeben haben und mit der Band auf der Bühne dementsprechend wenig bis gar nichts anfangen können. Es wird gedrängelt und geschubst vor der Wohnzimmerbühne - mit dem Ziel, fünf Minuten lang Maulaffen feilzuhalten und sich dann schulterzuckend Richtung Theke zu begeben.
Man selber harrt aus, lauscht auch noch den letzten Klängen des Quartetts, um sich anschließend in die obige Raucherlounge zu begeben. Sich nach guten zwei Stunden des Stehens gemütlich mit einer Zigarette zu setzen, während die Partygäste unten die Tanzfläche entern. Kuschelig war's, gemütlich - nur hätten beide Bands an diesem Abend deutlich mehr Zuschauer verdient gehabt. Schade. Bleibt zu hoffen, dass der Elektro-Wahn in Münster-Rock-City bald wieder einer Liebe zu Stromgitarren weicht.
Live-Review: Katja Embacher
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www.samba-pop.de www.myspace.com/sambapop www.delbomat.de www.myspace.com/delbo
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Das Pretty Vacant in Düsseldorf, gelegen in der Nähe der Schickeria-Einkaufsmeile schlechthin, der Kö, mitten im Amüsierviertel der Altstadt. - Eine Kneipe mit Konzertkeller, die nicht so recht in seine Umgebung passen will, ist heute Ort des Geschehens. Um Punkt neun stehen Saboteur auf der engen Bühne des Gewölbekellers. Das Quartett, das den wenigsten ein Begriff sein dürfte, hat sichtlich Probleme mit dem begrenzten Raumangebot. Nicht auszudenken, was vor sich geht, wenn hier mehr als vier Musiker auftreten wollen. Die Hamburger Band spielt, auf den Punkt gebracht, Indie-Rock und hat selbst eine Menge Spaß dabei. So ganz entscheiden mag sich die Truppe um Sänger und Bassist Peter Tiedeken jedoch nicht. Mal poppig, mal gen Post-Rock-Himmel greifend, schrammeln sie sich durch ihre 45 Minuten. Talentiert, und ja, auch sympathisch sind die Nordlichter. Da wechselt Schlagzeuger Matthias Knoop irgendwann an die Gitarre und auch Peter tauscht seinen Bass gegen eine Gitarre. Den Multiinstrumentalisten fehlt jedoch die klare Zielrichtung, um wirklich auf die Liste überraschender Supportbands zu gelangen. Eins, das können sie aber schon wie die Großen: Lautstärke, Baby. Ähnlich wie I Like Trains im Verlauf des Abends, drehen sie schleichend die Verstärker lauter und lauter. Die ersten Oropax werden in die Ohren geschoben.
Eine Trauerflor tragende Band war gestern. iLiKETRAiNS heißen jetzt I Like Trains und machen alles ein bisschen anders. Ohne Trompeter Ashley Dean stehen die Briten nur noch zu viert auf der Bühne. Erst einmal möchte man meinen "Trompete, braucht man doch nicht". Im Laufe des Konzerts lernt man sie jedoch zu missen. Und noch etwas ganz existentielles fehlt aufgrund Ashleys Abgang: Der spannende Erzählcharakter eines iLT-Konzerts in Form multimedialer Inhalte. Noch im Frühjahr haben die Zugliebhaber ihre, von geschichtsträchtigen Ereignissen inspirierten Songs durch bildgewaltige Visualisierungen mit Lerneffekt aufregend untermalt. Dem dichten Sound der Briten tut dies alles jedoch keinen Abbruch.
Bereits der Opener Twenty Five Sins klingt vertraut. Mit A Rook House For Bobby und We All Fall Down werden zu Beginn bereits die "Hits" abgefeuert. Sänger David Martin erzählt zwischen den todtraurigen Songs beschwingt von einem deutschen Kartenspiel, das auf den Namen "Danish Bastard" höre. Warum wir denn etwas gegen die Dänen hätten? Niemand kennt das Spiel, auch nicht das englische Pendant "Shithead", erklären kann er es nicht. Die Verunsicherung aller Anwesenden im Keller wird beherzt hinweg gelacht, als Gitarrist und Keyboarder Guy Bannister auch schon ein Donnergrollen im Raum erklingen lässt. Was folgt, ist ein brandneues Stück. Davids Grabesstimme ist düster wie gewohnt und doch klingt Lions, das in sagenhaftem Gitarrengeschrammel endet, fast fröhlich. Also doch alles neu im Hause iLT? Nein, denn gleich im Anschluss überzeugt das neue Hope, dass die Züge aus Leeds es weiterhin verstehen epische Gitarrenwände aufzutürmen und komplexe Melodien in kleine Geschichten zu verwandeln.
Nach The Voice Of Reason, der B-Seite Victress sowie dem grandiosen Terra Nova, heißt es auch schon: "This is our last song". Ein langes "Oooooh" ist aus dem Publikum zu vernehmen. David beschwichtigt: "It's a long one". Und er soll recht behalten. Mit dem fast zehnminütigen Spencer Perceval verabschieden sich iLT. Sie kämpfen sich durch die Zuschauer in den nicht wirklich vorhandenen Backstage, um kurz darauf doch wieder auf der Bühne zu stehen und Before The Curtains Close, Part Two anzustimmen. Danach ist aber wirklich Schluss.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.iliketrains.co.uk www.myspace.com/iliketrains
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Foto: Pressefoto |
Nur knappe fünf Monate nach dem letzten Deutschlandbesuch Ólafur Arnalds', kommt der schüchterne Isländer schon wieder in heimische Gefilde. Der Andrang ist groß. Vor dem kleinen Bett im beschaulichen Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen findet sich eine lange Menschentraube ein. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, dass Arnalds und das Streichquartett des Reykjavíker Symphonieorchesters sehenswert sind.
Mit der Wahl des Betts als Location ist dieses Mal allerdings keine allzu gute Wahl getroffen worden. Zu klein, um Bestuhlung zu bieten, zu unromantisch, zu vollgestopft. Insgesamt herrscht eine viel zu kalte Atmosphäre für die warmen Töne Arnalds'. Das Publikum hockt sich im Schneinersitz Schenkel an Schenkel auf den klammen Boden. Man wartet gespannt auf die Vorband Finn. Doch der Hamburger Leise-Rocker lässt vergebens auf sich warten. Tourabsage aus persönlichen Gründen, erfährt man im Nachhinein. So kommen die drei Violinisten und die Dame am Cello ohne Einstimmung auf die Bühne.
Arnalds am Piano schafft es hier und heute nicht alle in seinen Bann zu ziehen. Seine klassischen Klavier- und Streicherarrangements verlieren sich im Dunkel. Einige wenige sieht man leise Tränen verdrücken und doch wird im Hintergrund auch getuschelt. Selbst das zutiefst melancholische 30:55 will nicht recht zünden. Das lang herbeigesehnte Konzert wird in seiner Kürze und Unterkühltheit so nur zu einem warmen Aufguss des vergangenen Wiesbaden-Gigs. Eine Handvoll neuer Songs wie The Cello Song stimmen allerdings versöhnlich und lassen auf das Zweitwerk Arnalds' hoffen. Dieses soll noch diesen Winter aufgenommen werden.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.myspace.com/olafurarnalds
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Foto: Nicole Seelbach |
"Sit Down And Sing", das hört sich nach intimem Ambiente an, ruhige Musik, entspannte Künstler, kleine Geschichten, ein nicht alltäglicher musikalischer Abend. Tapete Records schickt diesen Herbst zum mittlerweile fünften Mal Künstler durch die Clubs. Das Konzept ist immer gleich und trotzdem weiß man nie wirklich, was einen erwartet. Drei Künstler werden in einen Van gesperrt und was sie daraus machen zeigt sich im Laufe der Tour. Oft entwickeln sich so Abend für Abend eigenwillige Einlagen, die definitiv einen großen Teil des Reizes ausmachen. Diesen Abend machte der Van Station im Schlachthof in Wiesbaden.
Paul Hiraga oder DOWNPILOT, der Tapete-Beitrag zur Tour, lebt in Seattle. Im "richtigen Leben" ist er Schreiner und es wäre ein Verlust, wenn das Leben des Musikers da keinen Platz mehr hätte. Er erzählt in seinen Songs kleine Geschichten vom Leben, von Veränderung, live diesmal nur das E-Piano und seine Stimme. Wunderschöne Songs, die in dieser Aufmachung nochmals an Intensität gewinnen. Eine große Stärke von Paul ist die Dynamik in seinen Songs, die sich durch seine Live-Performance und die Studioaufnahmen zieht, wunderschöne Songs mit toller Stimme. Eigentlich alles sehr ruhig gehalten aber nicht langweilig. Zu einem Song wechselt er zur Gitarre, leiht sich kurzerhand den Mit-Musiker von ‚Loney, Dear’ aus und lässt sich vom Akkordeon begleiten.
LONEY, DEAR ist in erster Linie Emil Svanängen, ein unscheinbarer junger Schwede. Zur Unterstützung hat er sich einen Kollegen mitgebracht, Oscar Svenningsson an Gitarre, Backing Vocals, Akkordeon und Synthesizer. Am Anfang wusste ich nicht, ob ich mich mit Emil Svanängens Stimme anfreunden könnte. Emil singt sehr hoch, was man doch eher nicht gewohnt ist. Er scheint die Fähigkeit zu haben sämtlichen Weltschmerz in seiner Stimme sammeln zu können. Muss man mögen, sehr eigen, wenn man sich aber auf die Musik einlässt sehr schön. Emil erzählt zwischen den Songs immer mal wieder kleine Geschichten, versucht deutsch zu reden, übt mit dem Publikum Mitsing-Passagen. Alles sehr sympathisch, zwischendurch wird die Gitarre mal durch das E-Piano ersetzt.
JOSH ROUSE fällt nach den lockeren Vorführungen der anderen vor ihm etwas aus dem Rahmen. Ein kleiner Mann, streng gekleidet mit Krawatte, Hemd, Anzug und Weste und man ahnt schon, das es ab jetzt etwas ernster zugehen wird. Josh Rouse präsentiert eine Mischung verschiedener Stile, deutlich hört man klassische spanische Einflüsse, modernes Songwriting, Folk, Pop. Wen man einige Studioaufnahmen von ihm hört, dann hört man eine fröhliche Leichtigkeit, schön durcharrangierte Songs, rund und interessant. Leider geht davon live fast alles verloren, ein Song folgt auf den nächsten, ohne Höhen und Tiefen, kommt leider nicht aus der Mittelmäßigkeit raus.
Wieder mal ein spannendes Line-Up, sicher für jeden Geschmack etwas dabei, wenn man einen ungewöhnlichen Musikabend sucht. Bis jetzt war jede der fünf Runden etwas Besonderes mit tollen Künstlern, man darf gespannt sein auf "Sit Down And Sing 6" im Frühjahr 2009.
Live-Review: Nicole Seelbach
www.myspace.com/sitdownandsing www.myspace.com/downpilot www.myspace.com/loneydear2008 www.myspace.com/joshrouse
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Foto: Pressefoto |
Am Donnerstagabend spielten Oasis im Rahmen ihrer UK-Tour in der restlos ausverkauften Londoner Wembley Arena. Das Konzert wurde live von MTV übertragen. Die Halle, die sich direkt neben dem Wembley Stadion befindet, bietet Platz für ca. 10.000 Fans, die an diesem Abend die Götter des Brit-Pop frenetisch abfeierten. Und ich war dabei!
Um 21 Uhr kamen Oasis zu den Klängen von Fuckin' In The Bushes auf die Bühne und starteten ihr Set mit Rock 'n' Roll Star. Auf den Tribünen hielt es sofort keinen auf den Sitzen. Weiter ging’s mit der Hymne Lyla und das Publikum ging total ab! Liam und Noel waren ganz in schwarz gekleidet, mit engen Jeans. Liam hat übrigens wieder einen "normaleren" Haarschnitt und machte seine üblichen Spielchen mit dem Tamburin. Gem und Andy hielten sich, wie immer, mehr im Hintergrund. Der neue Drummer Chris Sharrock, der zuvor in der Band von Robbie Williams war, ist der Wahnsinn! Man kann bei seinem Drum-Spiel eine überaus hohe Qualität raushören. Das schwierige Drum-Solo von The Shock Of The Lightning hat er perfekt gemeistert. Während des Spiels hat er immer wieder seine Drumsticks weit hochgeworfen, wieder aufgefangen, und direkt weiter gespielt. Noel war, trotz seiner defekten Rippen, in Best-Form. Er hatte mehrere Soloparts, in denen Liam immer komplett von der Bühne verschwand. Meine persönlichen Highlights des Abends waren The Masterplan und Slide Away. Ich hatte die Songs vorher noch nie live gehört und war begeistert von der Live-Version der beiden Songs. Es gab auch weitere alte Hits, wie Wonderwall und Don't Look Back In Anger (welchen Noel und Gem in einer schönen Akustik-E-Gitarrenversion spielten) zu hören. Vom neuen Album standen an diesem Abend neben The Shock Of The Lightning noch To Be Where There's Life, Waiting For The Rapture, Ain't Got Nothin', das John Lennon Tribute I'm Outta Time und das brillante Falling Down auf der Setliste. Die neuen Songs kamen allesamt ziemlich gut bei den englischen Fans an. Die Menge hat jeden Song mitgesungen. Als Zugabe gab es noch den All-time Classic Champagne Supernova und das Beatles-Cover I Am The Walrus.
Alles in allem war es ein tolles Konzert mit Songs quer durch alle Alben. Die Lieder kamen viel melodiöser rüber als sonst, was zum einen daran lag, dass Noel bei vielen Songs eine Zweitstimme einbaute, und viele Lieder eine Piano-Synthesizer-Untermalung bekamen. Die Modellierung einiger Stücke hauchte ihnen eine neue Frische ein. Und die Stimmung während des Konzerts war genial!
Oasis haben für nächstes Jahr einige Open-Air Termine mit Kasabian und The Enemy für UK und Irland angekündigt. Tickets gibt's ab 24. Oktober, also ranhalten, wenn ihr ein Ticket haben wollt. Es lohnt sich! Cheers!
Live-Review: Natalie Terstiege
www.oasisinet.com www.myspace.com/oasis
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Foto: Lawrence Watson |
Gut ein Jahr ist es her, dass Paul Weller, ewiger Mod und Pate des Brit-Pop, die Domstadt mit seiner Anwesenheit beehrt hat. Nun kehrt er zurück, um die Songs seines neuen Albums 22 Dreams zu präsentieren. Im Mai feierte er seinen 50. Geburtstag, doch an Ruhestand ist noch lange nicht zu denken und seine Live-Power ist immer noch unersättlich. So auch an diesem Abend in Köln.
Bevor jedoch der Modfather die Bühne betritt, eröffnet zunächst die niederländische Band Moke die Show im gut gefüllten E-Werk. Die fünf Bandmitglieder sind ein wahrer Hingucker in geschmackvoller Einheitskleidung und mit gut gestylten Frisuren. Doch auch musikalisch haben die Jungs einiges zu bieten mit einem Sound, der sich irgendwo zwischen den Editors und Interpol bewegt. Moke liefern eine überzeugende 30minütige Show ab, mit der sie auch bei den Anwesenden auf positive Resonanzen stoßen. Kein Wunder, dass Paul Weller diese Band gefällt und er sie für seine Tour eingeladen hat. Der Mann hat eben einen guten Musik-Geschmack!
Um 21.00 Uhr ist es dann endlich soweit: Paul Weller betritt gefolgt von Steve Cradock, Andy Lewis, Andy Crofts und Steve Pilgrim die Bühne und die fünf Musiker legen mit Out Of The Sinking los. Zeigt sich das Kölner Publikum zu Beginn noch etwas zurückhaltend, so ist jedoch spätestens bei From The Floorboards Up das Eis gebrochen und die Stimmung in der Halle da. Unglaublich, welche Energie Paul Weller immer noch auf der Bühne hat. Da fällt es schwer zu glauben, dass der Mann bereits 50 Jahre alt ist. Er besitzt immer noch eine unbändige Power und Spielfreude, die ihn frisch und fast jugendlich erscheinen lassen. Vom Rauchverbot in deutschen Konzerthallen zeigt sich Paul Weller nur wenig beeindruckt. So steckt er sich auf der Bühne eine Zigarette nach der anderen an, was die Anwesenden im Saal dazu animiert, ebenfalls die Zigarettenschachteln auszupacken. Was der Modfather darf, das dürfen wir doch auch, oder?!
Paul Weller und seine Mitmusiker harmonieren live überaus gut miteinander und überzeugen mit einer abwechslungsreichen Show - mal mit Gitarre, mal am Piano. Die Setliste, die mehr als 20 Songs umfasst, besteht überwiegend aus Stücken seines neuen Albums 22 Dreams, die auch live sehr gut funktionieren. Doch auch alte Klassiker wie u.a. The Changing Man dürfen an diesem Abend nicht fehlen. Später am Abend werden dann die Akustikgitarren ausgepackt und es geht zum gemütlichen Teil über. Das Akustikset umfasst mit All On A Misty Morning, The Butterfly Collector und Brand New Start drei wundervolle Songs, deren akustische Darbietung für einen erhöhten Gänsehaut-Faktor sorgen. Herrlich! Ein wenig vermisst habe ich an dieser Stelle allerdings You Do Something To Me und Why Walk When You Can Run, die sich noch wunderbar in dieses Akustik-Set eingefügt hätten. Das große Konzertfinale bilden Wild Wood, Echoes Round The Sun und Come On/Let's Go, bei dem Paul Weller und seine Mannen noch einmal alles geben und vom Publikum frenetisch gefeiert werden.
Ein grandioser Konzertabend, der für mich definitiv zu den besten Konzertmomenten des Jahres gehört. Danke Paul!
Live-Review: Jenny Schnabel
www.paulweller.com www.myspace.com/paulweller
www.mokemusic.com www.myspace.com/moketheband
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Foto: Jenny Schnabel |
Ein Schwedischer Abend in Münster: Sugarplum Fairy beehren die Sputnikhalle und bringen Sahara Hotnights als Support mit.
Dass Sex sells und enge Lederjacken nach wie vor für Furore sorgen, zeigt sich beim Betreten der Halle: Die ersten vier Reihen sind bereits fest in femininer Hand. Leicht aufgedrehte Mädchen haben sich die besten Plätze mit der besten Aussicht gesichert. Im Raum verteilt sind dann allerdings auch viele männliche Besucher zugegen, die sich jenseits der 25-Jahre-Grenze bewegen. Ob es daran liegt, dass Sugarplum Fairy endlich erwachsen geworden und über den Status einer Teenie-Band hinaus gewachsen sind oder ob der attraktive Support das männliche Publikum in die Sputnikhalle gelockt hat, lässt sich an dieser Stelle nur spekulieren.
Um 20:15 Uhr betreten Sahara Hotnights die Bühne. Zeitgleich scheint die Temperatur in der Halle um einige Grad zu steigen. Die vier hübschen Schwedinnen starten ihr Set mit einem Cover des Aneka-Klassikers Japanese Boy und ziehen alsbald neugierige Blicke der Herren im Saal auf sich. Überraschender Weise klingen die Songs live wesentlich druckvoller, als aus der Konserve. Wer Sahara Hotnights nur vom Plattenteller her kennt, der meint, das Ganze sei eher verspielte Popmusik. Live beweist das Quartett, dass es eine ganze Menge mehr drauf hat. Sängerin Maria Andersson gibt sowohl stimmlich als auch performantisch alles und bewahrt professionell auch die Contenance, als bei Getting Away With Murder die E-Saite ihrer Gitarre reißt. Ein wenig fühlt man sich zurückversetzt in die 80er - eine Reminiszenz an die Bangles oder Belinda Carlisle. Wie die vier Damen so über die Bühne fegen, schießt mir unweigerlich eine Szene aus dem Film Satisfaction durch den Kopf, in der frau sich wünschte, selbst dort oben zu stehen, während die Herren der Schöpfung wohl eher den Gedanken hegten, irgendwann eine Musikerin zu ehelichen. Die charismatische Bühnenpräsenz überzeugt selbst die Mädchen in den ersten Reihen. Freudiges Wippen und Tanzen zu Salty Lips, anerkennendes Kopfnicken zu Neon Lights. Spätestens bei Cheek To Cheek wird klar, warum Sahara Hotnights in Schweden bereits zu den Großen gehören - eine Tanznummer par excellance, die es ohne weiteres auch noch ins Deutsche Airplay schaffen dürfte. Mit Visit To Vienna verabschieden sich die Damen und machen die Bühne frei für den Hauptact des Abends.
Um 21:20 Uhr ist es dann soweit: Das Intro setzt ein, die fünf Jungs von Sugarplum Fairy huschen an den Wartenden vorbei und erklimmen die Bühne. Opener des Abends ist The Escapologist des aktuellen Longplayers The Wild One, der erst gestern erschienen ist. Auf diesem liegt auch deutlich der Schwerpunkts des Abends. Die Herren Norén und Co. präsentieren ausführlich ihr neues Album, das dem Großteil der Konzertbesucher bereits geläufig zu sein scheint. Das Publikum zeigt sich text- und tanzsicher und feiert zu den neuen Stücken gehörig ab. Sugarplum Fairy präsentieren sich druckvoll und energiegeladen - und trinkfest. Victor Norén hebt einmal mehr die Hansa Pils-Flasche in die Höhe und lobt das Bier aus Good Old Germany. Ob der junge Mann bisher noch nie in den Genuss eines geschmacklich hochwertigeren Gerstensafts aus Deutschen Landen gekommen ist oder die Schwedischen Äquivalente noch schlechter sind, sei an dieser Stelle dahin gestellt. Dem Publikum entlockt der Sänger jedenfalls ein Lachen und laute "Skål!"-Rufe. Für große Freude und gen Himmel gereckte Fäuste sorgt You Can't Kill Rock 'n' Roll - ein Track, der geradezu prädestiniert für eine Singleauskopplung wäre. Sugarplum Fairy haben es anders gemacht. Die aktuelle Auskopplung Never Thought I'd Say It's Alright gibt es später am Abend dann auch noch zu hören. Zu dem großartigen In Berlin schmiegen sich die umherstehenden Pärchen enger aneinander - ja, es darf geknutscht werden, Ladies and Gents! Ich frage mich für drei Sekunden, ob die romantisierte Stimmung an dem dahinschaukelnden Rhythmus des Songs liegt oder an den missverstandenen Lyrics, in denen es um die desillusionierte Abrechnung mit einer zerbrochenen Beziehung geht. Ich schmunzle leicht in mich hinein und widme mich dann weiter dem Geschehen auf der Bühne. Ein wenig erschwert wird der Versuch, einen Blick auf die Norén-Brüder zu erhaschen durch einen exstatisch springenden jungen Mann mit Nietengürtel, der die Veranstaltung mit einer Singstar-Competition in der heimischen WG zu verwechseln scheint. Leidenschaftlich hüpft und brüllt er sich die Seele aus dem Leib und fuchtelt mir dabei beinahe das Bier aus der Hand. Sugarplum Fairy retten die Situation: Bevor ich den Rüpel zurecht stutzen muss, setzt der Klassiker Sweet Jackie ein und beruhigt den Wüstling für einige Zeit. Victor Norén widmet diesen Song den Fans, denn die Band feiert in diesem Jahr ihr 10jähriges Bandjubiläum. Danach folgt dann auch endlich das obligatorische Posing auf der Bühne, das doch um Längen besser ist, als die Luftgitarrenperformance des Singstar-Kings. Wer Sugarplum Fairy schon einmal live gesehen hat, der weiß, dass grundsätzlich irgendwo im Laufe des Sets die "Einfrierszene" auf den Konzertbesucher wartet. Diesmal haben die Herren sich Godfever ausgesucht, um wie von Donner gerührt in der Bewegung zu verharren. Nach einer kurzen Atempause geht es weiter. Mit She schließt der schwedische Fünfer dann das offizielle Set an diesem Abend. Doch nach einer kurzen Verschnaufpause geht noch einmal in die Verlängerung: Mit drei Zugaben und zwei Plektren für das Münsteraner Publikum verabschieden sich Sugarplum Fairy dann endgültig. Dankend nehmen die Zuschauer sowohl das eine, wie das andere an und entlassen die Schweden mit großem Applaus hinaus in die Nacht. Ein Abend, der einmal mehr gezeigt hat, dass Schweden rockt. In diesem Sinne: "Skål!"
Live-Review: Katja Embacher
www.saharahotnights.com www.myspace.com/saharahotnights
www.sugarplumfairy.nu www.myspace.com/sugarplumfairyborlange
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Foto: Pressefoto |
Lange mussten die Fans darauf warten Gravenhurst live in Deutschland zu sehen. Bereits im Frühjahr wollten Nick Talbot und Co. in den Wiesbadener Schlachthof kommen, doch auf Grund einer Stimmbandentzündung musste das Konzert um ein gutes halbes Jahr verschoben werden. Nun gibt sich Frontmann Nick Talbot solo die Ehre. Ein wenig müssen sich die wenigen gekommenen jedoch noch gedulden; im Vorprogramm des Gigs zeigen Max von boogizm rec. und das Damki Magazin trashige Super-8-Filme: Space-Godzilla vs. Frankenstein wecken den dringenden Wunsch schnell an Pilze oder ähnliche psychoaktive Substanzen zu kommen. Zu Nick Talbots Solo-Performance sind dann allerdings doch eher Downer als bewusstseinsverändernde Drogen angebracht. Der kleine Mann erweist sich als herzallerliebster Zeitgenosse, menschlich (zum Beispiel als er versucht die neue Single Nightwatchman's Blues als handgepresstes Vinyl, das hier und heute aber leider nicht am Merch-Stand zu haben ist, unters Volk zu bringen), wie auch musikalisch.
Mit Animals oder Black Holes In The Sand ist das Set vornehmlich von den alten Platten geprägt. Der aktuelle Longplayer The Western Lands kommt deutlich zu kurz. Dennoch: Talbot beweist, dass er ein begnadeter Sänger und Gitarrist ist. Erstaunlich, wie er es schafft eine Gitarre wie drei klingen zu lassen (The Velvet Cell). Nach nur einer halben Stunde weiß Talbot allerdings schon nicht weiter und bittet um Song-Zurufe. Dabei zeigt er, dass er obendrein ein guter, wenn auch unfreiwilliger, Entertainer ist. Um Hollow Men spielen zu können, braucht der verhuschte Herr nun doch auch ein Plektrum. In den Hosentaschen eines Zuschauers findet sich schnell eins, doch nein, es ist zu stark für die die Akustikgitarre. Das grüne Säckchen mit Talbots Habseligkeiten inklusive Plektren, des einzigen Wechselshirts und seines Reisespasses bleibt ebenso unauffindbar. Auch nach stundenlangem Suchen und Befragung der Schlachthof-Crew. Talbots Sachen sind verschollen. Spätestens jetzt möchte man dem Herrn einen Schlafplatz plus Frühstück anbieten – und ihn danach natürlich nicht wieder gehen lassen, auf dass er für immer diese schönen, traurigen Lieder singt.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.gravenhurstmusic.com www.myspace.com/gravenhurst
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Foto: Pressefoto |
Es war einer der letzten sommerlich-schwülen Tage im Jahr. Vor dem Gloria hatte sich bereits eine Schlange bis um die nächste Hausecke gebildet, als endlich die Türen aufgingen und die geduldigen Gäste bereitwillig ihre letzten Schlücke in den Bierflaschen zurückließen, um diese an herumstreunende Pfandsammler abzugeben. Es ging also rein. Schnell noch die letzte Zigarette im Vorraum ausgedrückt und runter in den Konzertsaal. Dort versammelten sich bereits die ersten Gäste – zumeist 16-jährige Indie-Girls oder spätpubertierende Hippies, die sitzend versuchten, die besten Plätze freizuhalten, während andere immer wieder den Weg zum Raucherbereich auf sich nahmen und um ihre Plätze bangen mussten.
Nach gefühlten drei Stunden und einem Kaltgetränk war die Luft im Gloria schließlich zum schneiden dick, als die Vorband Sky Larkin mit ihrem Set begann. Dem Publikum schien die Mischung aus The Stars plus Kate Nash minus Melodien wohl zu gefallen. Mir nicht. Aber mir war auch egal, dass der Support irgendein gehyptes Trio aus Leeds ist, da ich mich ohnehin nur auf den Hauptact, der an diesem Abend Conor Oberst hieß, freute. Das Einzige, was mir von dieser Band in Erinnerung blieb, war, dass die Sängerin ständig Stromschläge vom Mirkofon bekam, der Schlagzeuger nur selten den Sechzehntel-Beat auf der Hihat halten konnte und dass sie wohl in den nächsten Monaten erneut in Deutschland spielen werden – dann als Vorband von Los Campesinos! Jedenfalls kann ich nicht verstehen, wo der Veranstalter den gemeinsamen Nenner von Sky Larkin und Conor Oberst finden konnte.
Nach einer halbstündigen Umbaupause, in der ein großer Plastik-Kaktus neben das Schlagzeug gestellt wurde, war es dann soweit. Conor Oberst und seine Mystic Valley Band betraten die Bühne. Im Gegensatz zu den Auftritten mit den Bright Eyes verzichtete Conor diesmal darauf, seine Bühne mit Musikern zu überladen. Seine Mystic Valley Band bestand aus lediglich fünf Musikern – darunter einige nicht weniger erfolgreiche Songwriter, die auch an diesem Abend ihr Können beweisen durften. So hat nahezu jeder ein Liedchen singen dürfen, die allesamt zu den Highlights des Abends gehörten. Besonders eindrucksvoll war dabei das vom Basser vorgetragene Harry Nilsson Cover Everybody's Talkin'. Aber auch der eigentlich so verschüchtert wirkende Conor durfte ran. Es gelang ihm sofort mit Scherzen das Publikum für sich zu begeistern. Teilweise kam ich mir vor, als wäre ich in einer Comedy-Veranstaltung. So betonte Conor beispielsweise, dass er sich das Handtuch, anstatt es auf dem Kopf zu tragen, lieber um den Gitarrengurt hängt – für den Fall, dass er es benötigt. Gerade als er seine selten-dämliche Ansage beendet hatte und das Bierglas nach einem kräftigen Schluck abgestellt hatte, war es auch schon soweit: das Bier fiel um und sofort war das Handtuch zur Stelle. Das Publikum lachte und so ging es in einer Tour weiter. Aber er hat auch gesungen. So widmete er einen Song einem Typen, der eine Woche zuvor versucht hatte, sich beim Sprung vom Kölner Dom das Leben zu nehmen. Zu hören gab es, neben den Songs von seinen Bandkollegen, nahezu alle Tracks vom neuen Album und einige ganz neue Lieder. Insgesamt kam der sichtlich angetrunkene Conor Oberst auf 18 Songs, die viel zu schnell vorbeigingen.
Abgerundet wurde das Set letztlich von einer Piano-Ballade, bei der er sich selbst ans Klavier begab und dabei versuchte dem Publikum zu erklären, was er nun vorhabe: "It's a piano ballad. I don't know if you guys have this here in Germany..." Schließlich kam er auf die Idee, dass Piano-Balladen ursprünglich auch aus Deutschland kommen könnten, aber er war sich nicht sicher und so spielte er dann einfach drauflos und turnte anschließend noch ein wenig über die Gitarrenverstärker, die kurz vorm Umfallen noch von den Roadies gehalten werden konnten. Im Großen und Ganzen ein eindrucksvoller Abend in einem viel zu schlecht belüfteten Gloria mit einer unwürdigen Vorband und einem beeindruckenden Conor Oberst samt Band.
Live-Review: Axel Schinkel
www.conoroberst.com www.myspace.com/conoroberst
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Molotov Jive machen einmal mehr Station in Münster. Es ist das dritte Mal, dass die Schweden die Westfälischen Mini-Metropole beehren. Eine Tatsache, die in erster Linie weibliches Publikum zur Verzückung und ins Amp treibt. Grund zur Freude liefern allerdings nicht nur die vier Jungs aus Karlstad, sondern auch der Support aus Bochum: Slowtide, Singer/Songwriter-Perle des Ruhrgebiets. Die Aussicht auf einen sonnigen Konzertabend kann nicht einmal der Münsteraner Nieselregen trüben. Bewaffnet mit Schirm, Charme und obligatorischer Lederjacke mache ich mich auf in den schönsten Club der Stadt mit der extraordinären Raucherlounge.
Bereits als ich das Amp betrete fällt mir auf, dass der weibliche Andrang weniger stark ausfällt, als erwartet. So haben sich auch tatsächlich einige Herren in den Club gewagt, die offensichtlich nicht in weiblicher Begleitung vor der Stage ausharren und auf den Beginn der Show warten. Pünktlich um halb zehn eröffnet diese Kevin Werdelmann aka Slowtide mit seiner Live-Band. Sind es anfangs noch wenige, die den Weg zur Wohnzimmer-Bühne finden, so füllt sich der Raum während der ersten drei Tracks doch deutlich. Kein Wunder. Der Bochumer ist einfach ein begnadeter Singer/Songwriter, der es grundsätzlich schafft, das Publikum mit seinen Songs in den Bann zu ziehen. Ein Sound irgendwo zwischen Ocean Colour Scene und Grandaddy, den ab und an ein Gallagherscher Gitarrenstreich umweht.
Die Zusammenstellung der Songs reicht von älteren Stücken wie The Story Of Your Life oder Today über Bekanntes aber noch nicht Publiziertes (Young Love) bis hin zu noch ungehörten Tracks wie We Haven't Changed. Ein Set, das Lust auf das im November erscheinende Album von Slowtide macht. Grandios auch die Ballade Lighthouse, die Werdelmann alleinig unterstützt durch Schlagzeuger Ambros Eiletz performed. Ein Song, in dem man ertrinken könnte, wäre da nicht das störende Geplapper einiger überdrehter Konzertbesucherinnen, die schon nervös auf Molotov Jive zu warten scheinen. Die leichten Schauer, die mir über den Rücken laufen können jedoch auch die leicht debilen Gesprächsfetzen nicht abhalten. Und Slowtide legt nach: Mit The Artist - einer wunderschönen Ballade, die dem ein oder anderen Lauschenden durch die Bit Music Compilation bekannt sein dürfte. Ein wahrlich gelungener Einstieg und ein mehr als würdiges Warm-Up für den folgenden Headliner Molotov Jive.
Letztere betreten um elf Uhr die Bühne. Bereits bei den ersten Akkorden wird klar, dass die Jungs in der Zwischenzeit ordentlich dazu gelernt haben. Das Set wirkt ebenso druckvoll, wie beim letzten Mal, als ich die Schweden im Amp gesehen habe, selbst das Bühnenoutfit von Sänger Anton Annersand ist dasselbe, allerdings machen die Vier einen wesentlich er- und gewachseneren Eindruck. An den länger gewordenen Haaren des Quartetts liegt es nicht. Die Ansagen sind spärlicher, werden nur noch dort eingesetzt, wo sie auch wirklich benötigt werden, das Posing ist in den Hintergrund getreten und einer energetischen Bühnenperformance gewichen, die vor Spielfreude und Sympathie nur so strotzt. Es macht einfach Spaß, dem Quartett auf der Bühne zuzusehen. Die Füße beginnen zu wippen und hören nicht mehr auf - wer hier still steht, der hat keinen Rhythmus im Blut. Molotov Jive beweisen, dass sie mehr sind, als nur eine sound-a-like-Kapelle, mehr als nur ein Abziehbild der großen Ikonen Mando Diao oder Sugarplum Fairy. Vielleicht ist das der Grund, warum die Anstürme überwiegend weiblicher Teenager ausgeblieben sind und das geschlechtlich heterogene Publikum sich aus jungerwachsenen Mid-Zwanzigern zusammensetzt.
Bunt gemischt ist auch die Setlist der Schweden: Weight (Off My Shoulder), Hold Me Tight (Like A Gun), The Luck You Got, Made In Spain oder Valentines Day finden ebenso ihren Platz im musikalischen Potpourri des Abends wie neue Tracks wie Burning Bridges. Letzteres macht klar, warum die Schweden Bruce Springsteen als einen ihrer Einflüsse angeben - diese Riffs hätte auch der Boss persönlich nicht schöner schraddeln können. Den einzigen Faux Pas leisten sich die Herren zum Ende des Sets, als sie sich die unsägliche Coverversion des The Cure-Klassikers Friday I'm in Love nicht verkneifen können. Whatever - nach einem derart feinen Konzert verzeiht man Annersand und Co. diesen Fehltritt nur allzu gern.
Glücklich, zufrieden, angenehm überrascht und nikotinsüchtig mache ich mich auf in die Stylo-Raucherlounge, um die sonnige Konzertnacht gemütlich ausklingen zu lassen. Und nach einem derart sympathischen Konzert stört nicht einmal der leichte Nieselregen auf der Aussenterasse, der auf den obligatorisch hochgestellten Kragen der Lederjacke tröpfelt.
Live-Review: Katja Embacher
www.molotovjive.se www.myspace.com/molotovjive
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Foto: www.pertramer.at |
Tomte machen Station in Mainz. Nicht zu einem normalen Konzert, heute geht es um mehr. Das hier ist keine Konzerthalle, das ist ein provisorisches Fernsehstudio. Richtig gehört: Zum 3Sat-Festival dürfen Tomte ein Zelt auf dem ZDF-Gelände bespielen, dessen Kulisse stark nach Top of the Pops ausschaut. Die Hamburger haben es in die Öffentlich-Rechtlichen geschafft. Endlich bekommt man mal was für seine GEZ-Gebühren geboten. Mehr Rockmusik im deutschen Fernsehen! Entgegen dieser Aussage von Sänger Thees Uhlmann setzt sich das Publikum allerdings eher aus althergebrachten Zuschauern der Dritten zusammen, endlich einmal fühle ich mich auf einem Konzert nicht alt. Nur die von weit her angereisten Fans und die mit der Band befreundete Mainzer Turbojugend stechen sichtlich aus dem Kreis der Mitvierziger heraus. Komische Location, komisches Publikum und so haben wir es auch mit einer komischen Band zu tun. Uhlmann ist auf Grund der vielen großen Kameras sichtlich eingeschüchtert und redet mehr unzusammenhängenden Mist als sonst schon. Wer seinen spröden Humor nicht kennt, ist von der Darbietung wohl eher verschreckt. Hoffen wir, dass der Schnitt einiges kittet.
Genauso breiig wie Uhlmanns holperige Ansagen ist auch der Sound zu Beginn. Wilhelm, das war nichts und Schreit den Namen meiner Mutter gehen in zu lauten Gitarreneffekten nahezu unter. Nach und nach tauen Band, Publikum und Sound jedoch auf und es wird doch noch ein schönes Konzert inklusive aller anderen wundervollen Tomte-Songs. Da wären ein nahezu perfekt intoniertes Geigen bei Wonderful World, bei dem einfach Gänsehaut aufkommen muss oder das Hoffnung spendende Du bist den ganzen Weg gerannt. Und nie war New York, der Song über die "Stadt mit Loch" so passend wie zum heutigen Datum. Auch die Songs von kommenden Album Heureka! kennt man hier längst. Vor allem bei Der letzte große Wal sind viele schon extrem textsicher. Aber auch Wie ein Planet und Küss mich wach, Gloria, aus dem spontan ein Küss mich wach, Gundula (Gause) wird, kommen gut an. Absolutes Highlight ist aber wohl das mit seinen Gitarrenwänden so Tomte-untypische Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören. Allein der Titel verdient den Grimme-Preis. Abschließend darf natürlich Die Schönheit der Chance nicht fehlen. Als Uhlmann allein auf der Bühne steht und in den Refrain einstimmt, singt das ganze Zelt minutenlang mit. Ein wahrlich schöner Chor. Das sollen die im ZDF-Fernsehgarten erst mal nachmachen. Der Sendetermin des Ganzen ist übrigens der 29.12.2008. Ab 22.25 Uhr könnt ihr euch auf 3Sat einen eigenen Eindruck verschaffen.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.tomte.de www.myspace.com/tomte
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Foto: Matea Jocic |
Caribou. Ein eigenwilliger Name, den der junge Kanadier Daniel V. Snaith für sich bzw. sein Projekt gewählt hat. Eigenwillig auch die Musik, die Snaith, der 2005 einen Doktortitel in Mathematik erwarb, unter besagtem Pseudonym veröffentlicht. Hier wird 60er-Psychedelik vermengt mit Elektronika, Indierock und stets betont zurückhaltenden Vocals. Musikalische Vergleiche zu nennen ist angesichts der Individualität der Snaith’schen Klangwelt nicht sehr dankbar. Air, DJ Shadow und die Chemical Brothers werden hier häufig genannt, was zumindest entfernt zutrifft.
Im Studio arbeitet Dr. Snaith vorzugsweise autark – stets spielt er alle Instrumente im Alleingang ein. Live wird er derzeit von einem Gitarristen, einem Bassisten und einem Drummer, der auch für das Bedienen des mit Synthesizer-Sequenzen gefütterten Notebooks zuständig ist, unterstützt. Der Meister selbst pendelt zwischen Gitarre, Keyboard und Schlagzeug. Für den Gesang sind er und der Bassist zuständig.
Berlin, 9. August 2008, 23 Uhr. Caribou betreten die Bühne des gut gefüllten Kreuzberger Festsaals. Zunächst bemerkt man eine etwas ungewöhnliche Bühnenaufteilung. Vorne befinden sich Snaith und der aktuelle Live-Schlagzeuger Brad Weber. Hinter ihnen bedienen Ryan Smith und Andy Lloyd Gitarre und Bass. Visuell unterstützt werden Caribou durch gelungene geschmackssichere Leinwandprojektionen. Geboten werden Songs vom aktuellen Album Andorra sowie weitere Stücke der bereits recht umfangreichen Caribou-Diskographie. Der Sound ist basslastig, ein wenig dröhnend. Gitarre und Synthesizer-Klänge kommen daher nicht immer optimal zur Geltung, der Gesamtsound ist jedoch gut. Der Gesang geht noch etwas stärker unter, obwohl Snaith und sein Bassist nahezu alle Gesangsparts synchron darbieten. Zwar steht der Gesang bei Caribou generell nicht im Vordergrund, jedoch würde ich mir wünschen, dass der Gesang live hier und da etwas weniger von den Instrumenten übertönt wird.
Der John-Lennon-wer-trägt-seine-Gitarre-am-höchsten-Gedenk-Preis geht an diesem Abend an Snaith; Basser und Gitarrero sind ihm jedoch dicht auf den Fersen. Eine wirklich starke Bühnenpräsenz entwickeln Caribou allerdings beim musikalischen Highlight des Abends – dem von Snaith und Weber intensiven meist synchronen Dreschen aufs Schlagzeug. Jene teils recht ausufernde Schlagzeugparts sind keinesfalls immer simpel – Snaith und Weber erweisen sich hier als absolute Könner, die – wie der Rest der Band – ihre Sache mit Finesse und Leidenschaft darbieten.
Das Publikum ist von den Socken, insbesondere bei besagten Schlagzeug-Passagen. Etwas mehr als eine Stunde lang (inklusive Zugabe) tragen die vier Herren eine Auswahl aus dem Caribou-Gesamtwerk souverän vor. Insgesamt klingen Caribou live deutlich druckvoller als auf ihren Studioaufnahmen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt und gefallen findet am einzigartigen Sound des Daniel V. Snaith, den dürfte auf Caribou-Konzerten keine Enttäuschung erwarten.
Live-Review: Henry Kasulke
www.caribou.fm www.myspace.com/cariboumanitoba
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Foto: Jenny Schnabel |
Der Wetterbericht für NRW: "Heute ist es schwülwarm mit sonnigen Abschnitten. Im Laufe des Tages bilden sich Gewitter, die örtlich unwetterartig ausfallen können. Dortmund kommt auf 26 °C, in Mettmann sind auch 29 °C drin." Nein, wir brauchen keine Sonnencreme, wir brauchen auch keine luftigleichte Sommerbekleidung mit Beinfreiheit - es ist Regen angesagt. Ein Trugschluss, wie meine Fotografin und ich feststellen, als wir am Kölner Hauptbahnhof aus dem IC aussteigen. Wie warm es in Köln ist, kann ich nicht sagen. Odonien, Kulturgelände und Veranstaltungsort des Fest van Cleef, bringt es auf gefühlte 45° C. Schattenspender Fehlanzeige. Das Festivalgelände gleicht einem Hexenkessel. Ein Schotterplatz, eingebettet zwischen verwilderten Bahndämmen, graffitigeschmückten Mauerwerkresten und verrosteten Schwermetallstreben, die aussehen, als hätte man sie mit roher Gewalt aus dem Schienenverlauf der Wuppertaler Schwebebahn gebrochen. Endzeitstimmung trifft auf Festivalflair - und Erotik. Wenn man auf die Bühne schaut, blickt man unweigerlich auf den Plattenbau des "Pascha", Europas größtem Bordell. Hier fügt sich zusammen, was zusammen gehört: Sex, Drugs and Rock 'n' Roll.
Als wir dank Verspätungen der Deutschen Bahn das Festivalgelände betreten, haben GHOST OF TOM JOAD ihr Set bereits beendet und NIELS FREVERT steht auf der Bühne. Es ist das erste mal, dass ich den Ex-Nationalgaleristen mit kompletter Band sehe. Bisher faszinierte mich der Hamburger live immer mit akustischen Alleingängen. Die Unterstützung durch musikalische Mitstreiter und Elektro-Gitarren stehen den Songs nicht schlecht zu Gesicht. FREVERT spielt ein Potpourri aus alten und neuen Tracks. Seltsam öffne mich oder Du musst zu Hause sein finden ebenso ihren Platz im Set wie Songs des aktuellen Albums. Mitwippen zum Knef-Cover Ich möchte mich gern von mir trennen, Mitsingen zum All-Time-Fave Wann kommst du vorbei. Zwischenzeitig weiß ich nicht, wen ich mehr bemitleiden soll: NIELS FREVERT und seine Mannen, die in durchschwitzen Hemden gegen die Hitze anspielen und denen die Sonne die Röte in die Gesichter treibt oder das Publikum, das in dem Kessel langsam weich gekocht wird. Diejenigen, die nicht den verwachsenen Bahndamm als Tribüne nutzen, stehen versonnen und halb gar vor der Bühne und warten gemeinsam mit FREVERT auf das Vorbeirauschen der Züge, die den Sänger bei der Probe so faszinierten. Zum Ende des Sets hat die Deutsche Bahn endlich ein Einsehen und schickt tatsächlich einen Thalys Richtung Paris vorbei.
Die Umbaupause wird genutzt, um sich mit Flüssigkeit zu versorgen. Zumindest versucht man es. Der einzige Getränkestand auf dem Gelände ist dem durstigen Besucheransturm nicht gewachsen. Der nebenstehende Schanktisch eines koffeinhaltigen Trendgetränkeherstellers reißt es ebenso wenig heraus wie die kaltgetränkebestückte Fischbude. Als ich gefühlte zwei Stunden später endlich an der Reihe bin, stehe ich kurz vor der Hyperventilation. Zumindest suggeriert mir das mein sonnengebeuteltes Haupt. Die aufkeimende Angst vor einem Kollaps animiert zum Hamsterkauf: Fünf Flaschen Wasser werden geordert und in der Tasche verstaut. Passend zu I AM KLOOT ist der Großeinkauf erledigt.
I AM KLOOT vertreten die kurzfristig ausgefallenen Voxtrot und werden mit einem schelmischen "Hello Manchester!" begrüßt. Sänger John Bramwell antwortet mit einem grinsenden "Hello Cologne!" und beginnt das Set. Der Sound bewegt sich irgendwo zwischen Turin Brakes und Elbow: Wunderbare Gitarren-Pop-Songs, denen man am liebsten gemütlich auf dem Gras liegend lauschen würde. Die fehlenden Grünflächen in Odonien vereiteln diesen Plan. Da der Schotter nicht besonders einladend ist, verfolgt man den Gig stehend mit der Wasserflasche im Anschlag. Die herbeigesehnte Abkühlung naht. Und zwar in Form von dicken Gewitterwolken, die sich, wie vom Wetterfrosch versprochen, langsam aber sicher von Düsseldorf Richtung Köln bewegen.
In der Umbaupause zu ROBOCOP KRAUS beginnt es leicht zu tröpfeln. Ist man anfangs noch froh über das erfrischende Nieseln, so werden die Tropfen mit ansteigender Quali- und Quantität doch irgendwann anstrengend. Und auch die Band leidet unter dem einsetzenden Regen: Es werden Leute auf die Bühne gebeten, die mit ihren Regenschirmen zumindest einen Teil des kühlen Nass vom teueren Equipment abhalten sollen. Auch der antreibende Sound à la Bloc Party kann mich nicht davon abhalten, irgendwann Obdach unter einem der Futterstände-Pavillons zu suchen. Schade, denn bei Sonnenschein wäre das der ideale Soundtrack zum Einrocken auf TOMTE gewesen.
Kurz bevor diese die Bühne betreten bricht der Himmel auf und lässt es wie aus Eimern schütten. Plastikfolien werden über die Monitore gezogen, hektisch telefonierende Menschen auf der Bühne, von denen man nicht weiß, ob sie sich Wetterprognosen einholen oder die Information, wie viel Wasser die P.A. ertragen kann, bevor die Sicherungen rausfliegen. Der Super-GAU bleibt aus. TOMTE erklimmen die Bühne und spielen - ohne Basser Olli Koch - dafür aber im strömenden Gewitterregen. Frontmann Thees Uhlmann verspricht demjenigen, der als erstes vom Blitz getroffen wird, ein Bier auf seine Kosten. So verlockend das Angebot klingt - unter dieser Prämisse vertrete ich ausnahmsweise die Devise "Du hast mit Thees Uhlmann Bier getrunken, ich hab ihn nur live gesehen".
Diejenigen, die sich zwischenzeitig in ihre Autos flüchten, verpassen ein grundsolides Set, angefangen von Hinter all diesen Fenstern bis hin zu Buchstaben über der Stadt. Und auch neue Tracks haben Uhlmann und Co. in petto: Planet oder Küss mich wach, Gloria bieten einen Ausblick auf das kommende Album, das laut Thees mit Heureka! betitelt sein wird. Was soll man sagen?! Man darf gespannt sein und sich freuen! Ein wenig ratlos ist man in Bezug auf Thees Uhlmanns Ansagen. Ist der TOMTE-Frontmann zwar berühmt-berüchtigt für seine flapsigen Sprüche, so wirkt er beim Fest van Cleef beinahe wie ein Duracell-Häschen, das man zu einem verbalen Maschinengewehr umfunktioniert hat. Der fliegende Themenwechsel in Überschallgeschwindigkeit sorgt dafür, dass mir fast schwindlig wird. Als ich den Uhlmannschen Ausführungen nicht mehr folgen kann, beschränke ich meine Konzentration auf das musikalische Gesehen. Das lohnt sich dafür umso mehr. Spätestens als bei New York die Bridge einsetzt, haben mich die Jungs wieder. Wäre ich nicht durchnässt bis auf die Knochen, würde ich zu Buchstaben über der Stadt oder Schreit den Namen meiner Mutter frohlockend mitsingen. So jedoch bleibt mir nur das bedröppelte Zuschauen und das Hoffen auf eine Wolkenlücke. Den Schluss bildet Die Schönheit der Chance, an die man wirklich zu hoffen wagt, als der Gewitterregen langsam nachlässt.
Durchgefroren harrt man die Umbaupause aus, bis der Hauptact des heutigen Abends die Bühne betritt. KETTCAR eröffnen mit Graceland, Singleauskopplung des aktuellen Longplayers Sylt. Es folgen Kein Außen mehr und 48 Stunden. "Mach immer was dein Herz dir sagt und begrab es an der Biegung des Flusses" schleudert das Publikum Wiebusch und Co. entgegen und hinterlässt das Gefühl eines überdimensionalen Kloßes in meinem Hals und eine Gänsehaut auf meinem Rücken, die definitiv nicht mit der Kälte zusammenhängt. Die Anwesenden erwartet ein sehr ausgewogenes Set. Freunde und Verfechter des Debüts Du und wie viel von deinen Freuden kommen ebenso auf ihre Kosten, wie KETTCAR-Novizen, die erst bei Sylt eingestiegen sind. Bei der Hamburg-Hymne Landungsbrücken raus recken sich die Fäuste in den Abendhimmel und die Chöre setzen ein. Die Leute sind da, sie bleiben da und gehen mit. Gänsehaut die zweite. KETTCAR gewinnen. Sie gewinnen gegen Regen und kühle Abendluft. Gegen alle, die geunkt haben, die neue Platte markiere den Status Quo Altherrenmusik. Und sie gewinnen mich - einmal mehr. Eine alte Liebe, die seinerzeit auf dem ersten KETTCAR-Gig im Münsteraner Gleis angefangen hat und in der ich mich heute Abend fühle, wie ein 15jähriger Teenager, der zum ersten mal richtig verknallt ist. "Endlich einmal etwas, das länger als vier Jahre hält" wäre Thees Uhlmanns Antwort darauf. Bei Agnostik für Anfänger wird lauthals das Wort "langweilig" mit geschrieen. Wahrscheinlich wäre dies auch ohne die vorausgehende Aufforderung von Marcus Wiebusch geschehen. Als sich Fake For Real mit seinen Moll-Akkorden und Verzerrern bedrohlich in den Abendhimmel hineinbohrt und sich grimmig gegen die letzten Wolkenreste auftürmt, scheinen KETTCAR den Kampf mit dem Wettergott endgültig für sich entschieden zu haben. Den Abschluss bildet Am Tisch, bei dem nicht nur Akkordeon und Trompete aufgefahren werden, sondern auch NIELS FREVERT auf die Bühne gebeten wird. Das Zusammenspiel der beiden Gesangsparts funktioniert live ebenso gut, wie aus der Konserve. Gänsehaut die dritte und letzte für heute Abend. Der Hinweis auf die folgende Aftershow-Party ist dem Publikum nicht genug. Es fordert Zugaben und bekommt diese auch. KETTCAR beenden den Abend mit Ausgetrunken und Deiche und lassen sich aufgrund immer wieder einsetzender Chöre noch zu Balu überreden, bevor das "Pascha" das Ordnungsamt ruft.
In klammer Kleidung aber mit einem wohligen Gefühl im Bauch macht man sich auf den Heimweg, den man dank einer glücklichen Fügung gemeinsam mit Bekannten im Auto zurücklegen kann. Beeindruckende Blitze tauchen die A1 in eine surreale Lightshow, die die des GHvC um einiges überbietet. Dafür war die musikalische Unterhaltung in Odonien um Klassen besser. KETTCAR danken der Academy, ich danke dem Grand Hotel van Cleef für einen wunderbaren Festivaltag. Was sind schon Hitze, Gewitter und Regen gegen eine Liebe zur Musik, eine Liebe zu den Tönen?!
Live-Review: Katja Embacher
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Foto: Southside |
Das 10. Southside Festival kann zum runden Geburtstag mit drei Tagen Sonne satt auftrumpfen. Die sonntägliche Sturmwarnung entpuppt sich als Hoax. Aber wer im Jahr 2006 dabei war, weiß: Lieber einmal zu viel gewarnt als gar nicht. Wir sind doch nicht auf dem Hurricane.
Freitag
Abfahrt in Mainz um zehn. Ankunft in Neuhausen ob Eck um 14 Uhr. Die Sonne brennt. Die Parkplätze sind rappelvoll. Allen Orts wird ein letztes freies Plätzchen zum Schlafen gesucht. Gepäck wird durch die Gegend gewuchtet, Heringe in den Boden gerammt. Die Zelte stehen schnell, das erste Bier ist noch schneller getrunken. Geschwind eine Mütze gegen den finalen Sonnenstich organisiert und schon geht es los zu BRITISH SEA POWER auf der Red Stage, dem kleinen Zelt, das im letzten Jahr einem Sturm zum Opfer fiel. Frage: Wer kommt um Himmelswillen auf die Idee ein Zelt mit vier Wänden auf ein Open Air zu stellen? Will ich im Dunklen schwitzen, kann ich auch im heimischen Club bleiben. Liebe deutsche Festivals, nehmt euch ein Beispiel am Ausland! In den Nachbarstaaten lassen sie die Zelte wenigstens rundherum auf. Im Zelt ist es ungemütlich-heiß und brechend voll, zumindest scheint es so, die Meute drängelt sich am Eingang, um das letzte bisschen Sauerstoff zu schnuppern. BRITISH SEA POWER kämpfen vornehmlich bei Songs von Do You Like Rock Music? mit schlechtem Sound. Eingequetscht und nach Luft schnappend, macht das kurze Set nicht wirklich Spaß.
SIGUR RÓS starten am frühen Abend mit Ný Batterí und Svefn-g-Englar. Ein Gänsehauttraum zum schönen Sonnenuntergang. Auch wenn SIGUR RÓS keine Festivalband im klassischen Sinne sind, springt die melancholische Stimmung doch schnell auf viele über. Man sieht geschlossene und weinende Augen. Im Takt wippen sitzende Oberkörper zu Inní Mér Syngur Vitleysingur, Við Spilum Endalaust oder dem von Konfettiregen begleiteten Gobbledigook. Als Zugabe gibt es obendrein das mit 12 Minuten Spieldauer absolut epische Untitled VIII. Der Auftritt von SIGUR RÓS ist so schnell nicht zu toppen.
Der BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB verkürzt die Wartezeit bis RADIOHEAD die Stage zu 15 Step betreten. Tom Yorke und Co. glänzen vor allem durch gewaltige Lichteffekte und schönes Bühnenbild. Musikalisch plätschert das von In Rainbows-geprägte Set eher vor sich hin. Wahrscheinlich werden die Meisten RADIOHEAD als die Band des Festivals schlechthin preisen. Um mich herum schaue ich allerdings in gähnende Gesichter. Wie so oft, wenn der Wind dreht, ist auch der Sound auf der Green Stage nicht immer der Beste. Immer wieder weht der viel lautere BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB herüber. Nach einer guten Stunde ist Yorkes Genöle einfach zu anstrengend. Die Zugabe Paranoid Android bekomme ich so nur noch, bereits in den Schlafsack eingemummelt, aus der Ferne mit. Meine Meinung, dass RADIOHEAD überschätzt werden, konnte somit nicht revidiert werden.
Samstag
Bereits um neun Uhr morgens ist es so brütend heiß, dass man unmöglich weiter im Zelt schlafen kann. Der Schweiß rinnt schon von den Wänden. Komme, was da wolle, Wasser muss her. Viel Wasser. Pünktlich zu KETTCAR ist das erfrischende Nass auch schon wieder verdampft und man findet sich hinter dem Wellenbrecher wieder. Die Hanseaten behaupten noch nie vor so vielen Menschen gespielt zu haben. Man glaub es nicht, war das Pit beim Southside 2005 doch mindestens schon genauso groß. Von Deiche über Graceland bis Balu spielen KETTCAR ein grundsolides Gute-Laune-Set, das einen nicht besser in den Tag schicken könnte. Die anschließenden TOCOTRONIC eröffnen mit Freiburg. Die komplett wahnsinnigen Ansagen des Dirk von Lowtzow erwecken den Eindruck, der Gute habe zum Frühstück drei Lines Koks mit puren Koffein runtergespült. Man kann nicht anders als den Kopf schütteln. TOCOTRONIC waren auch schon mal besser. Dennoch recken sich bei Aber Hier Leben, Nein Danke alle Fäuste gen wolkenlosen Himmel.
Zu THE NOTWIST ist die Zeltstage (wieder einmal) komplett überfüllt. Mit Mühe und Not ergattere ich noch einen Platz, von dem aus ich zumindest hören kann, dass sie mit Pick Up The Phone, One With The Freaks oder dem neuen On Planet Off ihrem Ruf (wieder einmal) alle Ehre machen. Eine dreiviertel Stunde tanzbare Melancholie. Daumen hoch. Die Schwestern TEGAN AND SARA sind kurz darauf an gleicher Stelle dran. Das Zelt ist deutlich leerer geworden, spielen doch DEICHKIND nebenan. Den beiden Kanadierinnen ist mit einer Stunde fünfzehn fast zu viel Zeit zugemessen worden. Die Füße schmerzen, der Hunger treibt in Richtung Campingplatz. Daran können auch die wirklich guten Songs von The Con und die anschließenden BEATSTEAKS, die man ohnehin schon viel zu oft gesehen hat, nichts ändern. Auf dem Weg zum Zeltplatz kann man die Masse noch zu Deichkinds Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah) springen sehen. Ein bombastischer Anblick.
Des Nachts geht es wieder zurück zum Gelände. THE CHEMICAL BROTHERS muss man einmal gesehen haben, dachte ich bisher. Außer umwerfender Lightshow inklusive Techno-Klischee-Laser können Tom Rowlands und Ed Simons nicht viel bieten. Die Übergänge haken, Basslines verirren sich im Nichts. Die euphorische Stimmung wird immer wieder von den zwei Briten gedämpft. Die drei Komponenten Electro, Rockfestival und Deutschland wollen einfach nicht zusammenpassen.
Sonntag
Das musikalische Programm startet früh. APOPTYGMA BERZERK spielen bereits um 12.50 Uhr. Da man es ohnehin nicht im warmen Schlafgemach aushält, ist das schattige Plätzchen vor der Mainstage auch wirklich der bessere Ort, um zu frühstücken. Erstaunlich viele haben die gleiche Idee. Und so werden die harten Beats von Non Stop Violence doch unerwartet noch zu einem kleinen Festivalhighlight. Man kann von APOPTYGMA BERZERK und ihrem Pseudo-EBM halten, was man mag, eine gute Liveband sind sie. Ohne Widerrede.
Die Schweden THE (INTERNATIONAL) NIOISE CONSPIRACY toben anschließend über die Bühne als wären nicht 40°C im Schatten. Zu politischen Messages und brandneuen Songs reißen ihre schlechten, lilanen Samtanzüge. Sänger Dennis Lyxzén stürzt sich gar ins Publikum. Nicht minder tobend: THE WOMBATS. Let's Dance To Joy Division bringt auch noch den Letzten endgültig zum Schwitzen. Matthew Murphy überbringt schließlich auch die eingangs erwähnte Sturmwarnung (auf deutsch!). Da Vorsicht bekanntlich die Mutter der Porzellankiste ist, werden umgehend mehr Heringe in den Boden gerammt.
Schnell geht es zurück ins Zelt zu BLACKMAIL. Sänger Aydo Abay ist einmal mehr super aufgelegt. Das Southside-Publikum solle doch bitte das des Hurricanes übertrumpfen. Gesagt, getan. Hemden fliegen, wie bei den BEATSTEAKS gestern, die Wall of Death wird zum Cross of Death umfunktioniert und Abay verschenkt Gartenzwerge (sic!). Auch musikalisch können sich BLACKMAIL hören lassen. Abay versemmelt zwar, wie gewohnt, wieder das Melodica-Solo bei The Good Part, dafür ersetzt It's Always A Fuse To Live At Full Blast jetzt tatsächlich den Schlusshöhepunkt Friend. Daran kann man sich gewöhnen. Bei MADSEN sticht der Planet dermaßen, dass nur noch nasse Turbane um den Kopf Linderung verschaffen. Fast wünscht man sich den ausgebliebenen Wind. MADSEN besingen den Sturm (Ein Sturm), aber auch Goodbye Logik, Die Perfektion, Ja Oder Nein können nicht lange dazu bewegen auf einem Platz vollkommen ohne Schatten zu verharren.
Erst am späten Abend soll es zurück auf das Gelände gehen. DIGITALISM haben die Ehre als letzte das Zelt zu bespielen. Dank Problemen mit der Lichttechnik geht es mit einer halben Stunde Verspätung los. Ohrenbetäubende Beats, bollernder Bass und vertrackte Melodien lassen keinen Fuß still stehen. Nach nur zehn Minuten läuft der kalte Schweiß den Rücken herunter. Das Zelt bebt. Sollen Deutschland, Festival und Electro am Ende doch noch zusammen gefunden haben? Draußen haben bereits die FOO FIGHTERS das Zepter fest in der Hand. Das kann und will ich mir nicht (noch einmal) antun. Genau wie RADIOHEAD werden auch Grohl und Konsorten unnötig über den grünen Klee gelobt. Für den Festivalsausklang sorgt stattdessen ein unbekannter DJ an einem der Red-Bull-Getränkeständen. Stundenlanges Tanzen unter freiem Sternenhimmel, schöner kann man kaum abschließen.
Summa summarum hat das diesjährige Southside Festival nicht durch musikalische Raffinesse überzeugen können. Highlights gab es kaum. Die Headliner waren uninteressant bis enttäuschend. Die üblichen Verdächtigen waren schlicht gut. Und dennoch war das Southside Festival auch im Jahre 2008 kein schlechtes. Die gute Laune von Publikum, Musikern, Security, Polizei, Feuerwehr und Johanniter-Teams musste einfach jeden anstecken.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.southside.de
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Foto: Jónas Valtýsson |
In der einmaligen Atmosphäre des wunderschönen, alten Ufa-Filmpalastes Caligari im Herzen der hessischen Hauptstadt eröffnen Rökkurró aus Reykjavík den vom Kulturamt Wiesbaden und dem Kulturzentrum Schlachthof initiierten isländischen Abend. Selten schließt man eine Band, über die im Vorfeld kaum etwas bekannt ist, so schnell ins Herz wie im Falle der fünf sehr jungen Multiinstrumentalisten Rökkurró. Der Opener Hún zeigt von Beginn an mit welch guter Band man es hier zu tun hat. Ohne ein Wort zu verstehen, brennen sich Lieder wie Ferðalangur sofort ins Gedächtnis ein. Sie strotzen nur so vor trauriger und zugleich aufbauender Schönheit. Hildur Kristín Stefánsdóttirs glockenheller Gesang auf Isländisch wird von kraftvollen Akkordeonklängen, Glockenspielereien und leise gezupften Folklore-Gitarren umschmeichelt. Dramatisches Cello und immer wieder aufwallende Drums machen die unglaublich fesselnde Präsenz Rökkurrós perfekt. Sie erschaffen mit ihrer Musik tagträumerische Schäfchenwolken in rosarot, halten einen darin so lange gefangen bis sie es für geeignet finden, einen mit einem dumpfen Schlag wieder aus samtigen Kinosesseln auf den Boden der Realität zurück zu befördern.
Ólafur Arnalds, ebenfalls aus Reykjavík, steht seiner Vorband, die ihm fast die Schau zu stehlen droht, in Nichts nach. Unterstützt vom Streichquartett des Reykjavíker Symphonieorchesters, nimmt Arnalds neben den drei Violinen und einem Cello am Piano Platz. Sanft knisternde Electronic-Beats wie in Himininn er að hrynja, en stjörnurnar fara þér vel erzählen ohne viele Worte von fragiler Emotionalität, die sich durch das ganze Solowerk des gerade mal 21jährigen zieht. Faszinierend wie Arnalds, der seine Aggressionen wohl in den Hardcore-Bands Fighting Shit und Celestine am Schlagzeug auslässt, über eine Stunde Instrumente zum Sprechen bringt und somit eine kribbelnde Gänsehaut auf die dreihundert anwesenden Arme zaubert. Die Temperatur im Kino scheint wirklich um einige Grade auf Islandkälte zu sinken. Klassische Klavier- und Streicherarrangements, ausgedehnt auf epische Breite, stehen neben Kammermusik, Drumcomputer und Popelegien. Und irgendwie ist die Verbindung aller dieser Stile doch auch Indie. Vor so viel Kreativität und Können kann man nur sprachlos den Hut ziehen.
Während Arnalds und Rökkurró ihr Equipment eigenhändig in den deutschen Sommerregen tragen, läuft im mondänen Lichtspielhaus im Anschluss an das Konzert noch die mitreißende Dokumentation Screaming Masterpiece (Regie: Ari Alexander Ergis Magnusson) über die brodelnde Musikszene Islands. Die üblichen Verdächtigen Björk, Múm, Mínus und Sigur Rós finden darin neben wunderschönen Landschaftsaufnahmen des kleinen Inselstaats ebenso ihren Platz wie auch potentielle neue Lieblingsbands: Bang Gang, Apparat Organ Quartet und Mugison seien an dieser Stelle als Anspieltipps erwähnt.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.myspace.com/rokkurro www.myspace.com/olafurarnalds
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Foto: Pressefoto |
Christine Fellows sitzt bereits hinter einem viel zu groß wirkenden E-Piano als ich wieder einmal viel zu spät in der Batschkapp ankomme. Die Ehefrau von Weakerthans' Frontmann John K. Samson zeichnet sich durch klare Melodien voll Poesie aus, die die Hitze in der spärlich besuchten Halle noch drückender wirken lassen. In ihrem 20minütigen Songwriter-Folk-Pop-Set, das vornehmlich aus Songs des aktuellen Albums Nevertheless besteht, wird Fellows bei einigen Stücken von Weakerthans-Schlagzeuger Jason Tait unterstützt. Als sie zur Ukulele greift, findet sich gar auch ihr Mann hinter einem freien Mikro wieder. Verhalten drückt er auf einigen Pianotasten herum. Samson scheint nicht so recht zu wissen, was er eigentlich hier sucht und verschwindet dementsprechend schnell wieder.
Ohnehin wartet Felix Gebhard, der im Moment vornehmlich mit seiner Band Home Of The Lame unterwegs ist, schon darauf endlich einmal wieder alleine, nur mit Akustikgitarre bewaffnet, ein Publikum zu unterhalten. Viel kann man zum kurzen Auftritt des Grand-Hotel-Künstlers nicht sagen. Grundsolide trägt Gebhard die altbekannten Home Of The Lame-Nummern, wie Big Machines oder Engine, im Akustikgewand vor. Zwischendurch murmelt er kaum verständliche Dinge über Merchandising und Geburtstage in seinen Bart. Kleinere Textunsicherheiten übergeht er charmant durch Blicke auf einen Spickzettel.
Durchgehend können weder Fellows, noch Gebhard alle im Inneren halten. Und auch The Weakerthans haben einen schweren Stand. Drinnen ist es definitiv zu heiß. Draußen locken Sonne, die Erlaubnis zu rauchen und das EM-Spiel Italien – Niederlande, dessen Tore man dank der anliegenden Kneipe mitverfolgen kann. The Weakerthans machen das Beste aus der Situation. Ohne viele Schnörkel oder störenden Schnickschnack bieten die vier Kanadier, mit Unterstützung von Christine Fellows an den Tasten und im Background, eine gute Mischung aus den letzten Alben. Mit Our Retired Explorer, das schon zu Beginn verschossen wird, Aside, Anchorless oder The Reasons treffen The Weakerthans ins Rockerherz. Gitarrist Stephen Carroll und Bassist Greg Smith können hier getrost mit puztig-übertriebenen Rockerposen inklusive durch die schlechte Luft fliegenden Instrumenten prahlen. Ruhige Songs wie das zum Klassiker avancierte Left And Leaving oder auch die neue Single Tournament Of Hearts stellen den Soundtrack für die vielen frisch-verliebten Pärchen, die sich, wie zu erwarten, heute Abend hier in den Armen liegen. Auch die beiden von Edward Hoppers Gemälden inspirierten Songs Sun In An Empty Room und Night Windows finden einen Platz im Set. Nicht fehlen dürfen ebenso die Lieder über Katze Virtute (Plea From A Cat Named Virtute und Virtute The Cat Explains Her Departure). Pamphleteer schließlich setzt nach einer Zugabe den musikalischen Schlussakkord. Zurück bleibt die Frage, ob man sich die "kanadische Band, die ihre traurigen Lieder sang" nochmals auf dem kommenden Southside Festivals anschauen soll. Dann vielleicht auch mit jemandem im Arm.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.theweakerthans.org www.myspace.com/theweakerthans
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Foto: Pressefoto |
Saunashow! Das war das Erste, was mir durch den Kopf ging, als ich im Auto mit offenen Fenstern Richtung Frankfurt düste. Dass sich der oder die andere bei solchen Temperaturen lieber in einen Biergarten setzt, bestätigte sich fast als ich kurz nach Acht die Batschkapp betrat. Vielleicht 20 Leutchen tummelten sich Intro-lesend und biertrinkend im Frankfurter Kultschuppen. Das sollte sich vorerst auch nicht groß ändern als der Support Herrenmagazin pünktlich um Neun die Bühne betritt. Frage: Wird mittlerweile eigentlich alles gesignt was aus Hamburg kommt, einen "voll crazy" Bandnamen hat, Deutsch singt und eine Fender halten kann? Antwort: Wohl oder übel: Ja! Schülerbandniveau ist das oder wie sie es selber, wohl krampfig zynisch, auf ihrer MySpace-Seite schreiben "klingt wie: Völlige Ambitionslosigkeit". Volltreffer! Nicht der Rede wert (und bloß nicht drüber aufregen), abhaken bitte!
Eigentlich habe ich "nur" ein solides Set erwartet, so rotiert doch in regelmäßigen Abständen Bob Mould's aktuelle Live-DVD Circle Of Friends in meinem Player. Im Prinzip wusste ich also, was mich erwartet. Als Meister Mould ("Legende" erspare ich mir vorerst) dann mit Backingband die Bühne entert und mit The Way We Act vom Copper Blue-Album loslegt, passiert etwas, was mich die letzten Jahre nicht im Ansatz dazu motiviert hätte: Ich begebe mich in die Menge, mittlerweile sind's vielleicht 200-300 Zuschauer. Was da an Kraft und Melodie und Song von der Bühne runterbollert ist wirklich einzigartig, und das, obwohl heute nicht Brendan Canty (Fugazi) an der Schiessbude sitzt, sondern ein bärtiger Unbekannter, aber das sei nur am Rande erwähnt. Fast ohne Verschnaufpause(n) feuert Mould seine Songs in die Menge: A Good Idea, Hoover Dam, See A Little Light. Erstaunlich, dass relativ wenig vom neuen Album District Line gespielt wird, was anhand der Hitdichte aber wenig stört. Es folgt die ein oder andere positive Überraschung wie Your Favorite Thing und gegen Ende des Sets rein in die zwei Zugaben gibt's noch mal ein Paket an Hüsker Dü-Songs: Celebrated Summer, Chartered Trips, Makes No Sense At All und I Apologize. Das sind Songs mit über 20 Jahren auf dem Buckel, die aber noch genau so frisch und zeitlos klingen wie damals. Und genau das kann man eigentlich 1:1 auf die Hardcore-Legende (jetzt hab ich das Wort doch in den Mund genommen) übertragen. Lassen seine letzten Alben im Gesamtkontext vielleicht etwas die alte Bissigkeit vermissen, live ist Bob Mould nach wie vor über jeden, aber wirklich jeden, Zweifel erhaben. Toll, dass er noch mal nach Frankfurt gekommen ist, toll, dass ich das erleben durfte!
Live-Review: Marco Pleil
www.bobmould.com www.myspace.com/bobmould
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Foto: Jenny Schnabel |
Endlich ist es wieder soweit: Niels Frevert beehrt einmal mehr das kleine aber feine Amp in Münster. Trotz Hafenfest und Grillwetter haben sich rund 50 Leute in dem gemütlichen Club versammelt, um sich den Ex-Nationalgaleristen anzuschauen. Der Opener des Abends ist diesmal groß im wörtlichen Sinne: Tapete-Labelmates The Grand Opening spielen ein wunderbares Akustikset, um die Anwesenden gebührend auf den Hauptakteur des Abends einzustimmen.
Die Spannung steigert eine für ein Akustik-Set doch recht lange Umbaupause, in der genug Zeit bleibt, um den wunderbaren Akustik-Gig von The Grand Opening noch mal in Ruhe im Kopf Revue passieren zu lassen. Schließlich kommt Bewegung ins "Wohnzimmer": Ein leicht zerzauster, schüchtern lächelnder junger Mann rückt sich einen Hocker zurecht. "Hallo, ich bin Niels Frevert." Ja, das hatten wir fast vermutet. Den Auftakt macht ein Tripplett bestehend aus Baukran, Du kannst mich an der Ecke rauslassen und Niendorfer Gehege des aktuellen Longplayer des Hamburgers. Ist es anfangs noch heiß genug, um im Trägertop im Gewühl vor der Wohnzimmerbühne zu stehen, so läuft mir nach knapp zehn Minuten doch ein Schauer über den Rücken. Vielleicht hat Gastgeber Ivo Schweikhart die Klimaanlage angeschmissen, vielleicht liegt es auch einfach an der faszinierenden Atmosphäre, die Niels Frevert allein mit seiner Gitarre zaubert. Ich für meinen Teil stelle während der nächsten Stunde fest, dass letzterer Schuld an der Gänsehaut ist, die sich immer wieder auf meinen Armen abzeichnet.
Obwohl das Set an diesem Abend überwiegend aus Tracks von Freverts aktuellem Album Du kannst mich an der Ecke Rauslassen besteht, bekommt das Publikum auch Schmankerl wie Glückskeks, Tag ohne Namen oder Seltsam öffne mich geboten. Und auch das obligatorische Lindenberg-Cover hat der Sänger im Gepäck. Diesmal hat sich Niels Frevert für Ein Herz kann man nicht reparieren entschieden, weil er zu dem Schluss gekommen sei, nur noch uncoole Tracks der Gronauer Nachtigall zu kopieren. So uncool kommt das Ganze gar nicht daher, eher in jener charmanten Manier, die man von dem Hamburger gewohnt ist.
Nicht nur für musikalische Unterhaltung, auch für Ratespaß wird an diesem Abend gesorgt. Niels Frevert plaudert zwischendurch aus dem Nähkästchen: Stell dir vor, du bist auf einem Konzert der ehrenwerten The Notwist und mitten im Set schaut Martin Gretschmann aka Console auf die Uhr. So geschehen im Hamburger Knust. Niels Frevert war durch diese Geste dermaßen irritiert, dass gemeinsam mit dem Publikum nach Erklärungsmöglichkeiten gesucht wird. Münster tippt auf einen in die Armbanduhr integrierten Mini-Laptop, mit dem der Keyboarder und Computerspezi die restlichen Rechner auf der Bühne kontrolliert - Hamburg dagegen vertritt die Ansicht, Console würde alle Notwist-Sets sekundengenau timen. Der Blick auf das Zeitmessgerät stellt somit sicher, dass Track XY wieder an punktgenau derselben Stelle gespielt wird, wie auf den vorherigen Gigs. Des Rätsels Lösung hat ein gewiefter Konzertbesucher parat: Vielleicht wollte Herr Gretschmann lediglich wissen, wie spät es ist. Verwirrung in der Hamburger Ecke, 1:0 für Münster! Vielleicht könnte sich an dieser Stelle einmal Console selbst zu Wort melden und alle Beteiligten aufklären, was der Blick auf die Armbanduhr nun wirklich zu sagen hatte.
Spätestens nach dieser netten Anekdote ist das Eis jedenfalls gebrochen: Niels Frevert geht grinsend zum weiteren Verlauf des Sets über. Sind die Chöre zu Du musst zuhause sein noch eher verhalten, so lässt sich das Münsteraner Publikum bei 7 dann doch zu Mitzählaktionen verleiten. Das offizielle Set wird durch das wunderschöne Wann kommst du vorbei beendet. Großer Applaus folgt dem Mann des Abends, als er an der Seite durch den Vorhang der Bühne Richtung Backstage huscht.
Kurze Zeit später kommt er zurück, um den ersten Zugabenblock zu starten. Aufgewacht auf Sand, Waschmaschine und das herrliche Liebeslied Einwegfeuerzeugstichflamme hüllen die Anwesenden ein und nehmen sie ein letztes Mal gefangen. Wieder setzt das Kribbeln auf den Armen ein, die geliebte Gänsehaut macht sich breit. Für die zweite und letzte Zugabe hat sich Niels Frevert Genug ist genug, Gnu ausgesucht. Genug war's an diesem Abend nicht, es hätten ruhig noch ein paar Stücke mehr sein können.
Der ehrenwerte Alex Lowe, seines Zeichens Ex-Sänger von Hurricane No.1 hat einmal in einem Interview gesagt, "Wenn ein Song richtig gut ist, kannst du ihn nur mit einer Akustikgitarre singen". Wie recht er damit hatte, hat Niels Frevert einmal mehr bewiesen - auch wenn ab und an mal die Telecaster zur Hand genommen wurde. Wer will bei Zitaten und deren Beweiskraft schon kleinlich sein, wenn man gerade wundervolle Musik ohne Schnickschnack, dafür aber mit Gänsehautpotential genossen hat?
Live-Review: Katja Embacher
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Wer wird die Vorband sein? Haben Nick Cave and the Bad Seeds überhaupt eine Vorband nötig? Wer soll würdig sein für Grabesstimme Cave eröffnen zu dürfen. "Ed Kuepper", raunt uns der im besten Rentenalter angekommene Merchmann zu. "Ed Kuepper? Wer?", fragt man sich. Später stellt sich heraus, dass der australische Gitarrist einer der bekanntesten Musiker am anderen Ende der Welt überhaupt ist. Bildungslücke geschlossen. Eigentlich verwunderlich, dass der Name Kuepper hier eine Unbekannte ist. Schrammeln sich er und sein Schlagzeuger doch in bester Dinosaur Jr.-Manier mit einer kleinen Prise Aussie-Grunge schnell ins geneigte Musikerherz. Obendrein wird hier, wo doch nur zwei Musiker auf der Bühne stehen, deutlich mit welch gutem Sound das Tempodrom in Caves ehemaliger Wahlheimat gesegnet ist.
The Bad Seeds lassen sich mit dem instrumentalen, von düsterem Bass dominierten Beginn von Night Of The Lotus Eaters Zeit bis Nick Cave himself frenetisch vom Publikum im gehobenen Alter empfangen werden kann. Weggefährte Mick Harvey unterstützt Cave an Gitarre und Orgel, Conway Savage steht am Piano bereit und Martin P. Casey sorgt für die Magengrummel-Bässe. Mit Thomas Wydler und Jim Sclavonus bringen gleich zwei Schlagzeuger die Halle zum Beben. Der latent-wahnsinnige Pennerbartträger Warren Ellis wechselt ständig zwischen Geige, Kindergitarre und –bass. Ein Fest für Augen und Ohren. Die melancholische Stimmung, die der Lotus-Song vom neuen Album aufbaut, schwindet zusehends beim Titeltrack Dig Lazarus Dig. Der auf der Leinwand immer wieder in großen Lettern aufflackernde Titel gibt das Motto des Abends vor. Düsterdandy Cave und die böse Saat spielen überwiegend die neuen Hits, die live um einiges mehr können als auf Platte. Herr Cave hat den Rock wieder entdeckt. Insgesamt präsentieren sich Nick Cave and the Bad Seeds überraschend agil, spontan und gut-aufgelegt, so dass einem Set über zwei Stunden in Bestform nichts im Wege steht. The Ship Song wird als Anekdote über aus dem Publikum geschenkte Blumensträuße, Caves Verlangen nach einer "Vaaaas" und dem hinterher geflogenen Becher, der als solche Verwendung findet, in Erinnerung bleiben. Beim finalen Stagger Lee, als Cave am Versuch scheitert sich die Blumen in die Hose zu stecken – ein Schelm wer Böses denkt – kann man nur schmunzeln. Die ersten Reihen freut's, gehen sie doch mit einer von Nick Cave persönlich überreichten "Wilde Rose" nach Hause.
Red Right Hand animiert dazu Szenen diverser, schlechter Teenie-Horrrfilme der Neunziger vor sich zu sehen. Zu oft wurde die vertrackte Melodie in solchen verwendet. Deanna ist erwartungsgetreu der Song des Abend. Selbst die Mit-Vierzieger neben mir auf den Rängen hält es kaum auf den Sitzen. Mit More News From Nowhere ist das reguläre Set nach realen neunzig und gefühlten fünf Minuten vorbei. Doch die ersten verhaltenen Standing Ovations locken die Band wieder aus den dunklen Backstagehallen hervor. Mit Get Ready For Love, der wunderschöne Pianoballade Into My Arms, Hard On For Love und Lyre Of Orpheus, bei dem wirklich das ganze Tempodrom den "O Mamma"-Refrain mitsingt ist auch der erste Zugabeblock wie im Nu verflogen. Stampfen, Klatschen, Rufen. Kommen sich nochmals auf die Bühne? Es fehlen doch noch so viele gute Songs. Und tatsächlich. Zumindest mit Mercy Seat in grandios-neuer Version wird noch ein Wunschtitel gespielt.
Alles in allem muss man sagen, dass bei Nick Cave and the Bad Seeds einfach das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Für Bekanntheit und abgelieferte Show könnten sie, wie so manch anderer aus dieser Liga es vormacht, auch gut das doppelte verlangen. Aber nicht, dass das den Booker jetzt auf böse Ideen bringt...
Live-Review: Katrin Reichwein
www.nickcaveandthebadseeds.com www.myspace.com/nickcaveandthebadseeds
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Foto: www.pertramer.at |
Verkatert vom Vortag. Kettcars Sylt schon nach dem dritten Hören überdrüssig. Keine guten Voraussetzungen für ein Konzert. Unter normalen Umständen wäre dieser Pfingstsonntag ein Tag zum Im-Bett-Bleiben oder zumindest am Baggersee-Liegen gewesen. Glückliche Zufälle bescheren aber eine Gästeliste +3, das lässt man dann doch nicht verfallen. Freunde und Konterbier geschnappt. Ab nach Wiesbaden.
Die Supportband Ola Podrida startet pünktlich um acht. Menschenmassen schieben ihre verschwitzten Körper gen Theke, um den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen. Hot Hot Heat im taghellen Schlachthof. Draußen brutzelt die Sonne. So hat es die Folkband aus Brooklyn nicht leicht alle im Inneren zu halten. Erster und letzter Song des Sets klingen gut; warm wie die stehende Luft. Gitarren umarmen sich und vermitteln Behaglichkeit. Was zwischen Beginn und Ende geschieht, vermögen nur die hartgesottenen Drinnis zu erzählen. Ein kühles Bier an dem Ort, der sich mal Schlachthof-Parkplatz nannte und sich nun durch Betonneubauten auszeichnet, war für viele die bessere Alternative. Wäre doch der Sylter Strand nah.
Kurze Zeit später ist Tonmeister Friedel Weizendusch (props!) ready, damit Kettcar mit Deiche eröffnen können. Katerkopfschmerzen, Hitze und Enge sind sofort vergessen. Die Grand-Hotel-Vorzeige-Band hat mich sofort wieder auf ihrer Seite. Blau-rote Diodensäulen tauchen den tobenden Schlachthof in Stadionatmosphäre. Kettcar schicken ihr Publikum auf eine Gefühlsachterbahn: Auf Kein aussen mehr folgt der Soundtrack aller Fernbeziehungspaare 48 Stunden. Bei Neu-Single Graceland bleibt Zeit die heimlichgeweinten Tränen wieder wegzuwischen, um dann bei Landungsbrücken raus in den Chor tausend textsicherer Kehlen einzusteigen. Lachen und Weinen gehen Hand in Hand. Die neuen Songs passen sich perfekt ins Set ein, so dass sich ein harmonisches Gesamtbild aus den drei Kettcar-Alben ergibt. Leider ist der Sound im hinteren Hallenbereich ein wenig undifferenziert, die Ansagen der Wiebusch-Brüder gehen im allgemeinen Gemurmel unter. Verstanden wird im Zweifel immer, wann zu klatschen und wann zu singen ist, so sorgt der "Das Leben, die Welt – Laaaaangweilig"-Chor (Agnostik für Anfänger) für Gänsehaut. Ausgetrunken wiederum lädt zum ausgelassenen Tanz. Neunzehn Lieder und drei Zugabeblöcke halten Kettcar diese Berg- und Talfahrt durch. Nach einem abschließenden Balu (inklusive Klischee-Feuerzeugen in der Luft), haben die Hanseaten gezeigt, dass Sylt doch den Kauf wert ist.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.kettcar.net www.myspace.com/kettcar
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Das Rex Theater war wieder einmal Gastspielstätte für ein exklusives Radiokonzert. Diesmal präsentierte der Musik-Sender 1Live die britischen Jungs von The Kooks in der bergischen Hauptstadt Wuppertal. Die Herzen aller britischen Indie-Fans schlugen also doppelt so schnell, denn eins ist klar, dass man dieser Band so schnell nicht mehr so nah sein kann, wie an diesem Abend. Kleine gemütliche, wohnzimmerartige Konzerte werden in nächster Zeit wohl Mangelware sein, denn auch mit ihrem neuen Album Konk werden The Kooks nicht nur einen Hit landen. Es ist ein Potpourri von Songs, die auf Konzerten die Menge zum Tanzen, Schreien und Ausflippen animiert und jedes Frauenherz höher schlagen lässt.
So feierte das zum größten Teil weibliche Publikum ihre Lieblinge (für Wuppertaler Verhältnisse fast schon sozusagen hemmungslos) und bewies nicht nur Textsicherheit bei den alten, sondern auch bei den neuen Hits. Eröffnet wurde das Spektakel von Frontmann Luke Prichard mit Seaside und er intonierte dabei in den verschiedensten Arten und Weisen wie auch bei anderen älteren Liedern, wodurch oft neue und interessante Vocalmelodien und Stimmeffekte entstanden. Zu Weilen jedoch auch mal etwas irritierend für den festgefahren "Kooksliederexperten". Der zweite Song Always Where I Need To Be läutete dann das 60minütige Non-Stop Abtanzvergnügen ein. The Kooks bewiesen in dieser Stunde, dass sie musikalisch in Topform sind. Die neuen und alten Chöre saßen einfach perfekt, Gitarrenriffs flogen locker durch die Luft und die rockigen Grooves brachten einfach jeden Fuß zum Wippen.
The Kooks wussten aber nicht nur durch ihre Lieder und ihre Performance zu bestechen. Leider für die Radiohörer an den Empfängern nicht sichtbar: Die Abendgeraderobe der vier Herren. Knallenge Röhrenjeans, weiße Hemden mit einem Ausschnitt, den man sonst nur von vollbusigen Frauen kennt und cowboyartige Lederstiefel. Wofür Herr Pritchard allerdings die Hosenträger trug, ist fraglich, denn diese wie eine zweite Haut anliegende Hose ist einfach nicht in der Lage von seinem Hintern zu rutschen. Es bleibt mir eh ein Rätsel wie man in solch enge Hosen schlüpfen kann. Aber The Kooks beweisen dadurch nur ihre Liebe zum Detail und so ist wahrscheinlich auch der Einsatz der musikalischen Beiträge verschiedenster Roadies zu verstehen, die bei dem ein oder anderen Lied mal mitrasselten, ein eigenes Mikro neben dem Schlagzeug hatten oder auch mal die Gitarrenbegleitung übernahmen, während Hugh Harris das Zelebrieren von Orgelthemen übernimmt. Und obwohl Do You Wanna Make Love With Me schließlich alle Zuschauer zum Aufstehen und kräftigen rhythmischen Mitklatschen bewegte, reichte diese Euphorie den britischen Herren nicht, denn Luke animierte während des Konzert mit deutlichen Handzeichen immer wieder die Zuschauer zum "Durchdrehen" und am Ende ließen sie das doch so fröhliche Publikum ohne eine Zugabe nach Hause gehen. Obwohl die Jungs "einfache vier Jungs sind, die es lieben Musik zu machen", schien durch diese Geste, der Radiotermin ein PR nötiger Pflichttermin zu sein.
Live-Review: Tobias Basse
www.thekooks.co.uk www.myspace.com/thekooks
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Dioramic ernten für Headbangen mit kurzen Haaren nur verhaltenes Klatschen vom Batschkapp-Publikum. Man fragt sich, ob Blackmails Aydo Abay wieder einmal mit Intro-Redakteuren zu tief ins Vodka-Glas geschaut hat, als das Trio aus Kaiserslautern den Zuschlag für den Support-Slot bekam. Experimental-Alternative trifft Death-Metal-Grunzen trifft Screamo-Gebrüll. Die "bösen Lieder" sind definitiv einzigartig. Es ist nicht zu leugnen, dass viel Talent in den Pfälzern steckt. Klangliche Dichte, Stimmvariationsbreite galore. Und dennoch fallen mir mindestens fünf Bands aus dem Tonstudio 45-Umfeld ein, die hier besser her gepasst hätten.
Runde vierzig Minuten später betont Aydo auch schon, dass er nicht betrunken, ob des Tourstarts "in der Stadt mit der tollsten Skyline" aber wahnsinnig aufgeregt ist. Das Opener-Dreiergespann U Sound, The Mentalist und Mine Me I will dennoch oder gerade deswegen nicht recht zünden. Spätestens mit dem folgenden Evon und It Could Be Yours haben Koblenz Finest aber alle auf ihre Seite gezogen. Die eigene Nervosität ist besiegt. Eine Diskussion, ob Aydo ein Placebo-T-Shirt trägt, leitet perfekt False Medication ein. Die ersten Shirts landen auf der Bühne, im Pit herrscht eine kleine Wasserschlacht. Bei (Feel It) Day By Day fliegen schließlich nicht nur Kleidungsstücke auf, sondern auch Stagediver von der Bühne. Kleine Patzer, wie das misslungene Melodica-Solo bei The Good Part, fallen dank guter Stimmung hüben wie drüben nicht weiter ins Gewicht.
Das orientalisch angehauchte It's Always A Fuse To Live At Full Blast bildet inklusive gekonntem (Bier-)Bauchtanz von Herrn Abay den Abschluss des regulären Sets. Wüsste man es nicht besser, könnte dieses aufwühlende Monster der neue, nicht besser gewählte, Konzertabschluss werden. Aber nichts da. Das dicke Moonpigs-Trompetensolo läutet Zugaberunde Eins ein, der mit Same Sane das Sahnehäubchen aufgesetzt wird. Experimentell wird es mit dem erstmals live gespielten, für Blackmail'sche Verhältnisse relativ ruhigen, So Long Goodbye. Sollte es in die Hose gehen, fliegt es aus der Setlist. Tut es natürlich aber nicht. Nach weiteren Danksagungen an Frankfurt, erneutem Abgang und frenetischen Zugaberufen bleibt es mit Air Drop melancholisch - bis beim Fünfzehn-Minüter Friend, für diese Tour in ein wenig modifiziertes Gewand gekleidet, ein letztes Mal Myriaden an Stagedivern durch die Lüfte gleiten. Das sich immer wieder zu neuen Höhen aufschwingende, niemals enden wollende Friend alleine macht ein Blackmail-Konzert jeden Cent wert. Könnte man, nein, frau, (Kurt Ebelhäusers) Gitarrenriffs ehelichen, ich würde es tun. Carlos Ebelhäusers virtuose Basslinien nehme ich gleich noch mit dazu. Gelungener kann ein Tourauftakt kaum sein.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.blackmail-music.com www.myspace.com/thisisblackmail
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Colourful Grey sind tot! Lang lebe The Water Safety! Wer nun aber denkt, die Band um die ehemaligen Indie-Lieblinge Frankfurts trete nach guten zehn Jahren farbenfrohen Graus deren Nachfolge an, hat sich geschnitten. The Water Safety haben außer den Herren an den Instrumenten nichts mit der Band, die im vergangenen November zu Grabe getragen wurde, gemein. Philipp Lemhöfer (git/voc), Boris Werth (git/bass) und Dennis Herzog, hier der Mann fürs Elektronische, bei Colourful Grey noch der heimliche sechste Mann im Hintergrund, drehen die Verstärker lauter. Berge an Gitarreneffekten türmen sich im kleinen Clubkeller auf. So wie sich die Synthesizer (und Laptops) bei Colourful Grey dezent im Hintergrund gehalten haben, um lediglich hier und da Akzente zu setzen, so stehen sie bei TWS deutlich im Vordergrund. Live wird das Trio von Martin Loos, dem lautesten und vielleicht besten Schlagzeuger Frankfurts (nach Bandaussage), unterstützt. Perfekt ist die unverwechselbare Klangsynthese aus Post-Rock, athmosphärischen Gitarrenwänden und Elektrobeats. 65daysofstatic, die natürlich vor Beginn der Show aus der Konserve laufen, lassen grüßen.
An früher erinnert noch Philipps melancholie-geschwängerter Gesang. Jedoch nimmt sich der Herr am Mikro sehr zurück, instrumentale Stücke herrschen vor. Vom introvertierten Melancholiefaktor, wie in Heartbeats on Vinyl, geht das schon stark in Richtung frühe The Notwist oder auch Minimalist Trentemøller. Allerdings schrauben sich die fließend ineinander übergehenden Tracks immer wieder in solch rockige Höhen, dass einem Hören und Sehen vergeht. Ab und an fragt man sich gar, ob TWS ihr Publikum mit Tönen jenseits aller Tinitus- und dB-Grenzen vergraulen wollen. Es passiert schon mal, dass der gesamte Clubkeller mit zugehaltenen Ohren da steht. Nicht etwa, weil das, was da gerade auf der ebenerdigen Bühne vor sich geht, so schrecklich klingt, sondern einfach dank der hohen Fieps-Töne. Aber TWS haben aber nicht nur epische Melancholie in ihren Songs. Überraschend gibt es mittendrin einen richtigen Happy-Tune mit waberndem Bum-Bum-Techno-Bass. Entstanden ist das ultra-tanzbare Stück Musik, weil die Herren von der Wasserwacht nicht am Türsteher des Offenbacher In-Electro-Clubs Robert Johnson vorbei gekommen sind. – Jungs, lasst euch von einem Stammgast gesagt sein: Das Lied hätte sicher auch dort für eine volle Tanzfläche gesorgt.
Mit No, I am not a strikter, inklusive Mandoline und Glockenspiel, ist das gut 45minütige Set viel zu schnell vorbei. Vehement wird eine Zugabe gefordert. Leider sind mehr Songs noch nicht drin. Daher: Bitte schnell mehr schreiben, das Ganze auf Polycarbonat pressen und touren, touren, touren!
Live-Review: Katrin Reichwein
www.thewatersafety.de www.myspace.com/thewatersafety
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Foto: Katrin Reichwein |
Eigentlich sollte das hier das erste iLiKETRAiNS-Konzert in Frankfurt werden, doch die Briten sind hierzulande noch eine Unbekannte, da kam ein findiger Booker auf die Idee, die derzeit viel gehypten Get Well Soon mit auf die Bühne zu stellen. So bekommt man das Haus voll. Richtig gedacht, jedoch entwickelt sich das Prinzip Co-Headlining für iLiKETRAiNS schnell zum Nachteil. Die Mitzwanziger aus Leeds werden zur Quasi-Vorband degradiert, für die sich kaum einer interessiert. Neunzig Prozent der Anwesenden sind nicht wegen ihnen gekommen. Wirklich zusammenpassen wollen epischer Post Rock und Singer/Songwriter-Pop auch nicht, wie sich später noch zeigen wird.
Gerade erst in der schnuckeligen Brotfabrik angekommen, schlendern wir gemütlich in die zweite Reihe des noch nicht halbvollen Saales, da wird auch schon das Licht gedimmt. iLiKETRAiNS verpatzen direkt den Opener Twenty Five Sins. Betreten versucht Guy Bannister sich zu entschuldigen und bittet das Publikum doch eine Geschichte zu erzählen so lange der Amp repariert wird. Als Antwort kommt nur verhaltenes Lächeln. Verschüchtert, wie kleine Schuljungen, steht das Quintett auf der Bühne. Man sollte nicht meinen, dass die Herren in ihren blütenweißen Hemden mit schwarzem Trauerflor die nächste Stunde ein perfektes Gänsehaut-Konzert liefern. Beim zweiten Anlauf entwickeln iLiKETRAiNS einen derart dichten Sound, den man so schon lange nicht mehr vernommen hat. Epische Gitarrenwände türmen sich um Dave Martins theatralisch-düstere Grabesstimme auf. Die Instrumente scheinen schier miteinander zu kommunizieren. Jedes davon ist differenziert zu erkennen und doch bilden Gitarren, Bass, Schlagzeugspiel, Horn, Rhodes Piano und Synthies eine harmonische, nur so vor Kraft strotzende, Einheit. Die eindrucksvolle Visualisierung der Stories hinter den depressiven Lyrics rundet den historischen Kontext der Band ab. Zwar ist das Dia-Show-Konzept nicht die Neuerfindung des Rades, es passt sich hier aber bestens der filigranen Breitbild-Schönheit und Ästhetik der zehn Songs an. Obendrein ist die Chose auch noch lehrreich: Oder wusste bisher jemand von den Opfern des Pestausbruchs im englischen Dorf Eyam, Derbyshire, deren Namen über den Bildschirm flimmern (We All Fall Down)? Oder von der Geschichte des Schachmeisters Bobby Fischer (A Rook House For Bobby) oder vom tragischen Tod eines englischen Premierministers, der das Thema im finalen, zehnminütigen Spencer Perceval bildet? Sicher nicht. Trotz scheinbarem Lehrauftrags, Songs über gescheiterte Persönlichkeiten, Katastrophen und einer Melancholie in der Stimme, die manch einem die Tränen in die Augen schießen lässt, erweisen sich iLiKETRAiNS jedoch ganz und gar nicht als Kinder von Traurigkeit. Spätestens als Dave zum falschen Song ansetzt, weil er seine Setlist auf ein Brötchen (!) geschrieben hat und nun die falsche Seite oben liegt, wird schallend gelacht. Ob da jemand den Namen Brotfabrik zu wörtlich genommen hat? Was uns wohl im Wiesbadener Schlachthof erwartet hätte...
Mit ihrem experimentellen Ansatz fast-träge Melodien zu hochexplosiven Songgewittern empor zu schrauben, werden iLiKETRAiNS wohl nie in den Olymp des Indie-Zirkus aufsteigen, man kann sich aber getrost sicher sein hier und jetzt eine der derzeit talentiertesten Bands Englands gesehen zu haben. Qualität wird ja bekanntlich gerne unterschätzt.
Get Well Soon sagt man eben solche Qualitäten nach und doch haben sie nach dem atemberaubenden Auftritt der Briten von Beginn an keinen guten Stand. Auch wenn ich das Album vor Kurzem noch über den grünen Klee gelobt habe, können sie mich live nicht überzeugen. You/Aurora/You/Seaside und Christmas In Adventure Parks mit seinen Tex-Mex-Trompeten kommen im Gegensatz zu den aufheulenden Gitarren iLiKETRAiNS' fast fröhlich-poppig daher. Konstantin Gropper bemerkt diesen Fakt recht schnell selbst: "Ich dachte immer, wir wären eine melancholische Band, aber jetzt fühle ich mich wie in einer Mallorca-Band", sagt er und kündigt People Magazine Front Cover als Zehn Nackte Frisösen an. Bei diesem zugegeben schlechten Witz verzieht Gropper keine Miene, wie sonst auch nicht. Stoisch singt er, nicht ganz so perfekt wie auf Platte, ins Mikro. Ob es dem „Wunderkind“ Spaß macht, bleibt sein Geheimnis. Bei If This Hat Is Missing I've Gone Hunting mit dem klebrigen "Shoot, baby, shoot"-Refrain ertrage ich mein Gähnen nicht mehr. Die Bar wird als spannenderer Ort auserkoren und der mittlerweile brechend volle Konzertsaal anderen überlassen...
Live-Review: Katrin Reichwein
www.iliketrains.co.uk www.myspace.com/iliketrains www.youwillgetwellsoon.com www.myspace.com/youwillgetwellsoon
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Foto: Kamil Kascha |
Man(n) erzählt mir immer wieder, dass es im Sachsenhausener Bett meist so gerammelt voll ist, wie es sonst nur auf diversen WG-Küchen-Parties vorkommt. Dass gar viele vor der Tür stehen bleiben müssen – und das nicht wegen des hessischen Nichtrauchergesetzes. Doch irgendwie ist das nie der Fall, wenn ich mich in die schnuckeligen Altstadtgässchen Frankfurts verirre. Nach dem obligatorischen "Hallo, ich steh' auf der Gästeliste..." an der Theke, erwartet mich einmal mehr ein leerer Raum. Drei Gestalten tummeln sich an der Bar. Im Laufe des Abends werden noch gut-geschätzte zwanzig daraus.
Wohnzimmerkonzert nennt man das dann wohl. Für Cloudberrys Zwecke scheint der Gig in familiärer Atmosphäre heute allerdings der Idealzustand, denn es gilt Neues auszuprobieren. Nach Moni Grysas überraschendem Ausstieg steht nun wieder ein Mann am Bass: Sebastian Lübeck, eine Hälfte der "AgenturFürKrankeMedien", die schon das Artwork für Graceful & Light entworfen hat und sich auch für ihre Videoclips verantwortlich zeichnet. Dank anfänglicher Soundprobleme dringen aus dem Hintergrund Wortfetzen wie "Boah, ist das ein geiles Teil..." an mein Ohr. Gemeint ist Sebastians schicker Bass, ein Epiphone Thunderbird IV, der Style und Klangperfektion miteinander vereint. Das nenne ich Punktsieg schon vor dem ersten gespielten Ton. Premiere folgt auf Premiere. Daher soll an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben, dass Sänger und Gitarrist Marco Pleil sichtlich stolz seine nigelnagelneue Fender Telecaster Deluxe 72 das erste Mal auf Livezwecke testet.
Dafür, dass die drei Herren in neuer Besetzung mit neuen Instrumenten das erste Mal vor Publikum stehen, meistern sie den Abend bravourös. Neu ist auch, dass Marco von Drummer Thomas Wolf nun gesanglich unter die Arme gegriffen bekommt. Noch etwas zaghaft versucht er Monis verlorengegangene Stimme zu ersetzen. Ob die anwesende Moni das nicht auf sich sitzen lassen will, sei dahingestellt. Bewaffnet mit drei Pinnekens Jägermeister stürmt sie, noch in der dicken Winterjacke, ohne große Erklärungen auf die Bühne, um Cloudberry bei Hits And Hugs ein endgültig letztes Mal zu unterstützen. Chapeau, Moni!
Die Dreiviertelstunde Cloudberry entwickelt sich von den gefühlten hundert Cloudberry-Konzerten in sechs Jahren, die ich gesehen habe, nach und nach zu einem der Besten. Die anfängliche Nervosität des Trios vor diesem Gig schwindet von Song zu Song. Aus den Zwei-Minuten-Sahnestückchen von Platte werden live ausufernde Stücke mit großem Volumen, die auch wunderbar in großen Hallen funktionieren könnten. Anything Goes und Ripcord etwa fließen kaum spürbar ineinander über. Innuendo oder das melancholische The Paingarden sorgen auch ohne Orchester aus der Konserve für Gänsehaut. 2008 könnte endlich das Jahr für Cloudberry werden. Es wäre ihnen von Herzen zu wünschen.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.cloudberry.de www.myspace.com/thisiscloudberry
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Foto: Pressefoto |
Noch vor einem halben Jahr waren "Wombats" nur kleine, kuschelige Tiere, die außerhalb Australiens allenfalls WWF-Umweltschutzaktivisten ein Begriff waren. Seit sich drei Liverpooler nach einer durchzechten Nacht nach den Beuteltieren benannten und sich anschließend anschickten, mit ihrer Musik groß rauszukommen, denkt man beim Namen "Wombats" vor allem an die Hits Kill The Director und Let's Dance To Joy Division, die sich im Gehörgang festsetzen. Am vergangenen Sonntag beehrten Matthew Murphy, Dan Haggis und Tord Øverland Knudsen im Rahmen ihrer Deutschlandtour das Münchener Atomic Cafe und sorgten für ausgelassene Stimmung, ohnmächtige Mädchen und den vielleicht jüngsten Altersschnitt in der Geschichte des Clubs.
Das Spektakel war seit Wochen ausverkauft, die letzten Schwarzmarktkarten wechselten bei Ebay für knapp 80 Euro den Besitzer. Erinnerte stark an Mitte Februar, als Pete Doherty mit seinen Babyshambles die bayerische Landeshauptstadt besuchte. Wenigstens konnte man sich bei den Wombats (relativ...dazu später) sicher sein, dass sie auch zum Konzert erscheinen würden, und zumindest ein Drittel der Band hatte ich ja Mittags bereits zum Interview getroffen. Wie immer wenn das Atomic Cafe ausverkauftes Haus vermeldet, ist auch dieses Mal ein Teil der Konzertbesucher dazu verdammt, statt der Bühne die beiden großen, roten Säulen in der Mitte des Raums anzustarren. Entsprechend groß ist bereits bei der Vorband das Hauen und Stechen um die besten Plätze.
Zur Vorband lässt sich nicht viel sagen, ein kurzer Blick auf die Bühne lässt mich irritiert feststellen, dass dort Typen mit schwarzen Hemden und roten Krawatten stehen, deren Erscheinungsbild mich an My Chemical Romance erinnert. Und ich meine, sofern ich dies nicht angesichts dieses ersten Eindrucks eine naheliegende Einbildung ist, unter den Augen des Sängers schwarze Schminke in Tränenform zu erkennen. Irgendjemand neben mir weiß, dass die Herren The Parlotones heißen und aus Südafrika kommen. Aha. Trotzdem lieber nochmal kurz der Bar einen besuch abstatten und das Geschehen aus der Ferne betrachten. Vom Sound her gar nicht mal so übel, muss man anerkennen.Nach etwa einer halben Stunde ist das ganze dann auch zu Ende.
Nun, eine weitere halbe Stunde vergeht, ohne dass sich auf der mittlerweile umgebauten Bühne etwas regt. Wieder 20 Minuten später, werden die ersten Besucher, die sich wohl schon seit geraumer Zeit im dichten Gedränge unmittelbar vor der Bühne befinden, etwas ungeduldig. Wieder einige Zeit später wird man schließlich darüber in Kenntnis gesetzt, dass es eine Verzögerung gäbe und der Drummer "abgängig" sei. Was mag das wohl heißen. Der Vergleich mit Pete Doherty ist also doch nicht so weit her Nach weiteren 15 Minuten vermelden Freunde von mir, dass Schlagzeuger Dan soeben vorm Club aus einem Taxi gesprungen ist, und tatsächlich betreten zwei Minuten später drei Herren die Bühne und werden frenetisch begrüßt.
"Tut mir echt leid, dass ihr warten musstet, aber ich habe heute schon zwei Flugzeuge verpasst", berichtet uns der Herr an den Drums, die Menge nimmt es ihm nicht übel, vor allem weil die drei sich sofort mächtig ins Zeug legen und sich beim Publikum nach stundenlangem Warten offenbar einiges entlädt. Die Atomic-Haustechniker, die am vorderen Bühnenrand mit ihren Armen Absperrgitter spielen müssen, können einem schon nach wenigen Minuten leid tun. Schon bald müssen die weiblichen Besucher in den vorderen Reihen angesichts des gnadenlos schiebenden Mobs kapitulieren und ihr Glück weiter hinten versuchen (die Mädchen, die bis zum Schluss ganz vorne durchhalten, werden am Ende von ihren Freunden völlig entkräftet weggetragen werden). Vielleicht sollte man sich auf Seiten der Atomic-Geschäftsführung mal überlegen, die ein oder andere Karte weniger in den Verkauf zu geben. Immerhin gab es gegen Ende des Konzerts Gratis-Wasser für die dehydrierten Körper vor der Bühne.
Vom einstündigen Überlebenskampf, dem man sich ausgesetzt sah, abgesehen, hielt der Abend in jeder Hinsicht, was er versprochen hatte. Dem hervorragenden Ruf, den die Wombats bei der Live-Performance genießen, wurden sie absolut gerecht. Balladen? Fehlanzeige. Bei den Liverpoolern ist jeder Song ein drei minütiges Gitarrenfeuerwerk, sich dazu nicht zu bewegen fällt schwer. Den Melodien kann man sich nicht entziehen, und die einfach gestrickten, aber dennoch intelligenten Texte liegen einem sofort auf den Lippen, selbst wenn man das Album noch nicht allzu oft durchgehört hat. Die Jungs haben Spaß auf der Bühne, und lassen das Publikum daran teilhaben. Ein etwas korpulenterer Engländer, der mit Zwischenrufen vom Bühnenrand, später auch mit Tanzeinlagen auf der Bühne auffällt, wird uns schließlich als Tourbusfahrer vorgestellt. Nachdem er schon einmal bekannt gemacht wurde, bleibt er auch gleich auf der Bühne und singt ein bisschen mit. Frontmann Matthew redet viel mit dem Publikum, und sorgt so wenigstens für ein paar Sekunden Verschnaufpause, ehe der nächste Hit angestimmt wird. Hits? Nun ja, welche Songs soll man da herauspicken, natürlich das grandiose Let's Dance To Joy Division, bei dem wirklich niemand im Raum mehr still steht, und auch Moving To New York und Kill The Director. Auch ein neuer Song ist im Programm, der sich nahtlos in das Programm einfügt. Die drei Briten verausgaben sich wirklich auf der Bühne, der Tour-Kalender ist mit 50 Konzerten bis Mitte September voll, wie die Herren das durchstehen wollen, weiß ich nicht. Als Zugabe gibt's schließlich noch Backfire At The Disco und My First Wedding.
Obwohl einige Konzertbesucher wohl noch eine Weile mit den Nachwirkungen kämpfen werden, es war ein wirklich gelungener Abend, an dem sich sicher niemand unzufrieden auf den Heimweg gemacht hat, auch wenn das ein oder andere Paar Schuhe oder Kleidungsstück die Show nicht überlebt haben sollte.
Live-Review: Andreas Kussinger
www.myspace.com/thewombatsuk
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Foto: Paal Audestad |
Wie die Woche bestens beweist, sind die Skandinavier doch die besseren Musiker: Erst der Schwedenhappen The Hives, dann Färinger Teitur und nun geben auch schon Kaizers Orchestra eine Lektion in Norwegisch. Doch vor Beginn des Sprachunterrichts stehen noch die letzten zwei Songs von Geoff Berner, der seinem Hang zu Alkohol und Sex auch textlich nachkommt. Die Batschkapp ist trotz der frühen Zeit (Einlass 18:30 Uhr!) schon gut gefüllt. Vor der Bühne wird über "drunken, dirty, political and passionate" Klezmer-Musik gelacht. Akkordeonspieler Berner erklärt humorvoll, dass ein Fächer auf jiddisch – phonetisch gesehen – "Fuck-Her" heißt und entwickelt darum eine abstruse Geschichte um den Gebrauch von Fächern in "hot places". Das abschließende "Lucky Goddamn Jew" lässt es wahrlich bedauern erst so spät nach Einlass angekommen zu sein und somit über die Hälfte des Sets des kanadischen Querkopfes verpasst zu haben.
Kaizers Orchestra fangen in der Tat pünktlich um 20 Uhr an, allerdings nicht ohne sich selbst über die unchristliche Zeit zu wundern. Eindeutig eine Stunde zu früh für Rock 'n' Roll. So fängt das Set auch etwas schleppend an. Vornehmlich sind Songs vom neuen Album Maskineri, das erst heute in Deutschland erschienen und daher nicht jedem bekannt ist, zu hören. Zur Feier singt das Publikum dennoch ein herzzerreißendes "Alles Gute liebe Kaizers...". Die neuen Songs wie Toxic Blod, Bastard Sønn oder der Schunkel-Hit Enden Av November erweisen sich live dann aber doch um einiges schmissiger als auf Platte. Haben Kaizers Orchestra dort doch ihre Gypsy-Einflüsse, Akkordeon-Klänge und die Öl-Fässer fast ganz aus ihrem Repertoire genommen, so wird es auf der Bühne wieder mit ins Spiel gebracht. Janove "The Jackal" Ottesen (voc.), Geir "Hellraizer" Zahl (git.) und Terje "Killmaster" Winterstø Røthing (git.) schlagen wie wild mit Brechstangen auf Fässer und Felgen ein.
Spätestens ab Kontroll På Kontinentet, bei dem Janove traditionell die Band vorstellt, ohne dass dies wie bei anderen Kapellen in langweilige Arien ausartet, sondern wunderbar in den Song integriert wird, finden Band und Publikum endlich zueinander. Neu und alt werden gut miteinander kombiniert, so dass das Set durch etwaige Unkenntnis der neuen Lieder oder auch ob ihrer Andersartigkeit nicht in Belanglosigkeit abdriftet. Die Highlights, bei denen wirklich aus voller Inbrunst gejubelt wird, bleiben aber die Prä-Maskineri-Hits wie KGB, Delikatessen oder Blitzregn Baby, bei dem die Stroboskope nur so um die Wette blinken. Resistansen, mit seinem wilden Halleluja/Ompa Til Du Dør-Part und Maestro setzen dem Ganzen die Krone auf. Kein Fuß steht mehr still, keine Kehle, die nicht die neugelernten Vokabeln mitschmettert. Ab und an muss Kaizers Orchestra dem Publikum gar verbieten weiter lauthals mitzusingen, sonst würden die Herren selbst nicht mehr zu Wort kommen. Eine Masse feiert sich selbst.
Für die Band ist es ebenso ein Phänomen, warum ein deutscher Club nahezu ausverkauft, warum Deutsche sich eine Band ansehen/-hören, von deren Texten sie kein Wort verstehen. Das muss natürlich geklärt werden, die Frage "Woher kommt ihr?" endet überraschend mit dem Ergebnis, dass sich nur eine Handvoll Dänen und Norweger im Publikum findet, der Rest würde wohl auch zu wüsten, norwegischen Beschimpfungen feiern. Bestimmt auch der Kerl, der schon den ganzen Abend einen Spaß daran findet "Kaiser Chiefs, Kaiser Chiefs" gen Bühne zu brüllen. Nach hunderten solcher Kommentare ist das nicht mehr witzig und der Vergleich hinkt ohnehin. Wäre Sänger Janove nicht mit solch charmanter Gelassenheit gesegnet, hätte er den Störenfried wohl am Liebsten eigenhändig aus dem Saal geworfen.
Diese Charmanz (ja, das ist wirklich das Substantiv von charmant!) macht Kaizers Orchestra auch zu einer der wenigen Bands, bei denen Publikums-Mitklatsch-Animationen und Mitgröhl-Chöre nicht in nervige Peinlichkeiten ausarten. Besonders schön ist dieser Fakt beim finalen Min Kvite Russer zu beobachten: Nach Ende der ersten regulären Zugabe mit 170 und den folgenden fünfminütigen Zugaberufen, lautem Pfeifen und Klatschen kommen Janove und Geir zurück, um – ganz die großen Maestros – das Publikum ein letztes Mal zu dirigieren: Da brummen die Männer den tiefen "Lalala"-Part, während die Frauen ein hohes "Kvite, kvite, russeeer" quietschen.
Insgesamt erweist sich das alles als solider Gig. Man spürt sofort wieviel Spaß sie am Live-Spiel und vor allem mit dem Publikum haben. Wer die Band allerdings zwei Jahre zuvor auf der Maestro-Tour, ebenfalls in der Batschkapp, erleben durfte, geht als es pünktlich um 22 Uhr "Licht an" heißt, ein kleinwenig enttäuscht nach Hause: Wo waren all die "Save Me Kaizer"-Rufe? Wo die Kaizers-typischen Laolas? Wo das berühmt-berüchtigte Gypsy Finale?
Live-Review: Katrin Reichwein
www.geoffberner.com www.myspace.com/geoffberner www.kaizers.no www.myspace.com/kaizerso
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Brisa Roché erinnert rein oberflächlich betrachtet erst ein Mal stark an den Frauentyp Amy Winehouse (schon allein frisurentechnisch), die Björks theatralische Gesten verinnerlicht hat. Die zierliche Amerikanerin mit Wohnsitz in Paris singt überwiegend über die Qual der Wahl (Breathe In Speak Out). Nachdem sie uns dies zum gefühlt zehnten Mal erklärt, dürfte es auch der Letzte im gut gefüllten Kölner Luxor (Ex-Prime Club, Ex-Luxor) begriffen haben. Brisa sollte vielleicht selbst Entscheidungen treffen und zwar die, ihrer kleinen Band das Reden zu überlassen und sich ganz auf ihr Jazzstimme zu konzentrieren. Denn das Gemisch aus Poprock und Blues mit einer Prise Country und Folk steht ihr nicht schlecht. Nur fühlt man sich nach einer halben Stunden doch – wenn auch auf hohem Niveau – ein wenig genervt von der leicht-wahnsinnigen Frau im 70ies-Retro-Gewand.
Nach Brisas Bühnenabgang kommt auch schon Teitur Lassen auf die Bühne, nicht etwa um zu singen, er stellt kurz den isländischen Singer/Songwriter Helgi Jónsson vor, der unter anderem auch gerade an Sigur Rós' neuem Werk beteiligt ist. Helgi, nur mit einer Gitarre bewaffnet, bringt das Publikum mit seinem österreichischen Akzent sofort zum Lachen. Seine zwei fragilen Songs glänzen durch entrückte Schönheit und animieren eher zum herzhaften Losheulen. Das gesamte Luxor hat sich spontan verliebt. Solche Musiker sollte es öfter geben.
Songwriter Teitur hat bei seinem letzten Deutschlandkonzert eine genaue Vorstellung vom Ablauf des Abends: Da die Songs des brandneuen Albums The Singer nun schon ein mal geschrieben sind, sollen diese auch vorwiegend gespielt werden. So wird es außerdem nicht langweilig für das Publikum, das ihn bereits gesehen hat, sprach der Mann von den Färöer-Inseln. Die fünfköpfige Band um des Sängers Freundin Anna Emilsson (Background Vocals), Mikael Blak (Bass), Helgi Jónsson (Posaune), Unnur Jónsdóttir, Helgis kleine Schwester (Cello), und Derek Murphy an den Drums, legt prompt mit fettem Kontrabass los, während Teitur die E-Gitarre mit dem Geigenbogen malträtiert. Teiturs Songs erstrahlen Dank den Fünfen nicht nur in einem ganz anderen Klang, sie tun ihm selbst sichtlich gut: Teitur präsentiert sich viel offener als ich ihn bisher erleben durfte. Er scherzt, lacht viel und erzählt zu fast jedem Song kleine, charmante und reichlich witzige Anekdoten.
Wie angekündigt wird The Singer wirklich fast von Vorn bis Hinten durchgespielt. Der vertonte Fanbrief Letter From Alex oder der Anti-Madonna-Song Start Wasting My Time finden sofort Anklang im düsteren Luxor, das mit seinem roten Bühnenvorhängen heute ein wenig wie ein kleiner Theatersaal aussieht und so bestens zu nach Beerdigung-klingenden Songs (You Should Have Seen Us) passt. Erstmals finden sich aber auch Up-Tempo-Nummern im Set: Catherine The Waitress lockert das Geschehen – obwohl nicht nötig – zusätzlich auf. Auch die alten Stücke fehlen nicht. Teitur, nun allein auf der Stage, wird allen Anwesenden gerecht. Das auf Zuruf gewünschte You Get Me setzt er gleich in den Sand. Er hat den Song so lang nicht mehr gespielt, dass ihm das Publikum über Texthänger und Rhythmusprobleme hinweg helfen muss. Poetry & Aeroplanes klappt da schon besser. Und auch das Liebeslied I Was Just Thinking, das Teitur als 17jähriger Liebestrunkener geschrieben hat und heute als lächerlich bezeichnet, kann sich hören lassen. Die Zuhörer lachen herzlichst ob des abstrus-kindlichen Textes. Teitur kann nicht anders als den Song immer wieder auf Grund seines eigenen Gelächters zu unterbrechen. Man wartet gespannt auf den finalen Lachkrampf, der alles über den Haufen wirft, aber dazu ist Teitur dann doch zu sehr Profi.
Zu Louis Louis und Josephine kommt schließlich die Band zurück. Oben drauf geben sie Punkt 24 Uhr eine wundervolle Interpretation von Happy Birthday für ein sichtlich glückliches Mädel im Publikum zum Besten. Nach guten zwei Stunden, die nur so im Fluge vergangen sind, haben wir schon das Ende des regulären Sets erreicht. Teitur steht wieder alleine da. Ohne Gitarre, ohne Piano, singt er eine A-Capella-Version von The Singer, die die hereingebrochene Nacht nicht treffender hätte beschreiben können. Wäre das Konzert bestuhlt gewesen, hätte es jetzt an genau dieser Stelle Standing Ovations gegeben. Aber da dem (leider) nicht so ist, begnügen wir uns mit heftigem Klatschen und holen Teitur und Band zu einer ersten Zugabe wieder heraus: Nochmals auf Zuruf kommt es erneut zu zwei großen Highlights in Form von Sleeping With The Lights On und Hitchhiker, das in einem unerwartet-opulenten, fast proggigen, Instrumental-Gefrickel endet. Wer denkt jetzt sei aber Schluss liegt falsch, Teitur kommt ein zweites Mal zurück, um mit Ongir Pengar, einem Song auf Färörisch, noch einen oben drauf zu setzen bevor sich der Vorhang endgültig schließt.
Mit seinen guten zweieinhalb Stunden Spielzeit, so viel ehrlichem Lachen wie auch ernsthaftem Zuhören belegt dieser Abend schon jetzt einen obersten Platz auf der Anwärterliste der Top-Konzerte im noch jungen 2008. Und schlussendlich erwische ich mich auf der Heimfahrt tatsächlich dabei, wie ich den Satz äußere: "Ich will Teitur heiraten. – Wäre da nicht seine Freundin in der Band..."
Live-Review: Katrin Reichwein
www.teitur.com www.myspace.com/teitur
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Foto: Nina Fiedler |
"Irrungen und Wirrungen" wäre die passende Überschrift für diesen Artikel. Denn wer bitte ist so wahnsinnig für The Hives mal eben 250km hin und wieder zurück zu fahren? Und dann auch noch in das beschauliche Saarland. "Wieder ein Bundesland mehr, das auf der Liste abgehakt werden kann, fehlen nur noch zwei", dachte ich wohl als ich in diesen Roadtrip einwilligte. Die Strecke Frankfurt-Mainz-Saarbrücken erweist sich für Autobahnfans nun aber so gar nicht als spannend, nicht mal eine Raststätte findet sich auf dem Weg durch wildes Ödland. Verwirrt waren wohl auch die Veranstalter des Konzerts, wusste doch erst keiner so recht, wo das Konzert stattfindet. Erst nannte man eine kleine Stadt, deren Namen wohl noch niemand gehört hat, dann kam die Verlegung von der beschaulichen Garage ins E-Werk, das uns der gewisse Routenplaner mit der Zahl im Namen fast unmöglich zu finden machte.
Geirrt wurde sich auch bei der Vorband. Erwartet wurden Heavy Trash, auf der Bühne stehen aber vier unverkennbar deutsche Herren. Und den Schlagzeuger, den hat man doch auch schon mal in einer anderen Vorband gesehen. Gottseidank schallt es bald aus dem Publikum: "Wer seid ihr?" – "Herrenmagazin", die Antwort. Der bekannte Schlagzeuger: Rasmus Engler von Robert Stadlobers Egotripband Gary. Wie sie zur Vorband der Hives wurden, bleibt auf Ewig ein Rätsel. Tatsache ist, dass die Herren sichtlich nervös sind, spielen sie doch ihren bisher größten Gig. Ihr deutscher Indierock, bei dem man deutlich die Spuren von Tomte und Kettcar erkennen kann, ist nett. Gerne nennt man nett die kleine Schwester von scheiße, aber das trifft nicht ganz zu. Die Hamburger wissen das Publikum in ihren Bann zu ziehen, aber ihre allzu gefühlsduseligen Texte wollen einfach nicht so recht zu dem da Folgenden passen.
Rot leuchtet der Hives-Schriftzug auf. Wortlos betreten die schnieken Schweden zum Intro die Bühne, um der gut gefüllten Halle mit Hey Little World direkt eins in die Fresse zu geben. Energiebündel Howlin' Pelle Almqvist fragt verschmitzt: "What you gonna do, any one of you?". Die ekstatische Antwort geht im Anfangsriff von Main Offender unter. The Hives lassen keine Pause zum Verschnaufen. Nach einem Monat Tourpause ist die Band bei diesem ersten Gig der Europatour noch nicht wieder auf voller Höhe, aber für jene, die sie heute zum ersten Mal erleben, wird es dennoch ein unvergesslicher Abend werden. The Hives könnten wohl mit 41°C Fieber aufspielen und doch die vollen hundert Prozent geben. Das E-Werk huldigt den Einsatz der selbsternannten besten Band aller Zeiten. Saarbrücken singt, hüpft, schreit, schwitzt. Selbst die Security verliert irgendwann den Überblick: You Dress Up For Armageddon bietet für einen Fan die Chance vom Pit direkt auf die Bühne zu springen. Ohne dort selbst eine Schlacht biblischen Ausmaßes anzuzetteln, verlässt der ungebetene Gast die Bühne jedoch gesittet und still. Weder anständig noch ruhig geht es bei The Hives selbst zu: Nicholaus Arson flirtet lasziv mit der ersten Reihe, während sein Bruder Pelle immer wieder in den Graben stürmt. Die, All Right kostet mich dabei fast die Fähigkeit diese Zeilen zu tippen, hat Pelle doch das vorangegangene Two Timing Touch And Broken Bones zu sehr verinnerlicht und meint nun übermütig meine Hand zerquetschen zu müssen. Die Schmerzen sind schnell vergessen. Eineinhalb Stunden, gefühlte dreißig Songs später und um einige blaue Flecken reicher ist nämlich wieder ein mal mehr klar, warum ich mich immer wieder überreden lasse, hunderte Kilometer durch die Pampa zu fahren: The Hives Are Law, You Are Crime!
Live-Review: Katrin Reichwein
www.thehivesbroadcastingservice.com www.myspace.com/thehives www.herrenmusik.de www.myspace.com/herrenmagazin
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Foto: Karin Lukoschek |
Nach dem entspannten Interview mit Gerd (Bass) und René (Gitarre, Keyboards) von Slut sollte ich nun mein erstes Konzert im Frankfurter Mousonturm erleben, ein extrem beeindruckendes modernes "Künstlerhaus" Mitten im Herzen der Mainmetropole.
Relativ pünktlich gegen 21 Uhr betreten die New Violators aus Trondheim/Norwegen die Bühne um das bereits zahlreich erschienene Publikum mit ihrem "NewWave/Indie/Rock" (laut MySpace) zu begeistern. Mich hat das jedenfalls nicht gepackt: ein wenig eigenständiges Sammelsurium aus allem was in den 80ern mal halbwegs hip war im Wave. Natürlich viel New Order, beim Gesang musste ich oft an die Talking Heads denken, auch The Mission und Sisters of Mercy (in poppig) kamen mir desöfteren in den Sinn. Anyway, nach drei Songs beschloss ich mit meinen Begleitern noch das ein oder andere Bier im Foyer zu geniessen.
Nach der Umbaupause und während des Albumintros Sum It Up betreten unsere Lieblingsingolstädter von Slut die (zunächst) spärlich beleuchtete Bühne und legen mit einer simplen, aber dafür umso effektiveren, Lichtshow gleich richtig los: Come On, Time Is Not A Remedy, All We Need Is Silence - die Albumopener der drei letzten Alben im Paket serviert. Es folgt nahezu das komplette neue Album Still No.1. Die Band wechselt bis auf Schlagzeuger Matthias Neuburger fast bei jedem Song die Instrumente. Percussion, Tamburin, Akkordeon. Genauso facettenreich wie das neue Album ist die Darbietung des neuen Materials. Zwischendurch gibt es ein paar ältere Favoriten wie Reminder bis im Endspurt dann ein Hitfeuerwerk mit Easy To Love, Why Pourquoi..., Rocket und Neverending abgebrannt wird. Ich komme mir zwar manchmal vor wie auf einer Afterworkparty der Deutschen Bank, so ist das Publikum und deren Reaktion doch sehr, äh, euphorisch (die Indiepolizei wird dem (a)rhythmischen Party-Geklatsche die Pest an den Hals wünschen). Nichts desto trotz, das passt und funktioniert alles. Was positiv auffällt ist dass Slut, im Gegensatz zur letzten Tour wo ich sie im Kino Royal in Frankfurt erleben durfte, nicht (nur) mehr "indierocken", ja sie "barocken" ja förmlich. Unglaublich souverän (routiniert klänge hier zu negativ) auf den Punkt, aber zu keinem Zeitpunkt hat man das Gefühl, das hier ein Programm runtergespult wird. Mit Say Yes To Everything und einem Konfettiregen wird vorerst das Finale eingeleitet bis Sänger Chris Neuburger kurz darauf am Piano mit Wednesday die erste der vermeintlichen letzten vier Zugaben (inkl. Die Morität von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper) anstimmt. So meinte man(n). Ich stehe danach schon draussen, viele Besucher haben schon mit mir den Mousonturm verlassen, höre ich noch bzw. meine ich noch zu vernehmen, dass Slut mit Hope vom Lookbook-Album den Abend endgültig beenden.
Alles in allem ein wirklich, sowohl akkustisches als auch optisches, Konzerthighlight des noch jungen Jahres! Hätte ich so nicht erwartet und lässt mich gespannt verfolgen was die Kollegen von Blackmail und Notwist mit ihren kommenden Werken live so nachlegen. Es bleibt spannend in der Alternativrockbundesliga Deutschlands.
Live-Review: Marco Pleil
www.slut-music.de www.myspace.com/slut
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Foto: Andreas Kussinger |
Nachdem ich die Eight Legs am späten Nachmittag bereits für ein Interview getroffen hatte, machte ich mich also erneut auf den Weg ins Atomic Cafe und war gespannt, was mich dort erwarten würde. Die vier blutjungen Briten kamen erst spät in München an und hatten auf mich keinen allzu fitten Eindruck gemacht. Zunächst waren jedoch alte Bekannte an der Reihe, die Münchner Eigengewächse Five! Fast!! Hits!!!. Von der Haus- und Hofband des Atomic Cafes und dem liebsten Kind von Club- und Labelchef ("Panatomic") Chris Heine kann man an und für sich nichts Schlechtes berichten. Solide Show, mitreißende, eingängige Melodien, auch der Wechsel des Schlagzeugers hat die Qualität nicht beeinträchtigt. Alles wie gehabt. Nur, was bringt es, jedes Jahr etwa fünf mal im selben Club Vorband für andere Bands zu spielen? Vielleicht nicht der aussichtsreichste Weg, eine Band zu pushen. Das Münchner Publikum jedenfalls ist davon mittlerweile etwas genervt.
Nach einer kurzen Umbauphase betreten schließlich die Eight Legs die Bühne, der Club hat sich mittlerweile recht gut gefüllt. Die vier Jungs zeigen sich entgegen meiner Erwartung recht ausgeruht und spielfreudig, und mit dem sehr punkigen Wear That Shirt können sie auch gleich beim Publikum punkten, das sich außerordentlich gut gelaunt zeigt. Es folgen 60 energiegeladene Minuten, in denen die Eight Legs zeigen, dass sie zu recht auf dem großen Hypezug mitfahren dürfen. Frontmann Sam Jolly klingt live nicht ganz so übertrieben Eddie Argos-like wie auf CD, und auch sonst wirken die Songs live auf den Hörer um einiges facettenreicher und origineller als auf der Platte. Am meisten Stimmung kommt erwartungsgemäß bei den Singles These Grey Days und Blood.Sweat.Tears. auf. Erstaunlicherweise schaffen sie es, eine volle Stunde zu spielen, obwohl sie nur Songs von ihrem aktuellen, lediglich 28 Minuten langen Album Searching For The Simple Life zum Besten geben. An den Ansagen kann es auch nicht liegen, diese sind meist kurz und beschränken sich auf die Ankündigung des nächsten Songs. Die Sache mit der geklauten Gitarre in Innsbruck haben sie aber offenbar noch nicht ganz verwunden, als Sam Jolly davon erzählt redet er sich förmlich in Rage. Während Bassist Adam beim Interview noch brav meinte, die beiden Österreich-Shows seien, trotz der Sache mit der Gitarre, ein voller Erfolg gewesen, machen die vier Briten nun aus Ihrem Österreich-Hass keinen Hehl und verkünden mehrmals abwechselnd "Innsbruck sucks" und "Vienna sucks" – in Bayern kann man damit natürlich das Publikum für sich gewinnen. Zum Abschluss gibt's noch eine klare Ansage: "Wenn einer von euch unsere Gitarren anfasst, werden wir euch alle töten!" Mussten sie aber nicht. Das Münchner Publikum war zufrieden mit den Eight Legs, ließ das Equipment der Band unangetastet und machte sich ohne Diebesgut auf den Heimweg.
Live-Review: Andreas Kussinger
www.eightlegs.co.uk www.myspace.com/eightlegs
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Foto: Jenny Schnabel |
Das Haldern Pop Festival gehört zu den wohl gemütlichsten und heimeligsten der Republik. Also ist es klar, dass man auf einem Indoor-Festival in diesem beschaulich-schönem Städtchen auch vorbeischaut. "Rock im Saal" nennt sich die Veranstaltung, auf der sich im Haus Tepferdt die Kilians, Los Compesinos! und Kula Shaker die Ehre geben.
Das Ambiente ist eher rustikal gehalten. Ein wenig erinnert das Ganze an heimische Partys der katholischen Landjugend, auf denen man vor Ewigkeiten das erste Bier schlürfte und zu drittklassigen Coverbands die Hüften schwang. Nichtsdestotrotz eine heimelige Atmosphäre, die wohl nicht zuletzt an dem sympathischen Publikum aller Couleur und Altersklassen liegt, das sich am heutigen Abend im Haus Tepferdt tummelt.
Opener des Abends sind die britrockenden Kilians aus Dinslaken. Aus der Konserve vermag das Quintett mit Tracks wie Enforce Yourself, When Will I Ever Get Home oder Fight The Start durchaus zu überzeugen. Live dagegen entwickeln die Songs leider nicht eben jene Intensität, die der Longplayer verspricht. Das Set ist zwar solide, der Enthusiasmus ist da, die Fünf schaffen es auch durchaus, das Publikum mitzureißen und zu wildem Gehüpfe zu bewegen. Dennoch erinnert das Ganze an die hiesigen Kleinstadtbands, die man seinerzeit in der heimischen Aula frenetisch zu feiern pflegte - lange bevor man den Führerschein geschweige denn das Auto hatte, um auf Konzerte jenseits der Grenzen des 10.000-Seelen-Dörfchens zu fahren. Nett - aber nicht zwingend. Der völlige Flashback setzt bei der Zugabe ein: Eine Coverversion von Sunday Bloody Sunday, die dermaßen grauenhaft ist, das unweigerlich Erinnerungen an musikalisch unterirdische Landjugendcoverbands wach werden. In genau diesem Moment haben The Kilians mich vollends verloren.
Anspannung macht sich breit, als der Gang zur Theke dank Schlange vorm Wertmarkenstand länger dauert, als gehofft. Die Hektik ist letzten Endes unbegründet. Die Umbaupause zieht sich schier unendlich in die Länge, so dass genug Zeit bleibt, sich nach dem Schanktischbesuch nebst Biergenuss wieder Richtung Bühne zu bewegen und sogar noch ein passables Plätzchen zu ergattern.
Los Campesinos! beruhigen das leicht angespannte Nervenkostüm schnell wieder. Als sich die sieben quirligen Menschen auf der Bühne einfinden und mit den ersten Akkorden loslegen, setzt ein Gefühl angenehmer Überraschung ein. Fast wie an Weihnachten, wenn man mit selbst gestrickten Socken rechnet und dann plötzlich niegelnagelneue Country Ripple unter der Tanne stehen. Vermochte mich die Band aus Cardiff mit ihrem aktuellen Album nicht so wirklich vom Hocker zu reißen, so leistet sie live on Stage doch ganze Überzeugungsarbeit. Die Songs sind druckvoll und gehen durch den Gehörgang direkt in die Beinchen. Eine kunterbunte Genre-Mixtur, die zum Mitwippen einlädt: Hier ein Quäntchen Architechture in Helsinki, dort eine Unze Art Brut bis das Ganze in einem Swedish Pop Sound à la Shout Out Louds endet. Ein popmusikalisches Puzzle, dessen Reiz eben genau darin liegt, dass sich die Teile nicht wirklich zusammensetzen lassen. Es würde auch nicht wirklich wundern, wenn eine der Herrschaften auf einmal eine Okarina aus dem Hut zaubert und man sich plötzlich mitten in der Legend of Zelda wieder findet. Kurz: Es macht einfach Spaß, Los Compesinos! zuzuhören und nicht zu wissen, was als nächstes um die Ecke kommt.
Räucherstäbchen und Mantraklänge läuten nach einer weiteren Umbaupause den Hauptact Kula Shaker ein, das Highlight des heutigen Abends. Den Einstieg machen die ersten Klänge von Sound Of Drums. Bald schon wird klar, dass sich die vorherigen Strapazen gelohnt haben: Der charismatische Crispian Mills und Co. liefern ein erstklassiges Set ab. Neben Tracks des aktuellen Longplayers Strangefolk wie Out On The Highway oder Hurricane Season haben Kula Shaker diesmal auch das auf dem Kölner Club-Gig schmerzlich vermisste Mystical Machine Gun im Gepäck. Und auch wer auf die Klassiker wartet, wird nicht enttäuscht: So befinden sich - sehr zur Freude der etwas älteren Konzertbesucher - auch Tracks wie Tattva, Hush, Govinda und Hey Dude auf der Setliste der Briten. Eine bunte Melange, die das Publikum zur Verzückung treibt. Im Minutentakt lassen sich Menschen über die Menge tragen - sehr zum Leidwesen der Ordner, die schon genug damit zu tun haben, die Leute vom Fotografieren mit Blitzlicht abzuhalten. Die Leute stört es nicht. Es wird gerockt, es wird gefeiert. Herrlich ist auch das Daniel Johnston Cover von True Love Will Find You In The End. Crispian Mills alleine auf der Bühne mit seiner Gitarre, großartig! Hier zeigt sich deutlich, wie man's richtig macht!
Nach einer guten Stunde verhallen die letzten Klänge. Im Haus Tepferdt geht die Party noch weiter. Allerdings ohne die Schreibende, bei der die Überdosis Patchouli-Räucherstäbchen leichte Kopfschmerzen hinterlassen hat. Fazit: Trotz einiger Schwächen machte "Rock im Saal" seinem Namen alle Ehre. Die Fahrt hat sich gelohnt. Spätestens im Sommer komme ich wieder nach Haldern - dann aber zu Live-Musik unter freiem Himmel, in frischer Luft und diesmal vielleicht auch mit einem anderen "Surprise-Act" als den Kilians.
Live-Review: Katja Embacher
www.saalrock.de www.myspace.com/rockimsaal
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Foto: charlottehatherley.com |
Das Interview mit Charlotte Hatherley liegt nun bereits einige Stunden hinter mir, nun befinde ich mich im Konzertraum des Maschinenhauses, um die Dame und ihre zwei Begleiterinnen musizieren zu sehen.
Zunächst betritt eine der besagten Kolleginnen, namentlich Jen Fuse, die Bühne, um einige Songs ihrer Band Something Beginning With L mit Stimme und Akustikgitarre vorzustellen. Zerbrechlich, melancholisch, leicht Radiohead-artig wirken die Songs und die darbietende Künstlerin; keinesfalls im negativen Sinne. Einige sehr schöne, eingängige, im Prinzip makellos vorgetragene Melodien erreichen das Ohr. Ähnlich zurückhaltend wie die Musik sind die Ansagen und generell das Auftreten der jungen Gitarristin / Sängerin / Songwriterin. Einige ihrer Songs sind durchaus fesselnd und verlassen mein Gedächtnis auch dann nicht, als Charlotte Hatherley schließlich die Bühne betritt, nachdem Jen Fuse, die Geheimwaffe des Abends, ihr kurzes Konzert beendet hat.
Die Mikrofonständer sind mit leuchtender Weihnachtsdekoration versehen. Hatherley hat neben sich eine Flasche mit Hochprozentigem stehen, nimmt von Selbigem noch einen Schluck und legt los. Das, was die drei mit Gitarre und Mikrofon bewaffneten Jungmusikerinnen bieten, ist klanglich und technisch sehr ausgereift, diesbezüglich eigentlich kaum zu bemängeln. Das Set beinhaltet nahezu alle Songs vom aktuellen Album The Deep Blue, darunter das lebendige, an Kim Wilde erinnernde I Want You To Know, das schräg-schöne Behave, das melancholische Again, das mit wunderschönem mehrstimmigen Gesang versehene, balladeske Roll Over (Let It Go) und das hektische, poppige Very Young. Auch ein paar Songs vom Debüt-Album Grey Will Fade werden zum Besten gegeben, u.a. das flotte, leicht an spanische Folklore angelehnte Kim Wilde und das poppige, lebensfrohe Summer. Alle Songs funktionieren trotz (beabsichtigter) Abwesenheit eines Drummers, eines Bassisten und verzerrter Gitarren sehr gut. Manch einer könnte gar behaupten, dass dies einigen Songs zu Gute kommt, da so tendenziell einem allzu poppigen, überladenen Sound vorgebeugt wird. Exemplarisch hierfür sind die beiden Coversongs The Name Of The Game (Abba) und Kids In America (Kim Wilde), die in dem gezwungenermaßen minimalistischen Arrangement der drei Damen erwartungsgemäß wesentlich angenehmer als die Originale wirken.
Hatherley wirkt auf der Bühne eher ruhig, ihre Ansagen beschränken sich meist auf das Wesentliche. Jen Fuse ist recht introvertiert, nicht so ihre Mitstreiterin Charley Stone. Die lässt es sich nicht nehmen, hin und wieder ihre neugewonnenen Deutschkenntnisse zu präsentieren. So erzählt sie launig von "großen Brüsten" und anderen sexuellen Bonbons – sehr zur Erheiterung aller Anwesenden.
Musikalisch hohes Niveau, optisch ebenso, einige unerwartete Glanzmomente, auch der Humor kam nicht zu kurz. Ein rundum gelungener Abend.
Live-Review: Henry Kasulke
www.charlottehatherley.com www.myspace.com/somethingbeginningwithl
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Foto: Jenny Schnabel |
Im Frühjahr waren die Bishops bereits als Support von den Rakes hierzulande unterwegs. Nun kehren sie mit einer eigenen kleinen Tour auf die Bühnen der Republik zurück und präsentieren am heutigen Abend die Songs ihres Debütalbums im Münsteraner Amp.
Als Auftakt gibt es eine Mischung aus Indie-Punk mit einem Schüsschen Raggae obendrauf: Gute Laune Musik des Six Nation State. Es dauert nicht lange, bis der Support die Münsteraner für sich gefangen genommen haben. Auch die Gebrüder Bishop lassen es sich nicht nehmen, sich die Show von Six Nation State anzuschauen und so erblicke ich Pete und Mike direkt neben mir.
Um halb elf betreten dann die Bishops die Bühne und begrüßen das Münsteraner Publikum mit einem "Hello, we are The Bishops from London!" Bereits die ersten Töne des Trios versetzen einen sofort in die 60 Jahre zurück. Mit Melodien im Retro-Gewand, die an die Beatles oder die Kinks erinnern, lassen die Bishops den Sixties-Beat wiederauferstehen. Songs wie The Only Place I Can Look Is Down, So High oder I Can't Stand It Anymore werden begeistert vom Publikum aufgenommen.
Doch nicht nur musikalisch wissen The Bishops zu überzeugen, sondern auch mit einer enormen Bühnenpräsenz: Die beiden Zwillingsbrüder Mike und Pete gekleidet in adretten schwarzen Anzügen und den Kontrastpunkt dazu stellt Schlagzeuger Chris McConville im Ringel-Shirt dar. Vom ersten Song an versprühen The Bishops eine unglaubliche Energie. Während Pete eher der zurückhaltende der beiden Bishop-Brüder zu sein scheint, hüpft sein Bruder Mike auf der Bühne auf und ab und sucht immer wieder die Interaktion mit dem Publikum.
Nach einer guten Stunde Spielzeit verabschieden sich The Bishops mit She Said Bye-Bye. Doch das ist den Anwesenden noch nicht genug und so fordern sie lautstark nach einer Zugabe. Das Trio lässt sich nicht lange bitten und so endet der wunderbare Ausflug in die 60er mit vielen begeisterten Zuschauern.
Live-Review: Jenny Schnabel
www.thebishopsband.com www.myspace.com/thebishopsuk
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Foto: Pressefoto |
"We are the dogs!" - auf die Chöre wartet man an diesem nasskalten Novemberabend im Gleis leider vergeblich. Vielleicht liegt es daran, dass sich nur knappe 50 Leute eingefunden haben, um sich die Britischen Jungs von Dogs anzuschauen. Vielleicht fehlt aber auch nur eine Handvoll anheizender Briten, die mit der Grölerei beginnen. Wahrscheinlich sitzen diese alle im "Landsmann", Dreh- und Angelpunkt des illustren Nachtlebens der Royal Army in Münster. Schade! Denn sie verpassen ein großartiges Konzert ihrer eigenen Landsmänner.
Das Warm-Up übernehmen Perfect Ballroom Cast aus Düsseldorf. Die Jungs begeistern mit charmantem Brit-Pop der mit seinen beschwingten beatlesken Harmonien passagenweise an The La's oder The Coral erinnert. Neben älteren Tracks wie Inner Tune oder Beat Campaign präsentiert das Trio mit In the Haze, Our Woods oder der schönen Ballade In My Arms auch niegelnagelneue Songs. Eine runde Sache und ein gelungener Einstieg in einen Konzertabend, der per se Britischen Post-Punk at it's best verspricht.
... ein Versprechen, dass Dogs ohne weiteres halten können: Ladism rules this evening! Zumindest bei Sänger Johnny Cooke, der anstelle eines Pints ein Weinglas in der Hand hält, das bis zur Oberkante mit Gerstensaft gefüllt ist. Während ich mich noch frage, wie er in diesem Gefäß eine so hübsche Blume zustande bekommen hat, ballert das Londoner Quintett den Anwesenden bereits die ersten Akkorde um die Ohren. Und schafft das, was beim anspruchsvollen Münsteraner Publikum oft schwierig ist: Die Menge zum Mitgehen zu bewegen. Aus anfangs noch verhaltenem Wippen wird spätestens nach Winston Smith ein amtliches Gezappel. Überwiegend sind es Songs des aktuellen Longplayers Tall Stories From Under The Table die das Publikum an diesem Abend geboten bekommt: Forget It All, Soldier On, Who Are You oder By The River - just to name a few. Aber auch Klassiker wie London Bridge und Turned To A Different Station des Debüts Turn Against This Land sind mit von der Partie.
Mittendrin ist es immer wieder erheiternd, Johnny Cooke zuzuschauen, der sich wiederholt mit der Hand vor den Kopf schlägt. Eine Geste, die sehr schön zu dem leicht irren Blick des Sängers passt. Übersprungsbewegung par excellence oder das Resultat des sich stets füllenden Weinglases? Egal! Eine derartige Symbiose aus künstlerischem Genie und Wahnsinn hat mich bereits bei Ben Gautrey des Cooper Temple Clause maßlos fasziniert. Ein zynisches Grinsen kann ich mir trotzdem nicht verkneifen, als Johnny nach der x-ten Watschen verlauten lässt, dass er Kopfschmerzen bekommt. Vom Nachfüllen des Weinglases hält Johnny Cooke das leicht lädierte Haupt allerdings nicht ab. Das Gebräu schwappt quer über die Bühne, Mr. Cooke rockt unbeirrt weiter. Bei This Stone is a Bullet tanzen dann nicht nur die Damen in den ersten drei Reihen, auch die Herren der Schöpfung haben den Rhythmus für sich entdeckt. So kommt es, dass nach einer guten Stunde "We want more"-Choräle angestimmt werden. Das Quintett erfüllt den Wunsch des Publikums nur zu gern. Zwei Zugaben gibt's noch obendrauf, bevor sich die Londoner endgültig verabschieden.
Großes Tennis, keine Frage! Woran lag es nun , dass die "We are the Dogs"-Chöre ausblieben? Wer den Landstrich kennt, der weiß, dass der Westfale lieber genießt und schweigt. We are the Beagles! Die bellen vielleicht nicht allzu oft, aber freuen sich trotzdem wie kleine Königspudel - mit kugelrunden Target-Augen. Wow!
Live-Review: Katja Embacher
www.dogsmusic.com www.myspace.com/dogsmusicspace
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Foto: Jenny Schnabel |
Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Denn wie es schien hatte jeder außer mir schon einmal in den 90ern das Glück gehabt, Kula Shaker live zu erleben und für genial zu befinden. Doch ich nutzte meinen Vorteil und ließ das, was mich erwartete ohne Vergleiche auf mich einwirken – und es war großartig.
Mit der gleichen Herzlichkeit, mit der uns Crispian Mills am Nachmittag zum Interview empfing, begrüßte er auch das Publikum im restlos ausverkauften Kölner Prime Club. Schien das Warten vor dem Beginn der Band noch so langwierig (als wären sieben Jahre Abstinenz nicht genug...), war mit den ersten Tönen jeglicher Überdruss verschwunden. Denn direkt mit dem Opener Sound of Drums versetzten Kula Shaker das Publikum in eine außergewöhnliche Stimmung. Und diese sollte sich in eine annähernde Euphorie verwandeln als sich Hey Dude direkt daran anschloss. Bei diesem wie auch den darauf folgenden Songs zeigten sich die deutschen Fans unheimlich textsicher und geizten nicht mit Applaus. Sänger Crispian Mills erklärte dafür nach jedem Song seinen Respekt mit einem lächelnden "Dankeschön, Baby".
Das Auftreten der gesamten Band wirkte souverän und mehr als überzeugend. Man erkannte schon an der Wahl der Kleidung, dass jeder in der Band ein eigener Typ ist: Crispian Mills in enger Jeans mit Hippie-Kette, blauem Shirt, schwarzer Weste und überdimensionalem "Jerry"-Button; Keyboarder Harry Broadbent im weißen Zweiteiler mit Sneakern; Bassist Alonza Bavon im eleganten braunen Anzug mit Hut und Schlagzeuger Paul Winterhart im schlichten Shirt mit Aufdruck "I am on drums". Doch trotz der erkennbar verschiedenen Aufzüge harmonieren diese vier Jungs bewundernswert gut und ergänzen sich gegenseitig zu einer charmanten Band. Sie wirken wie alte Profis auf einem "Heimspiel", die nie die Begeisterung für ihre Sache verloren haben. Während des gesamten Auftritts lächeln sie sich gegenseitig unentwegt an und werfen sich einander bedeutungsvolle Blicke zu. Als Ausgangspunkt und Zentrum aller Blicke bewegt sich Frontmann Crispian Mills gekonnt in der Mitte. Und alle Zweifel, dass der Gig am Abend vorher in Amsterdam ihm die Kraft geraubt haben könnte, verfliegen mit seiner brillanten Stimme am Mikrofon und der herumwirbelnden Performance an der Gitarre. Darüber hinaus merkt man, dass es ihm nicht nur darum geht die neuen Songs wie Second Sight, Dr. Kitt oder Out On The Highway dem Publikum näher zu bringen, sondern auch mit alten Songs wie Tattva, Hush oder Shower Your Love das Publikum in helle Begeisterung zu versetzen. Nachdem er bei 303 alles gegeben hat kann man sogar erkennen, wie er beschämt und gleichzeitig erfreut kurz andächtig nach unten schaut, um sich dann wieder mit vollem Elan den Fans zu widmen.
Es ist, als würde zwischen Publikum und Band eine Abhängigkeit bestehen. Das Publikum hat jahrelang voller Vorfreude auf diese Wiederkehr gewartet und die Band lobt die Treue mit einer einzigartig stimmigen Leistung. Und je mehr sich die Menge einfühlt, desto beeindruckender wird der Auftritt. Als der überfüllte Prime Club nach 16 Songs und der Zugabe immer noch die Klänge des Klassikers Govinda Jaya Jaya singt, kommen Kula Shaker sogar noch einmal auf die Bühne, um eine zweite Zugabe zu geben – obwohl Crispian beteuert nicht mehr Songs im Repertoire zu haben. Peacefrog und 108 Battles bilden den Abschluss eines insgesamt sehr schönen und beeindruckenden Abends.
Live-Review: Claudia Gleede
Fotogalerie Interview mit Crispian Mills
www.kulashaker.co.uk www.myspace.com/kshaker
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Foto: Kirsten Gottlob |
IAMX ist mit seinem Album The Alternative nun schon gute zwei Jahre ununterbrochen auf Tour, innerhalb weniger Monate kommt Chris Corner, dessen Sneaker Pimps immer noch pausieren, so auch ein zweites Mal nach Frankfurt. Füllte er im Dezember 2006 Sven Väths durchgestylten Cocoon Club nicht einmal zur Hälfte, wird dieses Mal auf einen kleineren, dafür fast ausverkauften, Club zurückgegriffen: Das ranzige und scheinbar seit Jahren dem Verfall preisgegebene o25. Der Einlass zieht sich gefühlte Stunden hin. Dicht gedrängt stehen die Menschen im kleinen Roten Salon und warten darauf, dass sich die Gittertüren zum Konzertraum öffnen. Drinnen wird derweil noch am Sound getüftelt. Endlich vor der Bühne, lässt auch die tschechische Vorband auf sich warten. Khoiba können dann auch nicht wirklich überzeugen, einige Wenige tanzen zwar, der Rest nippt gelangweilt am Bier. Sängerin Ema Brabcova mag große Ausstrahlung und eine umwerfend-filigrane Stimme haben, der Funke will nicht recht überspringen. Die atmosphärisch-melodramatischen Downtempo-Klangteppiche der Prager sind durchweg nicht schlecht, nur eben eher für den heimischen CD-Player gemacht als für die Bühne.
Das Bisschen, das durch eine Mischung aus altem Sneaker Pimps-Sound mit einer Spur Ladytron an Stimmung aufgebaut wurde, verfliegt schnell. Die ohnehin schon lange Wartezeit, wird durch die Hintergrundbeschallung aus übelstem Hip Hop nicht besser. Buh-Rufe werden laut. Das Personal des o25 wird ausgepfiffen. Doch keiner dreht den Rappern den Saft ab. Latente Aggression macht sich breit. Nach einer Stunde, stellt sich heraus, dass auch noch ein Beamer für die Videoinstallation IAMXs ausgefallen ist. Es dauert erneut eine kleine Ewigkeit bis Menschen hektisch auf Leitern an der Technik fummeln. Ein vollkommen unnötiger Aufwand für eine Videoshow, die doch niemanden interessiert. Chris Corner alias X lässt seine Fans warten... und warten... und warten.
Als die ersten innerlich beschließen Amok zu laufen, erklingen endlich die sanften Geigentöne des Intros Spit It Out. Innerhalb von Sekunden hat Chris Corner das Publikum fest in seiner Hand. Die Band fordert vehement Applaus, den sie sich nach all der Warterei eigentlich nicht verdient hat, und bekommt ihn. Corner ist ein Energiebündel, mal springt er nach links, mal nach rechts, reißt sich den Hut vom Kopf, räkelt sich lasziv auf dem Boden, greift sich in den Schritt. Der Mann singt nicht nur über Sex, er ist Sex. Und doch ist jede seiner Bewegungen kontrolliert, die kabarettesque Show exakt durchgeplant. Er sieht jedem Einzelnen ins Gesicht und bleibt doch unnahbar. Corner ist eine charismatische Führungspersönlichkeit, niemand zweifelt daran, wenn er singt I will be president. Er könnte in dem stickigen Raum auch überteuerte Heizdecken verkaufen, das Publikum würde sie ihm gierig aus den Händen reißen. Das Warten scheint vergeben und vergessen.
Die Setlist des Abends orientiert sich maßgeblich am Album The Alternative. Vom Vorgänger gibt es nur wenig zu hören, dafür werden gerade diese Songs frenetisch abgefeiert. Spätestens beim Titeltrack Kiss + Swallow oder Skin Vision steht niemand mehr still. Dafür, dass Corner oft betont, dass in einer Freitagnacht gefeiert werden muss, verschwinden IAMX selbst allerdings schnell von der eigenen Party. Nach nicht einmal einer powergeladenen Dreiviertelstunde ist mit Spit It Out fürs Erste Schluss. Mit einem von Corners Solosongs, The Clash, vom Soundtrack des französischen Films "Les Chevaliers Du Ciel" kommen IAMX unter großem Jubel zurück auf die Bühne, um mit Song Of Imaginary Beings und Your Joy Is My Low endgültig ein viel zu kurzes Konzert zu beschließen.
Live-Review: Katrin Reichwein
www.iamx.co.uk www.myspace.com/iamx www.khoiba.org www.myspace.com/khoibamusic
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Eines Morgens erhalte ich von dem wohl größten Paul Weller-Fan, den ich kenne, eine E-Mail, dass der Modfather gemeinsam mit Steve Cradock auf Akustik-Tour nach Deutschland kommt. Die Freude ist groß und so mache ich mich heute auf den Weg nach Köln, um eine der größten Ikonen der britischen Popkultur live zu erleben.
Unter dem Motto: "An Acoustic Evening Of Varied Music" haben Paul Weller und Steve Cradock ins Kölner Theater am Tanzbrunnen geladen. Im Foyer der Location, die auf den ersten Blick eher wie ein Gemeindehaus wirkt, tummeln sich Generationen von Brit-Pop-Jüngern, die Bier trinkend auf den Beginn der Show warten. Ich ordere mir ein Kölsch und versuche in dem bereits abgedunkelten Saal meinen Sitzplatz zu finden, was bei den Lichtverhältnissen gar nicht so einfach ist.
Den Abend eröffnet Amy McDonald. Die blutjunge Schottin betritt pünktlich um 20 Uhr ganz alleine nur mit ihrer Akustik-Gitarre bewaffnet die Bühne des Theaters. Mit ihrer niedlichen sympathischen Art und ihrer bombastischen Stimme gelingt es ihr gleich, die Sympathie des Publikums zu gewinnen. Ihre großartigen Songs, u. a. eine sehr gelungene Coverversion von Mr. Brightside (The Killers), werden von den Anwesenden mit tosendem Beifall belohnt. Nach 7 Songs verabschiedet sich Amy McDonald und macht die Bühne frei für den Modfather.
Nach einer kurzen Umbaupause ertönt um kurz vor neun dann der Gong zum Hauptact. Ladies and Gentlemen es ist soweit: Der Modfather betritt die Bühne, an seiner Seite Steve Cradock, seines Zeichens Gitarrist der grandiosen Ocean Colour Scene. Die beiden Herren nehmen auf ihren Barhockern Platz und eröffnen die Show mit All On a Misty Morning. Großartig! Sofort überkommt mich ein wohliges Gefühl und es läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken. Wellers Songs erscheinen in den Akustik-Versionen in einem ganz besonderen Glanz und schnell wird klar: Was die beiden Herren da oben liefern ist überaus beeindruckend, wunderschön und atemberaubend. Weller und Cradock harmonieren als Duo wunderbar miteinander, was nicht verwunderlich ist, denn die beiden verbindet eine jahrelange Zusammenarbeit.
Bei der Setliste hat Weller eine gute Auswahl aus alten Klassikern und aktuellen Songs getroffen. Eines der Highlights des Abends ist für mich zweifelsohne die The Jam-Nummer The Butterfly Collector. Das Publikum feiert seine Ikone gebührend und spätestens bei der Zugabe Wild Wood hält es niemanden mehr in den Theaterstühlen. Besonders freue ich mich dann gegen Ende der Show doch noch meinen Weller-Lieblingssong You Do Something To Me hören zu dürfen. Herrlich! Nach etwa anderthalb Stunden ist der Zauber dann vorbei. Ich nehme einen letzten Schluck von meinem Kölsch und verlasse mit einem Lächeln im Gesicht das Theater. Paul Weller ist und bleibt für mich eben einer der größten und beeindruckendsten Künstler! Ich verneige mich und sage danke für diesen wundervollen Abend!
Live-Review: Jenny Schnabel
www.paulweller.com www.oceancolourscene.com
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Erst neulich wurde ich beim Ausmisten ganz nostalgisch als ich meine Sammlung alter Konzerttickets wieder fand: Himmel war ich in den 90ern auf vielen Konzerten! Damals waren das auch noch richtig schöne Exemplare, meist mit Albumcover o.ä. draufgedruckt und nicht so lieblose Computertickets wie man sie heute in die Hand gedrückt bekommt. Seltsamerweise habe ich ihn immer verpasst mir anzuschauen, den Phillip Boa und seinen Voodooclub, obwohl vor allem This Is Michael und das Hispanola-Album Teil meiner (Musik-)Vergangenheit sind. Zeit das ein Jahrzehnt (und etliche Boa-Alben) später endlich nachzuholen!
Die Frankfurter Batschkapp ist schon sehr gut gefüllt als ich am Ort des Geschehens eintreffe. Dass Monta aka Tobias Kuhn den Abend eröffnen sollte, verursachte bei mir im Vorfeld nicht unbedingt Freudenstürme, so finde ich seine Solowerke doch etwas transusig. Seine alten Sachen mit Miles (gerade Don't Let The Cold In hatte ein paar echte Knallbonbons zu bieten!) gefallen mir da wesentlich besser. Anyway, kurz nach Neun betritt Herr Kuhn mit seiner Fender bewaffnet die Bühne... und spielt halt ein paar Songs. So sympathisch der Gute auch ist, in einem Club solcher Größe denke ich mir spätestens nach 3 Songs: "gut is". Der Geräuschpegel in der Halle ist dementsprechend hoch. Dennoch wird Monta nach ca. 6 (!) Songs, inkl. einer wirklich schönen Coverversion der 80er Jahre Schmonzette Wonderful Life (von Black), vom Publikum wohlwollend verabschiedet.
Nach kurzer Pause betritt Phillip Boa samt Pia Lund (was für eine Aura diese Frau!) und Mi(e)tmusikern die Bühne. Wie zu erwarten hat Boa das Publikum von Anfang an im Griff! Mal wild gestikulierend über die Bühne hetzend, mal mit tiefhängender Telecaster am Mikro beugend, spielt und motzt er sich durch ein extrem tanzbares Set. Und je länger das Konzert dauert desto mehr alte Klassiker entdecke ich wieder: Albert ist ein Headbanger, Fine Art In Silver, And Then She Kissed Her und natürlich das obligatorische Kill Your Ideals als Rausschmeißer nach etlichen Zugaben! Auch die Songs vom neuen Album Faking To Blend In wie Drinking And Belonging To The Sea fügen sich gut ins Gesamtbild ein. Seinem Ruf als Diva wird er wieder einmal gerecht, als er z. B. seinen Gitarristen zurechtstutzt, während er ihm ins Wort gniedelt... "das war nicht arrogant sondern grob"... köstlich! Wenn für meinem Geschmack auch etwas leise, war das alles in allem ein wirklich toller Konzertabend mit einem der ganz ganz Großen. Ein Unikat von Künstler, wovon wir in Deutschland mehr gebrauchen können!
Live-Review: Marco Pleil
www.phillipboa.de www.myspace.com/phillipboaandthevoodooclub www.monta.org www.myspace.com/montamunich
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Der Prime Club ist gequetscht voll, als die Stereophonics die Bühne betreten. Fast zwei Jahre waren sie nicht in Deutschland auf Tour gewesen. Jetzt ist es aber wieder soweit. Mit dem Album Pull The Pin, dass am 12. Oktober erscheint, und der Single It Means Nothing im Gepäck war's dann endlich doch wieder an der Zeit, Deutschland zu rocken. Und rocken ist hier überhaupt nicht klischeehaft gemeint.
"Die Shows, die wir zum letzten Album gemacht haben, waren eigentlich eher ruhig", sagt Sänger Kelly Jones. "Seit unserem vierten Album 'You Gotta Go There To Come Back' war ich irgendwie auf dem Soultrip. Ich wollte alles nur noch mit Akustikgitarre machen, und so richtig einen auf Soul machen! Dann kam meine Elektrophase, und jetzt will ich wieder richtig rocken, wie in der Anfangszeit, als unsere Songs eher roh und schrebbelig waren!" Also...vergessen wir alles, was wir von 2003 an über die Stereophonics wissen! Kelly und Band hüpfen auf die Bühne - Kelly in Lederjacke und Sonnenbrille - und schrebbeln drauflos! Und nicht nur die Hits wie Maybe Tommorrow, It Means Nothing oder Local Boy in A Photograph werden gespielt. Auch Tracks aus dem Debüt, die wir wohl die letzten fünf oder sechs Jahre nicht mehr live gehört haben, waren dabei! Kein Wunder, dass bis in die hinterletzte Reihe jeder nicht nur leicht mitgewippt hat, sondern total durchgeschwitzt gesprungen ist. Als der Drummer dann auch noch sein T-shirt auszog, war's zumindest um die meisten Mädels geschehen, und wer bis dahin noch nicht gehüpft ist, den hielt danach gar nichts mehr.
Kelly Jones behauptete nach dem Konzert, es sei ganz "OK" gewesen. Die meisten Zuschauer, die schon öfter die Stereophonics gesehen hatten, sprachen vom besten Konzert der Band seit langem! "Endlich machen die mal dass, was sie am Besten können", sagt Laura aus Gütersloh nach dem Konzert. "Mir gingen diese Rod Stewart-Nummern vom vorletzten Album, und das überproduzierte Zeug vom letzten Album tierisch auf den Geist! Das klang auf Platte ja alles ganz geil, aber live war‘s ne Katastrophe! Ich kenne das neue Album nicht, aber wenn’s nur halb so schön roh ist, wie dieser Gig, dann ist es super!"
Bis zum 12. Oktober müssen wir uns allerdings gedulden. Dann erst kommt das sechste Album der Stereophonics Pull The Pin in die Plattenläden.
Live-Review: Amy Zayed
www.stereophonics.com www.myspace.com/stereophonics
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Wieder mal beglückt den Berliner Brit-Pop-Rocker eine hochgehandelte junge Kombo von der Insel. Diesmal in Form von The Electric Soft Parade, der Formation der Brüder Alex (Voc/Key/Git) und Thomas White (Voc/Git/Key), die derzeit live unterstützt werden von Matthew Twaites (Bass) und Mathew Priest (Drums). Wie gewohnt geizt gerade die britische Musikpresse keinesfalls mit Superlativen, wenn von der Band die Rede ist. Können sie dem gerecht werden? Schau'n mer mal!
Drei Jungs und ein etwas beleibter, älterer Herr (am Schlagzeug) befinden sich auf der Bühne des proppenvollen Berliner Bastards. Frontmann Thomas sieht aus wie US-Blödel Jack Black im Film "School Of Rock", zeigt durch Charisma und humorvolle Ansagen auch ähnliche Entertainerqualitäten. Die übrigen drei Herrschaften wirken äußerst unscheinbar, zumal die Ansagen von Bruderherz Alex akustisch vollkommen unverständlich sind. Die Musik steht im Mittelpunkt. Diese befindet sich irgendwo zwischen den Beatles, den Beach Boys, den Strokes, Pink Floyd und den Flaming Lips. Während sich die bisherigen Veröffentlichungen durch eine, auch bei rockigeren Songs, auffällig zurückhaltende Spielweise auszeichnen, geht das Ganze live erwartungsgemäß dann doch ein wenig nach vorne. "Könnte ruhig dynamischer sein", höre ich jemanden während des Konzerts sagen. Doch sollte man sich wohl eher für eine Astronautenkarriere oder für ein Manowar-Konzert entscheiden, wenn man wirklich Dynamik erleben möchte. Erfreulicherweise "rocken" The Electric Soft Parade live nämlich nicht in einem Maße, welches die (recht hohe) Qualität der Songs verhunzen würde.
Die Band ist gut aufeinander abgestimmt und wirkt überzeugend. Besonders positiv fallen Thomas' voluminöse Stimme und seine recht vielschichtigen Gitarrenkünste auf. Geboten wird ein netter Querschnitt des bisherigen bereits mehrere Alben umfassenden Schaffens, inklusive aktueller Gassenhauer wie If That's The Case, Then I Don't Know und Misunderstanding. Ein Soundproblem in Form eines beständigen leichten Brummens kann dem nicht allzu viel anhaben, gehört bei authentischem Rock 'n' Roll eh dazu. Ein wenig feilen sollte die Band allerdings an ihrer Koordination während der Pausen zwischen den Songs. Auf Dauer wirkt das erwähnte akustische Problem während Alex' Ansagen (wohlgemerkt nicht bei denen von Thomas) doch ein wenig störend und eher unprofessionell. Auch sollte man versuchen, manche Pausen ein wenig kürzer zu halten. Nach ca. 60 Minuten verlässt The Electric Soft Parade die Bühne. Keine Zugabe. Zu störend war wohl besagtes Soundproblem, auch wirkte möglicherweise das Publikum nicht enthusiastisch genug. In dem Fall mag dies allerdings täuschen, da eher ruhige Klänge tendenziell entsprechend etwas weniger lautstarke Reaktionen hervorrufen. Insgesamt hatte man zumindest das Gefühl, dass The Electric Soft Parade angemessen bewundert und gefeiert wurden.
Live-Review: Henry Kasulke
www.electricsoftparade.com www.myspace.com/electricsoftparade
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Foto: Jenny Schnabel |
"Weswegen fährst du jetzt genau nach Haldern?" Das war wohl die Frage des Jahres. Denn, ein wirkliches Highlight suchte man im diesjährigen Line-Up des Haldern Pop Festivals vergeblich. Also blieb mir wie den restlichen knapp 5000 Besuchern nichts anderes übrig, als mich einfach überraschen zu lassen. Rein ins Auto und ab an den Niederrhein!
Donnerstag
Der Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes. Dicke Regenwolken hängen über Münster. Bleibt also nur der Friesennerz und die vage Hoffnung, dass der Wetterfrosch recht behält und das angekündigte Hochdruckgebiet wenigstens für drei Tage den Sommer nach Haldern bringt. Nach einer Stunde Fahrt stellt sich heraus: Das possierliche Tierchen hat sich nicht geirrt: Der Nieselregen hört auf und als wir den Wagen durch die Schlammlöcher und Festfahrfallen über den Parkplatz manövrieren, lugt sogar die Sonne hinter den Wolken hervor.
Im Spiegelzelt scheint sie dagegen schon die ganze Zeit und strahlt bis in die späte Nacht hinein - musikalisch betrachtet. Das Haldern Pop Festival wird in diesem Jahr mit eher ruhigen Klängen eingeläutet. Singer/Songwriterin KATE NASH eröffnet den Abend mit zuckersüß verspielten Songs im Indie-Saloon.
Während es im Spiegelzelt beschaulich voranschreitet, kündigt sich auf dem Zeltplatz der berühmt-berüchtigte Guerilla-Gig an: Der Surprise-Act hat mittlerweile Tradition am Niederrhein. Nur, dass die große Überraschung diesmal ausbleibt. Auf der Bühne tummeln sich nämlich die KILIANS, die im letzten Jahr bereits ihre Strokes-affinen Klänge zum Besten gegeben haben. Was auch immer man über die Dinslakener sagen mag: Polarisierung ist auch eine Form der Fanbindung. Was den einen zum Rocken vor die Busbühne zieht, treibt den anderen schnurstracks runter vom Zeltplatz und hinein ins Spiegelzelt oder an die Fast-Food-Buden.
Je später der Abend, desto musikhungriger werden auch die Festivalbesucher. Eine halbe Stunde, bevor die TWO GALLANTS die Bühne des Spiegelzelts betreten, hat sich vor dem Eingang eine riesige Schlange gebildet. Jene, die es rechtzeitig in Innere geschafft haben, dürfen sich von den beiden Galanen mit energetischem Indie-Pop begeistern lassen. Den weniger Glücklichen bleibt leider nur die Leinwand draußen im Biergarten vorm Zelt. So hübsch der Indie-Saloon auch ist, so gemütlich das Interieur mit den rustikalen Tischen und der Manege, so ärgerlich ist es, dass nicht jeder, der sich dort einen Gig anschauen möchte, auch wirklich Platz findet, geschweige denn, die Schwingtüren mangels Platz passieren darf. Fast schämt man sich, wenn man sich mit dem Pressepass an den Wartenden vorbei durch den Eingang schiebt und missmutige Blicke auf sich zieht.
Der Headliner des heutigen Abends sind NAKED LUNCH aus Österreich. Die Klagenfurter betreten mit einer Stunde Verspätung die Bühne. Die Wartezeit erweist sich als eine harte Geduldsprobe für das im aufgeheizten Zelt leicht lädierte Nervenkostüm. Das Ausharren hat sich dennoch gelohnt. NAKED LUNCH spielen fast ausschließlich Tracks aus ihrem aktuellen Album This Atom Heart Of Us. Ein dramatisches Intro mit einem hyperventilierenden Keyboard und ein Set aus traurig-schönen Klängen, die den Indie-Saloon beben lassen und für wohlige Gänsehaut sorgen. Eben diese wird beim Verlassen des Zelts durch die empfindlich kalte Luft noch verstärkt. Mit den Akkorden von Military Of The Heart im Ohr verlasse ich das Spiegelzelt und freue mich auf meine mollig warme Schlafstätte.
Freitag
Entgegen einiger Meinungen, die Zippo Flaming Talents-Slot-Verlosung sei eine reine MySpace-PR-Strategie gewesen, finden sich am Freitagmittag doch JEREMY und DALOCO auf der Zelt-Bühne ein. Wer es nach einem ausgiebigen Zeltplatz-NightOut erst später aufs Gelände schafft, der kann sich mit RIPCHORD einen klischeehaften Festival-Einstieg abholen. Abschuss einer vollen Bierflasche in den Fotograben - in diesem Moment ist meine Fotografin froh, keine Bilder geschossen zu haben. Rotz-Attitüde hin Rock 'n' Roll her, Kameras kosten Geld und frisch genähte Platzwunden am Kopf können einem ein Festival doch ziemlich vermiesen. William, that was really nothing! Nix für ungut, Jungs!
Dass es auch anders geht, beweisen später THE VIEW aus Schottland. Es wird gerockt, ohne dass irgendetwas zu Bruch geht. Im Minutentakt lassen sich verschwitzte Menschen über die Menge tragen und von den Ordnern im Graben in Empfang nehmen. Auf Claudia wartet man vergeblich, dafür ist Same Jeans mit im Gepäck. Alles ganz nett im wohlig warmen Sonnenschein, dennoch macht sich bei denjenigen, die die Band aus der Konserve kennen und wegen ihrer Energie lieben, leichter Unmut breit. Trotz Glastonbury-Auftritts wirken die vier Jungs so, als würden sie zum ersten Mal auf einer großen Bühne stehen. Wo RIPCHORD den Bogen überspannen, setzen THE VIEW gar nicht erst an. Schade! Hier hatte man mehr erwartet!
Dafür entschädigt JAMIE T anschließend auf ganzer Linie: Der Londoner, der oftmals mit The Streets verglichen wird, begeistert mit einem Set, das sich eher an der Stromgitarre orientiert als am HipHop - großartig! Genau wie die MAGIC NUMBERS, die im Anschluss zotteligen Indie-Pop-Rock at it's best spielen.
So sonnig der Nachmittag war, so kühl wird der Abend - temperaturtechnisch betrachtet. Diejenigen, die die Kälte nicht ins Spiegelzelt getrieben hat, werden um kurz vor elf mit einem der Highlights des Haldern Pop 2007 belohnt: SPIRITUALIZED und die ACOUSTIC MAINLINES! Leicht psychedelische und wunderbar ruhige Songs, nur mit Gitarre und Keyboard interpretiert, schlängeln sich in den nächtlichen Himmel. Mit der in blaues Scheinwerferlicht getauchten Bühne wirkt das Ganze fast schon sphärisch - ohne in die Eso-Ecke abzudriften. Mit Einsetzen der Streicher und den erhabenen Stimmen des Gospelbackgrounds merke ich, wie sich die Härchen auf meinem Arm nach oben stellen. Herrlich elektrisierend! Das scheinen sich auch die umstehenden Pärchen zu denken, die sich dichter aneinanderkuscheln - bei den lausigen Temperaturen beneidenswert!
Freitags-Headliner sind die WATERBOYS - für mich eine der Überraschungen des Festivals. Kannte ich bisher nur Whole Of The Moon und war von dem leicht folkigen Sound der Insulaner nicht so wirklich überzeugt, so wurde ich um halb eins in der Nacht eines besseren belehrt. Virtuose Geigeneinlagen, energetische Gitarrenriffs und eine Band, die einfach Spaß an dem hat, was sie macht. Es ist großartig, diese leicht in die Jahre gekommenen Herren zu sehen, die mit einer Leidenschaft über die Bühne wuseln, die man sonst eher von Newcomer-Bands kennt. Von der Kälte trotz Parkas in die Knie gezwungen bewege ich mich kurz vor Schluss bibbernd dann doch noch in Richtung Spiegelzelt, in dem THE ELECTRIC SOFT PARADE schon in vollem Gange ist. Und voll ist es auch im Indie-Saloon. So voll, dass mir die Schwenktüren in den Rücken geknallt werden und ich mich darauf beschränke, mich für zwei Songs aufzuwärmen und dann langsam den Heimweg anzutreten.
Samstag
Samstag - und der Sommer ist endgültig da! Vergessen ist das Zähneklappern der letzten Nacht. Ich tausche Jeans und Sneakers gegen Rock und Sonnencreme - sehr zur Freude der am Auto vorbei flanierenden männlichen Festivalbesucher. Was solls?! Auch Journalistinnen müssen sich akklimatisieren. Gab's im Zelt am Mittag bereits den wunderbaren Zippo-Act BLACK RUST zu bewundern, so kann man sich am Nachmittag auf der Hauptbühne von einem weiteren Geheimtipp überraschen lassen. FRISKA VILJOR aus Schweden liefern leicht nöligen Folkpop, der begeistert und einmal mehr beweist, dass das Konzept des Haldern Pop voll und ganz aufgeht: Kleineren Acts die Chance zu geben, von einer breiten Masse gehört und geliebt zu werden.
Nach einem soliden Set von VOXTROT betreten JOHNOSSI die Bühne und lehren die Festivalbesucher, dass zwei Leute manchmal mehr rocken können, als eine achtköpfige Band. John prügelt die Saiten auf der Akustikgitarre, Ossi drischt in die Felle und man fragt sich die ganze Zeit, ob der Bass vom DAT-Band kommt oder ob ein Vier-Saiten-Instrumentalist hinter der Bühne positioniert ist, um die satten Licks und Läufe runterzuholzen, die sich am Ohropax vorbei in den Gehörgang drängen. Fragen, die nicht geklärt werden. Belassen wir's bei David Copperfield: "It's Magic!" Eine kleine Abkühlung gibt's auch, als Sänger John eine Wasserflasche - diesmal reinstes Plastik und ohne Unfallgefahr - ins Publikum wirft. Bei den Temperaturen, die das Gelände mittlerweile in einen Kochtopf verwandelt haben, eine willkommene Tropfendusche.
Eine kunterbunte Mischung erwartet die Zuschauer sowohl musikalisch als auch optisch bei ARCHITECTRURE IN HELSINKI. Lässt sich der Sound der Australier schon nicht wirklich einordnen, so bewegt sich der Kleidungsstil der Herrschaften jenseits aller laufstegbekannten Genres. Ein Schüsschen 80s hier, ein wenig Rasta da. Mir erschließt sich das Ganze auch live nicht mehr, als aus der Konserve. Dementsprechend nutze ich die Gelegenheit, mir im Pressezelt ein kühles Blondes mit einem Spritzer Apfel-Lemon zu holen. Es lebe der Stilbruch!
Um kurz nach zehn ist es dann so weit: Die SHOUT OUT LOUDS, meine persönlichen Favoriten des diesjährigen Haldern Pop Festivals, betreten die Bühne. Was soll man sagen?! Es erscheint fast unverständlich, dass die Herren und die Dame aus Schweden nicht als Headliner des Abends engagiert wurden. Eine gelungene Mischung aus Songs der Howl Howl Gaff Gaff und dem aktuellen Album Our Ill Wills, hervorragend interpretiert. Meiner Fotografin treibt es beim tosenden Applaus während des Intros fast die Tränen in die Augen. Mitgrölen beim Refrain von You Are Dreaming oder Please Please Please, sich freuen, weil Parents Livingroom auch mit am Start ist und das tanzende Pärchen vor sich verfluchen, das aussieht, als würde es ein Ameisenbärenritual aufführen und dabei wild mit den Armen fuchtelt. 100° entschädigt mich vollends für die irren Tanzeinlagen und lässt mich die beiden Hupfdohlen schnell vergessen.
Gegen Mitternacht findet sich dann der eigentliche Headliner des Samstags auf der Bühne ein: JAN DELAY. Obwohl ein für Haldern untypischer Künstler, ist der Platz gerappelt voll. Die vorderen zehn Reihen erweisen sich als textsicher, bis zur zwanzigsten Reihe wird mit den Armen gefuchtelt, was das Zeug hält. Die Mischung aus Hip Hop und Raggae schafft es, die meisten Zuschauer zu begeistern. Da diese Melange allerdings nicht so wirklich meins ist, mach ich mich auf ins Spiegelzelt, in dem sich GHOSTS die Ehre geben. In den Indie-Pop-Klängen fühle ich mich dann doch wesentlich aufgehobener. Nur nicht in dem überfüllten Zelt. Also entschließe ich mich dazu, mir den Rest des Gigs draußen auf der Leinwand des Biergartens anzuschauen. Danach trete ich müde, zufrieden und knusprig braungebrannt den Heimweg an, während das Programm im Indie-Saloon noch bis in die frühen Morgenstunden weiter geht.
Fazit des Haldern Pop 2007: Der Mega-Act ist in diesem Jahr ausgeblieben. Es gab viele kleine Highlights, Überraschungen, Neu-Entdeckungen und natürlich wie immer die lauschige Atmosphäre, die das kleine Festival am Niederrhein zu etwas ganz besonderem macht. Haldern Pop ist immer ein bisschen wie Urlaub auf dem Bauernhof - gemütlich, idyllisch, beschaulich. Und wenn wie dieses Jahr der Wettergott mitspielt, grenzt das Ganze fast an einen musikalischen Kuraufenthalt. Allein dafür hat sich der Weg gelohnt.
Live-Review: Katja Embacher
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Zwei blutjunge britische Bands, die in den letzten Jahren verdientermaßen reichlich gelobt wurden, gaben sich am 9.7.07 in der Berliner Columbiahalle die Ehre.
Den Anfang machten die Burschen von The Coral. Was hinsichtlich Optik und Ausstrahlung anmutet wie jede x-beliebige bessere Schulband, wirkt musikalisch ungleich verdammt professionell und schlichtweg... schön. Großartige Songs sind das. Stilistisch haben sich die Jungs dem Retro-Rock verschrieben. So erinnern einige ihrer Stücke (insbesondere jene, bei denen die Orgel eine dominantere Rolle spielt) stark an 60er-Kombos wie die Animals. Wären die Songs etwas spritziger, weniger ernst, wären sie eine Bereicherung für jeden Austin Powers-Soundtrack. Eine gewisse Verwandtschaft zum Hauptact des Abends und zu Mando Diao ist erkennbar. Im Vergleich fallen die Songs allerdings deutlich gediegener aus. Im Übrigen sind die Texte glücklicherweise um einiges weniger plump als jene von Mando Diao.
Bei The Coral geht es, dies wird insbesondere live deutlich, um Musik. Keine großen Gesten, keine Posterbubis, äußerst spärliche Ansagen. Ältere (Dreaming Of You), weniger alte (In The Morning) und brandneue Songs (Who's Gonna Find Me) bieten die Herrschaften ca. 45 Minuten lang nahezu makellos dar. Dem Publikum gefällt's, in den ersten Reihen wird getanzt.
So richtig tobt der Saal jedoch erwartungsgemäß erst bei den Arctic Monkeys. Die Affen eröffnen mit The View From The Afternoon, was sich schon beim ersten Album der Band als grandioser Opener bewährt hatte. Es folgen Brianstorm (welch geiler Songtitel) vom aktuellen Album sowie alle weiteren allseits bekannten Gassenhauer.
Ca. 90 Minuten bieten die Buben nahezu jeden Song ihrer zwei Alben. Die Äffchen rocken in der Tat wie Sau, spielen verdammt gut zusammen und sind charismatisch (klarer Vorteil gegenüber The Coral). Letzteres gilt vor allem für den ausgiebig mit Lausbubencharme versehenen Frontmonkey Alex Turner. Auch dieser entpuppt sich als eher wortkarg, doch sieht und spürt man, dass bei den Jungs einiges geht. Ebenso beim Publikum, das mit Recht völlig von den Socken ist. Entsprechend bedankt Alex sich mehrmals ausführlich.
Gar geben die Herren eine Zugabe, was bei Arctic Monkeys-Konzerten keinesfalls die Regel ist. Hier werden dann – ebenfalls äußerst ungewöhnlich für die Äffchen – auch balladeske Klänge angeschlagen. Diese wissen mich persönlich sogar noch mehr zu begeistern als die Partybomben, die man sonst von den Monkeys gewohnt ist. Des Weiteren beweist die Qualität dieser etwas ruhigeren Töne, dass es sich bei den Arctic Monkeys um keinen seelenlosen Hype, sondern um wirkliches Talent handelt. Weiterempfehlen!
Live-Review: Henry Kasulke
www.arcticmonkeys.com www.myspace.com/arcticmonkeys www.thecoral.co.uk www.myspace.com/thecoral
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Foto: Pressefoto |
Hm... was soll man(n) über ein Konzert schreiben, das ich irgendwie nur passiv erlebt bzw. gelebt habe? Nicht etwa, weil ich vorher zuviel Zeit bierselig im schönen Park des Schlachthofs verbracht habe, nein. Es hat mich einfach nicht wirklich berührt. Aber der Reihe nach.
Pünktlich zum Einlass erreiche ich mit meinem Cloudberry-Bandmate Moni das große Gelände des Wiesbadener Schlachthofs. Erster Gedanke: Gosh, ist das voll! Zweiter Gedanke: Schön, sich an einem Konzertabend mal nicht alt zu fühlen; setzt sich das Publikum doch (erwartungsgemäß) zu großen Teilen aus der Ü30-Generation zusammen. Der Support-Act Tied & Tickled Trio hat schon begonnen als wir die riesige Halle betreten. Die Formation, in welcher auch die Acher-Brüder der deutschen Indie-Institution Notwist mitwirken (den gewohnt kopfnickenden Micha Acher am Bass erkennt man auch von weitem), lässt mich aber kalt bzw. das läuft in etwa genauso an mir vorbei wie eine (instrumentale) Pausenmusik-CD. Zu wenig Song, zuviel Jam. Im Gegensatz zu Notwist bzw. dem musikalisch ähnlich gelagerten Console ist das aber so gar nicht mein Ding.
Dann Sonic Youth. Mit (recht gesichtslosem Zusatzbasser und) ziemlich undifferenziertem Sound, inkl. leichter Anlauf-/Aufwärmschwierigkeiten legt der Fünfer los. Die Opener vom tollen letzten Album Rather Ripped, Reena und Incinerate werden recht früh auf die Menge losgelassen, ebenso das immer wieder Gänsehaut erzeugende Teenage Riot vom demnächst als Deluxe-Edition erscheinenden Evergreen Daydream Nation. Kim Gordon tanzt sexy wie eh und je, Lee Ranaldo und Thurston Moore liefern sich die legendären Feedbackduelle und Schlagzeuger Steve Shelley prügelt wie ein Uhrwerk. Seit mittlerweile über 25 Jahren ist das immer noch konkurrenzlos. Aber woran liegt's, dass ich nicht vollends begeistert bin? An der viel zu großen Halle? Hat der Sound buchstäblich nicht in diese Fast-Arena gepasst? Daran, dass ich das lieber hautnah in einem gemütlichen 500er-Club erlebt hätte? Ich weiß es nicht...
Am Ende habe ich trotzdem ein kleines Lächeln im Gesicht als Thurston Moore, der am Frühabend ganz unrockstarlike persönlich die Grillbude am Schlachthof begutachtete, einen seiner berüchtigten "Brätwörst"-Sprüche von der Bühne bringt. So kommt es, dass ich noch spät in der Nacht mein altes verranztes "1991: The Year Punk Broke"-VHS-Tape aus dem Regal fische und mich spätestens hiermit wieder daran erinnern darf, warum ich Fan bin. Danke Sonic Youth für's Immernochdasein! Hab Euch lieb!
Live-Review: Marco Pleil
www.sonicyouth.com www.sonicyouth.de
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Foto: Axel Schinkel |
Auf den Plakaten stand fälschlicherweise Freitag, 16.06.2007 als Termin. In einer Dönerbude um die Ecke spielten Muff Potter ein Konzert für lau. Und auf den Straßen Münsters war wieder einmal die große Inline-Skater-Night. Das mag wohl als Begründung für den eher spärlichen Andrang an der Kasse ausreichen. Dabei wissen all die Skater und Schrammelgitarrenliebhaber gar nicht, was ihnen allen bei diesem Konzertabend im Amp entgangen ist. Doch zum Glück gibt es ja Online-Magazine wie dieses hier, das den wenigen Zeugen eines großartigen Konzertes dabei hilft, all den anderen zu erzählen, was sie verpasst haben.
In der Tat waren es gerade mal neun zahlende Gäste als The Alma Church Choir die Bühne betrat. Der Name täuschte. Statt eines Kirchenchores kamen zwei junge Herren aus Düsseldorf auf die Münsteraner Bühne. Da kann man nur froh sein, dass die Band, wie man vermuten konnte, nicht zahlenmäßig überlegen war. Sie ließen sich jedoch nicht großartig beeindrucken von der Leere vor ihnen und spielten ein souveränes Konzert. Zu hören gab es kitschigen Pop, größtenteils dargeboten mit Keyboard, E-Gitarre und zweistimmigem Gesang. Mitunter erinnerten die Melodiebögen und Keyboardarrangements stark an Songs der Beatles und ihr schüchtern bis semi-professionell wirkendes Auftreten an die aus der Nachbarstadt Köln stammende Band Wolke. Dennoch gelang es ihnen ihrer Musik eine ganz eigene Note zu verpassen, indem sie immer wieder ihre Instrumente von E-Gitarre und Keyboard bis hin zu Akustikgitarre, Glockenspiel und einer zur Rassel umfunktionierten Plastikflasche wechselten und schließlich quasi unaufgefordert eine 30-Sekunden Zugabe zum Besten gaben. Meiner Ansicht nach, das Highlight des Konzert, dicht gefolgt von der Kleidungskombination rosa-kariertes Hemd mit hellblau-karierter Mütze.
Die Besucherzahl hatte sich mittlerweile verdreifacht, als der aus Seattle angereiste Josh Ottum auf die Bühne trat – ein kahlköpfiger Mann, der so heißt wie die Jahreszeit, nur anders geschrieben. Eine Tatsache, die er sich zum Nutzen macht, indem er sein Debüt-Album bezeichnenderweise Like The Season betitelte. An seiner Seite hatte er einen in Deutschland kennen gelernten Schlagzeuger, mit dem er gerade mal drei Tag für die Performance geprobt hatte, und einen Laptop. Dieser hatte allerdings gleich zu Beginn des Konzertes keine Lust mehr und ließ die Zuschauer einige Minuten warten, bis seine Differenzen mit der PA vom Tonmann geschlichtet werden konnten. Im Anschluss gab es ein wirklich hörenswertes Konzert. Josh Ottum glänzte mit der Leichtigkeit eines Jack Johnsons und der Kreativität von Beck. Eine musikalische Darbietung, die ich so auch noch nicht erlebt habe. Die Zuschauer jedenfalls fanden ihren Spaß an den vertrackten Syntie- und Gitarren-Arrangements, sporadischen Tempowechseln, ergreifenden Melodien, wie in It's Alright, und nicht zuletzt an den Van-Halen-Keyboard-Gedenk-Sound bei If This Mirror Could Only Talk.
Insgesamt war es ein musikalisch sehr abwechslungsreicher Abend, der es durchaus verdient gehabt hätte eine größere Aufmerksamkeit erhalten zu haben. Aber wir sind hier nicht in Seattle, Josh. Man muss sich wünschen, dass er wiederkommt und es sich bis dahin herumgesprochen hat, welch schöne Musik er macht. Ich, für meinen Teil, kann nur hoffen, mit meinem Konzertbericht wenigstens ein bisschen dazu beizutragen.
Live-Review: Axel Schinkel
www.joshottum.com www.myspace.com/joshottum www.alma-church-choir.de
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Foto: Katja Embacher |
Dienstags-Konzerte sind echt bitter. Diese Erfahrung müssen leider auch Irving aus Kalifornien an diesem Abend in Münster machen. Das Publikum im Amp ist mit schätzungsweise 30-40 Leuten recht überschaubar. Etwas schade wie ich finde, denn Irving sollte man sich live auf keinen Fall entgehen lassen.
Den Anfang machen Heliotrope aus Münster bzw. Osnabrück, die ihre eigene kleine Fangemeinde mitgebracht haben. Die Jungs machen ihre Sache gut und stimmen die Anwesenden mit feinem Indie-Rock auf den Hauptact ein.
Gegen 22.30 Uhr betreten dann die fünf Jungs von Irving die Bühne und legen gleich mit Situation los. Musikalisch klingt das Quintett nach einer Mischung aus 60er Jahre Beach Boys, Spät-80er Keyboards gepaart mit 90er Jahre Gitarren und dazu zwei gut harmonierende Sänger. Bevor es dann weiter geht im Set beauftragt Sänger Steven Scott mich damit, ihm das lokale Bier "Pinkus" von der Theke zu ordern (wir hatten uns vor der Show über deutsches Bier unterhalten). Den 50 Euro-Schein schon in der Hand, muss ich ihm leider mitteilen, dass der örtliche Gerstensaft nicht auf der Getränkekarte des Amps steht. Steven äußert ein scherzhaftes "Fuck", nimmt einen Schluck aus seiner Warsteiner-Bottle und weiter geht's. Auf der Setliste stehen an diesem Abend überwiegend Songs des aktuellen Albums Death In The Garden, Blood On The Flowers, das im Januar diesen Jahres in Deutschland erschienen ist. So kommen die Zuhörer in den Genuss wunderbarer Indie-Pop-Songs wie The Gentle Preservation Of Children's Minds, Jen, Nothing Matters To Me oder She's Not Shy, die live etwas lebhafter daher kommen als aus der Konserve. Und obwohl nur wenige Zuschauer da sind, scheinen die Jungs ihren Spaß zu haben und unterhalten die Anwesenden immer wieder mit kleinen erheiternden Sprüchen, was sie sehr sympathisch macht. Sie lassen sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als es einige technische Probleme mit dem Monitor gibt. Ansonsten stimmt musikalisch alles und bei den Zuschauern kommen Irving auch gut an.
Nach der regulären Spielzeit steht im Zugabenblock neben I Want To Love You In My Room als letzter Song des Abends noch eine interessante Coverversion des Bruce Springsteen Songs I'm On Fire auf dem Programm inklusive Rate-Spiel: Derjenige, der den Interpreten errät, bekommt ein gratis Bier. Ein wunderbarer Abschluss eines wunderbaren Konzertes. Im Anschluss gibt es noch eine After-Show-Party bei der Keyboarder Aaron Burrows, der übrigens an diesem Tag Geburtstag hat, seine Lieblingsplatten auflegen darf.
Live-Review: Jenny Schnabel
www.thebandirving.com www.myspace.com/irving
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Foto: Jenny Schnabel |
Spätestens seit Mando Diao weiß es auch der letzte: Schweden rockt! Wie sehr sich diese Tatsache herumgesprochen hat, bemerke ich, als ich das Amp betrete, um mir Molotov Jive live on stage anzuschauen - rund 80 Leute hatten an diesem Abend dieselbe Idee, wie ich.
Ist es sonst eher so, dass die Leute vor einem Gig gemütlich an der Theke stehen und sich noch schnell eine Erfrischung gönnen, so sind diesmal die Plätze vor der Bühne bereits eine halbe Stunde vor Konzertbeginn dicht besiedelt. Ein vornehmlich weibliches Publikum hat sich heute Abend hier eingefunden, um sich live von dem Schweden-Rock-Quartett überzeugen zu lassen, das hierzulande bereits Support-Slots für Sugarplum Fairy gespielt hat. Und was mir noch auffällt, ist, dass ich den Altersschnitt an diesem Abend doch immens nach oben drücke. Weder das eine, noch das andere ist verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Molotov Jive eine Band um die 20 ist, die optisch bei jungen Damen für Begeisterungsstürme und bei ihren Freunden für Eifersuchtstiraden sorgen dürfte, sofern sich diese männlichen Begleiter eben auf eines der Konzerte verirren. Sei's drum. Mich interessiert ausschließlich die Musik und die spielt auf der Bühne. Also ab nach vorne - soweit es eben geht.
Um halb 11 betreten Molotov Jive die Bühne. Ein Ruck geht durch die Reihen und ein großer Applaus setzt ein, bevor die Herren auch nur einen Ton zum Besten gegeben haben. Als Sänger Anton Annersand dann das Münsteraner Publikum begrüßt, grinsen die meisten Zuschauerinnen beseelt Richtung Stage. Bereits der Opener Made in Spain macht klar, dass es hier heute tempomäßig nach vorne geht. Ein Kracher folgt dem nächsten und lässt keine Zweifel an den musikalischen Qualitäten der Band. Egal, ob Valentines Day, The Luck You Got, Mr. Mushroom oder Weight (Off My Shoulder) - Molotov Jive beweisen, dass sie einiges mehr können, als nur hübsch auszusehen. Ein souverän gespieltes Set bestehend aus neun Songs, die live mit der gleichen Präzision und Energie präsentiert werden, die man von der Konserve gewohnt ist.
Musikalisch kann man sich nicht beschweren. Molotov Jive wissen, wie man das Publikum unterhält - in Ton und Wort. So erfahren alle, die es interessiert, dass Annersands brandneue weiße Vintage Fender Jaguar auf den Namen Bruce Lee hört - ob das Teil die gleiche Schlagkraft entwickelt, erfahren wir leider nicht. Trotz Rock 'n' Roller-Attitüde lassen sich die Jungs nicht dazu hinreißen, ihr Equipment nach getaner Arbeit zu schreddern. Die Aktionen belaufen sich auf harmloses Gepose und Kokettieren. Und das ist auch das einzige, was wirklich nervt. Selbes Problem, wie bei Sugarplum Fairy: Eine Band, die eine derartige Show nicht nötig hätte, weil sie musikalisch voll und ganz zu überzeugen weiß. Aber vielleicht bin auch nur zu alt, um die Kunst darin zu verstehen.
Zum Abschluss beglücken Molotov Jive ihre Fans noch mit einer Zugabe. Ein Tripple aus der herzzerreißenden Ballade Hold Me Tight Like A Gun, dem energetischen Paint The City Black, das die Vier zum allerersten Mal ever live on stage performen - und einem derart schlechten Cover von Friday I'm in Love, das mir als The Cure-Fan fast das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die restlichen Anwesenden scheinen es zu mögen. Grinsendes Mitrocken, als gäbe es kein morgen. Ich schiebe es auf ihre Unkenntnis des Originals und zum ersten Mal an diesem Abend bin ich froh, dass ich ein gewisses Alter erlangt habe. Letzten Endes ist das allerdings auch der einzige Fauxpas eines ansonsten doch sehr überzeugenden Konzertabends. Schweden rockt halt! Was soll man sonst noch sagen?!
Live-Review: Katja Embacher
www.molotovjive.se www.myspace.com/molotovjive
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Foto: Axel Schinkel |
London calling! Repräsentiert an diesem lauen Maiabend durch The Rakes nebst Support durch The Bishops, die den ausverkauften Prime Club beehren. Die Frage, ob das enorme Menschenaufkommen dann auch tatsächlich gerechtfertigt ist, kann blitzschnell mit einem "Ja" beantwortet werden. Und zwar bereits mit dem Auftritt von The Bishops, die mit einem durchdringenden 60's Beat und einer ausgefeilten Bühnenshow zu bestechen wissen. Das Trio beschränkt den Einsatz von Instrumenten auf Gitarre, Bass und Schlagzeug und kommt mit ihrem Sound und den Melodien ihren Idolen wie The Kinks enorm nahe. Das Ganze klingt bei The Bishops allerdings wesentlich frischer und moderner und eben diese eine Prise punkiger, so dass selbst Assoziationen mit AC/DC oder diversen Punkbands nicht lange auf sich warten. Der Eindruck, The Bishops haben sich von den Jungs um Angus Young inspirieren lassen, verstärkt sich wenn man auf die Bühnenpräsenz von Sänger und Gitarrist Mike achtet. Des Öfteren tritt er in direkte Interaktion mit seinem Publikum, das sich wie im Intro von She Said Bye-Bye über jeden angeschlagenen Akkord aufs Neue freut. Sein Zwillingsbruder, Bassist und Zweitstimme Pete dagegen scheint dagegen ein wenig schüchterner, geht aber dennoch mit der Musik mit | | | |